Die UFO-AKTEN 45 - Arvid Winger - E-Book

Die UFO-AKTEN 45 E-Book

Arvid Winger

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Beschreibung

Es sollte nur eine Mutprobe sein, doch als James Miller mit seinen Freunden Peter und Dorothy in die geheimnisvolle Höhle hinter dem Wasserfall vordrang, wurde sie zum Drama. Was auch immer dort geschehen war, der Zehnjährige kehrte als Einziger zurück - verstört und aggressiv. Um ihm zu helfen, wurde der Junge in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Von den beiden anderen Kindern fehlte weiterhin jede Spur ...
Jetzt, dreißig Jahre später, bringt die hochschwangere Mary-Ann Clarke ein Kind zur Welt, dessen transparente Haut geradezu extraterrestrisch wirkt. Diese äußere Auffälligkeit ist es aber nicht allein, weshalb sich die Bundesmarshals Cliff Conroy und Judy Davenport für das Neugeborene interessieren. Ebenso mysteriös ist der Umstand, dass laut Mary-Ann ausgerechnet James Miller der Vater des Kindes sein soll - und das, obwohl er bereits seit drei Jahrzehnten vollkommen isoliert in der Psychiatrie einsitzt ...


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Seitenzahl: 159

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhalt

Cover

Die ver‍lo‍re‍nen Kinder

UFO-Archiv

Vorschau

Impressum

Arvid Winger

Die ver‍lo‍re‍nen Kinder

Rockstall Nature Preserve

Ohio, 14. April 1992, 15:15 Uhr

Der zehnjährige James Miller kämpfte sich zusammen mit seinen beiden Freunden durchs Unterholz. Er war angespannt, versuchte aber, sich nichts anmerken zu lassen.

Ihr Ziel war eine Höhle, in der er am Vortag etwas entdeckt hatte. Was genau, konnte er nicht mal sagen, denn es war dunkel und unheimlich dort gewesen. Aber irgendwas befand sich da drinnen, eingepfercht zwischen zwei Felsspalten, da war er sich ganz sicher – schon wegen des Gefühls, angestarrt zu werden.

Gestern hatte er es nicht gewagt, näher he‍r‍an‍zugehen. Aber die Entdeckung hatte ihn in seinen Bann geschlagen, und so war er jetzt mit seinen Freunden zurückgekehrt. Er musste schließlich wissen, was dort in der Höhle vor sich ging...

»Wie weit ist es noch?«, fragte Peter ungeduldig. Er folgte James in geringem Abstand, wiederum gefolgt von Peters älterer Schwester Dorothy.

»Bald da«, antwortete James kurz und knapp. In Wahrheit wusste er, dass es noch ein wenig dauern würde, aber er wollte seine beiden Begleiter bei Laune halten. Er brauchte sie, denn alleine traute er sich nicht zur geheimnisvollen Felsspalte zurück, auf die er am Tag zuvor gestoßen war.

Und daher hatte James sie nach der Schule abgefangen und mit einer Mutprobe geködert. Dabei hatte er ihnen etwas richtig Gruseliges versprochen. Solch einer Mutprobe konnte und durfte man nicht widerstehen, ohne sein Gesicht zu verlieren. Insofern hatte ihm die Neugier seiner Freunde zwei Weggefährten bei diesem Abenteuer beschert.

Jetzt bahnten sich die drei ihren Weg durch die dichten Laubwälder Ohios.

So weit ging man gewöhnlich nicht in die Wildnis hinaus. Nicht wegen der wilden Tiere, wenn überhaupt nur wegen der Mounds, also den uralten Grabhügeln, unter denen die kriegerischen Seelen der Verstorbenen wachten. Viele unheimliche Geschichten umrankten sie.

James hätte ihre Nähe daher normalerweise gemieden, doch er hatte hier eine rätselhafte Entdeckung gemacht.

»Wieso bist du überhaupt so weit rausgelaufen?«, wollte Peter wissen, da ihm die Wegstrecke schon richtig lang vorkam.

James überlegte kurz. Sollte er von dem Funkenregen erzählen, der wie Sternschnuppen aussah, aber hinter der nächsten Baumreihe verglühte? Auf der Suche nach diesem hatte er dann diese Höhle gefunden. Das heißt, vielmehr war es so, dass sie ihn förmlich wie ein Magnet angezogen hatte. Das klang jetzt aber irgendwie verrückt, daher kratzte er sich am Kopf und beschloss, nichts davon zu erzählen.

»Hast du Angst?«, antwortete James wenig später mit einer Gegenfrage und wischte sich mit der Hand seine schulterlangen Haare aus dem Nacken.

»Quatsch. Aber wir müssen in drei Stunden wieder daheim sein. Abendessen.«

»Ihr müsst nicht mitkommen«, gab sich James jetzt souverän. Er wusste, dass seine beiden Freunde nicht zurückweichen würden. Damit war die Diskussion beendet.

Peter ging mit James in eine Klasse, war fast auf den Tag genauso alt wie er, jedoch ein bisschen kleiner. Peters Schwester Dorothy hingegen war bereits elf Jahre alt und hochgewachsen, sodass sie die Jungs um mehr als eine Kopflänge überragte.

Die beiden Geschwister lebten auf einer entfernten Nachbarranch.

Nach nicht allzu langer Zeit kamen die drei an ein Flussbett. Der Fluss trug nur wenig Wasser. Wenn man sich geschickt anstellte, konnte man die Steine, die einst mit dem Eis aus der Steinzeit vom Norden in den Süden geschwemmt worden waren, als Tritte nutzen und dadurch trockenen Fußes ans andere Ufer gelangen. Genau das machten sich die drei Kinder jetzt zu Nutze.

Obwohl James tags zuvor schon einmal diesen Weg gegangen war, hatten die Pflanzen den Trampelpfad auf der anderen Flussseite schon längst wieder für sich eingenommen. Das erschwerte natürlich das Vorankommen.

Dann erreichten sie aber endlich eine Lichtung, wo sich ein kleiner Tümpel gebildet hatte, der von einem Wasserfall gespeist wurde.

»Oha, wow!«, stieß Dorothy überrascht hervor, als sie den Wasserlauf genauer in Augenschein nahm.

Die Felsen ringsherum ragten etwa sechs Meter in die Höhe. Das Wasser stürzte in einem gleichmäßigen Schauer hinab. Es war wahrhaftig ein kleines Paradies, das sich gut für Postkartenmotive geeignet hätte, hätte man dieses Gebiet bereits touristisch erschlossen. Das war aber nicht der Fall. So befand sich hier weit und breit keine Menschenseele. Jedenfalls keine lebende, wenn man einmal die in dieser Umgebung weit verstreuten Mounds in die Betrachtung mit einbezog.

»Wir sind da«, verkündete James schließlich innerlich triumphierend.

Wie erwartet standen seine Freunde nun da und sahen sich neugierig um. Irgendwie ließ sich aber auch eine gewisse Ratlosigkeit in ihren Gesichtern ablesen.

»Da ist doch gar keine Höhle«, stellte Peter ernüchtert fest.

»Ihr müsst schon richtig schauen«, spornte James seine Begleiter daraufhin zum genaueren Hinsehen an.

Dorothy folgte diesem Ratschlag und drehte sich wie nach einem bestimmten Anhaltspunkt suchend einmal um die eigene Achse. Die Felswände ließen aber auch hierdurch keinen Höhleneingang erkennen, stattdessen wurde ihr gewahr, dass es das Wasser war, was die Umgebung im Wesentlichen prägte.

»Nun, sag schon«, bat sie schließlich um einen Tipp. »Wo soll die Höhle sein?«

James streckte unmittelbar seinen Zeigefinger aus und richtete diesen genau auf den Wasserfall.

Peter und Dorothy sahen sich daraufhin mit hochgezogenen Augenbrauen und zarten Falten auf der Stirn ungläubig an. Aber da setzte sich James auch schon mit kleinen hüpfenden Schritten in Bewegung, um den Tümpel zu umrunden und auf die andere Seite zum Wasserlauf zu kommen.

Ohne weitere Worte zu wechseln, folgten ihm die Geschwister aufgeregt. Vor dem Wasserstrahl angelangt stellten sich die Kinder nebeneinander auf.

»Die Höhle ist genau dahinter. Zwischen den beiden Felsen. Ihr müsst nur schnell genug durchhuschen, dann werdet ihr nicht so nass.«

»Aber da drinnen ist es doch sicher total dunkel«, warf Dorothy skeptisch ein und biss sich auf die Lippe, weil ihr wohl bewusst wurde, dass sie nicht jeder Mutprobe gewachsen war.

»Je weiter man reingeht, desto mehr funkelt etwas. Das müsst ihr euch ansehen! Nun kommt schon!«, erwiderte James.

Die Blicke von Peter und Dorothy trafen sich im nächsten Augenblick. Wenn sie gekniffen hätten, hätte es sich bestimmt in der Schule herumgesprochen, also nickten sie. Vorsichtig zwar, aber sie nickten.

James passierte dann als Erster den Wasserfall. Auch die Geschwister nahmen all ihren Mut zusammen und folgten.

Und damit nahm die Tragödie ihren Lauf. Es ist die Geschichte der verlorenen Kinder ...

Miller Ranch

Hideaway Hills, Ohio, 14. April 1992, 21:11 Uhr

James ging direkt auf die Ranch zu. Nicht schnell, aber zielstrebig. So zielstrebig, dass er alles um sich herum vergaß.

Der Schäferhund Barney war an einer langen Leine seitlich des Hauses festgebunden. Für gewöhnlich begrüßte er James freundlich mit einem hohen Bellen, unterstützt durch ein kräftiges Wedeln mit der Rute. Heute sprang er jedoch knurrend nach vorne, sodass er durch die Leine ruckartig zurückgerissen wurde. Was ihn aber nicht davon abhielt, es immer und immer wieder zu versuchen. Ganz offensichtlich hatte er in James einen Eindringling ausgemacht.

James' Mutter Martha beobachtete durchs Küchenfenster wie ihr Sohn näher kam. Sie hatte sich schon Sorgen gemacht, weil der Junge ungewöhnlich lange fortgeblieben war. Andererseits hatte sie ein schlechtes Gewissen, denn die Gäste, Verwandtschaft aus Springfield waren doch länger als geplant zu Besuch gewesen. Insofern hatte sie in den letzten Tagen nur wenig Zeit für ihn gehabt.

Aber sobald er in die Küche kam, und das würde er ganz sicher tun, denn nach so langer Zeit an der frischen Luft musste er ausgehungert sein, wollte sie ihn zur Rede stellen.

Schließlich hatten sie eine frühere Uhrzeit für seine Rückkehr vereinbart. Außerdem brauchte er noch ein Abendessen, genug Schlaf und sie wollte ihm Schulbrote nach seinen Wünschen schmieren.

Während Martha Miller das Geschirr abspülte, wartete sie geduldig auf ihren Sohn, aber James kam nicht ...

Nach ein paar Minuten legte Martha den Spülschwamm zur Seite, trocknete sich ihre Hände hastig an einem Handtuch ab und ging auf den Flur hinaus. James war allerdings nicht da.

Also kletterte sie die alte, knarzende Holztreppe nach oben, lauschte kurz an der Tür des Kinderzimmers und als sie nichts hörte, öffnete sie diese vorsichtig einen Spalt.

James lag in seinem Bett und schlief. In seiner Straßenkleidung, ohne Zudecke.

Martha betrat nun das Zimmer, nahm eine Decke von einem Stuhl und zog diese vorsichtig über den Jungen, um ihn nicht aufzuwecken.

Für einen Moment stand sie gerührt da. Was für ein toller Junge er doch war! Und hübsch, mit seinen blonden Haaren und blauen Augen. Doch dann überkamen sie wieder Schuldgefühle, weil sie zu wenig Zeit für ihn hatte. Sie musste alles auf der Ranch erledigen. Ihr Mann Lukas war meist auf den Feldern am Arbeiten. Es ging nicht anders ...

Miller Ranch

Hideaway Hills, Ohio, 15. April 1992, 11:55 Uhr

Gegen Mittag stand James endlich auf und ging in die Küche.

»Hey, du Schlafmütze«, begrüßte ihn die Mutter freundlich und vorwurfsvoll zugleich, während sie ihm über den Kopf strich. »Ich habe in der Schule angerufen und dich krankgemeldet. Geht es dir nicht gut?«

James reagierte auf die Frage nicht.

Martha fand das nicht ungewöhnlich, so kurz nach dem Aufstehen. Sie war auch nicht allzu besorgt, denn bereits am frühen Morgen hatte sie James einen heimlichen Besuch in seinem Zimmer abgestattet. Da hatte sie ihn noch immer schlafend vorgefunden. Und zwar genau so wie sie ihn am Abend zuvor zugedeckt hatte. Seine Stirn hatte sich normal angefühlt, von Fieber konnte also nicht die Rede sein.

»Wo warst du denn gestern den ganzen Tag? Hattest du keinen Hunger?«

James blieb stumm, sein Blick war leer.

»Na, wie wäre es mit Müsli zum Frühstück? Steht auf dem Tisch, wenn du magst.«

James reagierte noch immer nicht.

Er stand zwar hier rein körperlich in der Küche, in Gedanken war er jedoch nicht anwesend. Dabei blieb es auch, bis er den Raum wieder verließ und die Treppe nach oben stieg. Währenddessen hörte er, wie das Telefon klingelte, und seine Mutter den Hörer abnahm.

»Hallo Misses Clarke ..., ... Peter und Dorothy? Nein, keine Ahnung. Sie sind nicht hier ... James ist krank. Bestimmt nicht, das hätte er sonst gesagt. Sie sind seit der Schule gestern nicht mehr gesehen worden? Ja, da würde ich mir auch Sorgen machen. Der Sheriff ist informiert? Dann wird er sie sicher bald finden. Ich wünsche Ihnen alles, alles Gute, Misses Clarke!«

Im nächsten Augenblick drückte James die Tür hinter sich zu. Er wollte allein sein. Aber er war es nicht. Etwas war in seinem Kopf ...

James schlief die nächsten Tage viel. Ab und an wachte er auf, ging in die Küche, stand dort eine Weile mit leerem Blick und kehrte dann wieder in sein Zimmer zurück. Manchmal saß er auch an seinem Fenster und starrte in die Ferne.

Dabei bemerkte er selbstverständlich die Hubschrauber, die über den umliegenden Wäldern kreisten und nach den verschwundenen Geschwistern suchten. Ebenfalls vernahm er das Gebell der Spürhunde von der Polizei. Immer wieder fuhren auch Polizeiautos mit Blaulicht an der Ranch vorbei. Von hier nach dort und umgekehrt.

Es gab ein paar Hinweise, aber genauso viele Falschmeldungen. Peter und Dorothy blieben trotz aller Bemühungen spurlos verschwunden.

James schwieg zu allem. Er fühlte sich schlichtweg nicht dazu in der Lage, Auskunft zu geben.

In der Folgewoche erholte sich James allmählich. Er begann wieder zu essen, und auch seine dunklen Augenränder gingen nach und nach zurück.

Seine Mutter Martha war sehr erleichtert. Sein Vater ebenso, auch wenn er beruflich sehr viel zu tun hatte.

»Keith Wayne und John Robson«, sprudelte es eines Tages aus James heraus, als er gerade sein geliebtes Hafermüsli mit Schokoflocken aß.

»Wer soll das sein?«, hakte Martha nach und füllte die selbstgemachte Beerenmarmelade in Gläser ab.

»Die haben die Postkutsche ausgeraubt. Vor hundert Jahren in Dayton, diese Postkutsche. Die haben den Kutscher erschossen, aber sie wurden nie geschnappt«, erklärte James fast beiläufig.

»Solche Sachen lernt ihr in der Schule?« Martha schüttelte irritiert den Kopf.

»Nein. Das weiß ich halt.«

»Und woher weißt du das?«

»Ich habe es selbst gesehen.«

Martha seufzte. Vermutlich hatte James doch Fieberträume gehabt. Oder es war seine neue Art, um Aufmerksamkeit zu erlangen. Kinder in seinem Alter fantasierten manchmal oder wiederholten Gespräche von Erwachsenen, weil sie auch gerne schon groß und erfahren wirken wollten.

»Natürlich«, sagte Martha schließlich, um ihren Sohn nicht unnötig in Erklärungsnot zu bringen, da sie das Gesagte immer noch für Hirngespinste hielt.

James beendete nun sein Frühstück, ging in den Garten und trug Äste und Zweige zusammen, um eine kreisrunde Feuerstelle zu bauen. Dann zündete er das Holz darin an.

Miller Ranch

Hideaway Hills, Ohio, 15. April 1992, 19:45 Uhr

Am Abend brannte die Scheune der Ranch lichterloh. Ob das Feuer von James' Feuerstelle auf die Scheune übergegriffen hatte oder durch eine Unachtsamkeit in dem Gebäude selbst entfacht worden war, ließ sich nie vollends klären.

Die Feuerwehr rückte mit acht Fahrzeugen an. Es dauerte über eine Stunde, bis sie die Flammen unter Kontrolle brachten.

James sah dem einstürzenden Holzgebäude fasziniert zu, während Lukas Miller seine schluchzende Ehefrau Martha im Arm hielt und sie tröstete.

Für einen kurzen Moment, als Martha sich die Tränen aus den Augen wischte und aufblickte, glaubte sie, ein schelmisches Grinsen im Gesicht ihres Sohnes zu erkennen. Es schauderte sie. Aber sie sagte nichts. Wer vermutet schon in seinem eigenen Kind das Böse?

Miller Ranch

Hideaway Hills, Ohio, 22. April 1992, 11:18 Uhr

Exakt eine Woche später peitschte aus dem Nichts ein Schuss durch die Stille.

Martha erschrak so sehr, dass sie das Wasserglas fallen ließ. Unvermittelt rannte sie zur Tür, hinaus ins Freie und sah den UPS-Boten, der sich vor Schmerzen auf dem Boden krümmte. Das Paket hatte er neben sich fallen lassen.

Martha versuchte ihm auf die Beine zu helfen, entdeckte dann aber eine klaffende Wunde an dessen Oberschenkel. Es war eine Schusswunde. Ein rascher Blick in die andere Richtung machte sie auf James aufmerksam, der am offenen Fenster mit dem Gewehr seines Vaters in der Hand saß. Die Gesamtumstände legten nun den Verdacht nahe, dass er den Schuss auf den Paketboten abgegeben hatte.

»Oh Gott, Hilfe. Das tut mir leid. Geht es Ihnen gut?«, stammelte Martha entsetzt.

Natürlich ging es dem Paketboten nicht gut, das sah Martha auch sofort. Aber irgendetwas Mitfühlendes musste sie ja sagen.

Der Paketzusteller schrie vor Schmerz, er wollte nicht sterben, und beide riefen zusammen abermals um Hilfe. Aber hier draußen auf der Ranch hörte sie niemand.

Und so eilte Martha ins Haus, nicht ohne dem Verletzten eindringlich zu versichern, in wenigen Sekunden wieder bei ihm zu sein.

»Schnell, einen Krankenwagen ... Miller Ranch. Es gibt einen Schwerverletzten. Angeschossen ... überall Blut ... in den Hideaway Hills ...«, stammelte sie.

Kaum hatte sie den Hörer wieder aufgelegt, lauschte sie in Richtung des Obergeschosses.

James verhielt sich ruhig. Dennoch zitterte Martha am ganzen Körper. War das wirklich wahr? Hatte James tatsächlich auf den Paketboten geschossen?

Martha hoffte, dass das alles irgendwie nicht geschehen war und sich bald aufklären würde ...

Zwanzig Minuten später war der Krankenwagen vor Ort und brachte den Verletzten ins nächste Krankenhaus.

Martha setzte sich erschöpft in den staubigen Sand vor der Ranch. Sie war zu geschockt, um wirklich weinen zu können. Ihr Blick blieb an der Blutlache auf dem Boden hängen. Man sah ihr deutlich die Ratlosigkeit an. Die Gedanken rasten ihr durch den Kopf, doch sie wusste nicht, was sie tun sollte. Sie fühlte sich völlig hilflos und hatte Angst vor ihrem eigenen Sohn.

In dieser Verfassung traf sie wenige Minuten später ihr Ehemann Lukas an.

Martha erklärte ihm bruchstückhaft und sehr verzweifelt, was sie erlebt hatte.

Daraufhin ging Lukas Miller eiligen Schrittes die Treppe zum Kinderzimmer hinauf, nahm gleich zwei Stufen auf einmal, riss die Tür auf, ohrfeigte seinen Sohn, der noch immer wortlos am Fenster stand, und nahm das Gewehr an sich.

In diesem Augenblick stürmte auch schon die Polizei in das Zimmer.

»Polizei. Hände hoch. Legen Sie die Waffe auf den Boden. Vorsichtig. Ganz langsam.«

Lukas Miller folgte sofort den Anweisungen.

Die Polizei nahm ihm die Waffe ab und führte ihn in Handschellen zum Auto. Zwar klärte sich relativ schnell auf, dass Lukas Miller nicht der Schütze war, der auf den Boten geschossen hatte. Dennoch musste er sich dafür verantworten, eine geladene Waffe ungesichert im Haus aufbewahrt zu haben.

Martha Miller starrte fassungslos zum Polizeiauto, unfähig eine Reaktion zu zeigen. Aber als der Wagen mit ihrem Mann davonfuhr, sah sie Lukas für einige Zeit zum letzten Mal.

In ihrer Hilflosigkeit rief Martha noch in derselben Stunde Dr. Houseman an. Dieser kam unverzüglich, denn das mysteriöse Attentat hatte schnell die Runde gemacht.

Martha Miller zögerte nun nicht lange und führte den Arzt direkt bis zu James' Zimmer. Sie selbst blieb im Flur stehen.

Dr. Houseman traf nun auf James, der auf seinem Bett saß und den Arzt mit großen Augen anstarrte.

»Na, mein Junge, hast du ein bisschen Ärger?« Dr. Houseman öffnete routiniert seinen Arztkoffer und entnahm das Untersuchungsbesteck. »Tut etwas weh?«

Ohne die Antwort des Jungen abzuwarten, steckte er sich das Stethoskop in die Ohren und wollte gerade das T-Shirt von James nach oben ziehen, als dieser mit heftigem Kratzen und Beißen reagierte.

Dr. Houseman stieß daraufhin einen qualvollen Schrei aus und fluchte.

James aber hielt den Arzt weiterhin an einem Arm fest, biss erneut zu und entriss ihm ein beträchtliches Stück an Haut.

Der Doktor machte vor lauter Schmerz unmittelbar einen Satz zurück.

James knurrte und geiferte nun umso lauter, fast wie ein tollwütiges Tier, auch wenn er auf dem Bett sitzen blieb. Der Junge war völlig außer sich und wirkte irgendwie wie fremdgesteuert.

»Das wirst du noch büßen, James«, schnaubte der Arzt wütend und zückte sein Handy. »Ja, hier Dr. Houseman, ... es geht um eine Einweisung ... dringend ... sofort ... Miller Ranch, Hideaway Hills. Danke.«

Zwei Stunden später kamen vier stämmige Pfleger, um den Jungen mit vereinten Kräften in ihren Transporter zu setzen.

»Das habe ich seit dem Film ›Der Exorzist‹ nicht mehr gesehen«, murmelte ein dunkelhäutiger Pfleger und erntete damit ein zustimmendes Nicken seiner Kollegen.

Unterdessen kümmerte sich Dr. Houseman in der Küche um die völlig aufgelöste Mutter. Er wollte nicht, dass sie das traurige Schauspiel rund um ihren Sohn mitansehen musste.

»Alles wird gut«, redete er beruhigend auf sie ein. »Ich kenne die Kollegen von der Columbus Psychiatrie. Die werden sich gut um James kümmern und herausfinden, was mit ihm los ist. In ein paar Tagen wird er wieder zu Hause sein, und alles wird so sein wie früher.«

Martha Miller schniefte. Tränen liefen ihr über die Wangen. »Ich verstehe das nicht. Ich habe so etwas noch nicht gesehen. Erst war er krank, dann ging es ihm besser und jetzt das hier ...«

Dr. Houseman legte behutsam seine Hand auf ihre Schulter, doch sein Gesicht verfinsterte sich. Und es war gut, dass Martha Miller es in diesem Moment nicht sehen konnte.

Medical Center Chillicothe

Ohio, 26. Mai 2023, 07:59 Uhr

Mary-Ann Clarke holte tief Luft und stieß einen Schrei aus.

»Oh Gott, verdammt, das muss aufhören.« Sie schlug mit der flachen Hand auf das Armaturenbrett. Die Mittdreißigerin krümmte sich vor Schmerzen und rutschte auf dem Beifahrersitz hin und her.

Unterdessen steuerte Robert Clarke das Fahrzeug möglichst zügig durch den morgendlichen Verkehr von Chillicothe.