Die UFO-AKTEN 63 - Arvid Winger - E-Book

Die UFO-AKTEN 63 E-Book

Arvid Winger

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Beschreibung

Eigentlich wollten die drei unverdrossenen Männer Roger, Henry und Knut Jagd auf Elche machen. Aber plötzlich war da dieses sägende Geräusch über ihnen, dann erschien ein Feuerschweif und schließlich ertönte ein ohrenbetäubender Knall.
Schwerverletzt mussten die Drei kurz darauf umkehren, ohne die Ursache für diesen Vorfall zu kennen. Waren es bewaffnete Ranger gewesen? Oder einfach nur schlechtes Karma?
Doch wie so oft im Leben ist die Wahrheit viel schlimmer. Etwas ist gekommen, um zu zerstören. Etwas derart Altes, dass der Mensch keine Antwort darauf kennt. Ein Einschlag mit Materie aus grauer Vorzeit!
Aber zwei tapfere Bundesmarshals, Cliff Conroy und Judy Davenport, stellen sich einem wagemutigen Wettlauf gegen die Zeit und setzen alles daran, das Rätsel aufzulösen ...

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Seitenzahl: 147

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhalt

Cover

Das Anaconda-Krater-Syndrom

UFO-Archiv

Vorschau

Impressum

Arvid Winger

Das Anaconda-Krater-Syndrom

Mount Helen

Montana, 23. Januar 2024, 06:27 Uhr

Roger, Henry und Knut befanden sich gerade am Fuße der Rocky Mountains auf illegaler Elchjagd. Mit jedem Schritt, den die Männer machten, versanken sie tiefer im Schnee. Man konnte durchaus sagen, dass sich ihre Tour schwieriger als erwartet gestaltete. Doch alles in allem waren sie gut vorbereitet, und ihre Kleidung hielt der Kälte und Nässe stand.

Mittlerweile kämpften sie sich bereits seit zwei Stunden mit ihrer Ausrüstung voran und gingen in einer Spur hintereinanderher, um Kräfte zu sparen. Das war aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn sie gewusst hätten, was sie in der verschneiten Landschaft noch Grauenvolles erwartete ...

Zu Beginn ihres anstrengenden Fußmarsches hatten sie nicht nur ihre Rucksäcke, sondern auch ihre Gewehre über den Schultern getragen. Vor etwa zwanzig Minuten entdeckten sie dann neben den ersehnten Elchspuren ebenfalls Bärenabdrücke.

In diesem Moment entschieden sie sich dazu, die Gewehre griffbereit in beiden Händen zu halten. Schließlich konnten Bären, auch wenn sie aufgrund ihrer Größe normalerweise auffällig waren, in den dichteren Bereichen des Waldes trotzdem überraschend auftauchen.

Wenig später übernahm Roger Patterson die Führung. Der Mittvierziger kannte sich gut aus. Und da es noch hier und dort finster war, stellte dies einen nicht zu unterschätzenden Vorteil dar. Hinzu kam, dass Patterson früher bei der Army gewesen war. Er liebte es, zu schießen, hatte jedoch gewisse Schwierigkeiten, sich an Anordnungen von Vorgesetzten zu halten. Irgendwann war es aufgrund dessen damals in Afghanistan dann wohl zu einem Zwischenfall gekommen. Genauere Details blieben allerdings unbekannt. Patterson wurde jedenfalls nach Hause geschickt, beurlaubt und trat nie wieder seinen Dienst an.

Die Geldreserven waren angesichts der Gesamtumstände relativ schnell aufgebraucht, und das Jobangebot in Montana ziemlich bescheiden. Aus der Not heraus kaufte sich Patterson dennoch einen Pick-up, nahm sein Gewehr und begann, nach Lust und Laune zu jagen. Das war natürlich illegal, und jeder in der Kleinstadt Anaconda wusste davon. Aber es gab auch Profiteure von Pattersons Machenschaften, weil er sie mit Fleisch versorgte. Trotzdem war er nicht besonders beliebt. Als Waffennarr, der betrunken auch mal ausfällig werden konnte, stellte er schließlich immer ein Risiko dar, dem man lieber aus dem Weg ging.

Henry Kiss, der jetzt an zweiter Stelle hinter Patterson ging, konnte es sich nicht leisten, wählerisch bei seinen Freundschaften zu sein. Er war zwei Jahre älter als Roger und lebte nach der Scheidung von seiner Frau allein mit seinen Mädchen in einem heruntergekommenen Haus am Stadtrand. Die beiden Teenager Amira und Eve waren keineswegs anspruchsvoll, dennoch war das Überleben der drei nicht einfach. Henry nahm im Zuge dessen jeden Gelegenheitsjob an, den er bekommen konnte. Und manchmal begleitete er eben Patterson in die Wildnis. Er war allerdings kein besonders guter Schütze, daher war es seine Hauptaufgabe, als »Packesel« mitzugehen.

Der heutige Tag wurde durch den dritten im Bunde, den Norweger Knut Lindström, finanziell gestemmt. Lindström war extra aus Norwegen zu den Rocky Mountains gereist, um auf Elchjagd zu gehen. Natürlich gab es auch in Norwegen und Schweden Elche, jedoch wurde deren Abschuss deutlich strenger reguliert und das Entwenden von getöteten Tieren aus den heimischen Wäldern ohne Genehmigung teils mit hohen Strafen belegt. So kam es, dass Lindström den Behörden kein unbeschriebenes Blatt war und es daher vorzog, im Ausland seiner Leidenschaft nachzugehen. Das aber sollte sich schon bald rächen ...

»Bist du dir sicher, dass du den Weg kennst? Es kommt mir so vor, als würden wir im Kreis laufen«, murrte Lindström etwas genervt. Er hatte viel Geld an Patterson gezahlt. Die eine Hälfte im Voraus, die andere versprach er nach erfolgter Jagd.

Patterson schaute kurz auf. »Ja, ja«, brummte er leise vor sich hin. Es war keineswegs stockfinster. Der Halbmond wurde vom Schnee reflektiert, sodass stets ein Hauch von Dämmerung vorhanden war. Dennoch warf Patterson einen prüfenden Blick gen Himmel.

Im Laufe der Jahre hatte er sich ein paar Sternenbilder einprägen können, was ihm in unbekanntem Gelände durchaus half. Kurz darauf bemerkte er einen weiteren hellen Punkt am Firmament. Das war ungewöhnlich, aber nicht auffällig genug, um seine Aufmerksamkeit wirklich zu fesseln. Stattdessen erstarrte er, denn vor ihm kreuzten sich Elchspuren mit Bärenspuren im Schnee. Und bei genauerem Hinsehen konnte er noch deutlich kleinere Pfotenabdrücke inmitten der anderen Spuren erkennen. Daraus schloss er, dass sie offenbar nicht die einzigen Jäger hier waren und mindestens ein Wolfsrudel ebenfalls auf der vielversprechenden Fährte zu sein schien.

Als Patterson diese Erkenntnis in den Sinn kam, schaute er Kiss bedeutungsvoll an und lud sein Gewehr durch.

Dieser nickte und erwiderte den dramatischen Blick. Dann richteten sich seine Augen auf Lindström, der gerade einen großen Schluck aus seinem silberfarbenen Flachmann nahm.

Ansonsten misstraute Kiss betrunkenen Jägern grundsätzlich, aber er sagte nichts, solange er wenigstens die Hälfte des Honorars im Voraus bekam.

»In Schweden ...«, begann Lindström jetzt eine Unterhaltung, »in Schweden haben sich viele Elche schon derart an den Menschen gewöhnt, dass sie dir praktisch aus der Hand fressen, während du ihnen die Kugel zwischen die Augen jagst.«

»Ach, auf so etwas seid ihr stolz in Europa?«, erwiderte Patterson mit leichtem Kopfschütteln.

»Naja, weiß ja niemand«, gab Lindström kleinlaut zurück. »Jedenfalls führt das alles dazu, dass inzwischen von überall her die Hobbyjäger kommen. Aus Deutschland, den Niederlanden, Frankreich und Italien. Das ist so schlimm, dass wir Skandinavier inzwischen ausweichen müssen.«

Patterson war sich nach dieser Äußerung nicht sicher, ob Lindström nun ein Wort des Bedauerns hören wollte. Daher hielt er kurz inne und dachte nach. Dabei wurde ihm bewusst, dass es ihm im Grunde völlig egal war, warum er den weiten Weg in die Vereinigten Staaten auf sich genommen hatte, solange er ordentlich bezahlte. Er musste schließlich ...

Weiter kam Patterson mit seinen Gedanken nicht, denn direkt über ihm – oder besser gesagt, direkt neben ihm – hörte er ein sirenenartiges Geräusch. Es war schrill und laut pfeifend wie eine Kettensäge auf Metall. Dann glaubte er, einen Blitzeinschlag zu sehen, schloss intuitiv die Augen, bevor es ihn nach hinten riss und alles schwarz wurde.

Als Patterson wieder aufwachte, wusste er nicht, was geschehen war. Alles war verschwommen. Er lag im Schnee und kniff die Augen zusammen. Mühsam rappelte er sich auf. Er sah nur weiß. Schnee. Ein roter Fleck auf dem Boden ließ ihn aufschrecken. Blut. Es kam von ihm. Aber woher?

Patterson tastete sich ab. Seine Jacke, seine Hose – alles war in Ordnung. Doch in seinem Kopf brummte es gewaltig. Da er gerade keinen Spiegel zur Hand hatte, fuhr er sich vorsichtig mit den Händen über den Kopf. Als er daraufhin seine Handflächen betrachtete, waren auch diese voller Blut. Dann entdeckte er etwas auf dem Boden neben seinem linken Stiefel, im Schnee versunken. Da lag ein Ohr. Sein Ohr!

Der Jäger hob es auf und schaute sich verdutzt um. Wen konnte er fragen? Jetzt bemerkte er seine beiden Gefährten, die sich allmählich aus dem Schnee erhoben und umhertorkelten. Schnell war er davon überzeugt, dass sie ihm bestimmt keine Auskunft geben konnten, denn sie waren ebenfalls zu sehr mit sich selbst beschäftigt.

Mit dieser Erkenntnis kam der Schmerz. Patterson stöhnte, rang nach Luft. Aus seiner Armeezeit wusste er, dass man selbst den größten Schmerz unterdrücken können musste, um für den Feind unsichtbar zu bleiben. Doch hier und jetzt hatte er keine Ahnung, wer der Feind sein sollte.

»God, damn!«, stieß er immer wieder zwischen den Zähnen hervor und näherte sich dabei langsam seinen Begleitern, während er sein Ohr in die Jackentasche steckte.

»Henry, bist du okay?«, rief Patterson.

Henry Kiss antwortete nicht sofort, sondern deutete zunächst auf seine Kleidung, die in Fetzen an ihm herabhing. Dann sagte er leise und völlig fassungslos, als er seinen von zahlreichen blutenden Wunden gezeichneten Körper musterte: »Es hat mich getroffen. Überall.«

»Was hat dich getroffen?«

»Keine Ahnung.« Kiss schüttelte den Kopf. »Alles tut weh. Was ist mit Ihnen, Lindström?«

Die Blicke der beiden Amerikaner richteten sich nun auf den Norweger. Dieser war vollkommen weggetreten, drehte sich fortwährend im Kreis und fiel zu Boden. Dann versuchte er, aufzustehen, drehte sich erneut und stürzte wieder.

Daraufhin stapften Patterson und Kiss die wenigen Meter zu ihrem Begleiter herüber, packten ihn an den Armen und halfen ihm beim Aufstehen.

»Was ist los mit Ihnen?«

Lindström starrte die beiden an. Sie bewegten ihre Münder, hören konnte er aber nichts.

»Reden Sie mit mir? Sagen Sie überhaupt etwas? Ich kann nichts verstehen. Ich höre nichts. Nur dieses ...«, erwiderte er schreiend und hämmerte mit der Faust an seine rechte Schläfe. »Dieser Ton, das macht mich wahnsinnig. Hilfe. Hiiilfe!«

»Tinnitus«, spekulierte Kiss.

»Was auch immer ... Weg hier. Schnell!«, befahl Patterson. »Wir müssen uns in Sicherheit bringen.«

Dann schritt er voran und versuchte, sich die Schmerzen nicht anmerken zu lassen.

»Ja, aber vor was und vor wem müssen wir fliehen?«, wollte Kiss nun wissen.

»Scheißegal. Lasst uns abhauen!«

Kiss packte Lindström im nächsten Augenblick am Arm und riss ihn mit sich. Der Gleichgewichtssinn von Letzterem war derart gestört, dass er allein hätte zurückbleiben müssen.

Bei jedem zweiten Schritt ließ sich ein lauter Schrei vernehmen, denn auch er hatte Schmerzen, als sich kleinste Steinsplitter aus seinem Oberschenkel lösten.

»Verdammt, ich will nie wieder auf die Jagd gehen, wenn ich lebend davonkomme.«

Am Fuße des Mount Haggin Preserve

Montana, 23. Januar 2024, 10:13 Uhr

Die drei Männer kämpften sich durch den Schnee zurück. Ihre Gewehre dienten nun nicht mehr als Schusswaffen, sondern als Gehstöcke. Das allein reichte aber nicht aus, um vorwärtszukommen. Bei jedem einzelnen Schritt stützten sie sich gegenseitig. Dabei kam ihnen immerhin zugute, dass der Rückweg wesentlich leichter zu bestreiten war, da sie den bereits niedergetrampelten Schneepfad in exakt umgekehrter Richtung passierten.

»God, damn!«, fluchte Patterson und wischte sich mit seiner blutverschmierten Hand den angefrorenen Speichel vom Mund, was ihm ein durchaus martialisches Aussehen verlieh.

»Wohin gehen wir?«, fragte Lindström. Sein Tinnitus und ein ständiges Schwanken sorgten für eine komplette Orientierungslosigkeit.

»Nach Hause«, antwortete Kiss. »Kann so weit ja nicht mehr sein.«

»Bei Tageslicht sieht alles ganz anders aus. Seid ihr euch wirklich sicher, dass wir richtig sind?«, vergewisserte sich der Norweger nochmals.

»Ist nicht unsere erste Tour«, bekräftigte Kiss.

Lindström schien mit der Aussage oder zumindest mit dem Tonfall des Gesagten – er glaubte, eine gewisse Arroganz und ein Mindestmaß an Missmut herauszuhören – nicht ganz zufrieden zu sein. »Ihr wisst schon, dass ihr das zweite Honorar erst bekommt, wenn ihr mich heil abgeliefert habt?«, entgegnete er daher.

Kiss und Patterson warfen sich einen vielsagenden Blick zu. Sie hatten denselben Gedanken. War dieses heil abliefern nur so eine Redensart oder doch ernst gemeint? Denn in dem Zustand, in dem sich Lindström befand, konnte man das auf jeden Fall vergessen. Heil war bei ihm nämlich rein gar nichts mehr.

»Geld ist jetzt echt das Allerletzte, woran wir denken«, log Patterson frech. Tatsächlich hatte er noch ganz andere Sorgen. So kam das aus der Wunde herausrinnende Blut, wo sich zuvor sein Ohr befunden hatte, nicht zum Stillstand. Und das, obwohl er bereits einen Schal zum Abbinden benutzt hatte.

»Wie viel Blut kann ein Mensch verlieren, bevor er bewusstlos wird?«, fragte er Kiss leise.

»Du schaffst das«, sagte dieser leicht benommen zu sich selbst und sprach dem Verletzten damit gleichzeitig Mut zu.

Patterson nickte. Aufgegeben hatte er noch nie, dennoch schaute er neidisch zu seinem Begleiter herüber. Seiner Meinung nach war Kiss nämlich vergleichsweise glimpflich davongekommen, zumal sich die Splitter in dessen Oberschenkel allesamt bei einer schmerzhaften Kosmetikprozedur entfernen lassen würden. Sterben würde man davon aber nicht, auch wenn Kiss immer wieder zu Boden stürzte. Dafür machte er allerdings in erster Linie die fehlende Erfahrung seines Weggefährten im Tiefschnee verantwortlich.

»Steh auf!«, befahl er kurz darauf ärgerlich. »Es geht weiter.«

Kiss folgte.

Pattersons Vorahnung bezüglich Lindström fiel da schon bedeutend düsterer aus. Der Norweger wirkte mit seinem gedrungenen Körper, seiner Biberfellmütze und der zweifellos neu gekauften Winterjacke zwar perfekt gewappnet für die kühlen Temperaturen, aber für mehr reichte es auch nicht.

Einen Augenblick später verlor Letzterer erneut die Kontrolle über seinen Körper, stürzte in den Schnee und hatte Mühe, sich aufzurichten.

»Ich kann nicht mehr. Keinen Schritt weiter. Wir verirren uns. Wir sollten Hilfe holen«, klagte Lindström währenddessen sichtlich erschöpft.

Patterson schüttelte genervt den Kopf. »Kommt gar nicht in Frage«, entgegnete er bestimmt. »Einer allein schafft es nicht.«

Lindström bat nun mit einem flehenden Blick um die Unterstützung von Kiss. Dieser ignorierte aber die Mimik seines Wegbegleiters und wandte sich einfach ab.

»Irgendwelche Tiere haben schon längst unsere Blutspur aufgenommen. Allein – keine Chance. Außerdem ...«, konstatierte Patterson schließlich und fasste sich vorsichtig an den Kopf, »muss ich so schnell wie möglich zum Doc. Ich habe einfach keine Zeit, mich noch um jemand anderen hier draußen zu kümmern.« Dass es ihm in Wahrheit primär um das zweite Honorar ging, verschwieg er dabei abermals.

»Aber wir könnten doch einen Arzt hierherkommen lassen. Mit dem Hubschrauber. Das wäre der schnellste Weg.«

»Du Idiot. Und mit dem Arzt kommen dann die Ranger. Und wenn wir Pech haben, ist da so ein waschechter Tierschützer darunter, der nur darauf wartet, dir eins auszuwischen. Nee, lass mal. Weiter!«

Um die anderen zum Weitergehen zu animieren, setzte sich Patterson wieder in Bewegung.

Kiss folgte im nächsten Moment gemächlich, aber Lindström blieb stehen.

Als Patterson und Kiss dies bemerkten, zückte Lindström bereits sein Handy. Soweit war es noch Routine, seine Konzentrationsfähigkeit war allerdings so sehr eingeschränkt, dass er Mühe hatte, mit seinen Fingern die richtigen Tasten zu treffen. Diese Ablenkung nutzten seine Begleiter aus, um mit kurzen Schritten wieder bei dem Skandinavier zu sein.

Kiss schlug ihm wenig später das Mobiltelefon aus der Hand.

»Weg damit. Ich habe zwei Kinder. Ich brauche keine Ranger, keine Polizei oder einen Staatsanwalt.«

Diese Attacke ließ Lindström nicht auf sich sitzen und stieß Kiss mit ein paar Fausthieben zu Boden.

Der schrie laut auf, was aber sehr bald vom Schnee gedämpft wurde, denn er fiel einfach wie ein gefällter Baum um.

Untätig blieb Patterson angesichts des Schlagabtausches nicht stehen, musste aufgrund des Abstandes von über einem Meter zu seinen Wegbegleitern allerdings auf den Gewehrkolben zurückgreifen, um die Distanz zu überbrücken und Lindström zu erreichen.

Während der erste Treffer noch saß, jedoch von der dicken Winterjacke leicht abgefälscht wurde, konnte der Norweger beim zweiten Schlag tatsächlich nach dem Gewehr greifen. Das hatte ein heftiges, ruckartiges Ringen um die Waffe zur Folge.

Im Nachhinein hätte Lindström die Schuld sicherlich Patterson gegeben, so aber war Letzterer davon überzeugt, dass es an dem Norweger lag, dass sich plötzlich dieser eine Schuss löste und selbigen zu Boden streckte. Ein perfekter Bauchtreffer. Nichts konnte ihn aufhalten. Lindström war sofort tot.

»Mein Gott!«, stieß Kiss hervor und spuckte unterdessen Schnee aus seinem Mund. »Seid ihr wahnsinnig?«

»Es war seine Schuld. Hast du doch gesehen. Er hat nicht losgelassen.«

»Und die Kohle?«

Patterson beugte sich zu dem am Boden Liegenden.

»Von ihm kriegen wir nichts mehr.«

»Scheiße.«

»Wem sagst du das ...«

Kiss vergaß für einen Moment seine Schmerzen.

»Er muss weg.«

»Okay, aber wohin? Wir schaffen es selbst kaum nach Hause.«

Kiss legte den Finger an die Lippen.

»Hörst du das?«

»Klingt nach Wasser.«

»Exakt. Dort hinten ist der Fluss. Der treibt ihn sonst wohin.«

Patterson nickte. Dann packte er Lindström am linken Arm, während Kiss den Norweger auf der anderen Seite hinter sich herzog.

Nach zweihundert Metern erreichten sie schließlich eine geeignete Uferstelle. Der Fluss hatte eine permanente Strömung, sodass er im Winter nur partiell zufror. Jetzt stießen sie Lindström hinein, der augenblicklich fortgeschwemmt wurde.

Damit hatten Patterson und Kiss vorerst ein Problem gelöst, aber noch viele weitere warteten auf sie ...

Anaconda

Montana, 23. Januar 2024, 15:20 Uhr

Patterson saß mit schmerzverzerrtem Gesicht hinter dem Steuer seines roten Pick-ups. Neben ihm, an die Beifahrertür gelehnt und innerlich angespannt, hatte Kiss Platz genommen.

»Ich dachte nicht, dass ich diese Stadt nochmal sehen würde. Ich hasse sie. Wirklich. Kein Mensch kann hier glücklich werden. Aber jetzt bin ich zum ersten Mal dankbar, dass es sie gibt«, sinnierte Kiss und versuchte, eine angenehme Sitzposition zu finden. »Ich werde meine Kinder wiedersehen. Das ist das Wichtigste.«

»Das Wichtigste ist, dass wir es überleben«, entgegnete Patterson.

»Warum sollten wir es nicht überleben? Wir haben die zehn Meilen durch den Schnee auch geschafft.«

Im nächsten Moment spuckte Patterson, ohne das Fenster zu öffnen, verächtlich Schleim aus. Roten Schleim. Wenn man es genau nahm, war es eigentlich mehr Blut als Schleim.

Kiss konnte derweil nicht anders, als mitanzusehen, wie sich die kleinen Blubberbläschen unter der Zähigkeit der Blutplättchen auf dem Boden verteilten.

»Wenn du zuerst zum Doc willst, er wohnt ja gleich da vorne«, wandte er sich dann an den Fahrer.

In der Tat erreichten sie gerade die ersten Häuser der Stadt. Mit dem Doc war der einundachtzigjährige Arzt James Higgins gemeint, der zwar seit über zehn Jahren nicht mehr praktizierte, aber für ein ordentliches Trinkgeld noch immer seiner Profession nachging. Diese Fürsorge ging dann so weit, dass man auch mit keinerlei drängenden Fragen rechnen musste, wenn die Summe eine gewisse Höhe erreichte.

Patterson erwiderte nichts direkt und schaute stattdessen weiterhin konzentriert auf die Straße. Eine wischende Handbewegung über sein verstümmeltes Ohr hatte ihm nämlich gezeigt, dass der Blutaustritt an seinem Kopf langsam versiegte. Der Doc konnte also warten.

»Wir haben Wichtigeres zu tun«, sagte er schließlich und bog am Stadteingang sogleich in eine unbelebte Parallelstraße ab. »Wir müssen sämtliche Spuren verwischen.«

»Uns hat niemand gesehen«, entgegnete Kiss. »Und was diesen Norweger betrifft, so werden wir einfach sagen, dass er allein unterwegs war und nicht mehr zurückgekommen ist. Niemand wird das Gegenteil beweisen können.«

»Denkst du wirklich, dass wir da draußen allein waren? Denkst du das?«, gab Patterson zurück. Seine Stimme klang dabei zornig und zittrig zugleich.

»Egal. Wir sind weg. Weit weg.«

»Oh nein. Es ist da. Es ist in uns.« Als Patterson das sagte, wirkte er plötzlich überraschend ernst.