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Zwischen den Ruinen der alten Goldgräberstadt Paradise Town entsteht unter der Leitung des Unternehmers Phil Duncan ein neuer Gold- und Freizeitpark. Die letzten Vorbereitungen werden jedoch von mysteriösen Ereignissen gestört. Fledermäuse fallen über die Bewohner her, Menschen sterben ohne ersichtliche Ursache. Um sein Lebensprojekt nicht zu gefährden, blockiert Duncan jegliche Aufklärung. Aber wer hat ein Interesse daran, die Parkeröffnung zu verhindern? Oder ist es ganz einfach: Im Rausch des Goldes wird jeder zum Feind des anderen, vergessen geglaubte Geister sind wieder präsent und ein legendärer Schatz wird zum Verhängnis. Doch die eigentliche Katastrophe steht erst noch bevor, denn wie die Bundesmarshals Cliff Conroy und Judy Davenport herausfinden, schaffen die Touristen und Goldgräber nicht nur Gold an die Oberfläche ...
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Seitenzahl: 142
Veröffentlichungsjahr: 2023
Cover
Gier und Verderben
UFO-Archiv
Vorschau
Impressum
Arvid Winger
Gier und Verderben
Paradise Town
Sierra Nevada, 28. Oktober 2023, 19:00 Uhr
Ein mächtiges Donnergrollen durchzog die Hügellandschaft rund um Paradise Town. Und obwohl der Nachhall fast kein Ende zu nehmen schien, schenkten die emsigen Bewohner dem Lärm kaum Beachtung. Schließlich gehörten Felssprengungen mit Dynamit mittlerweile zum Alltag. Der Neuaufbau der Stadt war in vollem Gange. Aus den einstigen Bruchbuden war ein beeindruckendes Freilichtmuseum geworden, ein ansehnlicher Freizeitpark.
Nun drängte die Zeit, denn es dauerte nur noch achtundvierzig Stunden bis zur feierlichen Eröffnung. Aus diesem Grund hatte Phil Duncan zu einem exklusiven Festakt in die örtliche Kirche geladen. Und damit nahm das Unheil seinen Lauf ...
Phil Duncan war alles in einer Person. Er war Ideengeber und Investor. Er war Meinungsmacher und Regent. Er war Arbeitgeber und selbsternannter Bürgermeister. Aber er war auch der Hirte, der seine Schafe beschützte – und vor allem war er der personifizierte Glaube an eine gute Zukunft.
Allein seine körperliche Ausstrahlung von fast hundertfünfzig Kilogramm, verteilt auf hundertneunzig Zentimeter Körpergröße, erweckte Respekt. Trotz Doppelkinn und schwerer Atmung arbeitete er unermüdlich zwanzig Stunden täglich.
Er war ein Kontrollfreak und jede noch so kleine Entscheidung musste von ihm mitgetragen werden. Als er in diesem Moment das Rednerpult betrat, was eigentlich der mit einem großen Tuch abgedeckte Altar war, konnte und wollte er seine Vorfreude auf die kommenden Ereignisse nicht verbergen. Allerdings wusste er auch nicht, dass dies der Beginn einer ungeahnten Katastrophe war.
Phil Duncan breitete die Arme aus, als ob er am liebsten jeden »seiner« Gäste persönlich umarmen wollte.
»Liebe Mitbürger von Paradise Town, liebe Freunde, liebe Unterstützer. Ich hatte einen Traum. Ich wollte das Leben in diese Stadt zurückbringen. Ich wollte die Stadt mit Reichtum füllen. Ich wollte glückliche Menschen um mich versammeln.«
Duncan brauchte gar keine künstliche Pause einzulegen, denn der Jubel brandete auch so auf. An die zweihundert Menschen klebten wohlwollend und erwartungsvoll an seinen Lippen. Er hatte sie gerufen, und sie waren gekommen.
Von draußen ließ sich erneut ein Donnergrollen vernehmen, dem jetzt in dieser erregten Stimmung erst recht niemand mehr Beachtung schenkte.
»In zwei Tagen«, fuhr Duncan fort, »werden wir den Gold- und Freizeitpark Paradise Town eröffnen. Das wird der Beginn des Endes all unserer Sorgen sein. Gäste aus nah und fern werden ihr Glück beim Goldschürfen herausfordern. Und wie vor hundert Jahren, als Paradise Town schon einmal Amerikas Goldader war, werden wir uns diesen Rausch zunutze machen. Denn noch immer liegt da draußen unendlich viel Gold vergraben. Ich weiß es. Daher sage ich: Lasst sie kommen. Lasst sie nach Gold graben. Lasst sie das Gold in unserer Stadt wieder ausgeben!«
Die letzten Worte brüllte der Unternehmer förmlich in das Mikrofon, was zu rhythmischen »Duncan«-Sprechchören führte.
Auch Mary Lincoln, eine betagte Dame von knapp über siebzig Jahren, stimmte begeistert in die Jubelrufe ein. In ihren Gedanken sah sie sich bereits in ihrem kleinen Souvenirshop dem Besucheransturm gegenüber und war gerührt, dass sie im fortgeschrittenen Alter nochmals die Möglichkeit bekam, ihren Lebensabend mit etwas Wohlstand zu versüßen.
Inmitten dieser Gedanken spürte sie plötzlich etwas Feuchtes auf ihrem Kopf. In einem ersten Reflex wischte sie sich den nassen Fleck von der Stirn und betrachtete die Flüssigkeit auf ihren Fingerkuppen. Sie war rot.
Mary Lincoln wunderte sich, denn selbst wenn das Kirchendach eine undichte Stelle gehabt hätte, so wäre ein Regentropfen sicherlich nicht rot eingefärbt gewesen.
Dann spürte sie den nächsten Tropfen auf ihrer Stirn. Abermals wischte sie sich diesen mit den Fingern ihrer rechten Hand ab. Und wieder war der Tropfen rot. Das sah auf keinen Fall nach Regen aus, sondern vielmehr nach Blut.
Ein kurzer Blick zu beiden Seiten bestätigte ihr, dass ihre Nachbarn von alledem nichts mitbekommen hatten. Sie lauschten gespannt den Worten von Duncan, der sich herzlich dafür bedankte, dass es in so kurzer Zeit gelungen war, Hotels, Supermärkte, Baumärkte und Restaurants aus dem Boden zu stampfen. Nicht zu vergessen eine Arztpraxis und ein kleiner Friedhof, der jedoch unberührt bleiben sollte.
Wieder erntete Duncan zustimmenden Beifall.
Dies war der Moment, als sich Ms. Lincoln traute, nach oben zu schauen, um der Ursache der vermeintlichen Blutstropfen auf den Grund zu gehen. Dies war aber auch der Moment, in dem nicht nur ein einzelner, sondern sehr viele Tropfen herabfielen.
Jene prasselten rechts und links von Mary auf die Köpfe und Schultern ihrer Nachbarn. Deren Haare und Kleidung verfärbten sich rot.
Die Betroffenen machten sich gegenseitig darauf aufmerksam, sodass schnell Unruhe entstand und der Fokus beinahe mehr auf der Kirchendecke als auf den Worten von Duncan lag.
Doch kurz darauf wurde es von oben ganz schwarz. Aber nicht wegen des nahenden Gewitters, sondern weil sich die Schwärze auf das Publikum hinabsenkte.
Manche rissen zum Schutz noch die Arme nach oben. Andere schrien auf, weil sie gebissen wurden oder weil sie sich so sehr erschraken, oder beides zutraf.
Duncan unterbrach seine Rede. Es herrschte ein wildes Durcheinander.
»Sie greifen uns an!«, rief jemand.
»Wer?«
»Fledermäuse.«
Diese Ansage schürte endgültig Panik. Niemand wusste es genau, aber es mussten an die hundert Fledermäuse sein, die auf die Bewohner von Paradise Town herabstürzten.
Alle versuchten, sich zu wehren, schlugen wild um sich und trafen dabei ihre Mitmenschen im Gesicht.
Innerhalb weniger Sekunden herrschte völliges Chaos. Die Besucher drängten zur Tür, manche zeigten vollen Körpereinsatz, um vorbeizukommen. Dabei stürzten andere, wurden überrannt, und das alles ging in einem ohrenbetäubenden Geschrei unter.
Fassungslos beobachtete Duncan die Menschenmenge, die wild davonstürmte. Ein paar Zuhörer lagen verletzt auf dem Boden. Daneben häuften sich all die toten Fledermäuse, die aus irgendeinem unersichtlichen Grund hinabgestürzt waren. Für Duncan fühlte es sich in diesem Moment wie die Apokalypse an, doch es war erst der Anfang ...
Hügellandschaft nahe Paradise Town
Sierra Nevada, 28. Oktober 2023, 22:07 Uhr
Die Nacht war nach dem Gewitter sternenklar. John Brooks und sein elfjähriger Enkel Mickey saßen am Lagerfeuer.
Der Großvater war ein schlanker, drahtiger Mann, dem die Arbeit eines langen Lebens ins Gesicht geschrieben stand.
Jetzt war er zufrieden, dass sein Enkel ohne viele Anweisungen das Lagerfeuer errichtet und entfacht hatte. Dem alten Mann war es nämlich durchaus ein Anliegen, seinem Enkel das Leben in und mit der Natur nahezubringen, aber vor allem auch dessen indianische Wurzeln.
Er selbst war ein Nachfahre des Anasazi-Stammes*, wenn auch nicht in direkter Linie, denn der Stamm hatte einen traurigen Niedergang erfahren. Und Mickey war vermutlich der Letzte, der dieses Stammesblut überhaupt noch in sich trug.
Von ihrem Hügel aus hatten die beiden die Aufregung rund um die Ereignisse in der Kirche von Paradise Town beobachten können. Es war ein merkwürdiges Spektakel gewesen. Viele Menschen gerieten in Panik und liefen wild durcheinander. Der Arzt eilte hin und her, um Verletzte zu versorgen. Es war laut, und anhand einiger Wortfetzen und vieler Gesten konnten sie sich allmählich zusammenreimen, was vorgefallen war. Trotzdem gab es keine eindeutige Erklärung. Mickey stellte seinem Großvater deshalb aus Neugier unzählige Fragen.
»Was glaubst du, hat die Fledermäuse so wild gemacht?«
Der Großvater seufzte. Zum einen, weil ihm das Sitzen auf dem harten Stein mit seinen vierundsiebzig Jahren beschwerlich war, zum anderen, weil die Fragen seines Enkels sehr spekulativ waren und nicht mit einem einfachen ja oder nein beantwortet werden konnten.
»Ich weiß es nicht. Über viele Jahre hinweg war dies ein ruhiger Ort. Er gehörte den Pflanzen, den Tieren und auch den Geistern. Die Natur hat sich wieder zurückgeholt, was ihr einst schon einmal genommen wurde. Doch jetzt kommt wieder alles durcheinander. Seit einem Jahr bauen sie nun schon an diesem Freizeitpark, um noch mehr Menschen anzulocken. Touristen, die wieder Gold suchen und in ihrer Gier erneut Gänge in die Berge sprengen ...«
Mickey unterbrach seinen Großvater. »Glaubst du denn, dass es hier wirklich noch Gold gibt?«
John Brooks überlegte, bevor er antwortete. »Schon möglich. Ich hoffe jedoch, dass dem nicht so ist. Damals, vor über hundert Jahren, wurde viel Gold gefunden. Sie kamen wie die Heuschrecken über die Felder und nahmen alles mit. Danach zogen sie weiter und hinterließen ein Land ohne Leben. Paradise Town wuchs und wuchs, und fiel genauso schnell wieder in sich zusammen.«
Mickey Brooks starrte ins Feuer und dachte nach.
»Vielleicht hätte ich damals auch nach Gold gesucht«, gestand er. »Dann hätten wir das gesamte Land unserer Vorfahren kaufen können.«
»Ja, aber zuerst hättest du dein Gold verteidigen müssen«, mahnte der Großvater mit besorgter Stimme. »Sie haben sich wegen der Claims gegenseitig umgebracht. Wer Gold gefunden hatte, war seines Lebens nicht mehr sicher. Ihre Gier kannte keine Grenzen. Und je knapper das Gold wurde, desto schlimmer wurde es.«
Mit großen Augen sah ihn sein Enkel an.
»Woher weißt du das alles?«
»Von meinem Vater. Er hat vieles gesehen und konnte es nicht verhindern. Mein Vater wusste, wo Gold lag und musste mitansehen, wie sie es jeden Tag gestohlen haben. Und die Diebe erschlugen sich gegenseitig. Stu Farmer war der letzte Goldgräber, der die Stadt verlassen hat. Und er wusste von einem großen Geheimnis. Aber mit diesem Wissen erreichte er nicht einmal die nächste Stadt.«
»Ich wünschte, sie würden jetzt Paradise Town nicht erreichen«, dachte der Junge laut nach.
»Ja, aber auch wir brauchen das Geld. Ich werde nicht jünger, und die Arbeit auf der Ranch bei den Thompsons macht mir jeden Tag mehr zu schaffen. Immerhin verdienen wir bei Duncan das Dreifache.«
Mickey nickte etwas widerwillig.
»Du, Grandpa, ich mag diesen Duncan nicht. Und was wir tun sollen, ist albern.«
Der Großvater seufzte.
»Ich weiß, du hast vollkommen recht. Dein Vater ist in die Stadt gegangen, um Arbeit zu finden. Leider ohne Erfolg. Wir warten nun seit Monaten auf Geld. Also werden wir wohl genau die Vorstellung erfüllen, die sich die Touristen von Indianern machen.« Er lachte kurz auf und fuhr fort: »Ich muss sogar wie ein Indianer sprechen oder zumindest so, wie Duncan es für angemessen hält.«
Mickey schüttelte den Kopf.
John Brooks verstellte im nächsten Moment seine Stimme und setzte einen grimmigen Gesichtsausdruck auf, während er sprach: »Bleichgesicht, dein Sohn will werden richtiger Mann. Muss lernen reiten auf kleines Indianerpferd ...«
Jetzt lachten beide schallend. Aber nach einer Weile fiel Mickey noch etwas ein.
»Als sie vorhin in Paradise Town die toten Fledermäuse verbrannt haben, da hast du etwas gemurmelt. Du hast gesagt, die Geister kommen wieder in die Stadt. Was hast du damit gemeint?«
Erwartungsvoll sah Mickey seinen Großvater an. Doch der ging nicht weiter auf die Frage ein.
»Ach, nichts. Es ist schon spät. Höchste Zeit, zu gehen. Lösch das Feuer, wir brechen auf.«
Auf einem Hügel nahe Paradise Town
Sierra Nevada, 29. Oktober 2023, 08:45 Uhr
Sam Williams konnte mit seinen dreiundsiebzig Jahren sein Glück kaum fassen. Er war auf Gold gestoßen. Endlich, nach all der Zeit und all den Mühen! Schon länger durchkämmte er die Gegend auf der Suche nach vielversprechenden Stellen, wo sich eine Sprengung lohnen könnte.
Unter anderem war er den Spuren der alten Goldgräber gefolgt, doch der große Erfolg blieb bislang aus. Hin und wieder fand er ein Körnchen, was zwar die Hoffnung genährt, zum Überleben aber nicht ausgereicht hatte.
Um nicht so allein zu sein, hatte er sich vorübergehend mit Walter Murphy zusammengetan. Der alte Fuchs war schon früher in diese Gegend gekommen und kannte buchstäblich jeden einzelnen Stein beim Namen. Doch auch zu zweit wollte sich der große Fund nicht ergeben. Hinzu kam, dass trotz einer gewissen Freundschaft auch immer etwas Vorsicht geboten war.
Im Goldgeschäft konnte man absolut niemandem trauen. Die Aussicht auf einen Fund machte selbst den gutmütigsten Menschen zu einer Bestie. Und weil das Misstrauen gegenüber Murphy zusehends größer wurde, begann Sam Williams an ungewöhnlichen Orten heimlich zu suchen.
Aus dieser Vorgehensweise entwickelte sich mit der Zeit eine ganz eigene Strategie. Williams war überzeugt: Es lohnte sich besonders, an Stellen zu suchen, die andere für absurd hielten – und in diesem Moment sollte er damit recht behalten.
Den Beweis hielt er nun bewundernd in seiner Hand. Er hatte endlich an der richtigen Stelle gesprengt! Eine feine und glitzernde Goldader durchzog den Stein, den er behutsam sauber rieb.
Williams wusste genau, was als Nächstes zu tun war. Zuerst galt es, die freigelegten Gesteinsmengen zu feinem Sand und Erzmehl zu zerreiben. Danach musste das Ganze mit Quecksilber versetzt werden, da sich das Gold an dessen Oberfläche festsetzte. Das daraus entstehende Amalgam erhitzte man dann so lange, bis das Quecksilber verdampfen würde und nur noch das Rohgold übrig blieb. Doch zunächst war es erforderlich, vorsichtig mit Hammer und Meißel weiterzuarbeiten, um den Verlauf der Goldader im Felsen zu bestimmen.
Doch gerade als er sein Werkzeug aus dem Rucksack nehmen wollte, sah er in einiger Entfernung eine Lichtreflexion. Es war zwar ein sonniger Morgen, und das Tagesgestirn hatte es gerade so eben über die ersten Hügel geschafft, aber die Intensität der Reflexion war dennoch ungewöhnlich. Sie konnte unmöglich natürlichen Ursprungs sein. Hatte ihn jemand mit dem Fernglas beobachtet? Das Gefühl der übermäßigen Freude wich sofort einer übermächtigen Angst.
Sam Williams sah sich hektisch um. Die Sonne blendete ihn, sodass er nicht wirklich etwas erkennen konnte. Er überlegte kurz und gab dann mit seinem Gewehr einen Warnschuss in die Luft ab. Er wollte ein Zeichen setzen. Er würde sich wehren, mit allen Mitteln. Überfall zwecklos!
Gab es eine Reaktion auf den Schuss? Bewegte sich etwas? Sam vermochte es nicht einzuschätzen, was ihn zusätzlich beunruhigte.
Verdammt! Das war sein Gold. Er hatte es gefunden! Es durfte keine Mitwisser geben, niemanden, der im Suff dummes Zeug herumerzählte. Neider gab es immer und überall. Und mordlüsterne Menschen obendrein. Sam ärgerte sich über sich selbst, dass er sich so überschwänglich gefreut hatte. Damit hatte er womöglich Räuber auf den Plan gerufen.
»Sam, du bist der größte Depp auf diesem Planeten«, sagte er zu sich selbst. Dabei schob er sich seine Mütze tief ins Gesicht. Auf keinen Fall wollte er warten, bis er von irgendeinem Scharfschützen abgeknallt werden würde. Er selbst musste aktiv werden, um das drohende Unheil zu verhindern. Kurz entschlossen ließ er alles stehen und liegen, schwang sich auf sein Moped und fuhr los in die Richtung, in der er den Ursprung der Reflexion vermutete.
Paradise Town, Praxis von Dr. Gordon
Sierra Nevada, 29. Oktober 2023, 09:37 Uhr
Als der Police Detective Ernest Farmer das Sprechzimmer der großen und modern ausgestatteten Praxis des ortsansässigen Arztes Max Gordon betrat, waren sowohl der Mediziner als auch Phil Duncan bereits anwesend.
Damit hatte Farmer zwar gerechnet, dass jedoch auch Duncans Tochter Jennifer hier war, überraschte ihn ein wenig. Klar, sie war jetzt mit dem Arzt verheiratet und hieß Jennifer Gordon. Aber bislang hatte sie sich noch nie für die Arbeit ihres Mannes interessiert.
»Guten Morgen«, eröffnete Farmer das Gespräch. Er war ein kleiner, stämmiger Mann von knapp hundertsiebzig Zentimetern Körpergröße. Eine Halbglatze zierte seinen Kopf. Aufgrund einiger versteifter Lendenwirbel musste er leicht gebeugt gehen. Wer es nicht wusste, hätte nicht vermutet, dass er das normale Renteneintrittsalter eines Polizisten bereits überschritten hatte. »Ich wollte mich erkundigen, wie es Mary Lincoln und den anderen Verletzten geht«, fuhr er fort.
Anstelle des Arztes setzte Duncan zu einer Antwort an: »Tja, die alte Dame ist kurz nachdem sie in der Praxis ankam, leider an den Folgen eines Herzinfarktes verstorben.«
»Warum wurde ich dann nicht sofort benachrichtigt? Ich hätte die Angehörigen informieren und das in meinem Bericht erwähnen müssen.«
»Aber sie hat doch gar keine Verwandten! Sie war ganz alleine hier, die Arme«, beteuerte Duncans Tochter Jennifer.
Farmer richtete seinen Blick auf den Arzt, der sich sichtlich unwohl fühlte und verlegen mit einem Stift herumspielte. Erst als Duncan ihm zunickte, traute er sich etwas zu sagen.
»Verzeihung, ich weiß, dass das nicht ganz korrekt war. Aber es ist genauso, wie mein Schwiegervater gesagt hat. Ms. Lincoln hat eindeutig einen Herzinfarkt erlitten. Ich habe sie entsprechend untersucht und meine Annahme zur Todesursache hat sich bestätigt.« Dann kratzte er sich am Kopf und fügte entschuldigend hinzu: »Tut mir wirklich leid, dass ich es versäumt habe, Sie darüber in Kenntnis zu setzen, aber hier in der Praxis war wortwörtlich die Hölle los. Hysterie, Panik ... Nach dem Vorfall gestern ... Schlimm, das alles. Mir sind die Verbände ausgegangen. Wir können froh sein, dass es nur eine Tote gegeben hat ... Dank Phil und seiner Security ist alles noch einmal glimpflich ausgegangen. Aber warum erzähle ich Ihnen das eigentlich? Sie waren ja auch dabei.«
»Alles nichts Ernsthaftes. Lediglich Lappalien ...«, bekräftigte Phil Duncan die Ausführungen seines Schwiegersohns.
»Wäre es da nicht geschickter gewesen, Hilfe aus Las Vegas anzufordern oder einige Patienten zur Untersuchung dort in ein Krankenhaus zu schicken?«, hakte Farmer nach.
»Wegen Prellungen und Schürfwunden? Machen Sie sich nicht lächerlich, Farmer! Das nächste Krankenhaus ist fast zwei Autostunden von hier entfernt.«
»Und wie Sie sehen, ist die Praxis meines Mannes bestens für alle Notfälle ausgerüstet«, fügte Jennifer Gordon hinzu. Dann wandte sie sich an ihren Vater und schenkte ihm ein charmantes Lächeln. »Dafür hat mein Daddy schließlich gesorgt.«
Der Police Detective resümierte nun: »Wir haben also eine alte Frau, die vor Schreck einen Herzinfarkt erlitt, und ansonsten viele Leute mit leichten Verletzungen. Im Moment gibt es also keine weiteren Patienten in der Praxis, die unter gesundheitlichen Problemen leiden, die mit dem Vorfall gestern in Verbindung stehen?«
Der Arzt rutschte nervös auf seinem Stuhl hin und her.
