1,99 €
Klinik FM Corporation
Bay Mills, Michigan, 14. April 2024, 18:05 Uhr
Eve Gardner lag auf dem Rücken und starrte nach oben. Das permanente Geräusch der Rollen auf dem Fußboden war zu hören. Der Pfleger Joshua schob seine Patientin auf einer Trage durch die Flure der Klinik. Im Rhythmus von einigen Sekunden huschten die in die Decke eingelassenen LED-Lichter über die beiden hinweg, und blendeten die Mittdreißigerin für einen kurzen Augenblick. Eve spürte den kräftigen Schlag ihres Herzens. Sie bemühte sich um eine gleichmäßige Atmung, um es zu kontrollieren, denn eigentlich wollte sie aufspringen und davonlaufen. Aber man hatte ihr etwas verabreicht, was jede Bewegung unmöglich machte. Sie war dem Ganzen daher hilflos ausgeliefert ...
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 137
Veröffentlichungsjahr: 2024
Cover
Die Schöne und der Tod
UFO-Archiv
Vorschau
Impressum
Arvid Winger
Die Schöne und der Tod
Klinik FM Corporation
Bay Mills, Michigan, 14. April 2024, 18:05 Uhr
Eve Gardner lag auf dem Rücken und starrte nach oben. Das permanente Geräusch der Rollen auf dem Fußboden war zu hören. Der Pfleger Joshua schob seine Patientin auf einer Trage durch die Flure der Klinik. Im Rhythmus von einigen Sekunden huschten die in die Decke eingelassenen LED-Lichter über die beiden hinweg, und blendeten die Mittdreißigerin für einen kurzen Augenblick. Eve spürte den kräftigen Schlag ihres Herzens. Sie bemühte sich um eine gleichmäßige Atmung, um es zu kontrollieren, denn eigentlich wollte sie aufspringen und davonlaufen. Aber man hatte ihr etwas verabreicht, was jede Bewegung unmöglich machte. Sie war dem Ganzen daher hilflos ausgeliefert ...
Das Gesicht des Pflegers konnte sie nur für den Bruchteil einer Sekunde erkennen. Er nahm keine Notiz von ihr. Genauso gut konnte er einen Sack Kartoffeln durch die Flure schieben. Ebenso wenig verschwendeten all die anderen Mediziner, die sich in geschäftiger Bewegung an Eve vorbeidrängten, auch nur einen Gedanken an sie. Dabei war sie doch so unendlich wertvoll. Aber genau dieser Umstand half ihr jetzt nicht, sondern kehrte die Situation ins Gegenteil um. Sie wurde missbraucht.
Am Fahrstuhl angekommen ging es in den Keller. Zwei Stockwerke ins Erdreich. Es wurde kühler. Mit jeder Minute wurde die Herzfrequenz intensiver. Das Atmen fiel schwerer und schwerer. Erinnerungsfragmente schossen Eve durch den Kopf. Wie hatte sie sich nur auf all das einlassen können? Natürlich, man hatte sie belogen, hatte ihr gesagt, dass man ihr helfen würde. Aber in Wahrheit brauchte man ein Versuchskaninchen für die Forschung. Und sie war einfach eine Probandin mit den idealen Voraussetzungen.
Jetzt war allerdings nicht der richtige Zeitpunkt, um sich Selbstvorwürfe zu machen. Die Zeit drängte. Sie musste hier raus. Noch so eine Operation würde sie nicht überleben. Dessen war sie sich bewusst. Aber wie konnte sie fliehen? Ihr Kopf war klar, aber ihr Körper lag bewegungsunfähig auf dieser Rolltrage. Sie hatte keine Macht über ihre Muskeln.
Im nächsten Moment ging eine Doppeltür mit einem Summton auf. Joshua schob sie in den dahinterliegenden Raum.
Eve kannte ihn. Es war der Vorbereitungsraum für Operationen.
Der Anästhesist Dr. Phil Hauser wartete bereits auf sie. Er hatte schon ein paar Spritzen mit den benötigten Medikamenten vorbereitet und war mit voller Arztmontur bekleidet, da er die bevorstehende Operation begleiten wollte. Aufgrund der Maskerade waren lediglich noch seine Augen zu erkennen, die hinter einer Brille hervorlugten.
Dr. Hauser nickte Joshua kurz zu. »Danke, Sie können gehen.«
Joshua wandte sich sofort ab, verließ eilig den Raum, fast, als ob er auf keinen Fall mitbekommen wollte, was hier gleich vor sich gehen würde.
»Gut geschlafen?«
Eve starrte Dr. Hauser entsetzt an. Sie wusste, dass er wusste, dass es ihr nicht möglich war, zu antworten. Ihre Zunge war gelähmt, und er hatte das Zeug dafür angerührt, das ihr dann intravenös verabreicht worden war.
Der Anästhesist erwartete auch nicht wirklich eine Antwort, sondern widmete sich sogleich dem Aufziehen der nächsten Spritze.
Eve versuchte, sich zu konzentrieren. Ihre Zunge zu spüren. »Nein, nein, will nicht«, brachte sie schließlich röchelnd hervor.
Dr. Hauser reagierte mit einem kurzen, müden Lächeln.
Eve fühlte, wie sie ihre Energie für kurze Zeit bündeln konnte. Sie versuchte, ihre Hände zu heben, was auch teilweise gelang, jedoch durch Handfesseln im Großen und Ganzen unterbunden wurde.
»So eine Operation ohne Vollnarkose ist sicherlich keine angenehme Erfahrung«, versuchte Dr. Hauser Mitgefühl zu heucheln. »Aber bei solch sensiblen Eingriffen am Gehirn benötigen wir dringend und sofort Ihre Reaktion.«
Dr. Hauser setzte eine Spritze über eine Infusionsnadel an und presste die Flüssigkeit in den Körper der Patientin.
Eve stöhnte auf.
»Das wird Ihre Empfindungen zurückbringen. Leider auch den Schmerz.«
Eve war die Panik an den Augen anzusehen.
Dr. Hauser bereitete die nächste Infusion vor. »Diese Dosierung hat geradezu etwas Künstlerisches an sich. Exakt so viel, dass Sie alles mitbekommen, aber zu wenig, als dass Sie sich nicht wehren können«, sinnierte er.
Eve spürte, wie sie in einzelnen Gliedmaßen langsam wieder zu Kräften kam. Erneut rüttelte sie an den Handfesseln. Aber um sich zu befreien, reichte ihre Kraft noch längst nicht aus. Auch drängte die Zeit nicht mehr, denn sie endete quasi jetzt. Es war ihre letzte Chance, um zu entkommen, obwohl diese Möglichkeit eigentlich gar nicht existierte.
Sie versuchte zu sprechen, brachte jedoch nur einige unverständliche Laute hervor.
Dr. Hauser drehte sich überrascht zu ihr um. »Ist was?«, fragte er.
Eve rang unter Anstrengung erneut nach Worten. Als Antwort auf den fragenden Blick des Anästhesisten blinzelte sie, sodass Dr. Hauser sich zu ihr hinunterbeugte. Sein Ohr war ganz dicht an ihrem Mund.
In diesem Moment schnellte der Kopf von Eve empor. Blitzschnell schnappte sie mit ihrem Mund zu und biss Dr. Hauser. Genauer gesagt wurde dessen linkes Ohr in Mitleidenschaft gezogen. Sie ließ es nicht mehr los.
Der Mediziner schrie auf, versuchte sich loszureißen, was ihm unter all den Schmerzen jedoch nicht gelang. So zappelte er hilflos dicht über der Patientin.
Eve riss erneut an ihren Handfesseln, bekam ihre Rechte schließlich frei und schwang sie um den Hals des Anästhesisten.
Jetzt röchelte er.
Eve warf nun mit einem kräftigen Ruck ihren Kopf zurück und hatte dabei das Ohr noch in ihrem Mund. Sie spuckte es aus, während Dr. Hauser vor Schmerz wild um sich schlug. Aber es blieb ihm die Luft weg, um sich wirklich wehren zu können. Einige Sekunden später sackte er leblos in sich zusammen.
Eve richtete sich mit ihrem Oberkörper auf und betrachtete ihre Hände und Handgelenke. Sie waren gerötet, blutig und teilweise von Hautfetzen bedeckt. Rational konnte sie sich nicht erklären, wie sie es geschafft hatte, sich aus den Handfesseln zu befreien. Aber sie hatte es geschafft. Sie musste es einfach, denn sie musste fliehen.
Einen kurzen Moment vernahm Eve ein Schwindelgefühl, dann rutschte sie von der Trage herunter. Die Taubheit in ihren Füßen hielt nur ganz kurz an, dann spürte sie den kalten PVC-Boden.
Dr. Hauser lag neben ihr.
Obwohl Eve eigentlich sofort verschwinden wollte, spürte sie den Drang, noch etwas zu tun. Sie ging zu der Kommode, auf der weitere vorbereitete Spritzen lagen. Ohne viel Nachdenken nahm sie eine davon, beugte sich zu dem Anästhesisten hinab und stach ihm die Nadel mitten in die Stirn.
»Für dich, du Arschloch.«
Eve hatte keinen Schimmer, ob Dr. Hauser überhaupt noch lebte, bewusstlos war oder einfach nur regungslos dalag. Es war ihr wichtig, ihrem Hass einen passenden Ausdruck zu verleihen. So gerne hätte sie ihrem ganzen Zorn freien Lauf gelassen, aber sie hatte keine Zeit zu verlieren.
Vorsichtig öffnete Eve die Tür. Am Ende des Ganges sah sie zwei Ärzte, die in ein Gespräch vertieft waren und ihr den Rücken zukehrten. Eve blickte an sich herab und erkannte, dass sie das übliche OP-Nachthemd trug. An Flucht war so nicht zu denken.
Sie wartete. Wenige Minuten später kam eine Pflegerin den Flur entlang, allein. Als sie das Vorbereitungszimmer erreichte, öffnete Eve die Tür einen Spalt und streckte ihre Hand hindurch, ohne selbst sichtbar zu sein.
»Hey, Kollegin, kannst du mir mal helfen?«
Die Pflegerin hielt kurz inne, folgte dann überrascht Eves Fingerzeig und betrat den Raum.
Im nächsten Moment schnellte Eves Hand zum Hals der Pflegerin, die daraufhin nach hinten fiel und mit dem Kopf an die Wand prallte. Ohne jegliche Gegenwehr glitt sie zu Boden, hinterließ dabei eine Blutspur an der Wand, die perfekt zu ihrem dick aufgetragenen Lippenstift passte.
Eve zog der Pflegerin die Kleidung aus und sich damit an. Den Infusionszugang entfernte sie sich selbst und legte auch einen kleinen Verband an. Es musste schnell gehen, denn das Operationsteam konnte jeden Augenblick erscheinen.
Die Patientin betrat nun den Flur und versuchte, trotz größter Angst und Sorge um ihr Leben, möglichst aufrichtig und selbstbewusst zu gehen.
Als die ersten Personen ihr entgegenkamen, zuckte sie noch innerlich zusammen. Sie hatte die Hände in ihrer Jackentasche und hielt eine weitere Spritze fest umklammert. Sie war bereit, diese einzusetzen, gegen wen auch immer.
Eve folgte den Schildern zum Aufzug. Obwohl es nur zwei Stockwerke nach oben ging, kam es ihr wie eine Ewigkeit vor. Der Fahrstuhl schien ungewöhnlich langsam zu sein.
Im unteren Obergeschoss stieg ein junger Assistenzarzt hinzu. ›Maurice Wright‹ konnte Eve auf dem Namensschild lesen.
»Wir sind komplett identisch«, sagte der Arzt und lächelte Eve an.
Eve schaute verwundert zurück.
»Die Namen. Also, die Initialen«, fügte Wright hinzu.
Eve lächelte gezwungen. Sie hatte auch ein Namensschild an ihrer Jacke, hatte jedoch in der Hektik nicht darauf geachtet, wie ihr Opfer hieß. Sie versuchte daher nun vorsichtig, auf das Schild zu schielen, aber die Buchstaben standen auf dem Kopf, sodass sie sie nicht sofort entziffern konnte.
»Maria Warner«, las ihr Gegenüber stattdessen laut vor, um im Gespräch mit ihr zu bleiben. »Bist du neu hier? Habe dich noch nie gesehen.«
Eve nickte. »Aushilfe.«
In diesem Moment öffneten sich die automatischen Fahrstuhltüren mit einem Gong.
Maurice Wright nickte ebenfalls. »Okay, bis dann.«
Eve zögerte kurz, sah sich um und folgte schließlich den Schildern in Richtung Ausgang.
Oben herrschte ein reges Treiben. Dies war der »offizielle Teil« der Klinik FM Corporation.
Es handelte sich um eine Fachklinik für Schönheitschirurgie, wie auf den zahlreichen Monitoren mit Werbung deutlich zu lesen war.
Junge Frauen und Männer kamen hierher, um besonders attraktiv wieder zu gehen. Ältere Personen wollten hingegen nach einem Eingriff jünger aussehen, als sie es tatsächlich waren.
Für Eve war jedoch alles anders. Jetzt machte sie die entscheidenden Schritte durch die Schiebetür nach draußen in die Freiheit. Daraufhin erklang ein Alarm aus dem Gebäude, doch Eve ging unbeirrt weiter.
Friedhof
Gaylord, Michigan, 16. April 2024, 14:15 Uhr
Edgar Dupont stammte aus einer französischen Adelsfamilie. So jedenfalls erklärte er sein Vermögen. Es lag ihm zeitlebens viel daran, diese Spur zu zementieren. Diverse Versuche, ihn über zweifelhafte Stammbäume gar dem Königsgeschlecht nahezubringen, waren jedoch erfolglos geblieben.
Das hinderte ihn aber nicht daran, zumindest mit einer verschwägerten Nähe eine etwaige Dauphin-Verbindung zu Ludwig XII. herzustellen.
Entsprechend nobel wohnte Dupont auf einem großzügigen Landsitz mit vielen hübschen Gartenlauben.
Die Dienerschaft kümmerte sich um einen wundersam üppigen Garten, ja selbst das Rotwild durfte hier ungestört grasen, da Dupont aus seiner Abscheu gegenüber der Jagd keinen Hehl machte.
Aufgrund der Einblicke der Bediensteten in seine Privatsphäre verbreitete sich bald das Gerücht, dass Dupont auf seinem Landsitz einer ganz anderen Art von Jagd nachging – nämlich der Jagd auf weibliche Gesellschaft.
So wurde spekuliert, dass die Gartenlauben eher wie ein kleines Spa eingerichtet waren, mit allem, was dazugehört. Auch über seine finanzielle Lage gab es wilde Spekulationen. Es hieß, dass er vor fünfzig Jahren wegen Steuerforderungen des französischen Staates hastig in die Neue Welt ausgewandert war.
Als ein Journalist vor vielen Jahren ein seltenes Interview mit Edgar Dupont führte, behauptete er, Spuren von Kokain auf der Gästetoilette gefunden zu haben. Es wurde jedoch nie ein Verfahren eingeleitet, da Dupont als Unterstützer der amerikanischen Politik bekannt war und sowohl den Demokraten als auch den Republikanern Millionenbeträge spendete.
Dupont hatte keine eigenen Kinder, daher beschränkte sich seine familiäre Bindung während seiner Zeit in den Vereinigten Staaten auf seine Ehefrau Camille. Man hätte daher annehmen können, dass seine Beerdigung, die gerade stattfand – er war eine Woche zuvor im Alter von siebzig Jahren friedlich eingeschlafen – relativ klein ausfallen würde. Von ein paar Schaulustigen abgesehen.
Doch der Trauerzug war fast so groß wie eine Parade zum Unabhängigkeitstag in Gaylord. Eine lange Reihe von Menschen in schwarzer Kleidung erstreckte sich über die Hauptstraße an der Kirche entlang bis zum Friedhof.
Es waren ausnahmslos Frauen im gebärfähigen Alter. Sehr zum Ärgernis der Dienerschaft. Schließlich hatte man sich jahrelang um das Wohlbefinden des vermeintlichen Dauphin-Nachkömmlings bemüht und musste nun feststellen, dass sich wohl sämtliche Frauen in und um Gaylord ebenfalls Hoffnungen machten, bei dem bevorstehenden Erbe aus unerfindlichen Gründen bedacht zu werden.
Einige Gäste weinten leise, während andere versuchten, ihre Emotionen zu unterdrücken. Die meisten aber waren einfach nur dabei. Beobachtend, abwägend.
Der Friedhof von Gaylord hatte jedoch noch nie einen solchen Andrang erlebt.
Vom zuständigen Officer Joseph Brown, einem Mittvierziger mit indischem Migrationshintergrund, schmalem Oberlippenbart und durchdringenden Augen wurde sogar kurzfristig ein Verbot für Autokorsos erlassen. Möglicherweise bestand gerade darin die Ursache dafür, dass die Traube am Grab immer größer wurde. Die Folge davon war jedenfalls, dass die Trauernden an die Mauern der Friedhofsbegrenzung gepresst wurden, unachtsam über andere Gräber stolperten, Holzkreuze herausrissen und Blumengedecke niedertrampelten.
Innerhalb kürzester Zeit herrschte auf dem Friedhofsgelände ein Chaos, das ansatzweise an das Musikfestival in Woodstock erinnerte. Die Unruhe zog sich durch alle Reihen, kaum jemand konnte sich auf die Ansprache des Pfarrers konzentrieren. Dieser war ohnehin nicht mit einem Mikrofon ausgestattet, da er niemals mit einem solchen Andrang gerechnet hatte.
Blicke wurden hin- und hergeworfen, als eine allgemeine Neugier aufkam. Wer war wohl für diesen Tumult verantwortlich?
»Bewahren Sie Ruhe, ich bitte Sie. Wir finden genügend Platz für alle«, unterbrach der Priester sich selbst. Doch er bemerkte schnell, dass ihm niemand wirklich zuhörte. Vermutlich genauso wenig wie beim Versuch zuvor, den Tod als etwas Freudiges darzustellen, das den Beginn eines unendlichen Lebens markierte.
»Ich bitte Sie, nehmen Sie Rücksicht aufeinander.«
Der Priester beobachtete fassungslos wie wirkungslos seine Worte waren. Das machte ihn stutzig. Schließlich verkündete er Gottes Wort. Oder tat er das etwa nicht? Ob er nun ein Vater Unser beten würde oder sich um Ordnung bemühte, schien den Menschen in diesem Moment egal zu sein. Völlig egal.
Je mehr er in die Menschenmasse blickte, desto verschwommener wurde sein Blick. Einzelne Gesichter waren für ihn nicht mehr zu erkennen. Alle verschmolzen zu einem großen, dunklen Haufen. Er hatte die Kontrolle verloren.
Matthew Wylde, so der Name des Priesters, setzte sich. Nicht wirklich bewusst, denn vielmehr sank er in die Knie, bis sein Hintern Halt bekam. Und zwar an einem kniehohen Grabstein hinter ihm. Wylde setzte sich dennoch. Und niemand schien es ihm übel zu nehmen. Jeder war mit sich selbst oder anderen beschäftigt.
Wylde überlegte. Wann hatte er seine Gemeinde verloren? Wirklich heute? Gestern? Letzten Monat? Letztes Jahr?
Ein Treffen mit seinem Priesterfreund Leo Hurt aus Chicago, das erst vor Kurzem stattgefunden hatte, kam ihm in den Sinn.
Hurt hatte eine Leidenschaft für Drohnenflugzeuge. Obwohl er selbst Flugangst hatte und nie ein Flugzeug bestiegen hatte, konnte er sich so vorstellen, wie Gott die Welt von oben sah.
Wylde war von dem Gedanken fasziniert, zumindest bis bei einem Demonstrationsflug der Kontakt abbrach und die Drohne ins Nirgendwo steuerte. Unaufhaltsam. Der Priester wusste nicht, ob Hurt seine Drohne jemals wiedergefunden hatte. Zumindest nicht an diesem Nachmittag.
Wylde lächelte kurz in sich hinein. Er erinnerte sich an diese Gegebenheit, da ihm seine Gemeinde jetzt selbst wie eine Drohne vorkam. Der Kontakt war abgebrochen, die Fernsteuerung funktionierte nicht mehr. Die Gläubigen bewegten sich daher orientierungslos hin und her.
Benötigt die Kirche mehr Kontrolle? Derartige Gedanken beschäftigten Wylde. Wäre Gedankenkontrolle die Lösung? Er hatte bereits zahlreiche wissenschaftliche Berichte über Operationen, genetische Veränderungen und KI gelesen, die den Menschen ersetzen könnte. Würde sie auch eines Tages Gott ersetzen?
Der Priester hatte sich schon einige Zeit mit diesen Theorien beschäftigt, doch er hatte niemanden zum Austausch. Wissenschaft war in seinem Bistum nicht erwünscht, besonders wenn sie den Glaubensfragen diametral gegenüberstand. So versteckte er all seine Zeitschriften zwischen Bettmatratze und Lattenrost.
Wylde zweifelte. Er suchte vielmehr nach Auswegen und Lösungen. Der Mensch spezialisierte Hunde. Als Lebensretter, Blindenhund, Wachhund oder Familienhund. In jeder erdenklichen Größe. Mit Krankheiten und ohne. Aber meistens mit, denn jede Spezialisierung zollte ihren Tribut von der Natur, das war ihm klar. Sollte es nicht auch möglich sein, den Menschen zu spezialisieren? Als Friedensmensch? Als Familienmensch? Als Glaubensmensch? Man müsste lediglich versuchen, das Gute eines jeden Menschen herauszufiltern und dieses fortzupflanzen.
Weiter kam der Priester in seinen Gedanken nicht. Von irgendwo war ein Schrei zu hören. Dann noch einer. Schließlich ganz viele.
»Hilfe. Zu Hilfe!«, rief Susan Petry.
Sie war die Reinigungskraft von Priester Wylde. Er erkannte ihre Stimme sofort. Aber er wusste nicht, woher sie kam, denn plötzlich ertönte Geschrei aus allen möglichen Ecken des Friedhofs. Die Trauernden stießen sich gegenseitig hin und her und brachten damit alle zu Fall.
Die Sargträger kämpften – um ihr Gleichgewicht, um den Sarg auf ihren Schultern. Obwohl der verstorbene Dupont kaum mehr als siebzig Kilogramm wog, war es nahezu unmöglich, das Gleichgewicht zu halten.
