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»Eine besondere Art von Liebesbrief an ein geschundenes Land und dessen Bewohner.« The New Yorker
Der vielfach preisgekrönte ukrainischen Autor beschwört das ureigene Wesen der geliebten Heimat herauf: durch seine Geschmäcke, Gerüche und Geräusche, seine kleinen und großen Städte, vor allem aber durch seine Menschen und ihre zutiefst widersprüchlichen Gefühle.
»Die Ukraine« ist eine Sammlung von Texten, in denen bewusst die Grenze zwischen Sachbuch und Fiktion verwischt: In der ergreifenden und zugleich komischen Geschichte »Pan Ivan und die drei Bären« gleicht eine Gruppe ukrainischer Männer den Bären in den urbanen Mythen, die sie sich gegenseitig erzählen. »Die ausbeuterische Maklerin« beschreibt die Begegnung eines gestressten jungen Mannes mit einer engelsgleichen Maklerin in Kyjiw, als er für sich und seine schwangere Frau eine Wohnung sucht, und in »Marmelade« erzählt Tschapaj von seiner illegalen Einreise in die verstrahlte Zone von Tschernobyl und wie unglaublich friedlich es dort im Vergleich zu einem Land im Krieg scheint.
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Seitenzahl: 396
Veröffentlichungsjahr: 2025
Der vielfach preisgekrönte ukrainische Autor Artem Tschapaj beschwört das ureigene Wesen der geliebten Heimat herauf: durch seine Geschmäcke, Gerüche und Geräusche, seine kleinen und großen Städte, vor allem aber durch seine Menschen und ihre zutiefst widersprüchlichen Gefühle.
»Die Ukraine« ist eine Sammlung von Texten, in denen bewusst die Grenze zwischen Sachbuch und Fiktion verwischt: In der ergreifenden und zugleich zutiefst komischen Geschichte »Pan Iwan und die drei Bären« findet eine Gruppe ukrainischer Wanderer in den Karpaten Zuflucht beim Hüter einer Biostation, der ihnen von unwahrscheinlichen Begegnungen zwischen Menschen und Bären erzählt. »Die blutsaugende Maklerin« beschreibt die Begegnung eines gestressten jungen Mannes mit einer Kyjiwer Maklerin, die sich entgegen seiner Vorurteile gegenüber dieser Zunft von ihrer menschlichen Seite zeigt. und in »Marmelade« erzählt Tschapaj von seiner illegalen Einreise in die verstrahlte Zone von Tschornobyl und wie unglaublich friedlich es dort im Vergleich zu einem Land im Krieg scheint.
ARTEMTSCHAPAJ wurde in der westukrainischen Stadt Kolomyia geboren und lebt heute in Kyjiw. Er ist Autor mehrerer Romane und Sachbücher, Co-Autor einer Sammlung von Kriegsreportagen sowie viermaliger Finalist des BBC Book of the Year Award. Seine Geschichtensammlung DIEUKRAINE war nominiert für den Lviv UNESCO City of Literature Prize, sein Werk wurde in sieben Sprachen übersetzt. Im März 2022 wurde seine Kurzgeschichte »The Ukraine« als erster Text eines ukrainischen Autors im renommierten US-Magazin The New Yorker veröffentlicht.
ARTEM TSCHAPAJ
Aus dem Ukrainischen, Russischen und Surschyk von Jutta Lindekugel
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »The Ukraine« bei 21-Publishers, Czernowitz, Ukraine.Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.
Copyright © der Originalausgabe 2024 by Artem Tschapaj
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2025 by btb Verlag
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH
Neumarkter Straße 28, 81673 München
(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)Redaktion: Sophie FendelDie Übersetzerin dankt Maja Strohmeyer für die Unterstützung bei der Übertragung der Geschichte »Jetzt bloß nicht lachen«. Covergestaltung: semper smile, München, unter Verwendung von
Bildmaterial von Olga Shtonda
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-32757-6V001
www.btb-verlag.de
www.facebook.com/penguinbuecher
Eine Million Geschichten
Pan Iwan und die drei Bären
Bitte, mein Sohn!
Rymma Hryhoriwna sehnt sich nach Gesellschaft
Das erste Mal
Tut mir leid, dass ich nicht mehr zu bieten habe
Die blutsaugende Maklerin
Das ist meine Wohnung!
Fühl dich einzigartig!
Eine Seele pro Haus
Jetzt lach bloß nicht!
Der unverdorbene Geist der Provinz
Basar never sleeps
Zahlt einfach eure Steuern
Ein extravaganter Abschied
Die zwei Antons
Falsche Annahmen
Rehabilitation
Du rockst das!
Pass auf dich auf, Bro!
Lebst du etwa hinterm Mond?
Eine ganz gewöhnliche Sterbliche
Meine Tochter versteht es immer noch nicht
Das Wunderkind in ihr
Marmelade
Freiheit für Papua
The Ukraine
Vorwort zu dieser Ausgabe
Während ich dies schreibe, befinden sich meine Frau, meine beiden Söhne (sieben und neun Jahre alt) sowie unser Jack Russell Terrier in einer Zeltstadt für Geflüchtete außerhalb von Przemyśl an der polnisch-ukrainischen Grenze. Relativ betrachtet, haben sie Glück gehabt.
Das Kind eines engen Freundes dagegen liegt in Dnipro auf der Intensivstation. Zehn Tage zuvor war die gesamte Familie im Keller eines Gebäudes in Mariupol eingeschlossen worden, das nach einem russischen Bombenangriff eingestürzt war. Dieser Freund schrieb mir, sein Sohn sei gleich in Mariupol und dann noch einmal nach der Evakuierung in Dnipro operiert worden. Nun sei »das Schlimmste überstanden«. Der Zustand des Teenagers sei »kritisch, aber stabil«. Ich habe Angst davor nachzufragen, was das genau bedeutet.
Eine andere Freundin hat neulich versucht, von Irpin, einem Vorort der ukrainischen Hauptstadt, nach Kyjiw zu gelangen, nachdem russische Granaten ihr Haus erwischt hatten. Eine umgestürzte Kiefer blockierte die Straße, sodass sie mit dem Auto stecken blieb. Da Google Maps nicht alle befahrbaren Waldwege anzeigt, wusste sie nicht, was tun. Also bat sie über einen Facebook-Post um Rat. Einige ihrer Freunde empfahlen ihr, die zehn, fünfzehn Kilometer bis Kyjiw zu laufen, zu Fuß durch die Wälder. Andere warnten sie vor russischen Minen und rieten ihr stattdessen, auf demselben Weg, den sie gekommen war, nach Hause zurückzukehren und auf eine organisierte Evakuierung zu hoffen. Seit diesem Post hat sie nichts mehr von sich hören lassen, auch jetzt nicht, während ich dies schreibe.
Der Bruder meiner Mutter war noch zu Sowjetzeiten aus der Ukraine nach Russland gezogen. Als wir ihm nun nach dem Beginn von Putins flächendeckender Invasion der Ukraine schrieben, lautete seine erste Antwort: »Das sind alles Fake News.« Auf die Nachricht seiner eigenen Schwester, dass ich – ihr Sohn, sein Neffe – in einem Luftschutzkeller ausharrte, erklärte mein Onkel: »Du hast deine Wahrheit, und wir haben unsere.« Das also war der maximale Kompromiss, zu dem er fähig war. Ich begreife immer noch nicht, wie jemand der Regierungspropaganda mehr Glauben schenken kann als Berichten der eigenen Verwandten aus erster Hand. In jedem Fall lässt es die Menschheit in einem sehr düsteren Licht erscheinen.
Den Entwurf dieses Textes tippe ich in mein Handy. Und zwar in meiner Freizeit nach einem Tag Dienst bei den Ukrainischen Streitkräften, zu denen ich mich vor einigen Wochen freiwillig gemeldet habe. Zu meinen Aufgaben im Rahmen des Armeedienstes gehört es, Informationen über drohenden Raketenbeschuss in der Befehlskette weiterzuleiten, sobald die Luftabwehr uns darüber in Kenntnis setzt. Gestern trafen einige Geschosse ihr Ziel. Heute gab es wieder Bedrohungen, aber alles verlief bisher »ruhig«, das heißt ohne Treffer. An den ständigen Luftschutzalarm haben wir uns im Laufe des letzten Monats bereits gewöhnt.
Während ich diesen Text fortschreibe – Absatz für Absatz, in den kurzen Zeitfenstern, die mir vor und nach den Schichten voller Armeepflichten bleiben –, kommen immer mehr schreckliche Ereignisse hinzu. Immer häufiger trifft es Menschen, die mir nahestehen. Gerade jetzt, da die Wunden noch frisch sind, würde ich mich aber schämen, dieses Leid auszuschlachten, nur um einen Text daraus machen zu können. Die Erfahrung der letzten Wochen hat mich gelehrt, dass die menschliche Fähigkeit zur Empathie begrenzt ist: Man schildert den erlebten Horror, die Qualen, und bemerkt, wie sich der Gesprächspartner aus purem Selbsterhaltungstrieb heraus weigert, die Schilderung in vollem Umfang aufzunehmen. Vor über einem Jahrhundert schrieb Mychajlo Kozjubynskyj, der wahrscheinlich stärkste Prosaautor in der ukrainischen Literatur, eine Kurzgeschichte. Darin liest der Erzähler in der Zeitung eine Meldung über Bauern, die während eines Streiks 1905 getötet wurden, während er gleichzeitig eine süße, saftige Pflaume mampft und sich dann genüsslich die Finger ableckt.
Am 24. Februar 2022 wachten meine Frau und ich noch im Dunkeln von den ersten Explosionen auf und sagten: »Ze wono« – »Das ist es« oder »Es hat angefangen«. Innerhalb von fünfzehn Minuten waren wir abfahrbereit, denn wir hatten längst eine Notfalltasche gepackt, obwohl wir den Warnungen nicht wirklich geglaubt hatten. Nach dem Motto: Ach, hör doch auf, es kann gar nicht sein, dass so etwas im Europa des einundzwanzigsten Jahrhunderts tatsächlich passiert!
Ein Jahr zuvor hatten wir endlich unsere Wohnung abbezahlt. Jetzt wissen wir nicht, ob wir jemals zurückkehren werden. Und das, obwohl unser Gebäude, während ich dies schreibe, noch nicht durch russische Bomben beschädigt worden ist. Aber wie sich herausgestellt hat, gibt es sowieso weitaus Wichtigeres. Da wir kein Auto besitzen, brachten Freunde uns aus Kyjiw hinaus (und retteten uns damit höchstwahrscheinlich das Leben). Wir hatten nichts als einen Rucksack für uns vier dabei. Darin: Unterlagen, Bargeld, Bankkarten und Energieriegel aller Art für drei Tage. Sämtlichen übrigen Besitz haben wir verloren. Der einzige Verlust aber, den ich wirklich bedauere, ist der Science-Fiction-Roman, den mein neunjähriger Sohn handschriftlich in einem Notizbuch verfasst hat. Wir konnten dieses wörtlich zu nehmende manuscriptum nicht im Voraus einpacken, weil mein Sohn der Geschichte jeden Tag ein paar Seiten hinzufügte. Ich dachte immer wieder an dieses Notizbuch, ich dachte daran, aber in der Panik des Augenblicks vergaß ich es am Ende doch. Alle anderen materiellen Gegenstände spielen keine Rolle mehr, einzig wegen des Notizbuchs habe ich Tränen vergossen. Auch jetzt weine ich manchmal, aber der Grund ist nichts Materielles, sondern Ernsteres – wie die hier wiedergegebenen Geschichten.
Jede dieser Geschichten hat sich millionenfach abgespielt. Jede ist einzigartig, dennoch ähneln sie einander. Während ich dies schreibe, hat die Hälfte der ukrainischen Kinder ihre Heimat verlassen. Vier Millionen Menschen sind ins Ausland geflohen. Hunderttausende Männer und Frauen haben sich den Ukrainischen Streitkräften oder der Territorialverteidigung angeschlossen.
Ursprünglich waren wir aus Kyjiw in die Westukraine ausgewichen, ins Haus meiner Eltern. An dem Tag, an dem ich dieses verließ, um der Armee beizutreten, schenkten mir meine Kinder eine billige Magic Snake von Rubik. Natürlich brach die Verbindungsstruktur, die die Prismen zusammenhielt, noch bevor ich überhaupt in den Zug stieg. Inzwischen aber haben sich diese kleinen dreieckigen Plastikteile in eine Metapher für unser zertrümmertes Leben verwandelt. Die Spielzeugfragmente zählen plötzlich zu den wertvollsten Dingen, die ich bei mir trage. Meine Frau Oksana hat mir erklärt, dass sie um der Kinder willen versucht, Empfindungen nicht zuzulassen, gefühllos zu werden. Ich hingegen will alles fühlen und bin so glücklich, dass es Oksana, unsere Kinder, unsere Eltern und meinen Bruder gibt. Meine Liebe zu ihnen ist stärker denn je.
In den ersten Tagen des Krieges empfand ich für alle um mich herum große Zuneigung, und ich hatte das Gefühl, dass das auf Gegenseitigkeit beruhte. Als ich etwa in eine Bank geschickt wurde, um mir meinen Armeeausweis ausstellen zu lassen, schob man Stühle herbei und brachte hervorragenden, frisch gebrühten Kaffee. An den benachbarten Schaltern standen die Menschen Schlange, um Geld für die Armee zu spenden. Großmütterchen aus der Nachbarschaft brachten schüsselweise frisch gekochtes Essen in die Kasernen. »Esst, sonst wird es schlecht«, forderten sie uns auf. Die Haltung der Führungsriege gegenüber den einfachen Truppen ist nicht mehr dieselbe, die ich aus Friedenszeiten kenne, als ich als junger Mann gedient habe: Statt schwachsinniger Vorschriften herrschen nun Sanftmut und Menschlichkeit vor. »Ruht euch aus, solange ihr könnt«, sagen sie. »Bitte schön, hier hast du eine Decke.«
Es ist ein seltsamer und surrealer Krieg, denn er findet nicht nur in der Realität statt, sondern gleichzeitig auch in der virtuellen Welt. Obwohl die Regierung dazu aufgerufen hat, keine Informationen weiterzugeben, die dem Feind nützen könnten, ist es möglich, dass Smartphones hin und wieder Sicherheitsprobleme verursachen. Aber ich bin davon überzeugt, dass der kumulative Effekt einer stetigen Unterstützung durch geliebte Menschen die Sicherheitslücke mehr als wettmacht. Zum ersten Mal in meinem Leben konsultiere ich sogar einen Psychotherapeuten, wenn auch auf virtuellem Wege.
Durch diesen beständigen Kontakt konnte ich beobachten, wie sich die Gefühle reproduzierten, scheinbar ebenfalls millionenfach. Die anfängliche allumfassende Liebe, die alle füreinander empfanden, wurde bald ersetzt durch ein vielschichtiges Gefühl der Survivor’s Guilt. Als ob alle das Gefühl hätten, im Vergleich zu anderen ungerechtfertigtes Glück gehabt zu haben und zu wenig zu leisten.
Danach verbreitete sich eine andere Wahrnehmung: »Hey, hey, hey! Russland hat sich die Zähne ausgebissen, Putins Blitzkrieg ist ins Stocken geraten! Wir dagegen werden zu einer legendären Nation, unsere Geschichte wird zu einem Heldenepos, wir sind die dreihundert Spartaner des Leonidas! Statt ›Das ist Sparta!‹ schreien wir ›Das ist Butscha!‹.« In diesem Vorort von Kyjiw waren ganze Straßen mit ausgebrannten Panzern der faschistischen russischen Invasionsmacht gefüllt. Faschistisch – so nannten wir sie nun, analog zum sowjetischen Terminus »faschistische deutsche Invasionsmacht« aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, der insbesondere die Ukraine überrollt hatte. Ich bin zwei Generationen später geboren, aber in der Vorschule habe ich noch viele abgeschossene Nazi-Bomber in Flammen gezeichnet. Ich denke, dass Putins Invasion der Ukraine den Kindern unserer Kinder auf die gleiche Weise fest eingeprägt sein wird.
Die Hormonausschüttung unter dem Eindruck der Notsituation konnte nicht ewig anhalten. Nach dem euphorischen »Wir halten noch stand!« begann eine emotionale Achterbahnfahrt. Alle, die man kannte, schienen dies gleichzeitig durchzumachen. Damit pendelte die öffentliche Meinung zwischen »Nicht mehr lange, dann schmeißen wir die Besatzungsmacht raus« und »Das wird wie im Donbass, das zieht sich noch über Jahre« hin und her. Und das zehnmal am Tag. Jeden Tag. Natürlich verbietet sich der Gedanke an eine Niederlage. Dennoch wechselt sich die Hoffnung »Der Putinismus kann jeden Tag untergehen« ab mit der Befürchtung »Was, wenn er den ganzen Planeten zerstört?«. Wenn dieser Text erst einmal übersetzt und veröffentlicht worden ist, das ist mir bewusst, werden sicher viele Leserinnen und Leser im Nachhinein urteilen, dass ich Unsinn geschrieben habe. Well. Ich beschreibe eben einen Moment am Scheidepunkt. Noch weiß niemand, in welche Richtung das Pendel ausschlagen wird.
Hier sind noch einige andere Gedanken, die mir jetzt, an diesem Scheidepunkt, kommen. Vielleicht liegt es am Schlafmangel nach der Nachtwache, aber mir scheint, dass wir Ukrainerinnen und Ukrainer im Frühjahr 2022 in einer Zeit und an einem Ort gelandet sind, an dem die Zukunft des Planeten buchstäblich von uns abhängt. Wir sind die Guardians der gesamten verdammten Galaxy. Wir können nicht wollen, dass andere an unserer Stelle Risiken eingehen oder leiden. Denn dann könnten die Dinge außer Kontrolle geraten und vielleicht zum Untergang des Planeten selbst führen. Als Kind habe ich mich gefragt, wie es wohl gewesen sein mag, in den 1950er-Jahren mit der schattenhaften Drohung eines Atomkriegs zu leben. Tja, jetzt, im Alter von vierzig Jahren, weiß ich es. Danke, Putin. Mögest du in der Hölle schmoren!
Wir Ukrainerinnen und Ukrainer können nicht aufgeben. Wir müssen die Diktatur selbst zermürben, sonst werden die Lebensbedingungen sich weltweit verschlechtern, sonst wird die Freiheit verloren gehen.
Sobald alles vorbei ist, werden die Menschen im »Zentrum des Weltsystems« natürlich wieder anfangen, uns in unserer Halbperipherie zu vergessen, und werden sich wieder auf das zentrale Weltgeschehen, auf sich selbst, konzentrieren. So ist das eben.
Zum jetzigen Zeitpunkt würden wir ohne die beispiellose Solidarität und Unterstützung, die wir erleben, nicht durchhalten. Vielen Dank, Welt!
In meiner Armeeeinheit bin ich von Menschen umgeben, die aus ungeschriebenen Geschichten in dem Buch, das Sie aufgeschlagen haben, stammen könnten. Ein Seminarist, der sich freiwillig gemeldet hat, sorgt sich, ob er je zum Priester geweiht werden kann, wenn er am Ende jemanden töten muss. Einem Bodybuilder kommen die Tränen, wenn er beschreibt, wie er und seine Frau an dem Tag, an dem Russland uns angriff, gemeinsam Warenyky zubereiten wollten. Ein ehemaliger Dorfvorsteher, studierter Zoologe und Dorfphilosoph aus Berufung, beeindruckt mich, einen professionellen Philosophen, immer wieder mit seinem kritischen Denken: Dieser Dorfvorsteher ist viel weniger empfänglich für unsere Kriegspropaganda als ich. (Ja, auch bei uns gibt es sie, und selbst meine Frau, eine marxistische Soziologin, räumt ein, dass sie eine unverzichtbare moralische Stütze darstellt.) Ein Hipster ringt verbissen mit unserem Kommandeur darum, seinen Bart behalten zu dürfen.
Sie alle sind natürlich nicht fehlerlos. Mein gefühlvollster Army Buddy, ein Vater von vier Kindern, ein mutiger, guter Kerl, reißt gern Witze über Sinti und Roma. Mein Lieblingsoffizier, der felsenfest hinter seiner Truppe steht, ist gleichzeitig ein knallharter Berufssoldat. Der Soldat Roman vom Feldbett neben mir ist ein bisschen homophob (und das ist noch eine Untertreibung). Der ältere Mychajlo, Spitzname »Google« (denn er weiß immer alles als Erster, und seine Angaben erweisen sich meistens als korrekt), kann dich mal trösten, mal grundlos beleidigen.
Wenn wir uns selbst und einander genauer betrachten, stellen wir fest, dass wir nicht so sind, wie wir uns gerne darstellen. Das trifft auf mich zu. Und auf Sie auch. Und auf all die Länder und Gesellschaften, in denen wir leben.
Und vielleicht ist es genau das, worum es in diesem Buch geht. Der Originaltitel »The Ukraine« nimmt übrigens in gewollter Provokation den »politisch unkorrekten« Artikel »the« auf, der in der ukrainischen Politikwissenschaft als postkolonial gilt. Tatsächlich ist er aber der englischen Literatur entlehnt, nämlich von D. H. Lawrence, der in Lady Chatterley schrieb: »the England which is really England«.
Die hier versammelten Geschichten habe ich zwischen 2010 und 2018 verfasst. Ich hoffe, dass sie zumindest ein wenig Licht darauf werfen, warum Millionen von Ukrainerinnen und Ukrainern – in vielen Fällen sogar für sie selbst überraschend – erkannt haben, wie sehr sie dieses unvollkommene Land lieben.
ARTEMTSCHAPAJ
Ukraine, März 2022
Eine Geschichte, die höchstwahrscheinlich auf wahren Begebenheiten beruht
Reglos stand er auf dem Gipfel des weißen Berges und schaute in unsere Richtung. Die Sonne und der Schnee blendeten uns. Vor dem Hintergrund des tiefblauen Himmels hob sich seine dunkle Gestalt deutlich ab.
»Wie ein Indianer«, sagte Wolodja, als er sich im knirschenden Schnee zu mir umdrehte.
Wir hatten unsere Rucksäcke neben dem Weg in die weiße Pracht plumpsen lassen und uns daraufgesetzt, um auszuruhen. Damit wir überhaupt vorankamen, mussten wir einem Trampelpfad im Schnee folgen, Schritt für Schritt. Das war anstrengend. Knietief im Schnee zu versinken, war allerdings noch anstrengender.
»Hui, der nimmt aber alles aufmerksam ins Visier«, sagte ich und spähte mit zusammengekniffenen Augen zu der Gestalt auf dem Berggipfel.
»Und gleich drückt er ab«, ergänzte Taras, der gerade auf uns zukam, und lachte.
Wolodja und ich lachten mit.
Da löste sich die Gestalt vom blauen Himmel und sauste den weißen Hang hinunter. Kein Prärieindianer hätte sich zu Pferd so schnell bergab bewegen können, wie dieser Mensch es auf Skiern konnte. Mit einem leisen Rascheln, geschmeidig, ohne eine einzige Schneeflocke aufzuwirbeln, hielt vor uns Pan Iwan oder, wie man auf Deutsch sagen würde, Herr Iwan.
»Guten Tag!«, rief Wolodja, während der Mann noch bremste.
»Grüß Gott«, sagte ich aus einem Impuls heraus in Nachahmung der lokalen huzulischen Mundart.
»Wo wollt ihr Jungs denn hin?«, fragte Pan Iwan.
Seine Augen und seine Stimme wirkten sanft. Sein Gesicht war gebräunt und voller Falten. Er hatte schlechte Zähne, dafür einen kräftigen Körperbau.
»Wohin es uns auch immer verschlägt«, antwortete Taras. »Vielleicht auf den Berg Scheschul. Vielleicht auf den Petros.«
»Auf den Petros werdet ihr es heute nicht schaffen«, warnte Pan Iwan.
»Wird es in der Nacht kalt?«, fragte Wolodja.
»Woher soll ich das wissen?« Pan Iwan zuckte die Achseln.
»Na, Sie sind doch von hier«, sagte ich.
»Ja und? Macht mich das zum Wetterfrosch?«
»Sind Sie der von der biologischen Station?«, fragte Wolodja.
»Ja.«
»Was ist das denn für eine Station?«, hakte Taras nach.
»In die Station kommen im Sommer Studierende aus Lwiw«, erklärte Pan Iwan mit einem Lächeln. »Wir sind hier ja im Naturschutzgebiet. Sie studieren die Pflanzen und die Schmetterlinge.«
»Und im Winter bewachen Sie sie?«
»Nun, ja. Keiner soll die Alm oder die Biostation verwüsten.«
»Sind Sie aus Kwasy?«
»Nun, ja!«
Hinter uns knirschte es. Der Rest unserer Gruppe stiefelte über den Trampelpfad heran. Auch sie warfen die Rucksäcke von sich, die mit einem gedämpften Geräusch in den Schnee sanken, und ließen sich darauffallen. Von uns allen stieg Dampf auf. Es war wärmer als vom Wetterbericht angekündigt. Wir waren ins Schwitzen geraten.
»Oh, wow!«, rief Maksym und zeigte auf die Ski des Mannes. »Haben Sie die Bindung selbst gebastelt?«
»Nun, ja«, antwortete Pan Iwan mit leisem Stolz. »Ich habe sie an die Ski angepasst. Ich habe nämlich keine Skischuhe.«
»Gehen die auf, wenn Sie hinfallen?«, fragte Maksym nach. Dann, nach kurzem Überlegen, fügte er hinzu: »Oder fallen Sie nicht?«
»Ich falle nicht«, bestätigte Pan Iwan ruhig. »Ich bin schon fast sechsundfünfzig.«
»Oho!«
»Nun, ja. In meinem Alter fährt keiner im Dorf mehr Ski. Aber mir gefällt es. Ich arbeite hier schon seit den Neunzigern. Ich liebe eben die Berge. Sonst gäbe es auch im Dorf genug Arbeit.«
Unsere Gruppe diskutierte lange, ob wir weiterwandern oder in der huzulischen Almhütte neben der Biostation übernachten sollten. Wir fragten Pan Iwan um Rat. Der bot uns an, bei ihm im Warmen zu schlafen. Was, alle zwölf? Sein Vorschlag bereitete uns Unbehagen. Für einige war er aber auch verlockend.
»Lasst uns weitergehen!«, drängte Taras leicht genervt. »Es ist erst Mittag. Warum sollten wir hier Zeit vertrödeln?«
Pan Iwan hörte uns eine ganze Weile zu. Wir suchten in seiner Mimik nach Bestätigung für unsere Entscheidung in die eine oder die andere Richtung. Doch er versuchte nicht, uns von seiner Idee zu überzeugen, ergriff nicht Partei, und plötzlich hatte er genug: Einsilbig verabschiedete er sich und war in der nächsten Sekunde schon weit weg, auf seinen Skiern unterwegs zum Holzgebäude der Biostation.
Wir marschierten schließlich weiter. Nachts herrschten minus zwanzig Grad. Am nächsten Morgen frischte der Wind auf, weshalb fünf von uns sich sofort an den Abstieg ins Dorf machten. Die restlichen sieben wanderten zum Grat hinauf. Der Wind toste und schleuderte uns vereiste Schneeklumpen ins Gesicht. Die paar Zentimeter unbedeckter Haut fühlten sich an, als würden sie von Messern zerschnitten. Einen Moment lang war ich sicher, dass mein Auge gleich über meine Wange auslaufen würde.
Zusammen mit drei anderen gab ich schließlich auf. Wir machten uns ebenfalls an den Abstieg. Auf den Scheschul schafften es nur drei aus unserer Gruppe. Wir verabredeten mit ihnen, uns an der Station von Pan Iwan zu treffen.
Zu viert mühten wir uns den Berg hinunter, klötentief im flockigen Schnee. Wir versuchten, auf unseren Hintern den Abhang hinunterzurutschen, sanken aber immer wieder ein.
Schließlich schafften wir es zurück, indem wir uns zu unserem Trampelpfad vom Vortag durchkämpften. Fast im Laufschritt eilten wir entlang unserer Spuren zurück und kamen dabei ordentlich ins Schwitzen.
Pan Iwan sah uns absteigen und kletterte uns entgegen.
»Wir kommen mit zu Ihnen!«, kündigte ich ohne Umschweife an.
»Habt ihr gefroren?«, fragte Pan Iwan, der sich freute, uns zu sehen. »Ich habe euch doch gesagt, ihr sollt bei mir übernachten, wie es jeder normale Mensch auch gemacht hätte.«
»Aber wir wollten doch in die Berge«, protestierte Wolodja.
»Und sind mitten im Nirgendwo gelandet«, fügte ich hinzu.
»Lasst uns ins Haus gehen«, sagte Pan Iwan, drehte sich um und winkte uns, ihm zu folgen.
»Jetzt kommt der Teil des Reisens, den ich am liebsten mag«, flüsterte ich Wolodja zu.
Und so war es.
Taras und die letzten beiden aus unserer Gruppe kamen ebenfalls noch rechtzeitig vom Berg herunter, um dem Bären-Epos zu lauschen. Pan Iwan schenkte jedem von uns Tee ein und bestand darauf, dass wir seinen Borschtsch aßen. »Wenn ihr ihn nicht esst, muss ich ihn morgen wegschütten.«
Der Ofen wärmte uns von außen und der Borschtsch von innen. Wir lachten und fragten Pan Iwan, wie das Leben auf der Alm während des Winters so sei.
»Hier gibt es doch keine Bären?«, fragte Taras.
»Warum denn nicht? Natürlich gibt es welche.«
»Aber die schlafen im Winter, oder?«
»Nun, ja. Manchmal wacht aber auch einer auf.«
Und so begann die erste Geschichte damit, dass eines Tages ein Bär aufwachte.
»Wacht ein Bär auf und ist hungrig. Er kommt ins Dorf. Reißt ein Schaf. Dann noch eins. Danach fängt er an, umherzuwandern. Tötet hier eine Kuh, da sogar einen Hund. Die Leute beraten sich und beschließen, ihn zu töten.«
»Ist das denn erlaubt?«
»Ja. Die Männer des Dorfes versammeln sich und brechen zur Suche auf. Unter ihnen ist ein alter Mann, so ein besonders cleverer. Er denkt sich: ›Ich geh alleine los.‹ Stößt auf eine Spur und sieht: Der Bär ist bergauf gegangen. Da denkt der alte Mann: ›Ah, hab ich dich! Ich mach einen Bogen und kraxele von der anderen Seite schneller hoch als du.‹«
»Alle Achtung!«, rief Wolodja ehrfürchtig.
Wir lachten.
Der Alte in der Geschichte schaffte es.
»Er läuft um den Berg herum. So steigen sie nun auf den Gipfel zu: der Bär von der einen Seite, der Mann von der anderen. Der Alte ist zuerst oben und sieht den Bären auf sich zukommen. Er also mit seinem Gewehr: Peng, dem Bären eine in die Brust. Der Bär ist zwar verletzt, rennt aber trotzdem auf den Alten zu. Dem gelingt dagegen verdammt noch mal das Nachladen nicht mehr.«
Pan Iwan demonstrierte mit den Händen, wie der Alte panisch versuchte, mit dem Daumen den Abzug zu betätigen.
»Der Bär erreicht den Alten – und zieht ihm seine Kralle übers Gesicht! Der Mann weicht noch zurück, aber der Bär hat ihm schon mit einem einzigen Hieb die Wange aufgerissen. So, von oben nach unten.«
Pan Iwan demonstrierte an sich selbst, wie der Bär mit seiner langen Kralle das Gesicht des Mannes von der Schläfe bis zum Kinn aufriss. Wir hielten den Atem an.
»Da fällt dem Alten der Hut herunter. Der Bär glaubt, dass da etwas davonhuscht, lässt von dem Mann ab und hechtet hinter dem Hut her, den Berg hinunter.«
»Mensch, da hatte der Alte aber Glück.« Taras gluckste.
»Während der Bär dem Hut nachjagt, greift der Mann sein Gewehr. Lädt nach, zittert aber. In der Zwischenzeit hat der Bär erkannt, dass es sich nicht um ein Lebewesen handelt, sondern um einen Hut, und stürzt sich erneut auf den Alten. Der aber so: Peng! Peng! Verpasst dem Bären aus beiden Läufen eine in die Brust. Der Bär ist verwundet, aber kriecht weiter auf den Alten zu.«
Pan Iwan demonstrierte, wie sich der Bär mit einer Pfote die Brust hielt und die andere nach vorn ausstreckte.
»Und der alte Mann, nun, er fällt in Ohnmacht. Kippt einfach um. Da liegt er jetzt. Unfähig wegzulaufen. Und der Bär bewegt sich auf ihn zu.«
Pan Iwan verstummte.
»Und dann?«
»Der Bär stirbt zwei Meter vom Alten entfernt. So finden die Leute aus dem Dorf die beiden.«
Wir alle atmeten geräuschvoll aus, denn wir hatten eine ganze Weile die Luft angehalten.
»Episch!«, murmelte Taras.
»Uff, Hollywood«, sagte ich zustimmend.
Dann erzählte Pan Iwan zu Ende.
»Der Alte wird sofort nach Rachiw ins Bezirkskrankenhaus gebracht. Dort operiert man ihn, verpasst ihm eine Bluttransfusion, operiert ihn wieder und wieder … und der Alte stirbt. An einer Sepsis.«
»Verdammt! Am Ende hat es ihm also nichts gebracht, dass der Bär hinter dem Hut hergejagt ist?«
Taras, der angefangen hatte zu lachen, verstummte wieder.
Schweigend saßen wir da. Nippten am gesüßten Tee.
»Wie ist das: Wachen Bären im Winter oft auf?«, fragte Taras. »Wir müssen ja auch noch ins Dorf hinunter.«
»Nicht oft. Aber es kommt schon vor. Im Moment eher nicht, es liegt zu viel Schnee, und es ist zu kalt. Aber einmal, bei Tauwetter …«
So begann Pan Iwan die zweite Geschichte.
»Schläft ein Bär in seiner Höhle. Es wird wärmer, der Schnee schmilzt, und das Schmelzwasser fließt in seine Behausung. Weckt ihn. Er erhebt sich und geht auf Wanderschaft. Erlegt ein Schwein.«
»Ein Hausschwein?«
»Nein, ein Wildschwein. Na, und was man gegessen hat, das hat man gegessen. Die Überreste bedeckt er mit Schnee. Da kommt ein Förster daher, sieht den Schneehaufen und rundherum Blut.«
»Oha!«
»Nun, ja.«
»Der Bär hat das Futter geschickt versteckt.«
»Nun, ja. Der Förster stochert mit einem Stock in dem Schneehaufen und sieht: Magen, Gedärme und, ähm, Leber des Wildschweins. Geht zum zweiten Haufen. Stochert im Schnee: Dort liegen Haut, Kopf und Hufe.«
»Kein Fleisch?«
»Doch, auch Fleisch. Der Bär hat sich satt gefressen und den Rest versteckt.«
»Für später?«
»Nun, ja. Der Förster klettert jetzt in diese Haufen, um sie zu untersuchen. Hebt dann den Kopf und sieht: Auf dem Berg sitzt in zehn Metern Entfernung der Bär und schaut von oben auf ihn herunter.«
Taras lachte laut auf. Ich stellte mir vor, wie der Bär, mucksmäuschenstill, den Kopf zur Seite geneigt, aufmerksam den Menschen beobachtete, der in seinem Futter wühlte.
»Der Förster sofort zum Funkgerät – andere Förster sind nämlich in der Nähe – und teilt ihnen mit: ›Hier ist ein Bär.‹ Der Oberförster befiehlt: ›Tötet die Bärin nicht, lasst sie gehen!‹ Er weiß, dass es sich um eine Sie handelt, denn er hat sie pinkeln sehen.«
»Und was hat sie dann gemacht?«
»Hat sich getrollt.«
»Hat keinem was getan?«
»Bären tun Menschen nichts, außer man greift sie direkt an.«
»Aber das war doch ihr Fressen!«, rief ich erstaunt. Doch dann kam ich ins Grübeln. »Andererseits hat der Förster ja gar nichts davon gegessen.«
Taras lachte auf. »Als hätte er den Kopf in einen der Haufen gesteckt und drauflos gemampft!«
Ich stellte mir vor, wie der Mann auf alle viere ging und anfing, das Futter des Bären zu verschlingen.
»Bären sind also schlau«, schlussfolgerte ich überrascht.
»Ach!« Pan Iwan winkte ab. »Bären sind wie Menschen. Nur dass sie nicht sprechen können.«
Und er begann, die dritte Geschichte zu erzählen.
»Zwei aus unserem Dorf laufen durch den Wald, kommen um eine Biegung: Sitzt da mitten auf dem Weg ein Bär. Sie erstarren, denn sie sind schon gefährlich nah. Der Bär aber kommt auf sie zu. Der eine rennt davon, der andere ist wie gelähmt vor Schreck. Doch der Bär stapft auf ihn zu, näher und näher – und streckt die Pranke nach ihm aus!«
Pan Iwan demonstrierte, wie der Bär die linke Pfote weit nach vorne streckte.
Taras lachte aus vollem Halse.
»Da sieht der Mann, dass in der Bärentatze ein großer Splitter steckt. Er holt sein Messer heraus, klappt es auf, hebt das Ende des Splitters an und – rrratsch! – zieht ihn heraus. Der Bär aber brüllt, denn es tut natürlich weh. Steckt die Tatze ins Maul und saugt das Blut weg.«
Pan Iwan demonstrierte mit seiner Hand, wie der Bär die linke Tatze zurückzog und daran saugte.
»Aber der Mann steht da, steht und kann sich nicht rühren. Ist wie gelähmt vor Angst. Steht und steht und steht – und kippt schließlich um! Das Herz macht nicht mehr mit.«
»Ja, nun, und dann?« Diese Wendung hatte niemand erwartet.
»Nun, ja.«
»Ist er gestorben?«
»Ja.« Pan Iwan nickte ruhig. »Der Bär ist aber sofort bei ihm. Schüttelt ihn, dreht ihn mal in die eine, mal in die andere Richtung. Wie ein Arzt. Zieht ihn an sich, umarmt ihn. Als ihm klar wird, dass es vorbei ist, setzt er sich hin und weint. Wie ein Mensch. Das bedeutet: Er weiß, dass jener ihm einen Dienst erwiesen hat. Vier Tage lang können die Leute den Mann nicht bergen, weil der Bär ihn bewacht und sie alle verjagt. Dann gräbt er ein Loch und beerdigt ihn selbst.«
Und Pan Iwan demonstrierte, wie der Bär mit seinen Pranken die Erde wegschaufelte, den Mann hineinlegte und das Loch wieder zuschaufelte.
Seit dem Tod ihres Ehemanns war alles noch schwieriger geworden.
Früher hatte ihr Enkel Kolka den alten Mann gefürchtet. Seit er tot war, schlug Kolka völlig über die Stränge. Fast täglich kam er vorbei und verlangte: »Gib mir eine Buddel, Baba. Ich weiß, dass du noch eine hast.«
Wenn keine mehr übrig war – denn, bei Gott, sie besaß nur ein Dutzend Flaschen, die als Gegenleistung gedacht waren, sollte sie die Nachbarschaft einmal um Hilfe bitten müssen –, begann Kolka, Geld für Wodka zu verlangen. Dann tastete die verhuschte, kleingewachsene Nadja den Betrag an, den sie für ihre eigene Beerdigung angespart hatte.
Arbeit war im Dorf keine zu bekommen. Kolka nahm also ihr Geld, um sich mit seinen Freunden zu besaufen.
»Gib ihm nichts mehr, Nadja«, riet der Nachbar, ein korpulenter, bärtiger Mann um die fünfzig. »Soll ich mal mit ihm reden, so von Mann zu Mann?«
Baba Nadja glättete dann stets die Falten ihres Rocks und schwieg.
»Er ist völlig von der Rolle«, kommentierten die Weiber aus der Nachbarschaft kopfschüttelnd. »Aber es kümmert sich ja sonst keiner um Kolka, seit sein Papa für den Job ausgewandert ist. Schon ein ganzes Jahr hat er ihn nicht mehr besucht.«
Kolkas Mutter war vor langer Zeit gestorben. Ganz allein lebte er seither in dem verschmutzten Haus, in das er seine Freunde einlud.
Die Verkäuferin im Dorfladen weigerte sich, Kolka Wodka zu verkaufen, aus Mitleid mit der alten Nadja. Also marschierte er nun immer zu Mychajlos Haus am Rand des Dorfes, denn der verkaufte Alk sogar noch bis tief in die Nacht. Da sein Vater nur selten Geld aus Russland schickte, war Kolka ständig blank, und Baba Nadja gab ihm von ihrem Beerdigungsgeld.
Die Oma musste also eine neue Geldquelle auftun.
Ihre Schwester aus Baryschiwka hatte es gut: Sie pendelte nach Kyjiw und verdiente als Rezeptionistin hundertfünfzig Hrywni pro Woche. Aber die Schwester war auch jünger, erst fünfundsechzig, und hatte früher im Industriekombinat gearbeitet. Eine ungebildete alte Frau wie Nadja dagegen würde niemand einstellen.
Also holte Baba Nadja ihre Handkarre aus dem Schuppen und wischte mit trockenen Händen den Staub vom Gestänge. Die Karre war hoch, fast so groß wie die alte Frau selbst. Die Vollgummiräder stammten von zwei verschiedenen Schubkarren. Die Abstellfläche für die Tasche war aus einem Stück dunkelbraunem Plexiglas gefertigt. Nadjas Mann hatte die Karre einst für sie gebaut.
Als er noch lebte, hatte der Großvater ständig gewerkelt. Die Kinder machten sich über ihn lustig. Einen Pflug baute er nach den Zeichnungen aus der Zeitschrift Haus, Obst- und Gemüsegarten. Aber am Ende war es mühsamer, diesen Pflug zu ziehen, als eine Schaufel zum Umgraben zu benutzen. Das nächste Projekt war eine zweirädrige Schubkarre, die dann leider nicht durch das Gartentörchen passte. Oder er bastelte ein spezielles Gerät, um Löcher für Kartoffelpflanzen zu stechen. Doch in der Zeit, die der alte Mann benötigte, um es zum Kartoffelbeet hinüberzuschleppen und ein einziges Loch zu stechen, hatte seine Frau mit einer Hacke bereits zehn gebuddelt.
Andererseits hatte er auch diese Karre zum Transport einer Tasche gebaut. Damals war das halbe Dorf regelmäßig nach Kyjiw gefahren, um am Straßenrand den Gartenertrag zu verkaufen, und sämtliche Frauen waren der Meinung, Nadja besitze die beste Karre. Im Stillen war sie stolz darauf und verzieh ihrem Mann in Gedanken sogar, dass er sie manchmal geschlagen hatte. In seinen letzten Jahren war er allerdings ruhiger geworden. Seit es sein Herz erwischt hatte. Kurz vor seinem Tod hatte er die Karre noch einmal geschmiert. Er hatte es gemocht, wenn Ordnung herrschte.
Baba Nadja hatte es damals genossen, zum Handeln zu fahren. Na ja, da waren sie alle natürlich auch noch jünger gewesen: Einige waren gerade erst in Rente gegangen, andere hätten noch gearbeitet, wäre nicht die Kolchose aufgelöst worden. So waren immer mehrere Frauen gemeinsam unterwegs. Auch ein paar der alten Männer kamen mit, aber nicht viele. Der erste Zug fuhr morgens um 3:47 Uhr. Für Leute im Ruhestand war die Fahrt kostenlos.
Sie halfen einander, die Taschen in den Waggon zu laden. Eins, zwei – die eine hatte Gurken dabei, die andere Milch, Sauerrahm und Käse –, wuchteten sie ihre Fracht auf die Einstiegsplattform des Zuges. Bis Kyjiw konnten sie dann eineinhalb Stunden lang in gekrümmter Haltung auf einer Bank etwas Schlaf nachholen. Wer das nicht wollte, spielte Karten. Oder sie quatschten einfach, auch das war ein guter Zeitvertreib.
In Kyjiw blieben sie zusammen, um einander zu helfen. Die gut genährte Ljudka, möge sie in Frieden ruhen, kannte sämtliche Polizisten: »Der ist nett, der hat Mitleid. Wenn du sagst, dass du nichts verkauft hast, kannst du ihm seinen Anteil beim nächsten Mal geben. Oder er lässt es dir sogar ganz durchgehen. Bei dem da hängt es von der Laune ab. Und der da, guck nur, wie wichtig er sich vorkommt – schrecklicher Typ. Halt besser Geld bereit, um ihm im Voraus was zu geben. Aber der bringt es auch fertig, das Geld zu nehmen und dich dann trotzdem davonzujagen.«
Damals hatten sie den Polizeibeamten je zwei Hrywni gegeben. Dann je fünf. »Heute«, informierte der bärtige, korpulente Nachbar Baba Nadja, »sind es zwanzig. Und es kommt vor, dass sie es gar nicht annehmen, sondern dich einfach vertreiben. Man muss genau wissen, wohin man fährt und worauf man sich einlässt.«
»Zwanzig Hrywni?«, fragte Baba Nadja leise. »Aber was ist, wenn man nichts verkauft?«
Der Nachbar zuckte mit den Schultern. »Dann verjagen sie dich vermutlich.« Aufgrund seines Übergewichts atmete er schwer und schwitzte in der Sonne übermäßig.
In diesen Tagen handelte fast keiner mehr die Ware von der Karre weg, wie Nadja und ihre Kolleginnen es früher getan hatten. Die meisten machten es eher wie der Nachbar: Er stieg in seinen Schiguli und fuhr mit einem Anhänger voller Kartoffeln in die Stadt. Aber um auf diese Art handeln zu können, brauchte man ein hohes Startkapital.
Baba Nadja seufzte und ging in ihren Garten. Sie öffnete das Törchen zum Hof und schloss es hinter sich. Das Tor hatten sie wegen der Hühner gebaut. Seit dem Tod ihres Mannes hatte sie allerdings nicht mehr die Kraft, weiter Geflügel zu halten.
Sie erntete frische Zwiebeln und klopfte die Erde von den Wurzeln, indem sie sie gegen ihre staubigen dunkelgrünen Gummistiefel schlug. Unter Blättern versteckt fand sie ein paar reife Gurken. Hätte sie doch mehr gepflanzt! Vielleicht nächstes Jahr. Jetzt musste sie eben schwere Kartoffeln schleppen. Dabei hatte sie permanent Rückenschmerzen, Krampfadern an den Beinen, und ihre großen Zehen waren auch schon ganz krumm.
Baba Nadja hielt sich mit der rechten Hand den Rücken, als sie die Karre mit der blau-weiß karierten Tasche zum Schuppen zerrte. Drinnen roch es immer noch nach Hühnern. Die alte Frau beugte sich über die Kiste mit den Kartoffeln, die sie aus dem Erdkeller geholt hatte, und begann, die besseren herauszusuchen. Der Staub, den sie dabei aufwirbelte, brachte sie mehrmals zum Husten.
Sie würde den Nachbarn danach fragen müssen, welchen Preis man in Kyjiw aktuell für Kartoffeln verlangte, und sie etwas billiger anbieten, damit sie auch jemand kaufte. Wenn sie nur eine gute Seele fände, die ihr dabei helfen würde, die Tasche in den Zug zu hieven! Der hielt nämlich nur drei Minuten.
»Baba Nadja, bist du da?« Das war der Nachbar, der bärtige, korpulente. Er spähte von draußen in den Schuppen und kniff die Augen zusammen, um im Halbdunkel etwas zu erkennen. »Meine Frau hat mir erzählt, dass du mit deinen Taschen die Elektritschka nehmen willst? Ich fahre morgen auch nach Kyjiw, also könnte ich dich mitnehmen.«
Der alten Frau war dieses Angebot unangenehm, aber der Nachbar beharrte darauf.
Es war ihr egal, wo genau sie landen würde. Sie hatte sowieso keine Ahnung, wo in Kyjiw Leute heutzutage etwas verkauften. Sie würde dorthin gehen, wo ihr Nachbar hinging, und sich ein Plätzchen suchen.
Sie brachen spät auf, erst um halb sieben. Die alte Nadja zog ihr neuestes Kopftuch auf, das gelbe mit den großen grünen und roten Blumen. Man fuhr schließlich nicht alle Tage in die Stadt. Sie saß rechts auf dem Rücksitz, die Hände im Schoß gefaltet. Sie trug eine dunkelblaue Bluse und einen dunkelbraunen, langen, gerade geschnittenen Rock aus einem steifen Stoff.
Der Nachbar schwieg, die alte Frau schaute aus dem Fenster. Bäume, Pfosten, Büsche und Felder zogen an ihr vorbei. Nur halb bewusst nahm sie all das wahr, ebenso wie ihre dahindümpelnden Gedanken: Sie dachte an ihren Mann, der in seinen letzten Jahren so still geworden war, an ihren Sohn, der jetzt im westsibirischen Nischnewartowsk in der Ölindustrie schuftete, an die seit Langem alkoholabhängige Tochter, die in der Kreisstadt wohnte, an den Nichtsnutz Kolka, der einen Job brauchte – aber wer würde ihn schon einstellen? –, und an das Geld für ihre Beerdigung. Von Zeit zu Zeit rückte sie ihr Kopftuch zurecht, dann faltete sie die Hände wieder im Schoß.
»Schauen Sie, dort drüben verkaufen ein paar Leute etwas«, unterbrach der Nachbar ihren Gedankenfluss und zeigte auf den Bürgersteig an einer Kreuzung, an der mehrere Frauen unter Kastanienbäumen Käse und saure Sahne, Gemüse und Blumen feilboten. »Wenn ich fertig bin, hole ich Sie hier wieder ab.«
Der Nachbar fuhr weiter zum nächstgelegenen Wohnblockviertel. Mit seinem Megafon lief er durch die Höfe und rief: »Kartoffeln! Kartoffeln zu verkaufen! Kartoffeln aus Winnyzja!« Er bot sie sackweise an und brachte sie bis in die Wohnungen der Leute. Noch immer war er ein starker Mann. Er trug extra alte Klamotten, die auch dreckig werden konnten. Natürlich stammten er und Baba Nadja nicht aus der Region Winnyzja. Aber es hieß, dass sich Kartoffeln aus Winnyzja besser verkauften. In Wirklichkeit bezog der Nachbar seine Handelswaren aus den umliegenden Dörfern.
Die Zwiebeln und Gurken verkauften sich sofort, aber die Kartoffeln wurde Baba Nadja kaum los, obwohl sie sie für nur zwei Hrywni anbot. Der Ehemann der Frau mit der sauren Sahne war bereits in seinem safrangelben Lada Niwa vom Gebrauchtwagenmarkt zurückgekehrt. Sie fuhren nach Hause. Auch die Roma-Frau mit den Blumen hatte bereits zusammengepackt und war gegangen.
»Manche kommen erst noch von der Arbeit«, sagte die Verkäuferin aus dem benachbarten Bäckerstand zu Baba Nadja. »Vielleicht will dann noch jemand Kartoffeln.«
Allmählich wurde es heiß, daher zog Nadja ihre Handkarre in den Schatten des Stands. Die Verkäuferin half ihr, ihre Tasche auf den Boden zu wuchten, damit sich Nadja auf die Abstellfläche der Handkarre setzen konnte. Ihre Beine schmerzten nämlich zunehmend. Aber sie fürchtete, wenn sie sich setzte, würde es ihr schwerfallen, wieder aufzustehen.
Um vier Uhr nachmittags kam der Nachbar zurück.
»Wollen wir fahren, Baba Nadja?«
»Ich bleibe wohl noch eine Weile«, erwiderte sie leise.
»Dann müssen Sie mit der Elektritschka zurückfahren. Kommen Sie lieber mit mir.«
Sie schaute auf ihre Tasche, die noch zur Hälfte mit Kartoffeln gefüllt war. Sie dachte daran, dass der Zug für sie als Rentnerin ja nichts kostete, an ihre Beerdigung und an ihren Enkel Kolka. »Danke, mein Sohn. Aber vielleicht verkaufe ich den Rest am Abend noch.«
»Okay, wie Sie wollen«, entgegnete der Nachbar achselzuckend. Seine Wangen waren schweißnass, er keuchte schwer, sein Bauch hob und senkte sich. Mit dem Ärmel wischte er sich über die Stirn und blickte in den Himmel. »Aber bei der Hitze heute Säcke durch die Gegend zu schleppen, ist nicht leicht.«
Dann stieg er in seinen Schiguli und fuhr ins Dorf zurück.
Ab sechs Uhr kamen tatsächlich viele Leute und kauften Baba Nadja weitere sieben Kilo Kartoffeln ab. Sie war froh, dass sie nicht umsonst geblieben war. Vielleicht würde sie auch die übrigen noch loswerden, dann könnte sie gehen. Die letzte Elektritschka fuhr in drei Stunden.
Der Strom der Menschen verebbte, doch sie stand weiter da und sprach zaghaft Passanten an. »Hat jemand vergessen, Kartoffeln zu kaufen? Wer hat noch keine Kartoffeln?« Kaum jemand nahm ihre sanfte Stimme wahr.
In diesem Moment tauchten sie auf.
Der Obersergeant hatte sich am vorigen Abend im Pausenraum der Polizeistation betrunken, weil diese Schlampe es ihm wieder nicht hatte besorgen wollen. Sie hatte ihn versetzt, genau wie beim letzten Mal. Zwar war sein Kater bereits verflogen – der Alkohol war mit dem Schweiß unter den Achseln seiner eng anliegenden Uniform herausgesickert (der Obersergeant hatte in letzter Zeit zugenommen) –, aber die Sonne störte ihn. Den lieben langen Tag stach sie ihm direkt in die Augen, egal, in welche Richtung er sich drehte. Abends tauchten noch dazu winzige Mücken auf, die nun zusätzlich vor seinem Gesicht herumschwirrten. Seit dem Morgen brütete der Obersergeant über der Frage, ob die Schlampe mit dem zottelhaarigen Kerl von ihrer Arbeitsstelle in die Kiste stieg. Denn woran sonst sollte es liegen?
Sein Partner, ein Grünschnabel, der gerade in die Reihen der Nationalen Polizei aufgenommen worden war, lief ein Stück hinter ihm und beobachtete den Taubenschwarm, der auf dem Rasen nach Essbarem pickte. Soll ich sie zum Spaß aufscheuchen oder nicht?, fragte er sich in Gedanken.
»Ich hol mir Zigaretten«, informierte er den Obersergeanten.
»Mach nur«, brummte der.
Im Schatten des metallenen Bäckerstands auf dem Rasen bemerkte er eine alte Frau mit gelbem Kopftuch. Vor ihr auf dem Bürgersteig eine Handkarre, die größer war als die Alte selbst, und daneben eine große, weiß-blau karierte Kunststofftasche. Die Frau strich mit den Händen ruhelos über ihren dunkelbraunen Rock.
Der Obersergeant ging zu ihr hinüber. Wieder stach ihm die Sonne direkt in die Augen. »Was ist los mit Ihnen? Können Sie nicht lesen?«, fuhr der Polizist sie an, statt zu grüßen.
Baba Nadja hatte ihn längst bemerkt, aber da ihre Tasche nicht auf der Plexiglasstellfläche der Handkarre stand, hatte sie keine Chance, schnell abzuhauen. Obwohl ihre Beine sehr wehtaten, hatte sie es nicht gewagt, sich hinzusetzen. Jetzt war es höchste Zeit, die Tasche wieder auf die Karre zu bugsieren.
Ein paar Meter von Nadja entfernt hing ein schmutziges weißes Metallschild, das mit einem Draht in zwei Metern Höhe am Stamm einer Kastanie befestigt war. Darauf stand:
In Fällen von unerlaubtem Straßenhandel wenden Sie sich bitte an den Einsatzdienst der Bezirksverwaltung Dnipro, Hauptabteilung des Innenministeriums der Stadt Kyjiw.
Tel. 559–63–62
Natürlich hatte Baba Nadja das an den Rändern etwas rostige Schild ignoriert. Schließlich hatten auch andere hier gehandelt.
Die alte Frau überlegte, ob sie einen Zwanziger rausrücken sollte. Das wäre die Hälfte dessen, was sie tagsüber eingenommen hatte.
»Also los, pack deinen Kram zusammen!«, schnauzte der Obersergeant.
Baba Nadja begann herumzufuhrwerken.
Der Obersergeant schaute von oben auf sie herab. Nadja bückte sich und versuchte, die Tasche wegzubewegen, bekam sie aber aus keinem Winkel so recht zu greifen. So eierte sie hin und her, her und hin, unter den Augen des Sergeanten, der schon wieder gegen die Sonne gucken musste, die ihn erneut blendete. Da explodierte der Polizist. Die Wut, die das stundenlange Schmoren in der Sonne verursacht hatte, fand endlich ein Ventil.
»Oder muss ich Ihnen helfen?«, fragte der Obersergeant scharf und trat einen Schritt auf die alte Frau zu.
»Bitte, mein Sohn, bitte.« Sie sprach so leise, dass er sie kaum hören konnte und sein Ohr zu ihr drehen musste, was ihn noch mehr auf die Palme brachte.
»Na los! Los jetzt!«
Baba Nadja kämpfte mit der schweren Tasche und versuchte, sie auf die Karre zu hieven, aber sie schaffte es nicht. Die Verkäuferin, die ihr am Nachmittag geholfen hatte, war inzwischen weg. Die alte Frau mühte sich ganz allein ab. Schmerzhaft schnitten die dünnen Griffe der Tasche in ihre trockenen Handflächen.
»Ihr geht mir vielleicht alle auf den Sack!«, zischte der Obersergeant und kam noch näher.
Entweder wollte er die Karre festhalten oder die Tasche anheben, um den Vorgang zu beschleunigen. Vielleicht wollte er auch einfach weggehen. Jedenfalls blieb er mit dem Fuß an der Tasche hängen, deren Rand bereits auf der Ablagefläche stand, und brachte damit die Karre aus dem Gleichgewicht. Alles zusammen kippte um.
Sein junger Partner, der gerade seine Zigarettenschachtel am Kiosk entgegennahm, hörte das Klirren von Metall auf Asphalt, drehte den Kopf und sah Kartoffeln über den Bürgersteig hüpfen. Ein paar der Knollen sprangen über den Bordstein hinweg und rollten unter einen geparkten SUV.
Es waren keine Passanten in der Nähe.
Die alte Frau stand da, mit herabhängenden Armen, und wiederholte: »Bitte, mein Sohn … Söhnchen, bitte …«
»Au-aua-autsch!« Der Obersergeant hob die Hand und rieb sich die Wange. Er wandte sich von der alten Frau ab, drehte dann noch einmal den Kopf und bellte ihr über die Schulter hinweg zu: »In fünf Minuten sind Sie verschwunden.« Dann eilte er, über Kartoffeln schreitend, davon.
»Was war denn los?«, rief ihm der junge Polizist hinterher. Schon wollte er sich nach den Kartoffeln bücken, da ging ihm auf, dass das seiner Position nicht angemessen war, richtete seine Uniform und hastete hinter seinem Partner her, um ihn einzuholen.
Spät am Abend besuchte der bereits betrunkene Kolka Baba Nadja, um Geld für eine weitere Buddel zu fordern.
Im Großen und Ganzen hält sich jede und jeder für einen guten Menschen.
Wieder einmal hatte es die Polizei vermasselt. Wie allgemein bekannt ist, entpuppt sich bei uns, in der Ukraine, die vorige Regierung stets, wenn nicht gar als kriminelle Bande, so doch bestenfalls als korrupt. Wieder einmal hatte also die Polizei die abgesetzte Regierung geschützt, indem sie einen friedlichen Protest aufgelöst hatte. Da ist doch verständlich, dass sie sich nach einem weiteren Wechsel eines »schlechten alten« zu einem »neuen demokratischen« Regime kommunikationsfreudiger zeigt, um sich in den Augen der Öffentlichkeit zu rechtfertigen. Um den ganzen Frust rauszulassen. Zuerst kommen ein paar zaghafte Phrasen, als würde sich die Polizei noch aufwärmen. Dann fallen Sätze wie: »Sie wissen doch, es gibt eine bestimmte staatliche Ordnung, und wir sind nun mal dazu verpflichtet, diese zu schützen.« Oder: »Ja, ich meine, man hat der Polizei generell etwas ungewöhnliche Aufgaben übertragen.«
»
