Die Unbeirrbare - Marie-Luise Wolff - E-Book

Die Unbeirrbare E-Book

Marie-Luise Wolff

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Beschreibung

Über Unternehmerinnen im 18. Jahrhundert weiß man so gut wie nichts. Die Unbeirrbare erzählt die Geschichte einer Frau im Frankreich jener Zeit in einer Ära politischer Umstürze, in der Frauen weitgehend rechtlos und im öffentlichen Leben unsichtbar waren. In dieser Atmosphäre wächst Nicole Clicquot-Ponsardin auf. Trotzt allen Schlägen des Schicksals, setzt sie zweimal alles aufs Spiel und errichtet mit ihrer Beharrlichkeit und Kraft ein Unternehmen, das bis heute existiert und floriert. Marie-Luise Wolffs spannender historischer Roman ist eine Hommage an eine Frau, die vor mehr als 200 Jahren mutig ihren Weg zur Selbstverwirklichung beschritten hat. Marie-Luise Wolff: "Natürlich präsentiere ich hier meine eigene Version der Geschichte einer faszinierenden Frau und schaue auf sie aus dem Blickwinkel meiner eigenen Erfahrungen als Unternehmerin."

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Seitenzahl: 491

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Ebook Edition

Marie-Luise Wolff

Die Unbeirrbare

Das abenteuerliche Leben der Mme Clicquot

Mehr über unsere AutorInnen und Bücher:www.edition-w.de

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

ISBN 978-3-949671-05-0

© Edition W GmbH, Frankfurt/ Main 2022

Umschlaggestaltung: Michaela Spohn Design

Satz: Publikations Atelier, Dreieich

Inhalt

Titel

Gefangennahme

Zeit der Vorsicht

Keller-Zeremonie

Besuch des Generals

Geliebter Toter

Neuanfang

Einstürzende Märkte

Am Rand der Pleite

Das Jahr des Kometen

Weichenstellungen

Schiff in die Freiheit

Epilog

Dank

Orientierungspunkte

Titel

»Keiner von uns möchte sein ganzes Leben in ruhigen Gewässern verbringen.«

Jane Austen 1815

Gefangennahme

REIMS, Sommer 1789

»Und jetzt, komm mit.«

Stumm, angstvoll, gelähmt, lässt sie sich auf dem Vorplatz der Abtei Saint-Pierre-les-Dames in eine Nische bugsieren. Nicole wendet ihren Kopf zur Seite und richtet den Blick auf ihre Freundinnen – drei, vier Mädchen, die sich noch in der Nähe der Eingangspforte der Schule aufhalten. Sie versucht, ihre Augen scharf zu stellen auf Mathilde, als könnte die Freundin zu ihr herüber kommen und ihr helfen.

»Schau da nicht hin, Nicole«, zischt jemand von oben.

Sie wendet ihren Kopf zurück, blickt hinauf zu der Frau, die zu ihr spricht und sie fest am Arm hält. Sie nimmt ihr großes Kinn wahr, ihre müden Augen, ist irritiert über ihre Bauerntracht, ihr offenes Haar, ihre ungepflegte Erscheinung und über die ungewöhnliche Ruppigkeit, mit der sie ihr Befehle erteilt, sie vor sich her treibt, als wäre sie ein Stück Vieh.

Alles das ist neu.

Nicole Ponsardin ist elf Jahre alt und die Frau, die sie in dieser Weise gängelt, eine Schneiderin in den Diensten der Familie. Direkt vor dem Eingang zur königlichen Mädchenschule hat sie sie abgefangen, gerade in dem Augenblick, als Nicole nach der väterlichen Kutsche Ausschau hält, von der sie erwartet, wie an jedem anderen Tag der Woche, genau hier abgeholt zu werden. Warum kommt die Kutsche nicht? Auch nicht, als sie sich noch einmal gründlich nach ihr umsieht? Alles ist in diesen Wochen möglich. Entführung, Erpressung, Putsch, oder aber: Nichts davon. Ihr Vater hat sie vorgewarnt. Keine Zeit für Fragen verlieren, hat er ihr eingeschärft. Ein Pulk von Mitschülerinnen steht um sie herum, als die Schneiderin erscheint und sie herauswinkt. Hat ihr Vater sie wirklich geschickt? Aber warum jetzt? Warum genau heute? Was will sie von ihr, sie, die sonst die Schneiderin ihrer Mutter ist? Widerwillig und skeptisch wartet Nicole auf eine Erklärung.

»Du ziehst das jetzt an,« sagt die Schneiderin, die Elise Le Compes heißt.

Sie hält ihr ein gefaltetes Stück Stoff vor die Augen, so nah, dass Nicole nichts davon erkennen kann. Sie klingt erregt, ungeduldig, sieht verärgert aus, denkt Nicole, oder angespannt. Während sie sich langsam vom Schultor entfernen, prüft sie mit umherschweifendem Blick, ob sich ihnen jemand nähert. Die beiden Frauen befinden sich jetzt an der Seite der mächtigen Klosterbasilika. Hellgelber Sandstein, vor Jahrhunderten dem heiligen Petrus geweiht. Saint-Pierre ist die kleine, die zweite gotische Basilika von Reims, deutlich älter und weniger spektakulär als die Notre Dame-Kathedrale, hat jedoch ebenfalls zwei gedrungene Türme und jene typisch opulente Fensterrosette in der Mitte der Fassade. Direkt neben Saint-Pierre liegt das unscheinbare Frauenkloster, christlich-katholisch, mit Schulbetrieb, begehrt für die Erziehung höherer Töchter, reserviert für die behüteten Mädchen adeliger oder auf anderen Wegen zu Einfluss und Reichtum gelangter Eltern. Nicht nur aus den Departements der Champagne strömen die Töchter herbei, um diese Schule zu besuchen. Das Kloster wird die Revolution nicht überleben.

In der Krönungsstadt der französischen Könige stinkt es unangenehm in diesen heißen hochsommerlichen Tagen im Juli 1789. Und vor den Toren der Kirche ist es mit der Ruhe und Beschaulichkeit früherer Jahre vorbei. Massenweise Bettler halten sich dort auf. Überhaupt sind viel zu viele Menschen in der Stadt, und seit einiger Zeit ist es auch in Reims üblich, in der Umgebung von Kirchen zu urinieren.

An den Bettlern vorbei, um das Gotteshaus herum, biegen sie auf einen Kiesweg ein. Die Schneiderin ist zielstrebig, sie hat einen Plan, hat sich diesen Weg vorher ausgedacht, anders kann es nicht sein, denkt Nicole. Ihre Schritte sind kraftvoll und zügig. Der Gang verrät einen immer. Wie eine Puppe schiebt sie das Mädchen vor sich her.

»Du ziehst das jetzt gleich an,« wiederholt sie. Ihre Befehle klingen scharf, aber auch ein wenig einstudiert.

»Warum sind Sie hier?«, fragt Nicole. Der trockene Kies knirscht so laut unter ihren Füßen, als gäbe es kein anderes Geräusch auf der Welt. Von schräg über ihr keine Antwort.

»Heilige Maria«, denkt sie. »Was soll ich tun?« Ein Hund bellt, es schlägt vier Uhr.

»So, da wären wir!«, ruft die Schneiderin plötzlich und stellt ihre Kiepe auf dem Kies ab.

»Warum sind wir hier?«, wiederholt Nicole und sieht sie an.

Zum ersten Mal bemerkt sie eine senkrechte Kerbe im Gesicht der Schneiderin. Und einen scharfen Schlitz in der Mitte ihrer Stirn, direkt über der Nasenwurzel beginnend und fast bis zum Haaransatz in ihre dünne Haut gemeißelt, die ansonsten glatt ist.

»Du weißt, worum es geht. Du musst hier weg«, raunt sie ihr zu.

»Aber warum werde ich …«

»Du wirst dich jetzt umziehen – sei nicht töricht, dein Vater möchte, dass du mir folgst«.

Noch bevor Nicole weitere Fragen stellen kann, wirft die Schneiderin ihr das graue unscheinbare Stoffpaket zu, das sie schon den ganzen Weg über in ihrer Hand gehalten hat. Nicole fängt es auf, klemmt es zwischen ihre Knie, bevor sie ihr Kleid über den Kopf zieht. Der Stoff der neuen Bekleidung ist hart, er kratzt sie schon jetzt, wo er nur an einer einzigen Stelle ihres Beines schubbert, aber sie pariert, streift sich das raue Hemd über, während ihre Begleiterin es an ihrem Körper zurechtzupft. Zu Hause wird sie die nicht mehr benötigten Kleidungsstücke der Familie sorgfältig auftrennen und neue daraus nähen. Nichts verschwenden, auch aus den Stoffresten ist immer noch etwas zu machen, ist ihre Devise. Sie ist groß, diese Schneiderin, ihr Vater nennt sie »le perfectionniste«. Genau das ist wohl der Grund, warum er ihr diesen Auftrag gegeben hat, denkt Nicole.

Dieser Gedanke beruhigt sie ein wenig. Nicole will beobachten und sich merken, was die Schneiderin tut. Mit ihren kleinen durchdringenden Augen studiert sie die Handlungen ihrer Entführerin, versucht sich einzuprägen, was sie sagt. Ein unverdrossenes, zähes Mädchen ist diese Nicole, allerdings fügt sie sich nicht gern. Ständig verhandelt sie zu Hause über alles Mögliche. Sie möchte das Schachspielen lernen oder tote Vögel auseinander nehmen, um deren Flügel zu studieren. Noch lieber begleitet sie ihren Vater in die Fabrik.

An der Klostermauer tritt die Schneiderin zurück, mustert Nicole, reicht ihr eine grobe Kordel, damit sie sich das Hemd in der Taille zusammenbindet.

»Und nun gib her, deine Schuhe!«, befiehlt sie ihr.

Sie zieht ein Paar einfache Holzpantinen aus der Kiepe, stellt sie Nicole vor die Füße, wartet, bis sie Strümpfe und Schuhe ausgezogen hat. Die weißen Strümpfe des Mädchens wickelt sie rasch zu einem Knäuel und wirft sie samt der mit blauem Samt bezogenen Schuhe auf den Boden der Kiepe – wo schon Nicoles helles Chiffonkleid gelandet ist. Mit einem Bündel mitgebrachten Strohs bedeckt die Schneiderin Nicoles Kleidung am Boden der Kiepe, greift noch einmal in die Taschen ihrer Schürze, holt zwei Hände voll staubiger Kartoffeln hervor und legt sie auf das Stroh, bis keine Lücke mehr bleibt. Sie sind so etwas wie ein Deckel, der jetzt auf der bürgerlichen Existenz des Mädchens liegt. Nicole Ponsardins vornehme Erscheinung, begraben in einer Bauernkiepe.

»Selbst wenn uns jemand kontrolliert – selbst wenn jemand in die Kiepe hinein schaut, er wird nichts bemerken«, sagt die Schneiderin. »Es gibt überhaupt nichts, das einen glauben machen könnte, du gehörtest nicht zu mir«.

Die elfjährige Nicole Ponsardin ist die älteste Tochter des reichsten Textilkaufmanns der Stadt Reims. Ihre Intelligenz sticht früh heraus. Alle Anregungen fruchten bei ihr und schlagen Wurzeln. Niemand in der Familie übertrifft ihr Vermögen, sich Dinge zu merken. Die Aufmerksamkeit, mit der sie zuhören, etwas betrachten und es dann irgendwo in ihrem Kopf aufbewahren kann, ist beachtlich. Dazu ist sie mit einer Redegewandtheit ausgestattet, die weder zu ihrem Alter noch zu ihrer vornehmen Erziehung, noch zu ihrem Geschlecht passen will. Schon mit zehn Jahren weiht der Vater sie in seine Sorgen ein, er fördert und vergöttert sie. Bei ihr muss er nicht lange überlegen, wie er eine Sache einleitet oder ob sie seine Äußerungen versteht. Sie ist nicht wie eine Elfe oder ein Schmetterling, diese Tochter, eher hat sie etwas von einem geschäftstüchtigen Verkäufer von Goldmünzen, sagt ihr Vater zuweilen.

In der Schule erledigt Nicole Stickarbeiten, genau wie die anderen Mädchen, aber zusammen mit Mathilde, ihrer Freundin, macht sie sich über ihre Lehrerin lustig, die fromme Adèle, eine Nonne, die laut und anklagend die Namen der Mädchen ruft – »Nicole Ponsardin et Mathilde de L’Haridon« -, wenn sie die Köpfe zusammen stecken und miteinander schwätzen. Ständig korrigiert Adèle die beiden. Der Faden zu lang, die Stiche zu groß, die Abstände zu unregelmäßig. Wenn sie es zu bunt treiben, es zu laut wird in der Klasse, haut Adèle mit einer Holzlatte auf den Tisch. Sie ergreift die Latte mit beiden Händen, fasst sie am unteren Ende, holt mit ihren Armen weit nach oben aus und schlägt das sicher vier Fuß lange Stück Holz mit Wucht auf den Tisch. Genau in die Mitte ihres Katheders, damit der Lärm im ganzen Flügel des Klosters zu hören ist. Über den lauten Knall bricht Nicole jedes Mal in Lachen aus, bevor sie dann still wird, weil ihr die Ohren summen. Ihr Holzstück hat Adèle immer dabei, sie trägt es von Raum zu Raum wie ein Schwert, das sie zur Verteidigung braucht gegen die Albernheit.

»Hat Papa sie geschickt?«, fragt Nicole die Schneiderin.

»Nicht jetzt«, wiegelt sie ab, »es sollte uns keiner hören, ich bringe dich in Sicherheit.«

Seit den Unruhen in Reims, die noch vor Anfang des Frühjahrs 1789 beginnen, spricht ihr Vater von ihrem »déménagement«, ihrer Flucht, die er allerdings lieber Umsiedlung nennt, damit es weniger dramatisch klingt. Seit Generationen in Reims ansässig, stadtbekannt, erfolgreich und beliebt, wäre es jedoch eindeutig eine Flucht. Nicoles Vater ist sich noch nicht sicher über den Zeitpunkt. Er überlegt jeden Tag, ob jetzt der Moment erreicht ist, die Stadt zu verlassen, oder ob man besser noch wartet, weil sich die Dinge vielleicht doch wieder entspannen oder die Aggressivität wenigstens den Kaufleuten gegenüber wieder nachlässt. Über die Not, die sich im ganzen Land ausgebreitet hat, ist er ehrlich beunruhigt. Er kennt die Armut der Bauern und Arbeiter, hat einiges dafür getan, dass die Leute in seinen Webereien beschäftigt bleiben. Nie hat er damit gerechnet, dass sich der Zorn der Ärmsten auch gegen ihn richten könnte, den Freund der Arbeiter, einen jovialen Geschäftsmann, der spendet, was das Zeug hält, und auf ein Adelsprädikat wartet. Sie könnten ihm jetzt aber etwas antun, könnten sein Haus und seine Fabriken zerstören, seine Kinder verschleppen.

Ein Umzug wäre eine massive Zäsur, nicht nur für sein Geschäft. Außer der Familie – Mutter, Vater, drei Kinder – wären zwanzig, dreißig Personen Personal mit auf die Reise zu nehmen – vom Putzpersonal, den Wäscherinnen über Diener, Gärtner und Köchinnen bis zu den Kutschern und seinen drei engsten Mitarbeitern. Was aber geschähe mit seinen Textilfabriken, was mit seinen tausend Arbeitern? Am ärgsten würde der Umzug seine Frau treffen, Jeanne-Clementine. Auf kleinste Veränderungen reagiert sie mit Unruhe. Schon über ein falsch geschnittenes Stück Brot kann sie in Tränen geraten. Wie soll er ihr diesen Umzug schmackhaft machen? Gestern noch saßen Macaron-Schwäne auf den Süßspeisen des Hauses, und auch heute könnte man sie auf dem Rand einer Schüssel »Iles Flottantes« reichen – ausreichend Vorräte wären dazu vorhanden. Aber schon im März weist Ponsardin die Küche an, auf jeden übertriebenen Schmuck zu verzichten, während Bauern, mit Sicheln, Mistgabeln und Pflastersteinen bewaffnet, die ganze Stadt belagern, die Bäckereien plündern, die besser Gekleideten bespucken, ihnen an den Hals gehen und den Brotmangel beschreien.

Also doch, denkt Nicole, während sie ihre ersten Schritte in Holzpantinen versucht. Es ist soweit, wir müssen Reims verlassen, in irgendeine andere Stadt gehen, in ein anderes Land. Alles, was ihre bürgerliche Herkunft verraten könnte, muss schnellstens verschwinden, so versteht sie die Situation. Und alles, was sie möglichst erbärmlich aussehen lässt, sorgt für ihre Sicherheit. Sie ahnt, um was es von heute an gehen wird: um Abstand zu ihrem bisherigen Leben. Was das heißen mag, kann sie sich nicht vorstellen. Sie entknotet die Kordel um ihre Hüfte und bindet sie neu. Ein Ende der Langeweile wäre auf jeden Fall gegeben. Es könnte ein Abenteuer werden, an einem ganz anderen Ort zu sein. Wie oft ödet sie sich schließlich im Haus der Eltern? Wie oft bittet sie ihren Vater, sie mit in die Fabrik zu nehmen?

Im gleichen Augenblick hasst sie die Idee des »déménagements«. Es hieße, sich vor anderen Menschen zu verstecken, ihre Freundin Mathilde nicht mehr wiederzusehen, nicht mehr in die Kathedrale zu gehen, wo die Menschen vor ihrem Vater die Knie beugen. Was geschieht mit all ihren Freundinnen? Was mit ihrer Schwester, und wo ist dann ihr Bruder? Warum lässt ihr Vater sie allein mit dieser Frau?

Die Schneiderin schnallt sich die Kiepe auf den Rücken. Sie ruckelt ihr flohbraunes, sackiges Kleid unter den Riemen zurecht, verzieht dabei das Gesicht, als spürte sie einen Schmerz. Als sie gerade losgehen wollen, greift sie Nicole plötzlich noch einmal in den Arm.

»Stopp, halt«, ruft sie. »Das hätte noch gefehlt, dass wir deine bürgerliche Schleife vergessen.«

Sie zieht Nicole die helle, seidene Schleife aus dem dunklen Haar, jetzt fällt es ihr locker ins Gesicht.

»Vorerst wirst du bei mir wohnen, ein paar Wochen zumindest«, flüstert die Schneiderin ihr zu.

»Aber Sie bringen mich zuerst nach Haus.«

»Nein, nein. Das wäre zu gefährlich. Und frag’mich jetzt nichts mehr. Bauersleute reden nicht. Du wirst es gut haben bei mir«, ermahnt sie.

Stumm versucht Nicole mit dem Schritt der Schneiderin mitzuhalten, was sich als unmöglich herausstellt mit ihrem ungewohnten Schuhwerk, das ihr immer wieder von den Füßen fallen will.

»Was machst du denn da? Was machst du denn mit deinen Füßen, konzentrier dich«, ruft die Schneiderin ihr zu.

Im Zentrum der Stadt angelangt, sieht Nicole die eingeschlagenen Fenster der Bäcker und Kerzenmacher. Obdachlose Bauern sitzen entlang der Häuser und Plätze auf ihrem letzten Hab und Gut, abgemagert. Manche haben Flinten, manche Stöcke und Eisen neben sich liegen. Noch immer geht es um Brot, aber auch um alles andere Lebensnotwendige und um Geld. Vor allem aber geht es um die Ungleichheit, mit der alles das verteilt ist.

Trommeln, Gesänge, Schreie. Auf der »Place Royale« stehen Menschen auf Barrikaden, die sie aus alten Karren und Fässern rund um das königliche Denkmal aufgebaut haben. »Vive la Republique!« ist auf ihren Bannern zu lesen. Nachdem sie den Platz überquert haben, sehen sie Leute aus den Seitenstraßen schreiend herbeilaufen, »Vive la Nation«, rufen sie. Auf der anderen Seite der Straße brüllt eine Marktfrau einen Herrn im Gehrock an: »Liberté ou la mort!«. Sie stellt sich ihm in den Weg, breitet ihre leere Schürze vor ihm aus, lässt sie wieder fallen. Sie ballt ihre Hand zur Faust und droht ihm. Er weicht ihr aus, geht an ihr vorbei, schüttelt den Kopf, fasst sich an die Schläfe.

Die Art, wie die Leute an ihr vorbeisehen, verrät Nicole, dass sie an der Seite der Schneiderin sicher ist. Trüge sie noch ihr Kleid, ihre Schuhe, ihre weißen Strümpfe, ihre Schleife, wäre so ein Gang durch die Stadt lebensgefährlich. Aber wo wird die Schneiderin sie hinführen?

Es ist heiß, Nicole hat Durst, sie muss sich den Weg hinter ihrer Beschützerin her regelrecht erkämpfen. Das schlimmste sind in diesem Moment ihre schmerzenden Füße. Ihre Zehen brennen, sind wund gerieben, jeder Schritt verstärkt das Brennen noch. Ihre Zehen scheuern gegen das unebene Holz der Pantinen. Immer, wenn sie einen Fuß hebt, muss sie ihn verkrampfen, um den Schuh nicht zu verlieren. Ein Drang macht sich in ihr breit, sich einfach loszureißen, nach Hause zu rennen, egal, was passiert. Aber wie rennen in diesen Schuhen? Nicole beobachtet sich plötzlich wie von außen, nimmt ihre eigenen Bewegungen wie die eines anderen Körpers wahr – fremd und verlangsamt. Eine Strömung zieht sie stadtauswärts, wie an einem unsichtbaren Band läuft sie hinter der Schneiderin her.

Ein mit dünner Packschnur umwickelter Graphit verursacht Kratzgeräusche auf dem Papier. Nicole sieht nicht auf, während sie gewissenhaft Zahlen untereinander schreibt. Draußen regnet es, Tropfen trommeln auf dünne Dachschindeln. An ihrem siebten Abend im Haus von Madame Le Compes führt sie Buch. Es riecht nach Kohl, der immerzu auf der Kochstelle zu simmern scheint. Der kleine Hund der Schneiderin zappelt an ihrem Bein.

Den Tag über haben die beiden Frauen bis zum Umfallen gearbeitet.

Die Werkstatt der Schneiderin ist ein einziger Raum im Parterre ihres Hauses aus Stampflehm mit Fachwerk. Zwei schmale Fenster, nicht symmetrisch, die in Kniehöhe beginnen. Am ersten Tag hat Nicole nichts gegessen. Am Abend des zweiten Tages bekommt sie Hunger. An der Seite des Arbeitsraums führt eine schmale Treppe hinauf unter das Dach, wo sich unter den Schrägen in einem türlosen Raum zwei Schlafplätze befinden. Nicole schläft auf einer Pritsche, die mit Stoffresten aus der väterlichen Fabrik belegt ist. Mit Stoffen hat sie schon immer zu tun gehabt. Oft brachte ihr Vater Proben mit nach Haus. Schon als kleines Kind durfte sie damit spielen, sich ihre eigenen Kleider daraus machen. Mit acht kennt sie die Unterschiede: Kammgarn für den Gehrock, Seide-Baumwolle-Mischungen für ein Kleid, reiner Canvas für die Arbeitskleidung. Es ist blauer Canvas, mit dem die Pritsche belegt ist.

Ein Lichtblick am dritten Tag: Die Küchenmagd aus dem Palais Ponsardin bringt einen Korb voller Essen, stellt ihn an die Hintertür des Hauses: drei Pasteten, ein Huhn, zwei Laibe Weizenbrot, ein Stück gepökelter Schinken, zehn Eier, zwei Stück in Salbeiblätter eingewickelter Käse, zwei Zitronen.

Die Schneiderin näht Kokarden für die Revolution und Nicole assistiert ihr. Sie schneidet Stoffstreifen und Kreise für die Aufnäher zurecht. Blau. Weiß. Rot. Kreis auf Kreis heftet sie grob zusammen. Während sie die Kokarden grob zusammenstichelt, streicht sie sie immer wieder glatt und prüft, ob die Kreise symmetrisch aufeinanderliegen.

»Mal sehen, wie lange wir sie tragen werden«, sagt die Schneiderin und hält sich eines ihrer Werkstücke an die Brust.

»Wie lang meinen Sie denn?«, erwidert Nicole.

»Ich hoffe, es geht schnell, es hat ohnehin schon viel zu lange gedauert.«

»Was müsste denn passieren, damit es schnell geht?«

»Es kommt auf den König an. Wenn er rasch einwilligt, werden wir uns alle wieder beruhigen. Wenn nicht, werden wir ihm eine Lehre erteilen.«

»Und was soll er tun?«

»Wie ein winselnder Hund muss er sich ergeben. Versailles schlemmt, Reims hungert. So sagen sie, und es stimmt. Wir kleinen Leute sind mit Abgaben verpestet, während die da oben alles geschenkt bekommen. Unsere Kinder hungern, sie sterben am Dreck, an den Rattenbissen, am Typhus. Wir geben das Meiste unserer Ernte an die Klöster ab und der Zehnt dafür wird schon vorher fällig. Natürlich, Adel und Hof müssen ja leben. Damit muss Schluss sein. Wir werden die Steuern nicht mehr zahlen. Und das Brot muss verschenkt werden. Wir lassen uns nicht mehr aussaugen wie der Karpfen vom Blutegel.« Sie kann gar nicht mehr aufhören zu schimpfen, Madame Le Compes, während sie die Kokarde in ihrem Schoß ruhig weiter stichelt.

»Und Sie glauben, das wird der König tun?«, fragt Nicole.

»Er wird keine andere Wahl haben. Etwas muss passieren.«

Die Schneiderin schaut Nicole an. Sie hebt ihre beiden Hände vom Schoß auf, breitet sie aus in die Luft und zuckt mit den Schultern: »Jedenfalls wird die Revolution nicht an der Menge der Abzeichen scheitern«, lacht sie.

Madame Le Compes ist eine geübte Näherin. So schnell wie ihre Nadel in den Stoff fährt, stellt sie die Kokarden rasch fertig. Sie schlägt die Kanten um, säumt die Ränder, näht alles Geheftete fest zusammen. Ihre Finger sind mager und auffallend lang. Einer ihrer Nägel ist in der Mitte geteilt, eine wulstige Narbe verläuft senkrecht über dem Nagelbett. Wenigstens zehn Kokarden schaffen sie bis Mittag. Nicole notiert die Stückzahl, rechnet aus, wie viel die Schneiderin für ihre Ware verlangen kann. Für jeden Tag schreibt Nicole eine Rechnung, zeigt sie der Schneiderin, auch wenn sie weiß, dass sie mit Zahlen nicht gut umgehen kann.

»Übrigens, zu Hause brauchst du keinem auf die Nase zu binden, was wir hier gemacht haben«, sagt sie und richtet ihren Blick auf Nicole. »Es geht schließlich niemanden etwas an, was ich hier verkaufe.«

Jeden Mittag kommt ein Mann vorbei, um die neuen Aufnäher abzuholen. Jeden Mittag derselbe Mann. Wenn es an der Tür klopft, muss Nicole nach oben unters Dach verschwinden. Durch einen Schlitz in den zugezogenen Vorhängen des Giebelfensters beobachtet sie, wie er sich mit seiner roten Mütze, eine Schachtel voll mit Kokarden unter dem Arm, langsam vom Haus entfernt.

Wenn Nicole die steile Stiege wieder hinunter steigt, winselt der Hund so lange, bis sie ihn auf den Arm nimmt. »Ich weiß, du bist mein kleiner Freund«, flüstert sie ihm ins Ohr. »Ich war doch gar nicht lange weg,« sagt sie, während sie sein Kinn krault. Als sie den Hund absetzt, um ihre Arbeit wieder aufzunehmen, legt er sich sofort auf ihre Füße, deren Wunden sich geschlossen haben.

»Woher kannst du denn so gut rechnen?«, fragt die Schneiderin.

»In der Schule machen wir es manchmal, und zu Hause rechne ich für Papa.«

»Eine Schneiderin braucht gute Augen, das Rechnen ist nicht so wichtig.«

»Und ihr Bruder, kann er rechnen?«, fragt Nicole.

»Wir Le Compes sind Bauern. Wir arbeiten mit den Händen. Das unterscheidet uns von euch. Bei uns ist es entscheidend zu wissen, wie man Kohl anpflanzt und wo das Getreide am besten wächst. Wir kennen die Erde, den Wind und die Sonne.«

Die Fenster im Haus der Schneiderin sind den ganzen Tag über zugezogen, nur an einer Stelle lässt sie etwas Licht herein, dort, wo es für den Nähplatz unbedingt notwendig ist.

»Man weiß nie, wer sich hier herumtreibt«, sagt sie, »es ist besser für uns, dass niemand uns zusammen sieht«.

Oft redet die Schneiderin vom Geld. Sie unterstützt ihren Bruder, der keine Arbeit hat, seinen Sohn und dazu ihre Tochter in Épernay, die zu wenig verdient, um zu leben. Der Bruder findet keine Arbeit mehr, er hat Schulden, seine Frau ist gestorben.

»Ein Leben, das aus Sorgen besteht, ist keines«, sagt die Schneiderin. »Das, was gerade auf den Straßen passiert, ist meine Hoffnung. Denn so kann es nicht weitergehen«.

Auf das Geld, das sie bei den Ponsardins verdient, ist sie angewiesen, erzählt sie Nicole. Umso mehr beunruhigt sie der bevorstehende Umzug.

»Wenn ihr wegzieht, ist es aus mit mir«, sagt sie.

Am Abend packen sie die Stoffe und Garne wieder zusammen. Es riecht nach warmem Kohl, auch Pastete ist noch da. Die Schneiderin zeigt ihr, wie man ein Ei in die Pfanne schlägt. Sie stellen zwei Kerzen auf den Tisch.

Beim Essen nach getaner Arbeit stellt Nicole Fragen: »Elise, warum müssen wir denn weg aus Reims?«

»Weil dein Vater ein Royalist ist und sehr reich«, erwidert die Schneiderin.

»Warum in aller Welt ist es plötzlich verboten, Royalist zu sein?«, fragt Nicole.

»Weil die Royalisten nicht wollen, dass sich etwas ändert. Es muss aber etwas passieren. Immer mehr Arme. Und immer schneller wird man arm.«

»Aber genauso denkt Papa doch auch«, ruft Nicole.

»Dann hat er es nicht laut genug gesagt«, gibt die Schneiderin zurück. »Und schließlich hat er den König mit gekrönt. Er saß in der ersten Reihe. Jeder weiß das.«

Nicole kennt die Geschichte. Es ist mehr als zehn Jahre her, und ihr Vater ist immer noch stolz darauf. Oft erzählt er davon. Er hat die Krönung mit Stoffen ausgestattet, alle Deckengewölbe der Kathedrale waren mit Himmeln aus chinesischer Seide geschmückt. Auf alle Stoffe hatte Ponsardin die Französische Lilie aufsticken lassen.

»Aber das ist lange her«, entgegnet Nicole.

»Manche Dinge haken sich fest, egal, wie lange sie her sind.«

»Wirst du auch fliehen?«, fragt Nicole. Die Flammen der beiden Kerzen schnappen nach Luft und lodern noch einmal auf.

»Ich werde in Reims bleiben, egal, was passiert. Vielleicht haben wir ja einen König, der am Ende Vernunft annimmt.«

Als Nicole am nächsten Morgen ihre Arbeit wieder aufnimmt, stellt sie fest, dass sie viele Male hintereinander »Royalist« auf ihr Blatt geschrieben hat.

Gute drei Monate bleibt Nicole bei Madame Le Compes. Eines Mittags im September holt Armonville sie ab und nimmt sie mit zurück nach Hause. Er ist unverdächtig, da er als erster Vormann seines Vaters zu den Arbeitern gehört. Man sieht es ihm an – er trägt die Arbeits-kleidung der Weber und macht ein unbeteiligtes Gesicht. Auch ihm sitzt die rote Mütze der Jakobiner auf dem dunkel gelockten Kopf.

»Wir tun so, als gingen wir jeden Tag diesen Weg, nicht wahr«, sagt er zu Nicole, als sie losmarschieren. Das Wetter ist immer noch sommerlich warm, sie läuft in ihrer Bäuerinnen-kluft hinter ihm her. Es macht ihr inzwischen nichts mehr aus, einen ganzen Tag in Holzpantinen herumzugehen. Ihre Füße haben sich an das harte Gehäuse gewöhnt, und ihre Schritte sind darin sicher geworden. Auch mag sie es, sich nicht mehr um ihr Haar kümmern zu müssen, keine Frisur mehr zu flechten. Unterwegs widmet ihr niemand besondere Beachtung. Noch immer randalieren die Leute auf der Straße, obwohl der König in der Nationalversammlung nachgegeben hat.

»Nicht genug. Das reicht nicht«, sagt Elise Le Compes. »Wenn er so weiter macht, werden wir ihm seinen Laden in Versailles auseinandernehmen«, ergänzt sie.

Mit einem Stich in der Brust hat sich Nicole von der Schneiderin verabschiedet. Etwas Beißendes nagt in ihrer Kehle, als es ans Lebewohl-Sagen geht. Sie hat ihr gerne geholfen, sie haben sich angefreundet. Die beiden umarmen sich fest, dann geht Nicole schnell Richtung Tür. Caiou, der Hund, läuft ihr ein Stück weit hinterher, bis Armonville ihn aufnimmt und zurückbringt. Noch den ganzen Weg über steckt Nicole der brennende Klumpen im Hals, Tränen stehen in ihren Augen. Sie haben versprochen, einander zu besuchen, Elise, Caiou und sie.

»Warum hast du den Umzug denn abgesagt?«, will Nicole von ihrem Vater wissen. Sie steckt sich eine Haarsträhne hinter das Ohr, unter ihre weiße Haube, sie blinzelt ihn an. Sie möchte verstehen, warum die Pläne auf einmal geändert wurden, warum jetzt doch nicht umgezogen wird und offensichtlich alles beim Alten bleibt.

Im geräumigen Hauptsalon des Hauses Ponsardin sitzen sie sich auf zimtfarbenen Sitzpolstern gegenüber, Nicole und ihr Vater. Hochsommerliche Wärme durchströmt den Raum, Jasminduft weht von der blumengefüllten Amphore auf einem Podest zu ihnen herüber. So intensiv ist dieser Duft, als seien die Blumen aus südlichen Gärten geschnitten und stammten nicht aus dem Blumenbeet der Familie hinter dem Haus in Reims. »Es war alles vorbereitet, aber dann hat sich eine bestimmte Sache entwickelt«, sagt der Vater. »Es hat einige Wochen gedauert, es war ungeheuer diffizil, ein Beispiel für den Zustand, den unsere Nation erreicht hat.« Wie so oft redet er in Andeutungen, pathetisch und bedeutungsschwanger, auch ein bisschen sentimental. Nur selten kommt er rasch zum Punkt.

In Nicoles elterlichem Haus hat sich nichts verändert: weiße Tischwäsche, silberne Kandelaber, unversehrtes weißes Porzellan, Unmengen von Feuerholz, Bedienstete, hohe Fenster, ihr weiches Bett, eine ganze Schüssel voller Zitronen steht im Salon. Keine Kiste ist gepackt, kein Zimmer verräumt.

Die Vorhänge werden auch bei den Ponsardins jetzt nicht mehr aufgezogen. Ins Kloster darf Nicole nicht mehr, dafür hat ihr Vater einen Hauslehrer engagiert. Sie freut sich, ihre Geschwister wiederzusehen. Ihr jüngerer Bruder Jean ist zwölf Wochen bei einem der Kutscher in die Lehre gegangen – er weiß jetzt, was ein »Zwanghuf« ist. Die sechsjährige Clementine war im Flügel des Küchenpersonals untergebracht. Nach ihrer Zeit bei der Schneiderin fühlt sich Nicoles Zuhause plötzlich seltsam und leer an. Sie sehnt sich nach den angeschlagenen Tellern und nach Caiou, dem kleinen Hund von Madame Le Compes.

Vor der Flucht vorerst gerettet hat die Ponsardins ein fehlgeschlagener Pakt. Nicoles Vater spricht von »les salaudes«, den Dreckskerlen. »Sie haben kein Gewissen, diese Brüder,« bricht es aus ihm heraus. Ponsardins Wut ist echt. Seine breite viereckige Stirn liegt beharrlich in Falten, während er spricht. Als »schäbiges Pack« bezeichnet er seine Gegner, als »unvorstellbar scham- und gewissenlos. Ich habe ein solches Maß an Niederträchtigkeit nicht für möglich gehalten, nicht in Frankreich, nicht in der Champagne, nicht in Reims, unserer Krönungsstadt.«

Ein eminent schwieriger Auftrag an ihn geht der Absage des Umzugs voraus. Mitten in der Krise hat der Rat der Stadt Nicoles Vater mit der Lebensmittelversorgung für die Bewohner beauftragt. Er kümmert sich, weil er bleiben will. Längst spürt er, dass eine Verschiebung der Kräfte in vollem Gange ist. Er nimmt dieses Amt an, weil er annimmt, dass sie ihn und seine Familie in Ruhe lassen werden, wenn er etwas für die Stadt tut. Als Fabrikant ist Ponsardin zuerst Opportunist, dann Royalist, aber er ist auch ein patriotischer, ein fürsorglicher und sensibler Mann. Er hat einen Sinn für atmosphärische Strömungen, für die Stimmung in seinem Betrieb und den Zustand des sozialen Gefüges unter den Arbeitern.

»Stell dir vor, Nicole, unsere Mönche aus dem Kloster Valroy, die den Bauern fast alles Korn abnehmen, sie haben es an ein paar windige Spekulanten verkauft, statt es auf den Markt zu tragen.«

»Was sind Spekulanten?«, fragt Nicole.

»Zwischenhändler, Halsabschneider, Leute ohne jede Verantwortung für ihre Ware, die sie nur aufkaufen und weiter geben, für die sie nichts, aber auch gar nichts tun. Sie täuschen nur vor, ihre Ware zu kennen, sie tun so, als hätten sie einen eigenen Anteil daran. In Wahrheit sind es Diebe. Keiner von ihnen hat je etwas produziert, geschweige denn angepflanzt oder gepflegt, oder geerntet. Sie sind ohne jede Loyalität.«

»Und wo kommen sie her?«

»Nicht von hier, aus Paris, nehme ich an.« Er seufzt. »Tagelang habe ich versucht, eine Lösung zu finden. Vergeblich. Der einzige Weizen, den sie uns schließlich gegeben haben, war vollständig verdorben. Nass und verschimmelt, fast die gesamte Fuhre, die ich ihnen abhandeln konnte – alles vergiftet und verloren«.

»Und was machst du jetzt?«

»Zuerst habe ich mich an den Hof gewandt. Aber niemand dort hat mir geholfen. Paris, Versailles, das ist ein Moloch. Finanzminister Necker sagt, an den Verträgen mit den Klöstern sei nichts zu ändern. Vertrag sei Vertrag. Auch in bitterer Not müssten unsere Bauern ihn erfüllen und liefern. Dann habe ich den Polizeipräfekten um Hilfe gebeten. Und schließlich, nach Wochen der Diskussion, haben wir eine eigene Verordnung erlassen. Sie gilt nur für die Stadt Reims.« Ponsardin greift sich an sein Revers. »Von nun an sind Klöster und Spekulanten gezwungen, den Löwenanteil ihres Getreides auf den Markt von Reims zu geben.«

»Aber dann ist doch …«, setzt Nicole an.

»… für den Moment ist das eine Lösung«, unterbricht sie ihr Vater. »Aber ich befürchte, das Ganze wird sich noch rächen. Denn in Zukunft sind auch meine Verträge nichts mehr wert.«

Nicolas Ponsardin streicht sich über die dunkle Samtmanschette seines Gehrocks. Vor ihm auf dem Tisch steht ein Kelch mit Rotwein. Seine breite Hand mit den fleischigen Fingerkuppen packt den Stil des Glases und malt kleine Kreise damit in die Luft. Einige Sekunden lang schleudert der blutrote Wein durch den Kelch. Dann hält er ihn gegen das Licht, prüft, ob sich Rückstände am Rand gesammelt haben. Schließlich nimmt er einen ordentlichen Schluck davon.

»Du siehst es ihnen nicht an, Nicole. Sie sind ungeheuer freundlich. Sie hatten mich vorher nie gesehen und sagten: ’Wir sollten Freunde sein!’« Er legt seine Hand flach auf den Tisch, beugt sich zu ihr vor: »Erst dachte ich, man könnte mit ihnen reden. Aber von Anfang an haben sie sich wie Halunken verhalten. Sie sehen diese Misere, sie hören das Geschrei auf den Straßen, sie beobachten Tag für Tag, wie die Bauern ihre Sicheln nehmen und uns die Scheiben einschlagen. Aber sie warten, bis ihre Preise für das Korn in astronomische Höhen geschnellt sind. Und dann bieten sie mir ihre Freundschaft an.«

Nicoles Mutter, Jeanne-Clementine, betritt den Salon. Sie ist jung, gerade dreißig geworden, klein, ihre Knochen sind zart, ihr Hals sehr lang, ihre Taille schmal. Ponsardin hat sie geheiratet, als sie sechzehn war. Sie trägt ein blassgelbes Seidenkleid und sieht angespannt aus, erschöpft.

»Seid Ihr schon wieder bei der Politik?«, sagt sie leise. Ihr Blick wandert von ihrem Mann und der Tochter weg auf die Blumenamphore. Sie zögert, bleibt in der Tür stehen, als wolle sie den Salon gleich wieder verlassen.

»Komm her, Jeanne, setz dich zu uns. Jetzt, wo wir unsere Kinder wieder im Haus haben und sie nicht vergessen haben, dass wir ihre Eltern sind ….«, beginnt Ponsardin.

»Wir werden sehen, wie lange das so bleibt«, sagt Jeanne, immer noch leise.

»Nun, der König hat die Erklärung der Bürgerrechte anerkannt. Er hat sich selbst die Kokarde der Revolution angeheftet. Angenommen, er kriegt jetzt noch seinen Haushalt in den Griff, dann werden wir uns im nächsten Jahr umsehen und wundern, warum es diese Kämpfe überhaupt gegeben hat«, sagt er.

»Wo wären wir denn hingegangen, wenn es anders gekommen wäre«, fragt Nicole.

»In die Ardennen«, sagt Ponsardin.

»Und wo sind die Ardennen?«

»Das erkläre ich dir, sollte es soweit kommen.«

Zeit der Vorsicht

REIMS, 1793–1794

Als Nicole das frisch gebundene, noch nach Leim duftende neue Kundenbuch aufschlägt, schreckt sie kurz zurück. Sie erinnert sich daran, dass Adèle, ihre Lehrerin im Kloster Saint-Pierre-Les-Dames, immer gesagt hat: »Die schlimmste Sünde ist die der Lüge. Wer mich belügt, dem wird es schlecht ergehen.«

Kurz vor Mitternacht haben sich Vater und Tochter Ponsardin allein in einer Kutsche auf den Weg gemacht. Es ist Ende November des Revolutionsjahres 1793. Nebel kriecht von den Feldern im Tal der Marne herauf, kein Stern ist durch die Wolkendecke zu sehen. Mitten in der Revolution hat Ponsardin seine Firma erweitert. Die Hauptgebäude liegen jetzt in einem Vorort von Reims, unweit einer alten Klosterkapelle. Die Häuser sind nicht neu, Ponsardin hat sie dem Staat abgekauft – ehemalige Lagerhäuser in bester Verfassung. Ein Teil der früheren Liegenschaften des Klerus dienen ihm nun als erweiterter Firmensitz. Auch die neue Staatsführung braucht dringend Geld, und der Verkauf der kirchlichen Güter bringt frisches Kapital. Warum nicht zugreifen? Ponsardin entscheidet schnell. Er erkennt eine Gelegenheit sofort und er kann mehr Platz für neue Webmaschinen gebrauchen. Wozu also die Sache aufschieben, wenn sich eine solche Chance bietet?

Es ist ein Uhr in der Nacht gegen Ende des vierten Revolutionsjahrs. Vater und Tochter stehen sich an einer massiven Holztheke gegenüber, die sicher zwanzig Fuß lang ist. Dunkelheit und eine ungewohnte Stille herrschen im großen Saal der Weberei, in der tagsüber die Webstühle so laut rattern, dass sich Nicole, wenn sie eintritt, unwillkürlich die Ohren zuhält. Auf der Theke hat Ponsardin drei starke Talglampen installiert. Außerdem mehrere Schreibfedern, zwei Tintenfässer, ein großes und ein kleines Petschaft, eine Stange Siegellack, eine Kerze. Schwarze Weite breitet sich hinter der Theke aus. Es ist so still, selbst eine winzige Maus würde von den beiden Ponsardins ertappt werden, sollte sie sich in irgendeiner Ecke der Halle zu schaffen machen.

»Wie lange werden wir hier wohl brauchen?«, fragt Nicole. Sie ist jetzt fast siebzehn Jahre alt. Ihre feste Stimme hallt durch den Raum.

»Sicherlich noch eine weitere Nacht, vielleicht zwei«, antwortet Ponsardin.

»Hat dich jemand gefragt, warum du dir neue Bücher binden lässt?«

»Armonville hat das arrangiert, ich glaube nicht, dass ihn jemand gefragt hat.«

»Er weiß also Bescheid, Armonville?«

»Ja. Ich vertraue ihm.«

Ein skeptischer Blick prägt Ponsardins Gesicht seit Beginn der Revolution. Bei keiner einzigen Handlung ist er sich sicher, ob sie ohne gefährliche Folgen für ihn bleiben wird. In den vergangenen vier Jahren hat sich dieses Gefühl schubweise verstärkt. Das Auswandern hat er jedoch immer wieder verschoben, dafür laufen die Geschäfte einfach zu gut. Außerdem sitzt er wieder fest im Sattel des Stadtrats, trotz neuer republikanischer Führung. Er kann seine Unsicherheit über jeden seiner Schritte schlecht aussprechen. Wenn er es überhaupt einmal wagt, dann gegenüber Armonville, seinem wichtigsten Vorarbeiter, oder Nicole, seiner ältesten Tochter.

»Ich denke gerade an die alte Adèle. Sie würde mich tadeln für das, was wir hier veranstalten«, sagt Nicole.

»Deine alte Adèle ist zu ihren Verwandten nach Arles zurückgekehrt.«

»Aber sie würde das alles verachten. Immerhin nehmen wir eine Fälschung vor.«

»Sie war nicht gerade eine kluge Person, deine Adèle«, sagt Ponsardin. Er schaut zu seiner Tochter herüber, ein Lächeln spielt um seinen Mund.

»Du meinst also, es ist klüger …«

»Nicole, wir haben doch schon ein paar Mal darüber gesprochen.«

»Ja, das stimmt, ich weiß, ein guter Unternehmer muss auch Stratege und Politiker sein, das sagst du immer.«

»Wie macht sich eigentlich Elise Le Compes, unsere Schneiderin, meine Beschützerin?«, fragt sie weiter.

»Exzellent. Eine großartige Vorarbeiterin. Ich möchte nicht mehr auf sie verzichten. Ohne sie hätten wir es nicht so rasch hinbekommen, die Arbeiter an die neuen Maschinen zu gewöhnen.«

»Und ihr Bruder?«

»Ein schwieriger Fall.«

»Ich weiß, sie hat es mir erzählt«, erwidert sie.

»Er kommt nur sehr unregelmäßig zur Arbeit.«

»Er ist krank, er hat Rheuma«, verteidigt ihn Nicole.

»Und er trinkt gern. Aber wir finden schon noch etwas für ihn«, lenkt ihr Vater ein.

An der breiten freistehenden Wand des Raums hat Ponsardin ein Plakat des örtlichen Jakobinerclubs anbringen lassen. Es zeigt einen »Baum der Freiheit«, der mit rot-weiß-blauen Bändern geschmückt ist, darunter ein junges Mädchen im weißen Kleid, »style grecque«, ein Tamburin schlagend, daneben ein Rutenbündel, mit trikolorefarbigen Bändern umwickelt. Auf einem Schriftband ist zu lesen: »Gewidmet dem 14. Juli 1789 – Zerbrochen sind die Fesseln der Franzosen!«

»Ich will dein Gewissen etwas entlasten«, sagt Ponsardin. »Diese Sorte Fälschungen, die wir hier vornehmen, haben all meine Kollegen längst hinter sich gebracht.«

»Das macht es nicht besser«, antwortet Nicole.

»Im Grunde sind es keine Fälschungen, es sind Korrekturen. Unsere Kunden würden es selbst so wünschen.«

»Aber Papa, du hast sie nicht gefragt. Wer ist denn der Jurist? Das bist doch du.«

In der Tat, Ponsardin ist Jurist. An der Universität von Reims ist er »liberal imprägniert worden«, wie er es selbst nennt. Der Rechtsfakultät von Reims sagt man schon lange vor Ausbruch der Revolution einen »liberalen Geist« nach, und Ponsardin studiert dort zusammen mit Jean Lethinois, einem der Sekretäre Voltaires. Auch von zu Hause hat er eine vorsichtige Kritik an den ausufernden Privilegien des Adels mitbekommen. Sein Vater ist Katholik und Monarchist, aber Anhänger eines durch Verfassung und Parlament eingegrenzten Königsstaats. Die Rigidität des Vaters liegt dem Sohn fern, dazu ist er zu intelligent und zu sensibel. In der Revolution sieht er sich als Vermittler, jemand, der die Notlage der bedrängten Arbeiter verstehen und nachfühlen kann, denen er mit Rat zur Seite steht. Er ist gerne ihr Unterhändler.

Bis zur Revolution kleidet sich Ponsardin »kreativ«, er probiert die auffälligsten Stoffe seiner Webereien an seinen eigenen Westen und Schuhen aus – dekorfreudig, barock, jovial. Und bis zum bitteren Ende der Monarchie lässt er sich durch den Prunk des Hofes beeindrucken. Immer noch trauert er, dass ihm der König keinen Adelstitel verliehen hat, auch wenn er ihn jetzt, da es keinen König mehr gibt, streichen müsste.

»Mama sieht traurig aus«, Nicole hat sich einen Holzschemel geholt. Sie sieht ihren Vater fragend an.

»Sie vermisst die Gesellschaften, Nicole. Und sie ist geschockt von der Guillotinierung des Königs und der Königin. Und es ist …«, Ponsardin macht eine Pause, als habe er einen Gedanken auf der Zunge, den er dann aber nicht aussprechen will. Er hebt die Augen und sieht Nicole an: »Deine Mutter lächelt nicht mehr, ganz egal, was für einen Scherz ich mir für sie ausdenke«, sagt er schließlich. »Alles dreht sich um sie, aber es ist ihr immer noch zu wenig. Man weiß nie, was sie wirklich hat, und auch nicht, was sie je wieder amüsieren könnte.«

»Mutter vermisst das Leben, das wir einmal geführt haben,« sagt Nicole.

»Nicole, wir leben jetzt seit vier Jahren sehr zurückgezogen, aber alles, was wir befürchtet hatten, ist bisher nicht eingetreten.«

»Du meinst, wir haben nicht in ein anderes Land ziehen müssen?«

»Aber Nicole: Wir leben alle! Wir sind gesund! Es hat doch keinen Sinn, ewig in Trauer zu sein, weil die Umstände nicht den Erwartungen entsprechen.«

»Du meinst, wir sollten froh und dankbar sein?«

»Genau das ist meine Meinung.«

Ponsardin tritt einige Schritte zur Seite, macht sich an einer der Talglampen zu schaffen. Er kommt zurück, legt seiner Tochter eine Hand auf den Arm: »Magst du auch einen Schluck Rheinwein?«

»Ach, ein wenig gerne«, sagt Nicole.

Ihr Vater verschwindet kurz hinter der Wand mit dem Revolutionsplakat und kommt mit einem Korb voller Weinflaschen zurück. Die Frage nach der Traurigkeit seiner Frau ist Ponsardin nahegegangen. Er sieht aus, als hätte er eben mit den Tränen gekämpft, sich dann aber beherrscht. Er lächelt sie an, holt tief Luft.

»Armonville erzählt, dass sie sich ständig streiten in den Sitzungen mit den Jakobinern«, setzt er an. »Sie argumentieren sich zu Tode, schweifen immer wieder ab. Die Sitzungen dauern zehn, zwölf Stunden, sie haben keine Übersicht und keinen Plan. Es fehlt an Leuten, die nach vielerlei Diskussionen eine Entscheidung herbeiführen. Dennoch, ich sehe es immer noch positiv, dass sie sich treffen und diskutieren. Es gibt eine Menge Chancen, es herrscht Aufbruchsstimmung. Ich spüre es unter den Arbeitern in der Fabrik«, schließt Ponsardin.

»Hast du denn keine Zweifel, wegen der Guillotine, der aufgespießten Köpfe, der vielen Toten?«, fragt Nicole.

»Natürlich habe ich die, Danton und dieser Marat, da sind ja wirklich Irre am Werk. Daher müssen wir so sehr aufpassen. Und auch ich fände es besser, sie hätten den König am Leben gelassen. Er hat viele Fehler begangen, aber er war wie eine Säule, er gab uns eine Form, eine gewisse Stabilität, trotz der furchtbaren Ereignisse.«

»Lass uns beginnen,« sagt Nicole und schlägt die Seite hinter dem Register-Buchstaben »A« im neuen Kundenbuch auf.

Ponsardin hat die alten Kundenbücher schon bereitgelegt. Er hat diese Bücher von seinem Vater übernommen, der die Weberei einst gründete. Drei große, schwere, abgegriffene, in Leder eingebundene Bände. Jeder, der jemals Waren des Hauses Ponsardin bestellt hat, ist unter dem Anfangsbuchstaben seines Nachnamens mit seiner Adresse in einem der drei Bücher vermerkt. Ponsardin bewahrt sie wie einen Schatz in einem schweren Schrank auf, dessen Schlüssel er immer bei sich führt. In den Büchern wimmelt es nur so von Abbées, Bischöfen und Erzbischöfen, von Barons, Marquis, Ducs, Chevaliers, Comtes und Seigneurs.

»Ich wollte diese alten Kladden schon immer ersetzen«, sagt er. »Ihrem Inhalt gebührt ein besserer Einband«, eine leicht beschönigende Umschreibung dessen, was er vorhat.

Die massive Prüftheke, an der die beiden Ponsardins während der folgenden Nächte ihre Fälscherarbeit erledigen, ist so etwas wie die Kommandobrücke des Unternehmens Ponsardin et Cie. in Reims. Hier werden tagsüber die Spinn- und Gewebeproben der Vorarbeiter geprüft. Qualitätsmängel in den Stoffen, verlorene Fäden oder eine ungleichmäßige Musterung. Solche Mängel verursachen Preisminderungen, die der Unternehmer als Lohnausfall direkt an die 1 000 Weber und Weberinnen weitergibt. In den Jahren der Misere und auch seit Beginn der Revolution hat Ponsardin noch niemanden entlassen müssen. Er ist selbst verwundert, wie exzellent sein Geschäft läuft. Ponsardin ist jetzt 46 Jahre alt. Mit 19 hat er die Firma von seinem Vater übernommen. Er beliefert nicht mehr nur die Region, sondern ganz Frankreich mit seinen Tuchwaren – marokkanische und chinesische Seiden, Voiles, Baumwolle, Damast, Mousselines, Leinen und Wollstoffe.

Seine Position als Ratsherr hat Ponsardin zu Beginn der Revolution zur Verfügung gestellt. Aber er wird dennoch wiedergewählt. Wie schon in den Jahren zuvor hilft ihm dieser Status, seine Arbeiter auch in schwierigeren Phasen zu beschäftigen. Wenn es einmal weniger zu tun gibt, kann er sie mit Diensten für die städtischen Liegenschaften auslasten – Schneeräumung im Winter, Gartenpflege im Sommer. Jedoch ist der Rückgriff auf solche Aushilfsdienste seit ein paar Monaten gar nicht mehr nötig. Die Fabriken sind ausgelastet. Textiles Revolutionsmaterial ist gefragt – Fahnen, Bänder, Flaggen, Kokarden, Jakobinermützen. Auch die Mode hat sich verändert. Samt und Seide sind passé, einfache Materialien wie Leinen, Baumwolle und Wolle sind gefragt.

Nicole atmet auf. Was die modischen Äußerlichkeiten angeht, gefällt ihr der neue Stil. Sie hat die Reifröcke, Corsagen und Turmfrisuren unter Ludwig XVI. nie gemocht. Das ewige Einschnüren los zu sein, ist ihr jeden Tag eine Freude. Die Farbe der Frauenkleider ist hell, Stoffe und Schnitte sind schlicht. Einfachheit ist Trumpf. Musselin-Kleider sitzen locker und fallen unter dem Busen gerade herab. Um Hals und Decolleté liegt ein einfaches weißes Tuch. Ihre Mutter hält noch an den alten Gepflogenheiten fest. Corsage, Cul de Paris, auf dem Kopf ein komplexes Gebilde aus Eigen- und Fremdhaar, gepudert und auftoupiert wie ein paar übereinander gestapelte Vogelnester. Männer müssen jetzt zwingend eine lange Hose tragen. Auch Ponsardin hat sich dem inzwischen gefügt, wenn auch zögerlich. Wer noch in den Kniebundhosen der Adelszeit herumläuft, macht sich als Revolutionsgegner verdächtig. Je länger die Revolution fortschreitet, desto stärker sind Spitzel unterwegs. Gegner der Revolution werden empfindlich bestraft – schon die Bekleidung dient oft als Anfangsverdacht.

»Es fühlt sich doch gar nicht schlecht an – jeder Kunde ein Citoyen«, sagt Ponsardin freudig, als sie fast fertig sind.

»Alle Titel – verschwunden!«, ruft er in die dunkle Halle. Er dankt Nicole und umarmt sie fest. Die Erleichterung ist ihm anzusehen. Nach nächtelanger Arbeit hat sich ein befreites Lächeln über sein Gesicht gelegt.

»Wir können die Titel in den Büchern über Nacht verändern, aber damit hat sich in der Realität noch gar nichts bewegt«, sagt Nicole.

»Damit hast du zwar Recht, aber manchmal braucht es Symbole, um der Veränderung eine Richtung zu geben.«

»Welche Ziele hat denn ein Danton?«

»Allgemeines Wahlrecht, keine Privilegien, freie Eigentumsrechte. Aber ich verstehe, woran du denkst, Nicole. Manchmal bin ich mir nicht sicher, ob er nicht am liebsten zurückrudern würde.«

»Zurückrudern? Was soll das heißen?«, fragt Nicole.

»Er hat keine Leute. Und die, die er hat, befassen sich nur noch mit Kämpfen untereinander. Frankreich führt einen Vier-Frontenkrieg gegen unsere Nachbarländer. Dazu die vielen Härten, die er den Menschen noch immer verkaufen muss. Hätten sie den König nur leben lassen; er hätte sich der neuen Verfassung nicht widersetzt.«

»Papa, du redest wie über Schachfiguren. Diese Dantons und Desmoulins haben ein Blutbad angerichtet. Über tausend Tote im September, zehntausend Tote im letzten Jahr – nur weil man sie verdächtigt hat, gegen die Revolution zu sein. Die Ausschreitungen in der Vendée, die Enthauptungen, das Aufspießen und öffentliche Herumreichen der abgeschnittenen Köpfe. Was sind das für Taten, jeden Tag – und bis nach Reims kommen ihre Pamphlete«, erwidert Nicole.

»Das Aufspießen machen nicht Danton und seine Freunde, dafür kannst du sie nicht verantwortlich machen!«

»Willst du damit sagen, es ist nur der Mob, der sich so benimmt?«, fragt Nicole. »Aber warum lassen sie es ihn tun, warum lasst ihr das denn alles zu? Warum wiegeln sie ihn noch auf, die Herren Danton, Robespierre und ihre Freunde?«

»Sie können nicht mehr zurück, Nicole. Sie haben das Volk aufgestachelt, zornig gemacht!«

»Wer ist denn ›das Volk‹? Sind wir es nicht auch? Verdächtig sind wir doch alle. Auch wir können jederzeit unter Verdacht geraten. Jemand wie Danton hat gesagt, dass ihm diese Toten egal sind. Wir müssen uns doch langsam fragen, wie es dazu kam.«

»Meine Liebe, besonders verdächtig sind wir nun wirklich nicht.«

»Papa, wenn du es ernst meinst mit deiner Vorsicht, dann musst du auch dieses Kamingeschirr hier vernichten«. Sie dreht sich um, zeigt auf einen Feuerhaken und eine Schaufel neben dem Kamin. Auf jedem der Feuerhaken ist die Lilie der Bourbonen eingeprägt.

Endlich sind sie am Ende der dritten Nacht angelangt. Ihre Aktion ist beendet. Alle Kundennamen aus den alten Büchern sind jetzt in die neuen übertragen. Keiner von ihnen hat seinen Titel behalten. Jedem Namen wurde ein einheitliches »Citoyen« vorangestellt. Die neuen Bücher liegen im Tresor, die alten sind im Kamin verbrannt.

Das Jahr, in dem Ponsardin und seine Tochter die Namen ihrer Kunden »anpassen«, ihnen die Titel wegradieren und so tun, als wären es schon immer »Citoyens« gewesen, ist das Jahr 1793. Der September 1792, mit wahllosen Morden an unschuldigen Menschen, die der royalistischen Verschwörung verdächtigt wurden, ist diesem Jahr vorausgegangen. Nachvollziehbar wird der heimliche Buchbetrug eines seriösen Juristen wie Ponsardin nur vor dem Hintergrund der Zeitbedingungen. Es gibt massenweise Plünderungen, Morde und öffentliche Hinrichtungen von Fabrikanten. Überall in den Provinzen erheben sich die Bauern und plündern die Herrenhäuser. Auslöser sind oft Revolutionspamphlete, in denen haltlose Gerüchte verbreitet werden. Zum Beispiel darüber, dass Aristokraten die Ernten vernichten lassen oder die Steuern erneut erhöht werden.

In allen Städten gibt es Treffpunkte, an denen man Neuigkeiten erfährt und Meinungen austauscht. Die meisten Flugschriften werden direkt an Ort und Stelle vorgelesen, um auch die Analphabeten zu erreichen. Überall sieht Ponsardin Menschen an Ecken und auf Plätzen in der Stadt zusammenstehen, während sie einem revolutionären Vorleser zuhören. Ponsardin verlässt sein Haus nur noch in unauffälliger Kleidung.

Reims ist überfüllt mit mittellosen Menschen aus den umliegenden Dörfern und Weilern, die irgendwo eine Brotquelle suchen. Die Zahl der Analphabeten liegt in Frankreich bei über 50 Prozent der Männer, auf dem Land weit darüber. Frauen sind nur selten des Lesens und Schreibens mächtig. Nach der Hinrichtung des Königs, die bei der gläubigen Bevölkerung tiefe Ängste vor göttlicher Strafe auslöst, kommt es zu bürgerkriegsähnlichen Zusammenstößen überall im Land. Das von den jungen Revolutionsführern vollständig beherrschte Terrorregime unternimmt nichts, um den Mob von seinen Gewalttaten abzuhalten. Wohlhabend zu sein, als Journalist auf der falschen Seite zu stehen, einen unter Umständen als royalistisch zu verstehenden Gedanken zu äußern, ein altmodisches Kleidungsstück zu tragen, alles das genügt als Grund für den Tod.

Am 16. Januar 1793 wird König Ludwig XVI. zum Tode verurteilt, am 21. Januar wird er auf dem Revolutionsplatz in Paris guillotiniert. Zu seinen Henkern sagt er: »Tun sie, was sie wollen. Ich werde den Kelch bis zur Neige leeren.« Nach seiner Hinrichtung wird ein Jakobiner zum Bürgermeister von Paris ernannt. Die Stimmung in der Hauptstadt wird explosiv. Es kommt zu Plünderungen und Ladenstürmen. Anfang April wird zunächst der »Sicherheitsausschuss«, später der sogenannte »Wohlfahrtsausschuss« eingerichtet und mit umfassender Macht ausgestattet.

Dieser Ausschuss wird dafür sorgen, dass es in Frankreich zu massenhafter Anwendung von Lynchjustiz kommt. Beide Ausschüsse kontrollieren jetzt die Regierung und werden zur zentralen Schaltstelle der exekutiven Macht. Sie können Minister suspendieren und einsetzen, das Heer maßregeln, die Minister zwingen, neue Gesetze zu erfinden, was in hoher Frequenz geschieht, sie steuern die Polizeidienste. Die führenden Jakobiner – Georges Danton, Louis-Antoine-Léon de Saint-Just und Maximilien Robespierre – bekommen den Ausschuss unter ihre Kontrolle, indem sie dort abwechselnd führende Rollen übernehmen. Es folgen die Kriegserklärung an Spanien und ein Volksentscheid über die neue Verfassung der Republik. Im Norden, Osten und Süden Frankreichs kämpfen Truppen nun gegen die mächtigen, an ihr Land angrenzenden Monarchien. Im September wird zunächst ein »Gesetz über die Verdächtigen« erlassen, um als Feinde der Republik Deklarierte umgehend bestrafen zu können. Überall im Land entstehen Revolutionstribunale, die Beschuldigte ohne Widerspruchsrecht verurteilen und hinrichten.

Da die Guillotine stark belegt ist, kommt es zu Gruppentötungen mit dem Säbel. Es ist üblich, Leichenteile von Prominenten durch die Stadt zu tragen und zur Schau zu stellen. 500 000 Menschen werden verhaftet, 40 000 Menschen in einem Jahr hingerichtet. Keiner traut mehr dem anderen. Am 14. Oktober beginnt der Prozess gegen die »Witwe Capet«, wie die Königin Marie-Antoinette inzwischen genannt wird. Man beschuldigt sie des Hochverrats und der Unzucht. Letzteres wird damit begründet, dass sie ihren achtjährigen Sohn in ihrem Bett schlafen lässt. Am 16. Oktober um 12 Uhr mittags wird sie auf dem Revolutionsplatz in Paris guillotiniert.

Am 28. November 1793 wird der Royalist Nicolas Ponsardin in den Club der Jakobiner in Reims aufgenommen. Dazu hat er einen Eid abgelegt: »Im Namen der Nation und des Gesetzes schwören wir, eher zu sterben als jemandem zu dienen, der sich als König präsentiert oder jemand, der unter Missachtung der heiligen Gleichheit Macht an sich reißen will, unter Missachtung des Volkswillens.«

»Geht es dir gut? Kannst du dahinter stehen?«, fragt ihn seine Tochter am Abend.

Nicole sitzt auf der gepolsterten Armlehne einer zimtfarbenen Bergère. Mit ihrem linken Arm stützt sie sich auf der zweiten Armlehne ab. Unter ihrem Kleid hat sie ihre Beine übereinander geschlagen und wippt leicht mit dem in der Luft hängenden Fuß. Ponsardin lehnt an einem der in der Wand des Salons eingelassenen Seitentische. Es ist sein Lieblingsplatz. Er liebt die leichte Kühle, die von dem rötlichen Marmoraufsatz des Tisches ausgeht, und er mag diese Position: nicht stehen, nicht sitzen, sondern genau dazwischen. Es ist fünf Uhr am Nachmittag, nach einem kalten und sonnigen Wintertag. Auf den zugezogenen Vorhängen aus muskatbraunem »Toile de Jouy« tanzen junge Adelige um imaginäre Teiche. Auch diese Vorhänge stammen aus vorrevolutionärer Zeit. Wer überleben will, muss sie eigentlich abnehmen.

»Ich habe nichts gegen den Jakobinerclub«, sagt Ponsardin. »Armonville hat mir den Beitritt empfohlen«. Ponsardins Schuhe haben keine Schnallen mehr. Er hat sie abgelegt, weil sie zur Adelstracht gehören.

»Was macht ihr denn eigentlich dort?«

»Ich habe mich für das Sicherheitskomitee gemeldet. Dort wird diskutiert, wer verdächtig ist, die Revolution zu hintertreiben, und entschieden, wer zum Tode verurteilt werden soll.«

»Und du glaubst, du kannst da irgendjemanden mäßigen?«, fragt Nicole.

»Danton sagt, der Umsturz geht nur mit der Pike des Volkes, aber danach müssen wir den Kompass der Vernunft wieder verankern. Ich stimme ihm zu«, erwidert ihr Vater.

»Das hört sich gut an, aber ich kann damit nichts anfangen.«

»Mit der Hysterie muss jetzt Schluss sein – so verstehe ich ihn«, erklärt Ponsardin.

»Trägst du eigentlich die rote Mütze, wenn du dort bist?«

»Natürlich. Das macht mir nichts aus.« Ponsardin geht zu ihr hin, setzt sich auf die Bergère ihr gegenüber. Er schaut sie an und lächelt. Sie erwidert ungläubig seinen Blick.

»Papa, bitte erklär mir, wie du das machst. Im Stillen verehrst du immer noch Ludwig XVI., wohingegen du heute morgen mit rotem Hut mitten zwischen den Jakobinern sitzt und einen Eid auf die Gemeinschaft mit denjenigen schwörst, die ihn umgebracht haben.«

Ponsardin atmet tief ein und wieder aus. Er nickt Nicole kurz zu, als freute er sich darüber, dass sie in der Lage ist, ihm in dieser Weise Kontra zu geben. Dann wechselt er plötzlich seine Miene, sein starrer Blick liegt jetzt auf den Vorhängen.

»Meine liebe Tochter, es ist nicht so, dass ich mir diese furchtbare Zeit ausgesucht hätte. Es gibt Gründe für mich, dem Club beizutreten, die sehr empfindlich sind.«

»Magst du sie mir vielleicht erzählen?«, fragt Nicole.

»Du erinnerst dich an unsere Umzugspläne!«

»Natürlich!«

»Ich habe damals über einen Strohmann ein Haus in den Ardennen gekauft. Ich stehe seither auf der Emigrationsliste. Bei den Jakobinern hat das einer entdeckt. Wie ich höre, hat er ein Interesse daran, es an die große Glocke zu hängen. Er will es nach Paris melden.«

»Und … was heißt das?«, fragt Nicole.

»Man kann mir den Plan der Emigration, der jetzt vier Jahre alt ist, als Verrat an der Republik auslegen. Abhauen ist nichts für einen Jakobiner. Sollte ich mich nicht hinreichend erklären können, dann kann das für uns alle böse ausgehen.«

Nicole ist geschockt. Sie sieht ihren Vater an, er sitzt jetzt vorgebeugt und wie erstarrt neben ihr.

»Ich verstehe, du willst den Club vorbereiten«, sagt sie leise.

»Ich gehe ganz offen heran. Ich werde erst einmal versuchen, alles mitzumachen, damit sich ein Vertrauen entwickeln kann.«

»Du wirst alles mitmachen?«

»Alles, außer den Todesurteilen. Die werde ich nicht unterzeichnen.«

Am nächsten Morgen schneit es. Das Palais der Ponsardins im Zentrum von Reims erstreckt sich über vier Parzellen. Fünf nebeneinander stehende Ochsenaugenfenster im Dachgeschoss schmücken ein Schieferdach, das an diesem Vormittag mit einer Ladung Neuschnee bedeckt wird. Der eindrucksvolle dreistöckige, helle Bau füllt auf einer Breite von etwa 50 Metern und einer Tiefe von fast 200 Metern die Fläche zwischen zwei parallel geführten Straßen, der Rue de Cérès und der Rue de la Chasse. Das Anwesen ist in der Mitte durch einen kleinen Privatpark geteilt und wurde erst ein paar Jahre vor der Revolution fertiggestellt. Die Kosten für das neue Haus, das Ponsardin auf einem riesigen Grundstück seiner verstorbenen Mutter errichten lässt, waren gewaltig. Er war darüber so geschockt, dass er Pläne, Kostenvoranschläge und Rechnungen für das gesamte Projekt sofort verbrennen ließ.

Jeanne-Clementine, Ponsardins Ehefrau, kann keinen Schnee sehen. Sie wird sich an das Doppelleben aus royalistischer Grundeinstellung und der Begrüßung der allgemeinen Gleichheit der Menschheit einfach nie gewöhnen. Ihre feindliche Sicht der radikalen politischen Entwicklungen äußert sie in einer Verbitterung und Galligkeit, die sie mit ihren Nachbarn aus dem Viertel, den Eheleuten Clicquot, teilt. Die Clicquots sind Wein- und Kolonialwaren-Großhändler und wohnen in einem ebenfalls stattlichen, aber nicht ganz so eindrucksvollen Haus, gleich um die Ecke der Ponsardins, in der Rue de la Vache. Beide Familien gehören zu den lokalen Industriegrößen des Departements. Phillippe Clicquot, das Familienoberhaupt der Clicquots, ist einer jener gutbürgerlichen Katholiken, dessen politische Kontakte in Reims und Umgebung nicht so weit reichen, dass er aus der Revolution ein Geschäft machen kann. Kolonialwaren kann sich kaum noch jemand leisten. Die finanziellen Ressourcen der Clicquots sind durch die lange Zeit der Unruhen inzwischen überschaubar geworden.

Die stattliche Madame Francoise Clicquot, geborene Muiron, Ehefrau von Philippe Clicquot, betritt das herrschaftliche Haus der Ponsardins an diesem Vormittag durch den Hintereingang. Im Vestibül schüttelt sie ihre mit leichtem Neuschnee benetzte Haube und ihr großes dunkelgrünes Lodencape aus. Antoine, der Hausdiener, hilft ihr dabei.

»Bhrrr. Das ist wirklich kein Tag, um das Haus auch nur für ein paar Minuten zu verlassen«, sagt sie.

»Kommen Sie herein. Hier ist es warm, und die Damen warten schon auf Sie.«

Antoine führt Madame Clicquot in das zentrale Treppenhaus. Am Fuß der leicht geschwungenen Treppe hält sie kurz inne und bewundert, wie bei jedem ihrer Besuche, das imposante Geländer aus großen schmiedeeisernen Kreiselementen, die sich wie riesige Schneckenhäuser die breiten Treppenstufen hinauf bewegen. Nicolas Ponsardin hat dieses Geländer nach eigenen Ideen für das Haus entwerfen lassen.

»Monsieur hat es selbst …«, setzt Antoine an.

»Ja, ja, ich weiß«, unterbricht ihn Madame Clicquot. »Und immer wieder staune ich darüber. Es hat etwas von Wasser und Wellen, eine gute Bewegung, einen eleganten Schwung, genauso wie Monsieur Ponsardin.«

Der Diener Antoine lächelt, als sie das sagt, und begleitet Madame Clicquot in den Damensalon im zweiten Stock. Es ist ein verhältnismäßig intimer Raum, direkt neben den Schlafgemächern gelegen, im Kamin glühen Holzscheite. Hier oben ist es etwas heller als in den unteren Etagen des Hauses, man ist weiter oben über der Straße, die Vorhänge sind weiter geöffnet. Kurz nachdem die beiden den Salon betreten haben, kommen auch Jeanne-Clementine, die Hausherrin, und ihre beiden Töchter Nicole und Clementine dort an. Madame Ponsardin sieht klein und aufgewühlt aus, als leide sie unter einem quälenden Kopfschmerz. Die Mädchen begrüßen ihre Nachbarin herzlich, die Dame des Hauses verteilt die Sitzplätze. Zartgelbe Kaffeetassen stehen auf dem Tisch, eine gelbe Porzellan-Etagere, bestückt mit »Quiches au poivron« und kleinen Dreiecken von »Tarte au citron«. Um die Etagere herum liegen einige duftende Thymianzweige verstreut. Antoine schenkt einen leichten Süßwein aus, und sofort beginnt Madame Clicquot zu sprechen.

Ihre tiefe, leicht rasselnde Stimme ist für die Anwesenden immer wieder eine Überraschung: »Liebe Freundinnen, ich habe einen zu großen Kopf. Bei mir bleiben die neuen Hauben, die wir jetzt tragen sollen, nicht da sitzen, wo sie hin sollen. Selbst wenn ich mir das Band unter dem Kinn festknote, springt mir die Haube vom Schädel, noch dazu bei diesem stürmischen Wetter.« Sie richtet ihren nach Bestätigung suchenden Blick auf Madame Ponsardin.

»Ich gehe ohnehin nicht mehr aus dem Haus, also benötige ich auch keine dieser untauglichen Hauben«, erwidert die, indem sie das Wort »untauglich« besonders betont.