Die unbewusste Sprache der Liebe - Stephen Grosz - E-Book

Die unbewusste Sprache der Liebe E-Book

Stephen Grosz

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Beschreibung

Wahre Geschichten aus der Therapie über die Liebe und das Unbewusste – brillant erzählt von dem renommierten und weltweit bekannten Therapeuten Stephen Grosz Sophie, Robert und Helen – sie alle gehen zur Therapie bei Stephen Grosz. Sophie kommt zu jeder Therapiestunde viel zu spät, Robert belauscht seine Frau am Telefon, Helen hasst es, beschenkt zu werden. Stephen Grosz erzählt von diesen und weiteren Geschichten aus seiner Praxis und wie er mit seinen Patientinnen und Patienten gemeinsam darüber nachdenkt, was hinter ihrem Verhalten steckt. Immer wieder treten dabei die Hindernisse zum Vorschein, die wir uns selbst auf der Suche nach Liebe in den Weg stellen.   

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Seitenzahl: 225

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Stephen Grosz

Die unbewusste Sprache der Liebe

Wie wir uns binden und uns selbst verstehen können

 

Aus dem Englischen von Bernhard Robben

 

Über dieses Buch

 

 

Sophie, Robert und Helen – sie alle gehen zur Therapie bei Stephen Grosz. Sophie kommt zu jeder Therapiestunde viel zu spät, Robert belauscht seine Frau am Telefon, Helen hasst es, beschenkt zu werden. Stephen Grosz erzählt von diesen und weiteren Geschichten aus seiner Praxis und wie er mit seinen Patientinnen und Patienten gemeinsam darüber nachdenkt, was hinter ihrem Verhalten steckt. Immer wieder treten dabei die Hindernisse zum Vorschein, die wir uns selbst auf der Suche nach Liebe in den Weg stellen.   

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Biografie

 

 

Stephen Grosz, geboren 1952, arbeitet seit mehr als 25 Jahren als Psychoanalytiker in London und lehrt am dortigen University College. Er studierte an der University of California, Berkeley, und an der Oxford University. Er schreibt regelmäßig für die »Financial Times« und »Granta«. Sein hochgelobtes, erstes Buch »Die Frau, die nicht lieben wollte« wurde in 31 Sprachen übersetzt und war ein internationaler Bestsellererfolg. Stephen Grosz lebt in London.

Impressum

 

 

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

Die englische Originalausgabe erschien 2025 unter dem Titel: »Love's Labor« im Verlag Chatto & Windus

© 2025 Stephen Grosz

Für die deutschsprachige Ausgabe:

© 2025 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, 60596 Frankfurt am Main

Covergestaltung: KOSMOS - Büro für visuelle Kommunikation

Coverabbildung: Kosmos Design

ISBN 978-3-10-403399-0

 

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Inhalt

[Widmung]

[Motto]

Prolog: Hingabe

1. Heirate mich

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

2. Verlorene Liebe

3. Ein unmögliches Verlangen

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Fleischliche Begierden: Drei Fälle

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Verbindungen

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

6. Das Geschenk

7. Funken

8. Liebe und Zeit

9. Heimfahrt

10. Heimsuchungen

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

Epilog: Liebe und Glück

Quellen und Anmerkungen

Anmerkung des Autors

Danksagungen

Für meine Familie, in Liebe

Liebhaben von Mensch zu Mensch: das ist vielleicht das Schwerste, was uns aufgegeben ist, das Äußerste, die letzte Probe und Prüfung, die Arbeit, für die alle andere Arbeit nur Vorbereitung ist.

Rainer Maria Rilke, Briefe an einen jungen Dichter

 

Vergiss nicht, all unser Scheitern ist letztlich ein Scheitern in der Liebe.

Iris Murdoch, The Bell

Prolog: Hingabe

Es ist 1983, der erste Montag nach Neujahr. Dunkler Himmel, ein eisiger, heftiger Regen. In der Harley Street wimmelt es von Taxis. Springen die Ampeln auf Grün, bleiben die Taxis stehen. Es ist nirgendwo Platz. Regenschirme wippen in schrägen Winkeln; ihre Besitzer halten sie schief, um Zusammenstöße zu vermeiden.

Ich finde Haus Nummer fünf in der Upper Wimpole Street und läute. Die Sprechstundenhilfe führt mich in einen von mehreren Stehlampen erhellten Warteraum. Im Kamin brennt ein Feuer. Dunkle Dielen, ein großer Teppich. Ich setze mich ans hintere Zimmerende, damit ich die Tür im Auge behalten kann.

Wer Psychoanalytiker werden will, muss sich zuvor selbst einer Analyse unterziehen, und diese Lehranalyse wird einen tiefgreifenden Einfluss auf die eigene Arbeit haben – wie könnte es anders sein? Ich warte auf meine erste Analysestunde.

Um Punkt neun Uhr kommt Dr. Limentani, begrüßt mich mit einem kurzen Lächeln und nickt. Er führt mich in ein bescheidenes Zimmer, in dem es noch wärmer als im Warteraum ist, und setzt sich in seinen Sessel hinter der psychoanalytischen Couch. »Machen Sie es sich bequem. Sessel oder Sofa.« Er schwieg einen Moment. »Ich glaube, das Sofa ist bequemer.«

Denke ich vierzig Jahre zurück an den Beginn meines Lebens als Psychoanalytiker, muss ich an diesen Übergang vom Lärm der Außenwelt in die Stille denken, von der Kälte in die Wärme. Ich muss auch daran denken, wer ich war.

Einunddreißig Jahre alt und unreif. Ich war impulsiv, jemand, der sich rasch verliebte und der Intensität häufig mit Intimität verwechselte. Ich glaubte, die Dinge klar zu sehen, mein Verständnis von Liebe aber war durch die begrenzten und begrenzenden Erzählungen der Populärkultur geprägt. Mit Freunden redete ich über die Liebe, als wäre sie eine Stelle, die man am besten mit Hilfe eines Komitees besetzte. Und ich dachte, wenn ich den ›richtigen‹ Menschen fände, käme das Glück ganz von selbst.

Es gab vieles, was ich nicht verstand. So hatte ich nicht verstanden, dass jeder für sein eigenes Glück verantwortlich ist. Dass ich, wenn ich zu mir selbst nicht nachsichtig und fürsorglich war, das Risiko einging, von manch anderen auf gleiche Weise behandelt zu werden.

Ich verstand nichts von Schmerz. Ich hielt die vielen Arten Schmerz, unter denen wir leiden, wenn wir jemanden lieben – Sehnsucht, Sorge, Trauer – für Gefühle, die es zu meiden galt, für Symptome, die beseitigt gehörten. Ich verstand nicht, dass wir über kein besseres Instrument als den Schmerz verfügen, um herauszufinden, wonach wir verlangen.

Wir täuschen uns selbst über die Liebe, über das Wer, Was und Warum. Wir verfügen aber auch über die Macht, diese Täuschung zu durchschauen. Liebesmüh, wie Shakespeare sie nennt, ist Arbeit, der wir uns unterziehen müssen, wenn wir uns selbst und die von uns Geliebten verstehen wollen. Das ist unser Versuch, uns der Welt anzuschließen, wie sie ist. »Liebe«, schrieb Iris Murdoch, »ist die Wahrnehmung eines Einzelnen. Liebe ist die extrem schwierige Einsicht, dass jemand anderes als man selbst auch real ist.« Und sie fährt fort: »Liebe ist die Entdeckung der Wirklichkeit.«

 

Meine erste Lehrstunde in der Liebe: der Unterschied zwischen Hingabe und Unterwerfung.

Ich legte mich auf Dr. Limentanis Couch und wurde von meinen eigenen Tränen überrascht. Während eines Großteils unserer Sitzung brachte ich kaum ein Wort heraus. Heute denke ich, dass sich damit jene Erleichterung bemerkbar machte (was ich seither auch bei eigenen Patienten beobachten konnte), die es für mich bedeutete, dass da jemand war, der mir zuhörte, und dass er auch noch am nächsten Tag da sein würde und am Tag darauf, solange ich eben zu ihm kommen wollte.

Als ich meine Stimme wiederfand – wenige Tage später –, redete ich mit meinem Analytiker über meinen Ödipuskomplex, über Projektionen und Introjektionen, Übertragung und Gegenübertragung. Ich erklärte ihm, wie ich Freud verstand, Lacan, Klein und Winnicott. Ich erzählte, was ich von den jüngsten Artikeln im Journal of the American Psychoanalytic Association und dem International Journal of Psychoanalysis hielt. Eine Zeitlang ließ er mich auf diese Weise weitermachen, bis er nach einigen Wochen schließlich fragte: »Ist Ihnen aufgefallen, dass Sie weit mehr über psychoanalytische Theorie reden als ich?«

Was wollte er damit andeuten? »Schreibt Freud in seinen Einführungen nicht, dass die klinische Praxis auf psychoanalytischer Theorie basiert?«, fragte ich.

»Sicher, wir können uns über die psychoanalytische Theorie unterhalten«, sagte er, »aber wo bleiben dann Sie?« Und bei anderer Gelegenheit: »Warum kommen Sie zu Ihren Sitzungen immer in Begleitung von Freud oder sonst einem großen Analytiker? Warum haben Sie solche Angst davor, hier allein zu sein?«

Damals dachte ich, Dr. Limentani wollte mir sagen, wenn ich mich der psychoanalytischen Theorie hingab, flirtete ich mit der Falschen, und dass ich es lieber mit der klinischen Psychoanalyse halten sollte, mit der konkreten Erfahrung. Wie sich herausstellte, war Dr. Limentani jedoch dabei, etwas zu entwirren, das ich nicht einmal sehen konnte, so sehr war es Teil meiner selbst.

Ich machte nicht nur penible Ausführungen zur psychoanalytischen Theorie, ich war als Patient darüber hinaus auch unglaublich – vielleicht sogar zwanghaft – folgsam. Nie kam ich zu spät, versäumte nie eine Sitzung, zahlte meine Rechnung an dem Tag, an dem ich sie erhielt. Dr. Limentani sah meinen Wunsch, ihm zu gefallen, alles zu tun, was er vermeintlich von mir verlangte. Im Laufe der Zeit wies er mir in einer Reihe scharfsinniger Analysen nach, dass ich davon überzeugt war, wenn ich mich ihm unterwürfe – wenn ich zu dem Patienten wurde, den er sich meiner Meinung nach wünschte –, dann würde er mich akzeptieren, und diese Akzeptanz würde mich erheben, mich heilen, mich meinem Leben zurückgeben.

Ich näherte mich Dr. Limentani, wie ich mich so vielen anderen Menschen genähert hatte, die in meinem Leben wichtig waren. Ich wollte ihm gefallen, weil ich hoffte, seine Akzeptanz – seine Liebe – würde mich verändern. Durch seine Auslegungen lernte ich schließlich zu verstehen, dass dies mehr als nur ein zugrundeliegendes Muster meines Lebens war: Es war mein Leben selbst.

Mir wurde klar, dass es einen entscheidenden Unterschied zwischen Sich-Hingeben und Sich-Unterwerfen gibt. Hätte ich früher über diesen Unterschied nachgedacht, wäre mir womöglich mancher Kummer erspart geblieben. Sich etwas – oder jemandem – hinzugeben heißt auch loszulassen, etwas freizugeben. Wenn sich zwei Menschen einander hingeben, fühlen sie sich lebendig, gestärkt, akzeptiert. Sie lieben.

Unterwerfung ist anders. Sie beginnt zwar auch mit dem Verlangen, geliebt zu werden, doch wenn wir uns einem anderen Menschen unterwerfen, fühlen wir uns, als seien wir unter seine Kontrolle geraten. Unterwerfung ist ein Tauschgeschäft: Ich gebe dir, was du willst – ermögliche dir, der zu sein, der du sein willst –, und im Austausch dafür wirst du mich lieben. Da dieses Geschäft unrealisierbar, also zum Scheitern verurteilt ist, geht Unterwerfung meist mit Gefühlen der Resignation oder Depression einher.

Als ich schließlich lernte, Dr. Limentani zu vertrauen und mein Theoretisieren außen vor zu lassen – mich also der Analyse hinzugeben –, stellte ich fest, dass ich nicht mehr so oft in Tränen ausbrach. (Ebenso wie ich feststellte, dass die Welt nicht unterging, wenn ich einmal weinte.) Ich hatte andere Dinge zu sagen. Keine Ahnung, was genau ich gesagt und was er geantwortet hat; sicher aber habe ich über das geredet, was in meinem Leben vorging – die Trennung von einer Freundin, meine Gedanken zur Recherche für die Doktorarbeit und zur Ausbildung, über den Krebs meiner Mutter. Mit seinem ruhigen Beharren darauf, von meinen Gefühlen, Träumen und Assoziationen hören zu wollen, brachte Dr. Limentani mich dazu, in mühevoller Kleinarbeit eine Karte meiner Innenwelt zu entwerfen. Hier das Verlangen, hier der Neid und hier, an dieser Stelle, die Traurigkeit.

Nach und nach verbesserte sich die Kommunikation zwischen meiner Innen- und meiner Außenwelt – was ich wie eine Befreiung empfand. Es fiel mir leichter, Dinge zu begreifen, die zuvor ein Rätsel geblieben waren. Mehr noch, ich fühlte mich nicht länger so einsam, nicht länger wie vor einem unüberwindbaren Hindernis.

Ich begann meine Analyse in dem Glauben, dass Dr. Limentani von Anfang an wusste, was es mit mir auf sich hatte – dass Psychoanalytikersein bedeutet, bereits zu wissen. Das genaue Gegenteil ist der Fall: Die Psychoanalyse ist eine besondere Form des Nichtwissens. Psychoanalyse, das sind zwei Menschen, die es beide nicht wissen. Im Prozess der Analyse geht es darum, gemeinsam zu denken, gemeinsam Bedeutung zu finden. Und Reden und Zuhören waren für ihn – für uns – die einzige Möglichkeit, mich kennenzulernen.

1. Heirate mich

1

Ein Blick auf mein Filofax von 1989 verrät mir, dass ich am letzten Samstag im November ins Kettle’s Yard Museum in Cambridge wollte, um mir eine Gemäldeausstellung anzusehen. Als ich spät am Freitagabend einen Anruf von Sophie A. erhielt, musste ich dieses Vorhaben aufgeben.

Sophie hatte meine Nummer von einer Freundin erhalten, da sie meinte, dringend mit jemandem reden zu müssen. Sie und ihr Verlobter Nicholas – Nick – hatten am Wochenende zuvor ihre Hochzeitseinladungen geschrieben. Seine Hälfte hatte er am Montagmorgen zur Post gebracht. Die hundertfünfzig Einladungen, für die Sophie verantwortlich war, lagen noch an ihrem Arbeitsplatz in einer Einkaufstüte unterm Tisch. Sie brachte es nicht über sich, sie abzuschicken, zurück mit nach Hause zu nehmen oder Nick davon zu erzählen. Sie wusste einfach nicht, was sie tun sollte, war sich nicht einmal sicher, ob sie mich wirklich anrufen sollte. Ich bot ihr für den nächsten Tag einen Termin für ein Erstgespräch an.

Am Samstag erschien Sophie nicht zur verabredeten Zeit. Fünfzehn Minuten später ging ich davon aus, dass sie die Einladungen doch abgeschickt oder mit ihrem Verlobten geredet hatte und nun mit den Folgen leben musste. Ich stand in der Kochnische neben meinem Sprechzimmer, machte mir eine Tasse Kaffee und öffnete Briefe, als es an der Tür klingelte.

Die Frau auf meiner Schwelle war großgewachsen und modisch gekleidet, das glatte dunkle Haar zu einem geometrisch geformten, kinnlangen Bob frisiert. Sie trug eine Brille mit Drahtgestell. Bis auf ihre Jeans war sie ausschließlich schwarz gekleidet. Sie schien zu zaudern. Ohne den Mantel auszuziehen, setzte sie sich mir gegenüber auf den Rand des Sessels und entschuldigte sich vielmals für ihre Verspätung. Sie erklärte, sie hätte am Haus ihrer Eltern angehalten, um ihnen von den Einladungen zu erzählen, hätte sich aber, als sie dort war, dann doch nicht getraut.

»Wahrscheinlich hatte ich Angst vor ihrer Reaktion«, sagte sie. »Sie haben Nick wirklich gern.« Wieder entschuldigte Sophie sich. Normalerweise sei sie nicht so, sagte sie. Sie arbeite als Kunstredakteurin für eine landesweite Zeitung und sei, sagte sie, ein verantwortlicher Mensch, weder unentschlossen noch impulsiv.

»Ist Ihnen früher schon einmal etwas Ähnliches passiert?«

»Nein, noch nie.«

Sophie erzählte mir von ihrer Beziehung zu Nick. Sie hatten sich durch Freunde kennengelernt und mussten anfangs, als sie glaubte, er sei noch an einer früheren Freundin interessiert, auch einige Schwierigkeiten durchstehen. Die sexuelle Chemie zwischen ihnen aber sei gut. Natürlich gäbe es das ein oder andere, was ihr an ihm nicht gefiel. Kürzlich hatte er seine erste Stelle als Dozent an einer Londoner Universität angenommen, und sie fand, die Arbeit nehme einen zu großen Teil seiner Zeit in Beschlag. Es gab die üblichen Geplänkel wegen Abwasch und der nötigen Arbeit im Haus. Ein wenig führe er sich immer noch wie ein Jugendlicher auf, aber tun das nicht alle Männer?

»Ich bin bestimmt nicht jemand, mit dem es sich leicht zusammenleben lässt«, sagte sie. »Ich erwarte von ihm, dass er genauso gut organisiert ist wie ich. Schicke ich ihn mit einem Zettel, auf dem zehn Dinge stehen, zum Einkaufen in den Supermarkt, und er bringt nur acht nach Hause, fällt es mir schwer, mir meinen Frust nicht anmerken zu lassen. Mein Hätte-ich-das-nur-selbst-erledigt-Gesicht.«

Sie sagte, Nick könne sich wegen so etwas nicht aufregen. Frühere Freunde hatten das durchaus getan. Sie beugte sich in ihrem Sessel vor, knöpfte den Mantel auf und streifte ihn von den Schultern. »Ich liebe Nick wirklich sehr, Mr Grosz«, sagte sie. »Ich will keinen anderen. Ich weiß nur nicht, was mit mir los ist. Ich habe Angst.«

Sophie war in Notting Hill aufgewachsen, unweit der Portobello Road, in der ihre Eltern ein Antiquitätengeschäft betrieben. Sie sammelten historische Bauelemente – Kaminverkleidungen, Türbeschläge, Dielen, Gartenornamente, Lampen, Spiegel, Stoffe und Teppiche. Sophie fühlte sich schrecklich, weil sie es nicht geschafft hatte, ihnen von den Hochzeitseinladungen zu erzählen. Sonst erzählte sie ihren Eltern immer alles. Sie war ein Einzelkind und stand ihnen sehr nah.

Ich fragte Sophie nach ihrem Appetit und ob sie gut schlafe. Sie sagte, sie wache früh auf, gequält von Sorgen und grässlichen Träumen. Die Nacht zuvor sei entsetzlich gewesen. Aus lauter Angst davor, unsere Verabredung zu verpassen, sei sie immer wieder aufgewacht und hätte auf den Wecker gesehen. Irgendwann gegen Morgen sei sie dann doch fest eingeschlafen und hätte einen Traum gehabt.

»Ich habe geträumt, ich sei mit Mum und Dad in einem Umkleideraum. Wir sollten uns ausziehen und unter die Dusche gehen. Irgendwie aber wusste ich, dass man uns vergasen wollte. Es gab nichts, was ich dagegen tun konnte. Im Umkleideraum durften wir nicht bleiben. Wir mussten weitergehen, durch diese eine Tür. Wir würden alle sterben.« Sie schaute mich an. »Und dann bin ich aufgewacht.«

»Warum träume ich so was?«, fragte sie mich.

Mein Schweigen schien ihr nicht zu behagen.

Sie zauderte, dann sagte sie, dass sie keine Jüdin sei, Nick kein Jude. Dieses Thema, der Holocaust, darüber habe sie in letzter Zeit auch nicht nachgedacht. Vor einigen Monaten hatte sie im Fernsehen eine Dokumentation über Primo Levis Leben gesehen und eines seiner Bücher gelesen, aber auch das sei schon eine Weile her. Ihr Traum ergab für sie keinen Sinn. Stumm saßen wir einander gegenüber.

Nach ein oder zwei Minuten fragte ich sie, woran sie denke.

Sie spielte mit ihrem Verlobungsring und sagte dann, dass es ihr peinlich sei und dass sie hoffe, ich würde es nicht falsch verstehen, aber als ihre Freundin ihr vorschlug, mich aufzusuchen, hatte sie geglaubt, ich sei Jude. Grosz ist doch ein jüdischer Name, oder? Sie hatte an Freud gedacht. Er war doch Jude. Sophie hielt inne. »Das klingt bestimmt fürchterlich. Ich habe keine Ahnung, warum ich vom Holocaust geträumt habe.«

Meine Intuition sagte mir, dass es in Sophies Traum nicht um Konzentrationslager ging, nicht um den Holocaust oder das Judentum – ihre Angst deutete auf eine befürchtete innere Katastrophe. Doch obwohl sie ihre Assoziationen ehrlich und frei darbot und obwohl ihr Traum so simpel daherkam, musste ich zugeben, dass es mir schwerfiel, einen Zugang zu finden. Ich steckte fest.

Ich erinnerte mich an etwas, das Freud geschrieben hatte – wenn er einen Traum nicht deuten konnte, bat er den Patienten, ihn zu wiederholen. Üblicherweise würde die Wiederholung leicht variieren – und laut Freud waren die Abweichungen von der ersten Beschreibung die Blößen im Tarnkleid des Traums.

Als ich sie bat, mir den Traum noch einmal zu erzählen, verwandte sie fast genau dieselben Worte wie beim ersten Mal. Nur als sie den Umkleideraum beschrieb, fügte sie ein Detail hinzu. »Er war nicht sehr groß«, sagte sie und hob die Arme. »Ungefähr wie hier, so groß wie dieses Zimmer.«

»Mein Sprechzimmer«, sagte ich und hob gleichfalls die Arme, »und das ist tatsächlich eine Art Umkleideraum.«

Sophie blickte mich verständnislos an.

»Ein Raum, in den Menschen kommen, um etwas abzulegen und Neues anzuprobieren.«

Sophie lächelte. »Gut möglich«, sagte sie, »aber was bedeutet das?«

Ich sagte, ich glaube, ihr Traum verweise womöglich auf ihre Angst, dass ihr Schritt in eine Zukunft – eine Veränderung – das Ende ihres Lebens mit ihren Eltern bedeuten könnte.

»Ich halte mich nicht für jemanden, der Angst vor Veränderung hat«, sagte sie.

»Sie wollen sich ändern – sie wollen heiraten, eine Familie gründen«, sagte ich, »aber ich glaube, Sie fürchten, diese Veränderung könnte die Familie Ihrer Kindheit gefährden.«

»Sie glauben nicht, dass ich heiraten will?«

»Das habe ich Sie nicht sagen hören«, erwiderte ich.

»Ich bin mir nicht sicher, ob ich das verstehe.«

Ich sagte Sophie, dass ich glaube, sie stecke fest. Sie wolle eine neue Familie gründen, wolle ihre alte Familie aber nicht zerstören. Weil sie die Einladungen nicht aufgegeben habe, plage sie ein schlechtes Gewissen, durch ihre Unterlassung schütze sie jedoch zugleich Nick wie auch ihre Eltern. »Hätten Sie die Beziehung zu ihm beenden wollen, hätten Sie ihm gesagt, dass Sie nicht weitermachen können.«

»Sie sagen, ich kann nicht vor und nicht zurück? Das verstehe ich. Eine clevere Beobachtung«, sagte sie, aber sie wollte wissen, wie sie zu einer Entscheidung gelangen konnte. Sollte sie heiraten oder nicht? »Ich hatte gehofft, Sie könnten mir helfen, dieses Problem zu lösen.«

Sophie schlang die Arme um sich, dann sah sie mich an. »Wann kann ich diesen Schritt tatsächlich vorwärtsgehen?«

»Das weiß ich nicht«, sagte ich. »Jetzt scheinen Sie es jedenfalls nicht zu können.«

»Das ist alles?«

Ich sagte, ich könne die Zukunft nicht vorhersagen.

Etwas anderes war mir noch aufgefallen. »Die Intensität Ihrer Angst – mir scheint es dabei um weit mehr als Ihre Hochzeit zu gehen – fast, als würden Sie, wenn Sie die Einladungen verschicken, Ihre Eltern auslöschen.«

Sophie dachte darüber nach. Sie sagte, manchmal, wenn sie sich von ihren Eltern verabschiedete oder wenn sie sich wenig später von deren Haus entfernte, fürchtete sie, die beiden würden nicht miteinander reden, wenn sie nicht bei ihnen war. Mum und Dad schienen sich immer dann besonders nahe zu sein, wenn ihre Tochter mit irgendwelchen Schwierigkeiten zu ihnen kam – Geldsorgen, ein gesundheitliches Problem oder eines mit der Wohnung. Und sie halfen Sophie natürlich auch bei den Vorbereitungen zur Hochzeit.

Während sie redete, vermittelte sie mir das Bild einer Frau, die im Laufe vieler Jahre gelernt hatte, Probleme zu ihren Eltern zu bringen, weil sie so dafür sorgte, dass deren Ehe überlebte. Das sagte ich Sophie. Es machte sie betroffen, dass ich das Wort ›überleben‹ benutzte.

Bevor ihre Mutter, erzählte Sophie, sie bekam, erlitt sie mehrere Fehlgeburten. Nach Jahren vergeblicher Versuche hätte ihre Mutter schließlich Anne zur Welt gebracht, eine Frühgeburt. Die ersten Monate verbrachte das Baby im Kinderkrankenhaus Great Ormond Street in einem Brutkasten. Sechs Monate, nachdem die Eltern Anne schließlich mit nach Hause nehmen durften, fand Sophies Mutter die Kleine tot in ihrem Bettchen. Danach verloren ihre Eltern alle Hoffnung auf ein weiteres Kind.

Zu ihrer großen Überraschung aber – die Mutter war einundvierzig – bekamen sie Sophie. Noch heute nannten ihre Eltern sie manchmal »unser kleines Wunder«. So lange sie sich erinnern konnte, hatte Sophie gespürt, dass ihre Eltern fürchteten, irgendetwas könne sie ihnen auch wieder fortnehmen.

Ich fand, diese unausgesprochene Sorge um Sophies Überleben hatte zu der engen Beziehung zwischen den dreien beigetragen. Und es half uns auch, den Traum besser zu verstehen – Veränderung bedrohte das Überleben der Familie.

»Das leuchtet mir ein«, sagte Sophie und lehnte sich in ihrem Sessel zurück.

Während ich ihrem Schweigen lauschte, ertappte ich mich bei dem Gedanken, dass es unsere Verlusterfahrungen sind, die bestimmen, wer wir sind und wie wir leben. Verlust ist ein unabänderlicher Bestandteil unserer Existenz. Wir verlieren Mutterleib und Brust und gewinnen die Welt mit all dem, was sie an Nahrung zu bieten hat. Wir verlieren den Schutz der Mutter und gewinnen dafür Schule, Spiel und Freunde. Und wenn wir Intimität erleben wollen, müssen wir unser jugendliches Ich und die unmöglichen Erwartungen verlieren, die wir an die Liebe richten. Im Verlauf der Zeit verlieren wir unsere jugendliche Persönlichkeit, wir verlieren Menschen, Orte und irgendwann das Leben selbst. Letztlich verlieren wir alles, was wir je geliebt haben.

Durch meine Arbeit war mir das natürlich vertraut, dennoch hatte ich sie in diesem Maße noch nie gefühlt, diese Notwendigkeit, Vergangenheit loszulassen, um Gegenwart zu leben, eine alte Beziehung aufzugeben, um eine neue eingehen zu können – jener unvermeidliche Verlust, der im Innersten der Liebe ruht.

Zu diesem Zeitpunkt unseres zeitlich unbefristeten Erstgesprächs – bislang waren fast neunzig Minuten vergangen – hatte sich Sophies Frage verändert: Es ging nicht länger darum, ob sie Nick heiraten sollte, sondern darum, ob sie bereit war, den Verlust zu ertragen, den ihr diese Hochzeit abverlangen würde. Das sagte ich ihr.

Sophie stieß einen tiefen Seufzer aus. »Ich weiß nicht, was ich tun werde, aber mir ist viel leichter ums Herz«, sagte sie.

Obwohl wir erst anfingen, Sophies Dilemma zu verstehen, deutete ich ihre Äußerung dahingehend, dass ihr Traum uns einen Aspekt von ihr offenbarte, den sie noch nicht wahrgenommen hatte – und dieser bislang verborgene Teil ihrer selbst sei ihr nun zugänglich, so dass sie darüber nachdenken und versuchen konnte, ihn zu verstehen.

Mir schien dies ein angemessener Zeitpunkt, um für heute aufzuhören. Ich schlug Sophie vor, uns am Dienstagabend wiederzutreffen. Sie war einverstanden. Das war ein ermutigender Anfang.

Am späten Montagabend hinterließ Sophie eine Nachricht auf meinem Anrufbeantworter. Sie erklärte, sie sei am nächsten Tag gleich früh zur Arbeit gegangen, habe die Plastiktüte geholt und die Einladungen abgeschickt. Sie dankte mir und sagte, unser Gespräch habe ihr geholfen, eine Entscheidung zu treffen – sie liebe Nick und wolle ihn heiraten. Am Dienstagabend könne sie nicht kommen, doch sie würde mich in den nächsten ein, zwei Tagen anrufen, um einen neuen Termin zu vereinbaren. »Ich glaube, es wäre wirklich hilfreich, Sie wiederzusehen.«

In dieser Woche hat sich Sophie nicht wieder gemeldet, auch nicht in der nächsten. Es sollten viele Jahre vergehen, ehe ich wieder von ihr hörte.

2

1991, also zwei Jahre später, nannte sich eine junge Frau, die mich um eine Konsultation bat, »eine gute Freundin von Sophie«. Sie sagte: »Sophie glaubt, dass Sie mir helfen können.« 1998 bat mich eine andere Frau um ein Treffen und beschrieb sich als »gute Freundin von Sophie«. Und gleiches geschah 2004. Jedes Mal fragte ich mich, ob Sophie durch diese Empfehlungen mit mir zu kommunizieren versuchte, um mir zu sagen, dass sie mich nicht vergessen hatte oder dass sie selbst gern mit mir reden würde, ihren inneren Widerstand aber nicht überwinden konnte. Ich hatte sie seit Jahren nicht mehr gesehen – und hatte sie nie besonders gut gekannt –, weshalb ich natürlich nicht zu sagen vermochte, was diese Empfehlungen für Sophie bedeuteten.

3

Kurz vor Weihnachten 2015 – sechsundzwanzig Jahre nach unserem Erstgespräch – erhielt ich eine Voicemail von Sophie. »Ich hoffe, ich kann vorbeikommen und mit Ihnen reden«, sagte sie. Sie klang verstört, also hinterließ ich ihr eine Nachricht und bot einen Termin für den nächsten Tag an.

Nach dem Essen spielte ich mit meiner Frau und den Kindern Karten. Ich verlor oft, sehr zum Vergnügen meiner Tochter. Als die Kinder zu Bett gingen, griff ich wieder nach meiner Lektüre, doch fiel es mir schwer, mich zu konzentrieren.

Der Samstagmorgen begann kalt und klar – draußen war es noch still. Ich machte mir eine frische Tasse Kaffee und ging nach unten, um das Sprechzimmer vorzubereiten – Licht einschalten, Heizkörper aufdrehen, einen Krug mit kaltem Wasser und ein sauberes Glas bereitstellen –, um anschließend die Notizen von meinem ersten Treffen mit Sophie durchzugehen.

Meine Praxis liegt zwar im selben Gebäude wie das Wohnhaus, doch sind es separate Räume. Das Sprechzimmer ist überdies auf noch andere Weise etwas Besonderes. Im Haus redet die Familie meist über die Gegenwart – Kann ich dir eine Tasse Tee machen? Was gibt es zum Abendessen? Hast du deine Schultasche auch nicht vergessen? In meinem Sprechzimmer aber fühlt es sich an, als sei die Zeit aufgehoben. Seit vierzig Jahren sind Raum und Inhalt im Wesentlichen unverändert geblieben, eine Kontinuität, die jede Verbundenheit mit dem Vergangenen noch zu verstärken scheint. Das Sprechzimmer zu betreten kann sich für mich und auch für meine Patienten wie einer dieser rituellen Besuche in der Kindheit anfühlen – die zu Weihnachten im Haus der Großeltern oder wie die alljährlichen Ferienaufenthalte in immer demselben Cottage am Meer: Ort und Gegenstände scheinen Momente heraufzubeschwören, die längst vergangen sind.

Während ich in meinem Sessel saß, versuchte ich, mich an Sophie zu erinnern. Wer war sie? Wie war es für sie, sie selbst zu sein? In dem inzwischen vergangenen Vierteljahrhundert hatte ich geheiratet, Kinder gekriegt und in