Die unglaublichen Abenteuer des Senor Sastre - Roberto Sastre - E-Book

Die unglaublichen Abenteuer des Senor Sastre E-Book

Roberto Sastre

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Beschreibung

Die wirklich echten Helden sind keine besonderen Menschen. Es sind die kleinen Leute, die durch die Umstände in ihre Abenteuer hineinrutschen. Das ist es, was diese Menschen dann doch so besonders macht. In noch so ungewöhnlichen Situationen noch irgendwie einen Draht zur Realität zu behalten, das ist es, was Sastres Protagonisten ausmacht. Manchmal entstehen die abgedrehtesten Abenteuer alleine dadurch. Fast alle diese besonderen Leute haben noch etwas gemeinsam. Was? Finden Sie es heraus!

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Seitenzahl: 332

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Roberto Sastre

Die unglaublichen Abenteuer des Señor Sastre

Geschichten über ziemlich besondere Leute

Das Buch

Besondere Menschen erleben besondere Abenteuer. Die Protagonisten dieser Geschichten sind ganz besondere Menschen. Aber auch die Geschichten von Roberto Sastre haben etwas Besonderes: Man weiß nie, wie viel Autobiografisches drin steckt.

Der Autor

Roberto Sastre, eigentlich Roberto de Sastre, ist in Deutschland geboren und führte als Computerspezialist ein einigermaßen geruhsames Leben, das nur von gelegentlichen Eskapaden des passionierten Rockmusikers unterbrochen wurde. Als ihn ein Kundenauftrag ins Ausland führte, packte ihn das Reisefieber. Einige Jahre lebte er in Lateinamerika, wo man seinen Namen kurzerhand verspanischte. Seit einem Unfall sitzt er querschnittgelähmt im Rollstuhl. Seine Abenteuerlust und den Spaß am Erzählen tobt er jetzt an der Tastatur aus.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Impressum

1. Auflage

Deutsche Erstausgabe

Copyright © 2014 110th / Chichili Agency

Umschlaggestaltung: Robert Schneider / Karsten Sturm - Chichili Agency

Coverfoto: fotolia.de

Herstellung und Verlag: 110th

EPUB ISBN: 978-3-95865-516-4

MOBI ISBN: 978-3-95865-517-1

Published in Germany

„Robosito“, sagte mein Freund, der Traumdeuter. „Das sind aber doch nicht deine Abenteuer.“

„Bist du da so sicher?“, antwortete ich und rückte näher zum Feuer.

Roberto Sastres unglaubliche Abenteuer

oder

Kurzgeschichten über ziemlich besondere Leute

Was diese gemeinsam haben?

Eigentlich nicht viel. Es geht um Menschen, deren Leben nicht so ganz gradlinig verläuft. Die kleinen Leute eben, die nicht die Kraft haben, das System aus den Angeln zu heben. Wenn man aber geduldig genug an den Schrauben wackelt, wer weiß, was da passiert?

Wie das mit Anthologien und Serien so ist, irgendwann werden sie eingestellt. Ich habe für manche Serien geschrieben, sogar eine eigene Mini-Serie war dabei.

Kurzgeschichten haben etwas Besonderes an sich. In einem Roman kann ich weit ausholen und meine Leser genüsslich auf die Geschichte vorbereiten. In Kurzgeschichten muss ich auf den Punkt kommen. Das macht die ganze Sache auch für den Autor immer aufs Neue spannend. Naja, und eines Tages wollte ich einfach alle meine Kurzgeschichten zusammen haben – oder wenigstens die, die ich für gelungen halte…

Ach ja, alle Protagonisten haben alle noch eine eigene, kleine Besonderheit. Welche? Finden Sie es heraus.

Die KlinikNach der Gesundheitsreform

Oder: Vom krank sein durch krank sein

Eine Kurzgeschichte aus nicht allzu ferner Zukunft

Wie jeden Mittwoch traf ich mich auch gestern Abend mit meinem Freund Heinrich zu unserer allwöchentlichen Schachpartie. Kennen Sie Rollstuhlfahrerschach? Ist ganz einfach. Man baut an einem nicht zu niedrigen Tisch ein Schachbrett auf, mit Schachuhr, Block, Stift, etc.

Dazu kommen pro Person drei Gläser auf den Tisch. Nachdem die Unbeteiligten den Raum verlassen haben, bittet man die Schiedsrichter herein. Gestern hießen sie: Cabernet Sauvignon, Dornfelder Weißherbst, unterstützt von einem sensationellen Merlot von der Halbinsel Tihany. In einem unverfänglichen Gespräch versucht man, die Gedanken des Gegners nachzuvollziehen und dabei das Schachbrett zu ignorieren. Gewonnen hat, wer den Gegner dazu bringt, für mindestens 15 Sekunden die Augen zu schließen, ohne selbst das Schachbrett zu berühren. Meinem Kopf nach zu urteilen, hat Heinrich gewonnen. Die Südamerikaner können es einfach nicht lassen, ihre Cabernets mit einer gehörigen Portion Schwefel auf die Ozeanreise vorzubereiten.

Die Klinik

Es ist mal wieder an der Zeit für meinen alljährlichen Check-up. Als querschnittgelähmter Rollstuhlfahrer sollte man diese Termine ernst nehmen, speziell, wenn ein Teil des Körpers unsensibel ist. Das angeblich so schwache Geschlecht wirft uns ja von Haus aus vor, unsensibel zu sein. Bis heute habe ich vergeblich versucht, herauszubekommen, worauf diese Annahme basiert. Ich für meinen Teil spüre ungefähr die Hälfte meines Körpers nicht. Schmerz ist ein Warnsignal, kein Schmerz ist normalerweise ein gutes Zeichen, wenn der ganze Körper zu fühlen ist.

Ich bat den untersuchenden Arzt, den Lendenbereich röntgen zu lassen. Seit einiger Zeit habe ich das Gefühl, dass meine Rumpfstabilität nicht mehr stimmt. Das Ergebnis war verblüffend. Zwei meiner Lendenwirbel haben sich buchstäblich verkrümelt. Ich musste schnellstmöglich operiert werden. Der nächste freie Termin wäre nächste Woche. Ich sollte nach Hause fahren, ein paar Sachen packen und in zwei Tagen wieder da sein, damit alle Voruntersuchungen gemacht werden können.

Gut, das mit den Voruntersuchungen habe ich in die Ansprache des Arztes hineininterpretiert, aber wozu sollte ich sonst früher kommen? An die Auswirkungen der Gesundheitsreform habe ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht gedacht.

Zum vereinbarten Zeitpunkt lasse ich mich von einem Bekannten zur Klinik bringen. Natürlich hätte ich auch selbst fahren können, aber der unbewachte Parkplatz für Patienten kostet fünf Euro am Tag. Direkt an der Pforte werde ich aufgehalten, wie lange mein stationärer Aufenthalt wohl dauern würde. Weiß ich doch nicht. Name, Sozialversicherungsnummer oder Geburtsdatum? Die weiß ich natürlich auswendig. Schon bin ich im Computer gefunden. "Gut, dann buche ich Ihre Zuzahlung von 50 Euro pro Tag erst mal für 4 Wochen ab. Sollte es länger gehen, dann erfolgt eine Nachbelastung. Übrigens, ich sehe gerade, ihre Miete und die Nebenkosten sollen heute ebenfalls abgebucht werden. Ihr Konto weist aber nicht mehr genügend Deckung auf. Tja, das wird wohl zurückgehen."

"Hören Sie mal, Sie können doch nicht ohne meine Erlaubnis an mein Konto ..."

"Natürlich kann ich! Nach der letzten Kostenreform kann ich mir sogar die 60.000 Dollar Schwarzgeld, die Sie auf den Caiman Islands gebunkert haben, holen. Was ich im Übrigen gerade getan habe. Die nehme ich als Sicherheit, falls Ihre Kasse die Kosten für die Operation verweigert. Die gesetzlichen Kassen haben seit der Reform die merkwürdigsten Ideen. Unser System hat diese Transaktion selbstverständlich den Finanzbehörden gemeldet, nicht dass Sie glauben, wir würden hier irgendwelche illegalen Dinge tun. Warum bestellt übrigens Ihre Frau gerade über Ihre Kreditkartennummer bei der fliegenden Kondomerie eine solche Ladung Material? Da sollten Sie sich mal Gedanken machen, nicht über die paar Euro, die Sie sowieso hätten zahlen müssen. So, bitteschön, hier ist Ihre Anmeldebestätigung, damit melden Sie sich auf Station. Einen schönen Tag noch."

Und schon bin ich wieder draußen auf dem Flur. Mit dem Aufzug fahre ich hinauf in den 22. Stock. Die Schwester, die mich aufnimmt, macht einen etwas überarbeiteten aber ziemlich netten Eindruck.

"Sie können Ihre Sachen auf das Bett gleich hier drüben legen." Auf dem Gang stehen mehrere Betten, eines davon ist nicht belegt. Die Matratze hat zwar schon bessere Tage gesehen, dafür hat sich aber ein unbekannter Künstler Mühe gegeben, sie mit konzentrischen Figuren zu verschönern. Es sieht ein bisschen aus, wie eine Hundertwasser-Konstruktion. Die ineinanderfließenden Braun- und Gelb-Töne treffen die Tristesse eines Krankenhausaufenthalts auf den Punkt. Es tut mir schon fast weh, dieses gefühlvolle Kunstwerk mit einem Laken zu bedecken, aber die Hausverwaltung beweist Kunstsinn. In Höhe der Ornamente weist das Laken Strukturschwächen und Aussparungen auf, die das Gesamtkunstwerk erst abrunden. Wenn einem Kassenpatienten schon solch ein Luxus geboten wird, dann kann ich verstehen, warum die Kostenreform ins Leere lief.

"In welches Zimmer komme ich denn? Dann könnte ich zu Hause schon mal Bescheid sagen."

"Zimmer?" Die Schwester sieht mich an, als wäre ich ein Erstklässler, der verkündet hat, er wolle sich auf Teilchenphysik spezialisieren. "Das hat Zeit. Jetzt werden Sie erst mal eingewiesen. GEEERTRUUUD!"

"WAS?"

"ICH HAB HIER NE EINWEISUNG!"

"GRAD 'N MOMENT!"

Dieser in höchster Lautstärke geführte Wortwechsel ist für ein Krankenhaus doch ein wenig unüblich. Schließlich liegen hier doch auch mit Sicherheit Patienten, die Ruhe brauchen. Die Rufanlage ist schon lange kaputt, erfahre ich. Deswegen liegt auch auf jedem Nachttisch eine Trillerpfeife. Auf den Zimmern. Die Patienten, die auf dem Gang auf einen Zimmerplatz warten, können ja jederzeit eine Schwester oder einen Pfleger anhalten. Das ist Innovation! Statt in eine Strom fressende Technik noch Geld hinein zu stopfen, besinnt man sich auf traditionelle und genauso wirksame Kommunikationsformen. In Tirol wird bestimmt gejodelt.

Warum mich Schwester Gertrud, so stark an den Hauptfeldwebel meiner Ausbildungskompanie erinnert, mag daran liegen, wie zartfühlend sie mit den neu eingetroffenen Patienten umgeht. Mit dem Wegfall der Wehrpflicht hat man auch den Zivildienst beendet. Der wäre auch unnötig gewesen, denn nach der Kostenreform konnte sich ja sowieso keine Klinik mehr Zivildienstleistende leisten. Und die Nachfolger vom Bundesfreiwilligendienst, die waren ja noch teurer. Deren Aufgaben werden jetzt von Patienten übernommen. Nicht jeder kann sich die Eigenanteile der Krankenhauskosten leisten und so bietet sich die Möglichkeit, diese abzuarbeiten. Eine Win-win-Situation nennen Betriebswirtschaftler so etwas. Als Erstes bekommt jeder einen Auffrischungslehrgang in Erster Hilfe verpasst. Kostenpflichtig, versteht sich. Stabile Seitenlage, Beatmen, Herzdruckmassage, Schocklagerung, die ganze Palette eben. Nachdem ich das dritte Mal beim Ansetzen der Herzdruckmassage aus dem Rollstuhl gerutscht und neben dem Übungspatienten gelandet bin, jedes Mal mit erfrischenden Kommentaren von Schwester Gertrud, darf ich diese Übung überspringen.

Dafür darf ich als erster die Reanimation mit dem Defibrillator ausprobieren, zunächst an mir selbst. Aber selbst in solchen Situationen ist man vor Neidern nicht gefeit. Gerade, als ich mich über das lustige Pritzeln freue, haut mir jemand ein Brett oder so etwas voll vor die Brust. Schlagartig wird es dunkel. Als ich wieder zu mir komme, ist es immer noch dunkel. Ganz langsam kann ich im Dämmerlicht Einzelheiten erkennen. Eine mitleidige Seele hat meinen Rollstuhl an das Bett geschoben, auf dem meine Sachen liegen. Weit und breit ist niemand zu sehen. Glücklicherweise habe ich mir den Pflegebedarf für ein paar Tage mitgenommen. Also hieve ich mich ins Bett und mache mich fertig, soweit ich komme. Die Kompressionsstrümpfe kann ich ruhig mal eine Nacht anlassen. Wichtig ist, dass ich an alle Utensilien zum Katheterisieren drankomme. Mülleimer sehe ich keinen, also nehme ich die Verpackung eines Einmalkatheters, um meine Abfälle zu entsorgen. Das Abendessen habe ich entweder verpasst, oder bekomme keins, da kann ich auch gleich schlafen.

Tag zwei.

"WAS IST DENN HIER LOS? DA LIEGT DER MENSCH IN DER FURZMULLE WIE GRAF ROTZ! SIND WIR HIER DAS RITZ, ODER WAS?" Die Stentorstimme von Schwester Gertrud reißt mich übergangslos vom traumlosen Tiefschlaf in volle Alarmbereitschaft. Die würde wirklich einen prima Spieß abgeben. Zaghaft erkundige ich mich nach den Hygienemöglichkeiten, Waschen, Zähne putzen, etc. "Der Patientenwaschraum ist da drüben, aber hurtig, die anderen warten schon auf ihr Frühstück".

"Die können doch ohne mich ..."

"Wie kommen sie denn auf das schmale Brett, was glauben Sie denn, wer das Frühstück austeilt?"

Aha, da weiß ich doch schon, was heute früh auf mich zukommt. Das mit der Erstversorgung war wohl nicht so prickelnd gelaufen. Mal sehen, mit ein bisschen Glück bekomme ich heute sogar einen Untersuchungstermin.

Der Waschraum für Kassenpatienten begeistert aber auch den alleranspruchsvollsten Abenteuerurlauber. Schon die Tür ist eine echte Herausforderung. Der Türgriff muss kurz vor oder nach den Kreuzzügen verloren gegangen sein. Wenn ich schräg über den Gang voll beschleunige und im letzten Moment auf einem Rad eine 180°-Drehung schaffe, dann bekomme ich mit der Schulter die Tür ganz leicht auf. Tut auch kaum weh. Die Waschbecken machen einen ziemlich sauberen Eindruck. Ich schätze, die werden mindestens einmal im Monat ausgewischt. Mit Handtüchern oder Seifenspendern habe ich nicht gerechnet, deswegen überrascht es mich umso angenehmer, dass an einem Waschbecken ein leerer Handtuchhaken sein einsames Dasein fristet. Der Münzautomat neben dem Becken möchte 10 Ct pro Minute Wasser haben. Für Heißwasser sind 50 Ct pro Minute fällig. Naja, ich habe schon einige Klinikaufenthalte überlebt, daher kenne ich die Dinger. Frischwasser bedeutet nicht allzu abgestanden und ungefähr auf Zimmertemperatur. Heißwasser ist noch mit Eisenhydroxid, Magnesium und Schwerionen versetzt. Diese Kostbarkeit ist an der bräunlichen Verfärbung und einem leicht bitteren Moschusgeschmack im Abgang erkennbar. Mit viel Glück erwische ich sogar noch eine Ahnung von Ammoniak. In richtig guten Häusern werden zur Stärkung des Immunsystems noch E.coli-Bakterien zugesetzt. Das Wasser wird auf fast Körpertemperatur erwärmt, damit die Blume richtig zur Geltung kommt. Dem Gourmet in mir bildet sich eine metertiefe Pfütze unter der Zunge. Mein innerer Abenteurer kann gerade noch eingreifen, als meine Hand schon zum Geldbeutel zuckt. Aus dem Rucksack hole ich meinen Faltbecher, der mich schon durch so viele Verrücktheiten begleitet hat. Vorsichtig verkeile ich ihn mit einem Fetzen Toilettenpapier unter dem Anschluss des Kaltwasserhahns. Zum Glück kommt die Zuleitung von oben, sonst hätte ich in meinem Rollstuhl ein echtes Problem. Dann lege ich vorsichtig die gefalteten Hände um die Zuleitung oberhalb des Anschlusses und blase in die entstandene Öffnung leicht hinein. Hab ich mir´s doch gedacht! Der Kitt wird durch die Erwärmung porös und das Wasser tröpfelt mir gemütlich meinen Becher voll. Dass die begehrten Zusätze dabei herausgefiltert werden und das nackte Wasser mit einer Ahnung von Chlorid den Becher füllt, damit muss ich eben leben. Wie ich mit einem Becher voll Wasser Gesicht und Oberkörper wasche, die Zähne putze und noch einen Schluck zum Trinken übrig lasse, damit möchte ich niemanden langweilen. Das lernen wir schließlich schon im Kindergarten. Die Unterseite meines Bechers habe ich zu einem Metallspiegel poliert. Verstellbare Spiegel in Behinderteneinrichtungen sind so etwas von unnütz. Entweder sie sind zu tief oder zu hoch oder festgefressen. Außerdem sind wir doch sowieso alle individuell. Ein eigener Spiegel ist für Rollstuhlfahrer essenziell. In dem berühmten Nachschlagewerk "Im Rollstuhl durch die Galaxis" wird der erfahrene Rollireisende, den man nur unter seine Kampfnamen "Der Rollinator" kennt, so beschrieben: "Ein ganz ausgebuffter Kerl. Und er weiß immer, wo sein Spiegel ist".

Erfrischt, wie nach einem ausgiebigen Schaumbad werfe ich mich wieder ins Leben. Schließlich habe ich nur sechs Tage Zeit, einen Voruntersuchungs- und danach einen OP-Termin zu bekommen. Schaffe ich das nicht, werde ich freundlich, aber bestimmt aus der Klinik komplimentiert. Der bereits bezahlte Selbstkostenanteil verfällt automatisch. Das gehört zu den allgemeinen Geschäftsbedingungen der Klinik, denen ich durch eine aktive Handlung, nämlich dem Passieren der Eingangstür, zugestimmt habe. Die gesamte 265-bändige Bestimmung liegt selbstverständlich öffentlich aus. Sie steht in einem Mikropunkt, der auf der Rückseite des Namensschildes des 2. Hausmeisterstellvertreters aufgedruckt ist. Dass dieser Mikropunkt genau dort sitzt, wo der Befestigungsclip für das Namensschild eingeklickt wird, das ist mit Sicherheit keine Absicht.

Das Frühstück auszuteilen, ist jetzt nicht so die kognitive Herausforderung. Ich schätze die Zahl der Betten auf den Zimmern, dann die der Betten auf dem Gang. Mal sehen, vier Betten für jedes Zimmer, bei 10 Zimmern, macht 40 im Sinn. 12 Betten auf dem Gang, 44 Tabletts. Selbst mit der Infinitesimalbruchrechnung bei einer unendlichen Varianz bekomme ich nicht genug Futter zusammen. Manchmal macht es doch Sinn, vorher zu denken. Unter meinem Sitzkissen klappe ich den Faltcontainer heraus. Der Faltcontainer besteht aus einigen Kunststoffscheiben, die ich mit Gaffa-Tape so zusammengeklebt habe, dass sie sich leicht auseinander und ganz flach zusammenfalten lassen. Ein Stück Anti-Rutsch-Matte hält durch mein Gewicht die Konstruktion ausgeklappt zwischen meinen Beinen. Eingeklappt unter dem Sitzkissen ist sie quasi unsichtbar.

Dann überprüfe ich die Tabletts. Hmm, Rührei. So viel ist gar nicht gut fürs Cholesterin. Die Unterteilung in unterschiedlich große Fächer macht den Klappcontainer noch wertvoller. Was haben wir da? Laugencroissants? Die sind sogar noch warm. Kann das sein, dass die Lieferung für die Privatstation ist? Nicht fragen, einpacken! Drei Croissants zum Frühstück? Und wieder ein Mensch, den ich vor einem Schlaganfall rette. Zwei sind viel gesünder. Butterstückchen liegen in einem extra Behälter – eins reicht mir, man ist ja nicht unverschämt. Auf der anderen Seite des Ganges schnüffelt ein Patient verstohlen am Getränkewagen. Für solche Fälle habe ich immer ein paar Papierbecher zur Verfügung, wie sie in jedem Getränkeautomaten stecken – außer in Kliniken natürlich. Ich rolle ganz selbstverständlich zu ihm rüber. Einen Papierbecher habe ich im Hosenbund eingeklemmt.

"Pssst, machst du ein Tauschgeschäft?" Irritiert schaut er mich an, dann zieht Entrüstung über sein Gesicht. "He, das sind die Frühstücksgetränke für die Zimmerpatienten, die haben die alle schon im Voraus gebucht und bezahlt, da kann ich doch nicht einfach ..."

Ich klappe mein Shirt ein wenig hoch und lasse ihn einen Blick auf meinen Hosenbund werfen. Seine Entrüstung wird übergangslos von einem sehnsüchtigen Seufzer weggewischt.

"Der Becher ist dir, wenn du in meinen ein kleines bisschen Kaffee mit Milch schüttest."

Verstohlen schaut er sich um, dann streckt er die Hand nach dem Papierbecher aus. Mit einer geübten Bewegung schlenze ich den Klappbecher aus dem Ärmel, der sich dabei mit einer Folge leiser Klickgeräusche entfaltet.

"Erst da rein!"

Er füllt meinen Becher zu einem Drittel mit Kaffee, dann streckt er die Hand erneut aus. Ich lasse ein anerkennendes Brummen los. Jung lernst du, mein schneller Padavan. Ich lasse ihn den Papierbecher greifen, gleichzeitig hole ich mir das Tetra-Pack mit der Milch. Na also, wer sagt denn, dass Buttermilch keine Kraft gibt?

Als unser verstohlenes Frühstück unter der Nase verschwunden ist, können wir den Rest wenigstens ohne allzu lautes Magenknurren austeilen.

Das Einsammeln der Tabletts übernehmen wieder zwei andere Neuankömmlinge. Denen gehören dann die Reste. Schwester Gertrud scheint auch nicht ganz unzufrieden zu sein, denn ihre Stimme rutscht langsam unter 100 Dezibel.

Als Nächstes werden wir der Raumpflege zugeteilt. Kehren, Nachtschränke abwischen, Betten abziehen, feucht raus wischen, alle Fenster auf und Durchzug, damit es wieder trocknet. Es gab zwar mal eine Maschine, die alles erledigt hat, aber die war äußerst wartungsintensiv und hat unglaublich viel Strom verbraucht. Für die Bedienung mussten speziell geschulte Fachkräfte eingestellt werden, die auch die diversen Chemikalien für die Maschine kontrollierten und nachfüllten. Industriereiniger, Desinfektionsmittel, Keim tötende Speziallauge, Bohnermilch, Wachsabrieb, um alles wieder rückstandsfrei aufzunehmen. Alleine die Entsorgung der kontaminierten Verbrauchsmaterialien war eine Wissenschaft für sich. Nach der letzten Reform verschwand die Maschine in den Tiefen der Archive. Ich muss schon sagen, hier in der Klinik versteht man es, Kosten zu reduzieren und gleichzeitig aktiv die Umwelt zu schützen.

Meine fehlenden Lendenwirbel bringen mir jetzt einen unschätzbaren Vorteil: Wir alle haben als Kinder mit diesen Propellerflugzeugen gespielt, die als Antrieb einen normalen Haushaltsgummi haben. In jeder Hand einen Feudel drehe ich mich nach links, bis die Sehnen an der Dehnbarkeitsgrenze angekommen sind. Für einen Moment halte ich still. Wie eine Boxencrew kommen vier Patienten auf mich zugestürzt. Zwei nehmen mir die Feudel ab, die beiden anderen drücken mir frische Feudel in die Hände. Und rechts herum, das fängt an einen Heidenspaß zu machen. Rechts - Stopp – Tausch – Links – Stopp – Tausch. Wie in einem modernen Tanz haben wir in Rekordzeit den langen Krankenhausflur sauber gewischt und poliert.

Der Oberarzt, der gerade mit wehendem Kittel aus seinem Zimmer sausen möchte, sieht aus den Augenwinkeln nur etwas sehr Blankes. Im selben Moment, als seine Zehenspitze den Fußboden berührt, hat er zu einem blitzschnellen Salto rückwärts angesetzt, der ihn wieder in sein Zimmer bringt. Hallo, das war aber genau so spektakulär wie elegant. Der Junge scheint in seiner Freizeit Kampfsport zu betreiben. Ich tippe mal auf diesen brasilianischen Kampftanz, dessen Namen ich mir nie merken kann. Schon taucht sein Kopf wieder im Türrahmen auf.

"Warum steht da kein 'Vorsicht Nass' Schild?"

"Weils nicht nass, sondern sauber ist", normalerweise bin ich nicht so respektlos, aber die Nummer von eben hat mich so beeindruckt, dass mein ganzes Wertesystem ins Wanken gerät. Mit der Fußspitze probiert er vorsichtig. Junge, junge, DAS Grinsen kann sich sehen lassen. Geschätzte 60 ebenmäßige Zähne verteilen sich gleichmäßig in seinem Gesicht. Zum Glück hat er Ohren, sonst würde er rundherum grinsen. Ein anerkennendes Pfeifen dringt zwischen seinen Zähnen hervor. "So sauber habe ich den Flur schon lange nicht mehr gesehen. Ich glaube, da hat sich jemand ein Bett verdient." Und schon hat er einen kleinen Taschencomputer in der Hand. "Name?" Der kommt wie aus der Pistole geschossen.

"Alles klar, das nächste freie Bett ist Ihnen. Ihre Voruntersuchung mache ich gleich morgen früh. Schönen Tag noch." Irgendwo auf dem frisch polierten Boden muss mein Unterkiefer liegen. Die beiden kleinen Sätze haben mein Kinn ausgeklinkt, das sich sofort im freien Fall davon gemacht hat. Das nächste frei werdende Bett ist meins, das lasse ich mir noch einmal genüsslich auf der Zunge zergehen.Die nächsten Stunden verbringe ich unbeweglich leicht geduckt neben meinem Bett. Alarmbereitschaft. Es soll so wenig wie möglich dazwischenkommen. Eine Hand habe ich locker auf der Matratze liegen, die andere so auf dem Greifreifen, dass ich sofort starten kann.

"Tschüss, Herr Schießmichtot, machen sie's gut", der Satz ist noch nicht aus dem Mund der Pflegerin raus, da stehe ich schon wie ein Kastenteufel vor ihr.

"Der Chef hat gesagt -"

"Ja, weiß ich schon, ich habe sie auch schon eingetragen. Zimmer 2212. Ist sogar ein Fensterplatz. Aber lassen sie uns wenigstens noch das andere Bett rausfahren. Ihres haben sie sich ja schon zurechtgemacht, das schieben wir dann rein. Unser Oberarzt war ziemlich beeindruckt von ihrer Putzaktion, das muss man schon sagen. Also den Platz, den haben sie sich wirklich verdient." Ich weiß gar nicht, wo ich hingucken soll. Da machen mich in meinem Alter ein paar nette Worte noch verlegen. Liegt vielleicht auch daran, dass wir Rollstuhlfahrer das, was andere als selbstverständlich erachten, für uns immer wieder lautstark einfordern müssen. Na jedenfalls steht mein Bett jetzt im Zimmer, sogar am Fensterplatz. Mein Zimmernachbar macht einen etwas brummigen Eindruck. Na, wir werden uns schon vertragen.

"Hier ist die neue Bettwäsche, beziehen könnt ihr ja." Ach ja, das waren noch Zeiten, als auch die Kassenpatienten die Betten bezogen bekamen. Das ist der Vorteil des Alters, ich kann mich noch gut daran erinnern. Beim Essen bekamen wir erst ein Tuch umgehängt, dann wurden diejenigen, die nicht selbst essen konnten, sogar gefüttert. Sollte dabei ein wenig Essen ins Bett getropft sein, dann wurde das Bett in Windeseile von der Schwester, wie sie damals noch hießen, neu bezogen. Den Duft der frisch gewaschenen Wäsche habe ich heute noch in der Nase. Naja, das Leben geht eben weiter.

Früher gab es auch mal Spannbettlaken. Die waren toll! In ein Ende hat man den Kopfteil der Matratze hinein gestopft. Dann das Fußende hinein gewurstelt. Wie ein viel zu breiter Flitzbogen hing die Matratze in der Luft. Kurz oben und unten drauf geklopft und der Gummi im Laken zog das Bett faltenlos glatt – einfach genial. Immerhin gibt es saubere Laken mit nur 70% Polyesteranteil. Polyester ist leicht zu reinigen, hält was aus und verbleicht nicht so schnell. Leider schwitzt man ziemlich darauf, weil die Haut nicht atmen kann. Und weil der Schweiß nicht abgeleitet wird, riecht man innerhalb kürzester Zeit wie das Innere eines Raubtierkäfigs in der Mittagssonne. Baumwoll- oder Leinenlaken sind atmungsaktiv, hautfreundlich und fühlen sich auch besser an. Dafür sind sie teuer. Für die Haltbarkeit kommt dann einfach etwas Polyesteranteil in den Stoff. Je mehr Polyester, desto preiswerter, desto haltbarer.

Ich ziehe das verschlissene Laken von meiner Designermatratze, lege das neue auf und streiche es glatt. Dann schlage ich es um das Kopfende herum ein, wie ein Geschenkpaket. Das Gleiche mache ich auch am Fußende, nur dass ich es etwas knapper falte. Prompt steht die Matratze an beiden Enden etwas hoch. Klopf, klopf, oben und unten und schon ist das Bett glatt. Dafür, dass ich etwas aus der Übung bin, sieht‘s gar nicht schlecht aus.

Dann machen wir doch gleich mit der Bettdecke weiter. Dem Gewicht nach ist das definitiv weder eine Feder- noch eine Synthetikflauschdecke. An Daunen wage ich gar nicht zu denken. Zu meiner Verblüffung ziehe ich zwei aus grobem Stoff gewebte Decken aus dem Bezug, mit denen man vermutlich früher Pferde gesattelt hat. Solche, in die man bei Umzügen Möbel einwickelt, damit sie nicht verkratzen. Das kann ja wohl nicht warstein! Auf der Stelle zu wenden und gleich loszurasen, das sieht im Rollstuhl jedes Mal ziemlich spektakulär aus. Eine kratzige Stimme hält mich auf. "He, wo willst´n hin?" Ah, mein Zimmernachbar kann ja doch reden! Fürs Singen reicht der Kratzbariton zwar nicht, aber er sollte ein ziemlich gutes Kommunikationsmittel abgeben.

"Auf Station, oder seh´ ich aus wie ein Pferd, oder was? Ich will gefälligst eine vernünftige Bettdecke haben."

"Kollege, die Pferdedecken haben einen guten Grund, behalt sie bloß!"

"Und wie kommst du auf das schmale Brett?"

"Du bist doch Kassenpatient?"

"Ja, und?"

"Geheizt wird hier erst ab privater Zusatzversicherung und die Pferdedecken halten gut warm. Außerdem kann deine Haut drunter atmen und du ersäufst nicht in deinem eigenen Schweiß. Ich weiß ja nicht, aus welchem Versehen sie dir die gegeben haben, aber halt bloß die Klappe, steck die Decken wieder in den Bezug und hoffe, dass es keiner mitkriegt. Die kriegen schneller Räder, als du Ortskrankenkasse sagen kannst. Bei ´nem Frischling wie dir glauben alle, du hast dieses eklige Plastikvlies gekriegt. Also klapp´ die Fressleiste zu und schimpf morgens, dass du in deiner eigenen Brühe gekocht wurdest. Capiche?" Der ist gar nicht so brummig, der liegt bloß schon länger hier und ist vorsichtig. Sehr gut, von solchen Leuten kann ich ne Menge lernen. Zum Glück müssen wir unsere Betten selbst machen, da ist die Gefahr nicht so groß, dass die Pflege merkt, welche Decke ich habe. Obwohl – bei dem was die Klinken inzwischen an ihre Pflegekräfte bezahlen, da achtet eh kein Mensch mehr auf Dinge, auf die er nicht explizit hingewiesen wird.

"Sagen sie mal, sind sie nicht der Mensch, der hier mit der Putznummer die Wartezeit verkürzt hat?"

"Ja"

"Sie müssen da oben jemanden ziemlich beeindruckt haben. Ab in die Radiologie, sie haben jetzt gleich einen Termin. Unglaublich, sonst dauert‘s mindestens ne Woche." Ich lasse den Pfleger stehen und sause in Richtung Lift. Im zweiten Aufzug von links soll noch ein Stationsverzeichnis hängen. Es gibt Tage, da reißt die Glückssträhne einfach nicht ab. Die Radiologie ist unten im Keller und ich komme sogar gleich dran.

"Gegen irgendetwas allergisch?"

"Ja, gegen Brokkoli" Erstens mag ich keinen Brokkoli, zweitens krieg ich davon so fürchterliche Blähungen, dass ich unter das Kriegswaffenkontrollgesetz falle. Aber der Radiologe findet das weniger interessant. Das ist so ein ganz Trockener. Einer, der den Keller vermietet, damit ihn keiner zum Lachen runter schicken kann. Der hat bestimmt Angst, dass sein Gesicht zerspringt, wenn er nur eine einzige Miene verzieht.

"Aha, und Medikamente, Kontrastmittel?" Kollege – Subjekt, Prädikat, Objekt. Schon mal gehört? Ich spreche ja auch nicht immer in ganzen Sätzen, aber wenigstens so, dass man aus dem Kontext heraus kriegt, was ich will. Der Herr Radiologe sind wohl eine kleine Plaudertasche, hmm? Aber das kann ich auch.

"Nö"

"Gut. Ärmel hoch."

"Langsam, was wird das?" Bei aller Spracheffizienz, ich möchte schon wissen, was man mir da in die Vene jagen will. So viel Zeit muss sein!

"Issen Isotop. Halbwertszeit nur 3 Stunden. Ungefähr."

Also, was man mir in die Vene spritzen will, ist ein radioaktives Element mit einer Halbwertszeit von ca. 3 Stunden. Das heißt, dass es nach 3 Stunden nur noch halb so stark strahlt. Nach weiteren 3 Stunden nur noch ein Viertel, dann ein Achtel und so weiter. Nach ein bis zwei Tagen habe ich das Element wieder aus dem Körper heraus. Die Strahlung, die bleibt drin. Das Zeug lagert sich innerhalb von 40 Minuten in den Knochen ab und kann dann wie beim Röntgen abfotografiert werden. Allerdings wäre ich nach drei Stunden unterm Röntgengerät gut durch getoastet und zu nicht mehr besonders viel zu gebrauchen. Das Isotop belastet den Körper viel weniger. Das habe ich mir im Internet zusammengesucht, bevor ich hierher kam. In den Beispielen dort hat man allerdings mit einer Halbwertszeit von 12 Stunden gearbeitet. Wer weiß, wie lange die das Isotop schon gelagert haben. Nicht denken, Ärmel frei machen und Augen zu. Jetzt soll ich noch sehen, dass ich ordentlich was trinke und in einer halben Stunde wieder da sein. Na, der ist gut! Ordentlich trinken. Wo soll ich denn jetzt so viel Flüssigkeit hernehmen? Oder meinte er: 'was Ordentliches trinken'? Im 4. Stock habe ich eine Art Kantine gesehen, vielleicht gibt‘s ja da was.

Wie war das mit der Glückssträhne? Der Kantinenpächter hat noch einen griechischen Landwein da, so einen ziemlich süßen Schädelspalter. Den gibt‘s nur in einer 2-Liter Flasche. Zwei Liter Likörwein in 20 Minuten, na denn Prost!

Den Anfang der radiologischen Untersuchung bekomme ich noch mit, dann fallen mir die Augen zu. Merkwürdig, dabei habe ich doch letzte Nacht richtig gut geschlafen. Das liegt bestimmt an der Luft hier drin, mein Kreislauf macht auch Probleme. Na jedenfalls ist die dreiviertel Stunde, die die Untersuchung dauern soll, ruckzuck herum. Ich lasse mich von der Liege in meinen Rollstuhl plumpsen und sehe zu, dass ich wieder auf Station komme. Pfeifendeckel – ich wusste, da kommt noch was. Als ich auf die Ausgangstür zu rolle, brüllt plötzlich ein Lautsprecher los. Keiner sagt was, es dröhnt nur ein Ton – laut. Sehr laut. Also, wirklich laut. So eine Mischung aus Autohupe, gesprungener Schulklingel und überfahrener Katze. Gleichzeitig knallen alle Türen zu. Strahlungsalarm!

Ich will irgendwo in Deckung fahren. Keine Chance. Alles ist dicht, ich bin zwischen Gang und Ausgang eingesperrt. Jetzt geht es mir auf: Ich bin der Auslöser. Ich strahle so stark, dass der Strahlungsalarm losgeht. Dabei bin ich noch einen guten Meter von dem Messgerät weg. Was haben die mir denn da gespritzt? Wollen die mich umbringen?

"Mitkommen" Der Radiologe überschlägt sich mal wieder vor Geschwätzigkeit. Was bleibt mir schon übrig? Aufseufzend rolle ich ihm hinterher.

In einem Nebenraum liegen ein paar Leute auf Pritschen. Diese lassen sich in überdimensionale Spulen einfahren. Die Pritschen. Ohne großes Federlesens packen mich zwei kräftige Pfleger und werfen mich wortlos auf eine leere Pritsche. Die fahren sie in eine unbenutzte Kupferspule. Mit einem unverständlichen Murmeln verschwinden sie wieder und lassen mich mit meinen Gedanken alleine. Unfreundlich klangen die beiden jetzt nicht, nur ein bisschen mürrisch, so als hätten sie überhaupt keine Lust, mich durch die Gegend zu wuchten und überhaupt etwas viel Besseres zu tun. Der griechische Rotwein fordert sein Recht und die Welt wird unscharf.

Tag drei.

Wenn ich nur wüsste, wie ich die Motorradgang zur Ruhe bringe, die sich schon seit Stunden ein Privatrennen rund um mein Haus liefert. Und wenn ich den Typ erwische, der mir im Schlaf eine alte Socke in den Mund gesteckt hat, den mach ich einen Kopf kürzer.

Irgendwie hört sich das Motorengeräusch merkwürdig an. Vielleicht sollte ich doch mal ein oder zwei Augen öffnen. Gar nicht so einfach, so verklebt wie die sind. Autsch, ist das hell! Ich bin gar nicht zu Hause, sondern liege auf einer Pritsche. Um mich herum ist eine Kupferspule gewickelt, von der Kabel nach irgendwo außerhalb meines Sichtfelds gehen. Als sich mein Blick klärt, sehe ich, dass ich nicht alleine bin. An der Wand aufgereiht stehen einige Spulen. Manche sind leer, in anderen stehen Pritschen mit Leuten drauf. Rechts neben mir liegt ein dicker, rotgesichtiger Mann, der mit offenem Mund in einer Lautstärke schnarcht, die Fenster zittern lässt. Aha, das ist also die Motorradgang. Die alte Socke stellt sich als meine eigene Zunge heraus. So ganz ohne Konservierungsstoffe kann der griechische Landwein nicht gewesen sein. Ich würde ja gern einen Schluck Wasser trinken, aber die Spule hält mir die Arme an den Seiten fest.

"Hallo!" Der Schnarcher lässt einen Grunzer hören, dann beginnt er sein Sägewerk aufs Neue. Das war‘s, mehr tut sich nicht.

"Haaallooo, ist hier jemand?"

"Was'n?" Ein Pfleger steckt den Kopf herein. Wer hat denn die Unverfrorenheit, in der Pause hier so herumzuschreien? Ach, der Krüppel. Er hat seine Mimik so schlecht im Griff, genauso könnte auch eine Laufschrift über seine Stirn laufen.

"Was schreien sie denn so? Ich bin doch nicht schwerhörig."

"Erstens habe ich entsetzlichen Durst, zweitens möchte ich gerne wissen, was ich hier mache. Die Art von Behandlung hat keiner erwähnt und ich habe auch nichts unterschrieben."

"Für die 'Behandlung' muss auch nichts unterschrieben werden. Sie haben bei der radiologischen Untersuchung etwas Strahlung aufgenommen und müssen dekontaminiert werden. Bei unserem Verfahren wird der energiereiche Anteil der Strahlung so lange über die Spulen aufgenommen, bis sie, ohne ihre Umgebung zu verstrahlen, wieder die Station verlassen können. Im Gegenzug erhalten Sie die rückgespeiste Energie von ihrer Rechnung abgezogen. In den vergangenen 9 Stunden haben Sie für", er schaut auf eine Anzeige oberhalb von mir, "für 4,61 Euro Energie an die Klinik zurückgespeist. Sie bleiben noch ungefähr drei Stunden liegen und dann können Sie ungefährdet die Station verlassen."

"Ungefährdet die Station verlassen", den Ausdruck muss ich mir erst einmal auf der Zunge zergehen lassen. Er meint damit, dass ich so wenig Strahlung abgebe, dass ich niemand anderen mehr gefährde. Was ist eigentlich mit mir passiert? Ich erinnere mich, dass ich eine Einverständniserklärung unterschrieben habe. Muss ich ja sowieso für jeden Pups, damit ich die Klinik nicht verklagen kann. Naja, wenn ich in 3 Stunden wieder raus kann, dann ist die Halbwertszeit nicht so hoch gewesen, dass ein bleibender Schaden entsteht. Behaupte ich jetzt einfach mal. Die werden ja wohl ihre Patienten nicht bewusst einer schädlichen Strahlendosis aussetzen. Gut, die Wartung von diesen Geräten kostet bestimmt ein Heidengeld und die Kontrastmittel auch. Aber ein Kontrastmittel irgendwo auf dem grauen Markt für Billigprodukte zu kaufen und die Gesundheit der Patienten zu riskieren, das traue ich der Klinikleitung nicht zu. Dem Einkauf schon eher, die brauchen doch immer ihre Einkaufserfolge. Solange die die Extrakosten, die sie durch die Einsparung verursachen, einer anderen Kostenstelle auf die Badehose packen können, sind die doch sofort dabei. Aber fortgesetzte schwere Körperverletzung an wer weiß, wie viel Fällen, ich glaube, so verzweifelt kann ein Mensch doch nicht sein, oder?

Der Pfleger kommt wieder mit einem fast sauberen Glas Wasser. "Normal müsste ich Ihnen jetzt zwei Euro abziehen. Aber Sie haben schon genug eingesteckt." Gucke, hier scheint es doch noch Menschen zu geben. Ich hüte mich, zu fragen, was ich denn schon genug eingesteckt habe. Den Rollstuhl kann er nicht meinen, den interessiert sonst auch keinen. Ja das ist der Nebeneffekt der Inklusion. Früher haben uns die Leute ignoriert oder einfach zur Seite geschoben. Bis die Vereinten Nationen mit der Behindertenkonvention kamen. Was haben wir uns auf die Hinterbeine gestellt, damit die Regierungen sie endlich umsetzen, und zwar so, wie sie gemeint ist. Legionen von Rechtsverdrehern haben gleich wieder versucht, daran herum zu deuteln. Aber unsere damalige Bundeskanzlerin bewies, dass auch Frauen Eier in der Hose haben können. Irgendwann ist ihr das Herumgeeiere so auf den Keks gegangen, dass sie mit der Faust auf den Tisch gehauen hat. In einer Rede, die heute in den Schulbüchern steht, hat sie klipp und klar betont, dass es einem wohlhabenden Industrieland wie dem unseren nicht anstünde, seine Behinderten so zu behandeln. Gut, die Rede war um einiges länger und vermutlich hätte sie weit weniger deutliche Worte gefunden, wenn ihre Wiederwahl nicht so absolut unwahrscheinlich gewesen wäre. Das Ergebnis war, dass die Leute uns genauso ignorieren, wie vorher auch. Nur haben sie kein schlechtes Gewissen mehr dabei. Ein paar abgesenkte Bürgersteige, Behindertentoiletten in öffentlichen Gebäuden und speziell geschulte Sachbearbeiter in den Arbeitsagenturen. Die übrigens seit der Privatisierung die Arbeitslosenquote noch mal halbiert haben. Manchmal funktioniert es eben doch.

Drei Stunden später kommt der Pfleger wieder. Er schaut noch mal auf die Anzeige und schiebt dann die Pritsche zurück. 5,22 Euro habe ich verdient, darüber bekomme ich eine Quittung. Mein zaghaft gehauchtes "Dosimeter" beantwortet er mit einem Raunen an meinem Ohr: "Das wollen Sie nicht wissen, glauben Sie mir." Ich glaube ihm. Erst mal.

Endlich, ich bin wieder auf meiner Station. Doch gerade als ich in mein Zimmer rollen will, kommt Schwester Gertrud wie eine Kanonenkugel aus dem Schwesternzimmer geschossen.

"Gut, dass Sie da sind. Sie sollen sich sofort im OP melden."

Aber hallo, das geht ja jetzt wie's Brezeln backen. Also, kehrt marsch wieder zurück zum Aufzug. Die OPs liegen alle auf einer Etage. Ich muss zum OP 7. Das ist im linken Flur ganz hinten. Früher gab es hier einmal eine Patientenschleuse. Das war wie eine überdimensionale Babyklappe. Von vorne wurde das Bett mit dem Patienten heran gefahren. Dann hat man ihn mit einer Art Rutsche in die Schleuse befördert, ausgezogen und auf der anderen Seite in den sterilen Bereich gezogen.

Heute ist das einfacher. Ich rolle bis zum Eingang vom OP und klopfe sicherheitshalber an die Tür. Alle OPs haben Schiebetüren wegen der Luftverwirbelung hat man mir mal erklärt. Die Tür öffnet sich und ich sehe als allererstes ein Gesicht. Ach was, ein Gesicht. So etwas Süßes habe ich mein ganzes Leben noch nicht gesehen. Die passt nicht nur in mein Beuteschema, die muss Modell gestanden haben, als sich mein Beuteschema ausgebildet hat. Trotz der sackartigen OP-Kleidung sieht diese Zaubermaus so was von heiß aus - mit der Gänsehaut, die sich mir schlagartig am ganzen Körper gebildet hat, könnte man locker einen Überlandbus abschmirgeln.

Und dann diese Stimme! Die geht ohne Umweg übers Gehirn direkt in den Bauch, vielleicht sogar noch ein kleines Stück tiefer. "♫ Hallo ♪" Klingeling, macht es in meinem Hinterkopf, wenn die jetzt sagt: "Fahr die Treppe runter," dann frag ich nur noch: "Vorwärts oder rückwärts?"

Aber die Treppe bleibt mir noch einmal erspart. Stattdessen drückt sie mir ein paar Einmalhandschuhe und eine Flasche aseptisches Putzmittel in die Hand. "In zwei Stunden ist ihre OP angesetzt. Da in der Ecke steht noch ein Eimer mit einem Feudel. Wenn der Professor in eineinhalb Stunden kommt, dann ist der OP aseptisch, steril und bereit für Ihren Eingriff. Den macht der Professor selbst. Und der ist, was Sauberkeit und Hygiene angeht, extrem pingelig. Dann ist noch das Besteck von der Rektalrezession von eben zu schrubben und zu sterilisieren. Anschließend kommen Sie rüber in die Kaffeeküche und machen da eben noch das Restgeschirr weg. Wenn Sie das schaffen, ohne dass jemand von uns helfen muss, dann kommen Sie mit zwei Tassen Kaffee zu mir." Ihr Blick lässt meine letzten verblieben Haare im Genick stocksteif wegstehen. Ihre bisher feine Stimme wird ein wenig tiefer, bekommt einen leicht rauchigen Unterton. "Danach helfe ich Ihnen beim Einschlafen."

Was soll ich sagen, ich habe geputzt wie ein Weltmeister. Ich wette, so gespiegelt hat dieser Operationssaal noch nie ...

TunnelendeMeine erste Geschichte für Schockstarre.

Ich - und Horror schreiben!

Zuerst habe ich gelacht, als mein Freund und Autorenkollege H.L.Ween anfragte. Aber dann reizte mich die Herausforderung und irgendwann zwischendrin begann es, Spaß zu machen.

Das berühmte Licht am Ende des Tunnels

Wenn es wirklich das Ende des Tunnels ist, dann ist ja alles in Ordnung. Aber was ist, wenn das Licht ein entgegenkommender Zug ist, oder vielleicht etwas noch Abgedrehteres?

Tunnelende

Bin ich tot?

Keine Ahnung. Ich spüre nichts, aber auch überhaupt nichts. Ich weiß nicht, müsste ich etwas spüren? Vielleicht Schmerz?

Aber eigentlich, sagt man doch, Schmerz ist ein Zeichen dafür, dass noch Leben in einem steckt. Was ich mit einiger Sicherheit weiß, das ist, dass so ein blöder Spieß aus der Ritterzeit in mir steckt. Aber jetzt, jetzt spüre ich überhaupt nichts.

Dabei hat der Tag so toll angefangen. Wolfgang und Richard hatten die letzten Hausarbeiten abgeliefert. Fertig mit dem Semester. Karins Assistent ist noch mal ihre ganze Dissertation durchgegangen und hat alle Quellennachweise überprüft. Sie hat in Politikwissenschaften mit 1,0 abgeschlossen und dachte sich, so ein Dr. vor dem Namen könnte die Karriere fördern. Ihr Doktorvater meinte, es würde Sinn machen, die Quellennachweise in der Doktorarbeit akribisch zu überprüfen. Als hätte der Ahnung! Es gibt nichts Langweiligeres zu lesen, als Doktorarbeiten. Dagegen ist ja das Telefonbuch von Castrop-Rauxel Pulitzerpreis verdächtig.

Im Ernst, wer um alles in der Welt ist so bescheuert, sucht sich in der Uni-Bibliothek ein Buch über den Zusammenhang von fehlenden Rollstuhlrampen mit dem Nettoeinkommen von Sonderschulhausmeistern heraus und prüft die Quellenangaben nach. Da würde ja ein Autist vor Langeweile sterben. Auf Ideen kommen die Leute.

Ich bin gerade mit Kunstgeschichte fertig. In meiner Examensarbeit habe ich mir Gedanken über das Licht in einer bestimmten Region Südfrankreichs und seine Auswirkung auf die Psyche von Malern gemacht. Das Ganze habe ich so hoch kompliziert ausgedrückt, dass ich es zum Schluss selbst nicht mehr verstanden habe. Irgend so eine Pappnase vom Prüfungsausschuss musste da „cum laude“ drunter schreiben. Der wollte bloß davon ablenken, dass er’s selbst nicht verstanden hat, da bin ich mir ziemlich sicher.

Meine Kumpels waren jedenfalls total aus dem Häuschen. Die ganze Zeit war ich der Nichtsnutz gewesen. Wolfgang der Journalist, Richard der Verwaltungsfachwirt, Karin die Politikerin – sie alle haben etwas Sinnvolles studiert. Aber ich? Ja, Kunst, das wäre etwas, ein Maler oder Bildhauer. Geschichte? Historiker sind hoch angesehen.

Aber Kunstgeschichte?

Kann man davon leben?

Kaum steht „cum laude“ auf einem Zettel, schon überschlagen sich alle, sie haben es ja schon immer gewusst.

Jedenfalls haben sich meine Kumpels gedacht, sie machen mir eine Freude, wenn sie mit mir eins dieser angeblichen Spukschlösser besuchen. Schließlich steckt ja in Kunstgeschichte das Wort Geschichte drin.

Eine Freude, soso.