Die unsichtbare Tätowierung - Hans Dieter Schäfer - E-Book

Die unsichtbare Tätowierung E-Book

Hans Dieter Schäfer

0,0

Beschreibung

Ob Hans Dieter Schäfer nach Bagdad reist, in Berlin die Friedrichstraße entlang geht, im Aquarium Tintenfische betrachtet oder den Leuten in der Kneipe zuhört - immer ist er ein genauer Beobachter, dessen Wahrnehmungen Gedankenbewegungen in Gang setzen, die etwas über die Zeit, die Orte, über das Gewordensein und das eigene Ich erzählen. So legt ihm die Erinnerung an eine Melodie aus dem Grammophon der Großmutter den Geschmack von Monatserdbeeren in den Mund, und der Anblick der Ostsee ruft die Suchscheinwerfer aus der Kindheit auf.Seine Erkundungsgänge führen Hans Dieter Schäfer in die Geschichte, in die Literatur, in die Kunst, sie führen ihn an erinnerungsträchtige Orte, die weiträumige Assoziationen aufrufen. Nicht um geschlossene Bilder der Welt geht es ihm, sondern um die umkreisende, tastende Zusammenschau des Kleinen, Zufälligen mit dem großen Gang der Geschichte. "Es gibt zwei Welten - eine sichtbare und eine unsichtbare", heißt es. "Erinnerungen sind das Bindeglied zwischen den beiden."Schäfer notiert Gesehenes, bringt es in einen Zusammenhang mit Erfahrenem und spielt Möglichkeiten durch; seine Prosaminiaturen haben eine außerordentliche Leichtigkeit und Dichte.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 226

Veröffentlichungsjahr: 2013

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Hans Dieter Schäfer

Die unsichtbareTätowierung

Erkundungen

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© Wallstein Verlag, Göttingen 2013

www.wallstein-verlag.de

Vom Verlag gesetzt aus der Stempel Garamond Umschlaggestaltung: Susanne Gerhards, Düsseldorf unter Verwendung eines Fotos von Michael Hanschke Druck und Verarbeitung: Hubert & Co, Göttingen

ISBN (Print) 978-3-8353-1249-4

ISBN (E-Book, pdf) 978-3-8353-2364-3

ISBN (E-Book, epub) 978-3-8353-2365-0

Orte

Düsseldorf und Essen

Auf der Fahrt zur Benn-Tagung hält der ICE in Hanau wegen Personenschadens bei einer Regionalbahn – in einer Betonwanne vor dem Bahnhofsgebäude blühen unordentlich Glockenblumen und Winden, vermutlich von Luftströmen ausgesät. Der Schaffner bringt einen Kaffee und klappt dabei den Kiefer auf. »Es kann sich auf den Gleisen auch um ein Tier handeln«, versucht er zu beruhigen. Hier und da ziehen die Leute die Sonnenschutzleisten herunter. Der Hochgeschwindigkeitszug ist lang und spindelförmig, wobei die spitz zulaufenden Waggons aus Stahl mit einem roten Farbstreifen versehen sind. Ich gehe zum Fenster des Ausstiegs und denke an Grimmelshausen. Weil sein Geburtsort von kaiserlichen Truppen besetzt wurde, floh er mit dreizehn 1634 in die Festung Hanau – hier läßt sich Simplicissimus in einen Narren verwandeln, wobei ihm »hauptstärkende Arzneien« den Verstand retten. Der Roman schöpft unterschiedliche Quellen vom spanischen Schelmenroman bis zu Garzonis Enzyklopädie Piazza Universale aus; selbst die berühmte Weltklage ist eine fast wörtliche Übernahme von Antonio Guevaras Traktat Mißbrauch des Hoff- und Lob des Landlebens: »ADjeu Welt / dann auff dich ist nicht zu trauen / noch von dir nichts zu hoffen, / in deinem Hauß ist das vergangene schon verschwunden / das gegenwärtige verschwindet uns unter den Händen / das zukünfftige hat nie angefangen.« Nach einer Stunde setzt sich der Zug mit Piepsen wieder in Bewegung. Die Piktogramme nehmen ihre Arbeit auf, während rechts Gartenzäune, Lauben und auf der linken Seite der Hafen mit Kränen an den Scheiben vorbeigleiten. Bis Düsseldorf lese ich Joachim Dycks Benn-Monographie und erhalte die Bestätigung, daß der Essay über Goethe in fast allen Zitaten und der Argumentation aus der Einleitung Samuel Kalischers zum Band 36 von Goethes Werken im Bong Verlag stammt; die Ausführungen »wurden gekürzt, getrennt und in andere Zusammenhänge gestellt, so daß trotz der Ausschreiberei etwas Neues entstand«. Für Benn gab es die Person nur noch »in Anführungszeichen« – weil der Lyriker sein Ich nicht überhöhte, sondern in anderen Milieus zur Auflösung brachte, formulierte er auf Augenhöhe der Zeit.1

Nach der Ankunft in Düsseldorf fahre ich zum drittklassigen Hotel nahe am Hofgarten – im Zimmer hängt eine Preistafel mit 250 Euro, Frühstück extra; man erklärt, daß der Betrag nur bei Messen fällig ist und das Goethemuseum nicht einmal ein Viertel zahlen muß, doch offensichtlich handelt es sich um einen Kniff, damit bei größerer Nachfrage die Rate nach oben getrieben werden kann. Eine halbe Stunde später stehe ich am Rheinufer – schräg über der Brücke steigt eine Maschine auf. An den Lokalen schieben sich Leichtbekleidete vorbei, als kämen sie gerade vom Krafttraining. Immer mehr Menschen strömen von den Treppen auf die Promenade hinunter und setzen sich mit Bierflaschen auf Balustraden und Stufen. Von der Videowand flammt eine Frau in schwarzem Tanga vorbei; Maschinengewehre sind zu hören, die aus Autos die Luft durchlöchern, ohne eine Spur zu hinterlassen. Dann gerate ich in eine ruhige und friedliche Zone mit aufgehäufeltem Flußsand, Liegestühlen und Korbsesseln, wo man Cuba Libre trinken kann. Daneben essen Leute an einem Stand von Gosch Sylt Shrimps und Krabben – die Delikatessen, die vermutlich nicht aus der Nordsee, sondern aus Aquakulturen Südostasiens stammen, sind von Gelatine überzogen. Ich wende mich der Stadt zu, in der sich die Straßenlampen entzünden. Nach zehn Minuten kommt ein Brauhaus in Sicht, das von Hunderten Altbier trinkender Menschen umsäumt ist – die Entscheidung, trotz der rasch einsetzenden Abkühlung nicht in die beinahe leeren Räume zu gehen, ist vermutlich das Ergebnis einer Verwechslung zwischen Freiheit und dem Stehen außerhalb eines Gebäudes. Im Lokal wandern meine Gedanken zu Benn – vielleicht hat er 1953 in seiner Stammkneipe um die Ecke nach dem »Zischen« eines Bieres das Gedicht Bar auf einen Rezeptblock hingekritzelt:

Flieder in langen Vasen,

Ampeln, gedämpftes Licht

und die Amis rasen,

wenn die Sängerin spricht:

Because of you (ich denke)

romance had its start (ich dein)

because of you (ich lenke

zu dir und du bist mein).

Berlin in Klammern und Banden,

sechs Meilen eng die town

und keine Klipper landen,

wenn so die Nebel braun,

doch durch den Geiger schwellen

Jokohama, Bronx und Wien,

zwei Füße in Wildleder stellen

das Universum hin.

Benn starb drei Jahre später – ich schnitt die Todesanzeige aus und fuhr nach dem Abitur zu einem Freund nach Berlin. Einmal pilgerten wir zum Haus in der Bozenerstraße 20, wo der Dichter-Arzt in der rechten Parterrewohnung gelebt und praktiziert hatte. Deutlicher als das Treppenhaus mit hohem Marmorsockel und Reliefplatten sowie der Gedenktafel neben dem Eingang behielt ich die Einschußlöcher an der verputzten Außenwand in Erinnerung. Der Hinterhof, in den Benn von seinem Arbeitszimmer auf eine Hortensie und einen leeren Kaninchenstall geblickt hatte, blieb uns versperrt. Dafür landeten wir eines Abends auf dem Potsdamer Platz in einer Flachbau-Kneipe – alle Lichter waren rosa, also auch meine Hände und das Gesicht des Freundes. Wenn die Musikbox die Single abgespielt hatte, konnte man das Surren der Scheiben in den Rotamint-Automaten aus dem Nebenzimmer hören. Der Raum gab dunkel an der Bar eine Frau im Pailletten-Kleid frei – das nächste, was ich im trüben Licht erkannte, war ein Fuchs, der mit kleiner präparierter Nase auf ihrer Brust lag. Ich erinnere mich an die Geste, mit der sie ein Glas Weinbrand wie John Wayne vor dem Schußwechsel über die lange Theke zu uns schliddern ließ. Von draußen drang das Hämmern an einer Straßenbahnschiene herein, und durch den Türspalt sah man das Sprühen eines Schweißgeräts. Zwei Männer spielten Billard – Weinlaub aus Plastik und Fähnchen mit dem Bären hingen von der Decke. Die Prostituierte hielt uns für Homosexuelle und erzählte, daß sie von den Russen zehnmal vergewaltigt wurde. »Was für ein Gefühl war denn das?« fragte der Freund, nur um etwas zu sagen. »Tja … bloß das Gefühl einer großen, unendlichen Stumpfheit …« Als der US-Sergeant, ihre »große Liebe«, über Nacht von der Bildfläche verschwunden war, stand sie sich über Jahre auf der Tauentzien die Beine in den Bauch. Irgendwie kam das Gespräch auf Tripper und neue Heilmethoden; wir hatten es nicht leicht, den Namen des Arztes herauszulocken und waren doch überrascht, mit welcher Achtung »Benn« über die Lippen kam. Die Prostituierte besaß noch ein Rezept von ihm, das sie uns für ein paar Asbach Uralt zum Kauf anbot. Obgleich knapp bei Kasse, zahlten wir fünfmal und zogen mit der Frau ab, vorbei an dunklen Eingängen mit Stimmen wie »Soll ich Euch einen blasen?« In ihrem Haus empfing uns eine Ausdünstung von gekochten Kartoffeln und Urin, während von der Mauer mit griechischem Fries Wasser über den Bodenbelag tropfte – wir hatten Scheu, hoch in die Wohnung zu gehen, und warteten fast eine halbe Stunde umsonst auf die Verschreibung.

Die Tagung endet am Samstag mit einem ergreifenden Auftritt von Astrid Claes, die 1953 die erste Dissertation über den Autor der Morgue vorgelegt hatte. Vor wenigen Jahren erschien die Arbeit im Druck; aus diesem Anlaß schrieb sie einen Brief an den toten Dichter, um ihre Lage von damals mit einem unehelichen Kind und der Verstoßung aus dem Elternhaus offenzulegen. Die Hauptaufgabe des Vaters, der 1933 als Leverkusener Stadtdirektor von den Nazis entlassen worden war, bestand darin, die Tochter in der Schule zu Höchstleistungen zu bringen. »Ich lieferte alles, weil ich sein Leid begriff. Bäume und Blumen, Tiere, die ich liebte, waren Gefahren für diese Lieferung, Gedichteschreiben auch, ›bis zum Ende der Ausbildung‹«, doch Astrid Claes setzte sich unter einen Baum, machte Gedichte, besuchte heimlich das Tierheim und ließ sich von Benns Worten beschützen. Während der Lesung des Briefes donnert heftiger Regen auf das Dach – am Ende trudeln Sonnenstrahlen gegen die Scheiben so blendend, daß die Vorhänge zugezogen werden müssen. In feuchter, fast regloser Luft gehe ich am Mittag durch den Hofgarten zur Kunsthalle und esse im Bistro eine Kartoffelsuppe für 6 Euro 80 – im ganzen Museum sind nicht einmal zwei Dutzend Besucher, um sich die Bilder anzusehen. Jeder Maler, ob Kirchner, Kandinsky, Max Ernst oder Klee, war darauf aus, eine eigene Handschrift zu finden, um dadurch sein Ich zu behaupten. Es kommt mir vor, als ob alle Künstler hoffnungsvoll oder verzweifelt und manchmal schroff Schlußpunkte unter die Epoche der Originalität gesetzt hätten – diese wundervoll lebendigen Werke sind von unserer Zeit so weit entfernt wie Keramiken der Ertrusker. Die Objekte von Beuys dagegen kann man als Reflexe auf den Verschleiß wertunbeständiger Güter verstehen; daß er die eigene Person mit Hut offensichtlich für ein Kunstwerk hielt und sich selbst als Foto verkaufte, ist Ausdruck der materialistischen Denkweise unserer Zeit mit der Neigung zur Burleske. Ich hole meinen Trolley aus dem Hotel und will mit dem Zug weiter zu meinem Sohn nach Essen fahren. Auf dem Bahnhof herrscht ein tolles Treiben! Kinder unter riesigen Harry-Potter-Hüten ziehen durch die Halle. Von einer Treppe springen Männer mit Frauenperücken herunter und halten die Bierdosen wie eine Waffe von den nackten Oberkörpern gestreckt. Oben auf dem Bahnsteig kommt aus einem Lautsprecher die Meldung, daß die einfahrenden Züge Düsseldorf in Richtung Duisburg nicht mehr verlassen, weil die Polizei zwei Stationen gesperrt hat. Erst jetzt bemerke ich das Unwetter. Blitze mit dicken Keilen fahren an den Glaswänden herunter – Panik beginnt sich auszubreiten. Ich packe das Handy aus, um meinen Sohn zu verständigen, und sehe noch, wie eine Komödiantin in einem T-Shirt der Post auf der Rolltreppe die Arme in die Luft reckt und schreit: »Ihr seid alle Schweine!« Ein Taxi, das ein türkischer Erdöl-Ingenieur lenkt, lotst mich sachkundig aus dem Durcheinander heraus, und nach wenigen Kilometern ist der Wetterspuk vorbei.

Am Sonntagvormittag stehe ich mit Simon im Folkwang-Museum vor den Landschaften Caspar David Friedrichs – weil ein Mittelgrund fehlt, fühlen wir uns vom Dargestellten körperlich getrennt. Der Künstler zeichnete im Freien mit einem harten, spitzen Bleistift auf Velinpapier; die naturtreuen Studien übertrug er oft Jahre später in seine Gemälde, wobei die collageartige Verbindung und Ausarbeitung der Details den Gesetzen seiner Imagination gehorchte. Der bedeutendste deutsche Maler aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde als Außenseiter gedemütigt. Seit 1816 Mitglied der Königlichen Kunstakademie Dresden, erhielt er ein kleines Gehalt, aber keine Professur, und als man ihn acht Jahre später zum Professor ernannte, wurde ihm die vakante Malklasse verweigert. Der Körper reagierte darauf mit heftigen Krankheitsschüben, zumal sich Friedrichs ökonomische Probleme verschärften, denn nur wenige Sammler wie der russische Dichter und Staatsrat Wassilij Schukowskij erkannten den Wert der Bilder. 1835 legte ein Schlaganfall die rechte Hand still – ein weiterer hatte zwei Jahre später die fast vollständige Lähmung des Körpers zur Folge. Zuweilen konnten wir die geometrisch durchgeformten Bilder in ihrem Zusammenhang nur schwer erfassen, weil sich ein dichter Besucherstrom mit vielen jungen Menschen an ihnen vorbeischob.

Auf der Rückreise am Montag die Rheinische Post mit der Meldung über orkanartige Böen von 110 Stundenkilometern, die Schneisen der Verwüstung geschlagen hatten – viele Großveranstaltungen wie das »mini-Mal Happy Family Fest« auf dem Messegelände und am Rheinufer das Japanische Feuerwerk, zu dem man eine Million erwartete, sind von Düsseldorf Marketing & Tourismus über Radio und Internet abgesagt worden. Hinter den Scheiben des ICE bauschen sich geschmeidig große Wolken, während die Gleise rechts und links flache neue Fabriken flankieren. Auf der anderen Gangseite knirscht in konzentrierter Abwesenheit ein Mann mit den Zähnen, wobei die Ohren unter Kopfhörern liegen und seine Augen vom Clip auf der Rückenlehne gefesselt sind. Langsam fahren wir durch den Bahnhof von Hanau. Eine Gruppe japanischer Touristen wartet auf Anschluß; fast alle haben kleine Digitalkameras dabei, die einzelne Wagen unseres Zug knipsen. Ich blättere in einem Band Petrarca aus dem Düsseldorfer Antiquariat am Rathaus. »Das Geschäft gibt es jetzt seit mehr als zwei Jahrzehnten«, hatte der Buchhändler erklärt. »In den ersten Jahren kamen immer noch Professoren und Studenten, das ist jetzt vorbei. Und die Sammler sterben aus« – das Traktat Über die Heilmittel wider Glück und Unglück vergleicht Bücher mit der angenehmen Gesellschaft von Freunden: »Sie sind aus allen Ländern, aus allen Jahrhunderten. Ich lasse sie kommen und schicke sie wieder weg, sooft ich will. Sie antworten mir auf alle meine Fragen. Andere machen meine Seele fähig, alles zu dulden und nichts zu wünschen und lehren, mich selbst zu ertragen.« Ein Teich mit hohem Schilfrohr ist von Sonne umstellt – auf einem Steg sitzen zwei nackte Männer, der eine deutet mit den Händen einen unsichtbaren Raum an. Staunen wie in der Kindheit breitet sich über die Landschaft aus mit Kühen unter Hochspannungsmasten – eine Wiese ist rosarot, als wollte sie nach oben fließen. Das Licht wird sanfter, um hinter Würzburg ganz zu verschwinden. Die Frau im Sitz schräg gegenüber hat die Plastiksandalen von den Füßen gestreift, und Lampenkleckse fallen von der Waggondecke auf den Bodenbelag. Ich lege meine Hände trichterförmig an die Scheibe – der Bahnsteig einer kleinen Station treibt vorbei mit Gestalten, Aktenkoffer in den Händen, ein Mädchen schmiegt sich an den Mantel der Mutter. Der ICE beschleunigt wieder sein Tempo – bald ist nur noch das Band einer Straße da, über die der Laster einer Fleischfabrik fährt. Ich denke an die Andachtsbilder Friedrichs, die übereinandergeschobene Eisschollen zeigen, Berge, von oben gesehen, im Dunst Segelschiffe oder das Weichbild von Greifswald mit Dächern und Türmen, davor Wiesen, auf denen Pferde springen. Als der Zug bei Mariaort mit hellen Tönen über die Brücke gleitet, stehe ich neben anderen Fahrgästen mit Koffern und Taschen im Gang; ein Schwarzer verstaut Zeitungen, Kunststoffbecher und Flaschen in einen Müllsack, dann bündeln sich im Nebel verschwommen die Lichter von Regensburg – die Abteile sind fast menschenleer und sauber, als wir den Zug verlassen.

Tremmelshauserhöhe

Der Morgen beginnt mit dem gedehnten Rufen der Ringeltauben, die sich unterm Fenster auf dem Mauervorsprung zum Nachbarhaus ein Nest gebaut hatten. Jungvögel fiepen leise einem neuen Wüstentag entgegen, denn die zu Beginn des Frühjahrs angekündigte Hitze zeigt noch immer ein gnadenloses Gesicht. Vor drei Tagen brachte die Mittelbayerische Zeitung auf Seite eins ein Farbfoto vom Rheinufer bei Düsseldorf mit aufgebrochenen Bodenplatten wie vom Tschadsee. Heute erscheint an derselben Stelle ein Bild von Feuerwehrleuten aus Frankfurt / Oder, die wie Playmobilfiguren vor einem Getreidefeld stehen, aus dem Flammen schlagen – Rauchwolken ziehen in Säulen über den Horizont und färben ihn gewitterdunkel ein. Trotz der hohen Lufttemperatur wandere ich Richtung Tremmelshauserhöhe, aber die begonnenen Bewegungen werden zur Qual – ich durchquere die Senke von Rehtal, wo eine dicke Radfahrerin aus dem Rübenfeld heranschleicht und wie verrückt keucht. Oben auf dem Hügel steht unbewegt ein Pferd über Feldern, die leichte Wellen schlagen, aber in der Luft ist weder der Geruch von Rauch noch Mist, als hätte man die Landwirtschaft abgeschafft. Ein Augenblick absoluter Bewußtheit durchzieht den Mittag – Feldheuschrecken machen sich zur Fortpflanzung bereit und können bei anhaltenden Temperaturen leicht den Sprung über die Alpen schaffen. Maisstauden haben die Blätter apathisch eingerollt, und von den Schwellungen der Kolben ist kaum etwas zu ahnen.

Vor dem Wirtshaus setze ich mich mit einem Wasser auf einen niedergelegten Baumstamm und schaue nach Adlersberg zur Dominikanerinnenkirche hinüber. Einige der vielen beiläufigen Gesten in der Braugaststätte dort fallen mir ein – als mein Sohn mit Pampers auf einer Sitzbank hin und her tappte und dabei eine Schützenscheibe herunterriß, sagte Herr Prößl: »Das macht nichts«, und ließ ihn die Jagdhündin Anja ganz lange zur Beruhigung streicheln. Ein Biker mit Sturzhelm steigt ab; ein Handy am Ohr, bleibt er in einem Schattentümpel stehen. Das Laubwerk einer großen Kastanie verbirgt die Hälfte eines Hofes, hinter dem sich die Furchen der Kartoffelfelder ausstrecken. »Wir konnten wegen des langen und nassen Winters die Saaten erst sehr spät ausbringen«, erzählt der Bauer und zieht Knollen in der Größe von Murmeln oder Hühnereiern aus der Erde. Er wird den Tiefschlag wegstecken, aber wenn ein Anwesen verschuldet ist, dann kann eine solche Dürre das Ende bedeuten. Von den Winzerer Höhen aus zeigt der Fluß in der Biegung sein Metall, als gäbe es keine Absenkung des Pegels. Auf einer Bank neben einem Schneebeerenbusch mache ich Pause und mustere die verkohlten Holzstücke eines Lagerfeuers. Rechts sind die Hochhäuser von Königswiesen zu erkennen, wo ich während der Ehe gewohnt hatte – die mit Plastiktafeln benagelten Bauten ähneln Gletschern, die durch Tropenluft herüberstrahlen. Schon lange liegt die Zeit hinter mir, als es schwer fiel, von diesem Komplex lockerzulassen. Franzosenkäfer kreuzen den Schatten meiner Schuhe. Ich gehe den Wehrlochweg hinunter bis zur Autobahn, die seit Jahren Fahrzeug um Fahrzeug vorüberschleust und in einem Tunnel verschwinden läßt – am Ufer lauert wie ein Relikt aus einer anderen Epoche die meterhohe Statue eines Reihers, bis er nach unbeholfenem Waten die Flügel aufklappt, um gelassen am Saum der Bäume entlangzugleiten.

Universität

Seit einem Vierteljahr bin ich zum ersten Mal wieder auf dem Areal, wo sich dreißig Jahre mein Arbeitsplatz befand – mit Plastiktüten voller Bücher gehe ich zur Zentralbibliothek hinüber. Teile des Forums sind abgesperrt wie der Aufgang zur Mensa, der mit Brettern vernagelt wurde – Moos und Pfützen machen sich auf den Flachdächern breit; viele scheinen undicht zu sein, weil Kies, der das Bitumen vor der Sonne schützen soll, von der Isoliermasse an heißen Tagen verschluckt wurde. Neben dem Wasser, das durch Steine in das Rechteck des flachen Teichs prescht, faltet ein Mann vom Bauamt einen Plan auf; von ihm erfahre ich, daß man bald nach der Einweihung an der einen oder anderen Stelle den Armierungsstahl von Rost befreien mußte, doch der darauf geputzte Beton platzte trotzdem immer wieder weg wie am Verwaltungsgebäude, wo Männer die Mauern mit einem Spezialanstrich versiegeln.2 Die Ruine der Universität stülpt den Verfall aus dem Inneren nach außen – in den letzten Semestern kamen Studentinnen und Studenten selbst im Winter mit Wasserflaschen in meine Seminare, um sich jederzeit mit einem Schluck bedienen zu können. Fast die Hälfte wartete zur Sprechstunde vor dem Zimmer nicht mehr auf einem der Stühle, sondern hockte sich auf den Boden. »Das Hocken drückt eine Bedürfnislosigkeit aus, einen Rückzug auf sich selbst«, erkannte Canetti. »Man macht sich so rund wie möglich und verzichtet auf jede Aktivität, die sich zu einer gegenseitigen fortsetzen würde.« Als ich zu unterrichten begann, gab es im Fernsehen zwei Kanäle und eine Sendepause, die schwarz-weiß rauschte, jetzt laufen Filme rund um die Uhr – ein riesiger Akt ohne Ende mit einer Vervielfachung von Stationen. Der Markt hatte etwa zu der Zeit, als der Ostblock mit seltsamer Leichtigkeit implodierte, durch diese und andere Programme eine ihren Botschaften gehorchende Generation herangezogen – die Kraft, das Vielschichtige von Texturen zu entschlüsseln und einer Sache auf den Grund zu gehen, um getrennte Informationen zu neuen zusammenzusetzen, ist bei vielen so gut wie erloschen. Bis zum Schluß versuchte ich, die Teilnehmer für Literatur zu begeistern und den Seminaren in der Hoffnung auf einen Austausch von Argumenten Leben einzuflößen, doch weil die meisten ohne viel Hintergrundwissen aus den Schulen entlassen wurden, sahen sie sich auf ihre Gefühle angewiesen, so daß eine Gegenmeinung häufig als Bedrohung oder sogar als Beschneidung der Rechte empfunden wurde.

Gegen Mittag betrete ich den Zeitungskeller, der pro Woche nur noch eine Stunde geöffnet ist – alle Jahrgänge bis auf die letzten zehn wurden nach der Digitalisierung makuliert, obwohl die Daten langfristig nicht lesbar sind und immer wieder umkopiert werden müssen. Beim Öffnen der hinteren Tür zum Campus hin gibt es Probleme; Schlamm bedeckt den Weg, neben dem der Kadaver einer Taube die Krallen von sich streckt, während rechts und links Stauden ihre Teller mit Samen nach oben heben, um sich in der überhitzten Luft dem Sterben zu widersetzen. Hin und wieder erzeugen Türen zwischen den Bauten ein hallendes Geräusch, weil sie an Streusand schleifen, der noch vom Glatteis aus den Frostwochen im Februar auf dem Campus liegt. Junge Leute mit Rucksäckchen laufen über die Brücke zur Mensa. Das Licht fällt senkrecht und legt am Beton der Hörsaalgebäude Löcher frei, die Einschüssen in Flakbunkern gleichen – der Himmel ist beinahe ohne Wolken, und es ist, als ob die Glaswände der Zentralbibliothek wie Grabsteine aus schwarzpoliertem Granit leuchten.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!