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Der Jahrtausende alte Traum der Mächtigen, zu wissen, was das globale Volk denkt und tut, ist Wirklichkeit geworden – Big Data macht's möglich! Für Geheimdienste und Werbewirtschaft das reinste Schlaraffenland. Dieses Buch macht die Fallstricke sichtbar, die uns in allen Bereichen des Lebens ereilen. Es wirft einen kritischen Blick auf unsere Weltgesellschaft und zeigt, was sich hinter der schillernden Fassade Digitaliens in Wahrheit verbirgt.
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Seitenzahl: 230
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Elmar Schwenke
Die Verarschungsgesellschaft
Wie wir verraten und verkauft werden
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
1. Alles Schein
2. Die Welt als Bühne
3. Das Gesetz der Prärie
4. Kinder und Kommerz
5. Gesellschaftliche Unsitten
6. Das globale Finanzimperium
7. Soziale Netze
8. Die Privatsphäre
9. NSA & Co.
10. Globalisierung
11. Armut mit System
12. Neue Öffentlichkeit
13. Sex & Kommerz
14. Netzwerk & Kommerz
15. Subjekt-Objekt-Beziehungen
16. Cyberwar
17. Ausblicke & Visionen
Nachwort
Anhang
Impressum neobooks
Die Welt, in der wir leben, hat sich in den letzten 15 Jahren grundlegend verändert. Der Übergang vom analogen zum digitalen Zeitalter verlief so krass wie kein anderer in der Menschheitsgeschichte. Die Grenzen zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre sind fließend geworden und der Drang zur Selbstinszenierung hat uns zu einer narzisstischen Gesellschaft der Selbstverliebten gemacht. Mehr Schein als Sein ist die Devise und das bedingungslose Unterordnen unter die Flagge des Mainstreams. Ganz gleich, ob Wissenschaft, Kunst, Politik oder Ökonomie, überall regieren die gleichen Gesetzmäßigkeiten. Selbst soziale Netze dienen nur einem Zweck, der totalen Kommerzialisierung. Der Kunde ist die Werbewirtschaft und wir selber werden als Produkt herumgereicht, um für die Kunden attraktiv zu sein. Der massen-kapitalistische Hund jagt seinen eigenen Schwanz. Selbst weltweite Prozesse wie die Globalisierung werden über unsere Köpfe hinweg dazu missbraucht, einen gnadenlosen Raubbau an der Umwelt, an Ressourcen und billigen Arbeitskräften zu betreiben. Wie beim Kindermarketing, wo über die Köpfe der Eltern hinweg eine unheilige Allianz zwischen Kids und Werbeindustrie geschmiedet wird, ebnet die Politik denen den Weg, die uneingeschränkten Profit ohne Rücksicht auf Verluste zum Maß aller Dinge erheben. Am Beispiel der NSA-Affäre wird erläutert, wie unser gesamtes Denken und Tun durch hyperintelligente Algorithmen systematisiert und ausgewertet wird. Wir werden im wahrsten Sinne des Wortes verraten und verkauft und der gläserne Mensch ist nur noch eine Frage der Zeit, wenn wir uns nicht wehren. Das Buch zeigt die Fallstricke auf, denen wir an allen Ecken und Enden der Gesellschaft erliegen, es zeigt aber auch, wie wir entfesselten Turbokapitalismus zähmen und uns dem Einfluss übermächtiger Weltkonzerne entziehen können.
Doch bevor wir dazu kommen, unserer so heiß geliebten Internetgesellschaft den Spiegel vorzuhalten, sollten wir das erst mal mit uns und der Welt selber tun. Warum? Um zu erkennen, dass die Prinzipien der Täuschung da wie dort die gleichen sind. Wir leben in individuellen Scheinwelten und in einer globalen Scheinwelt noch dazu, weil die Welt selber eine Scheinwelt ist. Sie gehorcht Prinzipien, die im Verborgenen ablaufen, weswegen wir uns nicht wundern müssen, dass auch die Prozesse der Weltpolitik ausschließlich im Verborgenen ablaufen. Das wird offensichtlich, wenn wir einige mathematische, physikalische und kosmologische Aspekte unter die Lupe nehmen. Erst dann kann man die Zusammenhänge zwischen Politik und Weltgeschehen besser verstehen.
Die Wahrheitsfalle
Mit Wahrheiten ist das so eine Sache. Sie nehmen keine Rücksicht auf menschliche Eitelkeiten, weswegen sie nicht gerade beliebt sind. Die meisten wollen die Wahrheit gar nicht wissen und leben lieber mit der Lüge. Es gehört schon einiges dazu, die Wahrheit überhaupt auszuhalten. Doch was ist eigentlich Wahrheit?
Alltagssprachlich ist damit die Abgrenzung von der Falschheit gemeint, also von der Lüge als absichtliche Äußerung der Unwahrheit oder dem Irrtum als dem fälschlichen Fürwahrhalten. Im tieferen Sinn ist etwas dann wahr, wenn es mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Schon Aristoteles meinte: „Nicht darum nämlich, weil unsere Meinung, du seiest weiß, wahr ist, bist du weiß, sondern darum, weil du weiß bist, sagen wir die Wahrheit, indem wir dies behaupten.“
Thomas von Aquin formulierte diese Übereinstimmung der Sache mit dem Verstand, die sogenannte Korrespondenztheorie, so: „Wenn der Verstand Richtschnur und Maß der Dinge ist, besteht Wahrheit in der Übereinstimmung der Dinge mit dem Verstand. Kant vertritt noch eine differenziertere Theorie der Wahrheit, die von der Quelle der jeweiligen Erkenntnis abhängt. Denn Menschen vor 500 Jahren hatten einen anderen Erkenntnishorizont, als wir heute. Deswegen geht Kant davon aus, dass Erkenntnis immer auch Irrtum einschließt, weswegen er für allgemeine Erfahrungsurteile und Naturgesetze eine Art Irrtumsvorbehalt annimmt, den sogenannten Fallibilismus (vom Latenischen fallibilis, „verpflichtet zu irren“). Demnach kann es nie eine absolute Gewissheit geben. Wir können nur Überzeugungen, Ansichten oder Hypothesen immer wieder auf Irrtümer hin überprüfen und uns Schritt für Schritt der Wahrheit annähern.
Friedrich Hegel setzt noch eins drauf und verlegt den Begriff der Übereinstimmung von der Ebene des Verhältnisses zwischen dem Denken und der Sache auf die Ebene des Denkens und des die Sache erfassenden Gedankens. In diesem Sinn ist Wahrheit die Übereinstimmung eines Gegenstandes mit sich selbst, also mit seinem Begriff. Die absolute Wahrheit ist laut Hegel Gott als Geist. Er allein stellt die absolute Übereinstimmung des Begriffs mit der Realität dar. Wobei der Begriff Realität nicht gleichzusetzen ist mit Wirklichkeit. Wirklichkeit ist die Seinsebene, auf die wir mit unseren Sinnen Zugriff haben. Realität ist die höchste und allumfassendste Ebene, die uns jedoch verborgen bleibt. Auch über das Denken können wir diese Ebene nicht ergründen. Berühmtestes Beispiel dafür ist das Paradoxon des Epimenides. Sein Satz lautet:
Alle Kreter sind Lügner!
Wenn man den Wahrheitsgehalt dieses Satzes prüfen will, passiert Folgendes: Angenommen, der Satz wäre wahr, also alle Kreter sind Lügner, dann ist seine Aussage falsch, denn Epimenides ist selbst Kreter, folglich lügt er. Und angenommen, der Satz wäre unwahr, also alle Kreter sind keine Lügner, dann lügt Epimenides mit seiner Aussage, alle Kreter seien Lügner. Wie man es auch dreht und wendet, Epimenides lügt in jedem Fall. Vorausgesetzt natürlich, ein Lügner lügt immer. Die Wahrheit oder Falschheit des Satzes lässt sich daher nicht beweisen. Jedenfalls nicht von einem Kreter.
Kurt Gödel hat diese Analogie auf die gesamte Mathematik angewendet. Sein Unvollständigkeitssatz beweist logisch-mathematisch, dass ein System nicht zum Beweis seiner eigenen Widerspruchsfreiheit herangezogen werden kann. Die Konsequenz dieses Satzes ist immens. So immens, dass sie an den Grundfesten der Wissenschaft rüttelt, ja überhaupt an der Wahrhaftigkeit menschlicher Erkenntnisfähigkeit.
Die Wahrnehmungs-Falle
Schon Platon hat dieses menschliche Erkenntnisdilemma aufs Korn genommen – mit seinem Höhlengleichnis. Dazu muss man sich eine Höhle vorstellen. Die Bewohner sitzen angekettet und mit dem Rücken zum Eingang. Sie können weder das Sonnenlicht sehen noch ihre Köpfe wenden. Eines Nachts wird vor der Höhle Feuer gemacht und ein Schattenspiel inszeniert. Zwischen dem Eingang und der Feuerstätte verläuft ein Weg entlang einer Mauer hinter der sich Menschen hin- und herbewegen. Sie tragen Leitern, Stangen und allerlei sperriges Gerät mit sich herum, das über die Mauer ragt und seine Schatten auf eine Höhlenwand wirft. Die Angeketteten ereifern sich nun über diese Schatten, sie stellen Vermutungen an und Theorien auf über das, was draußen vor sich geht.
Mit den Angeketteten meint Platon im übertragenen Sinn den Menschen als Gattungswesen. Er ist an seinen begrenzten Wahrnehmungshorizont gekettet und betrachtet immer nur die Auswirkungen von etwas, was er im Grunde nicht durchschaut. Das liegt daran, dass wir von Kindesbeinen an mit unseren Sinnen aufwachsen und glauben, die Welt sei so, wie wir sie erleben. Doch das ist eine Illusion. Weil das, was wir wahrnehmen, nur ein Bruchteil dessen ausmacht, was real vorhanden ist. Dieser Anteil wird noch einmal intern verarbeitet, datenreduziert und schließlich zu dem Bild zusammengesetzt, das wir von der Wirklichkeit haben. Das bedeutet, dass das, was wir sehen gar nicht das ist, was wir sehen. Das Gleiche lässt sich über uns sagen, weil wir alle nicht die sind, für die wir uns halten. Wer wir wirklich sind, bleibt für immer ein Geheimnis, ebenso wie das gesamte Universum für uns ein Geheimnis bleibt. Warum? Um das zu verstehen, müssen wir einen Gang zurückschalten.
Die Dimensionsfalle
Stellen Sie sich vor, wir alle wären flach und hätten keine Höhe. Und nun käme ein dreidimensionales Wesen daher, würde einen von uns anheben und mitnehmen. Was würde passieren? Nun, Sie würden sehen, dass einer von uns auf einmal nicht mehr da ist, weshalb Sie denken würden, ein Wunder sei geschehen. Den Dreidimensionalen können Sie als solchen nicht erkennen, weil Sie keinen Blick für die Höhe haben. Wahrscheinlich wäre er für Sie Gott! Was natürlich Unsinn ist. Denn der Dreidimensionale beherrscht gerade mal eine Dimension mehr. Insofern ist es nur allzu logisch, dass es noch höhere Dimensionen geben muss, die wir jedoch mit unseren Sinnen nicht erfahren können. Die Analogie zu einem Computerspiel verdeutlicht, was damit gemeint ist. In einem Spiel sind sämtliche Szenerien konstruiert. Bald wird es Spiele geben, die so authentisch sind, dass sie sich vom Original, also von einem 3D-Film, nicht mehr unterscheiden. Wenn wir nun als Spieler einen virtuellen Raum betreten und dort einen Stuhl stehen sehen, dann ist wohl jedem klar – auch wenn er nicht weiß, wie das im Einzelnen funktioniert –, dass dieser Stuhl nicht echt ist. Er besteht lediglich aus unzähligen Kombinationen der Zahlen 0 und 1 auf einem Speichermedium. Der Rechner macht nichts anderes, als dass er die Daten lädt, sie in den Programmcode des Spiels umwandelt und dann die jeweilige Graphik generiert. Allerdings liegen zwischen der Spielewelt und der Welt, in der der Rechner steht, Welten, auch wenn sie parallel zueinander existieren. Eine Computerspielfigur, die irgendwann mit künstlicher Intelligenz ausgestattet sein wird, könnte also bestenfalls herausbekommen, dass sie in einer konstruierten Welt lebt, die gar nicht real existiert. So ähnlich muss man sich das bezogen auf unsere Welt vorstellen.
Die Wirklichkeitsfalle
Ein Freund von mir schickte mir eine Karte aus Las Vegas und ließ mich wissen, dass er in einem Cyberspace-Spielsalon war, wo er sich mit 3D-Brille und Handschuhen durch ein Labyrinth von Gängen bewegte. Er konnte die Wände und die Gegenstände an den Wänden berühren. Es war, schrieb er, so täuschend echt, dass er dachte, er würde wirklich durch das Labyrinth gehen. So und nicht anders ist es auch in Wirklichkeit, wobei das Wort Wirklichkeit schon den ganzen Sinn offenbart: Etwas wirkt auf uns – über unsere Sinne. Doch dieses Etwas ist nicht die wahre Wirklichkeit. Unsere Wirklichkeit ist immer nur eine Scheinwirklichkeit.
Dazu ein anschauliches Beispiel: Wir alle leben in einer kunterbunten Welt. Allein die Farben, die in der Natur vorkommen, sind in ihrer Vielfalt unerschöpflich. Stellen Sie sich nun vor, Sie sitzen in ihrem Garten – falls Sie einen haben – oder sonst wo, und erfreuen sich gerade an den prächtigen Farben Ihrer Blumen, am satten Grün Ihres Rasens und an den orangefarbenen Markisen, die wunderbar zu Ihren gelben Sonnenschirmen passen, die sich prächtig vom strahlenden Blau des Himmels abheben. Doch auf einmal bemerken Sie, wie die Farben schwächer werden, wie sie mehr und mehr verbleichen und schließlich ganz verschwinden. Der Himmel, die Landschaft, Ihr Rasen und Ihre Blumen – alles sieht mit einem Mal grau in grau aus. Entsetzt sehen Sie sich um, doch wohin Sie auch blicken, Sie können keine einzige Farbe mehr entdecken. Fassungslos sehen Sie an sich herunter und stellen fest, dass auch Sie völlig farblos geworden sind. Ihre Hände sind grau, Ihre Haare und all die Sachen, die Sie anhaben. Ja, die gesamte Welt ist von einem Moment auf den anderen ergraut.
Wenn Sie glauben, ein solches Szenario könnte einem Psycho-Thriller entsprungen sein oder einem Fantasy-Epos, dann täuschen Sie sich. Es wäre die Wahrheit, nichts als die reine Wahrheit. Denn im Grunde gibt es keine Farben – keine einzige! Farbe ist kein Bestandteil der Dinge an sich. Das heißt, Ihr Rasen, von dem Sie annehmen, er sei grün, ist gar nicht grün. Er hat nur eine Oberfläche, die das grüne Spektrum des Lichts reflektiert, sodass das Auge die Farbe Grün wahrnimmt. Alle anderen Spektralfarben werden absorbiert – also von der Oberfläche aufgenommen und nicht zurückgeworfen. Eine weiße Wand sieht nur deshalb weiß aus, weil sie alle Spektralfarben zurückwirft, die in der Summe weiß ergeben. Das bedeutet, ein Maler, der eine Wand mit weißer Farbe streicht, streicht eigentlich nur eine Emulsion mit einer ganz bestimmten Oberfläche darauf – eine Oberfläche, die so beschaffen ist, dass sie das gesamte Licht reflektiert. Die Dinge sind also nicht von Natur aus grün, blau oder gelb, sondern farblos, es gibt nur verschiedene Oberflächen! Der Spruch
Nachts sind alle Katzen grau,
der ja immer nur im übertragenen Sinn gebraucht wird, offenbart also eine tiefe Wahrheit, denn Farbe entsteht erst durch die Reflexion von Licht.
Wenn man erst mal die tiefere Wahrheit des Farbphänomens verstanden hat, dann bekommt man eine Ahnung davon, dass unsere gesamte Welt nach diesem Prinzip funktioniert. Das, was wir sehen, sind immer nur Oberflächen. Die Quelle dessen, was wir sehen, ist gar nicht dort zu finden, wo wir es sehen, sondern meist sehr weit davon entfernt. Im Falle des Sonnenlichts sind das etwa 150 Millionen Kilometer. Bei künstlichem Licht ist es der Abstand von der Lampe zum Objekt der Betrachtung. (Ähnlich verhält es sich mit dem Phänomen des Geistes. Es im Objekt selbst zu suchen, wäre genauso naiv, wie im Objekt nach der Farbe zu suchen. Man wird im Gehirn lediglich Neuronen finden, die da und dort feuern, aber nicht den Geist selber.)
Wenn ich jetzt den Bogen zum Thema des Buches zurück schlage, dann tue ich das um zu zeigen, dass auch Politik nach dem gleichen Muster funktioniert. Zwar werden politische Entscheidungen in den dafür vorgesehenen Gremien und Parlamenten gefällt, doch das ist nur die schillernde Oberfläche. Wenn man sich zum Beispiel wichtige Abstimmungen im EU-Parlament ansieht, dann gewinnt man den Eindruck, dort würde an Ort und Stelle diese oder jene Entscheidung getroffen – ganz offen und vor aller Augen. Doch im Grunde ist das genaue Gegenteil der Fall. Die wirklich wichtigen Entscheidungen trifft eine kleine Elite im Vorfeld. Dann werden die Informationen gefiltert, die zur Basis durchsickern sollen. Die Basis, das ist die Ebene der Politik, die mehr oder weniger die Interessen des „globalen Volkes“ repräsentiert.
Dass das so ist, liegt in der Natur der Sache. Oder besser, in der Natur komplexer Systeme! Denn sowohl ein Universum als auch eine Weltgesellschaft sind hochkomplexe Systeme und da wie dort gelten im Prinzip die gleichen Regeln. Unsere physikalischen Gesetze entsprechen den Ebenen der Politik. Sie sind vordergründig und liefern Erklärungen für all die Dinge, die wir sehen und erleben. Aber sie sind nicht essenziell. Ganz im Gegenteil. Sie sind Blendwerk! Sie gehorchen Gesetzen, die im Hintergrund agieren, eine oder mehrere Ebenen dahinter. So zerren an den Sternhaufen unsichtbare Kräfte, Energien von unvorstellbarem Ausmaß, die mit den uns bekannten Gesetzen der Physik nichts am Hut haben. Wir wären Narren, wenn wir glaubten, das, was sich ereignet, sei das wahre Geschehen. Ganz gleich, ob wir Galaxien, Sterne oder Akteure einer Weltgesellschaft betrachten. Was wir sehen, ist immer nur die Spitze des Eisbergs.
Die Selbstbeweihräucherungsfalle
Auch unser Ich – das Gehirn – macht sich gern etwas vor, wenn es darum geht, unseren Körper ein Leben lang auf Trab zu halten. Damit er reibungslos funktioniert, wird wie bei einem 4 Takt-Motor laufend Öl eingespritzt. Nur, dass anstelle des Öls körpereigene Drogen verwendet werden, die einen Prozess in Gang halten, den wir ehrlicherweise als Selbstbeweihräucherungsprozess bezeichnen müssten. Dieser Prozess läuft von frühester Kindheit an bis zum Tod ab, oder drastischer: Ohne eine ständige Selbstbeweihräucherung könnten wir gar nicht leben. Wir würden in Anbetracht der Außenwelt hochgradig depressiv werden und allesamt in der Klapsmühle landen. Doch eine globale Irrenanstalt wäre nicht im Sinne des Erfinders, weshalb er – beziehungsweise wer oder was immer es war – einen Mechanismus eingebaut hat, der uns gewissermaßen bei Laune hält. Sicher, Alkohol und Drogen sind nicht erstrebenswert – obwohl immer mehr Menschen den erhöhten Anforderungen des digitalen Zeitalters nur noch mit Doping gerecht werden, so, wie im Leistungssport auch –, ebenso wie Psychodrogen oder Psychopharmaka, Schmerz- oder Schlaftabletten. Doch spätestens seit den 1990er Jahren wissen wir, dass unser Körper von Haus aus der reinste Dopingarzt ist. So stellt das Gehirn selber schmerzstillende, morphinähnliche Stoffe her, sogenannte Endorphine, oder angstlösende, valiumähnliche Substanzen. Ebenso antriebssteigernde, beruhigende, psychedelische oder euphorisierende Drogen. Schon hier fängt also das Problem mit der Wahrheit an. Der Körper könnte gar nicht mit der Wahrheit leben, er bevorzugt eine Scheinwelt, die ihn am Leben hält. Genau genommen täuschen wir uns am laufenden Band selbst, ohne es zu merken. Ja, diese Verarschungstaktik ist im Grunde so normal wie der Umstand, dass die Schwerkraft alles, was fällt, nach unten zieht. Demzufolge ist es auch kein Wunder, dass wir uns so gerne und widerstandslos täuschen lassen. Offenbar findet unser System eine Entsprechung, eine Resonanz, in der Täuschung, die uns von außen ereilt. Das wiederum könnte der Grund dafür sein, dass wir Milliarden für die Werbung ausgeben und uns so gerne verblenden lassen. Doch das ist noch nicht alles. Es kommt noch etwas hinzu.
Die Gedächtnisfalle
Abgesehen davon, dass im Alter das Gedächtnis nachlässt und man sich an dies und jenes nicht mehr erinnern kann, gibt es noch eine andere Eigenschaft unseres Gedächtnisses, die eher angenehm ist. Es hat nämlich die Angewohnheit, alles zu beschönigen, uns Dinge aus der Vergangenheit unter dem Deckmantel schmackhaft zu machen, wie toll doch alles gewesen sei. Selbst die beschissensten Situationen werden im Nachhinein vom Gedächtnis uminterpretiert und der Anschein erweckt, so schlecht sei ja alles gar nicht gewesen. Oft werden extrem negative Situationen, wie zum Beispiel Kriegssituationen – oder wie in meinem Fall der Wehrdienst bei der Nationalen Volksarmee –, im Nachhinein hochstilisiert und ins Gegenteil verkehrt. Das Resultat dessen sind dann Kriegsberichte oder Geschichten von Alkoholexzessen, die von den Betroffenen mit leuchtenden Augen vorgetragen werden beziehungsweise wurden. Nicht anders ist es bei weniger schrecklichen Dingen, die uns widerfahren. Sie werden von unsichtbarer Hand aufgearbeitet und wie durch eine rosarote Brille betrachtet.
Aber genug der Vorrede. All diese Beispiele sollen lediglich zeigen, dass wir vom ersten Atemzug an in einer völlig illusionären Welt leben. Unser Körper, unser Gehirn und unser Ich betrügen uns – unser Selbst – von der ersten Sekunde an. Kein Wunder also, dass wir auch auf der Bühne des Lebens, die Dante als Göttliche Komödie bezeichnete, vom ersten Augenblick an betrogen werden.
Schon die alten Ägypter und ebenso die Griechen und Römer wussten es: Die Welt ist eine Bühne! Brot und Spiele hieß die Parole, wobei zunächst der Effekt gemeint war, das gemeine Volk durch Brot und Spiele vom eigentlichen Ernst des politischen Lebens abzulenken. Im Mittelalter war uneingeschränkte Prominenz nur den Oberhäuptern der Kirche vorbehalten, im Feudalismus bestenfalls Hochwohlgeborenen und deren Mätressen. Das änderte sich erst mit dem Aufstieg des Bürgertums. Nun war es möglich, allein durch eigene Leistung auf sich aufmerksam zu machen, sei es als Künstler, Wissenschaftler oder Erfinder. Bekannt wurde jeder, der sich durch etwas Besonderes hervorgetan hatte.
Ich, ich, ich
Heute ist das ganz anders. Heute kann jeder, der was auf sich hält – und das tut inzwischen jeder – von heut auf morgen zum Star werden. Einfach deshalb, weil es nichts mehr gibt, was nicht Einzug ins Fernsehen hält. Ganz gleich, ob Big Brother-Star, Castingshow-Teilnehmer oder Literat, alle werden nach den Gesetzen der Unterhaltungsbranche in Szene gesetzt. Dabei ist Vordrängeln oberstes Gebot und jeder, der nicht pausenlos Ich, ich, ich schreit, hat von vornherein schlechte Karten. Denn selbst wirklich bedeutende Persönlichkeiten müssen sich, wollen sie von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden, den Gesetzen der Mediengesellschaft unterwerfen.(1) Das hat zur Folge, dass der Andrang derer, die sich um die Gunst des Publikums bewerben, so groß geworden ist, wie noch nie. Niemand sieht mehr durch, wer oder was wirklich gut ist, was literarisch wertvoll ist oder künstlerisch anspruchsvoll. Niemand ist mehr in der Lage, die Spreu vom Weizen zu trennen. Nicht in einer Zeit, die vom Mainstream lebt, vom kurzlebigen Trend und dem gerade In-Sein. Selbst Jesus, so hieß es einmal treffend im Spiegel, käme heute nicht umhin, sich zu Beckmann oder Maybrit Illner zu setzen, um für seine Sache zu werben. Vorausgesetzt, er würde überhaupt eingeladen (wohl eher nicht, weil man die Allgemeingültigkeit und Tiefe seiner Ideen nicht begreifen könnte, und selbst wenn, dann würde er uns schwächlich erscheinen, als Spinner oder gar als Opfer.)
Die Promi-Falle
Viel eher sind Leute unser Vorbild, die uns zeigen, wie wir im alltäglichen Häuserkampf der Mediengesellschaft bestehen können. Dieter Bohlen zum Beispiel. Er macht es vor, wie ’s geht: laut, ordinär und beleidigend. Er darf die Sau rauslassen und bekommt dafür Beifall. Was wäre Deutschland sucht den Superstar ohne Dieter Bohlen? Es wäre nicht DSDS! Punkt. Außerdem kommen seine Botschaften Jeder ist sich selbst der Nächste und Rücksicht ist was für Weicheier richtig gut an. Sogar eine SPD-Politikerin war von ihm so begeistert, dass sie ihn fürs Bundesverdienstkreuz vorschlug. Er sei „ein Aushängeschild für Deutschland!“
Klar, Prominente sind Aushängeschilder. Offenbar will jeder gern mal so rumpöbeln wie Dieter – darf es aber nicht. Nur Promis dürfen das. Man muss sie sich in der Regel als verwöhnte Gören vorstellen – nur ohne den versöhnlichen Einfluss von Kindergarten, Schule und Pubertät. So darf ein Fußballstar wie Luis Suarez schon mal bissig werden – wie zur WM 2014, als er einen Italiener in die Schulter biss –, was aus Sicht der Uruguayer gar kein Problem darstellte, auch wenn das bereits seine dritte Beißattacke war. Er ist halt ein Star und darf das. Auch andere Prominente legen mitunter ein Sozialverhalten an den Tag, das in der Schule einen Schulverweis nach sich zöge. Aber egal, gerade deswegen werden sie ja geliebt. Vor allem von den Medien, denn dort werden sie als Köder benutzt, um das Publikum anzulocken. Dieses wiederum sorgt dann für die entsprechende Auflage oder Quote und damit für die Werbeeinnahmen in den Verlagen und Sendern. Im Grunde war das schon immer so, nur dass die Verbreitung der neuen Medien zu einer regelrechten Promi-Schwemme geführt hat. Kein Wunder, denn in einer Zeit, in der Geist eher als ungeil gilt, kann jeder von heut auf morgen prominent werden. Hauptsache, er macht eine gute Figur und ist einigermaßen cool. Zehntausende versuchen es mit Bewerbungen bei Castingshows im Fernsehen. Nicht ahnend, dass ihre Chancen schlecht stehen, weil die Teilnehmer lediglich als williges und billiges Sendematerial benutzt werden. Sendungen wie Big Brother, Germany's Next Topmodel oder Deutschland sucht den Superstar produzieren Eintagsfliegen, die krampfhaft versuchen, Stars zu werden. Denn über die Stars wird in den Medien laufend berichtet. Jeder noch so banale Satz, den sie sagen, findet Beachtung. Deshalb lieben die Medien Klatsch und Tratsch und belohnen diejenigen, die ihn liefern, mit noch mehr Aufmerksamkeit. Doch das Ganze ist ein Teufelskreis! Denn wir selber liefern den Grund dafür, dass unsere öffentlichen Debatten zusehends in schlüpfrigen Schlammschlachten (Promi-Dinner, Let's Dance, Dschungelcamp) ausarten, wir selber haben das zu verantworten. Der Fernsehzuschauer, Radiohörer, Zeitschriftenleser oder Internetnutzer zahlt den Preis – immer wieder bereitwillig. Täte er es nicht, würde ein riesiger Markt zusammenbrechen. Es gäbe keine Klatschblätter mehr und keine Boulevardsendungen. Das wäre die gleiche Misere, wie wenn es keine Krimis mehr im Fernsehen gäbe. Wie langweilig wäre dann unser gewöhnliches Leben – beim derzeitigen Stand unseres Bewusstseins, wohlgemerkt.
Dabei gäbe es durchaus Alternativen. Unser Leben steckt voll davon und es gibt eine Menge Leute, die beeindruckende Dinge tun. Menschen, die wirklich etwas zu sagen haben, die Aufregendes und Wichtiges getan haben, die aber noch keinem breiteren Publikum bekannt sind. Die Geschichten dieser Menschen und Institutionen zu erzählen, wäre eine lohnende Aufgabe. Und außerdem viel spannender, als ein Medienrummel um die ewig gleichen Bekannten. Medienleute würden jetzt argumentieren, das sei lediglich meine Sicht der Dinge, die Masse interessiere sich für so was nicht. Und das Dumme ist, sie hätten recht. Doch woher kommt dieses unbändige Interesse für Stars und Sternchen – für Klatsch und Tratsch?
Klatsch und Tratsch
Klatsch ist offenbar Ausdruck eines sozialen Drangs. Er ist, wie der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich erklärte, „ein Ventil, das die Menschen in den Fesseln ihrer Gesellschaft auf keinen Fall entbehren können.“ Und er hat etwas Verbindendes. Denn es gibt kaum etwas Schöneres, als sich das Maul über Bekannte, Nachbarn und Kollegen zu zerreißen. Außerdem kommt beim Tratsch über Promis noch etwas hinzu. Ganz gleich, ob man für sie schwärmt, sie hasst oder sich über sie lustig macht, man kann diese Gefühle ohne Konsequenzen ausleben. Zu einer realen Begegnung mit ihnen (Lady Gaga & Co.) wird es kaum kommen. Darum geht es auch gar nicht. Das Interesse der Fans gilt nur der Rolle, die ein Prominenter spielt. Er dient dabei als Projektionsfläche für Fantasien aller Art. Jeder weiß das eigentlich. Er weiß, dass PR-Leute die Facebook-Seite der Stars pflegen, dass sie für sie twittern und die Fan-Post erledigen.
Nach wie vor hoch in der Gunst des Publikums rangieren die Blaublüter. Das hat eine lange Tradition. So warteten am 29. April 2011 Millionen Menschen vor den Fernsehschirmen auf den ersten Kuss von Prinz William gegenüber seiner Angetrauten, der bürgerlichen Kate Middleton. ARD, ZDF, RTL und Sat.1 berichteten rund sechs Stunden über dieses Ereignis. Im Grunde ist der Blaublüter der Prototyp des Prominenten. Doch in Wahrheit ist er ein armer Tropf, denn er kann seine Rolle nicht ablegen und muss nach der Pfeife der Unterhaltungsindustrie tanzen.
Was bei Interviews mit Stars und Sternchen oft für Stuss rauskommt, bleibt fast immer ein Geheimnis. Da stecken Presse und Promis unter einer Decke. Schließlich profitieren beide von der Täuschung des Publikums. Im Grunde ist es wie in der Politik: Der Wähler will die Wahrheit gar nicht wissen, er will belogen werden. Dafür sorgt ein Heer aus Spin-Doktoren, PR-Agenten und Anwälten, alle darauf bedacht, das nichts an die Öffentlichkeit dringt, was ein schlechtes Licht auf den Promi werfen könnte.
Gelegenheiten, den Promidarstellern auf die Schliche zu kommen und ihre Art der Selbstinszenierung kritisch zu reflektieren, gäbe es genug. Doch dazu müssten die Medien ihre eigene Rolle hinterfragen, sie womöglich neu definieren. Dazu ist niemand bereit. Schon gar nicht, wenn dabei Marktanteile wie Kartenhäuser zusammenfallen. Manche Verlage stillen den Hunger auf Klatsch-Stories über Promis dadurch, dass sie Geschichten über sie frei erfinden. Das spart lästige Recherchen, also Zeit und Geld, und ist obendrein äußerst erfolgreich – solange die Fiction Stories im Sinne des Promis sind und er seine Medienanwälte nicht von der Leine lässt. Ganz gleich um welches Thema es geht, je höher der Promi-Faktor, umso besser. Das gilt nicht nur für Boulevardblätter, sondern ebenso fürs öffentlich-rechtliche Fernsehen.
Daher verwundert es nicht, dass eine unaufhörliche Promi-Schwemme, die tagtäglich über unsere Bildschirme flimmert, dazu führt, dass immer mehr Menschen den Drang verspüren, sich öffentlich zu inszenieren. Jeder Nachwuchspolitiker tut es, jeder Kreisligafußballer. Jeder, der heutzutage was auf sich hält, hat schon einen Medienberater, jede neu gegründete Firma engagiert als erstes eine PR-Agentur. Selbst Musiker erstellen, bevor sie anfangen, Musik zu machen, erst mal ein Profil, was überhaupt gefragt ist, was auf dem Markt bereits da ist und ob es Sinn macht, diese oder jene Stilrichtung zu verfolgen. Und selbstverständlich beschäftigen sich Millionen bei Facebook vor allem damit, sich bestmöglich zu verkaufen.
Mehr Schein als Sein
Dieser Trend ist bereits gängige Praxis und ganz gleich, ob wir das nun gut finden oder nicht, er lässt sich nicht aufhalten. In Anbetracht überfüllter Märkte und einer Weltbevölkerung, die bald die 8 Milliarden-Grenze überschreitet, schon gar nicht. Unter diesen Umständen breiten sich narzisstische Persönlichkeitsstörungen aus wie zu anderen Zeiten Epidemien. Auch in der “normalen“ Arbeitswelt sind mehr und mehr Selbstdarsteller gefragt. Leistung allein reicht nicht mehr, es geht vor allem um die Darstellung von Leistung. Jeder, der nach der Devise Mehr Schein als Sein lebt, hat gute Chancen, beachtet zu werden. Wer jedoch andersherum gepolt ist, wird es schwer haben. Im Grunde ist das in allen Lebensbereichen schon so, ob Wissenschaft, Sport, Politik oder Ökonomie, überall regieren die Gesetzmäßigkeiten des Showbusiness. Performance ist alles und alles ist Performance!
