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Eine luxuriöse Ranch in Argentinien, eine verlorene Familie und eine Liebe, die dem Schicksal trotzt Der Familiengeheimnis-Roman »Die verlassene Tochter« ist der 6. Band derSPIEGEL-Bestseller-Sagavon Soraya Lane: romantisch, herzzerreißend und zum Träumen schön! Nach dem Tod ihrer Mutter glaubt Rose, sie sei nun ganz allein auf der Welt. Umso größer ist ihre Hoffnung, als sie ein geheimnisvolles Erbstück aus einem Londoner Frauenhaus erhält: Können die Pferdefigur und das Stück glitzernde Seide in der kleinen hölzernen Schachtel sie zu ihrer verlorenen Familie führen? Ihre Recherchen weisen Rose den Weg nach Argentinien, auf eine weitläufige und luxuriöse Ranch, wo einst die besten Polopferde der Welt gezüchtet wurden. Dort lernt sie den charmanten Benjamin kennen, der sie ermutigt, weiter nach ihren Wurzeln zu suchen. Doch dann stößt Rose auf die herzzerreißende Geschichte einer verbotenen Liebe, die das Schicksal von Benjamins und ihrer Familie auf ungeahnte Weise verwebt. Wird Rose den Mut finden, auf ihr Herz zu hören? Oder wird sie die Liebe ihres Lebens aufgeben müssen, um familiäre Bande zu heilen? Zwei dramatische Liebesgeschichten auf zwei Zeitebenen im wild-romantischen Argentinien Auch im 6. romantischen Familiengeheimnis-Roman ihrer Bestseller-Saga entführt uns Soraya Lane an einen echten Sehnsuchtsort. Jeder Band der Familiensaga »Die verlorenen Töchter« ist unabhängig lesbar. Entdecke noch mehr tragische Familiengeheimnisse und schicksalhafte Liebe an den schönsten Orten der Welt: - Die verlorene Tochter (Italien) - Die vermisste Tochter (Kuba) - Die verheimlichte Tochter (Griechenland) - Die verborgene Tochter (Genfersee) - Die verschwundene Tochter (Paris) - Die verlassene Tochter (Argentinien)
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Seitenzahl: 383
Veröffentlichungsjahr: 2025
Soraya Lane
Roman
Übersetzt von Sigrun Zühlke
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Nach dem Tod ihrer Mutter glaubt Rose, sie sei nun ganz allein auf der Welt. Umso größer ist ihre Hoffnung, als sie ein geheimnisvolles Erbstück aus einem Londoner Frauenhaus erhält: Können die Pferdefigur und das Stück glitzernde Seide in der kleinen hölzernen Schachtel sie zu ihrer verlorenen Familie führen? Auf einer weitläufigen und luxuriösen Ranch in Argentinien lernt Rose den charmanten Benjamin kennen, der sie ermutigt, weiter nach ihren Wurzeln zu suchen. Doch dann stößt Rose auf die herzzerreißende Geschichte einer verbotenen Liebe, die das Schicksal von Benjamins und ihrer Familie auf ungeahnte Weise verwebt. Wird Rose den Mut finden, auf ihr Herz zu hören? Oder wird sie die Liebe ihres Lebens aufgeben müssen, um familiäre Bande zu heilen?
Weitere Informationen finden Sie unter: www.droemer-knaur.de
Prolog
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
Epilog
Ein Brief von Soraya
Danksagung
Valentina lag unter der Ceiba in der entferntesten Ecke der ausgedehnten Estancia, sah in die grünen Blätter hinauf und schmiegte sich enger an Felipe. Durch die dichte Baumkrone über ihnen drang kaum Licht. Die Pferde waren neben dem Baum angebunden und dösten zufrieden in der Morgensonne, während ihre jungen Reiter entspannt im Gras lagen.
»Ich wünschte, ich müsste nie wieder von hier fort«, seufzte Valentina, drehte sich auf die Seite und sah Felipe an. Sie stützte sich auf den Ellbogen, und das lange Haar glitt von ihrer Schulter und streifte dabei sein Gesicht. »Könnten wir doch nur den ganzen Tag hierbleiben.«
Er hob die Hand und fuhr mit den Fingern über die nackte Haut ihres Armes, von der Schulter bis hinunter zum Handgelenk. Ohne etwas zu sagen, beugte er sich zu ihr, fand mit seinen Lippen ihren Mund und küsste sie so sanft, dass sie das Gefühl hatte, in seiner Umarmung zu schmelzen.
»Wenn dein Vater uns erwischt …«, murmelte er.
Valentina strich ihm das Haar aus den kakaobraunen Augen. »Warum sagen wir es ihm nicht einfach? Wäre es nicht besser, wenn er es wüsste?«
»Es ihm sagen?«, fragte Felipe mit großen Augen.
Sie raubte ihm noch einen Kuss, dann wieherte eines der Pferde unruhig. Sie waren schon länger weg, als sie sollten, und mussten jetzt wohl im Galopp nach Hause reiten, um keinen Ärger zu bekommen. Manchmal träumte Valentina davon, sie könnte die ganze Heimlichkeit sein lassen und ihrer Familie von ihrer Liebe zu Felipe erzählen. Nach so vielen Jahren, die sie ihn schon liebte, war es höchste Zeit dafür.
»Ja, ich finde, wir sollten es ihm sagen. Ich finde, du solltest um meine Hand anhalten«, flüsterte sie an seiner Wange.
»Und wenn er Nein sagt?«, fragte Felipe.
»Ich bin mir sicher, das wird er nicht tun. Er will doch nur, dass ich glücklich bin.«
Solange Felipe nur nicht bei ihrer Mutter um sie anhielt, die würde Valentina nämlich eher für den Rest ihres Lebens in ihrem Zimmer einschließen, als zu akzeptieren, dass sie sich in einen Jungen wie Felipe verliebt hatte. Ihre Mutter hatte viel größere Pläne für ihre einzige Tochter, sprach immer über die Partien, die sie für sie arrangieren wollte, und ließ sich nur durch ihren Mann zügeln, der darauf bestand, zu warten, bis Valentina älter war, und dass sie mitbestimmen sollte, wen sie heiratete. Doch insgeheim vermutete Valentina, dass ihr Vater sie einfach nur so lange wie möglich zu Hause behalten wollte, und diesen Gefallen tat sie ihm nur allzu gern.
»Wir sollten zurückreiten«, drängte Felipe. »Basilio wird es mir nicht verzeihen, wenn er wegen uns einen Suchtrupp losschicken muss. Dann wäre es aus mit uns, noch bevor ich auch nur den Mut gefunden habe, es ihm zu gestehen.«
Valentina seufzte, streckte die Arme aus und ließ sich von Felipe an den Händen hochziehen, wobei sie sich wünschte, den gemeinsamen Morgen gleich noch einmal zu erleben. Sie strich gerade die Falten ihrer Bluse mit den Händen glatt, damit niemand erriet, dass sie sich im Gras gewälzt hatte, als sie galoppierende Hufe hörte und ihr Herz zu rasen anfing. In der Ferne erblickte sie einen einzelnen Reiter.
Nur Felipe und sie galoppierten so wild auf der Estancia herum, was hieß, dass etwas passiert sein musste. Etwas ganz Schreckliches.
»Señorita Valentina«, rief der atemlose Reiter schon von Weitem. »Kommen Sie schnell!«
Valentina sah Felipe hilflos an, der die Pferde losband.
Bitte nicht Papa. Jemand anderes, aber nicht mein geliebter Papa.
Rose trat durch die Glastür aus der Anwaltskanzlei auf den Gehsteig und fragte sich, ob sie träumte. Nichts von dem, was sie gerade gehört hatte, erschien ihr real, und sie konnte sich nur vorstellen, wie verwirrt sie eben ausgesehen haben musste. Sie steckte die Hand in die Tasche und tastete nach dem Kästchen, das man ihr übergeben hatte, ihre Finger glitten auf dem glatten Holz hin und her.
Kann es wirklich wahr sein?
Sie blieb stehen und sah sich um, drehte das Gesicht in die Sonne, um die Wärme auf ihrer Haut zu spüren – etwas, das sie seit Tagen oder vielleicht seit Wochen nicht mehr getan hatte. Die letzten Monate verschwammen in der Erinnerung, und Rose wusste kaum noch, welcher Wochentag war oder wann sie zum letzten Mal einen Augenblick lang frische Luft geatmet hatte. Sie wurde abrupt in die Gegenwart gerissen, als jemand sie anrempelte und ins Stolpern brachte, beinahe geblendet vom Sonnenlicht. Die Straße wuselte von geschäftigen Menschen, und sie stand im Weg.
Das Handy piepte in ihrer Handtasche, und sie griff so eilig danach, dass sie es fast hätte fallen lassen. Es war eine Nachricht von der Pflegerin ihrer Mutter.
Alles in Ordnung. Ihre Mutter schläft. Sie können sich Zeit lassen.
Sie war versucht, direkt nach Hause zu eilen, beschloss aber dann doch, erst noch einen Spaziergang zu machen und vielleicht einen Kaffee trinken zu gehen. In letzter Zeit war sie kaum aus dem Haus gekommen, und die Pflegerin würde noch zwei Stunden bleiben. Kurz darauf trat sie in ein gemütliches Café und lächelte sofort wegen des einladenden Kaffeeduftes, der sie empfing. Sie war froh, von der überlaufenen Straße weg zu sein. Es war himmlisch.
»Du siehst aus, als bräuchtest du dringend einen guten Kaffee.«
Rose blickte auf und sah, dass der Barista sie beobachtete, während er nach einer großen Tasse griff und sie unter die Maschine hielt.
»Ist das so offensichtlich?«, fragte sie.
»Nur zu offensichtlich.«
Rose lachte. Nicht nur war es schon lange her, dass sie sich einen echten Kaffee gegönnt hatte, es war auch schon lange her, dass sie gelacht hatte, und es fühlte sich gut an.
»Sagen wir einfach, ich habe die letzten Wochen von Instantkaffee gelebt«, erklärte sie.
»Lass mich raten«, sagte er und zog ein Gesicht, als würde er sich stark auf etwas konzentrieren, bevor er anfing zu grinsen. »Ein Flat White, fettarme Milch?«
Nicht sicher, ob sie beeindruckt oder verärgert sein sollte, dass er sie so leicht durchschaut hatte, entschloss sie sich für Ersteres. »Ertappt.«
Rose bezahlte und bestellte gleich noch eine Portion Eggs Benedict, um ihren knurrenden Magen zu beruhigen. Und wenn sie nicht so neugierig darauf gewesen wäre, was sich in dem kleinen Kästchen in ihrer Handtasche befand, wäre sie auch noch länger an der Theke stehen geblieben und hätte mit dem hübschen Barista geflirtet. Als sie noch gearbeitet hatte, hatte sie jeden Morgen auf dem Weg ins Büro bei dem Café in der Nachbarschaft haltgemacht, sich über den morgendlichen Plausch gefreut und war immer mit einem Lächeln auf dem Gesicht und einem Kaffee in der Hand bei der Arbeit erschienen. Die Kontakte mit anderen Menschen vermisste sie mehr als alle anderen Routinen ihres alten Lebens.
Sie suchte sich einen kleinen Tisch in der Ecke, nahm Platz und holte das Kästchen aus der Tasche, das man ihr in der Anwaltskanzlei ausgehändigt hatte. Es fühlte sich glatt unter ihren Fingern an. Sie drehte es hin und her und betrachtete das handgeschriebene Namensschild, das daran befestigt war. Das Kästchen war mit einer alten Schnur zusammengebunden, aus der sich bei ihrem Versuch, den Knoten mit den Fingernägeln zu öffnen, kleine Fasern lösten, die in der Luft schwebten. Schließlich schaffte sie es, die Schnur aufzuziehen, legte sie auf den Tisch und hob langsam den Deckel der winzigen Schachtel ab. Eine Welle der Trauer überrollte sie. Ich wünsche mir so, dass du hier wärst und es mit mir aufmachen könntest, Grandma.
Das Kästchen war so klein, und sie hatte keine Ahnung, was sie erwartete, doch was sie fand, als es schließlich offen vor ihr lag, überraschte sie. Es handelte sich um ein Stück himmelblauer Seide, das aussah, als wäre es von einem größeren Stück abgeschnitten oder vielleicht vorsichtig abgerissen worden. Sie hob es hoch, da sah sie auf dem Boden des Kästchens die zierliche Figur eines Pferdes liegen. Sie legte die Seide weg, nahm das Pferdchen vorsichtig heraus und betastete bewundernd die feine Schnitzerei. Es war so klein und so kunstvoll geschnitzt, dass es Stunden um Stunden gedauert haben musste, es von Hand zu fertigen.
»Flat White?«
Rose nickte der Kellnerin zu, die an ihren Tisch gekommen war, und sah nicht einmal auf, als sie ihr Dankeschön murmelte, unfähig, den Blick von der Figur abzuwenden. Sie versuchte zu verstehen, was sie vor sich hatte, überlegte, wer das Pferdchen wohl geschnitzt hatte und wie es dazu gekommen sein könnte, dass es ihrer Großmutter hinterlassen worden war. Die Frau bei dem Termin, Mia, hatte behauptet, das Kästchen sei für ihre Großmutter in einem Geburtshaus für ledige Mütter hinterlassen worden, bevor ihre Grandma als Baby zur Adoption freigegeben worden sei. Rose konnte kaum fassen, dass es jahrzehntelang geheim geblieben war und darauf gewartet hatte, entdeckt zu werden.
Schließlich legte sie das Pferdchen weg, schaute noch einmal in die Schachtel und drehte sie um, weil sie sich sicher war, dass ihr etwas entgangen war. Es musste doch einen Brief geben oder eine Notiz, in der erklärt wurde, was ihr Fund zu bedeuten hatte. Aber da war nichts. Nur zwei kleine Gegenstände, die ein Rätsel über die Vergangenheit ihrer Familie aufgaben.
Rose vergaß ihren Kaffee und nahm das Stück Seide in eine Hand und das Pferdchen in die andere, blickte zwischen den beiden hin und her und schloss die Finger darum, als könnte sie allein durch Spüren eine Antwort bekommen.
Doch in Wirklichkeit war sie noch nie im Leben so verwirrt gewesen. Sie konnte nicht anders, als sich zu fragen, was das ausgerechnet jetzt zu bedeuten hatte, da sie kurz davor war, ihre letzte Angehörige zu verlieren. Sie fröstelte. Diese Verbindung zur Vergangenheit weckte bittersüße Gefühle. Rose war als Einzelkind im Haus ihrer Großmutter aufgewachsen, nachdem ihr Vater zum Arbeiten ins Ausland gegangen war, behütet in einem Mehrgenerationenhaushalt, gewissermaßen mit zwei Müttern, die sie anbeteten, statt nur einer. Dann war ihre Grandma gestorben, und sechs Monate später hatte ihre Mum die Diagnose bekommen.
Rose blinzelte schnell die Tränen weg, wollte sich nicht im Café von Gefühlen überwältigen lassen, und dennoch überkam sie eine nahezu erdrückende Einsamkeit. Sie hätte alles dafür gegeben, ihre Großmutter jetzt neben sich sitzen zu haben, ihre weiche, welke Hand in ihrer zu spüren und in ihre leuchtenden Augen zu blicken. Oder den warmen Blick ihrer Mum zu spüren, die sie liebevoll anschaute, während sie sich zusammen von der Entdeckung überraschen ließen. Es war kaum zu glauben, dass sie beide innerhalb nur eines Jahres verlieren würde. Und wollte sie ohne die beiden die Vergangenheit überhaupt ausgraben? Sie seufzte. Manche Dinge sollte man vielleicht besser unentdeckt lassen.
Dieser Gedanke zauberte ein Lächeln auf ihre Lippen, da er sie an einen Lieblingsspruch ihrer Großmutter erinnerte, der gerade so passend erschien: »Schlafende Hunde soll man nicht wecken, Liebes. Es kommt nie etwas Gutes dabei heraus, wenn man seine Nase irgendwo hineinsteckt, wo sie nicht hingehört.«
Aber würde ich das tun, wenn jemand dies extra für dich hinterlassen hat, Grandma? Bin ich es dir nicht schuldig, deine Vergangenheit aufzudecken?
Rose wischte sich eine weitere Träne von der Wange, legte die Hinweise zurück in das Kästchen und begann zu essen. Sie war neugierig, natürlich war sie das, aber bei allem, was gerade geschah, hätte der Zeitpunkt nicht ungünstiger sein können.
Rose saß inmitten der Habseligkeiten ihrer Mutter, ein Glas Prosecco in der Hand, und beobachtete ihre beste Freundin, die sich so energisch bewegte, dass Rose schon vom Zusehen müde wurde. Wäre sie allein gewesen, hätte sie anstatt des Glases ein Taschentuch in der Hand gehalten, aber Jessica war wie ein Wirbelsturm in Roses Elternhaus geweht, hatte sie in die Arme geschlossen und nicht zugelassen, dass sie in Trauer versank. Eine Stunde lang hatten sie zusammen geweint, dann hatte Jessica das Kommando übernommen, als Erstes Lebensmittel bestellt und dann angefangen aufzuräumen, als wäre sie von Beruf Haushälterin und keine Diplomatin, die gerade aus New York gekommen war. Sie waren seit dem ersten Tag auf der Oberschule beste Freundinnen, und als sie die Nachricht bekam, hatte Jessica alles stehen und liegen gelassen und den Nachtflug genommen.
Jetzt saßen sie im Zimmer ihrer Mutter, und Jessica war noch immer nicht zu bremsen. »Möchtest du meine Meinung hören?«, fragte sie.
Rose sah zu, wie ihre Freundin schwungvoll ihre langen Haare zusammendrehte und sie auf dem Kopf hochsteckte. »Wann hast du mir deine Meinung jemals nicht mitgeteilt?«
Jessica sah sie liebevoll an und schenkte ihr ein warmes Lächeln. »Du hast gerade deine Mum verloren, Rose. Ich werde nichts tun, ohne dich erst zu fragen.«
Rose nippte an ihrem Prosecco. Zuerst war es ihr fast geschmacklos erschienen, achtundvierzig Stunden, nachdem ihre Mutter gestorben war, ein so festliches Getränk zu sich zu nehmen, aber Jessica hatte sie an all die Male erinnert, an denen sie mit ihrer Mutter eine Flasche Wein getrunken hatten, wenn sie aus New York zu Besuch kam. Es war beinahe schon Tradition.
»Ich finde, du solltest es nicht so eilig haben, dich um ihre Sachen zu kümmern«, sagte Jessica. »Ich kann keinen Grund erkennen, warum du dich mit diesem Teil des Trauerprozesses so beeilen solltest.«
Rose nickte und blinzelte Tränen weg, während sie sich im Zimmer umschaute. Jessica hatte recht. Sie tat dies alles hier nur, weil sie glaubte, es würde von ihr erwartet.
»Ich schätze, in ein paar Monaten, wenn es alles nicht mehr so frisch ist, wird es dir leichter fallen, herzukommen und ihre Sachen durchzugehen.« Jessica hielt inne. »Wenn du dazu bereit bist.«
»Und was machen wir dann jetzt?«, fragte Rose. »Ich hasse es, nichts zu tun zu haben.«
»Wir kochen!«, verkündete Jessica, als wäre dies die naheliegendste Entscheidung der Welt.
Rose lachte trotz allem, wusste, was sie für ein Glück hatte, eine Freundin wie Jessica zu haben, und folgte ihr in die Küche, wo sie die Lebensmittel auspackte, die Jessica bestellt hatte, ihnen noch ein Glas eingoss, zusah, wie sie kochte, und ihr zuhörte, was sie von ihren vierjährigen Zwillingstöchtern zu erzählen hatte, deren Patentante Rose war.
»Sieht aus, als hättest du da einen Haufen ungeöffneter Post liegen«, sagte Jessica und zeigte auf den großen Stapel am anderen Ende des Küchentresens. »Soll ich sie morgen früh durchsehen, damit du es nicht machen musst? Ich bin hier, um dir alles abzunehmen, wofür du mich brauchst.«
Rose seufzte und stand auf, um die Post zu holen. »Nein, ich erledige das jetzt. In letzter Zeit ist mir alles zu viel geworden, aber ich kann es nicht ewig ignorieren.«
»Ich weiß, es ist ein heikles Thema«, sagte Jessica, während Rose begann, die Umschläge durchzusehen, »aber hast du mal was von Luke gehört?«
Rose sah kurz auf. »Ich glaube, ich habe ihm ziemlich deutlich klargemacht, dass ich nie mehr was von ihm hören will, also sollte es mich nicht überraschen, aber nein. Seit ich ausgezogen bin, hat er mir nicht mal eine SMS geschickt.« Nicht einmal, um zu erfahren, ob ich meine Mutter schon verloren habe.
Jessica verzog das Gesicht. »Anfangs schien er so nett zu sein«, sagte sie. »Offensichtlich ist meine Menschenkenntnis schrecklich schlecht, denn am Ende hat er sich ja als völliges Arschloch entpuppt.«
»Es wäre gelogen zu sagen, ich hätte ihn nicht für den Richtigen gehalten, also haben wir wohl beide eine schrecklich schlechte Menschenkenntnis.« Luke war theoretisch perfekt gewesen, tatsächlich war er generell ziemlich perfekt gewesen, bis er angefangen hatte, sie dafür zu kritisieren, dass sie sich eine Auszeit von ihrem Job nahm, und dann Druck machte, damit sie bald wieder zu ihm zurückkäme, obwohl sie zu ihrer Mutter gezogen war, um sie bis zu ihrem Tod zu pflegen. Da war ihr mit einem Schlag klar geworden, wie sehr es ihm an Mitgefühl fehlte. Sie hätte die letzten paar Monate mit ihrer Mum für nichts eingetauscht – und ganz sicher nicht für ihn.
»Und was ist mit deinem Job?«, fragte Jessica. »Wann musst du entscheiden, ob du zurückgehst oder nicht?«
Während sie sich unterhielten, ordnete Rose die Briefe in verschiedene Stapel. »Ich habe noch zwei Wochen Zeit, um Bescheid zu geben«, antwortete sie. »Sie sind sehr verständnisvoll gewesen, aber länger kann ich mich nicht beurlauben lassen.«
»Und du klingst so zögerlich, weil …«
»Weil ich nicht weiß, ob ich überhaupt noch als Anwältin arbeiten möchte«, sagte sie, überrascht davon, wie leicht ihr das über die Lippen kam. »Ich stelle mir ständig vor, wie es wäre, wieder zu praktizieren, ein Teil dieser Welt zu sein, und der Gedanke löst keinen Funken Freude in mir aus. Ich weiß einfach nicht, ob es noch das Richtige für mich ist.«
»Du hast gerade deine Mum verloren, da ist es vermutlich völlig normal, sich so zu fühlen. Andererseits lässt dich alles, was du durchgemacht hast, vielleicht auch manches klarer sehen. Wenn du nicht magst, was du tust …«
»Ich habe das Gefühl, ich wäre nicht mehr mit dem Herzen dabei. Vielleicht brauche ich mal einen Tapetenwechsel oder auch nur eine Atempause, nach allem, was geschehen ist.« Rose hatte wieder und wieder darüber nachgedacht, ob sie in ihren alten Job zurückkehren sollte oder nicht, ob sie den Mut fand, ihrem Beruf den Rücken zu kehren, für den sie so lang studiert und sich so angestrengt hatte.
»Könnte ich dich dann vielleicht dazu verleiten, nach New York zu kommen? Die Kinder und ich würden uns über deine Gesellschaft freuen, und vielleicht wäre das genau die Veränderung, die du brauchst.«
»Und ich würde sie gern häufiger sehen, aber …«, murmelte Rose, hob den letzten Umschlag des Stapels auf und starrte verblüfft auf den Absender, der besagte, dass der Brief aus Argentinien kam. »Was ist das denn?«
Rose öffnete den Brief, überrascht von seinem Gewicht, seiner Dicke und dem cremefarbenen Papier darin. Sie verwaltete nun schon seit einiger Zeit die Angelegenheiten ihrer Mutter, aber bisher hatte sie noch nie etwas so Ungewöhnliches erhalten. Normalerweise kam Korrespondenz zu Bankgeschäften oder von Versicherungen, aber dies hier … Rose faltete das Papier auseinander und überflog die Zeilen, schlug eine Hand vor den Mund und schnappte nach Luft. Sie konnte nicht glauben, was dort geschrieben stand.
»Was ist denn?«, fragte Jessica und trat neben sie. »Du weißt, dass sich mein Mann für dich mit der Versicherung anlegt, wenn sie sich weigern …«
»Darum geht es nicht«, murmelte Rose und las die Worte noch einmal, bevor sie Jessica den Brief hinhielt. »Er ist von einer Anwaltskanzlei in Buenos Aires. Und an meine Mutter adressiert.«
»Buenos Aires? Bist du sicher?«
Rose nickte und griff nach ihrem Glas, nahm einen großen Schluck und dann noch einen und versuchte dabei, das Zittern ihrer Hand zu beruhigen.
»Was hatte deine Mutter denn mit Argentinien zu tun?«, fragte Jessica und nahm ihr den Brief ab. »Warum sollte ihr eine Anwaltskanzlei aus dem Ausland schreiben?«
Rose antwortete nicht, sie saß nur da, versuchte zu verdauen, was sie gerade gelesen hatte, und wartete, dass ihre Freundin sie einholte. Jessica verstummte und las.
»Rose, hier steht, dass deine Mutter Alleinerbin eines großen Landsitzes in Argentinien ist«, sagte sie und blickte sie aus weit aufgerissenen Augen an. »Da steht, dass das weibliche Oberhaupt der Familie gestorben ist und dass …«
»… meine Mutter als Erbin der Estancia der Familie Santiago ein weitläufiges Anwesen, einen Haufen Polopferde und ein Vermögen geerbt hat«, beendete Rose den Satz für sie. »Dass es eigentlich von ihrer leiblichen Mutter an meine Großmutter hätte vererbt werden sollen und es, da Grandma nicht mehr am Leben ist, nun an Mum geht.«
Jessica und Rose sahen sich an. »Was bedeutet, dass jetzt, wo deine Mutter nicht mehr da ist …«
Rose blinzelte und konnte kaum begreifen, worüber sie gerade sprachen.
»Rose, das bedeutet, dass du das jetzt alles erbst. Du bist Alleinerbin deiner Mutter, richtig?«
Rose nickte. »Ja«, sagte sie, und ihre Stimme war so heiser, dass sie zu einem Flüstern wurde. »Das bin ich.«
»Und du wusstest überhaupt nichts von alledem?«, fragte Jessica mit vor Überraschung hochgezogenen Augenbrauen. »Von dieser Verwandtschaft? Es klingt nämlich nicht nach einer alten Dame, die dir ein paar Pfund hinterlässt, es hört sich viel, viel substanzieller an. Es klingt nach …« Sie schüttelte den Kopf. »Rose, es klingt nach etwas, was das Leben eines Menschen komplett verändern könnte. Hast du überhaupt schon mal was von der Familie Santiago gehört? Warst du schon mal in Buenos Aires?«
»Ich wusste nichts davon, und ich würde wetten, dass meine Mutter auch keine Ahnung hatte. So etwas hätte sie doch nicht für sich behalten, besonders in der langen Zeit, die wir jetzt vor ihrem Tod zusammen verbracht haben. In diesen letzten Monaten haben wir einander alles erzählt.« Rose schloss die Augen und erinnerte sich plötzlich an die kleine Schachtel mit der Figur darin; wie verwirrt sie gewesen war, als sie sie gefunden hatte. Seitdem war so viel geschehen, dass sie gar nicht mehr dazu gekommen war, darüber nachzudenken. »Also …« Rose sprang auf und lief ins Schlafzimmer, suchte in ihrer Nachttischschublade, bis sie die Holzschachtel fand. Als sie wiederkam, war Jessica gerade dabei, mit einem Messer Pilze für ihre berühmte Carbonara zu würfeln.
»Es könnte sein, dass es was hiermit zu tun hat«, sagte Rose atemlos vor Aufregung. »Es muss damit zusammenhängen, der Zufall wäre sonst einfach zu groß.«
Jessica nahm ihr das Kästchen ab und öffnete es, holte die Holzfigur heraus und das Stück Seide, hob den Blick und sah sie verdutzt an. »Was ist denn das?«, fragte sie. »Rose, wo hast du das her, und was hat es damit auf sich?«
»Ich glaube«, sagte Rose langsam, »dass diese Gegenstände mit Grandma und ihrer Erbschaft in Argentinien zusammenhängen. Vor ein paar Monaten habe ich erfahren, dass sie in einer Einrichtung namens Hope’s House zur Welt gekommen ist, hier in London, und bis jetzt hatte ich keine Ahnung, was diese beiden Sachen bedeuten.« Sie hielt inne. »Aber dieser Brief? Der könnte alles erklären.«
Ich kann gar nicht fassen, dass du mir nichts davon erzählt hast! Aber du hast ja auch an so vieles denken müssen«, sagte Jessica.
Rose sah die Pferdefigur an. »An dem Tag, an dem ich das bekommen hatte, kamen auch Mums endgültige Untersuchungsergebnisse«, erklärte sie. »Ich kam ganz aufgeregt nach Hause und wollte ihr alles über den Kanzleitermin erzählen, aber dann ist unser Leben zerbrochen. Ich habe das Kästchen in die Schublade gelegt und ehrlich gesagt gar nicht mehr daran gedacht. Ich musste mich einfach um zu vieles kümmern.«
Jessica legte ihr im Vorbeigehen die Hand auf die Schulter und machte sich wieder an die Arbeit. »Fang noch mal ganz von vorn an. Ich möchte alles wissen.«
Rose lehnte sich zurück und erzählte Jessica alles – von dem Brief, den sie bekommen hatte, dem Termin in der Anwaltskanzlei, den anderen Frauen, die zur selben Zeit dorthin bestellt worden waren –, und als sie fertig war, füllte Jessica bereits ihr Huhn in Rahmsoße und die Pilzcarbonara in zwei Schüsseln.
»Also, nur zur Klarstellung: Wir nehmen an, dass deine Großmutter in diesem Hope’s House für ledige Mütter geboren wurde, aber möglicherweise gar nicht wusste, dass sie adoptiert war?«, fragte Jessica nach. »Und dann nehmen wir weiter an, dass deine Mum von der Adoption, der kleinen Schachtel und Argentinien keine Ahnung hatte? Dass das alles ein einziges großes Geheimnis war?«
»Ich kann mir nicht vorstellen, dass Mum oder Grandma mir so etwas verschwiegen hätten. Ich meine, du weißt doch, wie wir waren, wir hatten nichts zu verbergen. Wir waren drei Frauen in einem Haushalt, die über alles miteinander geredet haben.«
»Hat deine Großmutter dir von ihrer Kindheit erzählt, als du klein warst? Hat sie jemals irgendeine Bemerkung fallen lassen, woraus du schließen könntest, dass sie adoptiert war?«
»Sie hat immer gesagt, ihre Eltern seien sehr streng gewesen und hätten viel von ihrer einzigen Tochter erwartet, was mir typisch für diese Generation zu sein schien, aber das ist auch schon alles. Ich weiß nicht einmal, ob man damals überhaupt über Adoptionen gesprochen hat. Hätten ihre Eltern, wenn man die Zeiten bedenkt, vielleicht einfach so getan, als wäre Grandma ihr leibliches Kind?« Allerdings, wenn sie jetzt so darüber nachdachte, hatte es damals nicht viele Familien mit nur einem Kind gegeben. Vielleicht konnte man es daraus schließen?
Sie aßen schweigend. Was für einen Unterschied doch eine richtig gute Mahlzeit machte! Eine Schüssel mit hausgemachtem, sahnigem, italienischem Essen fühlte sich an wie eine liebevolle Umarmung. Genau das, was sie brauchte.
»Mir kommt es vor, als hättest du dich noch nicht entschieden, ob du in deinen alten Job zurückgehst, weil du auf ein Zeichen gewartet hast«, sagte Jessica.
Rose seufzte. »Meinst du, das ist mein Zeichen vom Universum?«
»Könnte doch sein«, antwortete Jessica. »Ich meine, wenn du nach einer Ausrede suchst, um nicht in dein altes Leben zurückzukehren, dann hast du sie hier. Wir sind beide intelligente, gebildete Frauen, und wir sollten vernünftig und logisch denken, aber manchmal muss man einfach glauben, dass es noch etwas anderes gibt, dass das Universum tatsächlich versucht, uns etwas zu sagen. Du hast die Wahl, Rose, und du brauchst nichts zu tun, was du nicht willst.«
Rose drehte die Fettuccine auf die Gabel, bevor sie aufsah. »Du meinst, ich sollte nach Argentinien fliegen, oder?«
Jessica sah sie aus leuchtenden Augen an. »Ich meine, wir sollten Nachforschungen anstellen, aber wenn alles passt, dann ja, dann solltest du nach Argentinien fliegen, finde ich. Es wäre verrückt, es nicht zu tun, wenn man bedenkt, was auf dem Spiel steht.«
Rose nickte und wandte sich wieder dem Essen zu, obwohl ihr der Appetit beinah komplett vergangen war. Plötzlich konnte sie nur an ihre Mutter denken und daran, wie sehr sie sich wünschte, jetzt mit ihr in der Küche zu sitzen und mit großen Augen das Geheimnis zu besprechen, das sie entdeckt hatten. Es hätte ihr so gefallen. Wenn Rose die Augen schloss, konnte sie das leise Lachen ihrer Mutter hören, konnte sich vorstellen, wie sie den Kopf zurückwarf, wenn Jessica sie mit einer lustigen Geschichte unterhielt, und konnte sehen, wie sich ihre Augen weiteten, während sie Argentinien googelten. Sie hatten immer so viel Spaß zusammen gehabt.
Als Jessica ihre Hand drückte, öffnete Rose die Augen und kam zurück in die Gegenwart.
»Du schaffst das«, flüsterte Jessica verständnisvoll, ungeweinte Tränen in den Augen. »Jeden Tag wird es ein wenig leichter, und irgendwann merkst du, wie stark du bist.«
»Ich weiß. Nur …« Rose räusperte sich und wischte mit den Fingerspitzen die Tränen von den Wangen. Sie war das ständige Weinen leid. »Ich wünschte mir nur so sehr, dass sie hier wäre und es mit uns erleben würde. Dass wir mehr Zeit zusammen gehabt hätten.«
»Was meinst du, jetzt essen wir auf, kuscheln uns zusammen aufs Sofa und stellen Nachforschungen an oder schauen einen Film?«, fragte Jessica. »Und vielleicht Schokolade oder Eis …«
Rose lächelte unter Tränen. »Ich finde, das hört sich perfekt an. Aber wenn du länger als drei Tage bleibst, werde ich nicht mehr in meine Jeans passen.«
Eine halbe Stunde später hatten sie entschieden, sich anstatt aufs Sofa in Roses Bett zu kuscheln, hatten ihre Schlafanzüge an und ihre Laptops auf den Knien. Und obwohl die Schokolade geöffnet zwischen ihnen lag, war Rose zu sehr damit beschäftigt, ihren Unterkiefer am Herunterklappen zu hindern, um auch nur daran zu denken, sie zu essen.
»Jess«, sagte sie und stieß ihre Freundin mit dem Ellbogen an. »Das hier kann es doch nicht sein, oder?«
Jessica beugte sich mit der Brille auf der Nase herüber. »Das ist, was du gefunden hast?«
»Ich meine, ganz sicher nicht, oder?« Rose scrollte zurück durch die Fotos der Estancia, auf die sie sofort gestoßen war, als sie mit ihrer Suche begann. Die Familie Santiago tauchte in vielen jahrzehntealten Artikeln auf, aber Rose war am meisten interessiert an einem, der die schönsten Anwesen Argentiniens zeigte. Das Familienanwesen erschien auf Platz drei der Liste. »Es ist atemberaubend.«
Jessica nahm Rose den Laptop ab und hielt ihn sich vors Gesicht, als könnte sie nicht glauben, was sie sah. »Das ist es? Das ist das Anwesen der Familie Santiago?«
Rose nickte und holte sich ihren Laptop zurück, scrollte noch einmal durch die Fotos, die ein großes Haus im spanischen Stil mit einem roten Terrakottadach zeigten, das von riesigen Stallanlagen und endlosen Wiesen umgeben war, auf denen Pferde weideten. Hätte ihr jemand gesagt, sie solle sich das malerischste, atemberaubendste Anwesen Argentiniens vorstellen, wäre es ausgefallen wie dieses.
»Also, es könnte ja noch eine andere Familie Santiago geben«, überlegte Rose. »Bestimmt kommt der Name in Argentinien öfter vor. Vielleicht ist es gar nicht die richtige? Wahrscheinlich ist es nur ein bescheidenes Haus mit ein paar Ställen.«
Jessica schüttelte den Kopf. »Selbst wenn du recht hättest: Wie viele Familien mit dem Namen Santiago gibt es wohl, die auch noch eine Polo-Ranch besitzen? Ich glaube nicht, dass du dich geirrt hast – das ist das Anwesen. Ich meine, es heißt, es gäbe dort Platz für buchstäblich Hunderte von Pferden. Es muss dieses sein.«
Rose biss sich auf die Lippen und scrollte weiter. »Weißt du, Leute fallen jeden Tag auf so etwas herein. Wie oft hast du schon eine E-Mail bekommen, in der steht, dass du Millionen erbst, wenn du deine Kontoverbindung angibst? Diese Fotos gehören wahrscheinlich zum Betrug dazu.«
Jessica warf ihr einen vernichtenden Blick zu. »Rose, hier geht es um keine betrügerische E-Mail, genauso wenig wie der Termin, zu dem du hier in London gegangen bist, Betrug war. Und wenn du dir wirklich nicht sicher bist, dann kannst du ja deinen eigenen Anwalt mitnehmen oder ihn zumindest bitten, in deinem Auftrag den Brief zu beantworten. Ich bin überzeugt, das ist alles echt.«
Rose zögerte. Ihre Mutter hatte eine Versicherung, die den Großteil der Pflegekosten in den letzten Monaten übernommen hatte, und das Haus gehörte ihr, aber sie machte sich dennoch Geldsorgen. Ihre eigenen Ersparnisse waren bereits erheblich geschrumpft, und wenn sie nicht bald wieder anfing zu arbeiten, würde sie vorsichtiger denn je mit ihrem Geld umgehen müssen. Aber sie war Anwältin. Sie war mehr als fähig, sich selbst zu vertreten und sich mit einer Kanzlei in Argentinien auseinanderzusetzen; nur war sie sich nicht sicher, ob sie nach allem, was hinter ihr lag, die Kraft dazu hatte; oder ob sie ihrem Urteilsvermögen trauen konnte.
»Rose?«
»Du hast recht. Ich bin zu nah dran, um alles selbst zu regeln, also kannst du sie morgen anrufen.«
Jessica lachte. »Ich? Aber ich bin nicht vom Fach.«
»Nein, aber du warst immer gut darin, Bullshit aufzudecken.«
Darüber lachten sie beide, und als Jessica ihren Kopf an Roses schmiegte, musste sie wieder weinen.
»Und wenn ich keinen Bullshit finde und mir die Sache sauber vorkommt, dann, glaube ich, sollten wir dir ein Ticket nach Buenos Aires buchen.«
Rose blieb fast das Herz stehen. »Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist.«
Jessica schob den Laptop ein wenig zurück und drehte ihn so, dass sie beide den Bildschirm sehen konnten. »Siehst du dieses schöne Anwesen? Siehst du, wie malerisch es aussieht? Ganz zu schweigen davon, dass es dort richtige Pferde gibt. Pferde, Rose.«
»Ich weiß nicht einmal, ob ich Pferde mag!«
Jessica lachte. »Glaub mir, du wirst Pferde mögen.«
Rose war nicht ganz überzeugt. Sie mochte Tiere, aber Pferde waren einfach so … riesig.
Rose sah sich in ihrem Kinderzimmer um, dem Ort, der zu ihrer Zuflucht geworden war, seit sie wieder zu ihrer Mum gezogen war. Es ging einfach alles viel zu schnell.
»Ich bin mir nicht sicher …«, begann sie.
»Weißt du, du könntest bei deinem Aufenthalt dort einen hinreißenden Argentinier kennenlernen, der dein Herz im Sturm erobert.«
Rose wischte die Tränen weg und lachte. So war Jessica. »Luke hat mich für immer von Männern geheilt«, sagte sie. »Aber der Gedanke gefällt mir trotzdem.«
»Dann fliegst du also?«, fragte Jessica.
Rose atmete tief durch.
»Weißt du, du könntest über New York zurückfliegen.«
»Das liegt nicht gerade auf dem Weg, aber …«
»Bitte«, sagte Jessica. »Komm hinterher nach New York und lass dich von mir verwöhnen. Die Mädchen werden sich so freuen, und wir können essen gehen und einfach zusammen Zeit verbringen, wie jetzt. Es wird genau das sein, was du brauchst, versprochen.«
»Und Ryan hätte nichts dagegen?«
»Das weißt du doch, er mag dich.«
Rose schloss einen Moment lang die Augen und versuchte zu verarbeiten, worauf sie sich einließ. Eigentlich wollte sie sich nur einigeln und zu Hause bleiben, aber Jessica hatte recht. Wegzufahren und etwas zu tun, das sie nicht an ihren Verlust erinnerte, würde ihr guttun, auch wenn es ihr viel zu früh erschien. Außerdem hatte sie bereits das letzte halbe Jahr zu Hause verbracht. Es war an der Zeit, etwas für sich selbst zu tun und wieder anzufangen zu leben.
»Okay, ich mache es«, sagte sie.
Jessicas Augenbrauen schossen nach oben. »Ja?«
Rose stöhnte und wollte sich am liebsten gleich wieder umentscheiden. »Ja.«
»Fantastisch! Dann komm und lass uns weiter googeln. Ich bin gespannt, wie die Familie Santiago ausgesehen hat«, erklärte Jessica und zog ihren Laptop wieder näher an sich heran. »Und ich bin gespannt, ob wir irgendeinen Hinweis auf das Stück blaue Seide finden, das man dir hinterlassen hat.«
Rose lehnte sich an Jessica, die durch die Fotos scrollte, versuchte, ihre Großmutter in einem der Gesichter auf dem Bildschirm wiederzuerkennen, eine Ähnlichkeit, die eine Verbindung herstellte.
»Ich frage mich, ob der Anwalt in Argentinien versteht, was mir in dem Kästchen hinterlassen wurde«, dachte Rose laut nach. »Müsste er nicht alles über die Adoption wissen, wenn er schon derjenige ist, der beauftragt wurde, meine Familie zu kontaktieren? Könnte er nicht die Antworten haben?«
»Kann sein. Ich meine, hoffentlich, aber vielleicht wurde das alles geheim gehalten?« Jessica verstummte, als sie auf das Foto eines lächelnden, extrem gut aussehenden Polospielers klickte, der auf einem Pferd saß.
»Ist das ein Santiago? Er sieht sehr attraktiv aus.«
»Nein, das ist Nacho Figueras, der berühmteste Polospieler der Welt. Ich wollte ihn mir nur einen Moment ansehen, da er bei so gut wie jeder Suche nach argentinischen Polofamilien auftaucht.«
Rose schlug nach ihr. »Das ist eine ernsthafte Angelegenheit!«
»Entschuldige! Ich verstehe deine Frage, aber nein. Ich glaube nicht, dass es so einfach sein wird.«
»Warum?«
»Ich glaube, solche Familiengeheimnisse brauchen ewig, um entwirrt zu werden, und jemand, der beruflich mit der Familie zu tun hat, könnte nichts von den privateren Details wissen. Wir können da nur spekulieren, ob es ein lange gehütetes Geheimnis war, das nur wenige kannten, oder nicht«, erklärte Jessica. »Aber sieh dir mal das hier an.« Sie zeigte auf ihren Bildschirm. »Das ist die Todesmeldung einer Valentina Santiago von vor drei Monaten.«
Jessica las die Anzeige laut vor, und ihr wurde das Herz schwer, als ihr aufging, dass drei Frauen aus drei Generationen derselben Familie so kurz nacheinander gestorben waren.
Valentina Santiago, Tochter des berühmten Basilio Santiago, eines der erfolgreichsten Großgrundbesitzer und Geschäftsmänner von Buenos Aires in den Dreißigerjahren des letzten Jahrhunderts, verstarb friedlich in ihrem Heim.
Bekannt für ein Leben als Förderin des Polosports im Allgemeinen und von Frauen in diesem Sport im Besonderen, wird ihre Großzügigkeit unvergessen bleiben.
»Es werden keine überlebenden Familienmitglieder erwähnt«, bemerkte Rose. Sie las den Artikel noch einmal, wobei es ihr schwerfiel zu glauben, dass sie mit jemandem wie dieser Frau verwandt sein könnte.
»Ich glaube, der Jetlag holt mich jetzt doch ein«, sagte Jessica gähnend. »Wir können morgen weitersuchen.«
Sie küsste Rose auf die Wange und klappte den Laptop zu, und Rose tat es ihr gleich und stellte ihren Laptop auf den Nachttisch.
Doch als sie schließlich das Licht ausgeschaltet hatten und nebeneinander im Bett lagen, konnte Rose nicht einschlafen. Sie musste an den Anruf denken, den Jessica am Morgen tätigen würde, und ob es Quatsch war, nach Buenos Aires zu fliegen, und wenn auch nur für ein paar Tage.
Ich wünschte, du wärst hier, Mum.
Und genau deshalb musste sie erfahren, was der Anwalt ihr zu sagen hatte. Wenn es da draußen in der Welt Verwandte gab, die nur darauf warteten, sie kennenzulernen, oder eine Erbschaft, die entdeckt werden musste, dann schuldete sie es ihrer Mutter und ihrer Großmutter, alles herauszufinden, was sie konnte.
Sie blickte zu Jessica hinüber, konnte die Silhouette ihres Körpers im Dunkeln erkennen, wie sie von Rose weggedreht auf der Seite lag. Jessica war wie eine Schwester für sie und würde immer für sie da sein.
Aber zuerst musste sie herausfinden, was sie in Argentinien erwartete. Danach konnte sie sich um den Rest ihres Lebens Gedanken machen.
Valentina lächelte ihren Vater an und beendete ihr Frühstück, wobei sie sich Mühe gab, die Krümel von den Mundwinkeln abzutupfen, um sich nicht den Zorn ihrer Mutter zuzuziehen. Ihr Vater saß ihr gegenüber und hielt seine Zeitung gerade tief genug, um sie anschauen zu können.
»Es ist Zeit für deinen Unterricht«, sagte Valentinas Mutter barsch, wobei sie das Hausmädchen mit einem Handzeichen anwies, ihren Teller abzuräumen. »Beeile dich bitte.«
Valentina nickte und wandte sich ab, damit niemand ihr Lächeln sehen konnte. Ihr Vater hatte ihr nämlich bereits versprochen, dass es heute keinen Unterricht für sie geben würde. Heute durfte sie ihn zur Arbeit begleiten, und sie konnte es kaum erwarten.
Als er sich räusperte, blickte sie auf ihren Schoß hinunter.
»Camilla, nicht heute. Ich nehme Valentina mit.«
Ihre Mutter schwieg einen Augenblick lang; Schweigen fand Valentina immer furchterregender als eine laute Stimme, zumindest bei ihrer Mutter.
»Nimm stattdessen Bruno mit«, sagte diese dann auch. »Es hat keinen Sinn, Valentina mitzunehmen. Wenn du sie weiter so verwöhnst, wird sie noch denken …«
»Dass sie eines Tages mein großes Vermögen erbt und die Fähigkeiten braucht, das Reich, das ich geschaffen habe, weiter auszubauen?«, fragte er mit leicht erhobener Stimme. Ihr Papa wurde nicht oft wütend, aber Valentina entging nicht, dass er kurz davor war, aufzubrausen. »Meinst du, ich wüsste nicht, was ich tue?«
Valentina sah zu Bruno hinüber, dem es völlig egal zu sein schien, dass er übergangen wurde. Er war ihr Halbbruder und acht Jahre älter als sie, aber sie hatten sich schon immer gut verstanden. Ihre Mutter spielte sie gern gegeneinander aus und versäumte es nie, Valentina klarzumachen, dass ihr erstgeborener Sohn ihr wichtigstes Kind war. Valentina hatte das nie verstanden.
»Basilio«, sagte ihre Mutter jetzt mit sanfterer Stimme, um zu versuchen, den Vater zu beruhigen. »Ich wollte nur sagen, dass ich nicht glaube, dass sie …«
»Ich habe nicht vor, jetzt über dieses Thema zu diskutieren. Valentina kommt mit mir mit«, verkündete er, faltete die Zeitung zusammen und stand auf. »Liebes, unser Fahrer wird bald hier sein. Geh bitte und mach dich fertig.«
»Ja, Papa«, antwortete Valentina gesittet, um ihre Mutter nicht zu erzürnen. Sie hielt sogar inne, nachdem sie aufgestanden war, um ihrer Mutter einen Kuss auf die Wange zu geben, der jedoch nicht erwidert wurde.
Auch wenn ihre Mutter ab und zu freundlich zu ihr war, hatte Valentina schon immer das Gefühl, dass sie um die Zuneigung ihres Vaters wetteiferten. Manchmal fragte sie sich sogar, ob sie überhaupt ihre wirkliche Mutter war, da sie ihr das Gefühl gab, der Liebe ihres Vaters nicht würdig zu sein, aber sie wusste, wie lächerlich das war. Sie war Valentina Santiago, und die Liebesgeschichte ihrer Eltern war ihr in ihrer Kindheit zahllose Male erzählt worden, einschließlich, wie sehr man sich über ihre Geburt gefreut hatte, nachdem man drei Jahre lang auf ein Kind gehofft und darum gebetet hatte. Doch aus irgendeinem Grunde schien ihre Mutter sie manchmal nicht einmal zu mögen.
»Valentina«, sagte ihr Dienstmädchen, Ana, und trieb sie zur Eile an. »Lass mich dich kämmen und anziehen. Dein Vater hat mir gesagt, dass du heute dein bestes Kleid brauchen wirst.«
Ein Schauer der Aufregung überlief Valentina, und sie rannte die Treppen hinauf, nahm zwei Stufen auf einmal, während das Dienstmädchen hinter ihr tadelnd mit der Zunge schnalzte. Doch Ana schimpfte sie niemals aus, sondern war mütterlicher zu ihr als ihre eigene Mutter, sie schalt Valentina nie für ihren Überschwang, ja, schien sich sogar darüber zu freuen und sagte immer nur, dass sie für sie beten werde.
»Hat er dir gesagt, wohin wir gehen?«, fragte Valentina atemlos, als sie sich auf den Hocker vor dem Spiegel setzte.
Ana bürstete Valentinas langes Haar und klemmte es mit zierlichen Haarnadeln fest, damit es ihr nicht ins Gesicht fiel. »Nein, mi pequeña«, sagte sie. »Aber ich sehe dir an, wie aufgeregt du bist.«
»Ja, ich finde es toll, wenn er mich zur Arbeit mitnimmt. Ich werde wieder alle seine Büros sehen und all die Leute treffen, mit denen er arbeitet.«
Ana seufzte, aber Valentina achtete nicht darauf und sprang vom Hocker auf, als sie fertig war; sie küsste Ana auf die Wange und bekam dafür eine kurze Umarmung.
»Lass mich deinen besten Mantel holen für den Fall, dass du ihn brauchst. Es soll wohl ein ganz besonderer Tag werden.«
Den Mantel über dem Arm, sprang Valentina die Treppe hinunter und lief zur Tür, wo ihr Vater sie bereits erwartete. Er wirkte angespannt, aber sobald er sie erblickte, hellte sich sein Gesicht auf, als hätte sie gerade seinen Tag zum Besseren gewendet. So war es immer – sie beide gegen den Rest der Welt.
»Ich bin fertig, Papa«, sagte sie.
Sie ließ sich an der Hand nehmen, als sie in die Sonne hinaustraten. Doch er führte sie schnell an dem wartenden Wagen vorbei.
»Ich dachte, wir fahren in dein Büro?«, sagte sie und blickte zu dem Fahrer zurück, der wartend neben dem Wagen stand. Sonst hätte sie doch nicht ihr bestes Kleid angezogen.
»Das tun wir auch«, antwortete er. »Aber erst gehen wir durch die Ställe. Kannst du spüren, dass sich das Wetter ändert, Valentina? Die leichte Kälte in der Luft?«
Sie nickte und hob das Gesicht, damit die Luft ihre Haut streifte.
»Es ist Zeit, die Pferde wieder in Arbeit zu nehmen«, sagte er. »Es ist schon fast Polosaison.«
Sie nickte und freute sich über einen Vorwand, um zu den geliebten Polopferden ihres Vaters zu gehen. Wenn es nämlich etwas gab, was ihrem Vater Freude bereitete, dann war es, Polo zu spielen, weshalb sie den Sport beinah genauso sehr liebte wie er, wenn auch nur als Zuschauerin.
»Valentina, weißt du, dass dieses Jahr etwas ganz Besonderes ansteht?«, fragte er.
Sie blieb stehen, sah zu ihm auf und blinzelte im Sonnenlicht. »Nein, Papa. Was denn?«
»Der Pingüinos Club richtet das allererste Polospiel für Frauen aus«, erklärte er. »Ich werde dich mitnehmen, damit du siehst, wie mutig und fähig junge Frauen sein können, und dass nichts dich daran hindern kann, alles zu erreichen, was du dir in den Kopf setzt.«
Valentina strahlte bei dem Gedanken, ihren Vater dorthin zu begleiten. »Wird Mama ihre Meinung ändern und mich Polo spielen lassen?«
Er lachte und legte ihr die Hand auf den Kopf. »Nein, cariño, das glaube ich nicht. Aber vielleicht kann es unser kleines Geheimnis bleiben, dass wir uns das ansehen?«
Als er wieder losging, eilte sie ihm nach und hatte Schwierigkeiten, mit ihm Schritt zu halten, während sie davon träumte, wie es wohl wäre, auf dem Rücken eines seiner prächtigen Pferde zu sitzen.
Ein paar Minuten später rief ihr Vater Valentina wieder zu sich. Sie war gerade dabei, an den Boxen entlangzugehen und die samtigen Nüstern der Pferde zu streicheln, die ihren Kopf aus dem Stall streckten.
»Valentina, ich möchte, dass du jemanden kennenlernst.«
Sie wandte sich sofort um und ging zu ihrem Vater, der mit einem anderen Mann in Reitkleidung zusammenstand.
»Das ist José«, sagte ihr Vater, und sie streckte die Hand aus, wie er es sie gelehrt hatte. »José, dies ist meine Tochter Valentina.« Der Mann schien überrascht zu sein, dass man sie ihm vorstellte, nahm aber vorsichtig ihre Hand und schüttelte sie, als sei sie etwas Zerbrechliches. »Er ist gerade aus Spanien hergezogen, um hier als mein Stallmeister zu arbeiten. José ist sehr wichtig für mich.«
»Schön, Sie kennenzulernen«, sagte Valentina. Sie wusste, was ihr Vater ihr sagen wollte – wenn er für ihn wichtig war, dann war er es auch für sie.
Sie bemerkte eine Bewegung und sah, wie ein Junge hinter der Stalltür hervortrat. Er hatte einen Schopf dicker schwarzer Haare, und als sie ihm zulächelte, streckte er ihr die Zunge heraus und brachte sie zum Lachen, und sie musste sich schnell auf die Lippe beißen, um keinen Laut von sich zu geben.
»Ah, Basilio, das hier ist mein Sohn Felipe«, sagte José. »Felipe, komm und sag Señor Santiago Guten Tag.«
Valentina beobachtete, wie der Junge sich die Hände an den Jeans abwischte, bevor er ihrem Vater die Hand gab. Ihre Blicke begegneten sich einen Moment lang, bevor er wieder zurücktrat. Sie konnte sehen, dass er älter war als sie, vielleicht ein oder zwei Jahre, und es gefiel ihr, wie er zu einem der Pferde ging, das wieherte und unruhig wirkte, und ihm den Hals tätschelte, um es zu beruhigen.
»Ist dein Sohn auch so ein talentierter Reiter?«, fragte ihr Vater, als er ihn beobachtete.
»Das ist er«, gab José zur Antwort. »Wir sagen gern, dass es unserer Familie im Blut liegt. Wir reiten schon seit Generationen.«
»Und wie alt ist er?«
