Die verletzte Tochter - Jeannette Hagen - E-Book

Die verletzte Tochter E-Book

Jeannette Hagen

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Beschreibung

"Ohne Vater aufzuwachsen gibt einem das seltsame Gefühl, anders, irgendwie mangelhaft zu sein. Nicht so richtig sagen zu können, wer man eigentlich ist, und immer zu glauben, dass man selbst an allem schuld ist." Vaterentbehrung ist für viele Menschen Realität und das mit steigender Tendenz. In diesem sehr persönlichen Buch setzt sich Jeannette Hagen mit den Folgen der Vaterentbehrung für den Einzelnen und die Gesellschaft auseinander. Sie zeigt, wie sehr es verletzt, wenn der Vater – gleich aus welchen Gründen – fehlt, wie wir unbewusst in dem gefühlten Mangel verstrickt bleiben und wie wir aus der Opferrolle herauskommen können. So gelingt es, das in uns zu finden, was wir uns immer vom Vater gewünscht haben: ein bedingungsloses Ja zu uns selbst. IMMER MEHR KINDER WACHSEN OHNE LEIBLICHEN VATER AUF. Jeannette Hagen hat am eigenen Leib erfahren, was Vaterentbehrung bedeutet. Sie weiß, wie wichtig der Vater für die Entwicklung des Bindungsverhaltens, der Geschlechteridentität, des Selbstwertes ist. Ihr Buch erzählt ihre persönliche Geschichte und macht deutlich, dass es notwendig ist, sich nicht nur mit dem eigenen Schmerz, sondern auch auf gesellschaftlicher Ebene mit der Thematik auseinanderzusetzen, um den Teufelskreis der Vaterentbehrung zu durchbrechen. Denn vaterlose Kinder neigen dazu, als Erwachsene wieder vaterlose Kinder zu erzeugen. Warum? Weil Partnerschaften scheitern, wenn man statt eines realen Menschen ein Ideal heiratet, und Trennungen nicht fair verlaufen, wenn man nicht hinsehen und seine Opferhaltung aufgeben will. Jeannette Hagens Buch macht Mut. Es zeigt auf, dass es nie zu spät ist, sich auf den Weg zu sich selbst zu machen. Probleme, die durch Vaterentbehrung entstehen, können selbst im Erwachsenenalter noch bewältigt werden.

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JEANNETTEHAGEN

Die

VERLETZTE

Tochter

Wie Vaterentbehrungdas Leben prägt

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1. eBook-Ausgabe 2015

© Scorpio Verlag GmbH & Co. KG, München

Umschlaggestaltung: Sabine Fuchs, Oberhaching/München,

unter Verwendung des Papierhintergrunds von © Gleydson Caetano,

www.cgtextures.com.

Layout und Satz: BuchHaus Robert Gigler, München

Konvertierung: Brockhaus/Commission

ePub: 978-3-95803-052-7

Das eBook einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Der Nutzer verpflichtet sich, die Urheberrechte anzuerkennen und einzuhalten.

Alle Rechte vorbehalten.

www.scorpio-verlag.de

INHALT

1. Prolog

2. Die Wahrheit und warum plötzlich alles anders war

Als Papa nicht mehr Papa war

Wenn Unerklärliches klar wird

Die andere Frau

Leben mit der Wahrheit

Wohin mit der Wut?

Fantasie als Kanal

Wer bist du, fremder Vater?

Das wichtige Dreieck

Umfeld als Halt und die Kraft der Resilienz

3. Was bin ich ohne ihn wert? – Die Auswirkungen der Vaterentbehrung

Doppelt Vater-verlassen

Verlust der Mutter

Ist Vaterentbehrung ein Trauma?

Wie betroffen ist der oder die Betroffene?

Viele Mosaiksteine ergeben das Bild

Einzelschicksal oder kollektive Erfahrung?

Umgang mit dem Schicksal

Phasen der inneren Beziehung zum fehlenden Vater

Schauplatz Beruf

Schauplatz Geld

Schauplatz Beziehungen – wenn Töchtern der Vater fehlt

Weitere Folgen der Vaterentbehrung

Wenn Jungen der Vater fehlt

Schauplatz Beziehungen bei Männern mit Vaterentbehrung

Die Sehnsucht bleibt

4. Die Vatersuche

Ein Moment der Begegnung

Angst als Bremse

Ein Brief und ein Satz

Wie vom Donner gerührt

Anbahnung auf Umwegen

Von Angesicht zu Angesicht

Meine Halbgeschwister

Was treibt die Vatersuche an?

Die Frage nach der Schuld

Triebkräfte für die Suche

Kleine Schritte

Schwierigkeiten beim Aufbruch

Die Suche der Adoptivkinder

Wenn die Vaterannäherung ins Leere führt

Und wenn der Vater nicht mehr lebt oder nicht auffindbar ist?

Selbst scheitern ist heilsamer als leugnen

5. Bewältigungsstrategien – Schicht für Schicht zurück zum Ich

Ein Schlüsselerlebnis aus der Einzeltherapie

Zweites Schlüsselerlebnis (Gestalttherapie-Gruppe)

Das Ziel der Reise

Das innere Kind

Die Arbeit mit Träumen

Die Gestalttherapie

Weitere Wege

Schreiben

Die Heldenreise

Vom Opfer zur Kraft

6. Väterentbehrung heute – eine Ursachenforschung

Schatz, kannst du mal?

Der Status quo

Die Frauensicht

Die Männersicht

Beziehungsdynamik nach Trennungen

7. Ausblick und Hoffnung

Ein offenes Ende

Vom eigenen Vater zum gesellschaftlichen Vaterbild

Neue Wege

Dank

Anmerkungen

Literatur- und Quellenverzeichnis

Für meine Kinder

Irgendwas treibt mich voran

dass ich nicht loslassen kann

dass ich ewig auf der Suche bin

’ne ewige Selbstzweiflerin

seh’n mich so nach deiner Hand

die immer für Stärke stand

doch alles was mir von dir bleibt

ist diese Todtraurigkeit

Dass du mich einfach sitzenlässt

kein Sterbenswörtchen hinterlässt

der kühle Kopf sieht alles ein

nur das Herz kann nicht verzeih’n

aus

»Vaterseelenallein«

von Pe Werner1

»Es gibt keine großen Entdeckungen

und Fortschritte, solange es noch

ein unglückliches Kind auf Erden gibt.«

Albert Einstein

1. PROLOG

Man sieht es mir nicht an.

Ich trage keinen sichtbaren Makel.

Ich bin eine Frau Ende 40, habe drei wohlgeratene Kinder, einen Ehemann und einen drolligen Hund. Ich wohne in einer gutbürgerlichen Gegend, backe Kuchen an Geburtstagen, gieße die Blumen auf dem Balkon, grüße die Nachbarn im Haus und belege meinen Kindern morgens die Schulbrote. Und vielleicht gerade weil von außen betrachtet alles so normal scheint, ahnt niemand, wie es viele Jahre in mir aussah und auch heute manchmal noch aussieht. Der Makel ist eher ein Mangel. Eine Leere, die ich von Zeit zu Zeit tief in mir spüre. Etwas, das ich nicht exklusiv habe, weil viele Menschen ebenso betroffen sind. Die Rede ist vom entbehrten Vater.

Ich weiß, dass es ihn gibt. Dass er lebt. In einem weißen Haus mit Spitzdach, das umgeben ist von akkurat gemähtem Rasen. Irgendwo gut 250 Kilometer von meiner Wohnung entfernt, auf der Strecke zwischen Berlin und Hamburg. Jedes Mal, wenn ich mit dem Auto die A24 entlangfahre und das Ortsschild sehe, denke ich an ihn. Und dann fühle ich nach wie vor deutlich, dass sein »Nein« zu mir Spuren hinterlassen hat. Dass seine Ablehnung auch bei mir bewirkt hat, was der Kinderpsychotherapeut Dr. Hans Hopf in seinem Buch »Die Psychoanalyse des Jungen« über Vaterentbehrung und deren geschlechtsspezifische unterschiedliche Verarbeitung schreibt: »Jungen neigen dazu, den Schulhof zum ›Kampfplatz‹ der eigenen inneren Konflikte zu machen, während Mädchen hierfür eher den eigenen Körper benutzen.« Der Körper als Kampfplatz. Wenn es nur das gewesen wäre! Dann hätte ich vielleicht ein paar ausgerissene Haare oder abgebissene Fingernägel gehabt. Darauf beschränkten sich der Schmerz und meine Versuche, ihn loszuwerden, allerdings nicht, auch wenn solche selbstzerstörerischen Attacken durchaus zu meinem Werden gehörten. Wir sind ja nicht nur Körper. Wir sind Körper, Seele und Geist. Und wenn ich heute mit einem gewissen Abstand die Dinge betrachte, dann lag wohl das größte Drama darin, dass mein Geist voll von Gift war, das mein Denken beherrschte und meine Seele nicht zu Wort kommen ließ. Unser Geist speist sich ausschließlich aus Erfahrungen. Wenn der eigene Vater sich bewusst abkehrt und im Leben der Tochter lediglich als Phantom existiert – was sollte der Geist in seiner kindlichen Not denn anderes denken als: »Wenn er mich nicht will, dann kann ich wohl nicht richtig sein.«

Wenn der leibliche Vater aus dem Leben eines Mädchens oder eines Jungen verschwindet oder herausgedrängt wird, hinterlässt er eine Wunde, die niemand schließen kann und die zeitlebens blutet. Keine Mutter, kein noch so liebender Stiefvater, kein Großvater, kein Partner – niemand kann Heiler sein, maximal Trostpflaster. Vielleicht gelingt es im Laufe der Jahre, das Pflaster so festzukleben, dass es nicht bei jeder kleinen Gelegenheit abfällt. Trotzdem bleibt die Wunde darunter vorhanden. Der Psychoanalytiker Prof. Dr. med. Horst Petri fasst das Drama im Buch »Vatersuche« treffend in einem Satz zusammen: »Ein Vater kann endgültig verschwunden sein – die Sehnsucht nach ihm bleibt für immer bestehen.«

Ich weiß so gut, wovon er spricht. Ich sehe mich in eigentlich glücklichen Momenten. Den Blick in die Ferne gerichtet und immer mit dem diffusen Gefühl im Gepäck, dass irgendetwas fehlt. Dass ich nicht vollständig bin und es vermutlich nie sein werde. Sinngemäß formuliert Petri weiter, dass das Wissen um unsere Abstammung als Beweis unserer Existenz dient. Mit meinen eigenen Worten sage ich es so: Es geht weit über den Beweis der Existenz hinaus. Die Nichtanwesenheit meines leiblichen Vaters und seine offen ausgetragene Ablehnung mir gegenüber stellten phasenweise meine eigene Existenzberechtigung radikal infrage. Sein Fehlen hat eine Erfahrung geschaffen, die immer wieder den Gedanken, nichts wert zu sein, produziert hat. Die bohrende Frage danach, was ich denn eigentlich hier auf dieser Welt verloren habe, wenn selbst der eigene Vater, der, der mich doch lieben und halten sollte, sich abwendet.

Lebensunwertigkeit – dieser Begriff wird selten benutzt. Ich kenne ihn eigentlich nur im Zusammenhang mit der rassistischen und lebensverachtenden Haltung der Nationalsozialisten gegenüber der jüdischen Bevölkerung. Und doch drückt dieses Wort genau das aus, was ich lange Zeit mir selbst gegenüber empfand. Genährt durch den schicksalhaften Umstand, dass ich das Trauma der Vaterentbehrung gleichermaßen von Mutter und Vater »erbte«, denn sowohl meine Mutter als auch mein Vater waren von ihrem leiblichen Vater verlassen worden. »Transgenerationale unbewusste Weitergabe eines Traumas« so lautet der Fachbegriff, der – auf die persönliche Ebene heruntergebrochen – bedeutet, dass Kinder damit nicht nur den eigenen Schmerz, sondern auch den der vorherigen Generationen in sich tragen. Somit ist Vaterentbehrung ein Generationsthema.

Aber zurück zur Seele und damit zu der leisen Stimme in mir, die mir mein Leben – besser mein Überleben ermöglicht hat. Seele ist so ein großes Wort. Anders ausgedrückt, gab es in mir in den entscheidenden Momenten stets eine sehr vitale Kraft, die mir half, in Krisensituationen nach vorn zu schauen. Manchmal war es auch nur eine leise Ahnung davon, dass ich doch richtig bin, ja richtig sein muss. Ich habe mich in den letzten Jahren oft gefragt, ob wir uns unseren Platz in dieser Welt, ob wir uns das eigene Leben aussuchen. Um Aufgaben zu lösen, Karma zu bereinigen oder Erfahrungen zu sammeln, die dann dem kollektiven Bewusstsein zur Verfügung stehen. Ich weiß, dass diese Vorstellung keiner wissenschaftlichen Prüfung standhält und dass sie in gewissen Abschnitten der Auseinandersetzung mit Traumata sogar destruktiv und hinderlich sein kann, weil man damit wichtige Phasen der Heilung und Prozesse der tiefen Auseinandersetzung vermeidet. Aber auch der Psychologe Robert Betz unterstreicht auf der Meditations-CD »Ich hatte keinen Vater« diese Haltung, indem er sagt: »Öffnen Sie sich der Ansicht, dass es der Wunsch Ihrer Seele war, ohne die Anwesenheit Ihres leiblichen Vaters aufzuwachsen.« Und weiter: »Das müssen Sie nicht blindlings glauben, aber was ist die Alternative?« Die Alternative hieße, aus seiner Sicht im Mangel stecken zu bleiben. Im »Das-wurde-mirangetan-Bewusstsein«, aus dem heraus es schwerfällt, die Tür zu einer neuen Haltung zu öffnen. Zu einer ganzheitlichen Sicht, die es ermöglicht, wenn schon nicht zu heilen, dann doch wenigstens die Opferperspektive zu verlassen und als Erwachsener im Hier und Jetzt die Verantwortung für das eigene Leben und das eigene Glück zu übernehmen.

Denn um nichts anderes geht es. Auch wenn wir verlassenen und verletzten Kinder uns noch so sehr wünschen, dass es einen anderen Weg gäbe. Dass die gute Fee kommen, den Zauberstab schwingen und alles richten möge. Dass die Menschen, die uns verletzt haben, Einsicht zeigen oder wir selbst den Schlüssel finden könnten, der die Vergangenheit ungeschehen macht.

All das sind Illusionen. Illusionen, die sich hartnäckig halten, weil das Kind in uns bedingungslos hofft und glaubt. Dieses kleine verletzte Kind, das auch in einem Frauen- oder Männerkörper noch wartet, verzweifelt tobt, verlangt und sich dann und wann enttäuscht zurückzieht. Dieses kleine Kind, das doch nur eins will: bedingungslos lieben und geliebt werden. Das Kind, das den Vater anhimmeln, ihn an sich reißen und von ihm auf Händen getragen werden will. Wie oft habe ich Mädchen und Frauen beneidet, die einen Vater hatten, den sie umwerben konnten und der dieses Spiel verstand und liebevoll mitspielte. Einen, der ihnen Kleidung schenkte, sie in den Arm nahm, sich eine Träne wegwischte, wenn die eigene Tochter beim Schulanfang auf der Bühne stand. Wie oft habe ich heimlich geweint, wenn ich miterlebte, wie ein Vater seiner Tochter mit Verständnis und Liebe begegnete oder sie ermutigte, tapfer ihren Weg zu gehen. Der Schriftsteller Andreas Altmann, der Vaterentbehrung auf eine sehr brutale Art kennengelernt hat, findet in seinem Buch »Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend« dafür Worte, die ich hundertfach unterstreichen kann und die eindrucksvoll schildern, dass dieser Schmerz nie endet: »Gewiss kommen andere Gelegenheiten, da heule ich nur um mich. Meist in dunklen Kinos, in denen eine Geschichte von einem Vater und einem Sohn erzählt wird. Da ist dann kein Halten mehr, kein Schamgefühl, da bin ich zwei Stunden lang bloß noch Würstchen, bloß noch arme Sau, der das Herz zerspringt. Vor Sehnsucht nach einem wie dem Leinwandhelden. Der seinen Sohn umarmt und ihn behütet.« Wie oft wünschte ich den Tod meines leiblichen Vaters herbei, weil ich glaubte, dass ich dann aufhören könnte, zu hoffen und zu warten. Und dass somit endlich diese abgrundtiefe Traurigkeit verschwinden würde.

Es gibt keinen Zauberschlüssel. Es gibt nur Wege, die Türen öffnen, um alles in einem freundlicheren Licht erscheinen zu lassen. Vergangenes können wir nicht verändern. Nur das Jetzt.

Lange dachte ich, dass es reichen würde, zu verstehen. Dass die Sache bereinigt wird, wenn ich sie symbolisch annehme. Doch das Herz kann Verstehen nicht fühlen. Der Verstand kann das, was in jeder Zelle gespeichert ist, nicht auflösen und schon gar nicht heilen. Ich kann mich auch nicht auf intellektueller Ebene mit dem Umstand versöhnen, dass er mich ablehnt. Das Größte, was ich auf der Verstandesebene leisten kann, ist, ihm zuzugestehen, dass auch er seine Muster lebt. Dass er vielleicht gar nicht anders handeln konnte, weil er selbst ein ähnliches Trauma erlebt hatte. Um an der Stelle noch einmal Andreas Altman zu zitieren: »Denn ich begriff, begriff es ganz tief, dass er auf fatale Weise ›unschuldig‹ war. Dass er werden musste, was er wurde. Und dass die Dinge sind, wie sie sind.«2

Es gibt, wie ich heute weiß, einen anderen Weg, um das Drama loszulassen. Er führt nicht über das Verstehen, sondern über das Fühlen, Annehmen, Integrieren und letztendlich zum Loslassen aller Gefühle, die mit dem fehlenden Vater verbunden sind. Oder – um es anders auszudrücken – über die Heilung des inneren Vaters. Über die Heilung des Vaterbildes, das in vielen Facetten unseres Wesens integriert ist und was bei Frauen und Männern mit Vaterentbehrung gleichermaßen als verzerrtes Männerbild wieder auftaucht. Um dieses Bild zu verändern, müssen wir uns selbst begegnen. Müssen erkennen, dass auch wir fehlbar sind und dafür die Verantwortung übernehmen. Trotzdem – etwas bleibt. Die Erkenntnis, dass ich einen Vater habe, der mich ablehnt und der keinen Kontakt zu mir möchte, wirft mich heute nicht mehr aus der Bahn, aber sie sitzt wie ein kleiner Stachel unter der Haut, und je nach Gemütslage kann der sich hin und wieder entzünden und schmerzen. Damit muss ich leben.

Bis zu dieser Erkenntnis war es ein langer und beschwerlicher Weg. Bis ich überhaupt in der Lage war, mich der Wahrheit zu stellen, vergingen Jahre. Davor gab es kindliche Ahnungen, das seltsame Gefühl, anders – irgendwie mangelhaft – zu sein. Nicht dazuzugehören zu den anderen Frauen oder Mädchen. Immer wieder dieselben Schleifen zu drehen. Verwunderung darüber, wie selbstbewusst, sich ihrer selbst bewusst, andere Menschen durch das Leben gingen, während ich überhaupt nicht so richtig sagen konnte, wer ich eigentlich war und was ich wollte. Dazu kamen Depressionen, Selbstverletzung, Selbstmordgedanken und Ambivalenzen, die sich durch alle Lebensbereiche zogen. Kein Ankommen, stets nur Suchen. Und lange Zeit das Gefühl, dass ich selbst an allem schuld war. Dass ich diejenige war, die sich ändern müsste.

Meine eigentliche Auseinandersetzung mit meinem leiblichen Vater begann erst, als ich die Zwanzig schon überschritten hatte. Brachial riss die Wunde auf und wollte angesehen und gefühlt werden. Von da an gab es für mich kein Ausweichen mehr. Ich konnte nicht mehr wegschauen oder mich ablenken. Ich hatte ihm einen Brief geschrieben, ein Bild beigelegt. Darauf ich, mein damaliger Ehemann, mein kleiner Sohn. Stolz erzählte ich ihm davon, dass ich meine Ausbildung abgeschlossen hatte. Ich schrieb ihm, dass ich mich freuen würde, von ihm zu hören, um mehr über ihn zu erfahren. Ich wusste ja damals nichts. Nur, dass ich ihm sehr ähnlich sah und er ein »Arsch« sein sollte, denn so nannte ihn meine Mutter, wann immer die Rede auf ihn kam. Aber das konnte ich nicht einfach so hinnehmen, er war schließlich mein Vater. Wenn ich ihm äußerlich ähnlich war, dann mussten doch auch einige der guten, der wertvollen Eigenschaften, die ich habe, in ihm stecken. Dann konnte er doch nicht nur der »Arsch« sein, sonst hätte ich doch auch einer sein müssen. Still hatte ich die Hoffnung, dass es einen gewissen Stolz in ihm wecken würde, wenn er mich so sah. So glücklich mit einer Familie. Das musste ihn doch entlasten und vielleicht den Weg frei machen, um sich seiner Vergangenheit zu stellen. Mein Brief sollte eine Einladung sein.

Wenn ich heute daran denke, mit wie viel kindlich naiver Sehnsucht ich diesen Brief abgeschickt habe. Es kam nie eine Antwort. Er entzog sich. Schweigend. Blieb auf dem Thron, den ich ihm gebaut hatte, sitzen. Diese Tatsache war für mich der Anfang eines langen Prozesses, von dem in den nachfolgenden Kapiteln noch die Rede sein wird.

Das Fehlen des Vaters ist ein Schicksal, das viele Menschen als Päckchen mit sich tragen. Schaut man in der Geschichte zurück, dann sind es besonders die Kriegszeiten, in denen die Vaterentbehrung allgegenwärtig war. Heute hat sie ein anderes Gesicht, was sie keinesfalls weniger traumatisch macht. Heutzutage verlieren Kinder ihre Väter meist durch Scheidung oder Trennung. Manchmal, weil der Vater sich abkehrt, manchmal aber auch, weil die Mutter aufgrund von Machtkämpfen dem Vater das Umgangsrecht mit seinen Kindern verwehrt. Dazu kommen Väter, die sich selbst zwar als Teil der Familie – meist sogar als Oberhaupt – verstehen, die die Familie größtenteils auch finanzieren, die jedoch aus beruflichen und vielfach aus persönlichen Gründen überhaupt nicht wirklich anwesend sind. Väter, für die der Beruf an erster Stelle steht. Für die Ehefrauen und Kinder allenfalls Vorzeigeobjekte sind. Väter, die keine emotionale Bindung zu ihren Kindern aufbauen können. Die aus einer »ererbten« Bindungsangst heraus Fremde im eigenen Haus bleiben.

Und noch ein weiteres Phänomen lässt viele Väter heutzutage in ein Geisterdasein abrücken. Die mangelnde Identifikation mit der männlichen Rolle. Die eindeutige Platzierung als Frauen-Gegenüber in der Paarkonstellation. Nicht als Hilfsmutti und auch nicht als kleinlauter Frauenversteher, sondern als Mann. Diese Rolle einzunehmen wird Männern heutzutage schwergemacht. Das liegt zum einen daran, dass Vorbilder fehlen, dass Männern die Männlichkeit schon früh aberzogen wird, und es liegt daran, dass das Bild des Mannes und damit auch männliche Eigenschaften und Qualitäten aus einem teils falsch interpretierten Feminismus heraus, deutlich an Wert verloren haben. Ich werde später noch auf dieses Thema eingehen.

Ich wünsche mir, dass dieses Buch verstehen lässt, was Vaterentbehrung – egal aus welchem Grund oder auf welche Art – für ein heranwachsendes Kind bedeutet und wie es sein späteres Leben prägen kann. Wer sich die Zeit nimmt, auf den diversen Webseiten zu lesen, auf denen Menschen ihre Väter suchen oder sich bemühen, Kontakt aufzunehmen, der bekommt einen Eindruck davon, mit welcher Sehnsucht, welcher Verzweiflung im Gepäck selbst Erwachsene noch unterwegs sind, die ihren Vater nicht kennen. Man kann nur erahnen, wie viel Leid sich hinter jeder Suchanfrage verbirgt. Darum möchte ich mit meiner persönlichen Geschichte dazu beitragen, diesem Thema eine größere Öffentlichkeit zu geben. Ich möchte darüber hinaus, dass man versteht, dass Vaterentbehrung eben nicht nur ein persönliches, sondern vor allem auch ein gesellschaftliches Problem ist. Vaterentbehrung betrifft uns alle. Nicht nur die, die sie leibhaftig erfahren. Vaterentbehrung prägt unsere Gesellschaft. Die Art, wie wir miteinander umgehen. Sie ist gleichzeitig Ursache und Folge einer zunehmenden Geschlechterentfremdung, wie Sie im Buch erfahren werden.

Vaterlose Kinder kämpfen ein Leben lang einen Schattenkampf – jede Frau, jeder Mann kämpft ihn auf eigene Weise. Vielen ist nicht einmal bewusst, dass sie kämpfen. Doch eines ist allen gemeinsam: Dieser Kampf kostet unglaublich viel Kraft. Er raubt Lebensenergie, die dort, wo sie eigentlich gebraucht wird, nicht zur Verfügung steht. Der einzige Weg, diesen Kampf zu beenden, ist, aus der Opferhaltung herauszutreten und zu verstehen, dass Jammern und Larmoyanz nichts besser machen, sondern weiterhin gefangen halten. Sich in der Opferrolle einzurichten sollte irgendwann keine Option mehr sein. Mit dem Finger auf den abwesenden Vater, auf andere Männer oder die Gesellschaft zu zeigen und ihm oder ihnen die Verantwortung für alle Verfehlungen des Lebens aufzubürden scheint mir die schlechteste Wahl. Für mich persönlich war es wichtig, die Zügel meines Lebens wieder selbst in die Hand zu nehmen.

Und trotzdem ist jedes verlassene Kind ein verletztes Kind. Ein Opfer. Dem, was war, hilflos ausgeliefert. Diese Sicht ist nötig, um zu gesunden. Das hat zunächst nichts mit einer Opferhaltung zu tun. In dem US-amerikanischen Filmdrama »Good will Hunting« gibt es eine entscheidende Schlüsselszene: Der hochintelligente Will, der sein Potenzial aufgrund der traumatischen Erfahrungen in seiner Kindheit nicht leben kann, hört von seinem Psychiater so oft hintereinander den Satz: »Du bist nicht schuld!«, bis sein Panzer aus Arroganz und Selbstschutz bricht und die Gefühle endlich fließen können. Diese Szene ist gleichzeitig berührend und großartig, zeigt sie doch, dass wir trotz erfahrenem Leid immer die Chance haben, neu zu wählen. Das geht allerdings erst, wenn uns das Dilemma, in dem wir stecken, bewusst ist. Wenn wir spüren, dass uns der alte Schmerz unfrei macht.

Ich hoffe und wünsche, dass ich jedem, der ein ähnliches Schicksal teilt, mit diesem Buch Mut machen kann, sich seiner Vergangenheit zu stellen.

Der Pastor und Coach Volker Tepp hat in einem persönlichen Gespräch einmal zu mir gesagt: »Jeannette, der Schatz liegt immer hinter dem Drachen!« Dieser Satz hat mir damals den Antrieb gegeben, mich auf die Suche zu begeben. Nicht nur auf die Suche nach dem leiblichen Vater und seiner Familie, deren Blut in mir fließt, sondern vor allem auf die Suche nach mir selbst. Denn ich bin der Schatz. Genauso, wie Sie der Schatz Ihres Lebens sind. Und für diesen lohnt es sich, aufzustehen. Angst, Verachtung, Verleugnung, Ablehnung, Hass, Wut und Leid Schicht um Schicht abzutragen, um das zum Vorschein zu bringen, was von Anfang an da war. Ein liebender, liebenswerter Mensch.

NOCH EIN PAAR SÄTZE ZU DIESEM BUCH

Die kursiv gehaltenen Passagen, die am Anfang jedes Kapitels stehen, erzählen nach und nach meinen Weg – ganz explizit meine persönliche Lebensgeschichte. Damit bringe ich viel Privates in die Öffentlichkeit, was für ein Sachbuch, in dem es gemeinhin um das Wir und nicht um das Ich geht, eher ungewohnt sein mag. Aber ich bin überzeugt, dass das Begreifen einer gesellschaftlichen Situation über das Verstehen des Individuums läuft. Vielleicht erkennen Sie sich in meiner Geschichte, und vielleicht nehmen Sie dadurch Ihre eigene zum ersten Mal ernst. Ich bin sicher, dass es kein Zufall ist, dass Sie dieses Buch in den Händen halten. Sie lesen es nicht, weil das Thema so interessant ist, sondern weil es auf irgendeine Art auf einer tieferen Ebene mit Ihrer eigenen Geschichte verwoben ist.

Auch wenn es an einigen Stellen so klingen mag: Dieses Buch ist keine Schuldzuweisung. All die möglichen Folgen der Vaterentbehrung zu benennen und dann mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf den Vater zu zeigen, der sich abwandte, oder auf die Mutter, die den Vater fernhielt, das hilft keineswegs dabei, die Wunde zu verarzten. Im Gegenteil. Dadurch reißt sie eher wieder auf, denn was uns bewusst sein sollte, ist, dass diese Väter und Mütter selbst verwundet sind. Schuld zuzuweisen bedeutet nichts anderes, als sich in der Rolle des Opfers zu verankern und den Schmerz in die nächste Generation weiterzutragen. Darum müssen wir ehrlich hinschauen. Uns als das erkennen, was wir sind: Opfer und Täter zugleich, denn die Gefühle, die wir in uns tragen, die haben wir selbst erschaffen. Niemand kann uns zwingen, so oder so zu fühlen und zu reagieren.

Vaterentbehrung hat für Jungen und Mädchen teils ähnliche, aber auch ganz unterschiedliche Auswirkungen, und alle sind es wert, beschrieben zu werden. Auch wenn ich mich bemühe, dem gerecht zu werden, liegt der Schwerpunkt in diesem Buch vorrangig auf den Folgen, die es für eine Tochter hat, wenn der Vater sich – aus welchen Gründen auch immer – abwendet.

Und noch eins. Wir alle wissen, dass das Leben viel zu komplex ist, als dass man es auf Allgemeinplätze herunterbrechen könnte. Darum werden Sie in den Ausführungen oft ein »sowohl als auch«, statt der Aussage, dass irgendetwas so und nicht anders ist, finden. Wir sind Individuen, und jeder ist mit anderen Anlagen und unter anderen Voraussetzungen auf diese Welt gekommen. Insofern lässt sich in Bezug auf die Vaterentbehrung vieles gar nicht generalisieren. Trotzdem werden Sie Aussagen finden, die man bis zu einem gewissen Grad verallgemeinern kann, weil Forschung und Wissenschaft diese in Studien belegt haben.

2. DIE WAHRHEIT UND WARUM PLÖTZLICH ALLES ANDERS WAR

ALS PAPA NICHT MEHR PAPA WAR

Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, ob ich neun oder zehn war, als eine unbedachte Bemerkung auf einem Familienfest meine Realität explodieren ließ.

»Weißt du eigentlich, dass Gerhard* (Name geändert) gar nicht dein richtiger Vater ist?«, fragten mich meine Cousinen damals neugierig. Nein, ich wusste es nicht. Ich wusste nur, dass in diesem Moment der Boden unter meinen Füßen aufbrach, gleichzeitig der Himmel über mir zusammenstürzte und ich mich im freien Fall befand. Mir wurde schlecht, heiß und kalt zugleich. Mein Bauch krampfte sich zusammen, und mein Herz schlug so heftig, dass ich glaubte, man könnte es mir ansehen. Ich stand an einem Schrank im Flur der kleinen Wohnung, war froh, dass ich mich anlehnen und festhalten konnte, und mobilisierte alle Kräfte, um mir nichts anmerken zu lassen.

»Ihr lügt!«, gab ich trotzig zur Antwort, dann lief ich zu meiner Mutter. Sie würde alles zurechtrücken, meine Welt wieder in Ordnung bringen. »Wer hat dir das gesagt?«, wollte sie wissen, ohne mir meine Frage nach dem falschen oder richtigen Vater zu beantworten. Sie wurde sichtlich nervös und wütend. »Mama, haben sie recht?«, fragte ich wieder. Mittlerweile bekam auch Gerhard mit, dass etwas nicht stimmte.

»Ja, Gerhard ist nicht dein Vater. Das wollten wir dir eigentlich später, wenn du älter bist, einmal sagen. Überhaupt, es ist doch nicht so wichtig. Es spielt gar keine Rolle, ob richtiger Vater oder nicht. Gerhard ist wie ein richtiger Vater für dich, und nur das zählt. Also geh rüber zu ihm, und sag ihm, dass du ihn lieb hast.«

Der ziemlich barsche Ton meiner Mutter schüchterte mich eher ein, als dass er mich beruhigte. Gerhard stand jetzt neben mir. Stumm. Ich sah ihn an und begriff die Welt nicht mehr. Der, der bis vor ein paar Minuten noch mein Vater war, sah plötzlich aus wie ein Fremder. Ich glaube, ich habe ihn damals einfach nur umarmt und mich an ihm festgehalten, um mir das vertraute Gefühl zurückzuholen.

Doch das half nicht. Scham, Verwirrung, Verzweiflung, das Gefühl betrogen und hintergangen worden zu sein und die von nun an bohrenden Fragen nach dem richtigen, dem echten Vater ließen sich nicht mehr wegkuscheln. Wer war der Vater? Warum kannte ich ihn nicht? Warum hat er mir nie zum Geburtstag gratuliert? Warum hat er sich nie nach mir erkundigt? Sich nie für mich interessiert?

Mit den Fragen setzte gleichzeitig ein verstörendes Misstrauen gegenüber meiner Mutter und meinem Stiefvater ein. Vielleicht hatten sie ja verhindert, dass er Kontakt zu mir aufnahm? Vielleicht hatte er ja versucht, zu mir zu kommen, und meine Mutter hatte es ihm nicht erlaubt?

Natürlich wollte ich jetzt alles wissen, aber meine Mutter und mein Stiefvater wiegelten ab und ließen mich zumindest in diesem Augenblick mit all meinen Fragen und Gefühlen allein. Sicher weil der Rahmen nicht für Offenbarungseide taugte, und vielleicht, weil sie sich selbst nicht darüber im Klaren waren, wie sie mit der Situation umgehen sollten. Schließlich waren sie ebenso überrumpelt worden wie ich und hatten nicht damit gerechnet, dass ihr »kleines Geheimnis« so plötzlich offengelegt werden würde. Denkbar wäre auch, dass sie wirklich auf den »richtigen Augenblick« gehofft hatten und nicht wussten, dass der längst verpasst war.

Das Nächste, woran ich mich erinnern kann, ist, dass ich am darauffolgenden Tag meiner besten Freundin in der Schule erzählte, was passiert war. Erst jetzt fand ich den Raum, um meiner Verzweiflung wenigstens ein bisschen Luft zu machen und zu weinen. Doch den Stress, der in mir entstanden war, konnte ich auch da nicht abbauen. Ich hatte das Gefühl, dass es nicht sein darf, dass ich wegen der ganzen Situation weine, und wollte mir vor anderen eigentlich auch nicht die Blöße geben, dass ich mit einem Mal keinen »echten« Papa mehr zu Hause hatte. Also verschloss ich ab jetzt alle Gefühle tief in mir und ließ mich von der Haltung meiner Mutter, dass doch alles nicht so schlimm, Gerhard ja ein guter »Papa« und mein richtiger Vater dagegen ein »Arsch« sei, überzeugen. Meine Mutter zeigte mir dennoch irgendwann eine kleine Schwarz-Weiß-Aufnahme. Das einzige Foto, das sie von ihm hatte. Ein junger Mann, der ziemlich weit weg auf einem Felsen saß und gegen die Sonne blinzelte. Glücklich sah er nicht aus, und erkennen konnte ich mich in seinem Gesicht auch nicht.

WENN UNERKLÄRLICHES KLAR WIRD

»Du kommst ganz nach deinem Vater, von mir hast du so gut wie gar nichts«, sagte meine Mutter oft in Momenten, in denen deutlich wurde, dass wir beide wenig gemeinsam haben. Das gilt nicht nur rein äußerlich. Vom Wesen, vom Temperament, von den Interessen her bin ich ganz anders als sie. Das Problem war, dass ich dieses »Anderssein« im Kopf von nun an stets mit dem »schlechten« Vater, mit dem »Arsch« oder dem fremden Mann auf dem Bild verknüpfte, denn eine andere Identifikationsfigur fand ich in der mütterlichen Linie nicht. Und auch mein Stiefvater war plötzlich als Identifikationsfigur untauglich geworden. Das schmerzte mich sehr, denn er war und ist ein liebevoller Mensch. Er hat nie einen Unterschied gemacht, mich nie spüren lassen, dass ich nicht sein leibliches Kind war. Aber obwohlich ihn liebte, hinterfragte ich von nun an stets sein Handeln. Eine sehr verwirrende Situation.

Die ablehnende Haltung meinem leiblichen Vater gegenüber war aus Sicht meiner Mutter durchaus verständlich. Ich übernahm sie kindlich unreflektiert und versperrte mir damit lange den Weg zu meinen eigenen Fähigkeiten, Talenten und zu meiner Selbstliebe. Es war so, dass ich mir teilweise bewusst, teilweise unbewusst nicht mehr erlaubte, bestimmte Eigenschaften zu leben oder mich, so wie ich war, gut zu fühlen. Wer will denn schon freiwillig wie ein Arsch sein? Gleichzeitig öffnete das Nichtwissen um die väterliche Seite die Tür zu vielen Fantasien. Ich fing an, mir die Menschen, die ich nicht kannte, in meinem Kopf zu bebildern.

Der nächste große Schock, etwas, das mich zutiefst traurig stimmte, kam, als ich erfuhr, dass ich einen Halbbruder habe, der neun Tage vor mir im selben Krankenhaus das Licht der Welt erblickt hatte. Dass es noch zwei weitere, jüngere Halbgeschwister gab, die mein Vater einige Jahre später mit einer weiteren Frau gezeugt hatte, nahm ich nach dieser ersten Nachricht nur noch beiläufig auf.

Ich hatte also mit einem Schlag drei Halbgeschwister. Und dabei hatte ich mir schon immer sehnlich einen Bruder oder eine Schwester gewünscht. Nun waren sie real und doch wiederum nicht, denn sie blieben genauso ein Phantom wie mein Vater und andere Familienmitglieder seiner Linie. Natürlich fragte ich meine Mutter, ob wir Kontakt aufnehmen könnten. Aber da führte kein Weg hin.

Vier Kinder mit drei Frauen. Ich war das Geheimnis in dieser Runde. Der Bastard. Mich wollte mein Vater zunächst nicht einmal anerkennen. Beschimpfte meine Mutter als Lügnerin und Hure. Knapp einen Monat nach meiner Geburt unterschrieb er wohl auf Drängen seiner Familie doch die Vaterschaftsanerkennung und zahlte fortan bis zu meinem 18. Geburtstag Unterhalt.

DIE ANDERE FRAU

Als ich meine Mutter irgendwann mal fragte, warum sie damals nicht verhütet hatte, erzählte sie mir, dass sie überhaupt nicht aufgeklärt war, dass sie gar nicht wusste, was mit ihr geschah, als plötzlich ihre Periode aussetzte. Ich erfuhr auch, dass sie immer nur an bestimmten Tagen zu meinem Vater in die Wohnung durfte, weil er an den anderen angeblich studierte. Und dass sie, als sie merkte, dass sie schwanger war, an einem Tag, der eigentlich für Besuche verboten war, zu ihm ging. Sie wollte ihm sagen, dass ich unterwegs war, wollte ihre eigene Verzweiflung über diesen Umstand, ihre Unsicherheit mit ihm teilen.

Als sie klingelte, öffnete ihr eine Frau. Wie sich herausstellte, war sie die Ehefrau meines Vaters. Was dann passierte, gleicht einem Theaterstück, bei dem man als Zuschauer ungläubig den Kopf schüttelt oder sogar lacht, weil es so absurd wirkt und jedem die Vorstellung, dass einem selbst so etwas widerfahren könnte, äußerst unwahrscheinlich vorkommt. Da standen sich zwei betrogene Frauen gegenüber, die beide denselben Mann liebten und nun ein Kind von ihm erwarteten. In ihrem Entsetzen angesichts der Situation fingen sie an, sich auf der Straße anzuschreien, bis meine Mutter die Aussichtslosigkeit ihrer Situation erfasste und ging.

Dieses Erlebnis hatte sie zutiefst getroffen. Es lässt sich also ohne Weiteres begreifen, dass sie mich von diesem Moment an erst recht nicht bekommen wollte, weil sie selbst noch ein halbes Kind war und die Aussicht auf die Rolle einer alleinerziehenden Mutter für sie völlig inakzeptabel war. Auch, dass sie versucht hat, sich selbst und mir das Leben zu nehmen, ist vor diesem Hintergrund gewissermaßen nachvollziehbar. Ich verdanke mein Leben meiner schon erwähnten vitalen Kraft sowie meiner Oma und den anderen Familienangehörigen, die meiner Mutter Mut zusprachen und ihr versicherten, dass man »mich schon groß kriegen würde«. Und am Ende verdanke ich mein Leben natürlich meiner Mutter, die letztendlich doch die Kraft undden Mut fand, mich auszutragen, obwohl sie meinem Vater beruflich bedingt noch einige Male begegnete, er also sah, wie sein Kind in ihrem Bauch heranwuchs, und trotzdem bei seiner abweisenden Haltung blieb.

LEBEN MIT DER WAHRHEIT

Der dänische Philosoph und Schriftsteller Sören Kierkegaard fasst in dem nachfolgenden Satz wunderbar zusammen, wie mein Leben mit dem Wissen um den abwesenden Vater zunächst weiterging. »Man kann das Leben nur rückwärts verstehen, aber leben muss man es vorwärts.«

Auch für mich ging das Leben nach der Botschaft, dass es einen leiblichen Vater gibt, natürlich weiter. Lange Phasen spielte das Thema Vater überhaupt keine bewusste Rolle. Erst im Nachhinein habe ich verstanden, dass viele meiner Muster und viele Verhaltensweisen mit der Vaterentbehrung und der Art und Weise, wie ich von meinem Vater erfahren habe, in engem Zusammenhang standen. Dass ich teilweise wie »programmiert« auf ein bestimmtes Denken und Handeln war. Es nicht bewusst in der Hand hatte, also im wahrsten Sinne des Wortes nicht selbst-bewusst aus mir heraus agierte, sondern entsprechend meiner Prägung reagierte. Verlustangst war stets ein großes Thema. Oder wie Robert Betz es bezeichnet: »die Verlassenheitswunde«.3

Sie kettete mich nicht nur in einem ungesunden Maß an meine Mutter, was eine typische Reaktion auf Vaterentbehrung darstellt, sondern hinderte mich auch lange daran, mich überhaupt mit meiner Identität tiefer auseinanderzusetzen. Ich hatte Angst, speziell meiner Mutter damit noch mehr wehzutun. Ich wollte ein braves Kind sein, wollte bei ihr sein, ihr keinen Kummer bereiten, denn sie hatte doch schon so viel gelitten. In mir gab es eine undefinierbare, aber hartnäckige Angst davor, dass sie mich verlässt, dass ihr etwas zustößt, sie nicht mehr zurückkommt. Aber nicht nur sie, auch meinen Stiefvater und später alle anderen Personen, die mir nahestanden, bezog ich in diese Angst ein. Diese Befürchtung, verlassen zu werden, war nahezu existenziell. Sie schwebte wie ein Damoklesschwert über mir.

Ich habe mich oft gefragt, ob es besser gewesen wäre, ich hätte die Wahrheit überhaupt nicht erfahren, ob das etwas geändert hätte, mir zumindest ein paar der seelischen Verletzungen erspart hätte. Nein, hätte es nicht. Einige Psychologen sagen, dass wir instinktiv spüren, wenn etwas mit unserer Ursprungsfamilie nicht stimmt. In seinem Buch »Das Drama der Vaterentbehrung« schreibt Horst Petri dazu: »Aber wie bei allen Adoptivkindern und denen, die auch über ihre Herkunft getäuscht wurden, schlägt eines Tages die Stunde des Zweifels.« Und weiter sagt er, dass es meist die berüchtigten Zufälle sind, durch die der Schwindel oder die Geheimhaltung aufgedeckt wird – wie es auch in meiner Geschichte passiert ist. Für ihn scheint es ein Gesetz zu sein, »dass kein Mensch über seine Herkunft betrogen werden kann«.

Familiengeheimnisse dienen stets einem Auftrag, der wiederum über mehrere Generationen laufen kann. Das muss nicht immer schlecht für die beteiligten Personen sein, manchmal gibt es sogar Geheimnisse, die eine Zeit lang schützen, bis der Betroffene über die Ressourcen verfügt, sich der Wahrheit zu stellen. Destruktiv wird es erst, wenn das Geheimnis die Identitätsfindung derjenigen destabilisiert, die im Unklaren gelassen werden. Wenn Ängste und Unsicherheiten über die eigene Herkunft Selbstzweifel schüren. Fliegt die Heimlichkeit auf, dann gesellt sich zum eigentlichen Drama noch der Vertrauensverlust hinzu und die Scham derer, die das Geheimnis hatten hüten wollen. Totschweigen oder Verleugnung bindet unglaublich viel Energie. Kraft, die jene, die lügen, aufbringen müssen, und Kraft, welche die Betrogenen mobilisieren müssen, um die eigene Wahrheit zu entdecken. Totgeschwiegene sind lebendiger, als man denkt. Totgeschwiegene Kinder ebenso wie totgeschwiegene oder verleugnete Väter. Ich werde im Kapitel »Vatersuche« speziell darauf eingehen, wie überraschend groß der Wirkungskreis solch einer vertuschten Vaterschaft sein kann und in meinem Fall auch war. Wie viele Menschen bewusst oder unbewusst involviert und somit betroffen waren.

Einen Menschen über seine Herkunft zu belügen, ihn im Unklaren über seine Wurzeln zu lassen wiegt vielmals schwerer als zum Beispiel die klare Gewissheit des Todes einer nahestehenden Person. Das ist auch mit ein Grund, warum Kriegswaisen das Drama der Vaterentbehrung oftmals besser verarbeiten als jene, die ihren Vater durch Umgangsvereitelung der Mutter nicht mehr sehen können oder den Vater verlieren, weil er sich abkehrt. In der Literaturstudie »Folgen von Vaterentbehrung« von Rotraut Erhard und Herbert Janig steht dazu: »Die Tatsache, dass die Ungewissheit über das Schicksal von Angehörigen viel schwerer zu ertragen ist als die Gewissheit des Todes, weist darauf hin, dass der Umstand, nicht wissen zu dürfen, wer der eigene Vater (oder die Mutter) ist, möglicherweise traumatischere Folgen für den Betroffenen hat und schwerer zu verkraften ist als der Umstand, dass der Vater verstorben ist, die Eltern sich haben scheiden lassen, der Vater im Gefängnis oder in Kriegsgefangenschaft war, krank oder absent war, als man ihn während seiner Kindheit brauchte.« Eine Aussage, die ich vorbehaltlos unterstreichen kann.

Einiges von dem, was ich bruchstückhaft erfahren hatte, brannte sich in meinem Kinderkopf und in meinem Herzen ein. Vor allem der Gedanke, dass ich nicht gewollt war, setzte sich fest. Weder von meinem Vater, der diese Ablehnung ja offen austrug, noch von meiner Mutter, die ihre inneren Kämpfe mit der Mutterschaft nicht vor mir verbergen konnte. Als Kind nimmt man solche Ambivalenzen nicht als das wahr, was sie sind – eben Ambivalenzen. Für ein sensibles Kind kann sich das wie eine dauerhafte Existenzbedrohung anfühlen. Wird ein Familiengeheimnis gelüftet, offenbart sich plötzlich eine neue systemische Ordnung. In meinem Fall musste ich mich nun damit auseinandersetzen, welche Beziehung ich zu meinem leiblichen Vater und von nun an zu meinem Stiefvater hatte. Die Deutung, dass einer der Arsch und der andere der Heilige war, wollte mir partout nicht schmecken. Es war nicht so leicht, wie sich das meine Mutter wünschte – nach dem Motto: So, jetzt ist es gesagt, also schütteln wir uns mal kurz, und alles ist wieder gut. Nichts war gut, denn es war ja alles anders.

So geht es den meisten Menschen, die plötzlich mit einer existenziellen Wahrheit konfrontiert werden. Man ist verwirrt, weiß nicht, wer denn nun auf den Vaterthron gehört. Stellt sich die Frage, ob es wichtig ist, dass man blutsverwandt ist, oder ob man das nicht einfach zur Seite schieben und den Stiefvater als »richtigen« Vater anerkennen sollte. Vor allem, wenn man sich – so wie ich – an keinen anderen Vater erinnern kann. Bei mir hat das nicht funktioniert. Mir wurde von nun an in vielen Situationen bewusst, dass Gerhard eben nicht der »leibliche Vater« war – Papa hin oder her.

Sicher war die Zeit auch für ihn kein Sommerspaziergang. Wir haben das bis heute nicht thematisiert, aber ich kann mir vorstellen, dass die ausgesprochene Wahrheit ihn natürlich in seiner Rolle als Mann, als Ehemann und als Vaterfigur verunsichert hat. Die Chance, eine frühkindliche Bindung zu mir aufzubauen, hatte er ja nicht gehabt. Mit dem Wissen darum, dass er nicht mein leiblicher Vater war, schlich sich bei mir nach und nach der heimliche Verdacht ein, dass er mich nur als Anhängsel meiner Mutter akzeptiert hatte. Ich war eben nun mal da, und wenn er sie wollte, dann musste er mich hinnehmen. Wie mit einem Minensuchgerät ging ich fortan über jede seiner Handlungen und überprüfte sie auf Wahrhaftigkeit.

Für mich war das die einzige Möglichkeit, um meine Welt wieder zu sortieren. Um mir aus dem zerbrochenen Bild ein neues zu schaffen, das mir Halt gab. Heute, mit Abstand betrachtet, weiß ich, dass vieles davon aus meiner kindlichen Perspektive heraus zwar durchaus verständlich war, manchmal aber mit der Realität nicht übereinstimmte. Kinder kreieren sich eben eine eigene Wirklichkeit. Wir kennen das alle: Ist der Fokus auf etwas gerichtet und ist man tief von einer Sache überzeugt, dann finden sich natürlich auch an jeder Ecke Beweise für die eigene Sicht auf die Dinge.

Horst Petri stellt die berechtigte Frage, ob ein Stiefvater jemals die Rolle des leiblichen Vaters voll und ganz besetzen kann, und kommt zu dem Schluss, dass das nicht möglich ist. Er gibt zu bedenken, »dass Männern ihr Vatersein nicht mit in die Wiege gelegt wird, sondern (sie dieses) nur über einen mühsamen Prozess der psychosexuellen Identitätsfindung erreichen«. Er geht sogar so weit, ins Tierreich zu schauen, wo das Männchen, das ein neues Rudel übernimmt, meist alle Jungtiere des alten Anführers tötet.4Sicher gibt es in der Realität extreme Fallbeispiele, bei denen sich diese Analogie übertragen lässt, Stieffamilien, in denen Kinder aus der ersten Beziehung gequält oder auch getötet werden. Das sind glücklicherweise Ausnahmen. Trotzdem weißt dieses instinktgesteuerte Verhalten im Tierreich auf ein vorhandenes Konfliktpotenzial in Patchwork-Familien hin und darauf, dass sich ein Vater vielleicht doch nicht so einfach ersetzen lässt, wie sich das alle Beteiligten wünschen würden.