Beschreibung

"In ihrem aufrüttelnden Buch geht Jeannette Hagen der Frage nach, weshalb sich so viele Menschen in unserem Land nicht mehr vom Leid der Flüchtlinge berühren lassen und stattdessen mit Angst, Abwehr und mitunter sogar Aggression reagieren. Dabei blickt die Autorin, die selbst mehrmals als freiwillige Helferin auf Lesbos und in Idomeni war, unter anderem auf die bis heute nicht vollzogene Aussöhnung mit unserer nationalsozialistischen Vergangenheit und erklärt die immer wiederkehrenden Wirkmechanismen von abgespaltenen Gefühlen. Aber Jeannette Hagen zeigt auch: In der gegenwärtigen Situation liegen große Chancen, wenn wir bereit sind, Visionen zuzulassen und menschlich zu handeln. Es ist an der Zeit, gemeinsam etwas zu bewirken und die einschränkenden Denk- und Verhaltensmuster aufzubrechen. Diese Welt wird sich verändern – und wir würden gut daran tun, wenn wir diesen Wandel aktiv mitgestalten. Tagtäglich konfrontieren uns die Medien mit dem Leid und der Not der Menschen, die vor Krieg, Gewalt und Verfolgung fliehen: Wir sehen verzweifelte Eltern und Kinder, die ihr Leben auf dem Mittelmeer riskieren. Gestrandete Menschen, die nach der Schließung der Balkanroute wochenlang in Schlamm und Dreck an Europas Grenzzäunen ausharren. Die Not in den Flüchtlingslagern. Doch anstatt Mitgefühl zu zeigen und zu helfen, schauen viele von uns einfach weg. Anstatt das Entsetzen in aktives Handeln umzusetzen, verschließen wir am liebsten Augen und Ohren. Wir schneiden uns von unseren Emotionen ab – und halten damit das Elend konsequent von uns fern. Empathie und Mitgefühl als Säulen unseres Menschseins haben eine erschütternde Entwertung erfahren. Doch diese Abkehr von Gefühlen tötet nicht nur unsere Menschlichkeit, sondern entfremdet uns voneinander und von uns selbst. Der Kopf dominiert das Herz. Dem Denken wird gegenüber den Emotionen eine Vormachtstellung eingeräumt, deren Auswirkungen uns teuer zu stehen kommen.

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Beliebtheit


1. eBook-Ausgabe 2016

© 2016 Europa Verlag GmbH & Co. KG,

Berlin · München · Zürich · Wien

Umschlaggestaltung: Hauptmann & Kompanie

Werbeagentur, Zürich, unter Verwendung eines Fotos von © ullstein bild – Reuters / Yannis Behrakis

Redaktion: Carsten Schmidt

Layout & Satz: BuchHaus Robert Gigler, München

Konvertierung: Brockhaus/Commission

ePub-ISBN: 978-3-95890-107-0

ePDF-ISBN: 978-3-95890-108-7

Das eBook einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Der Nutzer verpflichtet sich, die Urheberrechte anzuerkennen und einzuhalten.

Alle Rechte vorbehalten.

www.europa-verlag.com

Ich widme dieses Buch den Menschen, die auf der Flucht sind. All jenen, die seit Monaten kein eigenes Bett mehr haben, keine Sicherheiten, keine Heimat. Ich verneige mich tief vor ihrem Mut und vor ihrer Kraft.

INHALT

PROLOG

Achtung, Gefühle! Was dieses Buch erreichen will

1. VORGESCHICHTE – DIE ENTWICKLUNG MEINER HALTUNG

2. UNSER VOLLES LEERES LEBEN – EINE BESTANDSAUFNAHME

Der »bessere« Pass

Gefühle wie Wut verschwinden nicht einfach

Geflohene als Bedrohung

Alternde Gesellschaft

Chance statt Bedrohung

Der kalkulierte Tod

Der Nachrichtenwert und politische Heuchelei

3. DER ZYNISMUS DES EINZELNEN UND WEGE ZUR KRAFT DER GEMEINSCHAFT

Wie Spielfiguren auf dem Brett

Die Verantwortung des Einzelnen

Eigene Erfahrung als Auslöser von Hass

Das »feine« Schweigen der Mehrheit

Hilfsbereitschaft als Wesensart

Haben oder Sein

Die Kraft der Gemeinschaft

Die Bedeutung der Sprache

4. VOR ORT SEIN – DAS LEBEN DER ANDEREN

5. WAS DEFIZITÄRES DENKEN UND ERZIEHUNG MIT UNSEREN GEFÜHLEN ZU TUN HABEN

Unterschiedliche Bewältigungsstrategien

Die Konfrontation mit uns selbst

Wut, Hass, Gewalt: eine endlose Spirale?

Defizitäres Denken und seine Auswirkungen

Bootsladungen voller Gefühle

Die Bedeutung von Erziehung und Bildung

Väter im Kontext unserer Gefühle

Individuelle Folgen von Vaterentbehrung

Transgenerationale Weitergabe von Traumata und unsere Unfähigkeit, zu trauern

6. WAS IST ZU TUN? WEGE AUS DER LEBLOSIGKEIT

EPILOG

Dankesworte

Weiterführende Literatur

Möglichkeiten zur aktiven Hilfe

Anmerkungen

PROLOG

»Man darf nicht nur dagegen sein,sondern muss etwas tunund an der Zementmauer der Unmöglichkeit versuchen,kleine Möglichkeiten herauszuschlagen.Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit,den ihr um euer Herz gelegt habt.Wenn jeder wartet, bis der andere anfängt,wird keiner anfangen.«

SOPHIE SCHOLL

Meine Tochter Emma ist Grundschülerin. Vor zwei Tagen sagte sie: »Mama, ich habe ganz viele Leichen gesehen.«

»Wo?«

»In den Nachrichten. Mit dem Opa. Er hat gesagt, ich soll nicht hinsehen, aber ich hab sie ganz kurz trotzdem gesehen, wie sie am Strand liegen […].«

Ich wollte meinem Kind in Ruhe erklären, wie es dazu kommt, dass so viele Menschen im Meer ertrinken und wieso es das in den Nachrichten sehen muss.

Sie sagte: »Mama, ich weiß alles über die Flüchtlinge. Sie sterben im Meer, weil sie nicht zu Hause in ihren Ländern sterben wollen. Ich weiß nur nicht, wieso ihnen niemand hilft.«

(Sabine Beck und Emma)

Die Frage der kleinen Emma ist mehr als berechtigt. Sie drückt ihr gesundes Erstaunen über die offensichtliche Gleichgültigkeit der Erwachsenen aus. Ihr Entsetzen darüber, dass den Frauen, Männern und Kindern, die auf der Flucht vor Krieg, Gewalt und Verfolgung sind, nicht geholfen wird und viele von ihnen deshalb sterben müssen.

Wären wir alle so alt wie Emma oder würden wir noch so fühlen wie sie, dann gäbe es vermutlich keine Toten im Mittelmeer. Denn Menschen einfach so ertrinken oder ersticken zu lassen – das würden wir nicht übers Herz bringen.

Nun sind wir aber nicht mehr acht Jahre alt, sondern erwachsen. Wir sehen die Bilder, aber statt das ganze Ausmaß des Leids zu fühlen, das sich vor unseren Augen abspielt, und dementsprechend zu handeln, schalten wir unseren Kopf ein und finden Tausende Gründe, warum das so ist oder sogar richtig sein soll.

Ich bitte Sie, einen kurzen Moment zu überlegen, was Sie tun würden, wenn Sie einen Ertrinkenden in einem See oder im Meer sehen. Nicht im Fernsehen oder auf dem Laptop, sondern ganz analog in Ihrer Nähe. Ich bin sicher, Sie würden keine Sekunde zögern. Sie würden wahrscheinlich mit Ihren Sachen am Leib ins Wasser springen und versuchen, ihn zu retten, oder Sie würden so schnell wie möglich Hilfe holen. Sie würden gar nicht auf die Idee kommen, daneben zu stehen, die Situation zu überdenken und dabei zuzuschauen, wie er ertrinkt. Es wäre Ihnen völlig egal, ob es ein Syrer, ein Marokkaner, ein Chinese oder ein Deutscher ist, der da in den Wellen um sein Leben kämpft. Sie würden keinen Gedanken daran verschwenden, ob der Mann Ihnen den Arbeitsplatz wegnehmen will, aus welchen Gründen er dort im Wasser ist oder ob seine Familie in ein paar Wochen auch ins Land kommt. Sie fühlen, dass dort jemand in Not ist, und handeln. Und Sie fühlen sich gut dabei. Sie würden für Ihren Einsatz eventuell auch gefeiert oder geehrt werden. Zu Recht, denn Sie haben jemandem das Leben gerettet. Sie haben vielleicht zwei Kindern den Vater wiedergebracht. Einer Frau den Mann. Einem Mann den Bruder. Einer Mutter ihren Sohn. Und nun frage ich Sie: Wenn Sie einen retten würden, warum lassen Sie es zu, dass Tausende ertrinken?

Weshalb schauen Sie weg? Weil es etwas anderes ist? Weil wir nicht alle retten können? Weil es Flüchtlinge sind? Weil Deutschland nicht die »Heilsarmee für die Welt« ist?

Das, womit wir derzeit konfrontiert sind, ist keine »Flüchtlingskrise«. Es ist eine gesellschaftliche Krise, deren erschreckendes Ausmaß im Kontext der sogenannten Flüchtlingskrise erst deutlich wird. Der Kopf dominiert das Herz. Weil den meisten Menschen von klein auf erzählt und vorgelebt wurde, dass Gefühle uns »im Weg stehen« und »beherrscht« werden müssen, haben Empathie und Mitgefühl als Säulen unseres Menschseins eine erschütternde Entwertung erfahren. Antrieb, aber gleichzeitig auch Folge dieser Entwicklung sind unsere starren individuellen und gesellschaftlichen Strukturen: Normen, Gesetze, Verordnungen und Maßnahmenkataloge.

Wer allerdings nicht mehr fühlen kann, braucht andere Orientierungshilfen. Wer diese hat, verlernt das Fühlen. Was »richtig« oder »falsch« ist, wird nicht von innen heraus gefühlt, sondern von außen diktiert.

Mit der Ausrichtung auf das Denken, auf unsere Ratio, haben wir viel erreicht. Der Fortschritt ist unumstritten. Tragisch daran ist, dass wir dafür über Leichen gehen. Die Abkehr von Gefühlen tötet nicht nur unsere Menschlichkeit, sondern macht es möglich, dass wir fleißig an dem Ast sägen, auf dem wir sitzen. Der Zustand unserer Welt ist das Spiegelbild der Zerrissenheit unserer Seelen. Über diese Ansicht kann man ignorant lachen, das macht sie aber nicht weniger wahr.

Wer Geflohenen heute hilft, also Menschenleben rettet, wird dafür nicht mehr gefeiert. Im Gegenteil. Im Januar 2016 wurden sechs Rettungsschwimmer verhaftet, die 51 Geflohene aus einem seeuntüchtigen Schlauchboot retteten und an die Küste von Lesbos brachten. Während die Rettungsschwimmer im Gefängnis saßen, starben an dem Küstenabschnitt, für den sie verantwortlich waren, acht Kinder.

Wer heute Geflohene »willkommen heißt«, muss sich nicht selten vor Freunden, Familienmitgliedern oder Arbeitskollegen rechtfertigen. Im schlimmsten Fall wird er oder sie beschimpft. Manche werfen ihm vor, blind für die Sorgen der eigenen Bevölkerung zu sein. Andere gehen sogar so weit, zu sagen, dass die, die menschlich handeln, der Gesellschaft schaden. Sozusagen das eigene Nest beschmutzen, den Terror ins Land holen. Nach den Ereignissen im Juli 2016 ist diese Ansicht besonders populär.

Wer Emotionen zeigt, wer seine Verletzlichkeit angesichts der Tragödien unserer Tage nicht hinter Mauern aus Sarkasmus, Sachverstand und »Realitätssinn« versteckt, wer eine Chance in der gegenwärtigen Situation sieht, hat es schwer. Er wird verlacht oder als Träumer abgestempelt.

Als ich vor einigen Tagen auf meinem Facebook-Account dazu aufrief, statt mehr Waffen, mehr Polizei und mehr Überwachung zu fordern doch lieber »mehr Liebe« zu wagen, bekam ich neben vielen anderen auch diesen Kommentar: »Herrliche Traumwelt, in der ihr lebt – und alles ist ganz einfach.« Manche haben mir auch schon dazu geraten, einen Psychologen aufzusuchen, weil ich ganz offensichtlich an einem Rettungssyndrom leide. »Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen«, hatte Helmut Schmidt einst gesagt – und viele haben ihm geglaubt.

Wir können uns heute fast alles erklären, aber wir scheitern oft, wenn Gefühle im Spiel sind. Irrationales wird dadurch suspekt. Der Tenor unserer Zeit ist, dass nichts wahr ist oder sein kann, was nicht die »harte Prüfung der Vernunft besteht«. Was nicht rational erklärt und wissenschaftlich belegt werden kann, existiert nicht. Wir folgen damit dem Philosophen René Descartes, der 1641 den Grundsatz prägte: »Cogito ergo sum« – »Ich denke, also bin ich«. Mit diesem Satz räumte er dem Denken einen Stellenwert ein, den es zu hinterfragen gilt.

Ich halte diese Entwicklung, die Abkehr von Emotionen, von Mitgefühl und Menschlichkeit, für grundfalsch. Ich habe den Eindruck, dass wir in einer Sackgasse feststecken. Wir sind doch nicht, weil wir denken, sondern wir können denken, weil wir sind. Wir fühlen aber auch – und diese Gefühle entziehen sich jeglicher Vernunft und Rationalität. Je stärker jedoch die Konzentration auf dem Denken lag, umso ominöser wurden die Gefühle. Und um diese Ambivalenz, um das Ungleichgewicht zwischen Denken und Fühlen und seine Ursachen, geht es in diesem Buch.

Weil es so herausfordernd ist, Gefühlen nachzugehen und sie einzuordnen, debattieren und diskutieren wir heute viel, sind schlau und haben eine Meinung. Und während wir damit beschäftigt sind, diese bis aufs Messer, also notfalls auch mit Gewalt zu verteidigen, werden Kriege geführt, Menschen ausgebeutet oder tote Kinder an die Küsten von Griechenland oder Libyen gespült.

Unser schlauer Kopf, unser Denken, also das, was uns als Zivilisation lange nach vorn gebracht hat, drängt uns nun an den Abgrund der Menschlichkeit. Und auch wenn viele diesen Eindruck beiseiteschieben – die meisten spüren, dass die Dominanz des Denkens Folgen hat.

Leistungsdenken, Ellenbogenmentalität, Konkurrenz, Kampf, Gewalt, Rationalität und Sarkasmus sind unmittelbare Effekte der Denkkultur. Das, von dem wir dachten, dass es uns zusammenbringt und die Probleme der Menschheit löst, erweist sich mehr und mehr als Irrweg, wenn es als einzig gültiges Werkzeug eingesetzt wird. Die Abkehr von Gefühlen entfremdet uns voneinander und von uns selbst. Sie führt uns immer dichter an ein Szenario heran, das sich eigentlich niemand wünscht.

Die Realität zeigt uns, dass wir die Augen davor nicht mehr verschließen können. Die Geflohenen präsentieren uns den Zustand der Welt, denn niemand begibt sich grundlos auf einen so gefährlichen Weg, überwindet Grenzen und Stacheldraht. Niemand besteigt mit seinen Kindern ein wackliges Schlauchboot und riskiert sein Leben – es sei denn, die Umstände zwingen ihn dazu.

Wir leben in einer Welt, in der Angst und Gewalt ständige Begleiter sind. Nun kann man sagen, dass das schon immer so war und dass wir hier in Europa – objektiv betrachtet – noch nie in einer so sicheren Zeit gelebt haben. Das mag sein. Der Zweite Weltkrieg liegt über 70 Jahre zurück, die Länder haben sich prächtig entwickelt, die Landschaften blühen. Also hätten wir doch allen Grund, glücklich und zufrieden zu sein. Dem ist aber nicht so. Denn abgesehen von der »Flüchtlingskrise«, den Kriegen und Terroranschlägen, die plötzlich unsere Wohlstandsträgheit erschüttern, gab es noch nie eine Zeit, in der die Menschen in dieser Größenordnung psychisch krank waren, mit Burn-out zu kämpfen hatten, depressiv waren oder einfach den Sinn dieses Lebens infrage gestellt haben. 2010 litten circa 30 Prozent der Deutschen innerhalb eines Jahres an einer diagnostizierbaren psychischen Störung.

Und obwohl die Situation sich zusehends verschlechtert, gibt es viele, die starr und mit aller Macht an der eingeschlagenen Richtung festhalten. Die noch mehr Sachverstand, noch mehr Fortschritt, noch mehr Leistung, noch weniger Gefühl fordern – und diese entmenschlichte Haltung mit Vernunft, Rationalität und logischen Argumenten untermauern. Und weil die meisten von uns gelernt haben, dass Denken wichtiger und wertvoller ist als Fühlen, hinterfragen sie das nicht, sondern sehen dabei zu, wie uns die »Überlegenheit der Ratio« einen wichtigen Teil unseres Menschseins kastriert.

Wer nicht mehr fühlt, der funktioniert. Nur so ist es möglich, dass Forderungen wie die, uns nicht mehr »von Kinderaugen erpressen« zu lassen oder uns an diese schrecklichen Bilder von toten und ausgemergelten Geflohenen zu »gewöhnen«, eine laue Empörung, aber keinen Aufschrei mehr erzeugen. Mehr noch – wir lassen zu, dass Botschaften wie diese sich peu à peu in unseren Alltag schleichen und zur Normalität werden.

»In dieser Welt der Abstraktion dominiert Gewalt. In ihr kann nur überleben, wer andere unterwirft und vernichtet. Diese Vorstellung eines Lebens ohne Mitgefühl ist auf Feinde angewiesen«, schreibt Arno Gruen in seinem Buch Dem Leben entfremdet. Warum wir wieder lernen müssen zu empfinden.

Und er hat vollkommen recht, wenn er feststellt, dass die meisten von uns dieses Leben nur halb leben, weil wir einen wichtigen Teil unseres Menschseins, unsere Empathie und unser Mitgefühl, ausklammern und durch das Kognitive ersetzen. Dabei gehören Gefühle zu uns. Sie sind ein wesentlicher Teil unseres Seins. Gefühle sind der Motor unseres Lebens. Sie geben uns Orientierung und unserem Leben Bedeutung.

Der kanadische Psychologe Gordon Neufeld schreibt: »Gefühle machen das Leben lebenswert, aufregend, herausfordernd und bedeutungsvoll. Sie sind Antrieb für die Erkundung unserer Welt, die Motivation unserer Entdeckungen und die treibende Kraft unseres Wachstums.«

Wenn Sie sich das nächste Mal fragen, warum es so viel Gewalt und so viel Elend auf dieser Welt gibt, dann kennen Sie jetzt einen Teil der Antwort. Der Grund ist die zunehmende Abwehrhaltung gegenüber unseren Gefühlen. Wer nicht fühlt, kann aber auch nicht gefühlvoll handeln. Das, was wir als Sieg feiern, die Dominanz des Kopfes über unser Herz, ist in Wahrheit eine Niederlage. Selten war das so deutlich wie in diesen Tagen, in denen wir fast kollektiv das Leid auf unserem Planeten ignorieren und obendrein noch die auslachen und als kranke esoterische Spinner beschimpfen, die ihr Herz offenhalten und nicht wegschauen, sondern handeln.

ACHTUNG, GEFÜHLE! WAS DIESES BUCH ERREICHEN WILL

Dieses Buch steckt voller Emotionen. Das mag für ein Sachbuch ungewöhnlich erscheinen, aber es ist beabsichtigt, denn schließlich sind Gefühle ja das Thema. Würde ich im Elfenbeinturm der Versachlichung bleiben, könnte ich meine Verzweiflung, meine Empörung und meine Traurigkeit nicht zum Ausdruck bringen. Sie würden hinter der Fassade von Unparteilichkeit oder Rationalität versteckt bleiben und nichts bewirken. Meine tiefste Gewissheit ist es, dass wir die Antworten auf dringende existenzielle Fragen erst dann finden, wenn wir wieder Zugang zu unseren Gefühlen erlangen und aus ihnen heraus authentisch handeln. Erst dann zeigt sich das ganze Bild. Momentan sind viele auf einem Auge blind.

Ein wichtiges Anliegen dieses Buches ist es, dem Mechanismus der Verdrängung auf die Spur zu kommen. Fragen nachzugehen, wie: Können wir nicht mehr fühlen? Wollen wir nicht fühlen? Haben wir es verlernt? Wurde es uns aberzogen? Welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang Sprache, Erziehung, Bildung und das Verhältnis zu unseren Vätern? Welche Rolle spielt unsere nationalsozialistische Vergangenheit?

Mein Wunsch ist, dass wir den Blick auf uns selbst richten. Weg von der Angst und dem, was gerade im Außen passiert. Dabei bleibt es allerdings nicht aus, den Finger in die Wunde zu legen und aufzuzeigen, welchen Wahnsinn wir zulassen und wie wir ihn uns schöndenken.

Wagen wir mehr Achtsamkeit dem gegenüber, was uns wirklich bewegt! Schenken wir den Gefühlen in uns Aufmerksamkeit! Gefühle sind das, was uns von Maschinen unterscheidet. Gefühle sind das, was uns verbindet oder trennt. Gefühle sind ein Gradmesser. Unterdrückt man sie, dann beginnen sie, in uns ein Eigenleben zu führen. Wenn wir sie ersticken, schneiden wir uns vom Leben ab. Dann brauchen wir Ersatzstoffe, Kriegsschauplätze und Projektionsflächen. So wirkt plötzlich ein Geflohener, der mutig genug war, auf sein Gefühl zu hören, sich auf den Weg zu machen und seine Sicherheiten buchstäblich über Bord zu werfen, wie ein Affront.

Wer sich seiner Gefühle nicht bewusst ist oder sich nicht um sie kümmert, der schleicht sich aus der Verantwortung für sein Leben und für das Wohl der Gemeinschaft. Der wartet darauf, dass Politiker alles regeln. Der ist empfänglich für die Heilsversprechen dubioser Machtmenschen, die schnelle Lösungen für Probleme anbieten, die niemals schnell gelöst werden können.

Ich möchte an den Gedanken heranführen, dass unsere Gefühlsabwehr und unser Angst- und Sicherheitsdenken dazu führen, dass wir mehr und mehr wie Roboter durch das Leben gehen. Selbst Mauern errichten. Wir sind nicht mehr. Sie werden im Verlauf des Buches verstehen, wie ich das meine.

Als ich den Vertrag für dieses Buch unterzeichnete, hatte ich für einen Moment Bedenken, dass das Thema in einem halben Jahr nicht mehr aktuell sein könnte, weil die »Flüchtlingskrise« durch die Abschreckungs- und Abschottungspolitik für viele Menschen gar nicht mehr sichtbar ist. Aber die aktuellen Entwicklungen in Großbritannien, in der Türkei, in Deutschland und in Frankreich zeigen, dass das Thema aktueller denn je ist. Die Einschläge kommen immer näher. Und wir brauchen etwas anderes als Gewalt, das wir dem »Wahnsinn« entgegensetzen können. Wir haben die Mittel, aber wir halten sie zurück.

Es macht uns nicht glücklich, so zu leben. Es macht unser Dasein auch nicht sicherer. Auf das Leid oder überhaupt auf einen anderen Menschen mit Sarkasmus, Verachtung und Härte zu reagieren verbessert weder unser Dasein noch den Zustand dieser Welt. Es führt nicht zu klugen, nachhaltig dienlichen Entscheidungen. Wir sollten ehrlich die Frage stellen, ob uns das bedingungslose Vertrauen in die Ratio guttut. Ob Disziplin, die nur herrscht, weil wir uns Sachzwängen unterordnen, die Menschheit voranbringt. Ob es uns näher zusammenrücken lässt, wenn wir uns gegenseitig Gefühle vorenthalten. Wenn wir Sachzwänge über Gefühle stellen. Fühlen wir uns besser, wenn wir gewalttätige verbale Schnellschüsse durch das Internet feuern oder Menschen die Hilfe verweigern, die sie benötigen? Ist es dienlich, dem Hass und der Angst das Ruder in die Hand zu geben?

Angst dominiert jedes andere Gefühl, jede Empathie. Eine Nation, die kollektiv nach dem Glück strebt, spaltet sich durch Hartherzigkeit, Strenge und Kälte davon ab. Wir debattieren und debattieren, vergeuden unsere Kraft auf Nebenschauplätzen und verlieren aus dem Blick, was wichtig wäre: anpacken, aktiv sein, das Leben und die Gesellschaft bewusst gestalten.

Ich möchte mit diesem Buch zeigen, dass unsere Gefühlsabwehr uns zu dressierten und funktionierenden Objekten macht. Ich möchte zeigen, wie anfällig wir dadurch für Manipulationen von Menschen sind, die ebenso gefühllos durchs Leben gehen und der Gier nach Macht und Überlegenheit das Zepter in die Hand gegeben haben. Sachverstand ist ein Totschlagargument gegen jeden, der die emotionale Seite einer Angelegenheit mit ins Spiel bringen will. Wer je in einer Runde von Sachverständigen – und dafür halten sich heute die meisten – Gefühle gezeigt hat oder sie ins Spiel bringen wollte, kennt sicher das abwertende und demütigende Verhalten, das einem entgegenschlägt.

Viele Menschen sind ein Leben lang darauf getrimmt, die eigenen Emotionen zu beherrschen und jede Gefühlsregung in ihrer Umgebung zu diskreditieren. Hinter ihren Mauern verbirgt sich ein tiefer Schmerz, der nicht gefühlt werden darf und der dennoch die Richtung des Denkens bestimmt. Erfahrene Verluste oder psychische Verletzungen sind in diesem Zusammenhang ein wichtiger Schlüssel. Verluste und Verletzungen – egal auf welcher Ebene, persönlich im Kontext der Familie oder kollektiv und gesellschaftlich durch traumatische Ereignisse wie dem Zweiten Weltkrieg. Werden diese nicht angemessen betrauert, halten sie uns ein Leben lang emotional gefangen. Sie steuern sozusagen aus dem Hintergrund unser Handeln.

So werden Opfer zu Tätern. Verletzte Menschen verletzen andere Menschen – wie in München, Würzburg und anderswo. Für viele ist es leichter, die »Waffe« auf andere zu richten, als sich dem Schmerz im eigenen Körper und der eigenen Seele zuzuwenden. Die Gesellschaft unterstützt diesen Weg. Denn wer darf heute noch trauern? In einer Zeit, in der es verpönt ist, Gefühle zu zeigen? In einer Zeit, in der jene, die sich öffnen, mit »mimimi«, »Heul doch!« oder auf andere Weise verlacht werden. In einer Zeit, in der alles schnell gehen muss, kaum einer die Ruhe und den Raum hat, sich seinen Gefühlen hinzugeben. Wir alle tragen Verlust- oder Verletzungsschmerzen in uns. Eigene und die unserer Vorfahren. Wir kommen nicht umhin, diese Leichen aus dem Keller zu holen, wenn wir wirklich etwas verändern wollen. Der Weg zu Umgestaltungen führt unter anderem über eine ehrliche Auseinandersetzung mit unseren Gefühlen.

»Willst du die Welt verändern, dann fang bei dir an!« ist alles andere als ein seichter Kalenderspruch. Es ist die Möglichkeitsformel für radikale Veränderungen.

Ich habe mich zu diesem Weg entschlossen, denn ich sehe in der gegenwärtigen politischen und gesellschaftlichen Konstellation die große Chance, wirklich etwas zu bewegen. Unsere eigenen Dramen, die uns durch die Geflohenen gespiegelt werden, zu erkennen und zu verabschieden. Ich habe mich entschieden, dass ich keinen weiteren Tag passiv sein möchte und mich damit indirekt an dem Sterben im Mittelmeer oder an einer fehlgeleiteten Politik beteilige. Für mich gibt es mittlerweile nur die Option, aktiv zu helfen. Ich werde im Buch einige Episoden erzählen und Möglichkeiten aufzeigen, wie man sich einbringen kann. Denn Gefühle zuzulassen ist die eine Seite, handeln die andere. Ich möchte durch dieses Buch zeigen, was ich unter angewandter Empathie verstehe.

Der herzzerreißende Kummer, der angesichts solcher Bilder wie dem des ertrunkenen Jungen Aylan Kurdi angemessen wäre, muss zugelassen werden, damit er eine authentische Reaktion hervorrufen kann. Wir müssen die Resonanz, die solch ein Anblick in uns hervorruft, erkennen. Genau davor scheuen die meisten zurück. Weil es wehtut, den eigenen Schmerz zu fühlen. Würden wir es tun, dann würde eine klare Reaktion folgen. Dann müssten wir uns um unsere verletzten »inneren Kinder« kümmern. Was das bedeutet, werde ich erklären.

Gleichzeitig müssten wir kollektiv aufspringen und uns mit ganzer Kraft dafür einsetzen, dass Menschen nicht mehr gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen, in wacklige Boote zu steigen oder ihr Vermögen Schleppern in den Rachen zu werfen. Würden wir empathisch sein und Sachzwänge nicht über Gefühle stellen, würden wir uns gemeinsam für eine Politik starkmachen, die Fluchtursachen bekämpft, nicht die Menschen, die vor ihnen fliehen – eine Politik, die für gute Lebensbedingungen in den jeweiligen Ländern sorgt, statt Grenzen und Mauern zu errichten oder Geflohene wie Verbrecher in Lagern einzusperren.

Ich hoffe und wünsche, dass Sie in meinen Überlegungen und Beispielen einen Anstoß für Ihr eigenes Handeln finden. Es wäre schade, wenn Sie das Buch lesen und sagen: »Ja, sie hat recht«, und anschließend wieder wegschauen. Ich weiß sehr gut, dass es unbequem sein kann, sich mit der eigenen Gefühlswelt und dem eigenen Unvermögen zu befassen. Fragen zu stellen ist anstrengend und erfordert verdammt viel Mut. Ich habe auch oft gezweifelt, hatte viele Bedenken – und bin aber am Ende über sie hinweggegangen.

Dieses Buch ist eine Einladung. Sollte es mir gelingen, Sie für diesen Weg zu begeistern, dann bewahrheitet sich das Zitat von Sophie Scholl, das ich an den Anfang gestellt habe. Dann habe ich »eine kleine Möglichkeit herausgeschlagen«, die vielleicht in der Summe Großes bewirkt. Das wäre ein Geschenk für uns alle.

1. VORGESCHICHTE – DIE ENTWICKLUNG MEINER HALTUNG

Lange Zeit war ich überzeugt davon, dass mich Politik nicht interessiert. Obwohl ich schon als Kind über einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn verfügte und etwas bewegen wollte, hielt ich mich zurück. Lauter, aktiver Protest oder Auflehnung gegen gesellschaftliche Missstände waren lange Zeit keine Option für mich. Obwohl mir die Ungerechtigkeiten auffielen, geriet ich irgendwann immer an den Punkt, wo ich mir den »Ist doch sowieso egal«-Mantel überstreifte und »die da oben« machen ließ. Ich dachte immer, es bringt nichts, weil man ja ohnehin keine Macht hat. Es fiel mir leichter, Politiker zum Objekt herabzustufen, denen man die Schuld in die Schuhe schieben kann. So wie es andere jetzt mit dem Ausdruck »Mutti Merkel« tun, war für mich Erich Honecker der Sündenbock.

In der DDR so eine Haltung zu kultivieren war leicht, weil viele hinter vorgehaltener Hand über die Obrigkeit meckerten. Trotzdem spürte ich, dass es Unrecht gab, dass Menschen unterdrückt wurden. Als Freunde meiner Eltern bei einem Fluchtversuch verhaftet und anschließend eingesperrt wurden, fing ich an, mich innerlich gegen das System DDR aufzulehnen. Immer noch nicht laut – aber mein Widerwille und mein Trotz gegen die sozialistische Erziehung waren geweckt. Allerdings war mir damals noch nicht bewusst, dass das System, und jene, die es aufrechterhielten, sehr geschickt darin waren, Angst als Macht- und Druckmittel einzusetzen. Wie stark das bei mir gewirkt hat und mich daran hinderte, meinen Gerechtigkeitssinn auszuleben, habe ich erst verstanden, nachdem ich die DDR kurz vor der Wende verlassen hatte. Ich werde in einem späteren Kapitel darauf zurückkommen, wie das Wirkprinzip der Gewalt und der Disziplinierung dazu beiträgt, Menschen sich selbst zu entfremden.

Still zu bleiben fühlte sich für mich nie sonderlich gut an, aber in gewisser Hinsicht sicher. Irgendwann kam jedoch der Augenblick, an dem ich gezwungen war, mich mit mir und meiner Haltung auseinanderzusetzen, Verantwortung zu übernehmen. Mein »vorgefertigtes Leben mit mutigen Entscheidungen zu meinem eigenen Leben zu machen«. Statt gleich die ganze Welt, erst einmal mich zu retten. Bei mir hatte es einen ganz persönlichen Hintergrund, der mich dazu herausforderte, meine Schmerzabwehr zu durchbrechen und die »Gefühlsakte« zu öffnen. Das war ein langer Prozess, der mir das Vertrauen in meine eigene Handlungsfähigkeit und Integrität zurückgegeben hat. Parallel zu diesem Prozess zeigte sich die Seite, die es schon immer in mir gab. Mein Wunsch, etwas zu bewirken. Zustände nicht als gegeben hinzunehmen, Ungerechtigkeiten und Missstände zu benennen – und darüber hinaus jenen zu helfen, die weniger Glück hatten als ich. Und mich dafür einzusetzen, dass andere Menschen ebenso aktiv werden und nicht weiter stumme Zuschauer sind, die gebannt auf die nahende Katastrophe blicken oder das Elend der Geflohenen konsequent ignorieren.

2015 hörte ich zum ersten Mal vom syrischen Pianisten Aeham Ahmad. Aeham lebte damals im Camp Jarmuk – einem Flüchtlingslager am Rande von Damaskus in Syrien. Das Camp ist derzeit – wie viele andere Orte in Syrien – aufgrund der Kampfhandlungen weitestgehend von der Außenwelt abgeschnitten. Hilfsorganisationen dürfen nur sporadisch hinein, die Bewohner hungern und sind buchstäblich zwischen den Fronten gefangen. Am 10. April 2015 richtete UN-Generalsekretär Ban Ki Moon einen Appell an die Weltöffentlichkeit. Er sagte, Jarmuk gleiche einem Todeslager. »Dutzende Menschen sind schon verhungert in Jarmuk. Die letzten Katzen, Vögel, Hunde wurden bereits vor langer Zeit gegessen …«, so konnte man lesen.1

Ähnlich beschrieb Aeham die Situation. Er floh jedoch nicht, sondern zog mit seinem Piano durch die Straßen und sang für die Bewohner von Jarmuk, vor allem für die Kinder. Er sang und spielte, um ihnen Mut zu machen, damit sie wieder lachten und sich freuten. Gleichzeitig wollte Aeham mit seiner Musik die Weltöffentlichkeit auf das Schicksal Jarmuks aufmerksam machen. Er spielte in den Straßen, bis zu dem Tag, als ein kleines Mädchen, das seiner Musik lauschte, neben ihm erschossen wurde, Kämpfer des IS sein Piano zerstörten und ihn und seine Familie bedrohten. Mittlerweile lebt Aeham in Deutschland, ist Träger des Beethovenpreises und wird als »Vorzeigeflüchtling« herumgereicht. Die 10000 Euro, mit denen der Beethovenpreis dotiert ist, hat man ihm allerdings nicht ausgezahlt. Begründung: Das würde sein Status als »Flüchtling« nicht erlauben. Aeham ist hier in Deutschland nach eigenen Angaben nicht glücklich. Er hat Sehnsucht nach seiner Familie. Er fürchtet, sie könnte in Jarmuk sterben. Seine Sorgen und Ängste sind absolut berechtigt. Er ist einer von vielen, die die Aussetzung des Familiennachzugs hart getroffen hat.

Ich hatte zuvor, als Aeham noch in Jarmuk war und ich über ihn gelesen hatte, sofort den Impuls, ihm zu helfen. Mich haben sein musikalisches und soziales Engagement tief beeindruckt, und so habe ich versucht, einen ungefährlichen Weg für ihn zu finden, damit er hier leben und seinem Land weiterhin eine musikalische Stimme geben kann.

Ich schreibe ganz bewusst nicht »legalen« Weg, weil das suggerieren würde, dass seine Flucht illegal war. Aber wie kann Flucht vor Krieg und Terror illegal sein? Jeder, der in seinem Land verfolgt oder ausgebeutet wird, hat das Recht auf Asyl – und wenn die Botschaften im eigenen Land nicht mehr existieren, um dort Asyl zu beantragen, müssen sich die Menschen gezwungenermaßen auf den Weg begeben. Flucht als »illegal« abzustempeln ist völlig absurd.

Denkt man sich nur für einen Moment in diese Situation hinein und überlegt, wie sich eine echte Bedrohung anfühlen würde: Wenn Bomben vom Himmel fielen, man nichts zu essen hätte und auch nicht wüsste, wie man seine Kinder retten kann. Wie würden wir mit der Bedrohung leben, dass täglich ein Familienmitglied oder man selbst sterben könnte? Würden Sie ausharren und bleiben? Kaum einer von uns hat je Entbehrungen erlebt. Ich meine richtige Entbehrungen. Wir leben in Europa so sicher wie noch nie in der Geschichte. Hier fallen keine Bomben. Hier sterben keine Kinder beim Spielen, weil sie von einem Querschläger getroffen werden. Hier hungert und verdurstet niemand. Im Gegenteil. Wir werfen Tonnen von Lebensmitteln in den Müll. Wir spülen unsere Ausscheidungen mit Trinkwasser hinunter. Wir können auf soziale Netze zurückgreifen, können zum Arzt gehen, wenn wir krank sind. Wir füttern unsere Katzen mit Lachshäppchen. Können aus unzähligen Sorten Brot wählen. Niemand muss bei uns Singvögel oder Gras essen, weil sonst nichts mehr da ist, was den Hunger stillen könnte. Die Wahrscheinlichkeit, an einer Pilzvergiftung zu sterben oder von einem Blitz getroffen zu werden, ist bei uns trotz der Ereignisse im Juli 2016 nach wie vor höher als die Gefahr, einem Terrorakt zum Opfer zu fallen. Der Kabarettist Hagen Rether fasst die verschobene Wahrnehmung unserer Zeit in seinem Programm »Liebe« sehr treffend zusammen: »Haben Sie auch Angst vor dem Islam?«, will er wissen und fügt hinzu: »Jedes Jahr sterben in Deutschland 70000 Menschen an Alkohol. Haben Sie Angst vor Riesling?«

Es hat mich buchstäblich erschüttert, als ich durch die Vernetzung mit Aeham und vielen anderen Syrern das Leid gesehen habe, das sie tagtäglich erleben. Wer sich viel in sozialen Netzwerken bewegt und entsprechend verbunden ist, der kann den Leichen, den zerfetzten Körpern, den zerbombten Städten, den weinenden Kindern und den verzweifelten Müttern und Vätern nicht ausweichen. Der sieht das Elend in seinem ganzen Ausmaß – und begreift irgendwann, dass sein Zusehen und Nicht-Handeln tödlich für die anderen ist.

Das Leid anderer Menschen geht mich etwas an, es geht uns alle etwas an, denn wir tragen einen Teil der Verantwortung dafür. In Griechenland sitzen derzeit rund 50000 Geflohene fest. Sie sind eingesperrt wie Vieh. Uns hier über Massentierhaltung zu echauffieren und gleichzeitig zuzulassen, dass Kinder in Militärcamps oder auf dem nackten Boden ausgedienter Fabriken schlafen, die mit Schadstoffen belastet sind, ist absurd. Während wir uns beim Frühstücksbuffet die Teller vollschaufeln, müssen eine Alu-Schale voll Reis mit Soße und ein labbriges Baguette in Griechenland für einen Geflohenen reichen. Das ist die Tagesration für jeden. Egal ob Kind, Schwangere oder Mann.

Neulich sagte der österreichische Außenminister Sebastian Kurz in einem Interview mit der Wiener Zeitung »Die Presse am Sonntag«, dass Flüchtlinge, die auf illegalem Weg nach Europa kommen, ihr Recht auf Asyl damit »verwirkt« hätten. Den Glücksfall sähe er darin, diese Menschen sofort in ihre Heimatländer zurückzuschicken. Wenn das nicht machbar sei, sollten sie in Asylzentren untergebracht werden, »idealerweise auf einer Insel«.2

Ich frage mich, ob Sebastian Kurz weiß, was er da sagt. Ob ihm klar ist, dass er wie ein Despot über Menschenleben richtet. Welche legalen Wege gibt es, aus der Hölle von Aleppo zu entkommen? Oder aus Jarmuk? Oder aus einem afrikanischen Land, das wir durch unsere Wirtschaftspolitik konsequent ausbeuten? Welche Chancen haben die Menschen dort denn, dem zu entkommen?