Die verlorene Geschichte - Rebecca Martin - E-Book

Die verlorene Geschichte E-Book

Rebecca Martin

4,6
9,99 €

Beschreibung

Ein altes Haus, eine geheime Liebe, ein düsteres Geheimnis

Jahrelang wusste Lea fast nichts über ihre Familie, nun steht überraschend ihre tot geglaubte Großmutter vor der Tür. Claire hat ein altes Weingut erworben, dort hat sie die schönste Zeit ihres Lebens verbracht. Doch das »Haus der Schwestern« ist auch der Ort, an dem das verhängnisvolle Schicksal der Familie vor langer Zeit seinen Anfang nahm. Als ihr Briefe und Erinnerungen von damals in die Hände fallen, beginnt Lea diese lang vergessene Geschichte wie ein Puzzle zusammenzusetzen. Es ist die Wahrheit über eine große, alle Hindernisse überwindende Liebe und das Geheimnis eines erschütternden Todes.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 600




REBECCA MARTIN | Die verlorene Geschichte

Ein Interview mit Rebecca Martin und einen Stammbaum der Familie Stein finden Sie am Ende des Bandes.

REBECCA MARTIN

Die verloreneGeschichte

Roman

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Für Irma, Hertha und Paul –danke für eure Geschichten

PROLOG

Juli 1951

Dieser Sommer würde nicht enden. Schon seit Tagen brannte die Sonne gleißend hell vom Himmel herunter. Die Hitze waberte dicht über dem staubigen Feldweg, malte flirrende Truggebilde in die Luft und ließ das alte, verfallene Weingut, das nun in der kleinen Talmulde vor Bernd und seinem Bruder Wolfgang auftauchte, noch bedrohlicher erscheinen.

Unvermittelt blieb Bernd stehen, Wolfgang tat es ihm gleich. Für diesen einen Moment, in dem die beiden Jungen mit aufgerissenen Augen reglos lauschend dastanden, war bis auf ihre eigenen hastigen Atemzüge nichts zu hören. Tatsächlich sah es so aus, als würde das Haus sie beobachten und nicht umgekehrt.

In einem Anflug von Unbehagen erinnerte sich Bernd daran, dass man sie gewarnt hatte hierherzukommen. Die Mutter hatte es sogar verboten. Zunächst konnte er sich nicht rühren, dann kehrten wie auf einen Schlag die Geräusche in die Welt zurück. Bienen und andere Insekten flirrten und sirrten in der nahen Wiese und in den Weinbergen. Aus dem trockenen Gras links und rechts des Wegs drang das lautstarke Zirpen von Grillen. Entschlossen schob der dreizehnjährige Bernd die Hände in die Taschen seiner kurzen, grauen Stoffhosen und wechselte einen herausfordernden Blick mit dem drei Jahre jüngeren Wolfgang, bevor er betont lässig weiterschlenderte.

Wolfgang zögerte noch, entschied sich dann aber, dem Bruder zu folgen, wie Bernd an den raschen knirschenden Schritten hinter sich erkannte. Er drehte sich nicht noch einmal um, wenn auch nur, um das eigene mulmige Gefühl im Magen nicht zu verstärken. Vielleicht wäre er ja sonst doch noch weggerannt, so aber rückte das Haus vor ihnen mit jedem Schritt unaufhaltsam näher.

Kurz vor der nächsten Biegung, hinter der der Weg auf das Tor des alten Guts zuführen würde, bog Bernd in einen kleinen Pfad nach rechts ab, der bald zwischen wuchernden Brombeerranken an der hinteren Mauer des Gebäudes entlangführte und vom Haus nicht eingesehen werden konnte. Um sich abzulenken, betastete er den Inhalt seiner Hosentasche: ein Stein, Vaters altes Taschenmesser und der Kaugummi des Amerikaners, den er sorgsam aufbewahrte.

Es ist verboten, hier zu spielen, mahnte die Stimme in seinem Kopf erneut.

Schon alleine deswegen übte das verfallene Gehöft wohl eine geradezu magische Anziehungskraft auf die Kinder des neuen Dorfs aus, der nur schwer zu widerstehen war. Wie oft hatte Bernd die Erwachsenen wispern hören, dass »der Alte«, der dort wohnte, den Verstand verloren habe, dass er gefährlich sei, dass er eingesperrt werden müsse.

»Nach Alzey gehört der«, hatte die Mutter einmal in seiner Anwesenheit zu Tante Ilse gesagt. Die hatte nur den Kopf geschüttelt. »Aber Margit, der tut doch keiner Fliege was. Der ist ein Eigenbrötler, der Ludwig, nichts weiter.«

Die Mutter hatte daraufhin etwas Unverständliches gemurmelt. Dann hatte sie laut mit den Töpfen gescheppert.

»Wart ab, wart nur ab«, hatte sie endlich ausgerufen. »Ihr werdet’s noch alle sehen. Ich hab meinen Jungen jedenfalls verboten, dort hinzugehen. Ist schon schlimm genug, dass Rüdiger und die älteren Burschen sich da herumtreiben. Der Ludwig, sag ich euch, der ist wie ein Blindgänger, der irgendwann explodiert.«

Danach war das Geschirrklappern wieder lauter geworden, und Bernd hatte nichts mehr zu hören bekommen. Das, was er gehört hatte, hatte ihn allerdings den ganzen Tag über nicht mehr losgelassen.

Ob der Alte wirklich gefährlich war? Wie auf ein geheimes Zeichen hin sahen beide Brüder an der hohen Gutsmauer entlang nach oben. Bernd vergrub seine Hände noch tiefer in den Hosentaschen. Wenn der Vater erfuhr, dass sie der Mutter zuwidergehandelt hatten, das wusste er, dann setzte es einen Satz heiße Ohren – und wenn der Alte sie erwischte … Er pfiff leise durch die Zähne, strich sich unwillkürlich mit der Hand über den Hals. Nun, das wollte er sich lieber nicht vorstellen, sonst würde er womöglich doch noch davonlaufen, und das konnte er sich vor Wolfgang nicht erlauben. Schließlich war er der Ältere.

Leise begann er das erste Lied zu singen, das ihm in den Sinn kam: »Warte, warte nur ein Weilchen …«

»Was singst’n da?«, wollte Wolfgang wissen.

»Nix.«

Bernd blieb stehen, eine Hand immer noch in der Hosentasche, dicht an den vertrauten Gegenständen. Stein, Vaters Messer, Kaugummi. Mit der anderen Hand stützte er sich gegen die Mauer, winkelte ein Bein an, so wie er es sich bei den größeren Jungen abgeguckt hatte.

»Traust dich nicht, gell? Willste nach Hause, Wolfi?«

Wolfgang musste den Kopf ein wenig in den Nacken legen, um dem größeren Bruder direkt ins Gesicht zu sehen. Gegen die helle Sonne blinzelte er. Er zögerte, schob die Unterlippe vor und schüttelte dann heftig den Kopf.

»Nö, hab keine Angst«, quetschte er hervor.

Bernd schaute ihn prüfend an. Natürlich hatten sie auch die großen Jungs reden hören, von dem Weingut und seinem seltsamen Besitzer. Es galt unter den Älteren als Mutprobe, sich dem Haus zu nähern, und wenn es Bernd und Wolfgang gelingen wollte, dann würden sie die Jüngsten sein, die diese Probe je bestanden hatten. Gestern waren sie erstmals hier gewesen, und heute – so hatte Bernd beschlossen – würden sie diese Mauer überwinden.

Und nicht nur das. Er hatte sich auch vorgenommen, sich dem Alten zu zeigen, denn das hatte wirklich schon lange niemand mehr gewagt.

Ganz genau hatte er sich alles ausgemalt. Zuerst hatten sie in Sichtweite der Mutter auf dem Platz vor dem Haus gespielt. Dann hatte ihr großer Bruder Rüdiger auf sie aufpassen sollen, doch dessen Freundin Jutta war bald aufgetaucht, sodass die beiden nur noch Augen füreinander gehabt hatten.

Jutta war die, über die die älteren Frauen wisperten, die, deren Röcke immer etwas zu bunt und zu weit ausgestellt waren und deren Pferdeschwanz zu keck wippte. Sagte Mutter. Jutta kaute Kaugummi, hörte Teufelsmusik und hatte ihm auch schon einmal Kaugummis mitgebracht. Jutta war das schönste Mädchen im Neubaugebiet von Bonnheim. Bernd hätte sie stundenlang beobachten können, doch als Tante Ilse gekommen war und kurz darauf ihre und Mutters Stimmen zu hören gewesen waren, hatte dem Plan nichts mehr im Weg gestanden.

Zuerst langsam und unauffällig, dann immer schneller hatten die Jungen sich entfernt. Sie waren den Hauptweg entlang durch das Dorf geschlendert, hatten dann eine Seitenstraße gewählt, waren schneller gelaufen und schneller. Irgendwann war der Asphalt in Schotter übergegangen, darauf war Lehm gefolgt, in den die Sonne eine Landkarte aus rissigen Linien gebrannt hatte. Der letzte Regen lag schon länger zurück. Dort, wo in den Weinbergen und auf den Feldern gearbeitet wurde, stiegen Staubwolken auf. Die meisten Kinder und Jugendlichen badeten bei diesem Wetter unten am Fluss. Wolfgang hatte den Grüppchen durchaus traurig hinterhergeschaut, und für eine Weile waren ihnen deren muntere Stimmen auf dem Weg gefolgt.

Hier, hinter dem Weingut, war es einsam und still. Wieder spürte Bernd Angst in sich aufsteigen, packte entschlossen den Kaugummi aus dem Butterbrotpapier und schob ihn sich in den Mund. Schon fühlte er sich besser. Rüdiger hatte ihm gezeigt, wie man alte Kaugummis in Zucker einlegte und ihnen damit wieder etwas Geschmack verschaffte. Wolfgang zupfte den Bruder am Ärmel seines kurzen Karohemds.

»Krieg ich auch einen?«

»Hab keinen mehr.« Bernd beschattete seine Augen gegen die Sonne. Je näher sie dem alten Gebäude gekommen waren, desto häufiger und länger hatte Wolfgang gezögert, doch Bernd hatte ihn jedes Mal überreden können weiterzugehen. Nach etwa einer Dreiviertelstunde, in der sie hier noch ein Insekt betrachtet und dort nach einem Bussard Ausschau gehalten hatten – aber in der Hitze wollte keiner fliegen –, hatten sie ihr Ziel erreicht.

Hinten, das wussten sie von Rüdiger, gab es irgendwo eine Lücke in der Mauer. Durch einen halb zugewachsenen Pfad voller Gras, Brombeerranken und silbergrünen Disteln schlichen Bernd und Wolfgang vorsichtig darauf zu. Tatsächlich war an einer Stelle die Mauer zusammengebrochen. Erde und Steine lagen in einem wilden Wirrwarr übereinander.

Wieder zögerte Wolfgang, wieder überredete ihn Bernd. Als Älterer kletterte er voraus und reichte dem Jüngeren dann die Hand. Sie mussten sich an weiteren Brombeerranken vorbeidrücken, schlichen dann durch einen verdorrten Garten, in dem eindeutig mehr gegossen werden musste. Ein paar Kartoffelpflanzen ließen müde die Köpfe hängen. Reihen von Karotten und Kohl waren verdorrt. Nicht zum ersten Mal fragte Bernd sich, wie der Alte wohl aussah, über den man im Dorf nur flüsterte.

Alt, hatte Rüdiger gesagt, uralt.

Früher war er wohl manchmal ins Dorf gekommen, hatte sich in der Dorfschenke einen Schoppen Wein oder ein Remischen geholt, hatte ein Schwätzchen gehalten mit Menschen, die inzwischen schon lange verstorben waren. Bernd war damals noch zu klein gewesen, um sich daran zu erinnern. Irgendwann hatte man ihn nicht mehr gesehen. Irgendwann hatte man ihn nicht mehr beim Namen genannt, sondern nur noch den Alten. Dass er noch lebte, wussten sie, weil Tante Ilse ihm einmal im Monat seine Einkäufe brachte und manchmal seine Wäsche abholte, um sie zu waschen oder zu flicken oder beides. Manchmal sah sie ihn dann. Tante Ilse hatte den Alten schon gekannt, als sie noch ein junges Mädchen gewesen war.

»Er ist nicht mehr gut zu Fuß«, hatte sie kürzlich zu Mutter gesagt, und dass er nur das Nötigste sprach.

Als seien ihm die Worte im Laufe der Jahre zu kostbar geworden, wiederholte Bernd Tante Ilses Worte bei sich. Genau das hatte sie gesagt. Er zog für einen Moment die Stirn kraus. Die Mutter hatte darüber gelacht, wenn Bernd auch nicht verstand, was daran lustig sein sollte.

»Er war nie ein Mann des Wortes, Ilse. Nicht nachdem …«

»Ja«, hatte Tante Ilse schon knapp gesagt, bevor die Mutter ihren Satz beendet hatte.

Wolfgang und Bernd waren nun auf der Seite des Hauses angekommen, die der Mauer am nächsten lag, doch hier gab es nur hoch oben ein Fenster in der steingrauen Fassade.

»Hm«, brummte Bernd, schob den Kaugummi im Mund umher und war sichtlich bemüht, sich die Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Er hatte darauf gehofft, schon von dieser Seite aus einen Blick auf den Alten werfen zu können. »Lass uns einmal ums Haus gehen«, brachte er undeutlich heraus.

Er wartete nicht ab, sondern marschierte einfach voran. Hinter der nächsten Hausecke lag überall Unrat auf dem Boden verteilt: alte Blechbehältnisse, Kiepen, in denen man Weintrauben sammelte, ein Holzschubkarren mit einem kaputten Rad. Bernd und Wolfgang wechselten einen kurzen Blick. Wolfgang stieß versehentlich gegen einen der Blechbehälter, und die beiden Jungen fuhren zusammen. Nachdem das Scheppern verklungen war, wirkte die Stille um sie mit einem Mal so drückend wie die Hitze. Bernd spürte, wie ihm der Schweiß an den Schläfen und am Hals herunterlief.

Hatte man sie gehört? Er dachte wieder an die Mutter, die ihm verboten hatte hierherzugehen. Weil es gefährlich war. Weil der Alte gefährlich war. Weil er irgendetwas verbarg. Warum sonst empfing er nie Besuch? Warum sonst lebte er alleine? Bernd kaute entschlossener. Der Kaugummi hatte seinen Geschmack längst wieder verloren.

Ich habe keine Angst, wiederholte er stumm, ich habe keine Angst.

Auf gar keinen Fall wollte er seinem Bruder zeigen, dass sich schon wieder ein mulmiges Gefühl in seiner Magengrube ausbreitete.

»Ich habe keine Angst«, sagte er stattdessen laut und deutlich und drehte sich herausfordernd zu Wolfgang um.

Der starrte ihn an, gab aber keine Antwort. Gemeinsam stapften sie weiter, durch hohes, teils braunes Gras, wieder vorbei an dem verwilderten Garten. Dann erreichten sie die andere Seite des Gebäudes. Bernd fragte sich, ob damit die Mutprobe vielleicht doch schon bestanden war …

Er unterdrückte ein Schaudern, stemmte die Hände in die Hüften und sah zu einem der Fenster hinauf. Es stand offen. Wolfgang rückte näher an ihn heran.

Es war dieser Moment, in dem er die schmale Tür sah, die sich, kaum zehn Schritte von ihnen entfernt, im Gemäuer verbarg. Eine Hintertür. Ob die wohl offen war? Und was, wenn Wolfgang und er sich dort hineinschlichen? Würden sie damit nicht alle anderen übertreffen? Bevor er sich noch Gedanken darum machen konnte, ob seine Überlegung die richtige sein mochte, hatte Bernd den Abstand zur Tür überwunden und betätigte vorsichtig den Riegel.

»Bernd!« Aus weit aufgerissenen Augen sah ihn sein Bruder an. Bernd zwinkerte ihm zu. »Das klappt schon. Vertrau mir.«

Die Tür war nicht verschlossen. Mit angehaltenem Atem zog Bernd sie auf und spähte in den halbdunklen Flur, der sich dahinter auftat. Noch ein Schritt und er befand sich im Gebäude. Irgendwo war Musik zu hören, dann Stimmen. Bevor er es sich noch anders überlegen konnte, war Bernd schon zwei Schritte weitergegangen, drehte sich um und winkte seinem Bruder zu.

Wolfgang zog die Schultern hoch.

»Mama hat’s uns aber verboten«, flüsterte er.

»Mama ist nicht hier«, zischte Bernd zurück. »Aber du kannst natürlich nach Hause gehen, du Memme.«

Es fühlte sich gut an, so mutig zu tun. Solange Wolfgang ängstlich war, konnte Bernd das eigene Unbehagen besser verdrängen. »Jetzt komm schon.«

Wolfgang schüttelte den Kopf. Dann eben nicht, dachte Bernd bei sich und schlich weiter. Wolfgangs Angst beflügelte ihn geradezu. Immer besser gewöhnten sich seine Augen an das Dämmerlicht. Der Flur war teilweise mit dunklem Holz getäfelt. Neben der Haustür, am anderen Ende, stand ein kleines Tischchen mit schmalen gebogenen Beinen, daneben ein Paar alte, schwarze Gummistiefel. Ein grauer Kittel hing an einem Haken an der Wand. Der Boden war schwarz und weiß gekachelt, jedoch ziemlich schmutzig. Die Musik und die Stimmen drangen hinter der Tür hervor, die der Haustür am nächsten war. Bernd zögerte, bevor er behutsam die letzten Schritte tat, und versuchte, durch den Türspalt zu spähen.

Die Küche, wie er schon vermutet hatte. Auf dem großen Herd stand ein Wasserkessel. Er konnte Wasser kochen hören. Dann wieder Stimmen und nach einer Weile Musik. Es rauschte und knackte. Ein Radio.

Bernd spähte weiter durch den Spalt. Von seinem Platz an der Tür aus konnte er einen Küchentisch ausmachen, auf dem ein buntes Sammelsurium an Tassen und Tellern stand. Der Alte war nirgends zu sehen. Wahrscheinlich befand er sich auf der anderen Seite der Tür. Wie von selbst schob sich Bernds rechte Hand in die Hosentasche. Für einen Moment berührten seine Finger das Messer.

Schade, dass der Alte nicht zu sehen ist, dachte er. Aber gut, jetzt musste er zumindest noch irgendeinen Beweis dafür mitnehmen, dass er hier gewesen war.

Noch einmal sah er sich im Flur um. Außer dem Tisch war kein weiteres Möbelstück zu sehen. Etwa auf der Mitte des Flurs führte eine enge Stiege ins obere Stockwerk. Schräg gegenüber der einmal weiß gestrichenen Küchentür, von der allerdings längst die Farbe abblätterte, führte eine dunkle Holztür in ein weiteres Zimmer. Bernd musterte die Wände. Mehr Bilder hingen dort, als er es von daheim gewohnt war: alte Fotos und gemalte Porträts mit Männern und Frauen darauf, die ihn mehr oder weniger ernst anblickten. Etwas tiefer, sodass er es berühren konnte, befand sich das Foto einer jungen Frau mit langen Zöpfen. Bernd streckte die Finger danach aus, zögerte dann aber. Er warf einen Blick auf die rückwärtige Tür, wo Wolfgang wartete, dann schaute er wieder das Bild an.

Lächelte die Frau? Man konnte es nicht sagen. Er kniff die Augen zusammen, schaute dann auf die kleine Puppe, die die junge Frau in der Hand hielt. Eine Lumpenpuppe war das, mit Knöpfen anstelle von Augen, die sich seltsam einfach gegen das hochgeschlossene, dunkle Kleid der Frau ausnahm. Bernd interessierte sich zwar nicht für Kleidung, aber ein einfaches Kleid konnte er schon von einem Sonntagskleid unterscheiden. Das hier war ein Sonntagskleid.

Wieder warf er einen Blick in Wolfgangs Richtung. Jetzt konnte er ihn durch den Türspalt sehen. Bernd streckte die Hand erneut zu dem Bild hin, da war plötzlich eine scharfe Stimme zu hören.

»He, Bursche, was machst du da?«

Bernd fuhr zusammen. Über ihm am Treppenende war die hagere Gestalt eines sehr alten Mannes aufgetaucht.

Vor Schreck riss Bernd das Bild von der Wand, packte es im nächsten Moment, bevor er noch wusste, was er tat, und begann zu laufen. Er hörte die schweren Schritte des Mannes auf der Treppe. Bernds Mund und seine Kehle waren mit einem Mal staubtrocken. Der Alte sieht aus wie ein Skelett, fuhr es ihm durch den Kopf, und er hat schlohweißes Haar, und seine Augen funkeln.

»Lauf, Wolfgang, lauf, weg hier!«, krächzte er.

Weil die Treppe zwischen ihm und dem Hinterausgang lag und der Alte beachtlich schnell war, warf Bernd sich herum und rannte auf die Haustür zu.

Bitte, lass sie offen sein, bitte, bitte, lass sie offen sein.

Er drückte die Klinke. Verschlossen, aber der Schlüssel steckte, immerhin.

Lieber Gott, ich danke dir …

Bernds Finger zitterten, während er den Schlüssel knirschend im Schloss drehte. Der Alte hatte die letzte Treppenstufe erreicht.

»Hiergeblieben, du kleiner Dieb!«

Bernd sah zurück. Der Alte kam … Er kam näher … Er humpelte, aber er war doch viel zu schnell, viel schneller, als Bernd erwartet hatte … Viel schneller … Bernd riss die Tür auf, wäre draußen fast die wenigen Stufen hinuntergestürzt.

Wohin jetzt, wohin nur? Linker Hand war ein alter Stall. Vielleicht konnte er sich dort verstecken. Hatte Rüdiger nicht gesagt, dass der Stall voller Gerümpel war? Bernd nahm alle Kraft zusammen und raste weiter, durch die geöffnete Stalltür hindurch, hinter der er abrupt zum Stehen kam. Zwischen Dämmerlicht und einem grellen Streifen Sonne, der durch die Öffnung fiel, konnte er einen Traktor sehen. Sonst war der Stall fast leer.

Bernd runzelte die Stirn. Hier würde er sich nirgends verstecken können. Ob der Alte wusste, dass er hier hineingelaufen war? Sicher wusste er das. Ob wenigstens Wolfgang entkommen war, ob er Hilfe holen konnte?

Bitte lass ihm nichts passiert sein.

Bernd machte einige entschlossene Schritte tiefer in das Halbdunkel hinein, warf wieder einen Blick über die Schulter zurück. Noch immer war niemand zu sehen. Plötzlich fiel ihm wieder die Stille auf, eine Stille, wie auf dem Weg hierher, so umfassend, dass er beim nächsten lauteren Geräusch befürchtete, schreien zu müssen.

Hoffentlich ist Wolfgang schon auf dem Weg nach Hause. Hoffentlich kann er Hilfe holen.

Er wagte sich noch ein Stück weiter vor. Was blieb ihm auch anderes übrig? Draußen wartete der Alte auf ihn. Er rümpfte die Nase, roch Staub, Feuchtigkeit und altes Holz, Moder. Unter den Sohlen seiner Sandalen knirschte es, während er sich behutsam vorwärtsbewegte, immer auf den Traktor zu. Vielleicht würde er sich ja dahinter verstecken können?

Plötzlich hatte er das Gefühl, beobachtet zu werden. Er sah sich um. Da war niemand. Hatte die Mutter recht? War der Alte verrückt? Er schaute wieder zum Traktor hin, dann zur Tür, atmete tief durch. Schmatzende Geräusche waren auf einmal zu hören, von denen er nicht wusste, ob er sie nun selbst verursachte oder doch jemand anders. Er lief nun nicht mehr auf staubiger Erde, sondern auf alten Brettern. Bei jedem Schritt knarzte und knirschte es lauter und beängstigender unter seinen Schuhsohlen.

Himmel, was ist das?

»Junge, bleib stehen!«

Der Alte.

Er war da. Er hatte ihn gefunden. Bernd fuhr herum, sah im nächsten Moment einen kleinen, dunklen Schatten durch die Stalltür und dann auf sich zu rasen.

»Bernd, hilf mir, hilf mir bitte!«

»Wolfgang«, konnte Bernd gerade noch hervorstoßen, dann prallte der Bruder auch schon gegen ihn.

Für ein Augenzwinkern lang wurde das Knarzen und Knirschen noch lauter, wandelte sich mit einem Mal zu einem ohrenbetäubenden Bersten und Splittern. Bernd schrie, als er unerwartet den Halt verlor. Seine Hände suchten wirbelnd in der Luft, dann stürzte er krachend durch das Loch, das sich urplötzlich unter ihm aufgetan hatte, und schlug gleich darauf hart auf dem Boden auf. Wolfgang, der sich ebenfalls nicht mehr halten konnte, landete auf ihm.

»Aua!« Der Schmerz ließ Bernd die Tränen in die Augen schießen, doch gleich schob er den Jüngeren beiseite, sprang auf und sah nach oben durch das Loch. Schritte näherten sich.

»Alles in Ordnung, Jungs?«

Der Alte.

Bernd biss die Zähne aufeinander. Wolfgang wollte antworten, doch der Bruder bedeutete ihm zu schweigen.

»Sagt doch, ist euch etwas passiert?«

»Es geht mir gut«, piepste Wolfgang, bevor Bernd ihn daran hindern konnte.

»Und der andere?«

Bernd hielt noch den Zeigefinger fest gegen die Lippen gepresst, als der Alte oben am Rand auftauchte und prüfend auf sie herunterblickte. Bernd konnte sehen, wie er den Kopf schüttelte.

»Na, na, was mache ich denn jetzt mit euch?«

Bernd klopfte sich den Staub von der Hose. Er hatte Angst, aber das würde er sich nicht anmerken lassen. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, verschwand der Alte wieder.

»Wo geht er denn hin?«, fragte Wolfgang ängstlich.

»Weg.« Bernd verschränkte die Arme vor der Brust, um nicht zu zittern.

»Aber er kann uns doch nicht hier alleine lassen?«

Wolfgangs Stimme klang unsicher. Bernd zuckte die Schultern.

»Doch, kann er, siehste doch.«

Zum ersten Mal sah er sich um. Zuerst hatte er gedacht, dass es ein Keller war, in den sie gestürzt waren. Nun stellte er fest, dass es sich lediglich um eine an den Seitenwänden mit Holz ausgeschalte Kammer handelte, etwas länger als seine knapp 1,50 m, doch recht tief. Auch wenn er sich streckte, konnte er den oberen Rand mit seinen Fingerspitzen nicht erreichen. Bernd ließ die Arme sinken. Wolfgang hatte ihn derweil nicht aus den Augen gelassen.

»Und was machen wir jetzt?«, fragte er.

»Wir warten.« Bernd versuchte, unbekümmert zu klingen. »Man wird nach uns suchen.«

»Und wenn nicht?«

Bei diesen Worten krampfte sich Bernds Magen zusammen. Warte, warte nur ein Weilchen, sang es in seinem Kopf, dann kommt Haarmann auch zu dir …

»Sie werden uns suchen«, bekräftigte er. Seine Stimme zitterte ganz leicht, er schluckte. »Ganz bestimmt.«

Wolfgang starrte ihn an. »Gut«, sagte er schließlich und ließ sich zu Boden sinken.

»Hast du dich verletzt?«, fragte Bernd nach einer Weile.

Wolfgang schüttelte den Kopf.

»Ich mich auch nicht«, murmelte Bernd.

Wie lange es wohl dauern würde, bis man sie suchte? Bernd hoffte sehr, dass es schnell ging. Er betastete wieder die Gegenstände in der Tasche. Von oben war gar nichts mehr zu hören. Inzwischen hatten sich seine Augen an das Dämmerlicht gewöhnt. Er erkannte, dass die Wände aus Brettern bestanden, der Boden offenbar aus gestampfter Erde.

Während er die wieder allgegenwärtige Stille zu ignorieren versuchte, streifte er mit der Spitze seiner rechten Sandale über den Boden. Etwas ließ ihn gleich darauf innehalten, ein größerer Gegenstand, der sich nicht nach Erde anfühlte. Ein Stein vielleicht? Bernd bewegte den Fuß nochmals hin und her. Etwas Halbrundes schälte sich aus dem Boden hervor, heller als der dunklere Erdgrund.

Neugierig bückte er sich, half nun mit beiden Händen nach, um den Gegenstand aus der Erde zu bringen, zupfte und zerrte daran und erstarrte, als er ihn endlich in der Hand hielt.

Speichel tropfte aus seinem vor Entsetzen geöffneten Mund. Er plumpste rückwärts auf seinen Po und blieb dort sitzen, den Gegenstand immer noch fest umklammert, als sei es ihm unmöglich, ihn loszulassen: Zwei noch halb mit Erde gefüllte Augenhöhlen starrten ihn an. Ein fleischloses Gebiss bleckte die Zähne unter dem Loch, an dessen Stelle einst eine Nase gesessen hatte.

Es war Wolfgang, der schrie.

Erster Teil

Familienbande

Juli 1997

Erstes Kapitel

Australien, Swan Valley

»Darf ich hereinkommen?« Claire schob den weißhaarigen Schopf durch den Türspalt und lächelte ihren Sohn an. John, der sie in diesem Moment wieder einmal schmerzhaft an seinen verstorbenen Vater erinnerte, schaute auf den Klang ihrer Stimme hin sofort auf.

»Klar, Mum.«

Er erhob sich und machte eine Handbewegung, die wohl einladend wirken sollte, aber eher lustlos und müde daherkam. Claire trat ein. Unwillkürlich fiel ihr Blick auf das staubbedeckte Modellflugzeug auf Johns Schreibtisch. Sie überlegte, wann er das letzte Mal daran gebastelt hatte.

Fünf Jahre war das jetzt her. John hatte seine Werkstatt fünf Jahre lang nicht mehr betreten, nicht mehr seit Ann …

Claire unterdrückte einen Seufzer. Mit einer unschlüssigen Bewegung wischte John sich die Hände an seinen speckigen Arbeitsjeans ab. Er war heute lange in den Weinbergen unterwegs gewesen, hatte Pflöcke repariert und mit dem Verwalter gesprochen, wie sie wusste. Später – Claire hatte gerade im guest house einigen Besuchern Tipps für die nächsten Tage gegeben – hatte sie ihn im Hof gesehen, wie er eine Lieferung alter französischer Cognacfässer prüfte. Im Swan Valley war der Juli der kälteste Monat des Jahres, doch heute war die Temperatur schon am Vormittag auf 20 °C geklettert. Ein junges Pärchen hatte sich für eine Bootstour auf dem Swan River entschieden.

Claire räusperte sich.

»Judy hat mir wieder mit den Zimmern geholfen. Deine Tochter macht ihre Sache wirklich gut«, bemerkte sie dann, um wenigstens irgendetwas zu sagen. Ihre zwölfjährige Enkelin verdiente sich seit einigen Monaten auf diese Weise etwas zum Taschengeld hinzu.

Sie hatte das hellbraune Haar ihrer Mutter, aber die blauen Augen ihrer Großmutter. Kurz musste sie an Judys schmale, fuchtelnde Hand denken, mit der diese sie davon hatte abhalten wollen, sich mit ihren fünfundachtzig Jahren zu bücken.

»Hm«, entgegnete John.

Claire schaute wieder das Flugzeug an. Nein, die Staubschicht darauf war noch deutlich zu sehen. Sie fühlte quälendes Bedauern in sich. Früher hatte John lange Abende über seinen Modellen verbracht. Nach dem Tod seiner Frau hatte er damit aufgehört.

Fünf Jahre war der Flugzeugabsturz jetzt her, dem Ann und Johns Vater, Claires Ehemann, zum Opfer gefallen waren.

Unbehaglich bemerkte sie, dass John und sie schon wieder stumm voreinanderstanden. Es war ihr Mann gewesen, der Ann überredet hatte, den Flug anzutreten. Vielleicht hatte sich Claire deswegen immer irgendwie mitschuldig an ihrem Tod gefühlt. Sie wusste, dass das nicht richtig war, aber sie konnte einfach nichts dagegen machen.

»Judy ist schon im Bett«, sagte John jetzt mit rauer Stimme.

Claires Hand fuhr in ihren Nacken, wo sie in einer schnellen Bewegung wie gewohnt ihren Dutt betastete.

»Glaubst du, ich will eigentlich zu Judy, wenn ich an deine Tür klopfe?«

Sie schaute ihren Sohn ernst an. Natürlich, Judy und sie waren eng miteinander, besonders, seit sie dem Kind die Mutter ersetzte, aber sie war zu John gekommen, um mit ihm zu reden. Nach so langer Zeit musste das doch endlich wieder möglich sein.

John schwieg. In seinen grauen Augen flackerte jetzt jener irrlichterne kleine Funken auf, der ihr auch an seinem Vater unvergesslich bleiben würde. Dessen Augen waren es gewesen, die sie andere Dinge hatten vergessen lassen: Trauer und Mutlosigkeit hatten sich in Joseph Hunters Armen in Lust verwandelt. Lust auf ein Leben, für das sie ein anderes vergessen hatte – oder zumindest geglaubt hatte, es auf immer hinter sich lassen zu können.

Aber sie hatte sich geirrt. Sie wusste das jetzt.

Wie habe ich mich nur so täuschen können?

Claire presste die Lippen aufeinander und musterte ihren Sohn genau.

War das wirklich der richtige Zeitpunkt, ihm von ihren Plänen zu erzählen?

Immerhin hatten sie erst in letzter Zeit wieder begonnen, miteinander zu reden, über einfache Dinge, wie die Frage, welche Marmelade man zum Frühstück essen wollte oder ob es Pfannkuchen geben sollte. Erst vor wenigen Tagen waren sie zum ersten Mal gemeinsam die Weinberge abgefahren. Sie hatten sich über die letzte Ernte unterhalten und über die Weinveredlung, und Claire hatte gewusst, dass auch ihr Sohn wieder Pläne machte.

Damals hätte sie am liebsten geschrien vor Glück. Aber konnte sie es jetzt tatsächlich schon wagen, ihm von ihrem Vorhaben zu berichten?

Doch während Claire noch nach den richtigen Worten suchte, übernahmen ihre Hände schon die Arbeit. Schweigend legte sie den deutschen Grundbuchauszug auf den Tisch, den sie heute erstmals seit Langem unter ihren Sachen hervorgeholt hatte.

John warf lediglich einen knappen Blick auf das Papier.

»Ich kann kein Deutsch.«

Claire zog sich einen Stuhl heran und setzte sich.

»Judy hat mich heute übrigens auch wieder nach Deutschland gefragt.«

»Hm.«

Vielleicht war es ein Fehler gewesen, bei ihren Recherchen Judy und die Unterstützung ihrer Schulbibliothekarin, Mrs. Carlyle, in Anspruch zu nehmen, aber Claire hatte sich schließlich nicht anders zu helfen gewusst. Mrs. Carlyle hatte ihr den Tipp mit dem Detektivbüro gegeben.

Es bleibt Ihnen nichts anderes übrig, wenn Sie Gewissheit wollen, hatte sie zu ihr gesagt.

Claire wollte Gewissheit. Sie deutete auf den Grundbuchauszug.

»Ich habe ein Haus gekauft.«

»Was?« Jetzt runzelte ihr Sohn die Stirn. »Wann?«

»Vor fünf Jahren.«

Claire sah, wie es in Johns Gesicht arbeitete. Er musste nicht rechnen, natürlich nicht. Seine Stimme klang belegt, als er weitersprach.

»In Deutschland?«

Claire hörte die Ratlosigkeit, die sich in Johns Grundton der Trauer mischte.

»Ja.«

Vor fünf Jahren, dachte sie, habe ich wieder häufiger an Deutschland gedacht, damals, als Joseph mir sagte, dass ich endlich reinen Tisch machen müsse.

Und es wäre doch interessant, ein Weingut in Deutschland zu besitzen, hatte er irgendwann gesagt, ein deutscher Ableger für Hunter’s sozusagen.

Damals hatte Claire sich zum ersten Mal erlaubt, wieder an Ereignisse zu denken, die sie so lange verdrängt hatte. Der Name des Ortes war ihr nicht sofort eingefallen, doch schließlich war er zurückgekommen, wie so vieles andere … Bonnheim.

Aber dann war der Unfall passiert. Sie hatte ihre Pläne hintenangestellt, weil sie der Enkelin zur Mutter und ihrem Sohn zur Stütze geworden war, auch wenn John ihre Bemühungen stets zurückgewiesen hatte. Claire spürte ihr Herz so heftig schlagen, als wolle es aus ihrer Brust hüpfen. Ihre Hände zitterten. Fünf lange Jahre hatte sie ihre eigenen Ideen und Wünsche zurückgestellt, hatte die eigenen Erinnerungen unter einem Berg von Arbeit und Pflichten verborgen und nicht mehr an Bonnheim gedacht, jenes Weingut, das einmal ein solch wichtiger Bestandteil ihres Lebens gewesen war.

Die Erinnerungen kamen jetzt nicht mehr langsam, sie stürmten geradezu auf Claire ein, verbanden sich unablässig mit neuen Gedanken und Bildern. Trotzdem bemerkte sie, dass John sie anstarrte.

»Deutschland, aber warum?«

»Weil es mein Heimatland ist.«

»Na«, John setzte sich ebenfalls und lehnte sich in seinem Drehstuhl zurück, »du hast mir nie gesagt, dass dir das etwas bedeutet. Du hast auch nie über dein deutsches Leben gesprochen, mit keinem von uns, oder liege ich da falsch?« Er hob fragend eine Augenbraue.

»Nein«, Claire schaute nachdenklich auf den Auszug, »das habe ich nicht. Es ist … Es ist alles nicht so leicht, weißt du …« Dann fügte sie leise hinzu: »Ich habe mich übrigens entschieden, bald nach Deutschland zu fliegen.«

John blieb reglos sitzen.

»Du? Nach Deutschland? Nach so langer Zeit? Du bist fünfundachtzig, Mum.«

»Ich weiß selbst, wie alt ich bin.« Claire hob den Kopf. »Ich muss … Ich muss dort noch etwas erledigen.«

In meinem Alter darf ich die Dinge nicht länger aufschieben, nicht wahr? Die Zeit ist gekommen.

Zweites Kapitel

Deutschland, bei Bad Kreuznach

Die nächste Kurve nahm Lea viel zu schnell. Mit knirschenden Reifen schoss der kleine Polo hinüber auf den Seitenstreifen, schleuderte und schlitterte über den Kies, während sie verzweifelt gegenlenkte. In rasender Geschwindigkeit näherte sich der steile Abhang, dahinter folgten nur noch Weinstöcke, Reihen um Reihen von Weinstöcken. Lea trat auf die Bremse, bis sie glaubte, ihr Fuß müsse durch den Boden brechen. Der Wagen scherte zur Seite aus, rutschte noch einige Meter weiter und kam endlich zu einem abrupten Halt. Lea schleuderte nach vorne. Kurz war ihr, als setze ihr Herz aus, bevor es nur noch lauter und schneller weiterhämmerte und kaum noch Luft durch die auf einmal zu enge Kehle dringen wollte. Als sie den nächsten Atemzug nahm, explodierte dieser fast in ihrer Lunge. Wie erstarrt blieb sie sitzen, dann kreuzte sie die Arme vor sich auf dem Lenkrad und presste die Stirn darauf. Ihre Haut glühte. In schnellen, kurzen Stößen konnte sie den eigenen Atem hören, ganz so, als sei sie eben noch gerannt. Ihr Mund war staubtrocken. Von einem Moment auf den anderen zitterte sie. Gleich, das wusste sie, würde sie zu weinen beginnen, dabei hatte sie doch nicht weinen wollen. Lea presste den Rücken gegen den Sitz, legte den Kopf gegen die Kopfstütze und schloss die Augen.

Ich hätte tot sein können.

Sie würgte.

Ich hätte tot sein können.

Die erste Träne rann über ihre linke Wange. Leas Unterlippe bebte, als sie gegen das Weinen ankämpfte. Sie hatte die Kurve viel zu schnell genommen, und das nur, weil sie mit den Gedanken woanders gewesen war. Bei Marc, der ihr an diesem Morgen unmissverständlich zu verstehen gegeben hatte, dass ihr Lebensplan nicht der seine war.

Ab heute würden sie getrennte Wege gehen. Es ist aus und vorbei. Ich will keinen Nachwuchs, hatte er gesagt, und ich lasse mich damit auch nicht erpressen.

Vorbei. Kein gemeinsames Kind.

Die Worte waren nicht überraschend gekommen. Es war nicht das erste Mal, dass sie beide sich über das Thema gestritten hatten. Es war auch nicht das erste Mal, dass Lea sich eingestehen musste, wie wenig sie gemein hatten. Und das nach sieben Jahren.

Sie schluckte, doch trotz aller Mühe konnte sie die Tränen nicht mehr zurückhalten. Natürlich hatte sie angenommen, dass Marc anders auf den positiven Test reagieren würde, nicht so kalt, nicht so geschäftsmäßig. Und sie hatte dagestanden mit diesem dämlichen Lächeln auf dem Gesicht, während er den Test in ihrer Hand angestarrt hatte, als halte sie etwas Unappetitliches zwischen den Fingern.

Das kann doch nicht dein Ernst sein, hatte er gesagt, du arbeitest in einem Café, Lea. Du hattest noch nie eine ordentliche Arbeitsstelle, du hast nach deinem Studium nichts zustande gebracht, noch nie eine wirklich wichtige Entscheidung getroffen. Was willst ausgerechnet du mit einem Kind?

Es ist auch dein Kind, hatte sie unsicher aufbegehrt, und die beiden Striche, die sie früher am Morgen in einen Freudentaumel versetzt hatten, hatten mit einem Mal ihren Zauber verloren.

Ärgerlich fuhr Lea sich mit dem Ärmel ihrer hellen Bluse über die Augen. Heute Morgen, als sie mit dem zaghaft heller werdenden Himmel Marcs Haus verlassen hatte, hatte sie nicht geweint. Da war sie stark gewesen – und stolz darauf.

Sie setzte sich gerader auf.

Verdammt, jetzt lief auch noch ihre Nase. Und den Schluckauf spürte sie auch schon.

Lea hasste das. Sie fühlte sich dann wie ein kleines, hilfloses Kind. Tränenblind suchte sie in ihrer Tasche nach Taschentüchern, fand eines und schnäuzte sich heftig, bevor sie es zusammenknüllte und zurück in die Tasche pfefferte. Plötzlich war es ihr zu eng im Auto. Die Luft war schrecklich stickig. Sie betätigte den Türöffner, stieß ungehalten gegen die Tür, als diese sich nicht gleich öffnen wollte, und stieg mit weichen Knien aus.

Die Kälte biss an ihrer Haut. Lea stapfte die wenigen letzten Schritte bis zum Rand des Abhangs hin, wandte langsam den Blick in Richtung Senke. Die kaum aufgegangene Sonne tauchte eben erst die gegenüberliegenden Hügelkuppen in Schlieren aus Rot, Blau und Lila, während die Talsohle noch im morgendlichen Grau dalag und Nebelschwaden vom Boden aufstiegen. Von irgendwoher hörte sie einen Bus. Marc tauchte vor ihrem inneren Auge auf, die Arme abwehrend vor der Brust verschränkt, den Mund zu einer schmalen Linie verzogen: Ich bin kein Vater, und ich will auch keiner sein. Du kannst mich nicht zwingen.

Lea kniff die Augen zusammen.

Alleinerziehend, deine Mutter wird sich freuen, schoss es ihr durch den Kopf. Rike, die selbst keine einfache Kindheit gehabt hatte – nach dem Tod der eigenen Mutter war sie bei den äußerst strengen Großeltern aufgewachsen –, war stets auf Sicherheit bedacht. Eine ledige Mutter gehörte ganz gewiss nicht in ihre Vorstellungswelt.

Da wird sie mir aber einiges zu sagen haben, dachte Lea.

Vorerst konnte sie die Sache natürlich für sich behalten, musste als Nächstes nur einen Termin beim Frauenarzt ausmachen.

Sie verschränkte die Arme vor der Brust. Noch einmal stahl sich Marc in ihre Gedanken, dieser Sonnyboy mit den dichten, dunkelblonden Haaren und den blaugrünen Augen, der doch eigentlich gar nicht ihr Typ war und mit dem sie doch lange gemeinsame Jahre verbracht hatte.

Sie wusste selbst nicht genau, wie das hatte geschehen können.

Leas Blick fiel wieder auf den Polo, wie er da so kurz vor dem Abgrund des Weinbergs stand.

Das war knapp, dachte sie, so verdammt knapp.

Unwillkürlich strich sie sich mit der rechten Hand über ihren noch flachen Bauch.

Wie groß dieses Wesen in ihr wohl war? So groß wie eine Erbse vielleicht, oder sah es aus wie eine kleine Bohne? Sie meinte, einmal ein solches Bild in einem Buch über Schwangerschaft gesehen zu haben.

Meine kleine Bohne.

Wieder strich Lea über ihren Bauch. Sie musste dieses Wesen schützen. Sie hatte sich doch immer Kinder gewünscht, natürlich im Rahmen einer ganz normalen Familie, aber … Ein neuer Gedanke durchströmte sie und gab ihr Kraft. Sie würde ein Kind haben, und sie würde ihm Geborgenheit schenken. Die Geborgenheit, die sie selbst als Kind vermisst hatte.

Das Morgenlicht wurde nun zunehmend kräftiger, leckte an den Spitzen der ersten Weinstöcke. Es würde langsam auch die Senke ausfüllen und mit der zunehmenden Wärme den Nebel vertreiben. Mit einem Seufzer ließ sich Lea ins Gras fallen und sah zu, wie die Sonnenstrahlen mehr und mehr von der Umgebung in Besitz nahmen. Ihre Tränen waren getrocknet. Die Taunässe kroch durch ihre Jeans. Auch ihre Füße in den grauen Wildlederballerinas waren längst feucht, aber sie schenkte dem keine Beachtung.

Es ist schön hier, dachte sie.

Sie zog die Knie an, legte die Arme darum und starrte in das Blättergewirr der Weinreben. Hinter ihr war Motorenlärm zu hören, das charakteristische Brummen eines VW Käfers. Lea blieb auch sitzen, als hinter ihr Reifen knirschten und der Motorenlärm verstummte. Im nächsten Moment wurde eine Tür geöffnet und wieder zugeschlagen. Lea hörte rasche Schritte, dann eine Stimme.

Erst in diesem Moment kam ihr in den Sinn, welches Bild sie hier abgab: ein Wagen am Rand des Weinbergs, eine offene Tür, eine Frau am Boden. Lea sprang auf. Der Autoschlüssel bohrte sich in ihre Handfläche, so fest schloss sie die Finger darum. Etwas von ihr entfernt stand ein dunkelhaariger Mann vor einem grell orangefarbenen VW Käfer. Lea registrierte ein braun kariertes Hemd und beige, ausgebeulte Cordhosen, dazu ungebärdiges Lockenhaar, fast schulterlang, und ein Vollbart. Jesus, mit einem Zollstock in der Seitentasche seiner Hose.

»Geht es Ihnen gut?«

»Danke, ja.« Lea steuerte entschlossenen Schrittes auf ihr Auto zu. »Ich habe nur angehalten.«

Der Fremde sagte nichts, musterte sie aber einen Moment länger und lächelte dann. Lea blieb ernst. Als sie in ihrem Auto saß, zitterte ihre Hand so stark, dass sie den Schlüssel zuerst nicht ins Zündschloss bekam. Der Fremde stand immer noch abwartend neben seinem Käfer. Lea hob grüßend die Hand, drehte den Schlüssel und legte den Rückwärtsgang ein. Als sie wieder parallel zur Straße stand, ließ sie das Fenster herunter.

»Vielen Dank noch einmal, aber es geht mir wirklich gut.«

Der Mann nickte nur. »Ist klar«, sagte er dann, »ich wollte nur noch den Rest des Sonnenaufgangs bewundern. Man hat heute selten Zeit für so was. Gut, dass ich stehen geblieben bin.«

Lea wurde rot. Himmel, wieso hatte sie auch geglaubt, dass er ihretwegen wartete? Vorsichtig lenkte sie den Polo zurück auf die Straße, und doch knirschten und quietschten die Reifen unangenehm laut, als sie auf den Asphalt hinüberwechselte. Noch einmal suchten ihre Augen Jesu Gestalt im Rückspiegel, dann fuhr sie auch schon um die nächste Kurve.

Der Briefkasten war gut gefüllt, als Lea nach Hause kam. Drei Tage war sie weg gewesen. Auf den ersten Blick machte sie ein paar Rechnungen aus. Eine Urlaubskarte überflog sie schon auf dem Weg zu ihrer Wohnung hinauf. Ihre beste Freundin Millie schrieb aus Mallorca von Sonne, Meer und Strand, und davon, dass Lea vermisst werde. Die Karte hatte einen blassroten Fleck. Wahrscheinlich war Sangria darauf getropft. Millie war nicht die Ordentlichste.

Nächstes Jahr kommst du mit, entzifferte Lea die letzte, verlaufene Zeile, schieß deinen blöden Gockel endlich auf den Mond.

Sie lächelte gequält, während sie die nächsten Stufen hinter sich brachte. Millie hatte Marc noch nie leiden können. Die Antipathie beruhte dabei durchaus auf Gegenseitigkeit.

Jetzt wünschte sich Lea, sie wäre mitgefahren.

Millie und sie hatten sich damals in dem Café kennengelernt, in dem sie später zeitweise beide gearbeitet hatten. Im letzten Schuljahr hatten sie dieselbe Klasse des Bad Kreuznacher Lina-Hilger-Gymnasiums, kurz LiHi, besucht. Auch in den ersten Studienjahren hatten sie viel gemeinsame Zeit verbracht, waren in Urlaub gefahren. Bis Marc gekommen war. Von diesem Zeitpunkt an hatte Lea Urlaub um Urlaub abgesagt. Eigentlich konnte sie sich glücklich schätzen, dass Millie immer noch so unerschütterlich zu ihr hielt.

Der Mensch ist lernfähig, pflegte die Freundin zu sagen, auch du, ich vertraue fest darauf.

Es war immer noch früh am Morgen, aber das Haus war schon fast leer. Hinter den meisten Wohnungstüren blieb es still. Im dritten Stock links, dort, wo kürzlich das junge Pärchen eingezogen war, wurde eben lautstark ein Rollladen nach oben gezogen. Kurz darauf erreichte Lea ihre eigene Wohnungstür im vierten Stock. Um die Hände frei zu haben, klemmte sie die Post unter den linken Arm und schob mit der rechten Hand den Schlüssel ins Schloss. Mit einem Knacken sprang die Tür auf. Lea betrat den dunklen Flur.

Irgendwo in der Wohnung summte eine Fliege, ein äußerst dicker Brummer, nach dem Geräusch zu urteilen. Eine Ahnung von Marcs Rasierwasser schwebte in der Luft. Vielleicht bildete sie sich das aber auch ein, schließlich war es eine Weile her, dass sie die Wohnung gemeinsam verlassen hatten. Lea ließ die Tasche von der Schulter gleiten. Mit dem Ellenbogen betätigte sie den Lichtschalter, stand dann unschlüssig da, die Post in den Händen. Wie jedes Mal, wenn sie alleine nach Hause kam, fiel ihr als Erstes auf, wie still es war.

Sie lauschte angestrengt, bis sie fern die Geräusche der nächsten Nachbarn ausmachte. Beide waren Rentner und oft zu Hause. Herr Siebert schaute Frühstücksfernsehen. Frau Melciks kleiner Hund fing unvermittelt an, hysterisch zu bellen.

Lea ging in die Küche und machte sich daran aufzuräumen – Marc und sie hatten es eilig gehabt, einiges war liegen geblieben: Also das Geschirr in die Spülmaschine, Brötchenkrümel und eine leere Milchpackung in den Mülleimer, den Boden fegen. Einen Strich ziehen unter das letzte gemeinsame Frühstück.

Dann setzte sie Kaffee auf, gab einen Extralöffel Pulver gegen die Müdigkeit dazu. Versonnen hing sie ihren Gedanken nach, während sie Wasser in den Handfilter goss, bis die Kanne voll war. Endlich setzte sie sich, einen großen Pott Milchkaffee vor sich. Der Tisch roch sauber nach dem Zitronenaroma des Reinigungsmittels.

Sie würde sich jetzt zuerst einmal Gedanken darum machen müssen, wie ihr Leben mit Kind aussehen sollte. Lea nippte an ihrem Kaffee. Als Teenager hatte sie sich manchmal vorgestellt, mit der Familie, die sie später ganz gewiss haben würde, aufs Land hinauszuziehen. Einmal hatte sie von einem Bauernhof geträumt, dann wieder von einem Weingut.

Ja … Sie lächelte. Ein kleines, feines Weingut, ein mit Efeu bewachsenes Hexenhaus und in der guten Stube ein bullernder Kachelofen für kalte Winterabende. Wie im Fernsehen.

Lea erhob sich mit einem Seufzer. Sie konnte hier nicht weiter sitzen und tagträumen.

Als Nächstes sortierte sie die Rechnungen aus, sah den Rest der Post durch, drehte etwas unschlüssig einen kleinen Urlaubsprospekt für ein Gästehaus in Australien hin und her.

Sie wollte gerade zum Papierkorb gehen, als das Telefon klingelte. Wer war das jetzt so früh am Morgen? Sie wartete ab.

Rikes Stimme war zu hören, als der Anrufbeantworter schließlich ansprang. Lea ging ins Bad, um rasch zu duschen. Zweifelsohne würde ihre Mutter in der nächsten halben Stunde hier auftauchen.

Lea ließ sich das warme Wasser auf den Körper prasseln. Ein sanfter Duft von Mandel-Duschmilch mischte sich in die feuchte Luft. Heute Morgen war sie zu überstürzt aufgebrochen. Während Lea die Augen schloss und sich das Wasser wieder und wieder über den Kopf laufen ließ, während sie prustend durch den Wasserstrahl atmete und endlich halb blind nach dem Shampoo angelte, fragte sie sich, was sie ihrer Mutter erzählen sollte.

Vielleicht sage ich vorerst gar nichts, überlegte Lea, es ist schließlich zuerst einmal meine Sache.

Außerdem hatte sie jetzt keine Nerven für Rikes Ängste, und Rike – da konnte sie sich sicher sein – machte eine ledige Mutter Angst. Sie kam einfach schwer mit Veränderungen innerhalb des Kreises zurecht, den sie als engste Familie betrachtete.

Lea kletterte endlich wieder aus der Duschkabine und begann, sich mit ihrem Lieblingshandtuch abzutrocknen. Etwas länger starrte sie sich heute im Spiegel an: das ovale Gesicht, die vom langen heißen Duschen gerötete Haut. Sie trug großzügig Creme auf und kämmte sich dann die widerspenstigen Haare. Zuletzt wählte sie einen mauvefarbenen Kaschmirpulli, weiße Jeans und dazu weiße Slipper.

Zurück in der Küche trank sie noch einen Schluck von ihrem Kaffee. Dann überprüfte sie den Inhalt des Kühlschranks. Sie würde später einkaufen gehen. Zwei schrumpelige Möhren lagen noch da, zwei Joghurtbecher und eine ungeöffnete Packung Gouda – sie kontrollierte das Verfallsdatum –, außerdem eine Flasche mit Kaffeesirup und eine weitere Packung Milch.

Mit ihrem Milchkaffee zog Lea sich schließlich zum Fenster zurück, hockte sich halb auf die Fensterbank und trank bedächtig.

Es war jetzt acht Uhr morgens. Auf der Straße war kein Mensch unterwegs. Eine Katze spazierte vorbei. Lea beobachtete sie eine Weile und blickte dann in die Ferne. Sie wusste nicht, wie lange sie dort gesessen hatte, als es klingelte.

Mama.

Von ihrem Platz aus war niemand zu erkennen. Mit einem leisen Seufzer rutschte Lea von ihrem Sitz. Noch bevor sie den Flur erreichte, klingelte es weitere dreimal in kurzen Abständen.

Tatsächlich Rike … Sie klingelte immer Sturm, als könne in der Zwischenzeit die Welt untergehen, eine Angewohnheit, die Lea ärgerte.

Sie betätigte gerade den Türsummer, als es zum vierten Mal klingelte. Heftig riss sie die Tür auf, schluckte die scharfen Worte aber herunter, als sie Rikes besorgten Gesichtsausdruck sah.

»Kind!«, rief Rike schnaufend aus. Hinter Herrn Sieberts Tür scharrte es. Rumpelnd stürzte etwas zu Boden. Frau Melciks Hund stimmte ein neues Bellkonzert an. Lea zog ihre Mutter entschlossen am Arm in die Wohnung.

»Was ist denn?«, fragte Rike, während sie die Tochter abschüttelte, um sich dann selbst an ihr festzuhalten. »Ist alles in Ordnung, Schatz?«

»Kaffee?«, fragte Lea, während sie ihre Mutter in Richtung Küche schob.

»Du hast keinen entkoffeinierten, nein?«

Lea schüttelte den Kopf und schluckte die Bemerkung darüber herunter, wie oft sie diesen kleinen Dialog bisher schon geführt hatten. »Er ist aber magenmild, Mama«, sagte sie nur.

Rike ließ sich auf einen der beiden Küchenstühle fallen. »Ich war übrigens gerade zufällig beim Bäcker«, merkte sie an. »Du hast doch bestimmt noch nicht gefrühstückt?«

»Nein.« Lea hob fragend die Kaffeekanne. »Also, eine Tasse Magenmilden?«

»Magenmild wird wohl in Ordnung sein«, murmelte Rike und fügte lauter hinzu: »Aber mit viel Milch, bitte.«

Einen Moment später saßen sie beide am Tisch, Croissants und zwei große Tassen Milchkaffee vor sich. Frühstück, so Rikes Meinung, war die wichtigste Mahlzeit des Tages.

»Weißt du, wie immer im Urlaub in Frankreich?«

Lea meinte, etwas Flehentliches in Rikes Stimme zu erkennen, als wolle diese hören, dass sie bei allem immer eine gute Mutter gewesen war, die es der Tochter an nichts hatte fehlen lassen.

»Wir waren nur einmal in Frankreich«, hörte sie sich knapp antworten und schämte sich dessen gleich wieder.

Warum musste sie nur immer so ruppig sein, Rike meinte es doch nicht böse.

Rike sah jetzt bedrückt drein.

»Mama …«, begann Lea, hielt dann aber inne. Stattdessen versuchte sie, das schlechte Gewissen mit einem großen Schluck Kaffee herunterzuspülen. Dann setzte sie ihre Tasse ab.

»Aber die Nordsee war ja auch immer sehr schön.«

»Das Meer ist gleich hinter dem Deich«, sagte Rike, und dann lachten sie beide über den Scherz, der sie seit ihrem ersten gemeinsamen Nordseeurlaub begleitete. Das Meer war nämlich mitnichten gleich hinter dem Deich gewesen, ebenso wenig wie sich der Deich gleich hinterm Haus befunden hatte.

Lea biss genüsslich in ihr Croissant und bemerkte, dass Rike schon wieder sehr besorgt aussah. Es war unverkennbar, ihre Mutter wollte mit ihr über etwas Bestimmtes reden.

»Nun mal ehrlich, Lea-Maus, wie geht es dir?«

»Gut, wie soll es mir schon gehen?«

Leas Stimme klang schärfer, als sie es eigentlich beabsichtigt hatte. Nur fünf Minuten später war das Gespräch an einer Stelle angelangt, die Lea nur zu bekannt war.

»Aber du musst doch nicht gleich wütend werden. Frau Baumann, die neben Marc wohnt, hat mich eben angerufen und mich gefragt, ob du immer noch mit dem jungen Weber zusammen bist, und …«

»Und dann habt ihr beide ein wenig über mich getratscht, was? Um sieben Uhr morgens? Ich bin dreißig, Mama, erwachsen. Ich komme zurecht.«

Für einen Moment schwiegen sie beide. Lea spürte, wie ihre Wut so rasch verrauchte, wie sie gekommen war. Warum war sie heute nur so unbeherrscht?

»Es tut mir leid, Mama.«

Rike sah sie ernst an. »Du bist mein Kind, Lea, und du wirst es immer bleiben.«

»Ich weiß.«

Rike zupfte jetzt unruhig an ihrem weiten indischen Oberteil, offenbar unschlüssig, wie sie das Gespräch wieder auf Marc bringen konnte.

»Über dich getratscht, wie das klingt«, versuchte sie es dann kopfschüttelnd. »Ich habe mir Sorgen gemacht, Lea. Ich will, dass du glücklich bist, und das bist du einfach nicht. Dir fehlt irgendetwas …«

»Mir fehlt …«

Lea verschränkte die Arme vor der Brust. Sie wollte es nicht hören, doch das änderte nichts. Rike hatte recht, ihr fehlte etwas. Sie wusste das selbst. Sie holte tief Luft.

»Aber ich will einfach nicht, dass du meine Angelegenheiten mit Frau Baumann besprichst.«

Rike sah sie überrascht an.

»Himmel, Lea, wenn sie mich nicht angerufen hätte, wüsste ich doch wieder mal gar nicht, was passiert ist. Wann hättest du es mir denn gesagt?«

Lea antwortete nicht. Auch Rike schwieg wieder.

»Ich habe eigentlich nie gedacht, dass diese Beziehung hält«, sagte sie dann.

»Weil deine Beziehungen nie …«

Lea schluckte die letzten Worte herunter, als sie den Ausdruck von Verletztheit auf Rikes Gesicht sah.

»Entschuldige, Mama.«

Es war besser, wenn sie jetzt für ein paar Minuten in ihr Schlafzimmer ging, bevor sie noch etwas sagte, was sie wirklich bereute. Wie konnte jemand, den man so sehr liebte, einen nur immer wieder so auf die Palme bringen?

Mit einem Ruck zog Lea die Tür hinter sich zu. Nur einen Moment alleine sein. Im großen Spiegel am Schlafzimmerschrank sah sie ihr Ebenbild: klein, zierlich, aber etwas zur Rundlichkeit neigend, weshalb sie schon als Jugendliche zahllose Diäten begonnen hatte. Du siehst aus wie eine kleine Südländerin, hatte Marc oft gesagt. Schau dir einmal dein Gesicht an, diese schweren Augenlider, deine Hautfarbe. Bekommst du eigentlich je Sonnenbrand?

Nein, bekomme ich nicht, dachte sie, aber wahrscheinlich werde ich irgendwann einen Damenbart haben und kugelrund sein.

Lea stellte die Reisetasche ab, die sie sich im Flur gegriffen hatte. Draußen in der Küche konnte sie ihre Mutter rumoren hören. Wie so oft legte sich ihre Wut bereits wieder. Sie kannte ihre Mutter doch, sie meinte es nie böse. Wie sie wohl reagieren würde, wenn sie erfuhr, dass sie Oma wurde?

Rike hatte spät geheiratet. Lea war kurz darauf gekommen, die Scheidung nur einige Monate später eingeleitet worden. Danach hatte es nie wieder Kontakt zu Leas leiblichem Vater gegeben. Er hatte sich einfach nicht mehr gemeldet. Bis heute wusste Lea nicht mehr von ihm als seinen Namen: Leon.

Laut Rike war sie ein pflegeleichtes Kind gewesen, also hatten sie sich wahrscheinlich nicht wegen ihr geschieden. Als Lea sechs Jahre alt gewesen war, hatte sie ihren Vater erstmals vermisst. Damals hatte sie begonnen, sich Geschichten über ihn auszudenken. Als sie noch älter geworden war, hatte sie andere Familien mit Vätern genau beobachtet. Sie hatte sich ausgemalt, wie ihre eigene Familie einmal aussehen würde: Vater, Mutter und Kind gehörten dazu – daran hatte sie nie gezweifelt.

Rike war unterdessen immer mal wieder eine Beziehung eingegangen. Länger als zwei Jahre hatte keine gehalten. Zudem war keiner der Männer in den engsten Familienkreis, den inneren Zirkel, vorgelassen worden, der nur Lea und Rike selbst vorbehalten blieb. Trotzdem hatte Rike mit dem letzten Partner eine Reise nach Indien geplant, die sie allerdings nie angetreten hatte. Vielleicht hatte ihre Mutter ja tatsächlich Sehnsüchte, von denen Lea nichts ahnte? Zurückgehalten hatte sie sicherlich wieder einmal ihre Angst vor dem Ungewissen.

Lea stellte sich seitwärts zum Spiegel und betrachtete sich noch einmal eingehend, streckte den Bauch heraus. Wie lange mochte es noch dauern, bis man ihr die Schwangerschaft ansah? Zwei oder drei Monate, oder mehr? Was würde Lars, der Besitzer des Cafés, dazu sagen, in dem sie arbeitete? Lea stellte sich wieder frontal vor den Spiegel, trat noch einmal näher heran, schaute in ihre dunklen Augen, starrte so lange, bis ihr der eigene Anblick fremd wurde. Das hatte sie schon als Kind manchmal getan. Sie hatte vor dem Spiegel gestanden und sich angeschaut, bis sie das eigene Gesicht nicht mehr zu kennen meinte.

Draußen war es mittlerweile still. Lea wartete noch einen Augenblick und öffnete dann die Tür. Sie hatte die Küche noch nicht erreicht, als sie auf leises Rascheln aufmerksam wurde. Lea beschleunigte ihre Schritte. Im nächsten Moment schon stand sie in der Küchentür und starrte ihre Post in Rikes Hand an. Ihre Mutter hob den Kopf, einen leisen Anflug schlechten Gewissens auf dem Gesicht.

»Was«, fragte sie trotzdem und reckte den Australienprospekt hoch, »willst du denn hiermit?«

Drittes Kapitel

Claire wusste nicht, ob sie ein Gefühl der Erleichterung verspürte, als der Flieger in Frankfurt am Main landete, oder ob die Angst vor dem, was nun vor ihr lag, nun überhandnehmen würde. Sie war nicht bei den Ersten, die die Maschine verließen. Nein, sie hatte den Trubel mit Bedacht gemieden, war sogar als eine der Letzten von Bord gegangen und stand nun neben dem Gepäckband. Eben hatte sie ihren Samsonite-Koffer ausgemacht. Ein junger Mann eilte ihr zu Hilfe, als sie darum kämpfte, ihn vom Band zu wuchten. Nur einen Augenblick später hatte sie die Passkontrolle hinter sich gebracht.

Deutschland. Zu Hause. Das hatte sie sich immer wieder gesagt. Es fühlte sich dennoch seltsam an.

Claire stellte ihren Koffer ab und sah sich um. Hier und da gab es Fenster, durch die man die großen Maschinen bewundern konnte. Menschen sämtlicher Altersstufen, Urlauber und Businessreisende eilten vorüber. Dazwischen schlenderte immer mal wieder jemand, andere hatten den Blick auf die Anzeigetafeln gerichtet. Dort stand ein Grüppchen Inderinnen schnatternd und plappernd beieinander. Eine Frau in einem Sari beugte sich zu einem kleinen Mädchen herunter. Grüppchen von Stewardessen und Stewards mit ihren offenbar obligatorischen kleinen Rollkoffern befanden sich auf dem Weg von oder zu ihren Arbeitsplätzen. Desorientierte Reisende wanderten von Halle zu Halle, andere waren auf der Suche nach einem Platz zum Ausruhen. Ein dicker Mann hing auf einem der unbequemen Flughafenstühle und schnarchte mit weit geöffnetem Mund. Über Claires Kopf wechselten wieder einmal ratternd die Informationen auf einer der großen Tafeln. Aus zwei Geschäften schimmerte Licht hinaus auf den braunen Kunststoffboden mit den großen Noppen. Zwei elegant gekleidete Passagierinnen begutachteten das Parfumangebot.

Immer wieder hielt Claire für einen Moment an und verschnaufte ein wenig. Als sie das erste Schild gesehen hatte, das auf einen Ausgang verwies, war sie sicher gewesen, dass es nicht mehr weit sein konnte, aber sie hatte sich geirrt. Die Wege zogen sich. Als Claire endlich den Stand mit den wartenden Taxis erreicht hatte, fühlte sie sich ziemlich erschöpft. Neben dem ersten Wagen blieb sie stehen, wartete darauf, dass der Taxifahrer ihren Koffer in den Kofferraum hob, ließ sich selbst auf den Rücksitz helfen.

»Ja?« Der Mann musterte sie über den Rückspiegel.

Claire suchte in ihrer Handtasche nach der Adresse, die sie mit der Hilfe des Detektivs recherchiert hatte, und nannte ihr Ziel. Wenig später surrte der Mercedes los.

Mittlerweile hatten sie den Flughafen längst hinter sich gelassen, und Claire hing ihren Gedanken nach. Nicht zum ersten Mal auf dieser Reise dachte sie an die Zeit zurück, als sie dieses Land verlassen hatte. 1932 war das gewesen, und sie war zum ersten Mal an Bord eines Ozeanriesen gegangen. Claire dachte an Papierschlangen, die sich gedehnt hatten, bis sie schließlich gerissen waren, an Taschentücher, die Adieu gewunken hatten. Und sie dachte an den schmalen Koffer, in dem alles gewesen war, was sie damals ihr Eigen genannt hatte.

Mein ganzes Leben war darin, oder die Scherben, die davon übrig geblieben waren. Und wenn Johanne nicht gewesen wäre, hätte ich noch nicht einmal das bei mir gehabt, und natürlich auch nicht die gut gefüllte Brieftasche, die mir über die ersten, schweren Wochen in der neuen Heimat hinweggeholfen hat.

Es war eine andere Zeit gewesen damals. Die junge Claire Neuberger hatte fast nichts mehr besessen, Claire Hunter dagegen reiste mit einem mächtigen Samsonite-Koffer, den sie zu Hause mindestens zehnmal ein- und wieder ausgepackt hatte, weil sie sich nicht hatte entscheiden können, was sie unbedingt mitnehmen musste.

Es ist kalt in Deutschland, hatte sie sich gesagt und die Strickpullover eingepackt, für die sie sonst so selten Verwendung fand, dazu Strumpfhosen, warme Flanellhosen und feste Schuhe.

Mit dröhnendem Motor zog ein Sportwagen an ihnen vorbei. Claire zupfte die Ärmel ihrer Kostümjacke zurecht und wischte sich dann mit einem Stofftaschentuch den Schweiß von der Stirn. Es war doch wärmer, als sie gedacht hatte, der Himmel war strahlend blau. Nun gut, es war Sommer. Ein deutscher Sommer, aber eben doch Sommer.

Mit einem Mal zitterte sie. Du hast Angst, dachte sie, aber Angst ist kein guter Ratgeber. Du darfst keine Angst haben. Aber das war leichter gesagt als getan.

Claire lehnte sich im Autositz zurück und starrte die Landschaft an, die draußen an ihr vorbeiflog. Das Deutschland, in das sie zurückgekehrt war, war ihr fremd geworden, das hatte sie bereits am Flughafen bemerkt. Die Sprache. Die Lichter. Die Gerüche. Die Schnelligkeit. Die vielen Menschen. Sie kannte nichts davon. Das Deutschland, das sie verlassen hatte, war langsam gewesen. Übersichtlich und träge.

Und dabei hatten sie sich schon damals gewundert, wie schnell alles geworden war. Vielleicht dachte jede Generation, ihre Zeit sei schneller geworden …

Wieder sah sie Johanne und sich selbst vor sich. Johanne in einem geblümten Nachmittagskleid aus Crêpe de Chine, sich selbst in einer weißen Bluse und einem braven Rock. Aber das war nicht zu vergleichen mit heutigen Zeiten. Wieder dachte sie an die Menschen, die im Flughafen geschäftig hin und her geeilt waren. So viele Menschen aus so vielen verschiedenen Ländern. Dachte an Worte, die hin und her geflogen waren, Worte in so vielen verschiedenen Sprachen. Sie fragte sich, was sie erwartete. Sie fragte sich, ob sie die richtige Entscheidung getroffen hatte. Sie fragte sich, ob ihr dieses Deutschland irgendwann wieder weniger fremd sein würde.

Rike blickte in den Spiegel. Der alljährliche Nordseeurlaub stand bevor. Vier Wochen. Plus eine Woche Kur dieses Mal, die sie sich von der Krankenkasse erkämpft hatte.

Soll ich zu Hause bleiben?, überlegte sie. Vielleicht braucht Lea mich …

Sie konnte heute einfach nicht aufhören, sich anzustarren. Der Pagenkopf saß glatt geföhnt genau auf Kinnlänge, seit sie ein junges Mädchen gewesen war. Nur trug sie heute keine Riesenschleife mehr mitten auf dem Kopf, wie das die Großmutter von ihr verlangt hatte. Rike rückte näher an ihr Spiegelbild heran, riss die Augen auf und fuhr mit einem Finger über die Falten, die sich rund um ihre Augen eingegraben hatten.

Rike Kadisch, geborene Neuberger. Die lange Kette aus Türkisen, die sie zu ihrer weiten, weißen indischen Bluse trug, passte gut zu ihren dunklen Augen. Leon Kadisch hatte sich damals als Erstes in diese Augen verliebt. Das hatte er jedenfalls gesagt, bevor er mit ihr ein Kind gezeugt hatte. Die ersten Monate war er ein guter Vater gewesen, hatte viel mit Lea gespielt und sie kaum aus den Augen gelassen, doch dann hatte sich etwas geändert. Zu