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Wir wussten es schon immer: Lesen macht glücklich und schlau. Und in Zeiten ständiger Berieselung und Ablenkung ist ein Buch eine sichere Bastion, in die man sich retten kann, wenn die Welt zu laut wird. Doch es gibt etwas, was noch schöner ist als Lesen: Vorlesen. Was sich in uns alles abspielt, wenn wir uns gemeinsam auf dem Sofa über ein Buch beugen, einer Geschichte lauschen und Bilder gucken, beschreibt die Journalistin und fünffache Mutter Meghan Cox Gurdon. Sie beleuchtet soziale, psychologische und neurologische Aspekte des Vorlesens und zeigt, wie dabei unter anderem die Bindung gestärkt, die Sprachentwicklung gefördert und das Vorstellungsvermögen bereichert wird – und dass es deshalb besonders für Kinder elementar ist.
Meghan Cox Gurdon erklärt, warum Vorlesen die Synapsen feuern lässt, wie es das Fernsehen niemals kann. Warum es nicht nur Kinder glücklich macht. Und warum es einfach viel schöner ist, als alleine zu lesen.
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Seitenzahl: 419
Veröffentlichungsjahr: 2019
Meghan Cox Gurdon
Die verzauberte Stunde
Warum Vorlesen glücklich macht
Aus dem amerikanischen Englisch von Frank Sievers
Insel Verlag
Janet und Allan Ahlberg, Kuckuck!, Verse von Josef Guggenmos, Hamburg 1983.
Joan Aiken, Wölfe ums Schloss, deutsch von Ilse Lauterbach, München 2017.
Augustinus, Bekenntnisse, VI, 3, zitiert nach: Matthias Bickenbach, Von den Möglichkeiten einer ›inneren‹ Geschichte des Lesens, Tübingen 1999.
Bruno Bettelheim, Kinder brauchen Märchen, deutsch von Lieselotte Mickel und Brigitte Weitbrecht, München 1993.
Die Bibel, Lutherübersetzung, Stuttgart 2017.
Margaret Wise Brown, Gute Nacht, lieber Mond, deutsch von Patrick Süskind, Zürich 2016.
Jean de Brunhoff, Die Geschichte von Babar, dem kleinen Elefanten, deutsch von Carolin Wiedemeyer, Köln 2016.
Lewis Carroll, Alice im Wunderland, deutsch von Christian Enzensberger, Frankfurt a. M. 2016.
Lewis Carroll, Alice hinter den Spiegeln, deutsch von Christian Enzensberger, Frankfurt a. M. 2016.
Samuel Taylor Coleridge, »Kublai Khan«, zitiert nach www.sonett-archiv.com (ohne Übersetzernennung).
Roald Dahl, Boy, deutsch von Adam Quidam, Reinbek 2004.
Roald Dahl, James und der Riesenpfirsich, deutsch von Inge M. Artl, Reinbek 1987.
»Ann Droyd«, Stecker raus und aus die Maus, deutsch von Nadia Budde, München 2012.
Albert Einstein, Rede für Max Planck, zitiert nach: Alexander Moszkowski, Einstein – Einblicke in seine Gedankenwelt (1922) in Projekt Gutenberg.
Chen Guangcheng, Der barfüßige Anwalt, deutsch von Stephan Gebauer, Reinbek 2015.
Russell Hoban, Kleine Schwester für Fränzi, deutsch von Martin Beheim-Schwarzbach, Reinbek 1972.
Homer, Ilias, 6. Gesang, deutsch von Raoul Schrott, Frankfurt a. M. 2010.
Homer, Odyssee, in: Werke in zwei Bänden, Bd. 2, deutsch von Dietrich Ebener, Berlin und Weimar 1971.
Zora Neale Hurston, Ich mag mich, wenn ich lache, deutsch von Barbara Henninges, Zürich 2000.
Astrid Lindgren, Pippi Langstrumpf geht an Bord, deutsch von Cäcilie Heinig, Hamburg 2019.
Alberto Manguel, Eine Geschichte des Lesens, deutsch von Chris Hirte, Berlin 1998.
Adam Mansbach, Verdammte Scheiße, schlaf ein!, deutsch von Jo Lendle, Köln 2011.
John Stuart Mill, Über die Freiheit, deutsch von Else Wentscher, Leipzig und Weimar 1991.
A. A. Milne, Pu der Bär. Gesamtausgabe, deutsch von Harry Rowohlt, Hamburg 2009.
Vladimir Nabokov, Die Kunst des Lesens, deutsch von Karl A. Klewer, Frankfurt a. M. 2010.
Daniel Pennac, Wie ein Roman, deutsch von Uli Aumüller, Köln 1994.
Charles Perrault, Erzählungen meiner Mutter Gans, zitiert nach www.maerchenlexikon.de / texte / te333-002.htm (ohne Übersetzernennung).
Salman Rushdie, Harun und das Meer der Geschichten, deutsch von Gisela Stege, München 2014.
Antoine de Saint-Exupéry, Der kleine Prinz, deutsch von Elena Fischer, zweisprachige eBook-Originalausgabe 2015.
Robert Louis Stevenson, Die Schatzinsel, neu übersetzt von Andreas Nohl, München 2015.
Bram Stoker, Dracula, neu übersetzt von Andreas Nohl, München 2014.
J. R. R. Tolkien, Der Herr der Ringe, deutsch von Margaret Carroux und E. M. von Freymann, Stuttgart 2014.
Laura Ingalls Wilder, Unsere kleine Farm. Laura und der lange Winter, deutsch von Emmy Gutschale, Berlin 2017.
Maryanne Wolf, Das lesende Gehirn: Wie der Mensch zum Lesen kam – und was es in unseren Köpfen bewirkt, deutsch von Martina Wiese, Wiesbaden 2010.
Virginia Woolf, Augenblicke des Daseins. Autobiografische Skizzen, Neuübersetzung von Brigitte Walitzek, Frankfurt a. M. 2012.
Für Hugo und den Chogen
Die Seele steckt in der menschlichen Stimme.
– Jorge Luis Borges
Die Liebe liegt nicht einfach herum wie ein Stein. Wir müssen sie herstellen wie Brot: wieder und wieder herstellen und erneuern.
– Ursula K. Le Guin
Die Idee zu diesem Buch entstand nach einem Artikel, den ich im Sommer 2015 im Wall Street Journal veröffentlicht habe: »The Great Gift of Reading Aloud«, »Das große Geschenk des Vorlesens«. Der Artikel wiederum war das Ergebnis aus zwanzig Jahren abendlichen Vorlesens für meine Kinder und zwölf Jahren Arbeit als Kinderbuchkritikerin für das Wall Street Journal. Einige Zeilen daraus sowie aus anderen Beiträgen für die Zeitung sind auch in dieses Buch eingeflossen, außerdem Auszüge aus humorigen Familiensketchen, die ich Anfang der Nullerjahre geschrieben habe.
Meine Quellen können Sie in den Anmerkungen am Ende des Buches nachlesen, und in der Danksagung nenne ich all die Menschen, die mir großzügigerweise ihre Zeit und ihr Fachwissen zur Verfügung gestellt haben. Etwaige Fehler oder Fehldeutungen habe ich verschuldet, nicht sie. Die Personen, von denen ich in diesem Buch erzähle, sind real, und ich habe so wortgetreu wie möglich aufgezeichnet, was sie zu mir gesagt haben (wobei ich um der Klarheit des Gedankens willen manchmal etwas ausgelassen oder umformuliert habe). Um ihre Privatsphäre zu schützen, habe ich allerdings viele Namen geändert. Die Dialoge sind so genau wiedergegeben, wie es mir mein Gedächtnis, meine digitalen Aufnahmen und Notizen während der Gespräche erlauben. Der Einfachheit halber benutze ich das Wort Eltern für alle Erwachsenen, die einem Kind vorlesen, und vertraue darauf, dass alle Tanten und Onkel, Cousins und Cousinen, Brüder, Schwestern, Lehrer, Babysitter und freundlichen Nachbarn, die ebenfalls Kindern vorlesen, wissen, dass sie mitgemeint sind.
Wenn ein Buch eigene Erinnerungen und das persönliche Engagement mit Wissenschaft, Geschichte, Kunst und Literatur anreichert – wie in diesem Fall –, können natürlich nicht alle Ideen, Denker und Ereignisse zum Thema genannt und umjubelt werden. Möge mir der Leser diese Auslassungen verzeihen. Gleiches gilt für die Bücher, über die ich hier spreche, vor allem für die angehängte Liste mit Lektürevorschlägen [für die deutsche Ausgabe wurden die Vorschläge angepasst]. Dieses Buch ist kein distanzierter und unparteiischer, geschweige denn vollständiger Leitfaden für die »richtigen« Vorlesebücher, sondern nennt meine persönlichen Lieblingsbücher und die meiner Kinder. Anderen Familien gefallen andere Bücher. Warum auch nicht? Wir leben nicht auf Camazotz, dem dunklen Planeten aus Der Riss im Raum, auf dem alle immer dasselbe tun müssen. Wir können lesen, was uns reizt, und auslassen, was uns nicht interessiert. Genau so sollte es sein. Denn das Wichtigste ist, dass wir lesen – oder besser gesagt: vorlesen.
Die Zeit, die wir mit Vorlesen verbringen, ist eine ganz besondere Zeit. Es geht eine wundersame Alchemie vor sich, wenn ein Mensch einem anderen Menschen vorliest, sie verwandelt gewöhnliche Alltagsdinge – ein Buch, eine Stimme, ein Sofa, ein bisschen Zeit – in einen berückenden Treibstoff für Herz, Geist und Fantasie.
»Wenn uns jemand, den wir lieben, etwas vorliest, dann legen wir unseren Schutzpanzer ab«, sagte die Autorin Kate DiCamillo einmal zu mir. »Wir schließen ein Bündnis in einer Höhle aus Wärme und Licht.«1
Da hat sie vollkommen recht. Neueste Erkenntnisse aus Gehirn- und Verhaltensforschung geben uns inzwischen auch erste Einblicke, warum das so ist. Dass diese Entdeckungen ans Licht kommen, während wir gerade einen Paradigmenwechsel in unserer allgemeinen Lebensweise erleben, ist dabei kein Zufall. Denn die Technologien, mit denen wir die Funktionsweise des menschlichen Gehirns untersuchen können, sind im selben Zuge entstanden wie die Technologien, die unser Hirn verblüffen, verwirren und offenbar sogar verformen. Während unsere Kultur gerade »die große Isolierung«2 vollzieht – wie der Titel eines Buchs von Catherine Steiner-Adair suggeriert –, ringen viele von uns mit dem Einfluss, den Bildschirme und Geräte auf unser Leben haben. Auf der einen Seite verbessern sie es, auf der anderen fällt es uns immer schwerer, uns zu konzentrieren, zu behalten, was wir gesehen und gelesen haben, und sind wir selbst dann, wenn wir mit unseren Liebsten zusammen sind, erschreckend häufig nur noch halb anwesend. In diesem Zeitalter der Zerstreuung müssen wir dringend überdenken, was das Vorlesen für uns sein und leisten kann. Denn es ist nicht einfach nur ein netter, nostalgischer Zeitvertreib, auf den wir ebenso gut verzichten könnten. Wir müssen es endlich als einen gestaltenden, ja als einen gegenkulturellen Akt begreifen.
Für Babys und Kleinkinder mit ihrem rasant wachsenden Gehirn gibt es schlicht und einfach nichts Besseres. Deshalb widme ich das Gros dieses Buches den jungen Menschen. Sie reagieren auf die direkteste Art und Weise, wenn jemand ihnen vorliest, und sind daher auch ein besonders beliebtes Forschungsobjekt. Wir werden sehen, dass die tiefen Hirnnetzwerke des Kindes stimuliert werden, wenn es Geschichten hört und dabei Bilder ansieht, wodurch eine optimale kognitive Entwicklung gefördert wird. Außerdem entwickelt das Kind bei diesem geselligen Erlebnis Empathie, wodurch wiederum sein Spracherwerb drastisch beschleunigt wird, sodass es bei der Einschulung einen Vorsprung vor seinen Mitschülern hat. Der Lohn des frühen Vorlesens ist erstaunlich vielfältig: Kleinkinder, denen viele Geschichten vorgelesen wurden, entwickeln später stärkere Bindungen, können sich besser konzentrieren, sind emotional belastbarer und können sich besser beherrschen. Das ist inzwischen wissenschaftlich so gut belegt, dass Sozialforscher das Vorlesen als einen der wichtigsten Faktoren für die Zukunftsperspektiven eines Kindes ansehen.
Es wäre jedoch falsch, das Vorlesen auf die Kindheit zu beschränken. Der zutiefst menschliche Austausch, der sich dabei vollzieht, ist menschlich im besten Sinne, das heißt das Vergnügen und die Wohltaten des Vorlesens stehen uns allen offen. Mögen auch Jugendliche und Erwachsene, denen vorgelesen wird – oder die selbst lesen –, für die Wissenschaft weniger interessant sein, steht indes nicht in Zweifel, dass sie geistig, emotional, literarisch und sogar spirituell davon profitieren. Für den ermatteten Menschen in mittleren Jahren, dessen Aufmerksamkeit in alle Richtungen gezerrt wird, ist das Vorlesen wie ein lindernder Balsam für die Seele. Für Ältere in späteren Lebensjahren hat es eine so tröstliche und belebende Wirkung, dass man es fast für ein Stärkungsmittel oder gar für Medizin halten könnte.
Es gibt viel zu tun, und wir haben keine Zeit zu verlieren. In unserem technischen Zeitalter können wir alle von den Vorzügen des Vorlesens profitieren – für unsere Kinder aber ist es von höchster Dringlichkeit. Viele junge Menschen verbringen bis zu neun Stunden am Tag vor einem Bildschirm. Sie sind umgeben von Technologien – die in ihr Leben eindringen, ihre Aufmerksamkeit an sich reißen, ihre Hände und Augen vereinnahmen –, und sie brauchen Erwachsene in ihrem Leben, die ihnen nicht trotz, sondern gerade wegen dieser Vereinnahmung Bücher vorlesen.
Wir haben durch die kulturelle Nutzung des Internets einiges gewonnen und einiges verloren. Das Vorlesen kann uns zurückgeben, was uns die Technik genommen hat. Wo Bildschirme Familien auseinanderbringen, da jeder in seinem eigenen virtuellen Raum sitzt, kann das gemeinsame Lesen einander wieder näherbringen. Wenn wir mit einem Buch und einem oder zwei Gefährten auf dem Sofa sitzen, gelangen wir in das Reich der Fantasie und genießen die Wärme der körperlichen Nähe. Kinder, die mit Ruhe und Muße die Illustrationen in einem Bilderbuch betrachten, lernen die Grammatik der bildenden Kunst auf eine Weise, wie sie mit bewegten, springenden Bildern gar nicht möglich ist. Wo die unendlichen Möglichkeiten des Touchscreens Zerfahrenheit in uns auslösen, fesselt eine vorgelesene Geschichte unseren Geist auf eine tiefe, nachhaltige Weise. Mithilfe der Sprache, die Babys in den Geschichten hören, können sie das sprachliche Gerüst bauen, das sie beim Sprechen ihrer ersten Wörter benötigen, und Kleinkinder das flüssigere Sprechen üben. Wenn sie älter werden, bringen ihnen vorgelesene Romane komplexere Sätze und Erzählungen nahe, die ihnen ansonsten vorenthalten blieben. Beim Vorlesen baden Kinder jeden Alters in einem Fluss aus Worten, Bildern und Satzrhythmen, den sie nirgendwo sonst finden würden. All das führt bei Kindern und Jugendlichen wie auch bei Erwachsenen zu Freude, Teilhabe und einer tiefen emotionalen Bindung. Das Vorlesen ist die vielleicht günstigste und effektivste Methode, um unserer Familie und unserer Kultur als Ganzes etwas Gutes zu tun.
Die verzauberte Stunde ist ein Buch für alle, die Bücher, Geschichten, Kunst und Sprache mögen. Für alle, die Babys und Kleinkindern den bestmöglichen Start ins Leben bieten möchten, die sich um den zarten Erstklässler ebenso wie um den empfindsamen, wissbegierigen Jugendlichen sorgen und sich nach einer Begegnung mit Literatur sehnen, die die »Watte des täglichen Lebens«3 durchbricht, wie Virginia Woolf es einmal formuliert hat. Es ist für alle, die das Vorlesen noch nie ausprobiert haben, und für alle, die es seit Jahren praktizieren. Aber zuallererst ist es vielleicht für jene, die beklagen, dass in einer Welt der lärmenden Nichtigkeiten, der Fesseln der Technik und der Dauerbeschallung mit den neusten Nachrichten die emotionalen Beziehungen abstumpfen und jede Gedankenklarheit verloren geht.
Auf diesen Seiten geht es um ein Gefesseltsein ganz anderer Art, durch eine höchst bescheidene Tätigkeit: Ein Mensch liest einem anderen etwas vor – ob nun ein Lehrer seiner Klasse, eine Mutter ihren Kindern, ein Mann seiner Frau oder ein Ehrenamtlicher dem Rettungshund. Der Vorgang ist denkbar simpel, seine Auswirkungen dagegen vielfältig und wundervoll. Sie werde ich Ihnen in den folgenden Kapiteln darlegen. Zusammen können wir uns ansehen, was Bücher für die Entwicklung eines Kindes bedeuten und warum Bilderbücher für die optimale Entfaltung eines Kleinkinds besser sind als jede Technologie und jedes Spielzeug. Wir reisen zurück in eine Epoche, in der Lesen gleichbedeutend war mit lautem Vorlesen, um einen Eindruck davon zu bekommen, wie Stimme und Schrift historisch zusammenhängen. Auch um Hörbücher und Podcasts wird es in diesem Buch gehen. Anschließend erkunden wir die ungeheure Wirkmacht des gesprochenen Wortes bei der Vermittlung von Sprache, Grammatik und Syntax und wie es den Zuhörer von den Beschränkungen durch Raum und Zeit befreit. Die vorlesende Stimme ist an Tausenden knisternden Kaminfeuern eine stille Quelle der Unterhaltung gewesen, und sie ist eine Brücke zwischen den Generationen. Das Vorlesen diente – und dient – auf sehr handfeste Weise als Fluchthelfer aus Unwissenheit, Leid und Sklaverei. Es hilft dem Zuhörer herauszufinden, was ihn bewegt, es weckt sein Bewusstsein für Schönheit und Kunst und gibt jungen Menschen das Rüstzeug an die Hand, um ihr Potential als offenherzige, neugierige, kultivierte Erwachsene auszuschöpfen.
Meine stille Hoffnung ist, dass Sie die Argumente, Anekdoten und Forschungsergebnisse in diesem Buch so überzeugend finden werden, dass Sie am liebsten gleich losrennen und Ihren Liebsten vorlesen möchten. Sollte mir das gelingen, habe ich meinen Teil zu dem großen kulturellen Staffellauf beigetragen, der für mich wie für viele andere begann, als ich noch zu klein war, um zu begreifen, was mit mir geschah.
Wie alt mag ich gewesen sein? Drei? Vier? Im hintersten Winkel meiner Erinnerung sehe ich meine Mutter vor mir, wie sie mir The Big Honey Hunt von Stan und Jan Berenstain und Grünes Ei mit Speck von Dr. Seuss vorlas. Und auch meine Großmutter sitzt dort, sie las The Story About Ping von Marjorie Flack. Als ich selbst lesen konnte, haben die Erwachsenen in meinem Leben aufgehört, mir Bücher vorzulesen, was häufig passiert – und, wie wir noch sehen werden, bedauerlich ist. Dann wurde ich erwachsen und das Thema verschwand aus meinem Leben.
Viele Jahre oder gar Jahrzehnte machte ich mir keine Gedanken mehr über das Vorlesen, obwohl es sich, weil es so schön und wichtig ist, tief in meinem Bewusstsein eingenistet hatte. Eines Abends aber kam der in mir schlummernde Gedanke wieder hoch, als ich mit meinem Mann bei unseren Freunden Lisa und Kirk zu einem Abendessen in größerer Runde eingeladen war. Die beiden hatten mehrere Jungs. Während alle beim Cocktail plauderten, entschuldigte sich Lisa und verschwand nach oben. Sie war so lange weg, dass irgendwann jemand Kirk fragte, ob etwas nicht stimme. »Oh, nein, nein«, erwiderte er. »Sie liest nur den Jungs etwas vor.«
Sie liest nur den Jungs etwas vor. Aller Missmut, den wir unserer Gastgeberin gegenüber vielleicht verspürt hatten, war sogleich verflogen und an seine Stelle rückten atemlose Bewunderung und der Schwur, dasselbe zu tun, sollte ich jemals Kinder haben. Ihnen vorzulesen würde bei mir immer an erster Stelle stehen.
Und so durchschoss mich, als ich vor vierundzwanzig Jahren mit meinem Mann und unserem ersten Kind aus dem Krankenhaus kam, ein Gedanke, der in meinem konfusen Nachgeburtsgeist wie ein Neonschild im Nebel hervorstach. Ich muss meinem Baby etwas vorlesen. Die Wohnungstür war kaum ins Schloss gefallen, da saß ich mit dem Kind schon im Schaukelstuhl und griff nach einem Märchenbuch. Alles war so neu, so fremd und verwirrend. Ich schlug das Buch auf und begann zu lesen.
»›Es war einmal ein Witwer‹«, erzählte ich Molly, meinem Baby, »›der hatte eine Tochter. Als er wieder heiratete, nahm er sich eine Witwe mit zwei Töchtern. Sie alle waren eifersüchtiger Natur, was für die Tochter des Mannes beklagenswert war, da sie sie zwangen, daheim zu bleiben und die harte Arbeit ganz allein zu verrichten, während sie selbst ihre schönsten Kleider anzogen und zu den Gartenfesten gingen …‹«
Die heiße Sommersonne drang durch das Fenster. In meinen Ohren klang meine Stimme falsch und aufgesetzt. Und das Baby schien gar nicht mitzubekommen, was gerade geschah.
»›Der Prinz tanzte mit der älteren Stieftochter ein Menuett, als plötzlich die Musik abbrach und …‹«
Hörte sie mir überhaupt zu?
Sollte ich ihr die Bilder zeigen?
Hey, sie war doch wohl jetzt nicht gerade eingeschlafen?
Mit dem plötzlichen Gefühl des Versagens, noch gesteigert durch die Erschöpfung und die Erkenntnis, wie absurd das ganze Unterfangen war – welche Wahnsinnige liest ihrem neugeborenen Baby Aschenputtel vor? –, schnürte sich mir der Hals zu und ich brach in Tränen aus.
Ein unschöner und wenig verheißungsvoller Anfang für unser sehr bald liebstes Familienritual. Die verzauberte Stunde ist aus der Erfahrung dieser ersten ängstlichen Tage und der nächsten Jahre entstanden, als Molly noch einen Bruder bekam, Paris, und drei Schwestern, Violet, Phoebe und Flora. Ihnen allen habe ich jeden Abend eine Stunde lang vorgelesen – und tue es auch noch heute. In der ersten wilden Zeit, als sie noch ganz klein waren, kam uns der stille Rückzug mit ein paar Büchern nach einem turbulenten Tag wie eine Rettungsinsel vor. Ich war dankbar und erleichtert. Wir hatten den Tag geschafft! Jetzt durften wir uns entspannen. Jetzt begann die schönste Stunde.
War es immer zauberhaft? Sicher nicht. Das Vorlesen ist oft ein Opfer, manchmal eine Plage. Selbst der größte Eiferer findet bisweilen dafür nicht die Zeit und Muße. Es gab Abende, an denen ich fast daran verzweifelte, alle zur Ruhe zu bringen, und Abende, an denen uns kein Buch so richtig gefiel. Manchmal blinzelte ich aus schweren Augen auf die Seiten. Ich las mit Erkältung und mit heiserer Stimme und einmal törichterweise direkt nach einer Kiefer-OP (und zog mir mitten in »Wie das Nashorn seine Haut kriegte« einen Faden). Manchmal konnte ich all die blumigen Beschreibungen nicht mehr ertragen und strich nach Gutdünken ganze Passagen (Brian Jacques möge mir verzeihen). Manche Bücher wiederum rührten mich so sehr, dass ich weinen musste, und mithin auch meine Zuhörer, weil ihre Mutter weinte.
Kurz bevor im Herbst 2005 Flora auf die Welt kam, wurde ich beim Wall Street Journal Kinderbuchkritikerin. Über Nacht überschwemmten frische Kinderbücher unser Haus. Neue Titel gelangten neben den Klassikern und den alten Lieblingsbüchern in unser Standardrepertoire. Jahrelang stand ich knietief in Kinderbüchern, hüfttief in Kinderdingen und bis zum Hals in meiner Elternwelt.
Dann kam der erste bittersüße Abschied. Als Molly in die Pubertät kam, verließ sie unseren zauberhaften Lesekreis. Ein paar Jahre später folgte Paris. Als Dritte Phoebe. Nachdem sich vor ein paar Jahren dann auch Violet verabschiedet hatte, mit fünfzehn, beschloss ich, dieses Buch zu schreiben. Ich hatte es fast fertig, da zeigten sich auch bei Flora die ersten zarten Anzeichen, dass sie flügge würde. Zwar stehe ich immer noch knietief in Kinderbüchern, aber das Vorlesen wird bald vorbei sein. Doch was Sie unterdessen hören, ist kein unterdrücktes Schluchzen aus Kummer oder Wehmut. Es ist der Aufprall des Staffelstabs in Ihrer Hand.
Das Familienleben kann eine hektische Angelegenheit sein, bei der die Fetzen fliegen. Manchmal ist es ein rechter Kampf, alle Mann an Bord zu halten, und fast unmöglich, sie zur Zubettgehzeit auf die Vorleseinsel zu hieven. Aber es lohnt die Mühe, gerade jetzt, da wir alle auf unseren ziemlich einsamen Inseln im weiten Pixelmeer hocken. Jung und Alt brauchen das, was uns das Vorlesen zu bieten hat. Wäre ich Glinda4, die Gute Hexe aus dem Zauberer von Oz, dann würde ich jetzt meinen Zauberstab schwingen und allen Familien auf der Welt dieses Geschenk machen. Doch da ich nur eine bescheidene Autorin bin und keinen Zauberstab besitze, hoffe ich, dass dieses Buch die Zauberformel sein möge, die uns alle von den Wohltaten des Vorlesens überzeugen wird.
1. Kapitel
In dem großen grünen Zimmer
war ein schwarzes Telefon
und ein roter Luftballon
und an der Wand ein Bild von der –
Spring-über-den-Mond-Kuh
Und an der andern Wand drei kleine Bären auf Stühlen
Und ein Bär sah der Kuh zu
–Margaret Wise Brown, Gute Nacht, lieber Mond
1947 führte Christian Dior den New Look in der Damenmode ein, unterschrieb Jackie Robinson einen Vertrag mit den Brooklyn Dodgers, womit er der erste afroamerikanische Spieler in der Major League Baseball war, und veröffentlichte ein Verlag namens Harper & Brothers eine stille kleine Gutenachtgeschichte mit dem Titel Gute Nacht, lieber Mond.1
Ein folgenreiches Jahr! Dior entfachte mit seiner Neuerung eine Mode-Renaissance, Robinson berührte die Menschen mit seiner Würde und Athletik und das stille kleine Bilderbuch wurde zum beliebtesten Kinderbuch der Welt. Seit seinem Erscheinen wurden Fantastilliarden Exemplare verkauft.2 Generationen von Kindern haben ihren Eltern gelauscht, wenn sie ihnen die drolligen hellen Verse von Margaret Wise Brown über ein kleines Kaninchen vorlasen, das bei seinem Zubettgehritual den Dingen in seinem Zimmer gute Nacht sagt. Unzählige kleine Finger haben die farbsatten Illustrationen des großen grünen Zimmers von Clement Hurd berührt, die gerahmten Bilder, das knisternde Feuer und die großen Fenster mit den gelb-grünen Vorhängen. Unzählige Augenpaare haben auf die Kuriositäten geschaut, die die Szene so ergötzlich und besonders machen: den Bettvorleger aus Tigerfell, den Kamm und die Bürste und die Schüssel mit Brei und die kleinen Katzen, die mit dem Wollknäuel der alten Dame spielen, »die sang leise Dideldumdei«. Mit jeder Seite schreitet der Abend voran, während eine kleine Maus durch das Bild huscht und der helle Mond am Sternenhimmel aufgeht.
Als meine Kinder klein waren, war das Buch ein wichtiger Bestandteil unseres Zubettgehrituals. Ich vermute, dass wir es nicht jeden Abend gelesen haben, aber mit dem Abstand von heute kommt es mir zumindest so vor. Der Rhythmus der Verse wurde uns vertraut wie ein lieb gewonnenes altes Stofftier, während die Bilder frisch und neu blieben, weil wir jedes Mal nach etwas Neuem darin suchten. Als Molly schon etwas größer war, erfanden wir ein Spiel, das wir »Quiz« nannten. Ich musste versuchen, in Büchern wie Gute Nacht, lieber Mond schwer erkennbare Dinge zu finden, nach denen sie – und später auch ihre Geschwister – suchen musste. Als meine Kinder noch sehr klein waren, genügte es, sie nach der »Schüssel« oder den »Flammen« oder den »Pantoffeln« in Clement Hurds Illustrationen suchen zu lassen. Mit der Zeit musste ich mir dann aber exotischere Dinge aussuchen und unbestimmtere Bezeichnungen verwenden, um sie aufs Glatteis zu führen.
»Findet ihr die beiden Zeitmesser?«, fragte ich zum Beispiel. Ein kleiner Finger schoss hervor und berührte die Uhr auf dem Kaminsims, ein anderer den Nachttisch des Kaninchens.
»Und wie sieht es mit dem … Kaminbock aus?«
Das war schwer. Es folgte eine lange Pause. Schließlich zeigte ich auf den geheimnisvollen Gegenstand am Kamin, in dem die Holzscheite lagen, und probierte es mit etwas anderem.
»Wer kann mir sagen, wo der zweite Mond ist?«
Wieder schnellte ein Finger hervor und wies auf eine winzige Sichel auf dem Bild von der Kuh, die durch den Nachthimmel springt. Damals hatte ich keine Ahnung, dass unser Spiel mehr war als ein kleines Vergnügen. Wir hatten uns, ohne es zu wissen, an den Fuß eines Berges pädagogischer Prinzipien herangetastet. Denn wenn die Kinder mit den Texten interagieren und wir mit ihnen über die gesehenen Bilder und gehörten Geschichten sprechen, profitieren sie ungleich mehr von ihrer Vorlesezeit. Wir werden uns diesem Phänomen später noch ausführlicher widmen.
Mir kommt es vor, als wäre unsere innige Liebe zu Gute Nacht, lieber Mond ein Alleinstellungsmerkmal unserer Familie gewesen, ähnlich wie die Dinge, die ich und meine Kinder in unseren ersten Lebensjahren liebten. Aber natürlich ist unsere Verbundenheit mit dem Buch nur ein Sinnbild für dessen größere kulturelle Bedeutung. In den siebzig Jahren seit seinem Erscheinen haben sich die Worte und Bilder so sehr in unser aller Kindheit eingenistet, dass Sozialwissenschaftler für das heimelige Zubettgehritual – Schlafanzug anziehen, Zähne putzen, vorlesen und zudecken sowie das allgemeine Vermitteln von Sicherheit und Geborgenheit, bevor das Licht ausgeht – den Begriff »Gute Nacht, lieber Mond-Zeit«3 geprägt haben.
Warum auch nicht? Gute Nacht, lieber Mond ist dafür wirklich ideal. Es wirkt beruhigend. Einschläfernd. Millionen Eltern nehmen es zur Hand, wenn sie ihre Kinder zu Bett bringen, nicht zuletzt, weil das Buch dem regen Geist hilft, zur Ruhe zu kommen.
***
Suchte man das genaue Gegenteil zum großen grünen Zimmer, so wäre man in dem kühlen Raum, der tief im Inneren eines Forschungsgebäudes des Cincinnati Children’s Hospital Medical Center4 auf einem Hügel im Südwesten Ohios verborgen liegt, gewiss nicht ganz falsch. Nachdem man durch einen gleißenden Flur an einer riesigen, kobaltblauen Wand aus Videobildschirmen vorbeigegangen und durch eine Reihe heller Holztüren getreten ist, gelangt man in ein Vorzimmer mit zwei anschließenden Räumen, die durch Spiegelglas voneinander getrennt sind. Ich würde seine Farbe als blassbeige bezeichnen.
An der Wand hängen keine fröhlichen Bilder mit über den Mond springenden Kühen, es gibt keinen Kamin, nicht einmal eine Tischlampe, die ein wenig warmes Licht verströmte. Die blinkenden Lichter und Warnschilder am Eingang signalisieren, dass man einen Ort betritt, an dem ernsthafte Forschung betrieben wird. Im ersten Raum zieht sich ein Schreibtisch über die gesamte Fensterbreite, sodass die an unzähligen Bildschirmen arbeitenden Techniker einen guten Überblick haben über das, was auf der anderen Seite geschieht. Dort, im zweiten Raum, steht eine Art Bett, das mit der gemütlichen Schlafstatt des kleinen Kaninchens in Margaret Wise Browns Geschichte wenig gemein hat. Es ist schmal und hat eine Vorrichtung, um den jungen Schläfer in einer festen Position zu halten.5 Das Kind bekommt weiche gelbe Ohrstöpsel und Kopfhörer, dann darf es sich hinlegen und wird mit einem Gurt festgebunden. Anschließend wird die Liege in die kreisrunde Öffnung des Kernspintomografen geschoben. Dort reagiert das Kind, auf dem Rücken liegend, umgeben von den lauten Geräuschen der vibrierenden Magnetspulen, in den tiefsten Regionen seines Gehirns auf die Laute, die aus dem Kopfhörer kommen, sowie auf die Dinge, die auf einen kleinen Spiegel über seinem Gesicht projiziert werden.
Mit Blick auf die verdeckten dünnen Beine, die noch aus dem Gerät hervorlugen, können die Ärzte – Neurologen, Radiologen, Kinderärzte und Forscher – auf ihren Computern jeden Gedankenblitz des Kindes nachvollziehen, jeden flüchtigen Strahl, der von einem Teil des Gehirns in einen anderen schießt.
Diese Studien am Cincinnati Children’s Reading and Literacy Discovery Center bieten uns einen sensationellen Einblick in die Wirkung, die das Vorlesen auf das in Entwicklung befindliche Gehirn hat. Unter anderem fanden die Forscher heraus, dass tatsächlich stimmt, was wir begeisterte Leser schon lange vermuten: Vorlesen ist eine Art magischer Zaubertrunk.
***
Zehn Kilometer entfernt prasselte der Regen auf den Stadtteil Oakley von Cincinnati, während sich Babys und Kleinkinder mit ihren Betreuern in einen farbenfrohen warmen Kinderbuchladen6 schoben (und geschoben wurden). Im Gegensatz zum sterilen Krankenhausraum waren die Wände vollgehängt mit signierten Kritzeleien und Zeichnungen der Autoren, die hier gelesen hatten. Die Bilder interessierten die hereinstürmenden Kinder indes nicht, ihr Ziel war der Bereich in der Mitte des Ladens, wo die Sessel und Sofas beiseitegeschoben worden waren, um Platz für die wöchentliche Veranstaltung zu schaffen, eine Mischung aus Tanzparty und Vorlesestunde.
»Schau mal, da ist sie!«, sagte eine Mutter zu ihrer Tochter und lenkte ihren Blick auf das mit einem lila Teppich ausgelegte Podium, auf dem die Geschäftsführerin und »Märchentante« Sarah Jones mit ihrer Gitarre saß. Jugendlich, ausdrucksstark, hatte »Miss Sarah« ihr braunes Haar zum Dutt geknotet und stimmte nun einen Akkord an, während sie die Horde anstrahlte. Neben ihr stand ein verblüfft dreinschauender Junge mit Latz und gestreifter Hose, im Blick unschuldiges Erstaunen. Seine ältere Schwester stand etwas weiter entfernt in der gleichen Pose. Andere Kinder knieten, hockten auf ihren Fersen oder waren auf den Schoß ihrer Eltern geklettert, als Jones zum Zeichen, dass die Veranstaltung begann, den Akkord wechselte.
»Kommt zu mir, ihr lieben Leut’« sang sie zur Melodie von »Twinkle, Twinkle, Little Star«. Die Erwachsenen summten mit und ein paar Kinder begannen zu tanzen, während Jones weitersang: »Hier gibt’s etwas, was euch freut.«
Sie waren gekommen, um sich zu freuen. Ich, um zu beobachten. Nachdem mein jüngstes Kind seinen ersten zweistelligen Geburtstag gefeiert hatte, war ich der Kleinkindwelt allmählich entwachsen. Jetzt wollte ich ein wenig meine Kenntnisse darüber auffrischen, wie Kinder in einer Gruppe auf Geschichten reagieren. Dafür war diese Veranstaltung ideal. Der Inhaber der Buchhandlung, Dr. John Hutton, hatte genau wie ich seinen Kindern über zwanzig Jahre lang vorgelesen. Er ist Kinderarzt und Assistenzprofessor am Cincinnati Children’s Hospital, wo er mit zwei Kollegen mithilfe funktioneller Magnetresonanztomografie untersucht, wie sich das Vorlesen auf die geistige Entwicklung des Kindes auswirkt. Die Szene, die wir hier erlebten, kam uns vor, als würde ein ganzes Jahr geheimer fMRT-Forschung zu quirligem Leben erweckt.
Weitere Akkorde schrammelnd, sagte Jones: »Okay, Freunde! Ich freue mich, dass ihr alle heute Morgen gekommen seid!« Sie schlug die Saiten ein letztes Mal an, legte das Instrument beiseite und nahm einen kleinen Stapel Bücher in die Hand. Dann beugte sie sich nach vorn und erzählte den Kindern, dass sie ihnen heute Geschichten über müde Tiere auf dem Bauernhof, müde Babys und ein müdes Sonnensystem vorlesen werde.
»Habt ihr eine Idee, was heute unser Thema ist?«, fragte sie.
Lautes Getöse aus fröhlichen Schreien und Rufen brach aus, die mehr oder weniger unverständlich blieben. Man stelle sich vor: dreißig kleine Kinder und ebenso viele Eltern und Großeltern.
»Heute fangen wir mit einem Buch an, das Sleepy Solar System heißt«, sagte Jones und hielt das Cover in die Höhe, worauf drei kugelrunde Planeten unter einer lilanen Bettdecke stecken.
»Gute Nacht!«, rief jemand. Eine Großmutter wippte ein Baby auf ihrem Schoß. Ein Junge war immer noch am Tanzen. Ein paar andere Kinder wirbelten durch die Gegend, aber fast alle Gesichter waren inzwischen auf die Vorleserin gerichtet.
»›Der Tag war lang und hart, die Milchstraße jetzt sternenklar‹«, setzte Jones ein und dehnte dabei die Vokale. »›Die Sonne rief im Untergehen schläfrig: ,Ab ins Bett!‘‹« Die ganze Szene mit den gebannten Kindern, den beteiligten Eltern, den Liedreimen und der Bilderbuchgeschichte war die perfekte Feedbackschleife aus emotionalem Anreiz und literarischer Nahrung.
Kurz hielt Jones in der Geschichte inne.
»Könnt ihr zusammen mit den müden Planeten gähnen?«
»Uaaargh!«, gähnten die Kinder im Chor.
Dr. Hutton beugte sich zu mir und sagte leise: »Manchmal, wenn Sarah krank ist oder nicht kommen kann, muss eine andere arme Seele versuchen, die Kinder zu unterhalten. Dann gibt es regelrechte Wutanfälle: ›Ich will Miss Sarah!‹«
Ich lachte und wandte mich wieder der Meute zu. Im Buch hatten sich die müden Planeten inzwischen mit Schlummertrunk und Lockenwickler zu Bett begeben, um zu schlafen.
»Jaaa!«, riefen die Zuschauer und klatschten.
***
Als ich Dr. Hutton später in seinem Büro in der Klinik besuchte, flimmerte gerade ein menschliches Gehirn über den Computerbildschirm. Zu sehen war die weiße Substanz, jene Nervenfasern, die mit einem Schutzmantel namens Myelin umhüllt sind. Aber das Studienobjekt war nicht weiß, wie sein Name suggerierte, sondern schillerte in den verschiedensten Farben. Es glich einem leuchtenden Ungeheuer aus den Tiefen des Meeres, mit einem Gewirr zarter empfindlicher Fäden in psychedelischen Tönen von Azurblau über Purpur bis Lindgrün, das im tiefschwarzen Nichts schwebte.
»Das ist wie ein Schaltplan«7, erklärte Dr. Hutton mit einem auffällig fehlenden Faible für Romantisierung und zeigte auf die Stellen, wo sich die Fäden kreuzten. »Frühe Erlebnisse verstärken die Verbindungen und sorgen für eine dauerhaftere Verschaltung.«
»Das meiste davon«, fuhr er fort, »ist genetisch programmiert und entwickelt sich somit ganz automatisch. Aber die Stärke der Verbindungen, die Myelinisierung, das Verpacken der Nerven, reagiert sehr stark auf Stimulation. In der Neurowissenschaft sagen wir: ›Wenn Nerven zusammenschießen, werden sie sich auch zusammenschließen.‹«
Mit einem Klick schickte Dr. Hutton das Seeungeheuer in seine Tiefen zurück und zog graue Hirnscheiben auf den Bildschirm – was weniger blutrünstig war, als es vielleicht klingen mag. Tief im Kern einer jeden Scheibe, deren Unterseite zu sehen war, erkannte ich einen scharlachroten Spritzer, einer Chilischote nicht unähnlich. Diese roten Schoten waren von Gehirn zu Gehirn verschieden. Die Bilder stammten aus einer spannenden, einige Jahre zurückliegenden Studie8, für die Dr. Hutton und seine Kollegen eine Gruppe von Kindern zwischen drei und fünf Jahren in den Computertomografen gesteckt hatten – übrigens ein langwieriger Vorgang, bei dem man jedes Kind zunächst geduldig darauf vorbereitet, in dem Gerät auch wirklich still liegen zu bleiben, und zwar bis zu fünfundvierzig Minuten. »Wir machen das auf spielerische Weise«, erzählte mir Dr. Hutton. »Zum Beispiel sagen wir zu ihnen: ›Du steigst jetzt in eine Rakete!‹ oder: ›Du musst ganz still liegen, stell dir vor, du bist eine Statue aus Stein!‹« Die Forscher wollten herausfinden, was im Gehirn der Kinder geschah, während ihnen altersgerechte Geschichten vorgelesen wurden. Welche Areale würden stimuliert? Würde sich die neuronale Reaktion zwischen Kindern, denen viel, und Kindern, denen wenig vorgelesen wurde, unterscheiden?
Das Team stellte fest, dass bei Kleinkindern, deren Eltern ihnen oft vorlasen und die viele Kinderbücher besaßen, eine größere Hirnaktivierung stattfand. Mit anderen Worten: Ihr Gehirn war agiler und reagierte stärker auf die vorgelesenen Geschichten, was darauf schließen ließ, dass die Kinder mehr von dem, was sie hörten, verarbeiten konnten und dabei zudem schneller waren. Diese Studie hat als erste gezeigt, dass die frühe heimische Leseerfahrung – Zugang zu Büchern und häufiges gemeinsames Lesen mit einem Erwachsenen – zu einem messbaren Unterschied in der Hirnfunktion und folglich auch in der Hirnentwicklung führt. Die Forscher glauben, weil Kinder, denen viel vorgelesen wird, mehr Erfahrung mit Sprache haben und mehr Fantasie entwickeln, haben sie einen kognitiven Vorsprung vor Kindern, denen wenig vorgelesen wird. Eine Vorschullehrerin9 sagte übrigens kürzlich zu mir, sie und ihre Kollegen würden die beleseneren Kinder immer sofort erkennen: »Wenn sie morgens kommen, gehen sie meist direkt zu den Büchern: ›Kannst du mir das hier vorlesen?‹ Dann suchen sie nach einem Schoß, auf den sie sich setzen können«, sagte sie, stand auf und wackelte mit dem Po wie eine Dreijährige, die sich hinsetzen will.
Die roten Chilischoten auf den Bildern der Kinderhirne, die die Hirnaktivierung anzeigen, befinden sich in der hinteren linken Gehirnhälfte, in einem Gebiet, das parieto-temporo-okzipitaler Assoziationskortex genannt wird. In diesem Teil des Gehirns werden multisensorische Informationen verarbeitet, vor allem optische und akustische. Wie Dr. Hutton und seine Kollegen herausfanden, war dieses Areal bei den Kindern am aktivsten, denen am meisten vorgelesen wurde. Erstaunlicherweise wurden bei dieser Studie nur Geschichten ohne Bilder verwendet und den Kindern per Kopfhörer vorgelesen. Daraus schlossen die Kliniker, dass die Aktivierung dieser Areale der optischen Verarbeitung für die Einbildungskraft des Kindes steht. Offenbar konnten sich Kinder mit viel Vorleseerfahrung besser Bilder vor ihrem geistigen Auge vorstellen als Kinder, die wenig Umgang mit Büchern hatten.
Inzwischen hat Dr. Huttons Gruppe zwei weitere Studien10 veröffentlicht, in denen sie mittels fMRT weiteres Neuland betrat. In beiden Studien untersuchte sie die Auswirkung des Vorlesens bei Vorschulkindern. Dabei fand sie heraus, dass bei Kindern, die mehr Interesse an vorgelesenen Geschichten bekunden, eine größere Aktivierung des Kleinhirns11 stattfindet, jenes Gehirnareals, das unter anderem für Lernvorgänge zuständig ist.
Na und?, werden Sie jetzt vielleicht sagen. Ist doch logisch, dass ein Gehirn, das bestimmte Reize gewohnt ist, diese Reize auch besser und schneller verarbeiten kann. Was ist der Punkt?
Der Punkt ist, dass sich Kinder in ihren ersten Lebensjahren besonders rasant entwickeln. Das junge Gehirn ist noch stark formbar und anpassungsfähig und wächst wie wahnsinnig.12 In den ersten zwölf Monaten verdoppelt sich beim Säugling die Größe des Gehirns. An seinem dritten Geburtstag hat es 85 Prozent seines gesamten Wachstums abgeschlossen. Die sensible Zeit, in der sich die Synapsen für Sprache und viele andere kognitive Funktionen herausbilden, erreicht ihren Höhepunkt, wenn das Kind zwei Jahre alt ist. Nach den ersten fünf Lebensjahren hat das Kind die schnellsten Entwicklungsphasen vollständig durchlaufen, sie umfassen Sprache, Affektkontrolle, Sehen, Hören und eingeübte Reaktionsweisen. Durch die Erlebnisse der frühesten Kindheit, in der die Nerven zusammenschießen und sich zusammenschließen, entsteht die Architektur des Kleinkindhirns und wird die Grundlage für das künftige Denken und Urteilsvermögen gelegt.
Bilderbücher haben sich dabei als eine höchst effiziente Methode erwiesen, um Botschaften von einem Teil des Gehirns zu einem anderen zischen zu lassen und auf diese Weise wichtige neuronale Verbindungen zu schaffen und zu verstärken. Die positive Wirkung des Vorlesens ist sogar derart groß, dass die American Academy of Pediatrics2014 ihre 62 000 Mitglieder anwies, den in ihre Praxis kommenden Eltern und Kindern das tägliche Vorlesen ausdrücklich zu empfehlen. »Wenn man Kleinkindern regelmäßig vorliest«13, heißt es in deren Grundsatzpapier, »werden optimale Muster der Hirnentwicklung stimuliert, was wiederum die Eltern-Kind-Beziehung zu einem besonders wichtigen Zeitpunkt in der Kindesentwicklung stärkt und zur Herausbildung von Sprach-, Lese- und Schreib- sowie sozial-emotionalen Fähigkeiten führt, die ein Leben lang erhalten bleiben.«
Optimale Muster der Hirnentwicklung! Stärkung der Eltern-Kind-Beziehung! Fähigkeiten, die ein Leben lang erhalten bleiben! Gäbe es das Vorlesen als Pille, alle Kinder würden es auf Rezept bekommen.
Aber was geben wir ihnen stattdessen? Bildschirme.
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Wenn wir uns heute Gedanken über das Wohl unserer Kinder machen, können wir die Auswirkungen der Technologien nicht mehr außen vor lassen. Bildschirme sind in die letzten Winkel der privaten, einst geschützten Räume der Kindheit eingedrungen. Die guten wie schlechten Folgen sind in allen Familien und in allen Schichten zu beobachten. Nach einer aktuellen Studie besitzt inzwischen fast die Hälfte aller Kleinkinder in den USA ein Tablet oder ein anderes elektronisches Gerät.14 Im Alter bis zu acht Jahren15 verbringen Kinder jeden Tag im Schnitt an die zweieinhalb Stunden vor einem Bildschirm. Und das ist nur der Durchschnitt; bei vielen Kindern ist es deutlich mehr. Bei älteren Kindern nimmt die Zeit dann weiter zu.16 Jugendliche verbringen durchschnittlich sechseinhalb Stunden am Tag mit Bildschirmmedien, ein Viertel von ihnen sogar acht oder mehr Stunden – und damit fast die gesamte wache Zeit außerhalb der Schule. Dabei ist Virtual Reality noch nicht einmal Mainstream.
Wenn ein Kind auf einem Laptop oder Tablet einen Film anschaut, erkennen wir auf den ersten Blick keinen Unterschied zu einer aus einem Bilderbuch vorgelesenen Geschichte. In beiden Fällen nimmt das Kind eine Reihe von Illustrationen auf und hört die Stimme eines Erzählers, während sein Gehirn zu begreifen versucht, was es sieht und hört. Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied. Diese beiden Arten, eine Geschichte zu vermitteln, sind einander nämlich diametral entgegengesetzt. Angesichts der Allgegenwart von Bildschirmen und der enormen Zeit, die Kinder vor ihnen verbringen, gibt das Anlass zur Besorgnis.
Eine andere Studie17, mit der Dr. Hutton und seine Kollegen 2017 Neuland betraten, kann vielleicht erklären helfen, warum das so ist. Die Forscher wollten die Bandbreite ihrer Vergleichsmöglichkeiten erweitern, indem sie sich die Hirnaktivität bei Kleinkindern ansahen, die einmal einer Geschichte nur zuhörten, dann einer Geschichte zuhörten und dabei Illustrationen sahen – das klassische Bilderbucherlebnis – und schließlich bewegte Bilder sahen. Wir werden uns später noch damit befassen, welchen Wert das Zuhören an sich hat, ohne dass das Kind dabei Bilder sieht – wie wir Erwachsene es von Hörbüchern kennen –, aber zunächst einmal würde ich mir gern mit Ihnen den Unterschied zwischen Bilderbuch und Trickfilm ansehen.
Das Team des Cincinnati Children’s Hospital Medical Center steckte für diese Studie achtundzwanzig Kinder im Alter zwischen drei und fünf Jahren in den Computertomografen und führte eine Untersuchung der Hirnaktivität in drei Stufen durch. Als Vergleichsgrundlage nahmen die Forscher Bilder auf, während die Kinder im Computertomografen lagen und auf einem Bildschirm einen Smiley sahen. Dann wurde der Smiley entfernt und das Experiment begann. Die Vorschulkinder lagen im Dunkeln und hörten über Kopfhörer Geschichten mit graduell verschiedenen Sehreizen. Dazwischen gab es jeweils eine Ruhepause. Als Erstes hörten die Kinder The Sand Castle Contest von Robert Munsch, vorgelesen vom Autor selbst. Die Kinder bekamen nur die Geschichte zu hören, ohne Bilder dazu zu sehen. Im zweiten Teil hörten die Kinder eine andere Geschichte von Munsch, Andrew’s Loose Tooth, wieder vom Autor vorgelesen, aber diesmal sahen sie dazu Illustrationen, die Szenen aus der Geschichte zeigten. Zuletzt sahen und hörten die Kinder einen Zeichentrickfilm von Munschs The Fire Station.
Das Ziel war, herauszufinden, was jeweils in bestimmten Hirnnetzwerken vor sich ging, die für die frühe Lese- und Schreibfähigkeit zuständig sind. Die Kliniker sahen sich fünf verschiedene Areale an: das Kleinhirn, jenes korallenförmige Gebilde in der hinteren Schädelgrube, von dem angenommen wird, dass es Lernvorgänge unterstützt; das sogenannte »Default Mode Network«, das bei nach innen gerichteten Prozessen eine Rolle spielt, bei Selbstwahrnehmung, Kreativität und Selbstbewusstheit; den visuellen Cortex, in dem höherstufige visuelle Areale und Gedächtnisareale liegen und der dem Gehirn dazu dient, Bilder vor dem geistigen Auge zu sehen; das semantische Netzwerk, mit dem das Gehirn die Bedeutung von Sprache erkennt; und das Netzwerk der visuellen Wahrnehmung, das die Verarbeitung von Sehreizen unterstützt. Die Kliniker maßen die Aktivierung dieser Hirnnetzwerke bei den drei verschiedenen Vortragsarten und legten dabei ein besonderes Augenmerk darauf, wie sehr sich die Netzwerke miteinander verbanden und synchronisierten.
Das Ergebnis war atemberaubend. Dr. Hutton zeigte mir eine Tabelle, in der das Team seine vorläufigen Schlussfolgerungen zusammengefasst hatte. Rote Rechtecke zeigten die größte statistisch relevante Aktivität an, rosa Rechtecke eine etwas geringere Aktivität und hell- oder dunkelblaue Rechtecke schwache oder inaktive Hirnnetzwerke.
Zuerst schauten wir uns die Daten des ersten Versuchs an, bei dem die Kinder eine Geschichte hörten, ohne dazu Bilder gezeigt zu bekommen. Man sah ein rotes Rechteck. »Es köchelt ein bisschen, ein paar Netzwerke sind am Arbeiten«18, sagte Dr. Hutton, »aber am deutlichsten sieht man die Verbindung zwischen den Arealen der Introspektion: wie bezieht sich das auf mein Leben und mein Weltverständnis. Im Bereich der Visualisierung passiert noch so gut wie gar nichts.« Das klingt einleuchtend: Kleinkinder haben noch wenig Welterfahrung und besitzen noch keine große Bibliothek an Bildern, Gefühlen und Erinnerungen, aus der sie schöpfen könnten.
Dr. Hutton ließ den Finger zur zweiten Spalte in der Tabelle wandern, wo die neuronale Aktivierung verzeichnet war, während die Kinder eine Geschichte hörten und dabei Bilder sahen.
»Bamm!«, sagte er. »Jetzt schießen alle Netzwerke zusammen und schließen sich zusammen.«
Man brauchte keinen Abschluss in Medizin, um zu erkennen, was der dichte Haufen roter Kästchen bedeutete. Wenn die Kinder Bilder sahen, während sie eine Geschichte hörten, unterstützten sich die Hirnnetzwerke untereinander, wodurch die neuronalen Verbindungen – jene zarten Fäden des schwebenden Seeungeheuers – und die gesamte Architektur des Gehirns gestärkt wurden.
Dr. Hutton zeigte auf die Tabelle. »Wenn Sie das jetzt mit dem vergleichen, was passiert, wenn die Kinder das Video schauen, sehen Sie, wie alles in den Keller geht«, sagte er.
Wir saßen einen Moment schweigend da und betrachteten den dritten Abschnitt der Tabelle. Wo vorher alles rot war, war jetzt alles blau.
»Es sieht aus, als hätte das Gehirn seine Aktivität eingestellt«, sagte ich.
»Bis auf die visuelle Wahrnehmung«, erwiderte er. »Die Kinder sehen die Geschichte, aber ansonsten ist in den höherstufigen, für das Lernen zuständigen Hirnnetzwerken nichts mehr los. Offenbar findet hier eine Entkopplung zwischen Sehen, bildlicher Vorstellung und Sprache statt. Das Kind sieht zwar die Geschichte, verbindet das Ganze aber nicht mit anderen höherstufigen Hirnnetzwerken. Das Gehirn muss keinerlei Arbeit leisten. Vor allem die Vorstellungskraft – die im Default Mode Network und im visuellen Cortex angesiedelt ist – geht komplett auf null herunter.«
»Und was heißt das?«
»Die Verhaltensliteratur sagt, Kinder, die zu viel Zeit vor Bildschirmen verbringen, können in verschiedenen Bereichen Defizite aufweisen, zum Beispiel bei Sprache, Vorstellungskraft oder Aufmerksamkeit«, antwortete Dr. Hutton mit betrübtem Blick. »Das dritte bis fünfte Lebensjahr ist eine prägende Entwicklungsphase. Wenn das Kind zu viel Zeit vor einem Bildschirm verbringt, entwickeln sich diese höherstufigen Hirnnetzwerke zu wenig weiter oder verkümmern sogar. Wenn stimmt, was wir über die Gehirnplastizität wissen, fällt Kindern mit unterentwickelten Netzwerken das Lernen schwerer, sie haben weniger eigene Ideen und können sich weniger gut vorstellen, was in einer Geschichte passiert oder was sie mit ihrem eigenen Leben zu tun hat. Sie sind passiver und viel abhängiger davon, dass ihnen etwas vorgesetzt wird. Ich halte das für ein großes Problem, das noch zunehmen wird, je mehr mobile Geräte es gibt. Wir haben keine natürliche Schranke dafür.«
Ich sah wieder auf die Tabelle, deren Unterschiede mich erschütterten. »Es sieht aus, als hätte jemand die gesamte Farbe ausradiert«, sagte ich, »so als würde in ihren Köpfen einfach überhaupt nichts passieren, wenn sie das Video ansehen.«
»Das Licht ist an«, sagte Dr. Hutton, »aber es ist keiner zu Hause.«
Eine Sache sollte uns dabei zu denken geben. Die Gehirne, die ihre Aktivität einzustellen schienen, wenn ihre jungen Besitzer das Video ansahen, waren dieselben Gehirne, die Funken sprühten, als die Kinder Bilder sahen, während Robert Munsch ihnen sein Bilderbuch vorlas. Die Forscher des Cincinnati Children’s Hospital Medical Center nennen dieses Phänomen den Goldlöckchen-Effekt.19 Wie bei den drei Schalen mit Brei in dem Märchen ist das reine Zuhören »zu kalt«, um die Hirnnetzwerke von Kleinkindern zu stimulieren und optimal zu vernetzen. Der Trickfilm dagegen ist »zu heiß«. Das Vorlesen aus Bilderbüchern schließlich scheint »genau richtig« zu sein. Kinder müssen ein gewisses Maß an Arbeit leisten, um zu entschlüsseln, was sie hören und sehen, wodurch das Erlebte nicht nur spannend und vergnüglich wird, sondern auch die Verbindungen im Gehirn verstärkt werden, mit denen die Kinder später schwierigere und komplexere Geschichten verarbeiten.
Mit anderen Worten: Was Kinder von der einen Art des Geschichtenerzählens nicht bekommen, bekommen sie von der anderen.20 Doch wenn die Zeit, die ein Kind vor dem Bildschirm verbringt, wenig oder nichts zu seiner neurologischen Entwicklung beiträgt – wie die Studie nahelegt –, dann ist es umso wichtiger, dass es jeden Tag Zeit mit einer Aktivität verbringt, die diese Entwicklung fördert.
Hier kommt nun also unser Zaubertrunk ins Spiel, das Vorlesen – je früher, desto besser. Kinder sind nicht sehr lange klein, weshalb wir es nicht auf morgen verschieben sollten oder auf irgendwann oder vielleicht nie. Wir sollten jetzt sofort damit beginnen. Denn Vorlesen heißt nicht nur, eine schöne Geschichte zu genießen. Es ist auch ein wirkmächtiges Gegengift zu dem Sog, den Kultur und Industrie mit erstaunlicher Kraft auf Säuglinge und Kleinkinder ausüben.
Die Dringlichkeit ist damit auch eine moralische.
2015 hat der britische politische Philosoph Adam Swift die Eltern in der englischsprachigen Welt in Rage versetzt, indem er meinte, wenn sie ihren Kindern vorläsen, dann müssten sie auch darüber nachdenken, dass sie die Kinder anderer Eltern »auf unfaire Weise benachteiligten«.21 Damit hatte er eine unangenehme Wahrheit spitzbübisch verpackt, und wie in Zeiten des Internets nicht anders zu erwarten, wurde der Professor der University of Warwick mit Hassmails überschwemmt. Dabei machten sich die meisten Kritiker nicht einmal die Mühe, das vollständige Interview mit der Australian Broadcasting Corporation zu lesen, aus dem das Zitat stammte, sodass ihnen eine noch ungeheuerlichere Aussage entging.
»Studien zeigen«, sagte Swift darin, »dass bei Kindern der Aspekt, ob sie Gutenachtgeschichten vorgelesen bekommen, mehr Einfluss auf ihre Lebenschancen hat als der Aspekt, ob sie auf eine Privatschule gehen.« (Hervorhebung von mir.)
Swift verwendete den Begriff »Gutenachtgeschichten«22 im Sinne der »Gute Nacht, lieber Mond-Zeit«, als Kurzformel für die vielen verschiedenen Elemente des abendlichen Vorleserituals, »das Reden am Tisch, die Familienkultur, den Erziehungsstil, die Vermittlung von Einstellungen und Werten«, wie er es formulierte.
Der Politikwissenschaftler Robert Putnam von der Harvard University argumentiert ganz ähnlich. Für ihn ist die »Gute Nacht, lieber Mond-Zeit«23 einer der wichtigsten Indikatoren für die schulischen Zukunftsaussichten eines Kindes. In seinem Buch Our Kids zitiert er Jane Waldfogel und Elizabeth Washbrook: »Unterschiede im Erziehungsstil – vor allem in der mütterlichen Fürsorge und dem Einfühlungsvermögen, aber auch bei Büchern, Büchereibesuchen und Ähnlichem – sind der wichtigste Faktor, um die Unterschiede zwischen reichen und armen Kindern in der Schulreife zu erklären, die im Alter von vier Jahren mit Tests zur Lese- und Schreibfähigkeit sowie in Mathe- und Sprachtests gemessen wird.«24
Die Entwicklung des Menschen vollzieht sich kumulativ. Jede Erfahrung und jede Fähigkeit fließt in die nächste Erfahrung und Fähigkeit ein. Das Vorlesen bei Kleinkindern hat einen nachhaltigen Effekt, der weit über die Zeit der Einschulung geht und sogar bis in die Pubertät und ins Erwachsenenalter hineinreicht. Dabei kann man die positiven, aber eben auch die negativen Auswirkungen bei Kindern beobachten, denen nicht vorgelesen wurde. Einer Studie aus dem Jahr 201225 zufolge hinken Kinder, die wenig oder keine »Gute Nacht, lieber Mond-Zeit« gehabt haben, den anderen Kindern beim Eintritt in den Kindergarten in der Sprachfähigkeit und den vorbereitenden Fähigkeiten zum Lesen zwölf bis vierzehn Monate hinterher. In der Schule freuen sich diese Kinder zwar ebenso sehr wie alle anderen auf die Märchenstunden mit Reimen und Abenteuern, Humor und Illustrationen, allerdings unter völlig anderen Voraussetzungen, denn gnadenlos schlägt die sogenannte Wörter-Lücke26 eine Kerbe zwischen sie und die anderen Kinder. Eine Anfang der 1990er Jahre durchgeführte bahnbrechende Studie deckte den überwältigenden Unterschied auf, wie viele Wörter Kinder je nach ihrem sozialen Umfeld insgesamt schon gehört haben bzw. nicht gehört haben: Im Alter von drei Jahren kann die Lücke bis zu 30 Millionen Wörter umfassen. Eine Studie aus dem Jahr 201727 beziffert die Lücke im Alter von vier Jahren auf vier Millionen Wörter, deutlich weniger, aber immer noch eine tiefe Kluft.
Das hat folgenschwere Auswirkungen nicht nur für das einzelne Kind, sondern für die gesamte Gesellschaft, weil die frühe Sprachfähigkeit und die damit verbundenen kognitiven und sozialen Fähigkeiten eng mit schulischem Erfolg verknüpft sind. Einer aktuellen Umfrage zufolge gibt es einen Zusammenhang zwischen den Fähigkeiten, die ein Kind braucht, um gut in seiner Muttersprache zu sein, und denen, die es im Fach Mathematik benötigt – was uns vielleicht nicht unbedingt naheliegend erscheint, da die beiden Fächer auf den ersten Blick wenig gemeinsam haben28. Aber es gibt entscheidende Überschneidungen.
Wenn ein Kind in der Mittelstufe und zu Beginn der Oberstufe29 Schwierigkeiten in Mathe hat, dann hat das zumeist wenig mit Zahlen und Rechnen zu tun, sondern vor allem mit Wörtern und Lesen. Dr. Candace Kendle, Präsidentin und Mitgründerin von Read Aloud 15MINUTES, einer US-weiten Kampagne, die Eltern das tägliche Vorlesen empfiehlt, sagte: »Wer in der fünften Klasse, wenn die ersten analytischen mathematischen Probleme auftreten, Leseschwierigkeiten hat und keine komplexen Sätze versteht, für den wird es sehr schwer, wenn es später um Gleichungen oder Formeln geht, weil ihm das analytische Verständnis fehlt, das man sich eben in der fünften Klasse aneignet.
Wenn Sie sich dann ansehen, wie viele Kinder in der vierten Klasse nicht fließend lesen können, dann bedeutet das für unser Land, dass es annähernd die Hälfte der potentiellen Arbeitskraft in Wissenschaft, Technik, Technologie und Mathematik verliert. Das finde ich erschreckend.«
Als CEO einer klinischen Forschungsorganisation30 erfuhr Kendle am eigenen Leib, wie schwierig es ist, qualifizierte junge Labormitarbeiter zu finden. »Fünfundvierzig Prozent der jungen Leute können nicht fließend lesen«, sagte sie. »Sie können zwar lesen, aber nicht gut genug, um schwierige analytische Texte zu lesen.«
Die Zahlen sind vielleicht sogar noch alarmierender31, als Kendle annimmt: In einem Bericht aus dem Jahr 2015 heißt es, 64 Prozent der Viertklässler in den USA
