Verlag: Ludwig Buchverlag Kategorie: Wissenschaft und neue Technologien Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

Die Weisheit der Wölfe E-Book

Elli H. Radinger  

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E-Book-Beschreibung Die Weisheit der Wölfe - Elli H. Radinger

Liebe deine Familie, sorge für die, die dir anvertraut sind, gib niemals auf und hör nie auf zu spielen – das sind die Prinzipien der Wölfe. Wölfe kümmern sich empathisch um ihre Alten und Verletzten, erziehen liebevoll ihren Nachwuchs und haben die Fähigkeit, im Spiel alles zu vergessen. Sie denken, träumen, machen Pläne, kommunizieren intelligent miteinander – und sind uns ähnlicher als jedes andere Lebewesen. Elli H. Radinger, die renommierteste deutsche Wolfsexpertin, erzählt spannende Geschichten, die exemplarisch stehen für Werte wie Familiensinn, Vertrauen, Geduld, Führungsfähigkeit, Achtsamkeit, Umgang mit Misserfolgen oder Tod. Sie offenbart verblüffende und bisher unbekannte Erkenntnisse über das Leben von Wölfen und zeigt: Wölfe wären wohl die besseren Menschen.

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E-Book-Leseprobe Die Weisheit der Wölfe - Elli H. Radinger

Liebe deine Familie, sorge für die, die dir anvertraut sind, gib niemals auf und hör nie auf zu spielen – das sind die Prinzipien der Wölfe. Wölfe kümmern sich empathisch um ihre Alten und Verletzten, erziehen liebevoll ihren Nachwuchs und haben die Fähigkeit, im Spiel alles zu vergessen. Sie denken, träumen, machen Pläne, kommunizieren intelligent miteinander – und sind uns ähnlicher als jedes andere Lebewesen. Elli H. Radinger, die renommierteste deutsche Wolfsexpertin, erzählt spannende Geschichten, die exemplarisch stehen für Werte wie Familiensinn, Vertrauen, Geduld, Führungsfähigkeit, Achtsamkeit, Umgang mit Misserfolgen oder Tod. Sie offenbart verblüffende und bisher unbekannte Erkenntnisse über das Leben von Wölfen und zeigt: Wölfe wären wohl die besseren Menschen.

Die Autorin

Elli H. Radinger, Jahrgang 1951, gab vor dreißig Jahren ihren Beruf als Rechtsanwältin auf, um sich ganz dem Schreiben und ihrer Leidenschaft, den Wölfen, zu widmen. Heute ist sie Deutschlands renommierteste Wolfsexpertin und gibt ihr Wissen in Büchern, Seminaren und Vorträgen weiter. Seit einem Vierteljahrhundert verbringt sie einen Großteil des Jahres im amerikanischen Yellowstone-Nationalpark in Wyoming, um wilde Wölfe zu beobachten. Elli H. Radinger lebt mit ihrer Hündin in Wetzlar, Hessen.

ELLI H.

RADINGER

DIE WEISHEIT

DER WÖLFE

Wie sie denken, planen, füreinander sorgen – Erstaunliches über das Tier, das dem Menschen am ähnlichsten ist

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

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Originalausgabe 10/2017

Copyright © 2017 by Ludwig Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Maren Wetcke

Bildredaktion: Tanja Zielezniak

Umschlaggestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich, unter Verwendung eines Fotos von © Gunther Kopp

Satz: Leingärtner, Nabburg

e-ISBN: 978-3-641-20674-1V001

www.Ludwig-Verlag.de

Für Andrea – alias »Schnösel«

INHALT

EINLEITUNG

Wie ich einen Wolf küsste und süchtig wurde

DIE BEDEUTUNG VON FAMILIE

Warum es wichtig ist, sich um die zu kümmern, die uns anvertraut sind

FÜHRUNG NACH DEM LEITWOLFPRINZIP

Du musst nicht immer der Boss sein

DIE STÄRKE DER FRAUEN

Was Frauen und Wölfe verbindet

DIE WEISHEIT DES ALTERS

Warum wir auf die Alten nicht verzichten können

DIE KUNST DER KOMMUNIKATION

Wie ein gemeinsames Lied Vertrauen bilden kann

DIE SEHNSUCHT NACH HEIMAT

Warum wir einen Ort brauchen, wo wir hingehören

ICH BIN DANN MAL WEG

Vom Fortgehen und Ankommen

ZIEMLICH BESTE FREUNDE

Wie man trotz aller Unterschiede ein perfektes Team sein kann

ERFOLG IST PLANBAR – MIT DER WOLFSMETHODE

Warum es wichtig ist, einen Plan zu haben

VOM RICHTIGEN ZEITPUNKT

Warum uns Warten manchmal weiterbringt

DAS SPIEL DES LEBENS

Warum wir nie aufhören sollten zu spielen

WENN GUTEN WÖLFEN BÖSES WIDERFÄHRT

Verlustängste überwinden und schwere Zeiten überstehen

NUR MAL KURZ DIE WELT RETTEN

Das Geheimnis eines intakten Ökosystems

WOLFSMEDIZIN

Wie uns die Magie der Wölfe heilen kann

VON MENSCHEN UND WÖLFEN

Eine schwierige Beziehung zwischen Liebe und Hass

WILLKOMMEN WOLF

Leben mit Wölfen in Deutschland

EPILOG

W.W.W.D.

ANHANG: TIPPS FÜR WOLFSREISEN IN YELLOWSTONE UND DEUTSCHLAND

DANKE

QUELLEN

BILDNACHWEIS

Was du dir einmal vertraut gemacht hast, für das bist du zeitlebens verantwortlich.

(ANTOINE DE SAINT-EXUPÉRY)

EINLEITUNG

Wie ich einen Wolf küsste und süchtig wurde

Es gibt für alles ein erstes Mal. Für meine besondere Beziehung zu Wölfen gab es gleich drei »erste Male«: den ersten Wolfskuss, den ersten wilden Wolf und den ersten deutschen Wolf.

Den ersten Wolfskuss erhielt ich von Imbo, einem sechsjährigen Timberwolfrüden in einem amerikanischen Wolfsgehege. Ich hatte mein altes Leben als selbstständige Rechtsanwältin hinter mir gelassen. Strafdelikte, Mietstreitigkeiten und Scheidungen frustrierten mich zunehmend. Statt voller Elan der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen, quälte ich mich zu jedem Gerichtstermin. Mir fehlten die Distanz und Härte, um eine gute Anwältin zu sein. So konnte und wollte ich nicht den Rest meines Lebens verbringen. Ich wollte mir endlich meinen Lebenstraum erfüllen und die Liebe zum Schreiben mit meiner Faszination für Wölfe verbinden.

Ohne Biologiestudium, aber mit einer großen Portion Leidenschaft und Optimismus bewarb ich mich um ein Verhaltensforschungspraktikum bei dem Wolfsforschungsgehege Wolf Parkim US-Staat Indiana. Bei der Vorbesprechung hatte mir der Forschungsleiter Professor Dr. Erich Klinghammer erklärt, dass allein der Leitwolf des Hauptrudels darüber entscheidet, ob ein Praktikant eingestellt wird.

Doch wie bewirbt man sich bei einem Wolf? Zum Glück brauchte ich weder zu tanzen, zu singen noch andere Kunststücke vorzuführen, aber ich schwöre, ich hätte selbst bei Deutschland sucht den Superstar nicht aufgeregter sein können – wenngleich genau das die falsche Emotion bei der Begegnung mit einem Gehegewolf sei, so Klinghammer: »Du musst ganz cool bleiben! Er spürt deine Aufregung.«

Bleiben Sie einmal cool, wenn Sie einem 50 Kilo schweren, pelzigen Muskelpaket gegenüberstehen, das Sie aus gelben Augen starr fixiert. Ich musste in diesem Moment an meinen Schäferhund, Freund und Vertrauten in meiner Kindheit denken. Also gut. Im Grunde war Imbo ja auch nur ein großer Hund – ein sehr großer Hund. Eine Sicherheitseinweisung hatte mich auf das Treffen vorbereitet und die Betreiber des Geheges rechtlich abgesichert. Ich unterzeichnete eine Haftungsbefreiung mit dem beängstigenden Wortlaut: Ich verstehe, dass ein Verletzungsrisiko besteht und dass die Verletzungen auch schwerwiegend sein können.

Mit dieser Warnung betrat ich gemeinsam mit zwei Tierpflegern das Wolfsgehege, bemühte mich um einen festen Stand und atmete tief durch. Dann reduzierte sich meine Welt auf den Wolf, der in elegantem Trab auf mich zuschwebte. Die silbernen Streifen seines Fells leuchteten in der Nachmittagssonne. Die schwarze Nase zog meine Witterung tief ein, die Ohren waren aufmerksam nach vorn gerichtet. Aus den Augenwinkeln sah ich die anderen Mitglieder von Imbos Rudel abwartend am Zaun stehen. Offensichtlich waren sie gespannt, ob ich den Test bestehen und der Chef mich akzeptieren würde. Ich genauso, denn nur dann würde ich das Praktikum antreten dürfen. Jetzt galt es, die nächsten Sekunden zu überstehen.

Der Film in meinem Kopf verlangsamte sich auf Zeitlupe. Die kräftigen Hinterläufe des Wolfes sanken leicht ein und machten sich zum Sprung bereit. Als er auf mich zuflog und ich ihm meine Kraft entgegendrückte, gab es kein Zurück mehr. Die handtellergroßen Pfoten landeten auf meinen Schultern, seine imposanten Fangzähne waren bloß Zentimeter von meinem Gesicht entfernt. Die Welt hielt an. Und dann leckte er mir mit rauer Zunge mehrmals über das Gesicht. Dieser »Kuss« war mein Einstieg in die »Droge« Wolf.

Nachdem Imbo mich akzeptiert hatte, begann mein Praktikum bei den Wölfen von Wolf Park. Ich lernte alles über die Haltung und das Verhalten von Gehegewölfen, zog Wolfswelpen mit der Flasche auf und genoss in den folgenden Monaten zahlreiche feuchte Liebesbezeugungen von Imbo und dem Rest des Rudels.

Als ich ein halbes Jahr später in die Wildnis von Minnesota zog, war ich hervorragend ausgebildet und glaubte, alles über Wölfe zu wissen. Dann begegnete ich meinem ersten wilden Wolf.

Die Blockhütte, in der ich lebte, lag abseits der Zivilisation an einem See inmitten eines Wolfs- und Bärengebiets. Am Neujahrsmorgen zog ich bei minus 30 Grad die Schneeschuhe an, um mich auf die Suche nach Wolfsspuren zu machen. Bisher hatte ich meine grauen Nachbarn noch nicht zu sehen bekommen, nur ihr Heulen ließ mich wissen, dass sie da waren. Doch in der Nacht zuvor hatte mich, als ich begleitet vom Chor der Wölfe lange draußen vor der Hütte gestanden und die Polarlichter bestaunt hatte, eine Bewegung auf dem See vom himmlischen Spektakel abgelenkt. Vier Wölfe kamen über die schimmernde Eisfläche gerannt und jagten etwas vor sich her, ehe sie am Horizont verschwanden. Was sie verfolgten, konnte ich nicht erkennen.

Am nächsten Morgen brach ich früh auf, um sie zu suchen. Vorsichtig folgte ich ihren Spuren in den Wald. Sie führten ins Dickicht, über Stock und Stein, durch Gebüsch, an Felsen und Gesteinsbrocken vorbei und entlang schneebedeckter Flächen. Nur mühsam kam ich voran. Gelegentlich traf ich auf eine kreisrunde Vertiefung, vermutlich der Ruheplatz eines Hirsches. Ausgiebige gelbe Markierungen im Schnee zeigten, dass die Wölfe die Stelle ebenfalls bemerkt hatten. Nach einer Stunde Fährtensuche fand ich frische Blutspuren und entdeckte kurze Zeit später einen toten jungen Weißwedelhirsch. Ich kniete nieder und berührte ihn. Er war noch warm. Der Bauch war aufgerissen, und ein Hinterbein fehlte. Der Magen lag abseits, Herz und Leber waren verschwunden. Bisswunden an der Kehle und an den Beinen deuteten darauf hin, dass das Tier nicht lange hatte leiden müssen.

Die Wölfe waren weit und breit nicht zu sehen, doch plötzlich spürte ich, dass ich beobachtet wurde. Ich kniete noch im Schnee. Keine gute Position, wenn ein hungriger Wolf hinter dir steht. In Zeitlupe erhob ich mich und drehte mich um. Da stand er, nur wenige Meter entfernt. Ein Grauwolf. Seine Nackenhaare aufgestellt, als wäre er durch ein elektrisches Feld gelaufen und die Ohren gespitzt, legte er leicht den Kopf zur Seite und musterte mich. Seine Nasenflügel vibrierten, als er versuchte, meinen Geruch aufzunehmen, aber der Wind kam aus der anderen Richtung. Ich konnte es ihm ansehen: Dieses Jungtier hatte keine Ahnung, wer oder was ich war. Ich hielt den Atem an. Natürlich greifen wilde Wölfe keine Menschen an, doch wusste das auch dieser Wolf? Er hatte Hunger, und zwischen ihm und seinem hart erkämpften Futter stand nur ich.

»Hallo, Wolf!« War ich das, die so krächzte?

Das Tier zuckte zusammen und sprang einen Schritt zurück. Zur gleichen Zeit zog sich der halb erhobene Schwanz dicht unter den Bauch. Aus Neugier wurde Angst. Er drehte auf den Hinterläufen eine halbe Pirouette und schoss in den Wald. Ich starrte noch lange fasziniert auf die Bäume, hinter denen er verschwunden war.

In den folgenden Monaten lernte ich bei den Biologen des International Wolf Center, einem Wolfsforschungszentrum in Ely, im Norden von Minnesota, und bei den Wölfen vor meiner Haustür mehr über das Leben und Verhalten wild lebender Wölfe sowie über Forschung, Telemetrie und Monitoring.

Als 1995 die ersten kanadischen Timberwölfe im amerikanischen Yellowstone-Nationalpark angesiedelt wurden, begann mein nächster »wölfischer« Lebensabschnitt: Ich arbeitete als Freiwillige im Yellowstone-Wolfsprojekt mit und unterstützte die Biologen bei der Feldforschung. Dazu hielt ich mich überwiegend im Lamar Valley auf, einem weiten Tal im Norden des Nationalparks auf 2 500 Metern Höhe, beobachtete die dort lebenden Wolfsfamilien und meldete meine Beobachtungen den Biologen.

Das war vor über 20 Jahren. Seither habe ich weit mehr als zehntausend Wolfssichtungen erlebt. Manchmal trennten uns lediglich wenige Meter voneinander. Niemals habe ich mich dabei bedroht gefühlt oder Angst verspürt. Für mich war es ein großes Privileg, die Tiere fast täglich zu sehen. Um dies zu erleben, flog ich mehrmals im Jahr 10 000 Kilometer über den Atlantik, denn in Deutschland gab es offiziell noch keine Wölfe. Als die scheuen Tiere 2000 auch hier bestätigt wurden, machte ich mir keine Hoffnung, sie jemals zu Gesicht zu bekommen.

Und es dauerte noch mal zehn Jahre, bis ich zum ersten Mal in Deutschland einen Wolf in freier Wildbahn sah.

Ich kam von einer Lesung und fuhr am frühen Morgen mit dem ICE von Leipzig nach Frankfurt zurück. Der Zugbegleiter stellte mir einen Cappuccino auf den Tisch, und ich wollte soeben zur Zeitung greifen, als ich aus dem Fenster sah und etwas Braunes in einem Feld entdeckte. Wenn man lange Zeit mit Tieren in der Natur verbringt, entwickelt man eine Fähigkeit, die an die visuelle Prägung erinnert, die Wölfe von einem Beutetier oder einer Landschaft im Kopf haben. Unbewusst nehme ich eine Szene auf, die ich sehe, und spüre, dass etwas nicht stimmt, noch bevor ich es konkret definieren kann. Dieses Gefühl setzte jetzt schlagartig ein. Was war das? Zu langbeinig für einen Fuchs. Langer Schwanz, also kein Reh. Haltet den Zug an, war mein Gedanke. Aber der raste unaufhörlich weiter. Ich klebte an der Scheibe, lehnte mich über den Tisch und kippte dabei den Cappuccino über die Zeitung. Ja, ein Wolf! Er stand still und fixierte etwas am Waldrand. Dann hatte sich das Bild durch die Geschwindigkeit des Zuges schon wieder aufgelöst.

Dies war das erste und bisher einzige Mal, dass ich das Glück hatte, in Deutschland einen wilden Wolf zu sehen.

Wölfe in der Wildnis zu beobachten, ist eine nie endende Geschichte. Man ist bei der Paarung dabei, sieht wenige Monate später das Ergebnis auf kurzen Beinchen aus der Höhle purzeln, beobachtet den Kampf der Kleinen um den besten Platz an Mamas »Milchbar«, freut sich über die ersten zaghaften Jagderfolge (Hurra – eine Maus!), leidet mit ihnen, wenn sie sich verletzen, weint bei ihrem Tod, lacht über ihre Späße und Spiele, verfolgt ihre Flirtversuche, bis der Kreislauf sich schließt und alles von vorn beginnt.

Ich bin ein bekennender »Wolfaholic«, süchtig nach Wölfen, und habe Entzugserscheinungen, wenn ich nicht bei ihnen bin. Im Wolfsgebiet halte ich stets Ausschau nach meinem »Stoff«, von dem ich nie genug bekommen kann. Vielen Menschen reicht es, wenn sie ein- oder zweimal im Leben einen Wolf sehen. Mir nicht, ich will mehr von ihnen. Und so warte ich auf die nächste Wolfssichtung – ob bei minus 40 Grad oder bei brennender Sonne und Stechfliegen. Ich ziehe mir ein paar Extrasocken an, packe die kleinen Heizpads in die Handschuhe oder schmiere mich mit Sonnencreme und Antimückenmittel ein. Und dann stehe ich stundenlang und harre unbeirrt aus, ertrage jedes Wetter. Ich mache das, weil ich weiß, dass Wölfe Dinge tun, die ich nicht verpassen will. Und wenn sie gerade nichts tun, will ich wissen, was vielleicht als Nächstes geschieht.

Wenn keine Wölfe da sind, dann warte ich, bis sie kommen. Und tauchen sie endlich auf, dann verspüre ich, dass gerade etwas Besonderes passiert. Es sind intensive Momente, in denen sich die Welt lebendig und sehr beständig anfühlt.

Ich habe das große Glück, dass mich die Wölfe an ihrem Leben teilhaben lassen – an der Jagd, der Paarung oder der Aufzucht ihrer Jungen. Dabei habe ich festgestellt, dass sie uns Menschen in ihrem Verhalten sehr ähnlich sind: Sie sind fürsorgliche Familienmitglieder, autoritäre, aber gerechte Leittiere, mitfühlende Helfer, durchgeknallte Teenager oder alberne Spaßvögel.

Bei meinen Beobachtungen habe ich zudem erfahren, dass der Wolf ein großartiger Lehrmeister ist, von dem wir manches im Leben lernen können.

Die Wolfsrudel sind ein Teil von mir geworden. Ihr komplexes Sozialverhalten so lange zu erforschen, hat mich verändert. Begriffe wie Moral, Verantwortung und Liebe haben einen neuen Sinn für mich erhalten. Die Wölfe sind meine Lehrer und die Quelle meiner Inspiration. Sie lehren mich täglich neu, die Welt mit anderen – ihren – Augen zu sehen.

Unsere besten Eigenschaften stecken wir in unsere Liebe für unsere Familie, denn sie ist das Maß für unsere Stabilität, und sie bestimmt unsere Loyalität.

(HANIEL LONG)

DIE BEDEUTUNG VON FAMILIE

Warum es wichtig ist, sich um die zu kümmern, die uns anvertraut sind

Die Wölfe lagen zusammengerollt im Schnee. Sie glichen einem Kreis aus grauen Steinen, gelegentlich waren ein Ohr oder eine Pfote zu sehen, die zuckten. Eine schlanke Wölfin streckte sich und legte sich auf die Seite. Ein silberner Streifen zog sich entlang des Unterbauchs durch ihr dunkelgraues Fell. Die anderen hatten dunkles Rückenfell mit rostfarbenen Flecken auf der Brust. Die Wolfseltern ruhten wenige Meter entfernt, die Rücken aneinandergepresst, um sie herum verteilt die zweijährigen Jungwölfe und die Jährlinge, erschöpft vom vielen Nachlaufen und den Zerrspielen mit ihren Geschwistern.

Die Kleinen wachten zuerst auf. Sie rempelten einander an und sprangen auf die, die noch schliefen. Ein paar Minuten lang ähnelten sie einer Bande übermütiger Teenager. Dann schüttelten sie sich und schauten sich um. Ein Jährling flitzte als Erster los und machte einen Satz über die dösenden Erwachsenen, die anderen folgten ihm. Der Jüngste rutschte aus und schlitterte in seinen Vater hinein, der aufsprang und ihn anknurrte. Sofort rollte sich der Junior auf den Rücken und winselte, woraufhin der Vater ihm das Gesicht leckte. Jetzt kam die Rasselbande zurück. Sie sprang den Leitwolf an, rollte mit ihm im Schnee und sauste davon. Das weckte die anderen erwachsenen Familienmitglieder.

Die Jungwölfe rannten auf die Leitwölfe zu und überfielen sie mit Küssen, Lecken und kleinen liebevollen Bissen. Sie sprangen über sie und rempelten sich an, bildeten ein riesiges Knäuel, sodass es schwer war, zu sagen, wo der eine Wolf begann und der andere endete. Liebevoll umschlossen sie mit ihren Zähnen die Schnauzen der Geschwister, wanden, rieben und berührten sich, krabbelten unter Baumstümpfe, hüpften über Felsen und tauchten durch Büsche hindurch, die ihren Weg blockierten. Überall blitzende Augen und wedelnde Propellerschwänze. Die ganz Eifrigen machten einen Satz mitten in das Gewühl hinein, einfach nur, um dabei zu sein. Ein Ausdruck reiner Lebensfreude.

Einer von ihnen kletterte auf einen Hügel, gefolgt von seinen jüngeren Brüdern. Sie sahen sich an, dann hechteten sie gemeinsam über den Rand und schlitterten den Schneehang hinab. Dabei drehten sie sich um die eigene Achse und zogen eine Wolke aus Schneestaub hinter sich her. Unten angekommen, sahen sie wie Schneewölfe aus.

Schließlich erhob einer in der Gruppe die Stimme. Andere fielen ein. Dann standen fast alle und heulten in den unterschiedlichsten Tonlagen. Manche sangen, andere kreischten aufgeregt, zwei hoben liegend den Kopf und heulten mit. Der Gesang schraubte sich wie ein Crescendo in die Höhe und explodierte in einem grandiosen Finale.

Die ersten Wölfe liefen los. Ein paar Jungwölfe spielten noch Fangen. Aber dann setzte sich die ganze Familie in Bewegung und marschierte in einer Linie über den Bergkamm.

Wenige Szenen in der Natur sind so herzerwärmend zu beobachten wie eine Wolfsfamilie.1 Im Gegensatz zu den knurrenden, zähnefletschenden Kreaturen, die wir in Filmen gezeigt bekommen, ist das Leben wilder Wölfe von Harmonie sowie von einem spielerischen und liebevollen Umgang miteinander geprägt. Die Welpen sind der geliebte und behütete Schatz des Rudels und werden entsprechend behandelt. Nicht allein die Eltern, sondern die ganze Familie sorgt für sie, einschließlich Tanten, Onkeln und älteren Geschwistern, und zwar auf eine Art, die man nur als altruistisch, also selbstlos, beschreiben kann. Alte und verwundete Familienmitglieder werden mit Nahrung versorgt und nie im Stich gelassen. Jedes Rudelmitglied weiß, wo sein Platz ist und wer Entscheidungen trifft. Alle bestätigen sich gegenseitig immer wieder ihre Zuneigung und Achtung durch ständige Interaktionen und Rituale. Starke Familienbande sind in der Wildnis ein wichtiger Schutz, der zum Überleben beiträgt.

Das soziale System von Wolfsrudeln ist der Fokus zahlreicher Studien sowohl von Biologen als auch von Psychologen, die der Auffassung sind, dass der Mensch viel über sich selbst lernen kann, wenn er Wölfe beobachtet. Um deren Sozialverhalten besser zu verstehen, haben Verhaltensbiologen die Wölfe in zwei verschiedene Grundcharaktertypen eingeteilt:

Typ A ist der wagemutige, forsche und extrovertierte Typ. Er will mit dem Kopf durch die Wand und ist in Situationen, die neu für ihn sind und die er nicht durch sein Verhalten kontrollieren kann, schnell überfordert. Nach einem Misserfolg braucht er längere Pausen. Solche wölfischen (und menschlichen) Persönlichkeiten sind normalerweise fröhlich, aber auch anstrengend – zumindest, solange sie alles in ihrem Sinne regeln können. Wenn nicht, werden sie konfus und rufen nach Hilfe.

Ganz anders der B-Typ. Dessen prinzipielle Lebenseinstellung liegt in der vornehmen Zurückhaltung. Derart introvertierte Charaktere warten erst einmal ab, was als Nächstes passiert, passen sich dann hingegen besser an.

Eine Wolfsfamilie besteht grundsätzlich aus einer Ansammlung dieser Persönlichkeitstypen. Die beiden Leittiere, die Eltern, bestehen fast immer aus einer Kombination von A- und B-Typen, die sich gegenseitig ergänzen. Das bedeutet jedoch nicht, dass der A-Typ immer der Rüde und der B-Typ immer das Weibchen ist.

Auch bei uns Menschen gibt es diese unterschiedlichen Charaktertypen. Haben Sie sich bereits in Gedanken gefragt, wozu Sie gehören? Sind Sie der extrovertierte A-Typ, müssen Sie lernen, sich in manchen Situationen zu beherrschen und nicht allzu impulsiv zu handeln. Als zurückhaltender, scheuer B-Typ haben Sie manchmal das Problem, zu langsam zu handeln und nicht schnell genug zu reagieren. Getreu dem Motto: »Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.«

Natürlich gibt es zwischen diesen beiden Persönlichkeitstypen noch alle möglichen Varianten und Mischtypen. Ich selbst zähle mich zur milderen Form des B-Typs mit leichten A-Einschlägen.

Mir persönlich hat diese Erkenntnis auch in menschlichen Beziehungen oft weitergeholfen nach dem Motto: »Der ist halt A oder B und kann nicht anders.« Zwar sind Kritiker der A-B-Einteilung der Auffassung, dass sich Grundcharaktere jederzeit verändern können. Jedoch ist meine eigene Erfahrung, dass unsere ureigenste Grundpersönlichkeit trotz aller gegenteiligen Bemühungen letzten Endes immer wieder zum Vorschein kommt, wir also langfristig nicht aus unserer Haut herauskönnen.

Ebenso wie individuelle Wölfe haben auch Wolfsfamilien eine Art Gruppenpersönlichkeit. So werden manche Rudel beispielsweise durch selbstherrliche Herrscher oder verdrießliche Individuen geprägt. Die einzelnen Charaktere, die zusammenkommen, machen das eine Rudel daher grundsätzlich freundlicher, wie die Druid-Wölfe2, und das andere ernster und gefürchteter, wie die Mollie-Wölfe.

© Hogston, Gerry

Ein Druid-Jährling (A-Typ) läuft unbeeindruckt über die Straße, ohne sich um die Autos zu kümmern.

Die Lamar-Wölfe in Yellowstone hingegen bieten zuhauf beide Persönlichkeitstypen. Das wird besonders deutlich, wenn sie eine Straße überqueren, auf der Touristen und Autos stehen. Die A-Typen tun dies selbstständig, selbstbewusst, zögern nicht und gehen schnurstracks ihren Weg, manchmal sogar ohne sich um die Menschen zu kümmern. Die B-Typen hingegen sind nur im äußersten Notfall bereit, über die Straße zu laufen.

Ich erinnere mich an einen Vorfall im Mai 2011. Verzweifelt versuchte ein erwachsener sehr vorsichtiger (B-)Wolf die Straße zu überqueren, traute sich aber wegen der vielen Touristen nicht. Er wollte lieber die Dunkelheit abwarten und suchte eine Versteckmöglichkeit. Dabei geriet er jedoch zu nahe an eine Kojotenhöhle. Die Kojoteneltern schossen hervor und griffen ihn an. Bereits irritiert durch die Zweibeiner und nun von den kleinen Verwandten mit nervendem Geschrei gejagt und in den Hintern gebissen, gab er Fersengeld und rannte zur Straße, mitten durch die Menschengruppe hindurch. Vermutlich war sie für ihn das geringere Übel.

Seit 2012 sind Wölfe in den USA vom Artenschutz ausgenommen und werden auch in den Grenzgebieten zum Yellowstone-Park gejagt. Im Nationalpark bleiben sie geschützt. Aber Wölfe halten sich nicht an Grenzen. Sie wandern aus dem Park heraus und vor die Gewehre der Jäger. Ich frage mich, ob in dieser Situation nicht B-Typen wie der obige Angsthase bessere Überlebenschancen haben. Die Mutigen mögen vielleicht die Welt erobern, doch die Stillen, Scheuen überleben.

Die Machtstrukturen sind bei Säugetieren bereits durch die Familienordnung vorgegeben. Eltern entscheiden für Kinder, ältere Geschwister für jüngere. Das bedeutet, eine Rangfolge muss nicht durch Kämpfe oder Politik ausgefochten werden oder dadurch – wie bei Hundehaltern – wer auf die Couch darf und wer nicht. Eltern müssen nicht beweisen, dass sie das Sagen haben. Sie haben es. Aufgrund ihrer Erfahrung bestimmen sie über das Wohl und die Sicherheit der Gruppe, weil sie das Beste für alle wollen.

Bei den Wölfen dreht sich alles um die Familie. Sie ist ihre Basis, Sicherheit, Stabilität, ihr ganzer Daseinszweck. Für sie sind sie sogar bereit, ihr Leben zu opfern. Im April 2013 stand ich mit anderen Wolfsbeobachtern auf einem Hügel im Lamar Valley, um einen Blick auf die Geburtshöhle der Lamar-Wölfin zu werfen. Es war fünf Tage nach der Geburt der Welpen. Plötzlich sah ich 16 Wölfe des Mollie-Rudels in den Wald laufen, in dem sich die Höhle befand. Ich fürchtete das Schlimmste. Dann kamen 17 Wölfe aus dem Wald zurück, mit der Lamar-Leitwölfin ein Stück voraus. Sie rannte um ihr Leben. Vor wenigen Tagen hatte sie vier Welpen geboren und war geschwächt. Schnell holten die Mollies auf, und ich hielt den Atem an. Die Wölfin rannte auf einen steilen Felsen zu. Gleich müsste sie anhalten und sich ihren Verfolgern stellen, die sie leicht töten konnten. Ihre hilflosen Babys würden ebenso sterben. Entweder würden die Mollies sie in der Höhle töten, oder sie würden verhungern.

Aber wir hatten den Überlebenswillen der Wölfin unterschätzt. Sie rannte zur Straße, an der Touristen standen. Diese Wölfin war Menschen gewohnt, sie überquerte die Straße, blieb stehen und schaute zu den Mollies zurück, die sich nicht weitertrauten.

Auch wenn sich die Leitwölfin nun in Sicherheit befand, so drohte ihrer Familie weiterhin Gefahr. Zwischen ihr und ihren Kindern standen die Angreifer, die sich nur umzudrehen und zur Höhle zurückzukehren brauchten, um die Welpen zu töten.

In diesem Augenblick tauchte eine der zweijährigen Töchter der Lamar-Leitwölfin direkt neben den Mollies auf, die sie sofort angriffen. Die Tochter rannte nach Osten, weg von der Höhle mit den Welpen, dicht gefolgt von den Mollies. Die junge Wölfin war eine der schnellsten ihres Rudels und kannte jeden Stein und Strauch in ihrem Revier. Leicht konnte sie dem Angriff entkommen.

Die Mollies rannten irritiert ein paarmal hin und her und liefen dann in ihr Revier zurück. Im Lamar-Höhlengebiet tauchten sie in diesem Jahr nicht mehr auf. Sobald die Angreifer fort waren, kehrte die Leitwölfin zu ihren Welpen zurück. Wenige Wochen später sah ich sie mit ihrem Nachwuchs gesund und munter herumlaufen.

Die Familie – sie verändert alles. Für sie sind wir bereit, etwas aufzugeben, Opfer zu bringen.

Obwohl schon unzählige Male totgesagt, ist die Familie auch bei uns Menschen kein Auslaufmodell, sondern immer noch beständig. Unter den Familienbegriff fällt dabei nicht nur die klassische Ehe, dazu zählen ebenso Patchworkfamilien, Alleinerziehende und gleichgeschlechtliche Partnerschaften.

Je schnelllebiger und komplexer die Welt »draußen« wird, umso mehr sehnen wir uns nach Familie und alten Werten wie Gemeinschaft, Ehrlichkeit, Vertrauen und Treue. Angesichts einer überfordernden Lebenswirklichkeit flüchten wir in eine abgesteckte, verlässliche Welt. Die Moral der wilden 68er-Jahre, in denen wir uns gegen das Establishment mit seinen traditionellen Lebensmodellen aufgelehnt haben, ist der der Fünfzigerjahre gewichen. Plötzlich sind viele wieder mit Schrankwand und Schrebergarten glücklich und haben kein Problem damit, als Spießer zu gelten.

Wölfe sind Spießer par excellence. Sie leben die Werte, nach denen wir uns sehnen. Mit zahlreichen gemeinsamen Ritualen vermitteln sie einander Beständigkeit und Verlässlichkeit.

Rituale sind ein bedeutender Bestandteil des wölfischen Lebens und tragen zur Festigung ihrer Beziehungen bei: die Zeremonie beim Aufwachen, die ich am Anfang des Kapitels beschrieben habe, die Begrüßung der Leittiere, wenn sie von einem Jagdausflug nach Hause kommen, das gemeinsame Heulen.

Wie für Wölfe sind auch für Menschen Familienrituale unentbehrlich. Sie vermitteln Nähe, Gemeinschaft, Orientierung und stärken den Zusammenhalt. Wie wichtig sie im täglichen Leben sind, merken wir erst, wenn sie wegfallen.

Rituale, wie es sie früher gab ‒ der sonntägliche Kirchgang, gefolgt vom gemeinsamen Mittagessen mit anschließendem Besuch bei der Großmutter –, finden in modernen Familien kaum noch statt. Wenn es uns bloß einmal am Tag gelingen würde, die ganze Familie zu einer Mahlzeit an den Tisch zu bringen, wäre das schon wertvoll.

Ich selbst versuche, mir selbst im hektischsten Alltag wenigstens einen Tag in der Woche für meine Familie oder Freunde freizuhalten. Das gemeinsame Erleben fördert das Gefühl der Zusammengehörigkeit und stärkt den Einzelnen in seiner Identität und damit auch das Urvertrauen, nicht fallen gelassen zu werden. Dabei ist es wichtig, Familienrituale konsequent durchzuhalten. In der Regel sind Kinder begeistert von solchen Ritualen, weil eine derartige feste Routine ihren Alltag strukturiert – beispielsweise ist ein regelmäßiges gemeinsames Essen eine Gelegenheit, die Kommunikation zwischen Eltern und Kindern zu verstärken.

Auch Wolfskinder müssen fürs Leben lernen. Sie tun das, indem sie die Eltern beobachten und imitieren, was diese ihnen vorleben. Zwar haben sie fast alle Narrenfreiheiten, dennoch müssen auch kleinen Wölfchen manchmal Grenzen gesetzt werden.

In einem Frühsommer beobachtete ich eine Wolfsfamilie, die durch das Lamar Valley in Yellowstone zog. Ein Jungwolf trödelte hinterher. Stets gab es etwas Spannenderes zu entdecken und zu beschnüffeln, als beim Rudel zu bleiben. Seine Familie wartete ein paarmal auf ihn, bis er aufgeholt hatte. Doch irgendwann war damit Schluss. Die Wölfe liefen weiter und ließen den Träumer zurück. Als der merkte, dass er den Anschluss verloren hatte, geriet er in Panik und begann, lange und ausgiebig zu heulen, um sie zurückzurufen. Das hatte früher stets gewirkt, war diesmal aber vergeblich. Es dauerte bis zum Abend, bis die Wolfsfamilie den sichtlich erleichterten Zwerg einsammelte. Der hatte seine Lektion gelernt und blieb von nun an bei der Gruppe.

So funktioniert Erziehung mit der Wolfsmethode: Dem Jungwolf wird nichts verboten, er darf eigene Erfahrungen machen und lernt dabei, dass jedes Handeln Konsequenzen hat. Wolfseltern vermitteln ihrem Nachwuchs einen wohldosierten Spagat zwischen Gutmütigkeit und Freiraumbeschränkung, geselligem Beisammensein und Grenzen setzen.

In einem allerdings unterscheidet sich die Erziehungsmethode der Wölfe von der vieler menschlicher Eltern: Sie sind sich einig und treten geschlossen nach außen auf. Die kleinen Wölfchen haben keine Chance, die Eltern gegeneinander auszuspielen nach dem Motto: »Wenn Papa das nicht erlaubt, gehe ich halt zu Mama.« In Erziehungsfragen hält die gesamte Wolfsfamilie einschließlich Onkeln und Tanten zusammen. Alle sind an der Disziplinierung des Nachwuchses beteiligt. Und so mischen sich die erwachsenen Wölfe auch nicht ein, wenn ein Jährling einen Welpen diszipliniert, der ihm beispielsweise zu sehr auf die Nerven geht.

Wolfswelpen brauchen, ebenso wie menschliche Kinder, Eltern, die ihnen eine Richtung vorgeben. Vorbilder, an denen sie sich orientieren können und die – wenn nötig – durchaus einmal Grenzen setzen.

Bei der Aufzucht kümmert sich die ganze Familie um den Nachwuchs. Während die Welpen noch im Bau gesäugt werden, bringen der Vater und die älteren Geschwister der Mutter Futter. Später versorgen alle Familienmitglieder die Sprösslinge, indem sie ihnen vorverdautes Fleisch hervorwürgen.

Ein Welpe überprüft, ob vielleicht doch noch Futter kommt.

Wolfsväter sind absolut verrückt nach ihren Kindern. Auch der mächtige Leitwolf des Druid-Rudels war ein begeisterter Vater. Er kümmerte sich nicht nur liebevoll um seinen eigenen Nachwuchs, sondern adoptierte sogar einige seiner Enkel, nachdem eine seiner Töchter nach einem kurzen Tête-à-Tête mit einem fremden Wolf trächtig in den Schoß der Familie zurückgekehrt war. Eine der Lieblingsbeschäftigungen des Leitwolfs war, mit den Welpen zu spielen und zu ringen. Am allerliebsten tat er so, als würde er dabei verlieren. Er ließ es zu, dass einer der kleinen Wölfe auf ihn sprang und in sein Fell biss. Dann warf er sich auf den Rücken, während der Kleine triumphierend mit wedelndem Schwanz auf ihm stand.

Die Fähigkeit, etwas vorzugeben – in diesem Fall, besiegt worden zu sein –, zeigt, dass das Tier versteht, wie sein Verhalten von anderen wahrgenommen wird. Es ist ein Zeichen von Intelligenz. Und sicher wussten die Kleinen, dass die »Unterwerfung« bloß gespielt war, aber so konnten sie erfahren, wie es sich anfühlt, etwas zu besiegen, das so viel größer als sie selbst ist. Diese Art von Zuversicht brauchen Wölfe jeden Tag ihres Lebens als Jäger.

Doch auch Wolfseltern sind nicht perfekt. Auch sie können manchmal launenhaft sein, zeigen Ärger, Frust, Wut und Ungeduld oder auch Freude, Liebe, Begeisterung und Spaß. Diese Emotionen wechseln häufig, ganz wie bei uns Menschen, wenn wir morgens mit dem falschen Fuß aufgestanden sind. Wenn sich Wolfseltern in manchen Situationen ungeduldig verhalten, ändert dies aber nichts am grundsätzlichen Vertrauensverhältnis zwischen den Familienmitgliedern.

Auch die Jährlinge in einer Wolfsfamilie sorgen liebevoll für ihre jüngeren Geschwister. Ihre Rolle ist unersetzlich und hilft der Familie zu überleben. Überlebt einmal ein Wurf nicht, fehlen diese Geschwister im nächsten Jahr als Helfer bei der Aufzucht.

Einen besonderen Augenblick von Geschwisterliebe konnte ich in einem Frühjahr erleben, als die Schneeschmelze die Flüsse in reißende Ströme verwandelt hatte. Dies ist die Zeit, in der die Wolfsfamilie von den Höhlen ins Jagdrevier umzieht, das sogenannte Rendezvous-Gebiet. Dazu müssen sie auch Flüsse durchqueren. Die Erwachsenen schwimmen vor und zeigen den Kleinen, wie es geht. Sie heulen vom anderen Ufer aus und animieren sie, ihnen zu folgen. Ich beobachtete, wie ein Welpe sich nicht traute und jammernd am Strand auf und ab lief. Immer wieder steckte er eine Pfote ins Wasser und drehte verzagt um. Schließlich schwamm seine Schwester zu ihm zurück, schnappte sich einen Stock, der am Ufer lag und lenkte den Welpen mit Zerrspielen ab. Dann lockte sie ihn mit dem Stock ins Wasser und half ihm so auf die andere Seite.

In einer Wolfsfamilie ist jedes einzelne Mitglied wichtig für die Gruppe und hat seinen Platz, an dem es gebraucht wird. Wo der ist, bestimmen nicht die Eltern oder die Leitwölfe. Vielmehr lernen die jungen Wölfe früh ihre Stärken kennen und springen selbstständig ein, wenn Not am Wolf ist. Es gibt schnelle Hetzer, die bei der Jagd unersetzlich sind, im hohen Schnee laufen die Kräftigsten voran und ziehen eine Spur, und die besonders Geduldigen sind hervorragende Babysitter.

Wir Menschen haben ebenfalls individuelle Fähigkeiten, die wir für das Wohl der Familie oder im Beruf einsetzen können. Einige von uns sind geduldig und können gut zuhören, andere sind impulsiv und treiben neue Ideen voran. Wieder andere sind Friedensstifter und Streitschlichter. Und genauso gibt es in jedem Wolfsrudel Persönlichkeiten, die in der Lage sind, den Frieden wiederherzustellen. Sie stellen sich mitten zwischen die sich ankeifenden, anknurrenden Streithähne und warten ab – stoisch, gelassen und sich ihrer inneren Stärke bewusst. Wenn sich die Wogen geglättet und alle beruhigt haben, nehmen die Wölfe gemeinsam ihr Tagwerk wieder auf.

Wie so oft, wenn ich das Familienleben der Wölfe beobachte, frage ich mich, warum bei uns Zweibeinern alles so viel komplizierter zu sein scheint. Liegt es daran, dass die Familie bei uns nicht so im Mittelpunkt steht wie bei den Wölfen?

Nein! Im Gegenteil. Die Familie ist heute so stark wie nie zuvor und das Verhältnis von Eltern zu ihren Kindern so gut wie lange nicht mehr. Zu diesem Ergebnis kam die Shell-Jugendstudie 2015. Fast 90 Prozent aller Jugendlichen haben ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern und fast drei Viertel möchten ihre Kinder ähnlich erziehen, wie sie selbst erzogen wurden. Sie sind der Auffassung, dass man eine Familie braucht, um glücklich zu leben. In Zeiten, da die Anforderungen in Schule, Ausbildung und den ersten Berufsjahren steigen, findet der Großteil der Jugendlichen bei den Eltern Rückhalt und emotionale Unterstützung. Aber selbst wenn wir uns die Familie als Mittelpunkt wünschen, klaffen bei uns Menschen – anders als bei den Wölfen – häufig Wunschvorstellung und Alltagsrealität auseinander.

In einem Wolfsrudel orientieren sich alle Mitglieder an den erfahrenen Leittieren, die ihnen als Eltern Verantwortung vorleben und entscheiden, was das Beste für die Familie ist. Natürlich hat jeder individuelle Wolf auch die Möglichkeit, seine eigenen Wege zu gehen oder gegen die von den Leittieren getroffenen Entscheidungen zu protestieren. Das bleibt ihm unbenommen. Gleichwohl genießen die erfahrenen Leittiere höchsten Respekt. Eine Wolfsfamilie funktioniert durch ihren engen und bedingungslosen Zusammenhalt und durch die Fürsorge füreinander. Gelegentlich kann man noch lesen, dass alte oder kranke Wölfe vom Rudel getötet würden. Das mag in einer unnatürlichen