Wolfsküsse - Elli H. Radinger - E-Book

Wolfsküsse E-Book

Elli H. Radinger

4,9
8,99 €

oder
Beschreibung

Die mit den Wölfen lebt. Was bringt eine Rechtsanwältin dazu, ihr bisheriges abgesichertes Leben hinzuwerfen, um mit wilden Wölfen zu leben? Elli Radinger wagte es und begab sich auf eine lange Reise, getrieben von der Suche nach sich selbst und dem Glück eines Lebens in der Natur. Seit vielen Jahren lebt Radinger nun in unmittelbarer Nähe der als gefährlich geltenden, in Wahrheit jedoch höchst intelligenten und sozialen Tiere, nimmt an Forschungsprojekten teil und engagiert sich für Erhalt und Schutz wild lebender Wölfe. Ihre berührende Geschichte ist die einer Frau, die konsequent ihrem Traum folgt und uns mit diesem Buch in die faszinierende Welt der wilden Wölfe entführt. „Seine handtellergroßen Pfoten landeten auf meinen Schultern. Ich hielt den Atem an – dann leckte er mir mit seiner rauen, heißen Zunge über das ganze Gesicht. Ich wurde von einem Wolf geküsst.“ Mit Serviceteil zur Wolfsprojekten und Wolfspatenschaften.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 308




Elli H. Radinger

Wolfsküsse

Mein Leben unter Wölfen

Impressum

ISBN E-Pub 978-3-8412-0348-9

ISBN PDF 978-3-8412-2348-7

ISBN Printausgabe 978-3-352-00820-7

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, November 2011

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Orginalausgabe erschien 2011 bei Rütten & Loening,

einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über dasInternet.

Umschlaggestaltung capa, Anke Fesel

unter Verwendung eines Fotos von

© Fishing4 / Tanja Askani www.fishing4.de

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital - die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

www.aufbau-verlag.de

Menü

Buch lesen

Innentitel

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

Informationen zur Autorin

Impressum

Inhaltsübersicht

VORWORT

AUFGELÖST

WACHGEKÜSST

EINGETAUCHT

LERNEN GELERNT

AUF DER SPUR DER WÖLFE

HEIMAT UND FAMILIE

WOLF CAMP

MIT WÖLFEN LEBEN

DIE VERLORENE UNSCHULD DER HIRSCHE

VON MACHT UND MACHTLOSIGKEIT

STARS UND GROUPIES

ANGEKOMMEN

DANKE!

ANHANG

BILDTEIL

BILDNACHWEIS

|5|Bevor wir uns der Umwelt annehmen, müssen wir uns unserer selbst annehmen.

(Thích Nhât Hạnh, Buddhistischer Mönch

und Schriftsteller, Zen-Lehrer und Friedensaktivist)

|6|Für meine Mutter

|9|VORWORT

Es ist tiefer Winter. Mein Allrad hat es gerade noch bis zur Einfahrt unten an der Straße geschafft. Für den Rest des Weges muss ich die Schneeschuhe anschnallen. »Der Schlüssel liegt unter der Fußmatte«, hatte mir der Vermieter der kleinen Blockhütte in den Bergen von Montana am Telefon gesagt. Alles war vorbereitet, sogar das Feuer im Ofen. Ich musste nur noch ein Streichholz daran halten, schon wurde es gemütlich warm. Ein Stapel Holzscheite sorgte dafür, dass mir nicht kalt werden würde.

Die Cabin ist einfach eingerichtet, aber urgemütlich. Eine bequeme Couch, ein Tisch, den ich ans Fenster rücke. In der kleinen Küche habe ich mir gerade einen Kaffee gemacht. Das große Bett steht an der Wand. Als ich heute Nacht unter den weichen Decken wach geworden war und mit der Hand über die Rundstämme strich, fühlten sie sich warm und lebendig an. Eine Tür führt ins Mini-Badezimmer. Es gibt Strom, fließendes Wasser und ausreichend Feuerholz draußen im Schuppen. Sogar einen alten Kassettenrekorder entdecke ich und ein Tape von John Denver, das ich jetzt einlege. Während ich mich mit dem Kaffee an den Holztisch setze, beobachte ich die muntere Vogelschar, die sich am kleinen Vogelhäuschen auf der Veranda tummelt. Der fürsorgliche Hausherr hat genügend Vogelfutter dagelassen. Draußen liegt tief verschneit der Wald, weiter unten ein See.

Vor mir auf dem Tisch warten zweihundertsiebzig Manuskriptseiten auf die Überarbeitung. Die kleine Cabin soll mir genug Ruhe und Inspiration dafür geben. Als ich darüber nachdenke, wie sich das Buch entwickelt hat, muss ich schmunzeln. Eigentlich wollte ich ein wissenschaftliches Fachbuch schreiben |10|über das Verhalten von Wölfen. Noch ein Fachbuch. Der Stoff, den uns das Verhalten dieser faszinierenden Tierart bietet, geht nie aus. Aber irgendwie entwickelte sich das Fachbuch immer mehr zu meiner persönlichen Geschichte.

Bei jedem Vortrag, jeder Lesung, die ich halte, gibt es Zuhörer, die fragen: »Warum Wölfe?« oder »Wie sind Sie auf Wölfe gekommen?«

Ich wundere mich über die Fragen, denn für mich ist das Leben mit den Wölfen und meine Leidenschaft für sie die natürlichste Sache der Welt. Aber dann wird mir bewusst, dass viele Menschen auch einen Traum haben, so wie ich einst. Mit dem Unterschied, dass es mir inzwischen vergönnt ist, diesen Traum zu leben.

Ich bin keine Biologin, sondern Autorin mit Schwerpunkt Wolf und Hund. Um meinen Traum vom Leben mit den Wölfen zu verwirklichen, gab ich mein früheres Leben auf. Dass diese Entscheidung richtig war, wusste ich in dem Augenblick, als ich zum ersten Mal einem wilden Wolf gegenüberstand und seine Augen in meine Seele zu blicken schienen.

Ich habe das große Glück, seit fast zwanzig Jahren wilde Wölfe in ihrem natürlichen Umfeld beobachten zu können. Sie lassen mich teilhaben an ihrem Leben – an der Jagd, der Paarung und der Aufzucht ihrer Jungen. Das empfinde ich als unbeschreibliches Geschenk, für das ich jeden Moment dankbar bin.

Während ich meinen Kaffee trinke und noch einmal das Manuskript lese, lenkt mich eine Bewegung unten am See ab. Vier Wölfe sind aufgetaucht. Einer von ihnen schaut hoch zur Cabin. Er sieht mich nicht am Fenster – oder doch?

Das warme Gefühl, das sich in mir ausbreitet, hat nicht allein mit dem Feuer im Ofen zu tun. Ich bin nur eine Beobachterin in der Welt der Wölfe; dringe nicht ein und dränge mich nicht auf. Ich sehe ihnen zu und erzähle dabei meine Geschichte und die Geschichte der Wölfe, die ich ein Stück ihres Lebens begleiten durfte.

Unten auf dem Eis tollen die Wölfe umher. Sie springen |11|übereinander, rutschen aus, lecken sich gegenseitig die Gesichter und sind viel zu schnell wieder im Wald verschwunden.

Ich denke zurück an die vielen Wolfsbegegnungen, die ich hatte. Das komplexe soziale Verhalten dieser Tiere über einen längeren Zeitraum zu beobachten veränderte meine Gedanken und Gefühle. Begriffe wie Moral, Verantwortung und Liebe erhielten einen neuen Sinn für mich. Die Wölfe wurden meine Vertrauten, meine Lehrer und Quelle meiner Inspiration. Dank ihnen vermag ich den Zauber wahrzunehmen, der die Elemente der Natur zusammenhält. Sie haben mich gelehrt, die Welt mit anderen – ihren – Augen zu sehen. Und sie haben mir geholfen, zu verstehen, wer ich bin und wo mein Platz in dieser Welt ist.

Februar 2011

|13|AUFGELÖST

Der schlanke Körper hing über dem Zaun. Das graue Fell wehte im Wind wie eine achtlos weggeworfene Wolldecke. Erloschene Augen. Der Wolf war über den Stacheldraht eines Weidezauns geworfen worden. Erschossen. Ein Mahnmal des Viehzüchters. Seht her, so geht es euch, wenn ihr euch auf mein Land wagt. Montanas Antwort auf die Rückkehr der Wölfe.

Ich streichelte zart die große Pfote. Meine erste Begegnung mit einem wilden Wolf hinterließ eine tiefe Traurigkeit und viele Fragen. Warum? Warum nur so viel Hass?

Noch in der Nacht hatte ich von einem Wolf geträumt. Ich lag im Schlafsack im Auto. Viele Stunden war ich durch die weiten Prärien von Wyoming und Montana gefahren. Als es dunkel wurde, parkte ich meinen Wagen am Rand einer einsamen Landstraße. Das Heulen der Kojoten begleitete mich in den Schlaf. Der Wolf in meinem Traum trabte auf leichten Pfoten durch das Land seiner Väter. Er sah mich lange an. Tief beglückt wachte ich am nächsten Morgen auf. Stille. Sonne. Gabelböcke zogen durch gelbes Weidegras. Dann fiel mein Blick auf den Zaun und den Wolf.

Meine schöne heile Welt war plötzlich gar nicht mehr so heil. Ich war aus meinem Alltag geflohen, um mich nur noch mit positiven Dingen zu umgeben. Wollte alles Negative hinter mir lassen. Und jetzt das. Warum war ich nur hierhergekommen?

Mein neues Leben hatte mit dem Tag meiner Scheidung begonnen. Ich tat das, was viele Frauen in einer solchen Situation tun: Ich beschloss, mein Leben radikal zu ändern, gab |14|meine Zulassung als Rechtsanwältin zurück, hängte die Robe an den Nagel, verließ meine Kanzlei und begann zu schreiben. Ich wollte endlich meinen Traum leben. Schon viel zu lange hatte ich mich mit einem Beruf herumgequält, der mich nicht glücklich machte.

Eigentlich hätte meine berufliche Karriere ganz anders aussehen sollen. Nachdem ich fünf Jahre lang als Stewardess den Duft der großen, weiten Welt geschnuppert hatte, wollte ich »etwas Sinnvolles« mit meinem Leben anfangen. Mit dem unerschütterlichen Optimismus, die Welt vor dem Bösen bewahren und der Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen zu können, begann ich, Jura zu studieren. Begeistert stürzte ich mich in das Studium. Gegenüber meinen Kommilitonen, die direkt von der Schule kamen, konnte ich mit Lebenserfahrung punkten. Außerdem verfasste ich leidenschaftlich gern Schriftsätze und versuchte dabei, das Juristendeutsch in eine verständliche Sprache zu bringen. Das Erste Staatsexamen schaffte ich in Rekordzeit. Im Referendaralltag nutzte ich meine Vorkenntnisse aus dem Airlinegeschäft und begann, mich auf Luftverkehrsrecht zu spezialisieren. Praxis-Stationen beim Luftfahrtbundesamt und in der Rechtsabteilung des Frankfurter Flughafens rundeten meine Ausbildung ab. Ich hatte meine Aufgabe gefunden, wollte die erste Fachanwältin für Luftverkehrsrecht werden. Diese Positionen waren Anfang der achtziger Jahre noch rar. Weltweit konnte man die Zahl der Spezialisten an einer Hand abzählen. Vielleicht könnte ich sogar noch Weltraumrecht belegen und mich so meinem alten Kindheitstraum nähern, Astronautin zu werden. Im Kopf hatte ich eine klare Vorstellung von meinem künftigen Leben: Ich jettete als Spezialistin durch die Welt, wurde von der NASA angefordert und schrieb Gutachten darüber, wem der Mond gehört. Ein schöner Traum.

Die Realität war eine andere. Ich fand keine Anstellung in meinem Traumberuf. Um meinen Lebensunterhalt zu verdienen, machte ich mich als Anwältin selbständig und mietete mir eine kleine Praxis, in der ich auch wohnen konnte. Es war sehr schwer, Aufträge zu bekommen. Strafdelikte, Mietstreitigkeiten |15|und Scheidungen ernährten mich mehr schlecht als recht. Mein erster Mandant schuldet mir heute noch das Honorar. Er hatte seine Zivilklage verloren.

»Sie sind eine schlechte Anwältin«, begründete er die Nichtzahlung seiner Rechnung. »Sie sind schuld, dass ich den Prozess verloren habe. Von mir bekommen Sie keinen Pfennig.«

Die Rechtslage meines Mandanten war aussichtslos gewesen. Auch mit einem Spitzenanwalt hätte er den Prozess verloren. Aber er hatte dennoch recht. Ich war keine gute Anwältin. Jeder meiner noch so kleinen Fälle war für mich eine emotionale Herausforderung. Ich wollte, dass meine Mandanten ihr Recht erhielten. Empfand jeden Schriftsatz des gegnerischen Anwalts als persönlichen Angriff. Ich erstickte in Akten und quälte mich zu jedem Gerichtstermin. Mir fehlte die Distanz und Härte, um wirklich »gut« zu sein. Ich war zu sensibel.

Meine Kollegen hatten solche Probleme nicht.

»Du musst härter werden«, rieten sie mir.

Ja, um eine gute Anwältin zu werden, hätte ich härter werden müssen. Doch wie sollte ich das anstellen?

Vor jeder Gerichtsverhandlung bekam ich Magenschmerzen und musste mich übergeben. Ich wurde immer verzweifelter. Wo war mein ursprünglicher Traum, der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen, geblieben? Die Erfahrung lehrte mich nun, dass nicht die »Guten« gewannen, sondern jene, die die miesesten Tricks kannten. So konnte und wollte ich nicht für den Rest meines Lebens weitermachen.

Als dann eines Tages der Mann einer Mandantin aus Wut über den verlorenen Scheidungsprozess einen Fernseher durch das geschlossene Fenster in mein Büro warf, reichte es mir. Das war’s! Egal, was kommen würde, nichts könnte so schlimm sein wie das.

Genau an diesem Tag traf der Brief mit meinem Scheidungsurteil ein.

Schon seit einem Jahr lebte ich von meinem Mann getrennt. Unsere Ehe war nicht mehr zu retten gewesen. Ich war aus |16|der gemeinsamen Wohnung ausgezogen und hatte mir eine eigene Bleibe gesucht, die ich mit gebrauchten und geschenkten Möbeln einrichtete. Zwei Räume meiner kleinen Mietwohnung funktionierte ich zur Anwaltskanzlei um: ein Büro und ein kleines Wartezimmer. An der Haustür prangte ein Messingschild: Elli H. Radinger, Rechtsanwältin, Sprechzeiten nach Vereinbarung.

Der Kontakt zu meinem Mann beschränkte sich auf das Nötigste. Wir hatten uns auf eine einvernehmliche Scheidung geeinigt, einen gemeinsamen Anwalt genommen und im Vorfeld alles geregelt. So war die Scheidungsverhandlung nur eine Formsache.

Jetzt hielt ich den Beweis in den Händen und war frei. Mein Blick fiel auf einen Spruch, der über meinem Schreibtisch hing: Der Preis der Freiheit ist der Verzicht auf die Bequemlichkeit. War das das Omen, auf das ich gewartet hatte?

Innerhalb von vier Wochen gab ich alles auf, was mein bisheriges Leben ausgemacht hatte, zum völligen Unverständnis meiner Familie und Freunde.

»Bist du wahnsinnig? Wovon willst du denn leben? Du könntest doch als Anwältin Erfolg haben und viel Geld verdienen.«

Ich antwortete nicht. Was sollte ich auch sagen? Sie hatten ja recht. Aber es kümmerte mich nicht mehr. Ich hatte alle Brücken abgebrochen und wollte nicht mehr in mein altes Leben zurück. Stattdessen kehrte ich zurück in den Schoß meiner elterlichen Familie. In ihrem kleinen Einfamilienhaus stand eine Einliegerwohnung leer. Die zwei Zimmer richtete ich mir mit den wenigen Möbeln ein, die ich aus der Mietwohnung mitgenommen hatte. Ich strich sie bunt an, hängte ein paar Poster auf und freute mich an meiner kleinen »Künstlerwohnung«. Mein ehemaliger Arbeitgeber bei der Lufthansa nahm mich sofort auf und gab mir meinen alten Job als Stewardess wieder.

In der Sommersaison arbeitete ich durchgehend und nutzte die Freitickets, um in der restlichen Zeit des Jahres auf eigene Faust durch Nordamerika zu reisen. Ich mietete einen kleinen |17|Camper und erkundete Amerika und Kanada, blieb, wo es mir gefiel, und schrieb Artikel für deutsche Reisemagazine.

Besonders angetan hatten es mir die einsamen Gegenden Nordamerikas. Wochenlang hielt ich mich in den abgelegensten Gebieten von Arizona, Alaska und den Rocky Mountains auf. Das war meine Welt, in der ich mich zu Hause fühlte.

Bei einer dieser Reisen in den Südwesten der USA traf ich auch meine ersten »wilden Hunde« – Kojoten. Wenn ich mit dem Camper in den einsamen Wüstengebieten übernachtete, konnte ich sicher sein, sie als vierbeinige Begleiter in meiner Nähe zu haben. Nachts sangen sie mich mit ihrem melodischen Heulen in den Schlaf. Für mich war das die schönste Nachtmusik.

Kojoten haben schon immer eine führende Rolle in den Sagen und Märchen der Indianer gespielt. Die Wüstenstämme nennen sie »Gotteshunde«, »Trickster« oder »Präriewölfe« und schreiben ihnen übernatürliche Fähigkeiten zu. Ich bewunderte besonders ihre unglaubliche Kunst, sich jeder Situation anzupassen und das Beste daraus zu machen.

Ich beobachtete sie oft stundenlang. Manchmal tauchten sie wie Geister auf und liefen an mir vorbei, mit der Nase einer Spur folgend. Sie schienen mich absichtlich zu ignorieren. Aber ab und zu schaute mich einer der kleinen Gesellen direkt an. Ich spürte seinen Blick, noch bevor ich zu ihm hinsah. Sie störten sich nicht an mir, sondern schienen mir sogar zu vertrauen und zu erlauben, an ihrem Leben teilzunehmen. Das berührte mich sehr. Irgendwie fühlte ich mich ihnen nah, seelenverwandt.

Die Tage und Nächte in der Einsamkeit, die intensive Verbundenheit mit der Natur, die Begegnungen mit den Tieren – das ließ mich nicht mehr los. Ich wollte mehr erfahren über die Lebensweise der Kojoten und ihrer großen Verwandten, der Wölfe. Denn Wölfe hatten mich schon als Kind fasziniert. Ich war mit einem Schäferhund großgeworden, dem Tier, das äußerlich dem Wolf am nächsten ist. Statt mit anderen Kindern hatte ich nur mit ihm gespielt. Meine Eltern fanden mich |18|oft in seiner Hütte, wo ich, eng an ihn gekuschelt, schlief. Er gab mir Sicherheit. Wie alle Kinder las auch ich »Rotkäppchen«. Aber mein Mitgefühl galt stets dem armen Wolf mit den schweren Wackersteinen im Bauch.

Jetzt, in meiner neuen Unabhängigkeit, hatte ich endlich die Chance, mich intensiver mit diesen Tieren zu beschäftigen. Ich verschlang jedes Buch über sie, dessen ich habhaft werden konnte. Und ich suchte eine Gelegenheit, sie näher kennenzulernen.

Aus amerikanischen Wissenschaftszeitungen schrieb ich die Anschriften von Zoos und Wolfsgehegen heraus, in der Hoffnung, dort ein Praktikum in Verhaltensforschung machen zu dürfen.

Dann – eines Tages – bekam ich endlich Antwort. Der renommierte Wolfsforscher Dr. Erich Klinghammer antwortete mir aus seinem Forschungsinstitut »Wolf Park« in Indiana. Und es wurde noch besser: Klinghammer war auf dem Weg nach Kassel, wo seine deutsche Mutter lebte, und wollte mich kennenlernen. Wir vereinbarten ein Treffen im Restaurant des Hauptbahnhofs.

Meine erste Begegnung mit dem »Wolfsmann« beeindruckte mich tief.

»Sie werden mich schon erkennen«, hatte er am Telefon gesagt, als ich fragte, wie und wo wir uns treffen wollten. Und tatsächlich war er nicht zu übersehen. Da kam ein stattlicher Mann mit grauen Locken und grauem Bart auf mich zu. Auf seinem Sweatshirt heulte ein Wolf.

Stundenlang saßen wir im Bahnhofsrestaurant zwischen an- und abreisenden Zuggästen und unterhielten uns. Die Eile der Menschen um mich herum gar nicht wahrnehmend, tauchte ich ein in eine andere Welt. Fasziniert hörte ich diesem imposanten Wissenschaftler zu. Stellte Fragen und bekam Antworten. In Gedanken sah ich mich schon in seinem Wolf Park.

»Stopp!«, sagte er und holte mich wieder zurück an den abgenutzten Tisch, auf dem die Becher mit dem kalt gewordenen Kaffee standen.

|19|»Die Entscheidung, ob du einen Praktikumsplatz in Wolf Park bekommen wirst, treffe leider nicht ich«, lächelte er rätselhaft.

In meinem Kopf türmten sich unendliche bürokratische Hürden auf.

»Wie soll ich am besten vorgehen? An wen muss ich mich zuerst wenden?«, fragte ich verunsichert.

»Wende dich an die Wölfe. Sie müssen dich akzeptieren.«

Ich starrte den Forscher ungläubig an. Dann verstand ich: Auf zum »Wolf Casting« nach Indiana.

Wir standen uns gegenüber – der Wolf und ich. Lange hatte ich auf diesen Augenblick gewartet. Ich war gut vorbereitet, wusste genau, wie ich mich verhalten musste: Beide Füße fest auf dem Boden.

»Fester Stand ist wichtig. Nur ja nicht umwerfen lassen und niemals direkt in seine Augen starren«, hatte mir Klinghammer eingeschärft.

»Kein Make-up! Kein Schmuck! Die Wölfe spielen gern mit etwas, das herumbaumelt. Sie lieben es auch, sich in allem zu wälzen, was riecht, wie Make-up oder Parfüm.«

»Bist du gesund?«, lautete seine nächste Frage im Wie-begegne-ich-einem-Wolf-Quiz. »Wölfe sind absolute Meister darin, Schwächen zu entdecken. So können sie in der Wildnis kranke Tiere ausfindig machen und erlegen. Sie merken, wenn du krank wirst, lange bevor du es selbst spürst.«

Der Leitwolf sah mich mit gelbbraunen Augen an. Die Ohren aufmerksam nach vorn gerichtet, nahm er schnuppernd meine Witterung auf. Während ich starr stehen blieb, trabte das Raubtier mit leicht federndem Gang los. Sein Körper spannte sich zum Sprung. Er flog direkt auf mich zu. Die handtellergroßen Pfoten landeten auf meinen Schultern, seine weißen Reißzähne waren nur Zentimeter von meinem Gesicht entfernt. Ich hielt den Atem an – dann leckte er mir mit seiner rauen Zunge mehrmals über das ganze Gesicht. Ich wurde von einem Wolf geküsst!

|20|»Wölfe lieben es, an Stellen gekrault zu werden, an die sie selbst nicht herankommen«, erinnerte ich mich an Erichs Ratschlag und kraulte dem Wolf Brust, Bauch und Ohren. Sein Kopf mit den halb geschlossenen Augen drückte sich immer fester in meine Hand. Wäre er eine Katze, hätte er jetzt wahrscheinlich geschnurrt. Der Chef hatte mich akzeptiert. Nun war ich bereit, mich auf dieses Abenteuer einzulassen.

|21|WACHGEKÜSST

Schon am folgenden Tag wurde ich Mutter. Fünf Wolfsbabys, drei schwarze und zwei graue, purzelten und rutschten über mich hinweg und krabbelten auf mir herum.

Mit den Worten »Hier! Mir ist ein Helfer ausgefallen. Du musst dich heute Nacht um sie kümmern«, hatte mir Erich eine Kiste mit schlafenden Wolfswelpen in die Hand gedrückt. Verdutzt schaute ich auf die winzigen Fellknäuel. Vorsichtig nahm ich die Kleinen aus der Kiste und setzte mich zwischen die gähnenden und sich streckenden Wölfchen. Sie begannen, mich zu erkunden. Schnupperten und versuchten, an mir hochzukrabbeln. Wenn ich mich zu ihnen hinunterbeugte, flogen ihre Zungen blitzschnell über mein Gesicht, und die scharfen Zähnchen knabberten an meiner Nasenspitze.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!