Die Welt der 'Enana - Burgl Lichtenstein - E-Book

Die Welt der 'Enana E-Book

Burgl Lichtenstein

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Beschreibung

Die Autorin beschreibt fachkundig und mit bemerkenswerter Einfühlsamkeit die Vergangenheit und Gegenwart der Marquesas-Inseln. Sie greift nicht nur auf eigene Erfahrungen zurück, die sie bei mehreren Besuchen des Archipels gewonnen hat, sondern auch auf wissenschaftliche Erkenntnisse des Archäologen Robert C. Suggs. Einmalig sind die von ihr integrierten Aufzeichnungen aus Briefen und Feldbüchern des Völkerkundlers Karl von den Steinen, der im Auftrag des Berliner Museums für Völkerkunde, 1897/98 die Kunst der Marquesaner erforschte. Die Autorin entführt den Leser auf eine abenteuerliche Reise durch Zeit und Raum, beginnend mit der geologischen Entstehung des Archipels und folgt der Geschichte der Marquesaner, von der Landung ihrer austronesischen Vorfahren auf den Inseln, bis zur Blütezeit ihrer Kultur. Die schädigenden Einflüsse der französischen Kolonisation werden mit ebenso großer Sensibilität beschrieben, wie das heutige Leben auf den Inseln. Eine Bewertung der Gegenwartspolitik Französisch-Polynesiens rundet das Bild ab.

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Seitenzahl: 451

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Einführung

Die Welt der ‘Enana

Geografischer Lebensraum

Kulturelle Entwicklung von den Anfängen bis zur Gegenwart

Besiedlung der Inseln – Ursprung der marquesanischen Kultur

Erster Kontakt mit Fremden

Okkupation und ihre Folgen

Inselgeschichte ab dem 20. Jahrhundert

Glaubensvorstellungen

Genealogien, Knotenschnüre, Urahnen, die Rolle der Priester

Geister, mana, tapu

tiki

Christianisierung

Sitten und Brauchtum

Alltagsleben

Festlichkeiten und sportliche Aktivitäten

Kunst und Handwerk

Die verlorene Kunst

Tatauierung

Kultische und soziale Bedeutung

Ornamente

Renaissance der Tatauierung

Kannibalismus

Mythen

Legende von Akanui, Pa‘etini und dem Schwein Makaiaanui

Der Völkerkundler

Karl von den Steinen

Reisenotizen

Um die Jahrhundertwende

Der Archäologe

Robert C. Suggs

Auf Spurensuche

Ein verlockendes Angebot

Aufbruch ins Unbekannte

Als „Newcomer“ in Taioha‘e auf Nuku Hiva

Die Täler – Wiege der Geschichte

Abstecher nach Hiva Oa

Anthropologische Begeisterung

Rückreise und Auswertungen

Die 2. Reise von 1957/58

Ausgrabungen auf Nuku Hiva

Statt Spekulationen, vollendete Tatsachen

Streifzüge durch die Gegenwart

Nuku Hiva

Ankunft im Heute

Geschichtsstunde

„Solange ich lebe, kämpfe ich“ – Lucien Ro‘o Kimitete

Landpartie

Auf Zeitreise

Ua Pou

Der göttliche Urahn und andere Helden

Ua Huka

Lichtles Insel

Hiva Oa

Stadt und Land

Über Berg und Tal

Tahuata

Irrungen und Wirrungen

Fatu Iva

Visionen

Nuku Hiva

Die Kirche

Kunst und Künstler

Paradies mit Plumpsklo

A pae Nuku Hiva

Glossar

Literaturverzeichnis

Dank

Bildnachweis

Vorwort

Als ich 1997 auf der Insel Ua Pou zum ersten Mal marquesanischen Boden betrat, spürte ich, dass meine Reiseträume ihren geografischen Rahmen gefunden hatten. Fortan zog es mich immer wieder zu der melancholischen Schönheit des sagenumwobenen Archipels in der Weite des Ostpazifiks. Vom gleichen Zauber gefangen waren auch zwei Wissenschaftler, deren Forschungen auf den Inseln internationale Anerkennung genießen. Es sind dies der deutsche Völkerkundler Karl von den Steinen und der amerikanische Archäologe Robert C. Suggs, deren Spuren ich in diesem Buch nachgegangen bin.

Karl von den Steinen wurde 1897 vom Königlichen Museum für Völkerkunde in Berlin auf die Marquesas-Inseln entsandt, um die polynesische Sammlung des Museums zu vervollständigen. Während seines halbjährigen Aufenthaltes in den Jahren 1897/98 besuchte er alle sechs Inseln des Archipels. Seine Hauptaufgabe sah er vor allem darin, den Geheimnissen der Tatauierungen und der ungewöhnlichen und rätselhaften Ornamentik nachzuspüren, welche er in dieser Form nur auf den Marquesas-Inseln angetroffen hatte. Seine Untersuchungen nahmen auch nach seiner Rückkehr nach Berlin noch viele Jahre in Anspruch, denn die wichtigsten Sammlungsstücke waren inzwischen über alle Welt verstreut. Die Ergebnisse seiner intensiven Ermittlungen hielt er in der Trilogie „Die Marquesaner und ihre Kunst“ fest, die in den Jahren 1925–1928 erschien. Jahre später fanden dann Kopien seiner Bücher auch den Weg auf die Inseln, wo sie zu unverzichtbaren Vorlagen für die Kunstschaffenden wurden, sei es bei den Tatauierungen, Holzschnitzereien oder bei der Bemalung des Rindenbastes. Der Autor wurde für die Insulaner, die der deutschen Sprache unkundig waren, zum schlichten purutia (Preußen). Welche Persönlichkeit sich dahinter verbirgt, ist den meisten unbekannt. Es schien mir an der Zeit zu sein, diese Frage zu beantworten.

Im Herbst 2002 begann ich mit den Recherchen und wurde bald an Professor Dr. Reimar Schefold, den Enkelsohn von Karl von den Steinen verwiesen, der mit Wohlwollen mein Vorhaben unterstützte. Er erlaubte mir in dankenswerter Weise, Auszüge aus den privaten Briefen von Karl von den Steinen an seine Ehefrau Eleonore von den Steinen zu benutzen, sowie aus seinem Feldbuch und der erwähnten Trilogie zu zitieren.

Etwas mehr als 50 Jahre nach Karl von den Steinen, 1956, wurde der junge Archäologe Robert C. Suggs vom New Yorker Museum für Naturgeschichte auf die Marquesas-Inseln entsandt, um die ersten stratigrafischen Untersuchungen durchzuführen. Während seiner Exkursionen besuchte er fünf der sechs Inseln, konzentrierte sich aber hauptsächlich auf Nuku Hiva, weil er dort die ergiebigsten Fundstätten vorfand. Eine von ihnen – datiert auf 125 Jahre v. Chr. – lag in der Bucht von Ha‘atuatua, wo Robert C. Suggs dann auf jene wegweisenden Funde stieß, die zu einem Umdenken in Bezug auf die Besiedlungsgeschichte der Marquesas-Inseln führten. Es handelte sich um Tonscherben, die zweifelsfrei von der 2700 Kilometer weiter im Westen liegenden Inselgruppe Fiji/Tonga stammten, womit der Beweis erbracht war, dass die Marquesas-Inseln durch die Lapita-Seefahrer vom Westen her entdeckt und besiedelt wurden, was bisher als ausgeschlossen galt. Thor Heyerdahls Theorie einer von Südamerika ausgehenden Besiedlung, die er mit seiner „Kon Tiki“-Expedition 1947 unter Beweis zu stellen versucht hatte, gehörte von da an ins Reich der Fabeln. Im Gegensatz zum bereits erfahrenen, vielgereisten Völkerkundler und Autor Karl von den Steinen, ging Robert C. Suggs als absolutes Greenhorn ans Werk, was in seinen, durch einen jugendlichem Enthusiasmus geprägten Erinnerungen, amüsant und unkompliziert zum Ausdruck kommt.

Eine nicht minder wichtige Rolle, speziell auf der Suche nach Informationen über die Frühgeschichte, spielt Georg Heinrich von Langsdorff, der an der ersten russischen Weltumseglung von 1803–1806 unter dem Kommando von Adam Johann von Krusenstern, als Naturforscher und Arzt teilnahm. Auf dem Weg nach Japan wurde 1804 auf der Insel Nuku Hiva ein mehrtägiger Halt eingeschoben. Dank seines vielseitigen Interesses und seines offenen Blicks hinterließ von Langsdorff eine Fülle an Auskünften und Zeichnungen zur Kultur und Kunst auf den Inseln. Seine in fesselnder Form zu Papier gebrachten Erinnerungen halfen mir, das Alltagsleben der damaligen Inselbewohner zu beschreiben. Großzügige Unterstützung erfuhr ich dabei von Renate von Rappard, geborene von Langsdorff, der Ururenkelin des Wissenschaftlers. Von ihr erhielt ich nicht nur wertvolle Auskünfte über ihren Ahnherrn, sondern auch Auszüge aus den Tagebüchern anderer Expeditionsteilnehmer, wie von Hermann Ludwig von Löwenstern, Wilhelm Gottfried Tilesius von Tilenau, des Schweizer Astronomen Johann Caspar Horner und des Schiffsarztes Dr. Carl Espenberg. Ihre Aufzeichnungen sind nahezu identisch mit jenen von Langsdorff.

Robert C. Suggs kenne ich seit zehn Jahren und von meinen sechs Aufenthalten auf den Inseln. Er führte mich in deren Geschichte ein und wurde zum wichtigsten Ratgeber beim Schreiben. Mit seinem unerschöpflichen Wissen verstand er es, jede Frage zu beantworten und Abklärungen zu treffen, zu denen ich aufgrund der Sprachbarrieren nicht in der Lage war. Das abschließende Kapitel „Streifzüge durch die Gegenwart“ basiert auf unseren gemeinsamen Reisen, worin wir den Fragen nachgegangen sind: Was hat sich in den letzten 100 Jahren, seit der Zeit von Karl von den Steinen verändert? Wie leben die Menschen heute? Bringt ihr Streben nach Eigenständigkeit wirklich die erhoffte Freiheit? Wir lernten Menschen jeder Couleur kennen, erfuhren Freundschaft oder stießen auf Ablehnung und wurden mit Kummer und Sorgen konfrontiert, die nicht zum üblichen Südseeklischee passen.

Mit Absicht habe ich vermieden, diesem Buch eine streng wissenschaftliche Form zu geben oder eine bunt schillernde Reisebeschreibung daraus zu machen. Ihm liegt die Idee zugrunde, so weit wie möglich die kulturelle Geschichte der Marquesas-Inseln darzustellen, beginnend mit der noch von keiner europäischen Zivilisation beeinflussten Urkultur, die dann durch die französische Okkupation, in Kooperation mit der Kirche, radikal vernichtet wurde. Diese Spur führt bis in die Gegenwart, in der sich aber Widerstand zu regen beginnt. Mit der Rückbesinnung auf die traditionellen Werte der einstigen Kultur ist ein teils zaghaftes, teils trotziges Eigenbewusstsein entstanden, das Kraft verleihen könnte, sich aus der jahrhundertealten Fremdherrschaft zu befreien.

Aber auch die Schönheiten der Inseln werden gewürdigt: die geheimnisvollen Täler, in denen groβäugige tiki über moosige Ruinen wachen, skurrile Felsklippen, die unvermutet aus dem Ozean emporsteigen, oder Naturstimmungen, deren Schönheit den Betrachter in ein Zauberreich versetzen kann.

Gewidmet ist dieses Buch den marquesanischen Menschen, aber auch jenen, die sich von der Geschichte der Inseln zum Nachdenken herausgefordert fühlen.

Burgl Lichtenstein

Die politische Situation in Französisch-Polynesien ist derzeit unbeständig. Das Buch befasst sich ausschliesslich mit den Marquesas-Inseln und geht nicht auf die politischen Ereignisse nach November 2006 ein.

Einführung

Während der Sonnenball im Meer versank und sich der Himmel in ein funkelndes Farbenmeer verwandelte, gebar Vahi Ani ihr erstes Kind, ein Mädchen. Pohine, die Priesterin, deutete die Zeichen und weissagte, dass das Neugeborene die Gunst der Stammes-Gottheiten besitze und als Heilerin auserkoren sei. Ihre Worte waren noch nicht verklungen, als ein silbern schimmernder Schmetterling durch den Raum geflogen kam und sich auf den Kopf des Kindes setzte, das mit wissenden Augen zu ihm aufsah. Es erkannte in ihm seinen Schutzgeist, dessen Namen – Pepe – es von nun an tragen würde.

Es gehörte zur Tradition, dass jedes Häuptlingskind zunächst in seiner eigenen kleinen Hütte aufwuchs. Diese lag zwischen dem Haupthaus der Familie, das auf einer hohen Steinterrasse ruhte, und dem Haus des Häuptlings, das nur dieser betreten durfte und das nach seinen Wünschen eingerichtet war. Zugleich galt es auch als Schatzkammer, wo er seine Kostbarkeiten aufbewahrte, wie den Haarschmuck der Vorväter, Schildpattdiademe, Federschmuck, reich geschnitzte Kriegsgeräte und auch eine Totenbahre. Für die rege herumkrabbelnde Pepe war das Haus des Vaters ein besonders interessanter Ort, um auf Entdeckungsreisen zu gehen.

Pepe entwickelte sich im Laufe der Jahre zu einem klugen und schönen Mädchen. Sie war wieselflink, ständig in Bewegung und kannte keine Furcht. Wann immer sie konnte, verbrachte sie ihre Zeit im Hain, der zum Meer hin angelegt war und wo eine Vielfalt an farbenprächtig blühenden Bäumen und Sträuchern wuchs. Es waren die klaren, sonnendurchfluteten Morgen, die Pepe am meisten liebte, wenn sich die Eidechsen auf den Steinen paarten und die Luft erfüllt war vom Rauschen der Wellen und dem leisen Schwirren ihrer Freunde, der Schmetterlinge.

Unter der strengen Aufsicht von Pohine erlernte Pepe die Genealogien des Stammes, die Weisheiten und Vorhersagen ihrer Urahnen. Als sie das Alter von 16 Jahren erreicht hatte, wurde sie zum tuhuka, dem Hüter und Lehrer der Tradition des Stammes, geführt, der sie in einer für Häuptlingstöchter besonderen Zeremonie tatauierte. Während der tuhuka heilige Lieder und Gebete zum Klang der Trommeln sang, wurden die Hände, Arme und Beine Pepes mit den traditionellen Tataumotiven geschmückt, wie sie nur der Tochter eines Häuptlings zustanden.

Aus dem ungestümen Mädchen von einst war die Priesterin tau’a Pepe geworden, die mit ihrer Schönheit und Grazie jedermann entzückte. Die Ernsthaftigkeit in ihrem ebenmäßigen Gesicht wurde durch eine kurze Stupsnase gemildert, die ihr etwas Keckes verlieh. Wenn sie lachte, entblößten sich zwei Reihen schneeweißer Zähne und ihre honigbraunen Augen verströmten einen Glanz, der jedermann in seinen Bann zog. Pepe trug ihre lockigen Haare jetzt nicht mehr offen, sondern hielt sie mit einem weißen tapa-Band am Hinterkopf zusammengebunden. Nur noch wenige vorwitzige Löckchen kräuselten sich auf ihrer Stirn. Während der Stammes-Zeremonien schmückte eine Kette aus Delphinzähnen ihren schlanken Hals und an den Ohren baumelten kleine tiki-Figürchen aus Menschenknochen, die ihre Glücksbringer waren. Zu den Insignien einer Priesterin gehörten auch der zeremonielle Kokosfächer, den Pepe anmutig zu tragen verstand, sowie ein weißer tapa-Umhang, der ihre vollen und festen Brüste unbedeckt ließ, was die prachtvollen Tatauierungen an Schultern, Armen und Händen noch besser zur Geltung brachte.

Zu dieser Zeit wurde noch dem ka‘ioi-Kult gehuldigt, der nur Söhnen von Stammes-Häuptlingen, Priestern und Kriegern vorbehalten war. Ka‘ioi bedeutete „die Gesellschaft der Krieger und Junggesellen“. Ein echter ka‘ioi war zudem ein noch nicht völlig tatauierter junger Mann, der mit seinen Altersgenossen eine Art Schutztruppe des Oberhäuptlings bildete. Die ka‘ioi lebten zusammen in einem eigens für sie gebauten Klubhaus. Dieser Nachwuchs junger, ungestümer Krieger widmete sich vornehmlich der von den Stammesoberen befohlenen Opferjagd, die oft Ursache neuer Fehden unter den rivalisierenden Stämmen war. Mit kleinen, meist auch heimtückischen Heldentaten stellten sie ihren Mut unter Beweis.

Parallel zum Junggesellenbund der ka‘ioi gab es auf weiblicher Seite den Bund der poko‘ehu oder das Mädchenhaus, das unter der Führung einer Häuptlingstochter stand. Sie war Herrin einer Schar unverheirateter Gespielinnen, die mit den ka‘ioi in völliger Ungebundenheit der Liebe huldigten. Als süßen Lohn nach der schmerzhaften Tatauierung genossen die jungen Männer jeweils die zügellosen Freuden mit einem der schönen Mädchen.

Pepe war eine jener auserwählten Häuptlingstöchter, die das Mädchenhaus leiteten. Nicht selten führte ihre Schönheit zu heftigen Rivalenkämpfen. Doch Pepe wusste von ihren Freunden, den Schmetterlingen, dass ihre große Liebe nicht ein ka‘ioi sein würde, sondern ein Krieger, der zugleich ein tuhuka war. Nur seinen Namen hatten sie für sich behalten.

Immer wenn es ihr möglich war entfloh Pepe dem Mädchenhaus und zog sich auf das me‘ae Te I‘ipona zurück, wo sie in der heiligen Ruhe des Tempels mit den Gottheiten Zwiesprache halten konnte. Es war ein sonniger Tag, in den Banyanbäumen sang der Wind ein zärtliches Lied, als Pepe von einer unbekannten Erregung ergriffen wurde. Als sie suchend aufblickte, gewahrte sie einen prächtig tatauierten Krieger, der halb verdeckt im Dickicht stand. Sein muskulöser Körper war vom Kopf bis zu den Füßen mit den wundervollsten Ornamenten der Tatauierungskunst bedeckt. Seine schwarzen Haare trug er nicht wie üblich aufgesteckt, sondern lose. Auf dem markanten Gesicht mit den hohen Backenknochen lag ein verwegener Ausdruck. Die sinnlichen Lippen, das eckige Kinn, die ganze Erscheinung hatten etwas erregend Lebendiges an sich und standen im Gegensatz zum Aussehen der jungen Krieger, denen sie bisher begegnet war. Als sich Pepe für einen kurzen Moment in seinem Blick verlor, blitzten seine Augen in einem unergründlichen Olivgrün auf. Doch ohne ein Wort zu sagen verschwand er ebenso geheimnisvoll, wie er gekommen war. Gleichwohl hatte sie Manuiota‘a, den berühmten Krieger und Steinmetz ihres Stammes, erkannt.

Pepe kehrte verwirrt ins Mädchenhaus zurück. In dieser Nacht schlief sie unruhig, wälzte sich von sehnsüchtigen Träumen geplagt auf ihrem Lager. Bis eine wundersame, betörende Melodie an ihr Ohr drang. Leise schlich sie in den Garten und entdeckte Manuiota‘a, der seiner Nasenflöte die inniglichen Töne entlockte. Trunken vor Freude löste sich Pepe aus dem Schatten des Brotfruchtbaumes. Ihr Herz schlug so heftig, dass sie Angst hatte, das Pochen würde ihn auf der Stelle aufhorchen lassen. Als er sie erkannte, begann sein Gesicht zu leuchten und aus seinen Augen sprach die Liebe. Ihr Herz wurde weit und leicht. Sie lief in seine ausgebreiteten Arme, empfing seine Zärtlichkeiten, die ihre Leidenschaft entzündeten, bis sie miteinander verschmolzen und zu einem einzigen Schatten wurden. Geweckt von den goldenen Strahlen der Morgensonne, in denen sich Scharen bunter Schmetterlinge tummelten, begaben sich die Liebenden anderntags zu Manuiota‘as Haus, wo sie fortan gemeinsam leben wollten.

Es gab viele Holzschnitzer, Steinmetze und Tataumeister unter den na‘iki, aber es gab keinen, der ein so begnadeter Künstler war wie Manuiota‘a, dem es deshalb oblag, die bedeutendsten Monumente des me‘ae Te I‘ipona zu gestalten. Er verbrachte viele Tage in den Steinbrüchen. Seine Hände waren oft geschwollen von der Arbeit mit den Steindechseln, aber aller Schmerz verging, wenn er zu Pepe nach Hause kam. Die Zeit, in der sie lebten, war von Erfolg und Lebenslust geprägt und es ist nicht verwunderlich, dass auch die Kunst ihre Blütezeit hatte, in deren Zentrum Manuiota‘a und die anmutige Pepe standen, die als Heilerin und Seherin ebenso geliebt und verehrt wurde wie er als Künstler.

Zu ihrem vollkommenen Glück fehlte Pepe und Manuiota‘a nur noch das langersehnte Kind. Es tat Pepe weh zuzusehen, wenn junge Mütter ihre Kinder im Fluss badeten, sie behutsam wuschen und mit ihnen spielten, ehe sie die Kleinen für den Rückweg wieder auf den Rücken banden. Jeden Tag betete sie und brachte Opfergaben dar, damit ihr sehnsuchtsvollster Wunsch in Erfüllung gehe. Es war in der Nacht des Sichelmondes, als ihre Gebete endlich erhört wurden und Pepe und Manuiota‘a das erhoffte Kind zeugten. Zu dieser Zeit schuf Manuiota‘a ein außergewöhnliches Kunstwerk, die größte Skulptur der Insel, der man den Namen Taka‘i‘i gab und die zum Wächter Te I‘iponas wurde. Es dauerte drei Monde, bis der tonnenschwere Taka‘i‘i an seinem Platz stand und vom tuhuka ‘o‘ko, dem Oberpriester des Stammes, geweiht werden konnte. Die na‘iki feierten dieses Ereignis mehrere Tage lang mit Tänzen, Gesängen, Liebesfesten und üppigen Essgelagen.

Kurze Zeit später begannen bei Pepe die Wehen. Als die Schmerzen immer schlimmer wurden, schickten Manuiota‘a und Vahi Ani nach der alten Priesterin Pohine, die schon bei der Geburt Pepes dabei gewesen war und die die Gottheiten gnädig stimmen sollte. Voll Sorge hörten sie Pepes Wimmern, die auch am nächsten Tag nicht gebären konnte, und sahen ihren übermächtig aufgedunsenen Leib, in dem die Bewegungen des Kindes kaum mehr zu spüren waren. „Dieses Kind muss am Leben bleiben“, flüsterte Pepe. „Es ist das Pfand unserer Liebe.“ Als der dritte Tag anbrach, griffen die Frauen zur Knochenklinge und taten, was die Sterbende verlangt hatte. Sie retteten das Ungeborene, ohne Pepe zu schonen, und gaben ihm den Namen Poiti ‘e mai ha‘a atua – „das vergöttlichte Kind“.

Keiner wusste, was in diesen schweren Stunden in Manuiota‘a vorging. Versteinert stand er bei seiner sterbenden Frau. Irgendwann verließ er wortlos das Haus. Ziellos stolperte er durch die Nacht. Er haderte mit seinem Schutzgeist und verzweifelte an der Qual in seinem Herzen. Das Licht, die Wärme seines Lebens waren erloschen. Der Morgen graute, als er den Steinbruch erreichte und in seiner Hütte in einen von Albträumen geplagten Schlaf fiel. Er wünschte, dass ihm der kava-Rausch helfe, nie mehr zu erwachen.

Pepe wurde auf dem Begräbnisplatz der höchsten Würdenträger des Stammes beigesetzt. Die eigentliche Totenhütte war sehr einfach und in dichtem Gebüsch verborgen. Drinnen in der Hütte stand der mit tapa umwickelte kanuförmige Sarg, in dem die tote tau‘a Pepe ihre letzte Ruhe gefunden hatte. Die Trommeln und der Chorgesang der Priester hallten weit über den mit tapa-Fähnchen und Pandanusgirlanden geschmückten Totenhain, auf dessen Boden zahlreiche Opferspenden wie Fische, Schweinekiefer, tapa-Rollen, Kokosnüsse, Kalebassen und Früchte lagen.

Als Manuiota‘a nach vielen Stunden wieder zu sich kam und aus der Hütte trat, empfing ihn ein neuer Tag, dessen blinkende Lichter und huschende Schatten sich golden, rosa, blau und silbern im Meer spiegelten. Daraus entschwebte ein prächtiger Schmetterling, der sich zutraulich, voll Anmut, auf Manuiota‘as Schultern niederließ, so als wäre das schon immer sein Platz gewesen. Aus dem hawaiki war Pepes Schutzgeist zu ihm zurückgekehrt. Ein innerer Zwang ließ ihn nach seinen scharfkantigen Steinwerkzeugen greifen. Bevor er begann, den Leib, den Kopf und dann die Gliedmaßen seiner sterbenden Frau und des ungeborenen Kindes aus dem Stein zu hauen, bat er die Gottheiten, ihm geduldig die Hände zu führen. Manuiota‘a arbeitete verbissen, ohne Rast und Ruhe. Nach vier Monden war sein großartigstes Meisterwerk vollendet, in das er seine Pein und Not über den ihm unfassbaren Tod seiner geliebten Pepe gemeißelt hatte.

Es war eine traurige Prozession, als er mit seinen Freunden, begleitet von dumpfen Trommelschlägen, die Skulptur von Pepe nach Te I‘ipona brachte, wo sie ihren Platz inmitten der Gottheiten des na‘iki-Stammes fand.

„Am Ende jeder Nacht wird der Tag geboren.

Etua hat mir das Leben wiedergeschenkt.

In mir wohnt eine stille, einfache Freude.

Sie liegt in der nie endenden Liebe zu Dir, meiner geliebten Pepe.

A pae du Sonne, du helles Licht des Tages, du Zauberin der Nächte.

Schweigen füllt wieder die schlafende Hütte.“

Die Welt der ‘Enana

Geografischer Lebensraum

Der marquesanische Archipel gehört zu Französisch-Polynesien und genießt als französisches Überseeterritorium eine beschränkte Selbstverwaltung. Zusammen mit den Austral-, den Gambier-, den Gesellschafts- und den Tuamotu-Inseln sind sie die am weitesten von den umliegenden Kontinenten entfernten Inselgruppen. Bis nach Australien im Westen und nach Peru im Osten erstrecken sich die Wasserflächen des Pazifiks über 6.000 Kilometer. Mit ihrer Lage zwischen dem 7. und dem 11. Grad südlicher Breite und dem 138. und 141. Grad westlicher Länge liegen die Marquesas innerhalb von Französisch-Polynesien am nördlichsten.

Der kalte Humboldt-Strom, welcher von Südamerika auf die Inseln zusteuert, verhindert das Wachstum von Korallen. Dadurch bilden sich nicht wie an anderen Stellen des Pazifiks Lagunen, sondern es dominieren Küsten mit steil abfallenden Felsklippen von bis zu 300 Metern Höhe, durchbrochen von Schluchten und engen Tälern. An deren Ausläufern befinden sich schmale Ebenen, wo sich die Menschen niederließen.

Die Inselgruppe besteht aus insgesamt 12 Inseln, die sich abrupt aus der Einöde des Pazifiks, bis zu einer Höhe von 1.200 Metern erheben. Von diesen Eilanden sind sechs besiedelt, die sich in eine südöstliche Gruppe mit Hiva Oa (Hauptinsel), Fatu Iva und Tahuata, und in eine nordwestliche Gruppe mit Nuku Hiva (Hauptinsel und Sitz der Verwaltung), Ua Pou und Ua Huka aufteilen. Sie alle bedecken eine Landfläche von etwa 1.300 Quadratkilometern. Entstanden in den ozeanischen Tiefen sind die Inseln vulkanischen Ursprungs, mit Fundamenten, die bis zu 4.000 Meter unter dem Meeresspiegel liegen. Ihr Alter wird zwischen 1,25 Millionen Jahre (südöstliche Gruppe) und 7 Millionen Jahre (nordwestliche Gruppe) geschätzt.

Es herrscht ein subtropisches Klima, das sich gebietsweise durch die unterschiedlichen topographischen Verhältnisse ändert und zu periodischen Dürren führt, die oft Jahre dauern können. Diese Umweltfaktoren beeinflussten seit jeher die marquesanische Lebensweise. Die Inseln zählen zu den niederschlagsärmsten in ganz Polynesien, bewegt sich doch die jährliche Niederschlagsmenge lediglich zwischen 1.000 und 3.000mm. Die regenreichste Zeit dauert von Juni bis August. Bei einer Durchschnittstemperatur von 26 Grad Celsius liegt die mittlere Luftfeuchtigkeit bei 80 Prozent, ist aber jahreszeitlichen Veränderungen unterworfen.

Aufgrund der isolierten Lage in der Mitte des Pazifiks und infolge der großen Entfernungen zu den kontinentalen Landmassen haben Klima und Wind den Inseln eine Entwicklung in relativer Isolation beschert, was vor allem Flora und Fauna zugute kam.

Nur noch für wenige der ursprünglichen Pflanzenarten besteht eine sichere Existenz. Der Rest ist vom Aussterben bedroht, falls keine effektiven Schutzmassnahmen ergriffen werden. Eine intakte Urflora findet sich nur noch auf den Höhen unzugänglicher Klippen und Felsformationen. Ursache für das Aussterben sind unter anderem die Nutzpflanzungen für Kopra, Baumwolle und Nonifrüchte, sowie die schnellwachsenden Fichtenwälder, oder die in Planung befindlichen Rebberge, die rein wirtschaftlichen Zwecken dienen und eine verheerende Wirkung auf die einheimische Pflanzenwelt ausüben. Selbst die Bananen, die zu den Urgewächsen der Inseln zählen, sind durch ein eingeschlepptes Virus stark gefährdet. Ein etwas rücksichtsloser Strassenbau manifestiert sich vielerorts durch breite, in den Urwald geschlagene Schneisen, was wiederum die Erosion der Landschaft beschleunigt.

Zu den heimischen Tierarten zählen lediglich kleine Reptilien wie Eidechsen und Geckos, sowie Vögel und zahlreiche Insekten. Pferde, Ziegen, Hunde und Rinder kamen mit den Einwanderern und ziehen längst verwildert und unkontrolliert über die Inseln. Sie beeinflussen Flora und Fauna auf höchst negative Weise. Ungeklärte Abwässer, welche in die Buchten fließen, stellen zudem eine Gefahr für die Meeresfauna dar.

Pflanzen, Fische, Muscheln, Vögel und Insekten, alle hatten einst ihren festen Platz im Leben der Inselbevölkerung. Ihre Gefährlichkeit für den Menschen, ihre Eigenheiten und die vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten waren allgemein bekannt und geschätzt. Man gab ihnen Namen oder ordnete ihnen symbolische Bilder zu, welche die Bewohner oft als Tatauierung auf ihrem Körper trugen.

Die Kenntnisse der eigenen Welt, weitergegeben über Generationen, bescherten dem Inselvolk einst eine hohe Kultur, bei der die Anpassung an die Umgebung eine lebenswichtige Notwendigkeit darstellte. Die Zeiten haben sich geändert. Der Eigennutz überwiegt. Natur und Kultur gehen nicht mehr Hand in Hand, sondern bekämpfen sich gegenseitig, und dies wird früher oder später auch auf diesem an Naturschönheiten reich gesegneten Archipel nicht wiedergutzumachende Schäden zur Folge haben.

Kulturelle Entwicklung von den Anfängen bis zur Gegenwart

Besiedlung der Inseln – Ursprung der marquesanischen Kultur

Als sich die Kontinente von jenem unförmigen Urkontinent getrennt hatten, der am Anfang den Planeten Erde bedeckte, lagen Asien, Amerika, Australien und die Antarktis in einer riesigen leeren Wasserwüste, die über ein Drittel der Erdoberfläche bedeckte und größer war als alle anderen Meere zusammen. Doch im Erdinneren rumorte es weiter. Hot-Spot-Vulkane schleuderten mit ungeheuerlicher Gewalt immer weitere Lavamassen an die Oberfläche, die in kolossalen Explosionen zerbarsten. Basalt türmte sich über Basalt. Unzählige Inseln wurden geboren, die im Laufe von Jahrmillionen den großen Pazifik besprenkelten. Zu ihnen gehörten auch die Marquesas-Inseln.

Zuerst nur dampfende, stinkende Felskolosse, wurden diese Inseln später von Vögeln bevölkert. Der Wind brachte Samen, deren Keime Wurzeln in die steinige Erde bohrten. Es entstanden grüne Eilande, die über Jahrtausende unentdeckt inmitten der Einöde der Meereswüste schlummerten. Ungefähr 300 v. Chr. wurden der Gesang der Vögel und die Melodie der Brandung von einem anderen Geräusch unterbrochen: durch die Stimmen von Menschen. Die Einwanderer sprachen austronesisch und kamen von dem weit entfernten Fiji/Tonga-Archipel1 im Westen. Sie brachten nicht nur Pflanzen, Tiere und Geräte aller Art mit, sondern auch Töpferwaren, deren Funde Jahrhunderte später den Beweis für diese Besiedlungstheorie liefern sollten. Auf dem heißen, von Stechmücken verseuchten Strand von Ha‘atuatua auf der Insel Nuku Hiva entdeckte 1957 der amerikanische Archäologe Robert C. Suggs eine Fundstätte: ein Dorf mit Kultplatz und Friedhof. Dort stiess er auf Tonscherben, die sich auf 125 v.Chr. datieren liessen und zur gleichen Gruppe gehörten, die man auf Fiji, anderen westpolynesischen Inseln und in Melanesien gefunden hatte. Aufgrund dieser Entdeckungen stand für Robert C. Suggs fest, dass die Marquesas-Inseln vom Westen her besiedelt wurden und dass die Einwanderer, die sich ‘enana nannten, zum letzten Zweig der Lapita-Seefahrer gehörten.

Ha'atuatua (Nuku Hiva)

Wer waren diese Lapita-Seefahrer? 1952 entdeckte der amerikanische Archäologe Edward W. Gifford von der California-Universität Berkeley in Neukaledonien an einem Strand, auf der Halbinsel Foue, den die Eingeborenen „Lapita“ nennen, reichverzierte Tonscherben, die mit der C14 Radiokarbonmethode auf sensationelle 846 Jahre v. Chr. datiert wurden. Die Tonscherben vom Strand von Lapita stellten nicht nur eine archäologische Sensation dar, sie gaben auch der kühnsten Völkerwanderung aller Zeiten den Namen: Lapita-Kultur. Der Ausgangspunkt dieser Kultur ortete man ca 2.000 v. Ch. in Melanesien/Ostindonesien. Für ihre Entdeckungsfahrten benutzten die Lapita-Seefahrer Ausleger- und Doppelkanus mit Mattensegeln und einer Plattform, auf der Menschen und Tiere sowie Handelsgüter Platz fanden. Auf dem Weg nach Osten wurden von diesen frühen Seefahrern immer neue unbewohnte Inseln entdeckt und besiedelt. Die Menschen ließen sich in der Nähe fischreicher Lagunen nieder, lebten in Pfahldörfern und betrieben regen Handel. Ihre Handelswege konnten die Forscher über Strecken von mehr als 2.600 Kilometern zurückverfolgen. Als gefragteste Handelsware galt unter anderem die reich verzierte Keramik, die man heute als die Visitenkarte der Lapita-Menschen bezeichnet.

Lapita Keramik

Henua ‘enana, das „Land der Männer“, wie ihre Heimat noch heute von den Marquesanern genannt wird, war entdeckt. Einige der Nomaden des Windes blieben und wurden heimisch, andere zog es wieder aufs Meer hinaus, hin zu noch ferneren Inseln. Sie besiedelten schließlich auch die Außenposten des riesigen polynesischen Dreiecks: die Osterinsel, die Inseln Hawai‘is und nach einer langen Reise auch Neuseeland.

Die Bevölkerung vermehrte sich rasch, so dass die Menschen von den Stränden in die Seitentäler ausweichen mussten, wo sie neue Stämme gründeten. Jedem Stamm stand ein haka‘iki, ein Häuptling, vor, der aufgrund seiner Genealogie gewählt wurde, die oft mehr als einhundert Generationen zurückreichte. Dieser regelte die Geschicke der Gemeinschaft auf dem Stammplatz (tohua), wo auch das Häuptlingshaus stand. Daneben besaß jeder Stamm verschiedene Kultplätze (me‘ae), zu denen nur Priester Zutritt hatten. Auf diesen Plätzen fanden die ungezügelten Feste zu Ehren verschiedener Gottheiten statt, die größtenteils aus der dunklen Vergangenheit der Lapita-Völker stammten.

Die ‘enana, die der Romanautor Herman Melville als „seltsame und barbarische Geschöpfe“ bezeichnete, lebten bis zu ihrer Entdeckung durch die Weißen in völliger Isolation. Die fruchtbaren Täler waren so dicht besiedelt, dass das Land immer knapper wurde, was die Zunahme von Aggressionen unter den Stämmen förderte. Landnahme, Grenzverletzungen oder auch nur die Bemerkung eines Häuptlings, welche eine Spur von Verachtung enthielt, reichten aus, einen Kriegszug auszulösen.

Erster Kontakt mit Fremden

Existenzbedrohend zu verändern begann sich das Leben auf den Inseln aber erst ab dem Jahr 1595, nach der Entdeckung der südöstlichen Inseln (Tahuata, Hiva Oa, Fatu Iva) durch den Spanier Don Alvaro de Mendaña. Dieser befand sich mit vier gut ausgerüsteten Schiffen und einer Vielzahl Familienmitglieder auf seiner zweiten Fahrt zu den Salomon-Inseln, wo er als selbsternannter König sein eigenes Reich gründen wollte. Aus welchem Grund auch immer hatte ihn aber die Navigation im Stich gelassen, so dass er zunächst auf der Insel Fatu Iva und dann auf Tahuata landete. Der folgende Bericht über die Landung Mendañas entstammt der Feder des Portugiesen Pedro Fernandez de Quiros, Lotse und Navigator der Armada. Zusammengefasst und kommentiert vom deutschen Völkerkundler Karl von den Steinen.2

In aller Kürze der Verlauf. Am Abend des 21. Juli kommt Fatuiva in Sicht. Man glaubt sich schon am Ziel der Reise. Alles kniet nieder und singt Tedeum laudamus. Am 22., St. Magdalenentag, Anfahrt von siebzig Einbäumen mit etwa vierhundert auffallend großen, schönen (ein Knabe darunter mit wahrem „Engelsantlitz“), völlig nackten, doch am ganzen Körper tatauierten Indios, Besuch an Bord, Austausch von Geschenken, freudiges Umhertanzen – dann aber mit Diebereien und dem Hader darüber beginnend in raschester Szenenfolge die typische Tragödie. Schüsse, überstürzte Flucht, Schwimmende, Rudernde, Muschelblasen, lautes Schreien, Rückkehr in sinnlos kühnem Angriff, – bald siegten Musketen und Säbel über Schleuder und Speer. Ein wildblickender Alter mit langem, wohlgepflegtem Bart, den ein Palmblattsonnenschirm als den Häuptling kennzeichnet, fällt nebst sieben oder acht anderen; glücklicherweise ist das Pulver feucht vom Regen. Der Adelantado segelt mit seinen vier Schiffen auf hohe See, vergeblich folgen ihm eine Strecke lang drei Eingeborene in ihrem Kanu, mit einem grünen Zweig und „etwas Weißem“ winkend und einige Kokosnüsse auswerfend.

An dem unbewohnten Mohutane, an dem stark bevölkerten Hivaoa vorüber; in Tahuata wird nach längerem Suchen und vorübergehendem Landen, was wieder etliche Indios das Leben kostet, an der Westküste ein geeigneter Hafen gefunden: Vaitahu oder „Madre de Dios“ am 27. Juli, die Flotte geht vor Anker. Am Tag darauf begibt sich der Adelantado mit seiner Gemahlin Doña Isabel an Land, und der Vikar hält die erste feierliche Messe, während auch die Indios friedfertig niederknien und alles machen, was sie die Christianos machen sehen. Der General nahm im Namen Seiner Majestät Besitz von allen vier Inseln, hielt einen Umzug unter Trommelklang durch das Dorf, säte Mais vor den Indios, unterhielt sich mit ihnen nach Möglichkeit und ging an Bord. Er ließ aber als Besatzung alle seine Kriegsleute zurück. Sie gerieten sofort untereinander in Streit. Die Eingeborenen mischten sich ein, mußten mit ihren Frauen und Kindern fliehen und retteten sich durch den Bergwald auf die steilen Höhen, wo sie sich verschanzten. Frieden Suchende wurden im Hafen mit Salven empfangen.

Die ganze Schilderung ist sehr unerquicklich; der Plan, eine kleine Kolonie zurückzulassen, scheiterte. Quiros, der die Grausamkeiten streng verurteilt und ausdrücklich die gastliche Aufnahme durch die Indios rühmt, schätzt die Zahl der Getöteten auf zweihundert.

Bevor die Spanier am 5. August Tahuata verliessen, schenkte Mendaña seinem Freund, dem Vizekönig von Peru namens Marqués de Cañete Don Andres Garcia de Hurtado de Mendoza, den entdeckten Archipel, was zum komplizierten „Las Islas Marquesas de Mendoza y Cañete“ oder „Die Marquesas“ führte. Leider blieb dieser unglückliche Name bis heute als offizielle Bezeichnung erhalten, wogegen in der Bevölkerung das traditionelle henua ‘enana (Land der Männer) oder einfach nur ‘enana (Männer) weiterlebt, das aus der austronesischen Urkultur stammt.3

Nach diesem für die ‘enana höchst schicksalhaften ersten Kontakt mit den Weißen versanken die Inseln wieder in ihre Isolation, bis 200 Jahre später, 1774, der englische Kapitän James Cook, dem Kielwasser Mendañas folgend, vor der Insel Tahuata in der „Bucht der Gottesmutter“ den Anker setzte. Doch die Insel war für Cook eine herbe Enttäuschung. Sie erschien ihm wie ein Zerrbild des reichen Tahiti, an das äußerlich so vieles erinnerte: die hohen Berge, die Tier- und Pflanzenwelt, die Bewohner, die Sprache. Nur mit Mühe kam ein Kontakt mit den Inselbewohnern zustande, da ein jähzorniger Offizier kurz nach der Ankerung einen vermeintlich diebischen Kanu-Insassen erschoss. Die Forschungsergebnisse von Cook sind dementsprechend mager. Es gibt nur wenige Skizzen seines Zeichners William Hodges und auch die Ausbeute an Artefakten war gering. Erwähnenswert bleiben lediglich eine Schleuder und ein Halsschmuck, die man Cook als Geschenke überreicht hatte, damit dieser die Inseln möglichst schnell wieder verlasse – was auch geschah, denn nach nur vier Tagen hisste Cook die Segel, um ins zivilisiertere Tahiti zurückzukehren.

Die Nordwestgruppe des Archipels (Nuku Hiva, Ua Pou, Ua Huka) blieb nach offizieller Geschichtsschreibung weiter „unentdeckt“. Verschiedene Indizien sprechen allerdings dagegen, wie der Fund einer spanischen Münze aus der Zeit Kaiser Karls V. (1500–1558) in Taioha‘e auf Nuku Hiva. Dennoch gilt 1791 offiziell als das Entdeckungsjahr der Nordwestgruppe. Im Mai desselben Jahres segelte der Amerikaner Joseph Ingraham auf dem Weg nach China an den Inseln vorüber. Ohne dass er eine betrat, versah er sie mit amerikanischen Namen: Adam (Ua Pou), Washington (Ua Huka), Federal (Nuku Hiva), Knox (Eiao).

Kurz nach Ingraham befand sich auch der Franzose Etienne Marchand auf dem Weg zu den Inseln, wo er zuerst in Vaitahu auf Tahuata an Land ging. Marchand gehörte zu den Jüngern des französischen Philosophen Jean-Jacques Rousseau und verliebte sich spontan in die „Naturmenschen“, ganz im Gegensatz zu den früheren Besuchern Mendaña und Cook. Letzterer war mit „tute, puhi, mate“ – „Cook, Flinten, tot“ trefflich in Erinnerung geblieben. Marchand und seine Begleiter brachten den Insulanern echtes menschliches Wohlwollen entgegen und fanden nur gute Worte für deren Gastfreundschaft und Friedfertigkeit. Großzügig tolerierten sie die Diebereien der „Naturkinder“, obwohl diese alles stahlen, was aus Eisen war, sogar die Flinte von der Schulter des Kapitäns.

Eines Abends erblickte ein Besatzungsmitglied am nordwestlichen Horizont eine der spitzen Felsnadeln von Ua Pou. Als sich dies anderntags wiederholte, beschloss Marchand, in Richtung dieser Insel aufzubrechen. Das Schiff unter Kapitän Masse ging zunächst in der Bucht von Vai‘ehu an der Westküste von Ua Pou vor Anker, wo ein freundlicher Tauschverkehr stattfand. Marchand selbst ließ sich am nächsten Tag drei Stunden durch das stürmische Meer in die Bucht von Hakahau rudern, die er in „Baie de possession“ umtaufte, um im Namen Ludwigs des XVI. von der Insel Besitz zu ergreifen. Gemäß Marchands eigener Beschreibung waren die Menschen zurückhaltender als auf Tahuata, lebten wie in einem „goldenen Zeitalter“: arglos, friedlich, gutmütig und ohne Scham. Marchand schwärmte von der Schönheit der Menschen, auch von ihren Tatauierungen, die sich von denen auf Tahuata unterschieden. Frauen wie Männer waren meist nackt oder trugen einen kurzen tapa-Schurz.

Marchands Aufenthalt dauerte nur drei Tage. Bevor das Schiff wieder in See stach, verteilte man unter den Einheimischen französisches Geld, Nägel, Angeln und Spiegel, was mit großem Beifall belohnt wurde, der auch dem dreimaligen Ruf „Vive le Roi“ zugute kam, mit dem sich Marchand und seine Mannschaft lautstark von Ua Pou verabschiedeten. Leider konnte sich Ludwig XVI. nur kurze Zeit an diesem Geschenk erfreuen, denn nicht lange danach wurde er gefangen gesetzt. Ua Pou war zur „Île Marchand“ geworden. Nuku Hiva, 14 Seemeilen von Ua Pou entfernt, sollte als „Île Baux“ den Namen der Reederei von Marseille in die Nachwelt tragen. Die übrigen Eilande, mit Ausnahme von Ua Huka, das sich den Blicken entzogen hatte, erhielten eine französische Ferntaufe.

Als Marchand später in Macao ankerte, wurde sein Chirurg von einem kranken Amerikaner in Anspruch genommen. Es war ausgerechnet Joseph Ingraham, der, wie die Unterhaltung ergab, die Inseln einen Monat früher entdeckt hatte. Sein Vorzugsrecht ist zwar fadenscheinig, aber historisch dennoch unanfechtbar. Dessen ungeachtet gilt in der französischen Geschichtsschreibung Etienne Marchand als Entdecker der Nordwestgruppe. Obwohl er nur Ua Pou betreten hat, markieren Gedenksteine auf Nuku Hiva, wie auf Ua Huka die Landnahme durch den Franzosen.

Die ersten verbindlichen Daten zur Ethnographie lieferten jene Wissenschaftler, die an der russischen Weltumseglung 1803–06 unter dem Kommando von Johann Adam von Krusenstern teilnahmen. Im Frühsommer des Jahres 1804 landeten die beiden Schiffe „Nadeshda“ und „Neva“ auf dem Achipel. Zu den Wissenschaftlern der Krusenstern-Expedition gehörten unter anderem die beiden deutschen Naturforscher Georg Heinrich von Langsdorff und Wilhelm Gottfried Tilesius von Tilenau, sowie der Schweizer Astronom Johann Caspar Horner. Während der verhältnismäßig kurzen Zeit von neun Tagen fertigten sie eine Vielzahl an detailgetreuen Beschreibungen und llustrationen des Alltagslebens an, sowie auch Zeichnungen der körperdeckend tatauierten Mitgliedern der Häuptlingsfamilie Kätänuäh (Kiatonui), die an der Bucht von Taioha‘e angesiedelt war.

Häuptling Kätänuäh (Kiatonui) ( Löwenstern, 1804)

Von 1804 bis 1813 erlebte Nuku Hiva dann eine der schwersten Dürreperioden aller Zeiten. Was zu katastrophalen Hungersnöten führte, in deren Folge es zu besonders grausamen kannibalistischen Jagden kam. Als der amerikanische Kapitän David Porter 1813 mit der Fregatte „Essex“ und einer Flotille von englischen Prisen in der Bucht von Taioha‘e auf Nuku Hiva einlief, beherrschte dieser Fehdezustand immer noch die Täler. Zur Sicherheit seiner eigenen Truppe errichtete Porter im Hakapehi-Tal das Fort „Madisonville“, benannt zu Ehren des damaligen amerikanischen Präsidenten James Madison.

Porter beendete zwar den Krieg zwischen den verfeindeten Stämmen te‘i‘i und ha‘apa‘a, verstrickte sich dabei aber selbst in heftige Kämpfe mit den taipis, die er insgeheim wegen ihrer unerschrockenen Tapferkeit bewunderte. Porters Berichte in seinem „Journal of a Cruise“ sind reich an Erlebnissen und aufschlussreichen Beobachtungen und ergänzen die Ausführungen von Georg Heinrich von Langsdorff und die der anderen Wissenschaftler der Krusenstern-Expedition. Zu den Verdiensten Porters zählt auch die erste Volkszählung auf Nuku Hiva, die 19.200 Krieger ergab, was die Schlussfolgerung zulässt, dass Anfang des 19. Jahrhunderts etwa 35.000 Menschen auf der Insel lebten. Aufgrund dieser Zahlen errechnete Robert C. Suggs eine Gesamtbevölkerung von 100.000 Menschen. Heute geht man sogar davon aus, dass es 120.000 waren.

Okkupation und ihre Folgen

Die Vorhut der Okkupation bildeten sicherlich die desertierten Matrosen der Walfängerschiffe, die sich Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts auf fast allen Inseln niederließen. Zu ihnen zählten brutale Hasardeure und Eroberer, die im Besitz von Flinten und Munition ganze Stämme unterwarfen. Es dauerte nicht lange, bis das bisher übliche Kriegsgerät, wie Keulen, Speere und Schleudern, durch Feuerwaffen ersetzt wurden. Viele der Deserteure huldigten zudem schamlos der Vielweiberei, der Trunkenheit und anderen Schandtaten, wobei die ‘enana in allem gelehrige Schüler waren. Die Sexualität, mit der man bislang unbeschwert und ohne Zwänge umgegangen war, artete zu einer gastlichen Prostitution aus, die von den Familien gewinnträchtig ausgenutzt wurde. Geschlechts- und andere bis dahin unbekannte Krankheiten griffen in rascher Folge um sich.

Allerdings sollte zu Ehren der „Beachcombers“ gesagt sein, dass es unter ihnen auch eine ganze Anzahl harmloser und gutartiger Menschen gab, die sich vor allem als Dolmetscher zwischen den Kapitänen der verschiedenen Schiffe, den Missionaren und den Einheimischen bewährten. Von ihnen profitierten die Teilnehmer der Krusenstern-Expedition, sowie Kapitän David Porter. Sie alle gaben unumwunden zu, dass sie ohne die Hilfe dieser Dolmetscher vom Alltagsleben und den Gebräuchen der Eingeborenen so gut wie nichts erfahren hätten.

1838 brachte der französische Admiral Abel Dupetit-Thouars neben dem Militär auch die ersten katholischen Missionare nach Vaitahu auf Tahuata. Weil sich die Missionare mehr vor der Gewaltherrschaft der Deserteure als vor den „Wilden“ fürchteten, nahmen sie gerne den angebotenen Schutz der Franzosen an, unter den sich auch die Inselbewohner stellten. Die Soldaten schienen das kleinere Übel zu sein. Allerdings dauerte es nicht lange, bis die Stammeshäuptlinge erkannten, dass man den Teufel mit dem Belzebub ausgetrieben hatte. Zwei Begebenheiten verdeutlichen, mit welch geringschätziger Anmaßung die fremden Schutzherren ans Werk gingen.

Iotete, der mächtige Stammesführer der Insel Tahuata, war ein Häuptling der traditionellen Art: stolz, mutig, unbeugsam und an den absoluten Respekt gewöhnt, der ihm aufgrund seiner eindrucksvollen Genealogie zustand. Nach langen Beratungen mit dem tuhuka ‘o‘oko (Oberpriester) des Stammes hatte er den Franzosen die Erlaubnis gewährt, ein Lager und später eine Festung auf einem Hügel in der Mitte des Strandes zu errichten. Unverständliche Regeln, Gesetze und Verbote bestimmten von da an das Leben der Stammesgemeinschaft.

Trotz wiederholter Drohgebärden sah Iotete seine Macht immer mehr schwinden und bald musste er einsehen, dass er keinen Einfluss mehr gegenüber der Besatzungsmacht geltend machen konnte. Sein Gegenspieler, der Kommandant der französischen Truppe, Fregattenkapitän Halley, war ein harter, unbeugsamer Mann. Er zeigte unmissverständlich, wer das Sagen hatte, unterstützt von genügend Gewehren und Kanonen. Dennoch kam es zu einer heftigen Konfrontation zwischen den verfeindeten Lagern. Ein Krieger des Stammes hatte einen Spanier, der im Dienste der Franzosen stand, verspottet und bedroht. Halley, der keinen Widerstand duldete, befahl Iotete, den Krieger zur Bestrafung den Franzosen zu übergeben. Zwar gab es von Seiten Iotetes mehrere Entschuldigungen, doch den Krieger lieferte er nicht aus.

Erzürnt ob dieser Widerspenstigkeit ließ Halley Iotetes Sohn Tima‘u, den Erstgeborenen und zukünftigen Häuptling, als Geisel festnehmen und auf ein Schiff transportieren, das ihn auf die Insel Nuku Hiva bringen sollte. Während der Fahrt dorthin wurde der Befehl erteilt, dem jungen Mann den Kopf zu scheren. Man wusste, dass dies die schlimmste Erniedrigung für einen ‘enana bedeutete, weil der Kopf als Sitz der überirdischen Kraft (mana) galt. Weinend lag der Junge auf dem Deck und konnte sich des Spottes nicht erwehren, der ihn zusätzlich erniedrigte. Durch das Rasiermesser eines französischen Matrosen war ein junges, hoffnungsvolles Leben zerstört worden, denn Tima‘u konnte nie mehr zu seiner Familie und seinem Stamm zurückkehren. Iotete, der Häuptling, verschwand nach diesem Vorfall aus dem Vaitahu-Tal und mit ihm der ganze Stamm. Die französischen Herren blieben allein in ihrer Festung zurück.

Verständlicherweise konnte Halley mit seinem unversöhnlichen Starrsinn diesen weiteren Widerstand nicht tolerieren, zumal er auf die Dienste der ‘enana angewiesen war, die sein Heerlager mit den lebensnotwendigen Dingen, wie Schweine, Bananen, Brotfrucht und andere Lebensmitteln, zu versorgen hatten. Demzufolge erklärte er Iotete und dessen Stamm offiziell den Krieg. Eine Strafexpedition wurde zusammengestellt, um den Häuptling gefangen zu nehmen. Kurz hinter dem Dorf Vaitahu wurden die Soldaten von Kriegern Iotetes angehalten und gewarnt: „Tapu! Verboten! Bleibt weg!“ Halley ignorierte diese Warnung und zog mit seiner Gefolgschaft weiter, die prompt in einen Hinterhalt geriet. Zu den Ersten, die getötet wurden, zählten Halley und sein Adjutant, durchsiebt von Kugeln aus dem eigenen Besitz. Die ‘enana und die Franzosen befanden sich endgültig im Krieg. Es war vorhersehbar, dass gegen die Übermacht der kolonialen Infanterie und Artillerie, die Stammeskrieger den Kampf am Ende verloren. Zu den Gefangenen zählte der Neffe Iotetes, Mahe‘ono, der an Stelle des verschwundenen Iotete zum Häuptling ernannt worden war. Dieser musste auf den Knien dem französischen Kommandanten seine Loyalität gegenüber den Besatzern geloben. Es verwundert nicht, dass Mahe‘ono schon nach kurzer Zeit das Weite suchte und wie Iotete nie mehr gesehen wurde. Nach diesem Vorfall blieb Vaitahu für Jahrzehnte unbewohnt.

Anders liefen die Ereignisse in Taioha‘e, dem Hauptort von Nuku Hiva ab, wo nach dem Tod des geachteten Häuptlings Kiatonui vom Stamm der te‘i‘i niemand fähig war, die ständig neu aufflackernden Stammesfehden zu beenden. Erst seinem Enkel Te Moana traute man diese Aufgabe zu. Durch seine Abstammung und den Respekt, den seine Familie genoss, schien er die besten Voraussetzungen mitzubringen, zwischen den verfeindeten Stämmen Frieden zu stiften. Aber das Gegenteil war der Fall. Der Knabe wurde das Opfer rivalisierender Parteien und musste schließlich das Land auf einem Handelsschiff verlassen, wo er angeblich als Küchenjunge Verwendung fand. Nach der Schilderung des britischen Kapitäns war Te Moana von unvorteilhaftem Äußeren, feig, rachsüchtig und von schwachem Charakter. In England gab man sich dann einige Mühe, den tatauierten Wilden zu „zivilisieren“, um ihn in einem Kabarett gegen Eintrittsgeld auftreten zu lassen. Er floh und genoss seine weitere Erziehung an Bord von Walfängern. Im Jahr 1839 brachte ihn ein Missionar namens Thompson, der ihn in Samoa aufgegriffen hatte, nach Nuku Hiva zurück. Dort wurde er aufgrund seiner Abstammung zwar zum Häuptling erhoben, doch fehlte ihm vom ersten Moment an die Anerkennung der Inselbewohner, ja man trachtete ganz unverhohlen nach seinem Leben – nicht zuletzt deshalb, weil er sich immer mehr in den Dienst der Franzosen stellte.

Der Kommandant von Taioha‘e, Kapitän Collet, war das Gegenteil jenes kompromisslosen Kapitän Halley von Vaitahu. Er blieb stets freundlich und verhielt sich respektvoll gegenüber den Einheimischen, vor allem gegenüber Te Moana. Um diesen noch enger an die französische Besatzungsmacht zu binden, gewährte er ihm eine Apanage von 2.000 Francs pro Jahr. Damit machte er sich Te Moana ein für allemal gefügig, denn dessen Konsum an Cognac, Absinth und anderen alkoholischen Getränken nahm in beängstigendem Maße zu. Dies hatte auch zur Folge, dass ihn seine schöne Frau Vaekehu verließ und wieder zu ihrem Stamm tai‘oa nach Hakaui zog, einem Tal an der Südwestspitze der Insel. Das hätte einen weiteren Stammeskrieg auslösen können, wäre nicht Collet sofort zur Stelle gewesen, um Vaekehu nach Taioha‘e zurückzuholen. Das ungleiche Paar war wieder vereint und wurde zum „König“ und zur „Königin“4 von Nuku Hiva gekürt.

Bei Admiral Abel Dupetit-Thouars’ zweitem Besuch wurde die Besitzergreifung des Archipels, im Namen des Königs Louis Philippe von Frankreich, am 1. Mai 1842 offiziell vollzogen. Anstelle der Porter-Festung erhob sich ein neues, Kapitän Collet anvertrautes und nach ihm benanntes Fort.

Zur gleichen Zeit, am 9. Juli 1842, desertierte Herman Melville mit seinem Freund Toby von Bord des „Whalers“ Acushnet. Er flüchtete ins Taipi-Tal und lebte dort etwa drei Wochen. Über seine Flucht und seine Zeit bei den taipi schrieb er seinen weltberühmten Roman „Typee“.

Trotz der Dominanz der Franzosen rumorte es auf Nuku Hiva weiter. So massakrierte 1845 in Taioha‘e ein Unterhäuptling namens Pakoko sechs französische Soldaten, weil sie seine Tochter vergewaltigt hatten. Bald darauf wurde Pakoko verraten, gefangen genommen und erschossen. Seine letzten Worte lauteten: Ferani tutae (Franzosen sind Scheiße).

Auch an anderen Orten im Archipel blieb der Widerstand gegen die Besatzungsmacht ungebrochen, besonders auf Ua Pou, wo der schon zu Lebzeiten als Gottheit verehrte Häuptling Heato, bis zu seinem Tod 1846, das Zepter schwang und wegen seiner Vorliebe für untatauierte Menschenopfer von Missionaren wie Soldaten gemieden wurde. Die, die es dennoch wagten, die Insel aufzusuchen, blieben nur kurze Zeit. Die Furcht vor dem despotischen Häuptling bescherte Ua Pou eine lange Zeit der Autonomie.

In den Jahren 1847/48 zog sich der französische Statthalter mit der Mehrheit seiner Beamten und Soldaten ins „artigere“ Pape‘ete auf Tahiti zurück. Die Gesellschaftsinseln gehörten seit 1843 ebenfalls zur Schutzmacht Frankreich. Eine kleine Garnison in Taioha‘e und einige Kriegsschiffe sollten auf den Inseln weiterhin für Ordnung sorgen, was die Stammeskriege prompt wieder ausbrechen ließ. Einer der Auslöser war einmal mehr Te Moana, der einen taipi-Krieger im Namen Frankreichs erschossen hatte. Der Stamm wehrte sich gegen diese Willkür, erfuhr aber durch die französischen Soldaten eine vernichtende Niederlage, was den endgültigen Zusammenbruch des einst so mächtigen taipi-Stammes bedeutete.

Drei Jahre später wurden die Inseln Ua Huka und Eiao sowie abgelegene Täler von Nuku Hiva zu Strafkolonien umfunktioniert. Zu den ersten dorthin Deportierten zählten auch Aufständische von der Insel Raiatea (Gesellschaftsinseln), die sich ebenfalls gegen die Gewaltherrschaft der Franzosen aufgelehnt hatten. Die Strafkolonien erwiesen sich auf die Dauer aber als unrentabel, weil der Unterhalt der Gefangenen, der unter anderem einen regelmäßigen Schiffsverkehr nach Ua Huka und Eiao erforderte, in keinem Verhältnis zum Erfolg ihrer „Umerziehung“ stand. Einigen der Verbannten gefiel es so gut, dass sie sogar freiwillig blieben. Ihre Nachkommen sind inzwischen überzeugte ‘enana.

1859 war das Jahr, in dem sich zum letzten Mal die noch nicht christianisierten Stämme des Hakaui-Tals auf Nuku Hiva unter Führung ihrer Priesterin Mataheva gegen den inzwischen zum neuen Glauben bekehrten te‘i‘i-Stamm aufbäumten. Mit schwerer Artillerie beendete ein französisches Kriegsschiff auch diesen Widerstand. Als Hinterlassenschaft dieses Vorfalls entdeckte 1956 Robert C. Suggs am Strand von Taioha‘e die Hälfte einer der zwölf Kilogramm schweren Kanonenkugeln, die dazu auserkoren waren, einen Haufen halbnackter Eingeborener zu vernichten und ihre Hütten zu zerstören.

Auch das Versprechen, die nach wie vor gewalttätig agierenden Deserteure von den Inseln zu verbannen, um die Insulaner vor ihnen zu schützen, wurde nur mangelhaft eingehalten. Man setzte zwar eine Kopf-Prämie von 50 Francs für jeden gefangenen Ganoven aus, was aber wenig Wirkung zeigte. Im Gegenteil, es kamen andere „Runaways“ hinzu, wie zum Beispiel entflohene Häftlinge aus den englischen Strafkolonien Australiens. Da die meisten über genügend Geldmittel verfügten, wurde ihnen sogar Land zum Kauf angeboten, das es auf den Inseln mehr als genug gab, zumal keine geregelten Besitzverhältnisse existierten. Solange sich die neuen Siedler an die Regeln der französischen Herren hielten, standen sie sogar in deren Gunst und konnten sich wie jene benehmen, die man zu vertreiben versprochen hatte.

Weil zu wenig Gendarmen und Soldaten auf den Inseln stationiert waren, blieben Hiva Oa, Fatu Iva und Ua Huka zunächst noch von den französischen Reglements verschont. Aber auch hier begann sich, wenn auch zeitlich verzögert, das Leben zu verändern und musste den neuen Kolonialgesetzen angepasst werden, die alles verboten, was nicht den christlichen Glaubensformen entsprach. Dies betraf nahezu das gesamte Alltagsleben der ‘enana: die Sprache, die Nacktheit, die Tatauierung, Feste und Tänze, der Blumenschmuck der Frauen, das Spielen der Bambusflöte, der Mundharfe und des Muschelhorns, auch das geliebte kava (gewonnen aus der Wurzel Piper methysticum) usw. Alle Übertretungen wurden mit Geldbußen geahndet, was die Bevölkerung, da sie selten bezahlen konnte und gern weitersündigte, stark verschuldete. Für jedes Fest bedurfte es zudem der Erlaubnis des Gendarmen. Wurde sie nicht eingeholt, stand ihm ein Drittel der Strafgelder zu. Die traditionellen Häuser auf den Hausplattformen verschwanden und wurden durch mit Wellblech gedeckte Hütten ersetzt. Mana und tapu, mit denen das Leben bislang geregelt worden war, verloren ihre Wirkung. Dementsprechend heftig griff die Anarchie um sich.

Doch der Dramen nicht genug. 1861 landeten südamerikanische Sklavenhändler, unter dem Namen „Blackbirder“ bekannt, in der Bucht von Anaho auf Nuku Hiva. Sie lockten die ahnungslosen ‘enana auf ihre Schiffe, wo das „erheiternde Feuerwasser“ bald die erhoffte Wirkung zeigte. Als die nichts Ahnenden aus ihrem Rausch erwachten, waren sie bereits Gefangene auf dem Weg zu den Guano-Inseln, die damals zu Peru5 gehörten. Dort wurden sie als Sklaven beim Abbau des Guanos6 eingesetzt. Mit Erfolg legte die französische Kolonialverwaltung Beschwerde bei der peruanischen Regierung ein, die veranlasste, dass die Verschleppten auf dem Schiff „Diamant“ wieder zurückgebracht wurden. Infiziert von der zu dieser Zeit an der südamerikanischen Küste grassierenden Pockenepidemie, erreichten die meisten nur noch sterbend ihre Heimat. In Taioha‘e wurden sie an Land gebracht und von ihren Familien nach Anaho, Hatiheu und Ha‘atuatua heimgeholt. Kurz darauf brach auf Nuku Hiva ebenfalls die Seuche aus, die sich in Windeseile über den ganzen Archipel ausbreitete. In nur drei Jahren raffte sie mehr als 60 Prozent der gesamten Bevölkerung dahin. Man vermutet, dass die Verluste die offiziellen Angaben der Regierung sogar noch weit übertrafen. Auch Te Moana verschwand 1863 von der Bühne Taioha‘es, nur waren es bei ihm nicht die Pocken, sondern der Alkohol oder auch ein Giftanschlag, die seinem Leben ein Ende setzten.

Im Jahre 1880 zwang Dupetit-Thouars’ Sohn Bergasse, ebenfalls Admiral, die übrig gebliebene Bevölkerung, sämtliche Waffen abzuliefern und sich gänzlich zu unterwerfen. An diesem letzten französischen Kriegszug beteiligten sich auch übergelaufene ‘enana, die von Stanislas Moanatini7 in den Kampf geführt wurden. Sie halfen mit, ihren geschundenen Landsleuten den letzten Rest an Würde zu rauben.

Infolge all dieser Vorkommnisse breitete sich eine immer größere Hoffnungslosigkeit unter den Menschen aus, die auch Robert Louis Stevenson auffiel, der mit seinem Segler „Casco“ auf dem Weg nach Samoa am 28. Juli 1888 auf Nuku Hiva einen Halt einschob. Die Geburten waren radikal zurückgegangen. Dafür bedeutete ein Sarg das höchste Gut, das jeder besitzen wollte, und die, die sich keinen leisten konnten, gruben ein Loch in die Erde und legten es mit Blättern aus, um darin auf den Tod zu warten. Das Leben im hawaiki (Jenseits) war verlockender geworden als jenes auf Erden. Diese Todessehnsucht wurde später durch einen weit verbreiteten Fatalismus abgelöst, der bis heute zu spüren ist.

In dieser Zeit ließen auch die Besuche der Walfänger nach. Dafür kamen Handelsschiffe und mit ihnen Händler und Einwanderer aus Amerika und Europa. Sie kauften bei den Franzosen Ländereien auf und begannen mit dem Anbau von Baumwolle, Kokosnüssen und Kaffee. Diese Erzeugnisse waren ausschließlich für den Export bestimmt. Zudem hatte sich bereits ein gut florierender Kunsthandel entwickelt, der mit Holzschnitzereien und Steinmetzarbeiten ebenfalls zur positiven Handelsbilanz – notabene der Fremden – beitrug. Die Geschäfte wurden vorwiegend über die Société commerciale de l’Océanie (SCO) mit Sitz in Hamburg abgeschlossen. Zu den eingeführten Waren zählten auch Kümmelschnaps und Absinth (apihana), die das inzwischen verbotene kava ersetzten. Einmal genossen, wollte niemand mehr darauf verzichten: „Du trinkst eine Flasche auf einmal aus, Du bleibst für drei Tage besoffen, mea kanahau (wunderbar)“ wurde zum Lebensinhalt. Opium, das stets ein Monopol der Chinesen8 blieb, stand ebenso hoch im Kurs. Kein Wunder, dass unter diesen Umständen Mord und Totschlag überhand nahmen und es zu barbarischen Ausschreitungen unter den Süchtigen kam.

1894 begann mit dem Schweden Hjalmar Stolpe und den beiden Deutschen Arthur Baessler und Karl von den Steinen „die Zeit der Völkerkundler“. Da die Marquesas-Inseln immer noch eine Lücke in der polynesischen Sammlung darstellten, beauftragte das Königliche Museum für Völkerkunde in Berlin Karl von den Steinen, diese zu schließen. 1897 gelangte er mit dem Segelschiff „City of Pape‘ete“ nach Nuku Hiva, wo er mit seinen Forschungen begann. Karl von den Steinen verbrachte ein halbes Jahr auf den Inseln. Seine Enttäuschung auf der nordwestlichen Inselgruppe Nuku Hiva, Ua Pou und Ua Huka, wo sich Walfänger, Besatzungen der Handels- und Kriegsschiffe, sowie wechselnde Beamte und Missionare an den Schätzen der alten Kultur rücksichtslos bedient hatten, war groß. So schrieb er in einem Brief vom 14. April 1898: „Es ist unglaublich wie rasch auf den Marquesas das Alte gestürzt wurde, sehr vieles was noch gewußt wird, wird nicht mehr verstanden.“ Dies spiegelt sich auch in der Beschreibung seiner melancholischen Wanderung durch die einst dicht besiedelten Täler von Taipi und Ha‘apa‘a. In Taipi, wo einst der mächtige taipi-Stamm zu Hause war, traf er auf nur noch wenige armselige Hütten, während es in Ha‘apa‘a, das 1813 noch 2.500 Krieger gestellt hatte, keine einzige Behausung mehr gab und das Schweigen des Waldes nur hier und da von krähenden Hähnen unterbrochen wurde. Dagegen blühte auf den Inseln der Südostgruppe – Hiva Oa, Tahuata und Fatu Iva – schon eine gut funktionierende Fremdenindustrie. Man bot bereits zu hohem Preis frisch gehauene tiki aus Stein an, die man angeblich versteckt auf einem Stammplatz (tohua) gefunden haben wollte. So blieb Karl von den Steinen nur die Nachlese, um derentwillen er alle sechs bewohnten Inseln und ihre einst dicht besiedelten Täler aufsuchte.

Auf Hiva Oa und Fatu Iva konnte er dennoch für das Berliner Museum einige Raritäten ersten Ranges erstehen, darunter einen vier Zentner schweren Opferkopf aus rötlichem Tuffstein, der mit einzigartiger Tatauierung versehen ist. Zur Sammlung gehörten zudem uralte Legenden, die in Generationen weitergegeben worden waren und die er mit Hilfe der wenigen noch lebenden tuhuka niederschrieb. Seine Hauptaufgabe sah Karl von den Steinen aber vor allem darin, den Geheimnissen der Tatauierungen und der ungewöhnlichen und rätselhaften Ornamentik nachzuspüren, die er in dieser Form nur in henua ‘enana angetroffen hatte. Die Untersuchungen darüber nahmen auch nach seiner Rückkehr noch viele Jahre in Anspruch. Die Ergebnisse hielt er in der Trilogie „Die Marquesaner und ihre Kunst“ fest.

Inselgeschichte ab dem 20. Jahrundert

1901 entschloss sich ein weiterer Europäer, henua ‘enana