Die Welt der Hedwig Courths-Mahler 676 - Ina Ritter - E-Book

Die Welt der Hedwig Courths-Mahler 676 E-Book

Ina Ritter

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Beschreibung

Während seines Urlaubs am Meer lernt der schwerreiche Unternehmer Arnold Langenkamp die reizende Birte von Hellwangen kennen. Die bildhübsche junge Dame schließt sein kleines Töchterchen sofort ins Herz.
Arnold selbst hat genug von den Frauen. Sie haben ihn oft genug zutiefst enttäuscht. An die Liebe glaubt der kühle Geschäftsmann schon längst nicht mehr. Dennoch bittet er Birte um ihre Hand. Die kleine Anke braucht eine Mutter, einen Menschen, der ihr Liebe und Vertrauen entgegenbringt. Ihm fehlt die Zeit dazu, sich intensiv mit dem Kind zu befassen.
Birte kämpft einen harten Kampf mit sich, doch schließlich stimmt sie dieser reinen Zweckgemeinschaft zu, die zudem noch mit einer faustdicken Lüge beginnt ...


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Inhalt

Cover

Tränen in zweiter Ehe

Vorschau

Impressum

Tränen in zweiter Ehe

Birte wusste nicht alles über ihren Mann

Während seines Urlaubs am Meer lernt der schwerreiche Unternehmer Arnold Langenkamp die reizende Birte von Hellwangen kennen. Die bildhübsche junge Dame schließt sein kleines Töchterchen sofort ins Herz.

Arnold selbst hat genug von den Frauen. Sie haben ihn oft genug zutiefst enttäuscht. An die Liebe glaubt der kühle Geschäftsmann schon längst nicht mehr. Dennoch bittet er Birte um ihre Hand. Die kleine Anke braucht eine Mutter, einen Menschen, der ihr Liebe und Vertrauen entgegenbringt. Ihm fehlt die Zeit dazu, sich intensiv mit dem Kind zu befassen.

Birte kämpft einen harten Kampf mit sich, doch schließlich stimmt sie dieser reinen Zweckgemeinschaft zu, die zudem noch mit einer faustdicken Lüge beginnt ...

»Sie sind entlassen!«, schrie der Mann und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Fristlos! Scheren Sie sich fort, Sie unverschämte Person, ich will Sie hier nicht mehr sehen, Sie ...«

Birtes Chef griff an sein Oberhemd und zerrte an seinem Kragen. Seine leicht hervorquellenden Augen starrten voller Hass auf die mit dezenter Eleganz gekleidete junge Dame, die gelassen auf der anderen Seite des Schreibtisches stand und ihn, so schien es ihm jedenfalls, mit kühler Ironie betrachtete.

»Ich fürchte, so einfach ist das nicht, Herr Hampe«, stellte Birte von Hellwangen fest. Nur ihre Finger, die sich um den Stenogrammblock verkrampften, verrieten etwas von der Erregung, die in ihr tobte. »Wir haben eine vierteljährliche Kündigung vereinbart. Und ich habe Ihnen keinen Anlass gegeben, der eine fristlose Entlassung rechtfertigt.«

Otto Hampes Gesicht bekam einen Stich ins Bläuliche, und einen Moment fürchtete Birte tatsächlich, er würde einen Herzschlag bekommen. Der füllige Mann mit dem fleischigen Gesicht rang nach Atem, unfähig, seine Empörung in Worten auszudrücken.

»Sie wollten mir diktieren, Herr Hampe«, erinnerte Birte ihn und nahm Platz, als sei gar nichts geschehen. Sie durfte diese Stellung nicht so schnell verlieren, hatte sie doch viel Mühe gehabt, den Posten bei Hampe überhaupt zu bekommen.

Der Mann schloss gequält die Augen und schüttelte heftig ablehnend den Kopf.

»Weg!«, knurrte er und wies mit dem ausgestreckten Zeigefinger zur Tür. »Verschwinden Sie, Ihr Geld können Sie kriegen, aber ich will Sie hier nicht mehr sehen. Sie tun gerade so, als wären Sie eine Gräfin oder sonst etwas Besseres.«

Birte wurde eine Schattierung bleicher und senkte ihren goldblonden Kopf über ihren Stenogrammblock. Es war schwer für sie, das Schluchzen zu unterdrücken, das bei der ungerechten Behandlung des Mannes in ihr emporsteigen wollte.

»Sie sind eine unverschämte, eingebildete Person!«, fauchte Otto Hampe. Die unvergleichliche Schönheit seiner Sekretärin ließ wieder die Wünsche in ihm emporsteigen, die bei Birte auf Ablehnung gestoßen waren, was zu ihrer Entlassung geführt hatte. »Ich wäre bereit«, fuhr er mit heiserer Stimme fort, »diesen Zwischenfall zu vergessen, wenn Sie heute Abend in meine Villa kommen. Zum Diktat«, fügte er noch hinzu – eine offensichtliche Lüge.

»Ich kann nicht kommen«, flüsterte Birte erstickt. Sie hob flehend die gefalteten Hände empor. »Verstehen Sie mich, bitte, Herr Hampe, ich ...«

»Sie wollen etwas Besseres sein, ich bin Ihnen nicht gut genug«, knirschte der untersetzte Mann gereizt. »Aber es soll Ihr Schaden nicht sein, wenn Sie meine Einladung annehmen. Niemand kann mir nachsagen, dass ich entzückenden Damen gegenüber kleinlich bin.«

Es hat keinen Zweck, diesen Mann um Verständnis zu bitten, dachte Birte verzagt. Ich muss seine Kündigung annehmen. Und dann stehe ich wieder auf der Straße. Wer weiß, was für ein Zeugnis er mir geben wird ... Und wenn man sich bei ihm erkundigt, wird er mich schlechtmachen.

Otto Hampe kannte seine Macht, und er war bereit, sie skrupellos auszunutzen. Er hatte sich aus kleinsten Anfängen emporgearbeitet und war heute Herr über sechzig Angestellte. Sein Vermögen ging in die Hunderttausende.

Seine Frau, eine Person aus kleinen Verhältnissen wie er selbst, hatte mit seiner gesellschaftlichen Entwicklung nicht Schritt halten können. Und deshalb glaubte Otto das Recht zu haben, seine Sekretärinnen und Stenotypistinnen ab und zu in seine feudale Villa einzuladen, wenn Alwine in irgendein Bad fuhr.

Heute Morgen hatte seine Frau das Haus erst verlassen, und Otto zögerte nicht, die bildschöne Birte von Hellwangen sofort zu sich einzuladen.

»Nun, haben Sie sich mein Angebot überlegt?«, fragte Otto Hampe geschäftsmäßig. »Sie werden es nicht zu bereuen haben, Birte«, versprach er und lachte, ein fettes, widerliches Lachen.

»Würden Sie meine Papiere fertig machen?« Birte stand auf, den Kopf gesenkt, die Hände noch immer um ihren Stenogrammblock verkrampft.

Otto Hampe warf mit unbeherrschter Bewegung einen Stapel Akten von seinem Schreibtisch auf den dicken, protzigen Teppich seines Büros.

»Das wird Ihnen noch einmal leidtun, meine Liebe«, drohte er. »An diese Stunde werden Sie noch denken. Glauben Sie nicht, dass Sie mit Otto Hampe machen können, was Sie wollen.«

»Wann kann ich meine Papiere bekommen?« Seine hinterhältigen Angriffe gaben Birte die Kraft wieder, die sie beim Gedanken an die ungewisse Zukunft vorübergehend verlassen hatte.

»Sie können sie sofort mitnehmen. Ein Zeugnis werden Sie ja wohl nicht haben wollen, nicht wahr?« Der hinterhältig lauernde Ausdruck seiner Augen ließ Birte ahnen, wie das Zeugnis ausfallen würde, wenn sie darauf bestand.

»Ich bestehe darauf, ein Zeugnis zu bekommen«, erklärte sie dennoch deutlich. »Und ich möchte Sie daran erinnern, dass es ein Arbeitsgericht gibt, Herr Hampe. Die Richter dort haben für private Vorschläge, wie Sie sie mir gemacht haben, nur wenig Verständnis. Seien Sie vernünftig!«

Über den eigenen Mut erschreckt, verstummte die junge Dame. Und dann drehte sie sich um und lief hinaus, bevor ihr Chef noch Gelegenheit hatte, ihr eine Antwort zu geben. Sie vergaß immer wieder, dass sie nur eine Sekretärin war.

Aber immerhin konnte man das verstehen, denn vor zwei Jahren war Birte von Hellwangen noch eine Komtess gewesen, und niemand wäre auf den Gedanken gekommen, sie so zu behandeln, wie die Männer es sich herausnahmen, mit denen sie nach ihrer Verarmung zusammentraf.

Es waren keine Herren, keine Gentlemen, sondern Männer. Und sie war keine Dame, sondern ein Fräulein, und weil sie arm war, glaubten die Männer, sie müsse sich über Geschenke freuen. Und dankbar sein. Und entgegenkommend ...

»Was hat's mit dem Alten gegeben?«, fragte Ilse Oertel, eine Kollegin, mit der zusammen sie Hampes Büro im Vorzimmer bewachte. Ilse war auch hübsch – darauf legte der Chef außerordentlichen Wert –, aber in einer ganz anderen Art als Birte.

Der Gegensatz der beiden lag nicht allein in der Haarfarbe – Ilse war schwarz –, sondern stärker noch in den ganz verschiedenen Temperamenten. Ilse war schlagfertig, übermütig, ein kleiner Sprühteufel. Sie blieb niemandem eine Antwort schuldig und verstand es vorzüglich, die Männer in Schach zu halten.

»Er hat mich entlassen, einfach hinausgeworfen«, sagte Birte leise. Sie begann, ihren Schreibtisch aufzuräumen und ihre wenigen Privatsachen in ihre Aktentasche zu legen.

»Ach, hat er es bei dir auch versucht?« Ilse ahnte genau, was im Allerheiligsten der Firma vorgefallen war. »Und was hast du ihm gesagt?«

Birte zuckte die Schultern, eine schweigende Antwort, die Ilse vollkommen genügte. Die Augen des Mädchens flammten auf, und sie ballte die Hände zu Fäusten.

»Das hätte er nur mal mit mir versuchen sollen!«, äußerte sie kampfbereit.

Die Gegensprechanlage auf ihrem Schreibtisch knackte.

»Fräulein Oertel zum Diktat«, klang Hampes Stimme verzerrt durch die Anlage.

»Ja, Dicker, ich komme schon«, murmelte Ilse respektlos. »Ich sehe dich noch gleich, Birte, nicht wahr?«

Birte von Hellwangen, die das Recht hatte, sich Komtess von Hellwangen zu nennen, nickte ihr zu.

Eine Dreiviertelstunde später kam Ilse zurück. Ihr Gesicht war gerötet, ihre Augen sprühten förmlich, und ihre Hände flatterten erregt.

»Wir können zusammen gehen«, sagte sie wütend. »Der Alte muss sich zwei neue Sekretärinnen suchen.«

Sie schaute auf ihre Hände, und ganz plötzlich fing sie an zu lachen, setzte sich auf einen Stuhl und streckte die schlanken Beine weit von sich.

»Du hättest nur sein Gesicht sehen sollen, als ich ihm ein paar heruntergehauen habe«, brachte Ilse zwischen immer neuen Lachanfällen mühsam hervor.

Birte konnte sich die Szene im Büro ihres Chefs gut vorstellen, kannte sie doch Ilses Temperament und ihre »schlagfertige« Art.

»Er kühlt sich jetzt bestimmt seine Wangen!«, meinte Ilse, als sie ihre Aktenmappe schloss. »Lass uns Mittag essen gehen. Komisch, dass Aufregungen mir immer Appetit machen.«

Sie hakte Birte burschikos unter und knallte die Tür des Vorzimmers mit dem Absatz hinter sich zu.

»Gott sei Dank, dass wir aus diesem Stall hier raus sind. Wir können etwas und finden bestimmt bald eine neue Stellung. Was hältst du davon, wenn wir uns morgen früh auf dem Arbeitsamt treffen?«, schlug sie vor. »Vielleicht haben wir das Glück, gemeinsam in einer anderen Firma anfangen zu können.«

Birte versprach, sich pünktlich einzufinden, und als sie später zu Fuß nach Hause ging, schlug ihr Herz ruhiger als zuvor. Die Unterredung, die auf sie wartete, war schwer, denn sie musste ihrer Mutter von der fristlosen Entlassung erzählen, ohne dabei den eigentlichen Grund nennen zu dürfen.

Die alte, vornehme Dame kannte sich in der heutigen Welt nicht aus. Sie hielt die Menschen für anständig, die Männer für ritterlich und die Frauen für Damen.

Und Birte bemühte sich nach besten Kräften, ihr diese Illusion zu erhalten.

♥♥♥

Die weißhaarige alte Dame öffnete auf das Klingeln die Tür, und als Birte ihr warmes, herzliches Lächeln sah, überfiel sie eine große Traurigkeit. Sie lächelte zurück, aber es war schwer für sie, den Anschein des Frohsinns zu bewahren, als die Mutter sie forschend anschaute.

»Du wunderst dich, dass ich so früh komme?« Birte ging an ihr vorbei und legte ihre Baskenmütze auf den Garderobenständer. Während sie sich ihren hellen Sommermantel auszog, erzählte sie mit gespielter Munterkeit von dem plötzlichen Entschluss ihres Chefs, seinem überarbeiteten Personal vierzehn Tage Sonderurlaub zu geben.

In vierzehn Tagen habe ich vielleicht schon eine neue Stellung, dachte Birte.

»Vierzehn Tage?«, wiederholte ihre Mutter arglos. »Können wir da nicht an die See fahren?« Hoffnungsvoll schaute sie auf ihre Tochter. »Wenn du natürlich meinst, dass es uns nicht möglich ist ... Du musst wissen, wie wir mit dem Geld auskommen.«

Birte zog die Unterlippe nachdenklich zwischen die Zähne. Es wäre grenzenloser Leichtsinn, einen Teil ihrer Ersparnisse für einen Urlaub am Meer zu opfern. Andererseits konnte sie dieser Verlockung kaum widerstehen.

Sie liebte das Meer und den weißen Strand.

»Wir brauchen ja nicht gerade im besten Hotel abzusteigen«, sagte Birte, und die Augen ihrer Mutter wurden feucht. So weltfremd Gräfin Alice auch war, sie hatte inzwischen doch gemerkt, dass ihre tüchtige Tochter jeden Pfennig zweimal herumdrehte, bevor sie ihn ausgab.

»Ich freue mich auf den Urlaub«, versicherte die alte Dame. »Und in den mondänen Seebädern trifft man zudem ein exklusives Publikum.«

Birte musste lächeln, als die Gräfin ihr Lieblingsprojekt, sie mit einem reichen Mann zu verheiraten, wieder vorbrachte. Trotz aller bösen Erfahrungen, die sie nach dem überraschenden Verlust ihres Vermögens machen musste, war ihr doch der Glaube an die Güte der Menschen geblieben.

»Wann wollen wir fahren?«, fragte Gräfin Alice. »Ich meine, weil ich ja noch packen muss.«

»Das mache ich schon, Muttchen.«

Dann fiel ihr Ilse ein, mit der sie für morgen verabredet war. Sie beschloss, ihre Kollegin noch am gleichen Nachmittag aufzusuchen und sie von der Änderung ihrer Absicht zu informieren.

Ilse öffnete ihr selbst die Tür ihres möblierten Zimmers, als Birte am Nachmittag klingelte.

»Komm herein«, forderte sie Birte auf. »Es sieht zwar bei mir aus wie in einer Räuberhöhle, aber ich konnte schließlich nicht wissen, dass ich noch so hohen Besuch bekommen würde.«

Ihre vorbeugende Behauptung war nicht übertrieben, aber selbst die Unordnung des Raumes passte irgendwie zu Ilses Temperament und wirkte nicht abstoßend, sondern genial künstlerisch.

»Vierzehn Tage Urlaub.« Das Mädchen rieb sich die Nase, wie immer, wenn sie über ein schwieriges Problem nachdachte. »Deine alte Dame scheint sehr vernünftig zu sein, Mädchen«, äußerte sie dann für Birte recht überraschend. »Jetzt bei dieser Hitze arbeitet doch kein vernünftiger Mensch, wenn er es nicht unbedingt muss. Und ein Vierteljahr lang hat Otto Hampe noch die charmante Pflicht, für unser täglich Brot zu sorgen. Was hältst du davon, wenn ich mitfahre?«

»Das finde ich großartig«, versicherte Birte. »Ich würde mich sehr freuen.«

»Also abgemacht, bereite deine alte Dame schonend auf mich vor.«

Birte freute sich auf ihren Urlaub, der wie ein Geschenk vom Himmel gefallen war, und als sie abends im Bett lag, schlief sie mit einem Lächeln ein.

♥♥♥

Das Hotel entsprach in keiner Weise den Vorstellungen, die Gräfin Alice sich gemacht hatte, aber sie war vernünftig genug, ihre Enttäuschung nicht zu zeigen.

Die alte Dame schloss Ilse auf den ersten Blick ins Herz und freute sich, dass ihre ernste und zurückhaltende Tochter sich ausgerechnet an solch ein frisches, lebensfrohes Mädchen angeschlossen hatte.

»Deine Mutter ist großartig, Brite«, sagte Ilse, als sie am Nachmittag einen Spaziergang in die nähere Umgebung unternahmen. »Hoffentlich gehe ich ihr nicht auf den Wecker«, fuhr sie mit ungewohnter Besorgnis fort.

»Meine Mutter mag dich gern«, beruhigte Birte ihre Freundin. »Sie hat es mir selbst gesagt.«

Das Mädchen griff nach einem Stein, warf ihn übermütig durch die Gegend und stieß dabei einen lauten Jauchzer aus.

»Verdammt noch mal!«, empörte sich eine herrische Männerstimme. Hinter einer Düne tauchte ein Mann in einer Badehose auf, der nicht gerade sonderlich freundlich auf die beiden Mädchen schaute. »Können Sie nicht achtgeben?«, fuhr er sie an.

»Was regen Sie sich denn so auf?«, fragte Ilse. »Wir gehen spazieren, und Sie brüllen uns an! Ich glaube, es wird Zeit, dass Sie sich bei uns entschuldigen.«

»Die mit den schwarzen Haaren war es, Vati.« Hinter dem Mann erschien ein Mädelchen, reizend anzusehen mit dem langen blonden Haar. Sie wies mit ausgestrecktem Zeigefinger auf Ilse. »Aber ich glaube«, fuhr sie nachdenklich fort, »sie wollte uns gar nicht treffen.«

Birte begannen die Zusammenhänge zu dämmern.

»Dein Stein!«, flüsterte sie der Kollegin zaghaft zu.

»Ach, der Stein hat Sie getroffen?« Ilse musterte den Mann. Sie fand ihn nett, und wahrscheinlich las der Fremde in ihren Augen, was sie dachte, denn er verzog ein wenig ironisch den Mund.

»Allerdings«, bestätigte er. »Entschuldigen Sie also bitte vielmals, dass ich die Frechheit hatte, mich dorthin zu legen, wo Sie Steine hinwerfen.«

»Aber wenn sie es doch nicht mit Absicht getan hat, Vati«, versuchte das Kind zu vermitteln.

»Sei still, Anke«, befahl der Mann kurz, aber die unverkennbare Zärtlichkeit in seiner Stimme versöhnte Birte mit seiner anfänglichen Schroffheit. Ein Mann, der sich so offensichtlich gut mit seinem Töchterchen verstand, konnte keineswegs herzlos sein, wie sie im ersten Moment vermutet hatte.

»Ich meinte ja nur.« Die Kleine zog einen Schmollmund. »Ich hab euch nämlich schon lange herankommen sehen«, teilte sie den beiden jungen Damen eifrig mit. »Seid ihr neu hier? Ich kenne nämlich sonst alle, aber euch habe ich noch nicht gesehen.«

»Man stellt fremden Damen nicht solche Fragen, Anke«, ermahnte ihr Vater sie, und Birte sah, dass ihm das Benehmen seines Kindes peinlich war.

»Kinder sind etwas vorlaut«, brachte er, um Entschuldigung bittend, lächelnd hervor. »Geh spielen, Anke!« Er drehte sich um, nachdem er sich mit einer knappen Verneigung von Birte und Ilse verabschiedet hatte.

»Du, Vati, ob die länger bleiben wollen?«, wisperte Anke ihm zu, aber immerhin so laut, dass die Mädchen jedes Wort verstanden. »Ich finde die nämlich nett, und vielleicht spielen die nachher mit mir Ball, du bist nämlich kein guter Torwart, Vati, du lässt ja immer alles durch.«

Ilse musste lachen, als sie die Vorwürfe der Kleinen hörte.

»Ich werde Fräulein Käding nachkommen lassen, dann kannst du mit ihr spielen«, bestimmte der Vater.

»Die lässt ja noch viel mehr Bälle durch als du.« Noch immer hingen die Augen des Kindes sehnsüchtig an den beiden Mädchen, und etwas an ihrer Haltung rührte Birtes Herz.

»Wenn Sie gestatten, würden wir gern mit Ihrer Tochter Ball spielen«, bot Birte dem fremden Herrn an.

»Sag Ja!«, schrie die Kleine aufgeregt und lief, ohne die Antwort abzuwarten, einfach auf die beiden Mädchen zu. »Ich heiße Anke, und wie heißt ihr?«, fragte sie, als sie atemlos und aufgeregt vor den beiden stehen blieb.

Ihr Vater schlenderte näher, und Birte erschrak über den unsagbar abweisenden und hochmütigen Zug, der plötzlich auf seinem Gesicht lag. Er griff nach der Hand seines Kindes und zog Anke trotz ihres Sträubens mit sich fort.

Die Mädchen standen wie erstarrt da, dann überzog Ilses Gesicht sich mit einer gefährlichen Röte.

»Der Herr glaubt wohl, wir wollten sein Kind entführen«, sagte sie laut und deutlich.

Der Mann ging weiter und drehte nur den Kopf zu ihr zurück.

»Sie irren sich«, erwiderte er gleichmütig. »Ich halte Sie nur für aufdringlich!«

Birte holte tief Luft bei dieser Unverschämtheit, zog Ilse am Ärmel ihres Kleides als Zeichen, sich mit diesem arroganten Menschen auf keine Debatte einzulassen, und dann gingen die beiden davon.

♥♥♥

»Wollen wir zum Ball gehen?« Ilse stieß ihre Freundin unternehmungslustig in die Seite. Sie kamen von der Strandpromenade zurück und blieben vor einem Plakat stehen, das die hochverehrten Gäste des Bades zu einem Ball im »Kurhotel« einlud.