Die Welt unter Strom - Arthur Firstenberg - E-Book

Die Welt unter Strom E-Book

Arthur Firstenberg

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Beschreibung

Die moderne Welt ist ohne Strom nicht denkbar. Doch über die Auswirkung der Elektrizität auf Umwelt und Gesundheit wiegen wir uns in Sicherheit.

In dieses Urvertrauen schlägt Arthur Firstenberg mit seinem breit angelegten Panoptikum Die Welt unter Strom wie ein Blitz ein. Der Wissenschaftler und Journalist erzählt die Geschichte der Elektrizität vom 18. Jahrhundert bis heute so spannend und aufgeladen wie niemand vor ihm.

Der Autor zeigt: Neben der Umweltverschmutzung oder dem mysteriösen Bienensterben stehen auch aktuelle Zivilisationskrankheiten im Zusammenhang mit Elektrosmog:

  • Herzerkrankungen: Stress durch Strom & elektromagnetische Felder – die Strahlenbelastung von Sendetürmen löst kardiovaskuläre Beschwerden aus, wo Cholesterin als Todesursache vermutet wurde
  • Diabetes: Nicht durch Zucker verursacht – Elektrosmog hindert den Körper, Zucker zu verbrennen (Thomas Edison, Erfinder der Glühbirne, litt daran)
  • Krebs: Nachweise internationaler Forscher über Umweltkranke wie italienische Kinder mit Leukämie; über Brustkrebs, Prostatakrebs, Lungenkrebs in Schweden; über Handynutzung und Hirntumore etc.
  • Angststörungen: Die toxische Umgebung als wahrer Auslöser geriet bereits mit Freuds Begriff „Angstneurose“ in Vergessenheit
  • Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, Fieber, Husten, Müdigkeit, Schlaflosigkeit, Durchfall, Übelkeit, Gelenkschmerzen & Nervosität wurden schon früh der Elektrizität zugeschrieben


Mit vergessenen Wissensschätzen, packenden Storys und einer elektrisierenden Prosa bietet Firstenberg das Rüstzeug für die Neubewertung einer Welt, die in Zeiten einer 5G-Netz-Abdeckung spürbar immer stärker unter Strom steht.

"Arthur Firstenberg liefert mit diesem Buch ein überzeugendes Argument dafür, dass die Hauptkrankheiten der Zivilisation – Herzkrankheiten, Diabetes und Krebs – sehr stark mit der Verschmutzung unserer Umwelt durch Elektrizität zusammenhängen."
Dr. Bradley Johnson, Amen Clinics, San Francisco


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Seitenzahl: 941

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Arthur Firstenberg

Die

WELT UNTER STROM

Eine Geschichte der Elektrizität und ihrer übersehenen Gesundheitsgefahrdung

IMPRESSUM

Arthur Firstenberg

Die Welt unter Strom

Eine Geschichte der Elektrizität und ihrer übersehenen Gesundheitsgefährdung

1. deutsche Ausgabe 2021

ISBN: 978-3-96257-221-1

©2021, Narayana Verlag GmbH

Titel der Originalausgabe:

The Invisible Rainbow

A History of Electricity and Life

Copyright © 2020 by Arthur Firstenberg

Narayana GmbH edition published by arrangement with Chelsea Green

Publishing Co, White River Junction, VT, USA www.chelseagreen.com

Übersetzung aus dem Englischen: Elisabeth Kissel

Coverlayout: Ann Lowe

Coversatz: Narayana Verlag

Cover Abbildung: Ann Lowe

Herausgeber:

Unimedica im Narayana Verlag GmbH,

Blumenplatz 2, D-79400 Kandern

Tel.:+49 7626 974 970-0

E-Mail: [email protected]

www.unimedica.de

Alle Rechte vorbehalten. Ohne schriftliche Genehmigung des Verlags darf kein Teil dieses Buches in irgendeiner Form – mechanisch, elektronisch, fotografisch – reproduziert, vervielfältigt, übersetzt oder gespeichert werden, mit Ausnahme kurzer Passagen für Buchbesprechungen.

Sofern eingetragene Warenzeichen, Handelsnamen und Gebrauchsnamen verwendet werden, gelten die entsprechenden Schutzbestimmungen (auch wenn diese nicht als solche gekennzeichnet sind).

Die Empfehlung dieses Buches wurde von Autor und Verlag nach bestem Wissen erarbeitet und überprüft. Dennoch kann eine Garantie nicht übernommen werden. Weder der Autor noch der Verlag können für eventuelle Nachteile oder Schäden, die aus den im Buch gegebenen Hinweisen resultieren, eine Haftung übernehmen.

In Erinnerung an Pelda Levey - Freundin, Mentorin und Weggefährtin

Inhaltsverzeichnis

Anmerkung des Verfassers

Vorwort

TEIL 1

KAPITEL 1 In einer Flasche eingefangen

KAPITEL 2 Gehörlose werden hören und Gelähmte werden gehen

Gehörlose werden hören

Elektrizität sehen und schmecken

Den Herzschlag beschleunigen und verlangsamen

„Istupidimento“

KAPITEL 3 Elektrosensibilität

Wetterempfindlichkeit

KAPITEL 4 Die falsche Abzweigung

KAPITEL 5 Chronisch krank durch Elektrizität

Die Umbenennung

KAPITEL 6 Das Verhalten von Pflanzen

KAPITEL 7 Akute Krankheiten der Elektrizität

Influenza ist eine Krankheit, die durch die Elektrizität verursacht wird

KAPITEL 8 Das Rätsel auf der Isle of Wight

KAPITEL 9 Die elektrische Hülle der Erde

KAPITEL 10 Porphyrine und die Grundlage des Lebens

Porphyrine, das Nervensystem und die Umwelt

Der Zusammenhang von Porphyrie und Zink

Kanarienvögel in der Kohlemine

TEIL 2

KAPITEL 11 Herzneurose

KAPITEL 12 Die Transformation von Diabetes

Indigene Bevölkerung Nordamerikas

Brasilien

Bhutan

Diabetes ist auch eine Störung des Fettstoffwechsels

Diabetes bei Radiowellenkrankheit

Bevölkerungsstatistiken

Fettleibigkeit bei Wild- und Haustieren

KAPITEL 13 Krebs und der Hunger des Lebens

Diabetes und Krebs

Krebs bei Tieren

Bevölkerungsstatistik

KAPITEL 14 Der Scheintod

KAPITEL 15 Kann man Elektrizität tatsächlich hören?

Das Elektromodell des Ohrs

Ultraschallhören

Quellen elektrischer Geräusche

Elektronische Konsumgüter

Niederfrequenztöne

Andere Quellen von Ultraschallstrahlung

Zeitübertragungen

Energieeffiziente Glühbirnen

Handys und Mobilfunkmasten

Fernbedienungsgeräte

Das Problem mit Computern

Dimmschalter

Stromleitungen

Intelligente Messgeräte (Smart Meters)

Tinnitus heute

KAPITEL 16 Bienen, Vögel, Bäume und Menschen

Funk-Überwachung für Tiere

Zugvögel

Amphibien

Insekten

Bienenvolk-Kollaps

Das Waldsterben

KAPITEL 17 Im Land der blinden Menschen

Referenzen

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Index

Über den Autor

Anmerkung des Verfassers

Um das Lesen zu erleichtern, habe ich die Referenzen auf ein Minimum beschränkt. Alle Quellen, auf die im Text hingewiesen wird, sind jedoch im Literaturverzeichnis am Ende des Buches zu finden, zusammen mit anderen Hauptwerken, die ich hinzugezogen habe. Für diejenigen, die sich für bestimmte Themen interessieren, sind die Quellen im Literaturverzeichnis nach Kapiteln und innerhalb einiger Kapitel nach Themen geordnet. Auf die übliche alphabetische Auflistung wird dafür verzichtet.

Anm. d. Verlags: Wenn nicht anders benannt, beziehen sich die Zahlen und Statistiken weitgehend auf die USA.

Vorwort

Es war einmal vor langer Zeit, da repräsentierte der Regenbogen, der nach einem Gewitter am Himmel erschien, alle Farben, die es gab. Das hat damit zu tun, dass unsere Erde so gestaltet ist. Die Luftdecke über uns absorbiert die höheren ultravioletten Strahlen sowie alle Röntgen- und Gammastrahlen aus dem Weltraum. Die meisten längeren Wellen, die wir heute für die Funkkommunikation verwenden, waren auch nicht vorhanden. Oder besser gesagt, in infinitesimalen Mengen. Sie kamen von der Sonne und den Sternen zu uns, aber mit Energien, die eine Billion Mal schwächer waren als das vom Himmel kommende Licht. Tatsächlich waren die kosmischen Radiowellen so schwach, dass sie unsichtbar waren, und so entwickelte das Leben niemals Organe, die diese wahrnehmen konnten.

Die noch längeren Wellen, die vom Blitz abgegebenen niederfrequenten Pulsationen, sind ebenfalls unsichtbar. Wenn ein Blitz aufstrahlt, erfüllt er die Luft für einen Moment mit diesen Wellen, die dann jedoch augenblicklich wieder verschwinden. Das rund um die Welt widerhallende Echo ist ungefähr zehn Milliarden Mal schwächer als das Licht der Sonne. Auch hier hat das Leben keine Organe entwickelt, um dies wahrnehmen zu können.

Aber unser Körper weiß, dass diese Farben da sind. Die im Hochfrequenzbereich strömende Energie unserer Zellen mag infinitesimal sein, sie ist aber dennoch lebensnotwendig. Jeder Gedanke, den wir haben, jede Bewegung, die wir machen, umgibt uns mit niederfrequenten Pulsationen, die erstmals 1875 entdeckt wurden. Auch diese sind für das Leben unentbehrlich. Die Elektrizität, die wir heute verwenden, die Substanz, die wir, ohne uns weiter Gedanken darüber zu machen, über Kabel und durch die Luft senden, wurde um 1700 als ein Merkmal des Lebens identifiziert. Erst später lernten Wissenschaftler, sie zu extrahieren und damit unbelebte Objekte zu bewegen. Dabei ignorierten sie ihre Auswirkungen auf Mensch und Natur – weil sie diese nicht sehen konnten. Sie umgibt uns heute in all ihren Farben mit Intensitäten, die dem Licht der Sonne Konkurrenz machen. Aber weil es sie bei der Entstehung des Lebens nicht gab, können wir sie immer noch nicht sehen.

Wir leben heute mit einer Reihe verheerender Krankheiten, für die es vonseiten der Natur keine Ursache gibt, deren Ursprung wir nicht kennen, deren Auftreten wir für selbstverständlich halten und die wir nicht mehr infrage stellen. Ohne diese Krankheiten würden wir einen Grad von Vitalität erreichen, den wir gar nicht mehr kennen.

Vor den 1860er-Jahren, als Telegrafendrähte die Erde zum ersten Mal umkreisten, gab es die „Angststörung“ nicht. In der medizinischen Literatur vor 1866 ist über so einen Zustand kein Hinweis zu finden. Heute ist ein Sechstel der Menschheit davon betroffen.

Die Influenza in ihrer heutigen Form wurde 1889 erfunden, einhergehend mit dem Wechselstrom. Seit dieser Zeit ist sie ständig bei uns, wie ein vertrauter Gast – so vertraut, dass wir vergessen haben, dass es nicht immer so war. Viele der Ärzte, die 1889 mit der Erkrankung überschwemmt wurden, hatten zuvor noch nie einen Fall gesehen.

Vor den 1860er-Jahren war Diabetes so selten, dass nur wenige Ärzte mehr als ein oder zwei Fälle im Laufe ihres Lebens sahen. Auch er hat seinen Charakter verändert: Diabetiker waren einst skelettdünn. Übergewichtige Menschen entwickelten die Krankheit nie.

Herzkrankheiten waren zu dieser Zeit an 25. Stelle der häufigsten Krankheiten – und standen damit hinter Ertrinkungsunfällen. Es war eine Krankheit von Säuglingen und alten Menschen. Für jeden anderen wäre es absolut ungewöhnlich gewesen, ein krankes Herz zu haben.

Krebs trat auch äußerst selten auf. Selbst das Rauchen von Tabak verursachte in nicht elektrifizierten Zeiten keinen Lungenkrebs.

Dies sind die Zivilisationskrankheiten, die wir auch unseren tierischen und pflanzlichen Nachbarn zugefügt haben. Wir leben mit diesen Krankheiten, weil wir uns weigern, die von uns nutzbar gemachte Energie als das zu akzeptieren, was sie ist. Die 50-Hz-Netzspannung in unserer Hausverkabelung, die Ultraschallfrequenzen in unseren Computern, die Radiowellen in unseren Fernsehern, die Mikrowellen in unseren Handys1 sind nur Verzerrungen des unsichtbaren Regenbogens, der durch unsere Adern fließt und uns lebendig macht. Aber wir haben das vergessen.

Es ist an der Zeit, dass wir anfangen uns zu erinnern.

TEIL 1

KAPITEL 1

In einer Flasche eingefangen

Das Leidener Experiment war eine Idee mit immenser und weitreichender Auswirkung: Überall wurde man gefragt, ob man die Effekte des Experiments schon erlebt hätte. Es war das Jahr 1746. Der Ort eine beliebige Stadt in England, Frankreich, Deutschland, Holland, Italien. Ein paar Jahre später auch in Amerika. Die Elektrizität war eingetroffen und wie bei einem Wunderkind, das sein Debüt gab, stellte sich die ganze westliche Welt ein, um sich ihre Aufführung anzusehen.

Ihre Hebammen – Kleist, Cunaeus, Allamand und Musschenbroek – warnten, sie hätten geholfen, ein Enfant terrible zur Welt zu bringen, dessen Schläge den Menschen den Atem rauben, ihr Blut kochen und sie lähmen könnte. Die Öffentlichkeit hätte besser zuhören und vorsichtiger sein sollen. Aber wie man sich denken kann, ermutigten die farbenfrohen Berichte dieser Wissenschaftler die Menschenmengen nur noch mehr.

Pieter van Musschenbroek, Professor für Physik an der Universität Leiden, hatte seine übliche Reibungsmaschine benutzt. Diese bestand aus einer Glaskugel, die er schnell um ihre Achse drehte, während er sie mit den Händen rieb, um das „elektrische Fluidum“ zu erzeugen, das wir heute als statische Elektrizität kennen. Ein eiserner Gewehrlauf, der den Globus fast berührte, hing an Seidenschnüren von der Decke. Er wurde als „Hauptleiter“ bezeichnet und normalerweise dazu verwendet, Funken statischer Elektrizität aus der geriebenen, rotierenden Glaskugel zu erzeugen.

In jenen frühen Tagen war die Elektrizität jedoch nur von begrenztem Nutzen, da sie immer vor Ort produziert werden musste und es keine Möglichkeit gab, sie zu speichern. Also dachten sich Musschenbroek und seine Mitarbeiter ein geniales Experiment aus – ein Experiment, das die Welt für immer verändern sollte: Sie befestigten einen Draht am anderen Ende des Hauptleiters und steckten ihn in eine kleine Glasflasche, die teilweise mit Wasser gefüllt war. Sie wollten sehen, ob das elektrische Fluidum in einem Glas gespeichert werden konnte. Und der Versuch übertraf ihre kühnsten Erwartungen.

„Ich werde Ihnen von einem neuen, aber schrecklichen Experiment erzählen“, schrieb Musschenbroek an einen Freund in Paris, „von dem ich Euch rate, es nie selber auszuprobieren, noch würde ich, der dies einmal durch Gottes Gnade er- und überlebt habe, es für alles Geld der Welt nochmals durchführen.“ Er hielt die Flasche in der rechten Hand und versuchte mit der anderen, Funken aus dem Gewehrlauf zu erzeugen. „Plötzlich wurde meine rechte Hand mit solcher Kraft getroffen, dass mein ganzer Körper zitterte, als wäre er vom Blitz getroffen. Obwohl das Glas dünn war, zerbrach es nicht. Meine Hand wurde zwar nicht abgerissen, aber mein Arm und mein ganzer Körper waren sehr viel schlimmer betroffen, als ich es in Worte fassen kann. Kurzum, ich dachte, das sei mein Ende.“1 Als sein Kompagnon in Sachen Erfindungen, der Biologe Jean Nicolas Sébastien Allamand, das Experiment durchführte, spürte er einen „gewaltigen Schlag“. „Ich war so fassungslos“, sagte er, „dass ich für einige Momente nicht atmen konnte.“ Aufgrund der Stärke des Schmerzes an seinem rechten Arm befürchtete er sogar, eine dauerhafte Verletzung davongetragen zu haben.2

Liniengravur in Mémoires de l’Académie Royale des Sciences, Tafel 1, S. 23, 1746

Aber nur die Hälfte der Nachricht erreichte die Öffentlichkeit. Die Tatsache, dass Menschen durch diese Experimente vorübergehend oder, wie wir sehen werden, dauerhaft verletzt oder sogar getötet werden könnten, ging in der allgemeinen Aufregung, die auf diese Zeit folgte, verloren. Nicht nur verloren, sie wurden auch bald schon verspottet, bezweifelt und schließlich vergessen. Damals wie heute war es gesellschaftlich nicht akzeptiert, Elektrizität als gefährlich hinzustellen. Nur zwei Jahrzehnte später schrieb Joseph Priestley, der englische Wissenschaftler, der durch seine Entdeckung von Sauerstoff berühmt wurde, seine Geschichte der Elektrizität, in der er den „feigen Professor“ Musschenbroek und die „übertriebenen Berichte“ der ersten Experimentatoren ins Lächerliche zog.3

Die Erfinder waren nicht die Einzigen, die versuchten, die Öffentlichkeit zu warnen. Johann Heinrich Winkler, Professor für Griechisch und Latein in Leipzig, versuchte das Experiment durchzuführen, als er davon hörte. „Ich erlitt große Krämpfe in meinem Körper“, schrieb er an einen Freund in London. „Es hat mein Blut in große Aufregung versetzt, so dass ich Angst vor einem brennenden Fieber hatte und kühlende Medikamente verwenden musste. Ich fühlte eine Schwere in meinem Kopf, als hätte ich einen Stein darauf liegen. Zweimal verursachte es bei mir eine Nasenblutung, zu der ich ansonsten nicht geneigt bin. Meine Frau, die den elektrischen Blitz nur zweimal erhalten hatte, war danach so schwach, dass sie kaum noch laufen konnte. Eine Woche später erhielt sie nur einen elektrischen Blitz; ein paar Minuten später blutete sie aus der Nase.“

Aus den Erfahrungen zog Winkler die Lehre, dass Lebewesen keine Elektrizität zugefügt werden sollte. Und so verwandelte er seine Maschine in ein großes Warnsignal. „Ich habe in den Berliner Zeitungen gelesen“, schrieb er, „dass sie solche elektrischen Blitze an einem Vogel ausprobiert haben und er dadurch sehr große Schmerzen erlitten hat. Ich habe dieses Experiment nicht wiederholt; denn ich halte es für falsch, Lebewesen einen solchen Schmerz zuzufügen.“ Er wickelte deshalb eine Eisenkette um die Flasche, die zu einem Stück Metall unter dem Gewehrlauf führte. „Wenn dann die Elektrifizierung stattfindet“, fuhr er fort, „sind die Funken, die vom Rohr auf das Metall fliegen, so groß und so stark, dass sie (sogar tagsüber) in einer Entfernung von 50 Metern gesehen und gehört werden können. Sie stellen einen Blitzstrahl dar, eine klare und kompakte Feuerlinie; und sie machen ein Geräusch, das alle Leute, die es hören, erschreckt.“

Die breite Öffentlichkeit reagierte jedoch nicht wie erwartet. Nachdem sie Berichte wie die von Musschenbroek in den Protokollen der Königlichen Akademie der Wissenschaften in Frankreich, der Académie Royale des Sciences, und seine eigenen in den Philosophical Transactions der Royal Society of London gelesen hatte, stellten sich neugierig gewordene Männer und Frauen zu Tausenden in ganz Europa an, um den Reiz der Elektrizität in Experimenten selbst zu erleben.

Abbé Jean-Antoine Nollet, ein Theologe, der zum Physiker wurde, führte die Magie der Leidener Flasche in Frankreich ein. Er versuchte die unersättlichen Forderungen der Öffentlichkeit zu befriedigen, indem er Dutzende, Hunderte von Menschen gleichzeitig elektrisierte. Dazu forderte er sie alle zum Händehalten auf, um eine Menschenkette in Form eines großen Kreises zu bilden, dessen Enden nahe beieinanderlagen. Er stellte sich an ein Ende, während die Person, die das letzte Glied darstellte, die Flasche ergriff. Plötzlich vervollständigte der gelehrte Abt mit seiner Hand den Schaltkreis durch das Berühren des in die Flasche eingeführten Metalldrahtes. Der Stromschlag wurde sofort entlang der gesamten Kette gleichzeitig verspürt. Elektrizität war kurzerhand zu einem gesellschaftlichen Ereignis geworden; die Welt war, wie einige Beobachter es nannten, von „Elektromanie“ besessen.

Die Tatsache, dass Nollet mehrere Fische und einen Spatz mit derselben Ausrüstung durch einen Stromschlag getötet hatte, schreckte die Menge nicht im Geringsten ab. In Versailles elektrisierte er in Gegenwart des Königs eine Kompanie von 240 Soldaten der französischen Garde, die sich an den Händen hielten. Er elektrisierte Mönche im Kartäuserkloster in Paris, die sich in einem Kreis von mehr als einem Kilometer Umfang aufgestellt hatten und über Eisendrähte mit ihrem jeweiligen Nachbarn verbunden waren.

Das Erlebnis gewann zunehmend an Popularität. Bald beklagte sich die Öffentlichkeit darüber, dass der Reiz eines Stromschlags immer mit Schlangestehen oder einer Arztkonsultation verbunden war. Der Bedarf nach tragbaren Geräten wurde geweckt, die jeder zu einem vernünftigen Preis kaufen und nach Belieben genießen konnte. Und so wurde die „Ingenhousz-Flasche“ erfunden. In einem elegant aussehenden Etui befand sich eine kleine Leidener Flasche, die mit einem lackierten Seidenband und einer Kaninchenhaut verbunden war, mit der der Lack gerieben und die Flasche aufgeladen werden konnte.4

Elektrische Gehstöcke wurden zu einem erschwinglichen Preis „für jeden Geldbeutel“5 verkauft. Dabei handelte es sich um Leidener Flaschen, die geschickt als Spazierstöcke getarnt waren. Man konnte sie heimlich aufladen und ahnungslose Freunde und Bekannte zum Berühren derselben verführen.

Dann gab es den „elektrischen Kuss“, ein Freizeitvergnügen, das sogar der Erfindung der Leidener Flasche vorausging, danach aber viel aufregender wurde. Der Physiologe Albrecht von Haller an der Universität Göttingen erklärte ungläubig, dass solche Gesellschaftsspiele „die Quadrille ersetzt haben“ (Anm. d. Verlags: zur damaligen Zeit ein beliebter Tanz in Frankreich). „Ist es zu glauben“, schrieb er, „dass der Finger einer Dame, ihr Fischbein-Petticoat, wahre Blitzstrahle aussenden und so charmante Lippen ein Haus in Brand setzen könnten?“

Sie war ein „Engel“, schrieb der deutsche Physiker Georg Matthias Bose, mit „weißem Schwanenhals“ und „blutgekrönten Brüsten“, der „Ihr Herz mit einem einzigen Blick stiehlt“, dem Sie sich aber auf eigene Gefahr nähern. Er nannte sie „Venus Electrificata“ in einem Gedicht, das in Latein, Französisch und Deutsch veröffentlicht und in ganz Europa berühmt wurde:

Wenn ein Sterblicher nur ihre Hand berührt,

Von solch einem göttlichen Kind sogar nur ihr Kleid,

Brennen die Funken doch genauso durch alle Glieder.

So schmerzhaft es auch ist, begehrt er es erneut.

Sogar Benjamin Franklin fühlte sich gezwungen, Anweisungen zu geben: „A und B sollen auf Wachs stehen; oder A auf Wachs und B auf dem Boden; geben Sie einem von ihnen die elektrifizierte Phiole in die Hand, der andere soll den Draht ergreifen; es wird einen kleinen Funken geben; aber wenn sich ihre Lippen nähern, fühlen sie den Stromschlag und werden geschockt.“6

Wohlhabende Damen veranstalteten solche Formen der Unterhaltung in ihren Häusern. Sie beauftragten Instrumentenbauer, große, kunstvolle elektrische Maschinen herzustellen, die sie wie Klaviere zur Schau stellten. Personen mit bescheideneren Mitteln kauften Standardmodelle, die in verschiedenen Größen, Stilen und Preisen erhältlich waren.

Liniengravur ca. 1750, reproduziert in Jürgen Teichmann, Vom Bernstein zum Elektron, Deutsches Museum 1982

Abgesehen vom Unterhaltungswert wurde Elektrizität – von der angenommen wurde, dass sie mit der Lebenskraft zusammenhänge oder mit dieser identisch sei – hauptsächlich wegen ihrer medizinischen Wirkungen verwendet. Sowohl elektrische Maschinen als auch Leidener Flaschen fanden ihren Weg in Krankenhäuser und in die Praxen von Ärzten, die mit der Zeit Schritt halten wollten. Eine noch größere Anzahl von „Elektrikern“, die nicht medizinisch ausgebildet waren, richteten eine Praxis zur Behandlung von Patienten ein. Quellen zufolge wurde medizinische Elektrizität in den 1740er- und 1750er-Jahren von Praktizierenden in Paris, Montpellier, Genf, Venedig, Turin, Bologna, Leipzig, London, Dorchester, Edinburgh, Shrewsbury, Worcester, Newcastle-upon-Tyne, Uppsala, Stockholm, Riga, Wien, Böhmen und Den Haag verwendet.

Der berühmte französische Revolutionär und Arzt Jean-Paul Marat, ebenfalls ein Elektropraktiker, schrieb darüber ein Buch mit dem Titel Mémoire sur l’électricité médicale.

Franklin behandelte Patienten in Philadelphia mit Elektrizität – und zwar so viele, dass Behandlungen mit statischer Elektrizität später im neunzehnten Jahrhundert unter dem Begriff „Franklinisierung“ bekannt wurden.

John Wesley, der Gründer der Methodistenkirche, veröffentlichte 1759 eine 72-seitige Abhandlung mit dem Titel Desideratum; or, Electricity Made Plain and Useful. Er nannte die Elektrizität „die edelste Medizin, die bisher auf der Welt bekannt ist“, die bei Erkrankungen des Nervensystems, der Haut, des Blutes, der Atemwege und der Nieren eingesetzt werden sollte. „Eine Person, die auf dem Boden steht“, fühlte er sich verpflichtet hinzuzufügen, „kann eine elektrifizierte Person, die auf dem Harz steht, nicht ohne Weiteres küssen.“7 Wesley selbst elektrisierte Tausende von Menschen im Hauptquartier der methodistischen Bewegung und an anderen Orten in London.

Und es waren nicht nur Prominente, die damit ein Geschäft eröffneten. So viele nichtmedizinische Menschen kauften und mieteten Maschinen für medizinische Zwecke, dass der Londoner Arzt James Graham im Jahr 1779 schrieb: „Ich zittere vor Sorge um meine Mitmenschen, wenn ich in fast jeder Straße dieser großen Metropole einen Friseur, einen Chirurgen, einen Zähnezieher, einen Apotheker oder einen gewöhnlichen Mechaniker sehe, dessen Fachgebiet jetzt auch die Elektrizität einschließt.“8

Da Elektrizität Kontraktionen der Gebärmutter auslösen konnte, wurde sie stillschweigend als Abtreibungsmethode verstanden. Francis Lowndes war zum Beispiel ein Londoner Elektropraktiker mit einer umfangreichen Praxis, der damit Werbung machte, mittellose Frauen kostenlos „wegen Amenorrhö“ zu behandeln.9

Sogar Landwirte fingen an, die Wirkung von Elektrizität auf ihre Ernte zu testen und sie als Mittel zur Verbesserung der landwirtschaftlichen Produktion vorzuschlagen, wie wir in Kapitel 6 sehen werden.

Die Anwendung von Elektrizität auf Lebewesen im 18. Jahrhundert war in Europa und Amerika so weit verbreitet, dass eine Fülle wertvoller Erkenntnisse über ihre Auswirkungen auf Menschen, Pflanzen und Tiere gesammelt wurde. Dieses Wissen ist völlig in Vergessenheit geraten, obgleich es weitaus umfangreicher und ausführlicher ist als das, was den Ärzten von heute darüber bekannt ist. Sie sehen zwar tagtäglich die Auswirkungen auf ihre Patienten, verstehen jedoch die Ursachen dafür nicht. Sie sind sich noch nicht einmal bewusst, dass dieses Wissen überhaupt existierte. Die Informationen hierüber sind sowohl formell als auch informell – Briefe von Personen, die ihre Erfahrungen beschreiben, Berichte in Zeitungen und Zeitschriften, medizinische Bücher und Abhandlungen, Vorträge auf Treffen wissenschaftlicher Gesellschaften und Artikel, die in neu gegründeten wissenschaftlichen Fachzeitschriften veröffentlicht wurden.

Bereits in den 1740er-Jahren bezogen sich zehn Prozent aller in den Philosophical Transactions veröffentlichten Artikel auf Elektrizität. Und während des letzten Jahrzehnts dieses Jahrhunderts hatten gut 70 Prozent aller Artikel über Elektrizität in der renommierten lateinischen Zeitschrift Commentarii de rebus in scientis naturali et medicina gestis mit ihrer medizinischen Verwendung und ihren Auswirkungen auf Tiere und Menschen zu tun.10

Trotz aller möglicher Bedenken: Die Schleusen standen weit offen und die Flut der Begeisterung für Elektrizität strömte ungehindert weiter – und sollte dies auch in den kommenden Jahrhunderten tun. Dabei fegte man kurzerhand alle Vorbehalte zur Seite und machte aus Gefahrenschildern sprichwörtlich Kleinholz. So wurden ganze Wissensgebiete zerstört und auf bloße Fußnoten in der Geschichte der Erfindung reduziert.

KAPITEL 2

Gehörlose werden hören und Gelähmte werden gehen

Ein birmanischer Elefant hat die gleichen Gene, egal ob er in einem Holzfällerlager schwere Arbeit leistet oder in freier Wildbahn lebt. Seine DNS gibt uns keine Auskunft über seine Lebensbedingungen. Ebenso sagen Elektronen nichts über die wohl interessantesten Aspekte der Elektrizität aus. Wir haben die Elektrizität – genauso wie Elefanten – dazu benutzt, unsere Lasten zu tragen und große Ladungen zu befördern. Und während wir Elefanten in Gefangenschaft hielten, haben wir auch ihr Verhalten und ihre Eigenschaften mehr oder weniger begriffen. Das darf uns aber nicht zu dem Glauben verleiten, dass wir deshalb das Leben ihrer Verwandten in freier Natur ebenso verstehen.

Was sind die Ursachen für Donner und Blitz, die dazu führen, dass Wolken elektrisiert werden und sich mit Heftigkeit auf die Erde entladen? Die Wissenschaft ist sich darüber immer noch nicht im Klaren. Warum hat die Erde eigentlich ein Magnetfeld? Was macht gekämmtes Haar kraus oder lässt Nylon haften und Luftballons an Wänden kleben? Gerade beim letzten Beispiel geht es um eines der häufigsten aller elektrischen Phänomene, das aber immer noch nicht vollends verstanden wird. Und wie arbeitet unser Gehirn, wie funktionieren unsere Nerven oder wie kommunizieren unsere Zellen? Wie ist das Wachstum unseres Körpers choreografiert? In dieser Hinsicht ist unser Wissen immer noch sehr begrenzt. Und die in diesem Buch aufgeworfene Frage – „Was sind die Auswirkungen von Elektrizität auf das Leben?“ – stellt die moderne Wissenschaft noch nicht einmal. Das einzige Anliegen der Wissenschaft ist es heute, die Exposition des Menschen unter einem Niveau zu halten, bei dem die Zellen buchstäblich gekocht werden. Über die Auswirkungen nicht tödlicher Elektrizität will die Mainstream-Wissenschaft nichts mehr wissen. Aber im achtzehnten Jahrhundert stellten Wissenschaftler nicht nur die Frage, sondern sie begannen auch, Antworten darauf zu liefern.

Frühe Reibungsmaschinen konnten auf etwa 10.000 Volt aufgeladen werden. Damit lässt sich ein heftiger Stromschlag auslösen, aber es ist nicht genug, um damals wie heute als gefährlich angesehen zu werden. Zum Vergleich: Eine Person kann beim Gehen über einen synthetischen Teppich 30.000 Volt in ihrem Körper ansammeln. Das Entladen schmerzt, führt aber nicht zum Tod.

Eine Leidener Flasche von einem halben Liter konnte einen heftigen Stromschlag von etwa 0,1 Joule Energie abgeben. Das ist aber immer noch in etwa hundertmal weniger als das, was als gefährlich gilt, und Tausende Male geringer als Stromschläge, die routinemäßig von Defibrillatoren abgegeben werden, um Menschen bei Herzstillstand wiederzubeleben. Laut der aktuellen Mainstream-Wissenschaft sollten die im 18. Jahrhundert verwendeten Funken, Stromschläge und winzigen Stromstärken keinerlei Auswirkungen auf die Gesundheit gehabt haben. Das war aber nicht der Fall.

Stellen Sie sich vor, Sie wären ein Patient im Jahr 1750, der an Arthritis leidet. Ihr Elektropraktiker würde Sie auf einen Stuhl mit Glasbeinen setzen, der somit gut vom Boden isoliert ist. Sobald Sie an die Reibungsmaschine angeschlossen sind, soll sich das „elektrische Fluidum“ nämlich in Ihrem Körper sammeln, anstatt sie in die Erde abzuleiten. Je nach der Philosophie Ihres Elektropraktikers, der Schwere Ihrer Erkrankung und Ihrer eigenen Toleranz gegenüber Elektrizität gab es verschiedene Möglichkeiten, Sie zu „elektrisieren“. Das „elektrische Bad“ ist die sanfteste Option. Hier halten Sie einfach eine Stange in der Hand, die mit dem Hauptleiter verbunden ist. Dann wird die Maschine minuten- oder stundenlang kontinuierlich angekurbelt, um deren Ladung auf Ihren ganzen Körper zu übertragen und eine elektrische „Aura“ um Sie herum zu schaffen. Wenn dies sanft genug geschieht, fühlen Sie nichts. Geradeso wie eine Person, die schlurfend über einen Teppich läuft und dabei ganz unbewusst eine Ladung im Körper ansammelt.

Nachdem Sie auf diese Weise „gebadet“ wurden, wird die Maschine angehalten. Jetzt werden Sie möglicherweise mit dem „elektrischen Wind“ behandelt. Strom entlädt sich am leichtesten aus spitz zulaufenden Leitern. Daher wird ein geerdeter, spitzer Metall- oder Holzstab dicht an Ihr schmerzhaftes Knie geführt. Sie würden wieder kaum etwas verspüren – vielleicht einen kleinen Windhauch – wenn die in Ihrem Körper angesammelte Ladung langsam über Ihr Knie in den geerdeten Stab abfließt.

Für einen stärkeren Effekt könnte Ihr Elektropraktiker einen Stab mit einem abgerundeten Ende verwenden. Er bringt damit anstelle von kontinuierlichem Strom tatsächliche Funken aus Ihrem kranken Knie hervor. Und wenn Ihr Zustand schwerwiegend sein sollte – zum Beispiel, wenn Ihr Bein gelähmt ist – lädt er möglicherweise eine kleine Leidener Flasche auf und versetzt Ihrem Bein eine Reihe starker Stromschläge.

Elektrizität war in zwei Empfindungsrichtungen erhältlich: die positive oder „glasartige“ Elektrizität, die durch Reiben von Glas erzeugt wurde, und die negative oder „harzartige“ Elektrizität, die ursprünglich durch Reiben von Schwefel oder verschiedenen Harzen entstand. Ihr Elektropraktiker würde Sie höchstwahrscheinlich mit positiver Elektrizität behandeln, da diese Variante normalerweise auf der Oberfläche eines gesunden Körpers zu finden ist.

Das Ziel der Elektrotherapie war es, die Gesundheit zu stimulieren, indem das elektrische Gleichgewicht des Körpers ausgeglichen und wiederhergestellt wurde. Die Idee war sicherlich nicht neu. In einem anderen Teil der Welt wurde die Nutzung natürlicher Elektrizität über Jahrtausende hinweg beherrscht und verfeinert. Akupunkturnadeln leiten, wie wir in Kapitel 9 sehen werden, atmosphärische Elektrizität in den Körper. Hier bewegt sie sich auf genau kartierten Pfaden, um dann durch andere Nadeln, die den Kreislauf vervollständigen, in die Atmosphäre zurückzukehren. Im Vergleich mit anderen Regionen steckte die Elektrotherapie in Europa und Amerika noch in den Kinderschuhen, obwohl sie vom Konzept her ähnlich war. Die hierbei verwendeten Instrumente waren allerdings so subtil wie ein Vorschlaghammer.

In der europäischen Medizin gab es im 18. Jahrhundert viele solcher Vorschlaghämmer. Wenn Sie wegen Ihres Rheumas zu einem konventionellen Arzt gingen, konnten Sie damit rechnen, dass dieser Sie zur Ader ließ, zum Erbrechen brachte, Abführmittel verabreichte, bei Ihnen Blasen hervorbrachte und Ihnen sogar Quecksilber verabreichte. Es ist deshalb verständlich, dass der Besuch beim Elektropraktiker eine sehr attraktive Alternative darstellte. Und so blieb es auch bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts.

Nach mehr als einem halben Jahrhundert uneingeschränkter Beliebtheit fiel die Elektrotherapie um 1800 vorübergehend in Ungnade. Grund dafür war eine Reaktion auf bestimmte Kulte. Einer entwickelte sich in Europa um Anton Mesmer und seine sogenannte „magnetische“ Heilung, ein anderer in Amerika um Elisha Perkins und seine „elektrischen“ Traktoren. Das waren ungefähr acht Zentimeter lange Metallstifte, die man über einem kranken Körperteil hin und her bewegte. Weder Mesmer noch Perkins benutzten Magnete oder Elektrizität, aber trotzdem umgab beide Methoden ihretwegen eine Zeit lang ein schlechter Ruf. Gegen Mitte des Jahrhunderts wurde die Elektrizität dann wieder Mainstream, sodass in den 1880er-Jahren 10.000 amerikanische Ärzte ihre Patienten damit behandelten.

Im frühen 20. Jahrhundert fiel die Elektrotherapie dann endgültig in Ungunst. Vielleicht war sie einfach nicht mehr mit dem, was sich seinerzeit auf der Welt abspielte, vereinbar. Elektrizität war keine subtile Kraft mehr, die etwas mit dem Leben zu tun hatte. Sie wurde nunmehr zu einem Dynamo, der fähig war, Lokomotiven anzutreiben und Gefangene hinzurichten. Die Heilung von Patienten trat dabei völlig in den Hintergrund. Die Funken, die von einer Reibungsmaschine anderthalb Jahrhunderte vor der Verdrahtung der Welt abgegeben wurden, riefen jetzt ganz andere Assoziationen als Gesundheit, Medizin und Therapie hervor.

Es besteht kein Zweifel daran, dass mit der Elektrizität sowohl ernsthafte als auch weniger ernste Krankheiten geheilt wurden. Die Erfolgsberichte über fast zwei Jahrhunderte waren zwar manchmal übertrieben, aber sie sind zu zahlreich und oft sehr detailliert und gut belegt, um sie pauschal beiseitezulegen. Sogar im frühen 19. Jahrhundert, als Elektrizität keinen guten Ruf hatte, tauchten weiterhin Berichte auf, die nicht ignoriert werden konnten. Beispielsweise nahm die London Electrical Dispensary zwischen dem 29. September 1793 und dem 4. Juni 1819 insgesamt 8.686 Patienten zur Behandlung mit Elektrizität auf. Von diesen wurden zur Zeit der Entlassung 3.962 als „geheilt“ und weitere 3.308 als „gelindert“ eingestuft. Das entspricht einer Erfolgsquote von 84 Prozent.1

Obwohl das Hauptaugenmerk dieses Kapitels auf den Auswirkungen liegt, die nicht unbedingt vorteilhaft sind, ist es dennoch wichtig, dass wir uns daran erinnern, warum die Gesellschaft des 18. Jahrhunderts genauso von der Elektrizität fasziniert war wie wir heute. Seit fast 300 Jahren neigen wir dazu, ihrem Nutzen nachzujagen und ihre schädlichen Nachteile vom Tisch zu wischen. Aber im 18. und 19. Jahrhundert war der tägliche Gebrauch von Elektrizität in der Medizin eine stetige Erinnerung daran, dass Elektrizität und Biologie eng miteinander verbunden waren. In unserer westlichen Welt steckt die Elektrizität als biologische Wissenschaft immer noch in den Kinderschuhen und ihre erfolgreichen Heilungen sind längst in Vergessenheit geraten. Lassen Sie mich nur eine davon in Erinnerung bringen.

Gehörlose werden hören

1851 wurde der große Neurologe Guillaume Benjamin Duchenne de Boulogne für etwas berühmt, für das er heutzutage am wenigsten bekannt ist. Als renommierte Persönlichkeit in der Geschichte der Medizin war er alles andere als ein bloßer Quacksalber: Er führte moderne Methoden der körperlichen Untersuchung ein, die immer noch angewendet werden. Er war der allererste Arzt, der an einer lebenden Person eine Biopsie zum Zweck einer Diagnose entnahm. Er veröffentlichte die erste klinisch genaue Beschreibung von Polio (Kinderlähmung). Eine Reihe von ihm identifizierter Krankheiten sind nach ihm benannt, insbesondere die Duchenne-Muskeldystrophie. Er ist aufgrund all dessen in Erinnerung geblieben. Aber zu seiner Zeit stand er wegen seiner Arbeit mit Gehörlosen etwas unfreiwillig im Zentrum der Aufmerksamkeit.

Duchenne kannte die Anatomie des Ohrs sehr genau. Tatsächlich bat er einige Gehörlose, sich freiwillig als Probanden für elektrische Experimente zu melden. Er war bestrebt, die Funktion der Chorda tympani, eines sich durch das Mittelohr ziehenden Nervs, näher zu erforschen. Die zufällige und unerwartete Verbesserung des Gehörs der Versuchspersonen führte dazu, dass Duchenne mit Anfragen seitens der Gehörlosen überschwemmt wurde. Sie wollten, dass er sie in Paris behandelte. Das war der Anfang seiner Arbeit mit einer großen Anzahl von Menschen, die aufgrund einer Nervenstörung taub waren. Er verwendete dafür einen für seine Forschung entwickelten Apparat, der genau in den Gehörgang passte und eine stimulierende Elektrode enthielt.

Den heutigen Lesern mag es unwahrscheinlich erscheinen, dass sein Verfahren überhaupt eine Wirkung hatte: Er setzte seine Patienten für jeweils fünf Sekunden Impulsen mit der allerschwächsten Stromstärke im Abstand von einer halben Sekunde aus. Dann erhöhte er allmählich die Stromstärke, jedoch nie auf ein schmerzhaftes Niveau und niemals länger als für jeweils fünf Sekunden. Und so stellte er auf diese Weise innerhalb von wenigen Tage oder Wochen das Hörvermögen eines 26-jährigen Mannes, der seit seinem zehnten Lebensjahr taub war, wieder her. Danach behandelte er einen 21-Jährigen, der wegen Masern im Alter von neun Jahren gehörlos geworden war. Schließlich heilte er auch eine junge Frau, die kurz zuvor aufgrund einer Überdosierung mit Chinin gegen Malaria taub geworden war, sowie zahlreiche andere mit teilweisem oder vollständigem Hörverlust.2

50 Jahre zuvor wurde ein Apotheker namens Johann Sprenger aus Jever in Deutschland aus einem ähnlichen Grund in ganz Europa berühmt. Obgleich ihn der Leiter des Instituts für Gehörlosigkeit in Berlin denunzierte, wurde er von den Gehörlosen selbst mit Bitten auf Behandlung überschwemmt. Seine Ergebnisse wurden in Gerichtsdokumenten bestätigt und seine Methoden wurden von zeitgenössischen Ärzten übernommen. Es wurde berichtet, dass er persönlich das Gehör von wenigstens 40 Gehörlosen und Schwerhörigen vollständig oder teilweise wiederhergestellt hat. Darunter waren einige, die von Geburt an taub waren. Seine Methoden waren, wie die von Duchenne, verblüffend einfach und sanft. Er stellte die Stromstärke je nach Empfindlichkeit seines Patienten schwächer oder stärker ein. Jede Behandlung bestand aus kurzen elektrischen Impulsen, die insgesamt vier Minuten pro Ohr im Abstand von einer Sekunde voneinander entfernt verabreicht wurden. Die Elektrode wurde für eine Minute auf den Tragus (den Knorpellappen vor dem Ohr), für zwei Minuten in den Gehörgang und für eine Minute auf den Mastoid hinter dem Ohr gelegt.

50 Jahre vor Sprenger berichtete der schwedische Arzt Johann Lindhult aus Stockholm von seinen Erfolgen mit der Elektrotherapie. Innerhalb von zwei Monaten stellte er das Gehör von vielen Personen entweder vollständig oder teilweise wieder her: bei einem 57-jährigen Mann, der seit 32 Jahren taub war, einem 22-jährigen Jugendlichen, dessen Hörverlust erst kurz vor der Behandlung aufgetreten war, einem taub geborenen 7-jährigen Mädchen, einem 29-jährigen jungen Mann, der seit seinem 11. Lebensjahr schwerhörig war, und einem Mann mit Hörverlust und Tinnitus im linken Ohr. „Alle Patienten“, schrieb Lindhult, „wurden mit schwachen elektrischen Impulsen behandelt, entweder mit einfachem Strom oder mit ‚elektrischem Wind‘.“ Im Jahr 1752 benutzte Lindhult eine Reibungsmaschine. Ein halbes Jahrhundert später verwendete Sprenger galvanischen Strom aus einem elektrischen Stapel, dem Vorläufer der heutigen Batterie. Wiederum ein halbes Jahrhundert später verwendete Duchenne Wechselstrom aus einer Induktionsspule. Der ebenso erfolgreiche britische Chirurg Michael La Beaume verwendete in den 1810er-Jahren eine Reibungsmaschine und später galvanischen Strom. Ihnen allen war gemein, dass sie darauf bestanden, ihre Behandlungen kurz, einfach und schmerzlos zu halten.

Elektrizität sehen und schmecken

Über den Versuch hinaus, Gehörlosigkeit, Blindheit und andere Krankheiten zu heilen, hatten die ersten Elektropraktiker ein intensives Interesse an der Frage, ob Elektrizität von den fünf Sinnen direkt wahrgenommen werden könnte. Auch das ist ein Phänomen, an dem Ingenieure heutzutage kein Interesse haben und über das unsere heutigen Ärzte nicht viel wissen. Eine Antwort darauf ist jedoch heute für alle, die an Elektrohypersensivität leiden, relevant.

Der spätere Entdecker Alexander von Humboldt stellte seinen eigenen Körper in seinen frühen 20er-Jahren zur Aufklärung dieses Geheimnisses zur Verfügung. Erst einige Jahre später verließ er Europa für eine langen Reise, die ihn weit den Orinoco hinauf und auf den Gipfel des Chimborazo treiben sollte. Entlang des Weges sammelte er Pflanzen und dokumentierte seine systematischen Beobachtungen der Sterne, der Erde und der Kulturen der amazonischen Völker. Ein halbes Jahrhundert verstrich, ehe er mit der Arbeit an seinem fünfbändigen Kosmos begann; ein Versuch, alle bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnisse zusammenzufassen. Aber als junger Mann, der den Bergbau im bayerischen Bayreuth beaufsichtigte, beschäftigte er sich in seiner Freizeit mit der zentralen Frage seiner Zeit.

Ist Elektrizität wirklich die allem zugrunde liegende Lebenskraft? Das fragten sich die Menschen. Diese Frage, die seit den Tagen von Isaac Newton leise an der Seele Europas nagte, wurde plötzlich sehr viel lauter. Sie verließ den hehren Bereich der Philosophie und wurde zum Tischgespräch der Allgemeinheit; ihre Kinder würden schließlich mit dem Ausgang dieser Gespräche leben müssen. Die elektrische Batterie, die durch den Kontakt unterschiedlicher Metalle Strom erzeugte, war gerade in Italien erfunden worden. Die Auswirkungen waren enorm: Reibungsmaschinen – sperrig, teuer, unzuverlässig und abhängig von atmosphärischen Bedingungen – waren jetzt möglicherweise nicht mehr nötig. Telegrafensysteme, die bereits von einigen Vordenkern entworfen wurden, könnten jetzt praktikabel werden. Und vielleicht kommen wir jetzt den Antworten auf Fragen über die Natur des elektrischen Fluidums näher.

In den frühen 1790er-Jahren stürzte sich Humboldt mit Begeisterung in diese Forschung. Er wollte unter anderem wissen, ob er diese neue Form der Elektrizität mit seinen eigenen Augen, Ohren, seiner Nase und den Geschmacksnerven wahrnehmen konnte. Andere führten ähnliche Experimente durch – Alessandro Volta in Italien, George Hunter und Richard Fowler in England, Christoph Pfaff in Deutschland, Peter Abilgaard in Dänemark – aber keiner so gründlich und sorgfältig wie Humboldt.

Bedenken Sie, dass wir heute, ohne weiter darüber nachzudenken, Neun-Volt-Batterien mit unseren Händen anfassen. Vergessen Sie auch nicht, dass Millionen von uns mit Zahnfüllungen aus Silber und Zink sowie Gold, Kupfer und anderen Metallen im Mund herumlaufen. Dann betrachten Sie folgendes Experiment von Humboldt mit einem Stück Zink und einem Stück Silber, das eine elektrische Spannung von etwa einem Volt erzeugte:

„Ein großer Jagdhund, von Natur aus faul, ließ sich sehr geduldig ein Stück Zink gegen seinen Gaumen legen. Er reagierte auch nicht, als ein weiteres Stück Zink mit dem ersten Stück und seiner Zunge in Kontakt gebracht wurde. Aber sobald man seine Zunge mit dem Silber berührte, zeigte er seine Abneigung auf komische Weise: Seine Oberlippe verkrampfte sich, und daraufhin leckte er sich für lange Zeit. Sobald man ihm nach dieser Erfahrung ein Stückchen Zink zeigte, erinnerte er sich an sein Erlebnis und wurde aggressiv.“

Die Leichtigkeit, mit der Elektrizität wahrgenommen werden kann, und die Vielfalt der Empfindungen wären heute für die meisten Ärzte eine Offenbarung. Als Humboldt mit dem Stück Zink die Oberseite seiner eigenen Zunge und mit dem Stück Silber die Zungenspitze berührte, war der Geschmack stark und bitter. Als er das Stück Silber unter die Zunge schob, brannte sie. Wenn er das Zink weiter nach hinten und das Silber nach vorne bewegte, fühlte sich seine Zunge kalt an. Und als er dann das Zinkstück noch weiter nach hinten schob, wurde ihm übel und manchmal erbrach er sich sogar. Das passierte nie, wenn die beiden Metallstücke aus demselben Material bestanden. Die Empfindungen traten immer dann auf, sobald die Zink- und Silberstücke in metallischen Kontakt miteinander gebracht wurden.3

Ein Sehgefühl ließ sich ebenso leicht mit vier verschiedenen Methoden unter Verwendung derselben Ein-Volt-Batterie auslösen: durch Anbringen des silbernen „Ankers“ auf einem angefeuchteten Augenlid und dem aus Zink auf dem anderen; oder einer in einem Nasenloch und der andere auf einem Auge; oder einer auf der Zunge und einer auf dem Auge; oder sogar einer auf der Zunge und einer gegen das obere Zahnfleisch. In dem Moment, in dem sich die beiden Metalle berührten, sah Humboldt jedes Mal einen Lichtblitz. Wenn er das Experiment zu oft wiederholte, entzündeten sich seine Augen.

In Italien gelang es Volta, dem Erfinder der elektrischen Batterie, ein Klanggefühl hervorzurufen. Dazu verwendete er nicht ein einziges Metallpaar, sondern 30, die an Elektroden in jedem Ohr angebracht wurden. Bei den Metallen, die er ursprünglich in seinem „Stapel“ verwendete und bei denen Wasser als Elektrolyt benutzt wurde, handelte es sich möglicherweise um eine Batterie von ca. 20 Volt. Volta hörte nur ein Knistern. Das hätte aber auch durch eine mechanische Wirkung auf seine Mittelohrknochen hervorgerufen werden können. Daraufhin wiederholte er das Experiment nicht mehr, weil er befürchtete, dass der Schock für sein Gehirn gefährlich sein könnte.4 Wie wir in Kapitel 15 sehen werden, blieb es dem deutschen Arzt Rudolf Brenner 70 Jahre später überlassen, mit verfeinerten Geräten und kleineren Stromstärken die tatsächlichen Auswirkungen auf den Hörnerv zu demonstrieren.

Den Herzschlag beschleunigen und verlangsamen

In Deutschland richtete Humboldt währenddessen seine Aufmerksamkeit auf das Herz. Dafür verwendete er wieder dieselben Einzelstücke aus Zink und Silber. Zusammen mit seinem älteren Bruder Wilhelm und unter Aufsicht renommierter Physiologen entfernte Humboldt einem Fuchs das Herz. Dann bereitete er eine der Nervenfasern vor, damit die Anker darauf angebracht werden konnten, ohne das Herz selbst zu berühren. „Bei jedem Kontakt mit den Metallen änderten sich die Pulsationen des Herzens deutlich. Ihre Geschwindigkeit, vor allem aber ihre Intensität und ihre Höhe wurden gesteigert“, notierte er.

Danach experimentierten die Brüder mit Fröschen, Eidechsen und Kröten. Wenn das sezierte Herz 21 Mal pro Minute schlug, so waren es nach der Galvanisierung 38 bis 42 Mal pro Minute. Wenn das Herz fünf Minuten lang aufgehört hatte zu schlagen, startete es sofort wieder, sobald es mit den beiden Metallen in Kontakt gebracht wurde.

Zusammen mit einem Freund in Leipzig stimulierte Humboldt das Herz eines Karpfens, das fast aufgehört hatte zu schlagen und nur alle vier Minuten noch einmal pulsierte. Während eine Herzmassage erfolglos blieb, stellte die Galvanisierung die Frequenz wieder auf 35 Schläge pro Minute her. Die zwei Freunde stimulierten das Herz wiederholt mit einem einzigen Paar unterschiedlicher Metalle und es gelang ihnen, es fast eine Viertelstunde lang weiterschlagen zu lassen.

Bei einer anderen Gelegenheit gelang es Humboldt sogar, einen sterbenden Hänfling wiederzubeleben. Der Vogel lag mit geschlossenen Augen auf dem Rücken und reagierte nicht einmal auf einen Nadelstich. „Ich beeilte mich, ein kleines Stückchen Zink in seinen Schnabel und ein kleines Stück Silber in sein Rektum zu schieben“, schrieb er, „und stellte sofort mit einem Eisenstab eine Verbindung zwischen den beiden Metallen her. Ich konnte es kaum glauben, als der Vogel zum Zeitpunkt des Kontakts die Augen öffnete, sich auf die Füße stellte und mit den Flügeln schlug. Er atmete noch einmal sechs oder acht Minuten lang und starb dann ruhig.“5

Niemand hat je bewiesen, dass eine Ein-Volt-Batterie ein menschliches Herz wieder zum Schlagen bringen kann, aber Dutzende von Beobachtern vor Humboldt berichteten, dass Elektrizität die menschliche Pulsfrequenz erhöht. Dieses Wissen besitzen die heutigen Ärzte nicht mehr. Die deutschen Ärzte Christian Gottlieb Kratzenstein6 und Carl Abraham Gerhard,7 der deutsche Physiker Celestin Steiglehner,8 der Schweizer Physiker Jean Jallabert,9 die französischen Ärzte François Boissier de Sauvages de la Croix,10 Pierre Mauduyt de la Varenne11 und Jean-Baptiste Bonnefoy,12 der französische Physiker Joseph Sigaud de la Fond13 und die italienischen Ärzte Eusebio Sguario14 und Giovan Giuseppi Veratti15 waren nur einige der Beobachter, die berichteten, dass ein elektrisches Bad die Pulsfrequenz bei Verwendung von positiver Elektrizität um fünf bis 30 Schläge pro Minute erhöhte. Negative Elektrizität hatte den gegenteiligen Effekt. 1785 führte der niederländische Apotheker Willem van Barneveld 169 Studien mit 43 seiner Patienten durch. Die Probanden waren Männer, Frauen und Kinder im Alter von neun bis 60 Jahren. Bei einem Bad mit positiver Elektrizität konnte man durchschnittlich eine Erhöhung der Pulsfrequenz um fünf Prozent feststellen. Wurde die Person stattdessen in negativer Elektrizität gebadet, ergab sich eine Senkung der Pulsfrequenz um drei Prozent.16 Wenn positive Funken erzeugt wurden, erhöhte sich der Puls um 20 Prozent.

Dies waren jedoch nur Durchschnittswerte: Keine zwei Personen reagierten in der gleichen Weise auf Elektrizität. Während der Puls einer Person stets von 60 auf 90 Schläge pro Minute anstieg, verdoppelte er sich bei einer anderen immer; bei manchen schlug er viel langsamer und wieder andere reagierten überhaupt nicht. Bei einigen von van Barnevelds Versuchspersonen war die Reaktion sogar genau das Gegenteil von der der Mehrheit: Eine negative Ladung beschleunigte immer ihren Puls, während eine positive Ladung ihn verlangsamte.

„Istupidimento“

Solche Beobachtungen tauchten jetzt in schneller Abfolge und in großer Zahl auf. Dadurch wurde bis zum Ende des 18. Jahrhunderts ein grundlegendes Wissen über die Auswirkungen des elektrischen Fluidums – normalerweise der positiven Sorte – auf den menschlichen Körper aufgebaut. Wie wir gesehen haben, erhöhte sie sowohl die Pulsfrequenz als auch die Stärke des Pulses. Sie vermehrte alle Sekretionen des Körpers. Elektrizität verursachte Speichelfluss, ließ Tränen fließen und Schweiß rinnen. Sie verursachte die Sekretion von Ohrenschmalz und Nasenschleim. Sie ließ die Magensäfte fließen und stimulierte den Appetit. Sie konnte den Milchflussreflex sowie die Menstruationsblutung auslösen. Sie verursachte ein verstärktes Urinieren bei Menschen und regte die Darmentleerung an.

Für die Elektrotherapie waren die meisten dieser Vorgänge nützlich und würden dies auch bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts bleiben. Andere Wirkungen waren jedoch völlig unerwünscht. Die Elektrifizierung verursachte fast immer ein Schwindelgefühl und manchmal eine Art geistige Verwirrung oder „istupidimento“, wie die Italiener es nannten.17 Sie erzeugte häufig Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwäche, Müdigkeit und Herzklopfen. Manchmal verursachte sie Kurzatmigkeit, Husten oder asthmaähnliches Keuchen. Sie löste auch öfters Muskel- und Gelenkschmerzen und mitunter psychische Depressionen aus. Obwohl Elektrizität normalerweise dazu führte, dass sich der Darm – oft mit Durchfall verbunden – entleerte, konnte eine wiederholte Elektrifizierung zu Verstopfung führen.

Elektrizität verursachte sowohl Schläfrigkeit als auch Schlaflosigkeit.

Humboldt stellte in Experimenten an sich selbst fest, dass Elektrizität den Blutfluss aus Wunden erhöhte und verstärkt zur Entleerung von Blasenflüssigkeit führte.18 Gerhard teilte ein Pfund frisch entnommenes Blut in zwei gleiche Teile, stellte diese nebeneinander und elektrifizierte einen davon. Die Gerinnung des elektrifizierten Bluts dauerte länger.19 Antoine Thillaye-Platel, Apotheker im Hôtel-Dieu, dem berühmten Krankenhaus in Paris, bestätigte, dass Elektrizität bei Blutungen kontraindiziert sei.20 Zahlreiche Berichte über Nasenbluten durch Elektrifizierung decken sich mit diesen Beobachtungen. Winkler und seine Frau bekamen, wie bereits erwähnt, Nasenbluten durch den Stromschlag einer Leidener Flasche. Der schottische Arzt und Anatom Alexander Monro ist für die Entdeckung der Funktion des Lymphsystems bekannt. In den 1790er-Jahren bekam er Nasenbluten durch eine einzige Ein-Volt-Batterie, wann immer er versuchte, ein Empfinden von Licht in seinen Augen hervorzurufen. „Dr. Monro war vom Galvanismus so angeregt, dass er aus der Nase blutete, als er das Zinkstück sehr sanft in seine Nasenhöhlen einführte und es mit einem auf seine Zunge aufgebrachten Anker in Kontakt brachte. Die Blutung fand immer in dem Moment statt, in dem die Lichter auftauchten.“ So berichtete Humboldt.21 In den frühen 1800er-Jahren beobachtete Conrad Quensel in Stockholm, dass Galvanismus „häufig“ Nasenbluten verursachte.22

Liniengravur von Abbé Nollet, Recherches sur les Causes Particulières des Phénomènes Électriques, Paris: Frères Guérin, 1753

Abbé Nollet bewies, dass mindestens einer dieser Effekte – Schweiß – schon allein dadurch verursacht wurde, dass man sich in einem elektrischen Feld befand. Der tatsächliche Kontakt mit der Reibungsmaschine war nicht einmal notwendig. Er hatte Katzen, Tauben, verschiedene Arten von Singvögeln und schließlich auch Menschen elektrifiziert. Er führte sorgfältig kontrollierte, wiederholbare Experimente mit modern anmutenden Datentabellen durch. So konnte er bei all seinen elektrifizierten Probanden einen messbaren Gewichtsverlust aufgrund einer erhöhten Verdunstung über ihre Haut belegen. Er elektrifizierte sogar 400 Stubenfliegen vier Stunden lang in einem mit Gaze bedeckten Gefäß. Er stellte fest, dass auch sie Gewicht verloren hatten – 4 Korn (ca. 0,25 Gramm) mehr als ihre nicht elektrifizierten Gegenstücke in der gleichen Zeit.

Dann hatte Nollet die Idee, seine Probanden auf den Boden unter dem elektrifizierten Metallkäfig zu stellen, anstatt dort hinein. Sie verloren genauso so viel und sogar ein wenig mehr Gewicht als bei dem Versuch, in dem sie selbst elektrifiziert wurden. Nollet hatte auch eine Beschleunigung des Wachstums von Sämlingen beobachtet, die in elektrifizierten Töpfen keimten; dies geschah auch, wenn die Töpfe nur auf den Boden darunter gestellt wurden. „Schließlich“, schrieb Nollet, „ließ ich eine Person fünf Stunden lang auf einem Tisch in der Nähe des elektrifizierten Metallkäfigs sitzen.“ Die junge Frau dieses Versuches verlor 15 Gramm mehr Gewicht als in dem Versuch, in dem sie selbst elektrisiert worden war.23

Nollet war somit die erste Person, die 1753 über signifikante biologische Effekte der Exposition gegenüber einem elektrischen Gleichstromfeld berichtete – ein Feld, das laut der heutigen gängigen Wissenschaft keinerlei Auswirkungen hat. Sein Experiment wurde später von Steiglehner, Professor für Physik an der Universität Ingolstadt in Bayern, mit einem Vogel mit ähnlichen Ergebnissen wiederholt.24

In Tabelle 1 sind die Auswirkungen einer elektrischen Ladung oder kleiner Gleichstromströme auf den Menschen aufgeführt, die von den meisten frühen Elektropraktikern gemeldet wurden. Elektrisch sensible Menschen werden heute die meisten, wenn nicht alle, erkennen.

Tabelle 1 Auswirkungen der Elektrizität nach Berichten aus dem 18. Jahrhundert

Therapeutische und neutrale Auswirkungen

Nichttherapeutische Auswirkungen

Änderung der Pulsfrequenz

Schwindelgefühl

Geschmacks-, Licht- und Geräuschempfindungen

Übelkeit Kopfschmerzen

Erhöhte Körpertemperatur

Nervosität

Schmerzlinderung

Reizbarkeit

Wiederherstellung des Muskeltonus

Geistige Verwirrung

Appetitanregung

Depression

Geistiges Hochgefühl

Schlaflosigkeit

Sedierung

Schläfrigkeit

Schwitzen

Ermüdung

Speichelfluss

Schwäche

Sekretion von Ohrenschmalz

Gefühlstaubheit und Kribbeln

Schleimsekretion

Muskel- und Gelenkschmerzen

Menstruation, Uteruskontraktion

Muskelspasmen und -krämpfe, Rückenschmerzen

Laktation

Herzklopfen

Tränensekretion

Brustschmerzen

Urinieren

Kolik

Defäkation

Durchfall

 

Verstopfung

 

Nasenbluten, Blutung

 

Juckreiz

 

Zittern

 

Anfälle

 

Lähmung

 

Fieber

 

Infektionen der Atemwege

 

Atemnot

 

Husten

 

Keuchen und Asthmaanfälle

 

Augenschmerzen, Schwäche und Müdigkeit

 

Ohrgeräusche

 

Metallischer Geschmack

KAPITEL 3

Elektrosensibilität

„Ich habe die elektrischen Experimente fast völlig aufgegeben.“ Der Verfasser dieser Worte bezog sich hier auf seine eigene Unfähigkeit, Elektrizität zu vertragen. Damit sind wir nicht etwa in der modernen Ära der Wechselströme und Radiowellen angelangt, sondern noch in der Mitte des 18. Jahrhunderts, als es nur statische Elektrizität gab. Der französische Botaniker Thomas-François Dalibard vertraute Benjamin Franklin seine Gründe erstmals in einem Brief vom Februar 1762 an. „Zum einen haben die verschiedenen Stromschläge mein Nervensystem so stark angegriffen, dass mein Arm krampfhaft zittert. Ich kann kaum ein Glas an den Mund führen. Und wenn ich jetzt einen elektrischen Funken berühren würde, könnte ich 24 Stunden lang nicht einmal meinen Namen schreiben. Zum anderen fällt mir auf, dass es mir nunmehr fast unmöglich ist, einen Brief zu versiegeln. Die Elektrizität des spanischen Harzes überträgt sich nämlich auf meinen Arm und verstärkt mein Zittern.“

Dalibard war nicht der Einzige mit diesem Problem. Das im Jahr 1752 von Benjamin Wilsons veröffentlichte Buch A Treatise on Electricity trug dazu bei, die Popularität von Elektrizität in England zu fördern; leider erging es ihm selbst nicht so gut dabei. „Nachdem ich diese Stromschläge oft mehrere Wochen lang wiederholt hatte“, schrieb er, „war ich letztendlich so geschwächt, dass mir bereits eine sehr geringe Ladung aus der Phiole große Schläge zuführte und außergewöhnlich starke Schmerzen auslöste. Deshalb musste ich weitere Versuche unterlassen.“ Selbst das Reiben einer Glaskugel mit der Hand – die allgemein übliche elektrische Maschine seiner Zeit – bereitete ihm „sehr heftige Kopfschmerzen“.1

Der Autor des ersten deutschsprachigen Buches, das ausschließlich der Elektrizität gewidmet war, des 1744 erschienenen Werkes Neu-Entdeckte Phaenomena von Bewunderns-würdigen Würckungen der Natur … wurde auf einer Seite seines Körpers allmählich gelähmt. Johann Doppelmayr, Professor für Mathematik in Nürnberg, den man den ersten elektrischen Märtyrer nennt, beharrte trotzdem hartnäckig auf seinen Forschungen. Er starb 1750 nach einem seiner elektrischen Experimente an einem Schlag.2

Diese Männer waren nur drei der frühesten Opfer – drei Wissenschaftler, die zur Entstehung einer elektrischen Revolution beigetragen haben, an der sie selbst nicht teilnehmen konnten.

Sogar Franklin entwickelte eine chronische neurologische Erkrankung, deren Beginn sich auf die Zeit seiner frühen elektrischen Forschungen zurückführen ließ. Sie trat für den Rest seines Lebens regelmäßig immer wieder auf. Obwohl er auch an der Gicht litt, machte ihm jenes Problem viel mehr zu schaffen. Am 15. März 1753 schrieb er über einen Schmerz in seinem Kopf: „Ich wünschte, er wäre in meinem Fuß; ich denke, ich könnte es besser ertragen.“ Als er 1757 in London war, erlitt er einen Rückfall, der fast fünf Monate andauerte. Er schrieb an seinen Arzt über „ein Schwindelgefühl und Schwimmen in meinem Kopf“, „einen Brummton“ und „kleine, schwache funkelnde Lichter“, die sein Sehvermögen störten. Mit einer häufig erwähnten „heftigen Erkältung“ ging in seiner Korrespondenz so gut wie immer eine Beschreibung desselben Schmerzes, eines Schwindelgefühls und von Sehstörungen einher.3 Im Gegensatz zu seinem Freund Dalibard erkannte Franklin jedoch nie eine Verbindung zur Elektrizität.

Jean Morin, Professor für Physik am Collège Royale de Chartres und Autor der Nouvelle Dissertation sur l’Électricité aus dem Jahr 1748, hielt es grundsätzlich für ungesund, sich der Elektrizität in irgendeiner Form auszusetzen. Um seinen Standpunkt zu veranschaulichen, beschrieb er ein Experiment, das er nicht mit einer Reibungsmaschine, sondern mit seiner Hauskatze durchgeführt hatte. „Ich streckte eine große Katze auf der Bettdecke aus“, berichtete er. „Ich rieb sie, und in der Dunkelheit sah ich Funken fliegen.“ Er machte damit mehr als eine halbe Stunde weiter. „Tausend winzige Feuerzungen flogen hin und her. Bei fortgesetzter Reibung wuchsen die Funken, bis sie wie haselnussgroße Kugeln oder Feuerkugeln aussahen … Als ich meine Augen etwas näher an eine der Kugeln führte, fühlte ich sofort ein lebhaftes und schmerzhaftes Stechen in meinen Augen. Obwohl der Rest meines Körpers den Stromschlag nicht verspürte, folgte dem Schmerz ein akutes Schwächegefühl. Ich fiel um, meine Kraft versagte, und – wenn man das so sagen kann – musste ich dagegen ankämpfen, in Ohnmacht zu fallen. Ich bekämpfte meine eigene Schwäche, von der ich mich einige Minuten lang nicht erholte.“4

Solche Reaktionen waren allerdings nicht allein Wissenschaftlern vorbehalten. Was heute nur wenigen Ärzten bekannt ist, war den Elektropraktikern des 18. Jahrhunderts und den ihnen folgenden Elektrotherapeuten des 19. Jahrhunderts geläufig: Die Elektrizität hatte Nebenwirkungen. Dabei zeigten einige Menschen eine ausgesprochen große elektrische Empfindlichkeit. Bei anderen wiederum war das unerklärlicherweise nicht der Fall. „Es gibt Personen“, schrieb der Physiker aus dem Languedoc, Pierre Bertholon, 1780, „die auf künstliche Elektrizität ausgesprochen stark reagieren. Ein kleiner Stromschlag, ein einfacher Funke, selbst das elektrische Bad – so schwach es auch sein mag – erzeugte tiefgreifende und dauerhafte Auswirkungen. Bei anderen wiederum stellte ich fest, dass sogar starke elektrische Vorgänge überhaupt keine Empfindung zu verursachen schienen … Zwischen diesen beiden Extremen gibt es entsprechend der individuellen Unterschiede der Menschen viele Nuancen.“5

Die zahlreichen Experimente von Sigaud de la Fond mit Menschenketten führten nie zweimal zum selben Ergebnis. „Es gibt Menschen, für die Elektrizität verhängnisvoll und sehr schädlich sein kann“, erklärte er. „Die Auswirkung hängt vom körperlichen Zustand derjenigen ab, die sie verspüren. Darüber hinaus spielt die Empfindlichkeit oder Reizbarkeit ihrer Nerven auch eine Rolle, so dass es in einer Kette aus vielen Personen mit großer Wahrscheinlichkeit nicht zwei gibt, die den Stromschlag mit genau derselben Intensität wahrnehmen.“6

Der Arzt Mauduyt befand 1776: „Die körperliche Verfassung hängt in hohem Maße von der Kommunikation zwischen Gehirn, Rückenmark und verschiedenen anderen Teilen über die Nerven ab. Diejenigen, bei denen diese Kommunikation beeinträchtigt ist oder die unter einer nervösen Krankheit leiden, sind dann stärker betroffen als andere.“7

Nur wenige andere Wissenschaftler haben versucht, diese Unterschiede zu erklären. Sie stellten sie einfach als Tatsache hin. So alltäglich wie die Tatsache, dass manche Menschen dick oder dünn und manche groß oder klein sind – aber dennoch eine Tatsache, die zu berücksichtigen war, wenn man Elektrizität als eine Behandlungsmethode anbieten oder Menschen ihr anderweitig aussetzen wollte.

Sogar Abbé Nollet, der die menschliche Kette populär machte und einer der wichtigsten Vorreiter auf dem Gebiet der Elektrizität war, berichtete von Beginn seiner Aktionen an über die Unterschiede der menschlichen Verfassung. „Besonders schwangere Frauen und zarte Personen“, schrieb er im Jahr 1746, „sollten der Elektrizität nicht ausgesetzt werden.“ Und später: „Nicht alle Menschen sind gleichermaßen für Experimente mit der Elektrizität geeignet; es bestehen große Unterschiede, sei es, um ihre Kraft auszulösen, sie zu empfangen oder letztendlich ihre Wirkung zu spüren.“8

Der britische Arzt William Stukeley war bereits 1749 mit den Nebenwirkungen der Elektrizität so vertraut, dass er nach einem Erdbeben in London am 8. März desselben Jahres beobachtete: „Manche Menschen verspürten Gelenkschmerzen, Rheuma, Übelkeit, Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, hysterische und nervöse Störungen … genau wie bei der Elektrifizierung; und für einige war es sogar tödlich.“9 Für ihn war damit klar, dass elektrische Phänomene bei Erdbeben eine wichtige Rolle spielten.

Und Humboldt war so erstaunt über die außergewöhnlich breite Vielfalt der menschlichen Reaktion, dass er im Jahr 1797 schrieb: „Es wird beobachtet, dass die Empfindlichkeit für elektrische Reizungen und die elektrische Leitfähigkeit individual genauso verschieden ist, wie die Phänomene der lebenden und toten Materie.“10

Obwohl der heute wieder verwendete Begriff „Elektrosensibilität“ eine glasklare Wahrheit offenbart, verbirgt er gleichzeitig eine andere Realität. Die Wahrheit ist, dass nicht jeder die Elektrizität in gleichem Maße fühlt oder leitet. In der Tat, wenn es allgemein bekannt wäre, wie groß das Spektrum der Empfindlichkeit tatsächlich ist, wären die meisten Menschen genauso erstaunt wie Humboldt seinerzeit und wie ich es heute noch bin. Aber die verborgene Realität ist, dass die Elektrizität, so groß die offensichtlichen Unterschiede zwischen uns auch sein mögen, immer noch ein unentbehrlicher Bestandteil unseres Selbst ist, so notwendig für das Leben wie Luft und Wasser. Der Gedanke, dass eine Person von Elektrizität nicht beeinflusst wird, nur weil sie sich dessen nicht bewusst ist, ist absurd. Genauso unsinnig, als würde man sagen, dass Blut nur dann durch unsere Adern fließt, wenn wir Durst verspüren.

Elektrisch empfindliche Menschen beschweren sich heutzutage über Stromleitungen, Computer und Mobiltelefone. Die Menge an elektrischer Energie, die durch all diese Technologien nebenbei zusätzlich in unserem Körper abgelagert wird, ist weitaus größer als die, die von den Elektropraktikern mit den Maschinen, die ihnen im 18. und frühen 19. Jahrhundert zur Verfügung standen, absichtlich verabreicht wurde. Das durchschnittliche Mobiltelefon beispielsweise lagert pro Sekunde etwa 0,1 Joule Energie in Ihrem Gehirn ab. Bei einem einstündigen Telefonat sind das 360 Joule. Vergleichen Sie dies mit einem Maximum von nur 0,1 Joule aus der vollständigen Entladung einer Leidener Halbliter-Flasche. Sogar der 30-Element-Elektrostapel, den Volta an seinen Gehörgängen befestigte, hätte in einer Stunde nicht mehr als 150 Joule liefern können, selbst wenn die gesamte Energie von seinem Körper absorbiert worden wäre.

Bedenken Sie auch, dass sich auf der Oberfläche von Computerbildschirmen – sowohl bei klassischen Desktop-Computern als auch bei drahtlosen Laptops jüngeren Datums – bei jedem Gebrauch eine statische Ladung von Tausenden von Volt ansammelt und sich ein Teil dieser Ladung auf die Oberfläche Ihres Körpers überträgt, wenn Sie davorsitzen. Dies ist wahrscheinlich eine geringere Aufladung als die, die mit dem elektrischen Bad bereitgestellt wurde. Niemand jedoch wurde im 18. Jahrhundert vierzig Stunden pro Woche elektrisch gebadet.

So gesehen ist die Elektrotherapie in der Tat ein Anachronismus. Im 21. Jahrhundert sind wir alle betroffen, ob es uns gefällt oder nicht. Selbst wenn der gelegentliche Gebrauch für einige einstmals von Vorteil war, ist es unwahrscheinlich, dass ein ständiges Bombardement dies auch ist. Und moderne Forscher, die bestrebt sind, die biologischen Auswirkungen von Elektrizität zu ermitteln, sind in gewisser Weise wie Fische, die die Effekte von Wasser bestimmen wollen. Ihre Vorgänger im 18. Jahrhundert waren in einer viel besseren Position, die Wirkungen aufzuzeichnen, weil damals die Welt noch nicht davon überflutet war.

Das zweite von Humboldt aufgezeigte Phänomen hat tiefgreifende Auswirkungen sowohl auf die moderne Technologie als auch auf die moderne Medizin: Einige Menschen waren gegenüber der Auswirkung der Elektrizität empfindlicher als andere. Aber das war nicht alles. Sie unterschieden sich auch individuell extrem stark in ihrer Fähigkeit, diese zu leiten, und auch in ihrer Tendenz, eine Ladung auf der Oberfläche ihres Körpers anzusammeln. Für manche Menschen war es sogar unvermeidbar, überall eine Ladung aufzunehmen – allein schon dadurch, dass sie sich bewegten und atmeten. Sie waren sprichwörtliche Funkenerzeuger, wie jene Frau aus der Schweiz, von der der schottische Schriftsteller Patrick Brydone auf seinen Reisen hörte. Ihre Funken und Stromschläge, schrieb er, waren „an einem klaren Tag oder während des Durchzugs von Gewitterwolken am stärksten, wenn die Luft bekanntermaßen mit diesem Fluidum angereichert ist“.11 Solche Personen unterschieden sich physiologisch von anderen.

Und umgekehrt wurden menschliche Nichtleiter entdeckt, d. h. Menschen, die auch bei angefeuchteten Händen die Elektrizität so schlecht leiteten, dass ihre Anwesenheit in einer Menschenkette den Stromfluss regelrecht unterbrach. Humboldt führte viele Experimente dieser Art mit sogenannten „präparierten Fröschen“ durch. In einer Kette aus acht Personen ergriff die Person an einem Ende einen Draht, der mit dem Ischiasnerv eines Frosches verbunden war. Gleichzeitig ergriff die Person am anderen Ende den Draht, der mit dem Oberschenkelmuskel des Frosches verbunden war. Damit war der Schaltkreis geschlossen und brachte den Muskel zum Zucken. Das geschah jedoch nicht, wenn eine der Personen in der Kette ein menschlicher Nichtleiter war. Humboldt selbst unterbrach eines Tages die Kette, als er Fieber hatte und so vorübergehend ein Nichtleiter war. Er konnte an diesem Tag auch nicht den Lichtblitz in seinen Augen mit Strom auslösen.12

Die Transactions of the American Philosophical Society für das Jahr 1786 enthalten einen ähnlich lautenden Bericht von Henry Flagg über Experimente in Rio Essequibo (heute Guyana). Hier ergriff eine aus vielen Personen bestehende Kette die beiden Enden eines elektrischen Aals. „Wenn jemand anwesend war, der grundsätzlich körperlich nicht dazu geeignet war, die Wirkung des elektrischen Fluidums zu empfangen“, schrieb Flagg, „so bekam diese Person im Moment des Kontakts mit dem Fisch keinen Stromschlag.“ In diesem Zusammenhang erwähnte Flagg eine Frau, die genau wie Humboldt zum Zeitpunkt des Experiments leichtes Fieber hatte.

Dies veranlasste einige Wissenschaftler des 18. Jahrhunderts zu der Annahme, dass sowohl die elektrische Empfindlichkeit als auch die elektrische Leitfähigkeit Indikatoren für den allgemeinen Gesundheitszustand eines Menschen sind. Bertholon beobachtete, dass eine Leidener Flasche bei einem Patienten mit Fieber, schwächere Funken langsamer erzeugte als eine identische Flasche bei einer gesunden Person. Bei Schüttelfrost-Anfällen war genau das Gegenteil der Fall: Der Patient schien dann eine Art Supraleiter zu sein und die von ihm oder ihr erzeugten Funken waren stärker als normal.

Laut Benjamin Martin kann „eine Person, die Pocken hat, kein bisschen elektrifiziert werden“.13

Trotz der obigen Beobachtungen waren weder die elektrische Empfindlichkeit noch die elektrische Leitfähigkeit zuverlässige Indikatoren für eine gute oder schlechte Gesundheit. Meistens schien es sich hierbei um willkürliche Eigenschaften zu handeln. Musschenbroek beispielsweise erwähnte in seinem Cours de Physique drei Personen, bei denen es ihm niemals gelang, egal wann, sie zu elektrifizieren. Dabei handelte es sich um einen kräftigen, gesunden 50-jährigen Mann; eine gesunde, gut aussehende 40-jährige Mutter von zwei Kindern und einen 23-jährigen gelähmten Mann.14

Das Alter und Geschlecht schienen eine Rolle zu spielen. Bertholon glaubte, dass Elektrizität einen größeren Einfluss auf reife junge Männer hatte als auf Säuglinge oder ältere Menschen.15 Der französische Chirurg Antoine Louis stimmte dem zu. „Ein Mann von 25 Jahren“, schrieb er, „ist leichter zu elektrifizieren als ein Kind oder eine alte Person.“16