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12.30 Uhr ist die bekannteste Sendezeit im Radio der deutschen Schweiz. Seit rund 90 Jahren sind die Mittagsnachrichten unverrückt im Programm, und Generationen informierten und informieren sich zu dieser Stunde über das Neueste. Allerdings hat sich die Medienlandschaft dramatisch verändert, und das Radio hat an Bedeutung verloren. Social Media faszinieren seit einigen Jahren die Gesellschaft und machen es möglich, dass jeder zum Informanten wird. Kurt Witschi zeigt auf, welche Entwicklung die Nachrichten am Radio hinter sich und wie sich im Lauf der Jahrzehnte die Form der Nachrichten und Arbeitsbedingungen in den Redaktionen geändert haben; er zeigt, 'wie es früher war' und welch zögerlicher, gar mühsamer Prozess am Anfang des Mediums Radio dessen Informationsarbeit behinderte. Ein zentrales Kapitel ist auch der Frage gewidmet, wie die Schweizer Radionachrichten im Zweiten Weltkrieg informierten.
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Seitenzahl: 294
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Kurt Witschi
Die Zeit:
12.30Uhr
90Jahre Nachrichten im Schweizer Radio
Autor und Verlag danken für die freundliche Unterstützung durch
Generaldirektion der SRG
Pro Helvetia, Schweizer Kulturstiftung
Schweizerische Depeschenagentur SDA
SRG Bern Freiburg Wallis
Stiftung für Radio und Kultur Schweiz srks/fsrc
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation
in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten
sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
©2015 Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich
Der Text des E-Books folgt der gedruckten ersten Auflage 2015 (ISBN 978-3-03810-009-6)
Titelgestaltung: Katarina Lang und Frank Hyde Antwi
Titelbild oben: Karin Britsch, Nachrichtenredaktorin, am Sendepult
Titelbild unten: Empfangsapparat aus der zweiten Hälfteder 1920er-Jahre, bereits mit Lautsprecher
Datenkonvertierung: CPI books GmbH, Leck
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ISBN E-Book 978-3-03
Inhalt
1 Einleitung
2 2014: Radio SRF um 18.02 Uhr
3 Über Informationsfluten, Bedeutungsverlust, Grundsätze und Befindlichkeiten
4 2003 – 2007: Nach einem Rückschritt der grosse Ausbau
5 1999: Das nur vorübergehende Ende einer Institution
6 Radio 95: Das überladene Fuder
7 1986: «Im Alarmfall Radio DRS hören»
8 1983: Das Monopol fällt
9 Die Dauerattacken gegen Radio DRS
10 1979: Eine neue Sendeform
11 1962 – 1976: Schritt für Schrittchen zu SRG-Nachrichten
12 Nach 1945: Von Ruhm, Stil und Stillstand
13 1939 – 1945: Geistige Landesverteidigung und ferner Leuchtturm
14 Die 1930er-Jahre: Radioinformation in der Zwangsjacke
15 1922 – 1931: Das neue Massenmedium
16 Was kommt, was bleibt?
Anhang
Glossar
Leiter Radionachrichten SDA
Leiter Nachrichtenredaktion DRS
Sendezeiten der Nachrichten von Beromünster bis Radio SRF
Redaktoren und Sprecher
1
Einleitung
Der Titel des Buches spielt auf die bekannteste Sendezeit im Radio der deutschen Schweiz an. Mittags um halb eins: Das Radio berichtet heute und verkündete früher das Neueste. Ältere Generationen erinnern sich halb belustigt, halb wehmütig an die täglich wiederkehrende Situation am Mittagstisch um 12.30Uhr in einer Zeit, als noch Ruhe herrschte, während das Radio lief, und man dennoch nicht alles verstand, was die Nachrichten meldeten. Nachrichten sind ausgesprochen eine Einbahn-Kommunikation, von der Redaktion zu den Hörern. Entsprechend heftig können Reaktionen aus dem Hörerkreis ausfallen. Es liegt an den Radiomachern, dem Hörer zu vermitteln, weshalb eine Information verbreitet wird. Das ist nicht immer einfach. Noch schwieriger verhält es sich mit dem, was nicht gemeldet wird. Jene Zeiten liegen noch nicht so lange zurück, als der Hörer kaum vergleichen konnte zwischen dem, was der Informationsfluss bot, und der Auswahl im Radio. Heute haben die Interessierten, vor allem wegen des Internets, mehr Einblick in das Informationsangebot. Dieses ist zum Strom geworden, und der Strom ist so breit und in seiner Gesamtheit derart ungeordnet, dass der Interessierte noch dringender als früher eine Auswahl und damit eine Gewichtung der riesigen Menge an Informationen braucht. Die Pflicht des Journalisten ist es, der Öffentlichkeit in treuhänderischer Weise einen Teil der Auswahlarbeit abzunehmen, Zusammenhänge herzustellen und Hintergründe aufzuzeigen. Dass die Radiojournalisten diesem Anspruch nicht immer gerecht wurden, zeigt sich im Gang durch die Radiogeschichte.
Unter Nachrichten verstand die Allgemeinheit lange Jahrzehnte das, was in der Zeitung stand. Später gehörte dann auch die relativ klassische Radioinformation dazu, die ausschliesslich aus distanzierten Meldungen bestand, die in ritualisierter Weise vorgelesen wurden, manchmal an der Grenze zum Autoritären, und das beileibe nicht nur hierzulande. Sehr viel später, als die Fernmeldeverbindungen eine Selbstverständlichkeit geworden waren und der Rundfunk ein dichtes Korrespondentennetz aufgebaut hatte, wurden in die Nachrichtensendungen auch kurze Berichte aus dem In- und Ausland eingebaut, und die Nachrichten wurden lebendiger und mehrstimmig.
Hörer und Zuschauer nennen meist jede Form einer Informationssendung «Nachrichten», auch die Hintergrundsendungen im Radio, die «Tagesschau» im Fernsehen sowie die Magazine. Dieses Buch fasst den Begriff nicht so weit. Es zeigt auch nicht die Entwicklung des gesamten Mediums Radio auf. So ist weder von der interessanten Geschichte der Musik, noch von jener der Unterhaltung oder des Vortragswesens im Radio die Rede. Darüber gibt es bereits ausführliche und aufschlussreiche Publikationen. Und schliesslich kann auch nicht auf jedes Informationsangebot der vielen Privatsender eingegangen werden. Das Buch würde unleserlich. Hier geht es um 90Jahre Radionachrichten und damit zur Hauptsache um die Nachrichten jenes Radios, das die Schweiz seit den 1920er-Jahren informiert und das auch heute einen grossen Teil der Bevölkerung zu seinen Hörern zählen kann. Das Unternehmen nennt sich seit zwei Jahren Radio SRF. Frühere Namen waren Schweizer Radio DRS und weiter zurück Schweizerischer Landessender Beromünster. Damals sprach man noch nicht von einem Unternehmen, sondern der Begriff Landessender stand für sich. Kritiker sprachen hingegen vom «Buuremünschter» und bemängelten das Programm als zu hausbacken, während später die Kritik auf die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft SRG als Ganzes zielte und heute spitz vom «Gebührenradio» die Rede ist. Die Nachrichtengeschichte der anderen Landesteile und der Privatradios wird hier gestreift, denn «die Privaten» gibt es nun bereits seit 30Jahren, und sie haben die schweizerische Radiolandschaft umgewälzt.
Das Buch blickt vor allem in die Radio-SRF-Nachrichtenredaktion und geht zurück bis zu den Anfängen des Radios. Es handelt davon, wie sich die Formen der Nachrichten ändern, durch welche Informationssendungen sie ergänzt werden und wie sich die Redaktionsarbeit wandelt. Ein Kapitel widmet sich der Frage, welches Medienunternehmen die Nachrichten im nationalen Radio produzieren durfte. Ist es die SRG oder die SDA, die Schweizerische Depeschenagentur, die als einzige Nachrichtenagentur über die Geschehnisse in der ganzen Schweiz berichtet? Zudem kommt zur Sprache, wie das Fernsehen die Radioinformation beeinflusste. Wir erfahren, dass das Radio schon vor der Zeit des Fernsehens um seinen Platz kämpfte, denn die mächtigen Zeitungsverlage sahen das damals neue Medium lange als bedrohliche Konkurrenz. Ein weiteres wichtiges und deshalb eingehendes Kapitel handelt von der Zeit des Zweiten Weltkriegs, einer absoluten Ausnahmesituation für den Journalismus, als die einen dem Radio-Nachrichtendienst vorwarfen, er sei gegenüber Nazideutschland feindlich eingestellt und bedrohe die Existenz der Schweiz, und die anderen ihn als Stimme der Verlässlichkeit und Hoffnung erfuhren.
In den 1920er-Jahren, als das Radio seine ersten Schritte tat, warnten die Kritiker und Skeptiker, es sei kommunistisch im Sinn des Wortes. Es richte sich an alle, bedrohe die Rolle der Tageszeitung und könne je nach Verlauf der Geschichte zu einem wirksamen Instrument der Feinde der Demokratie werden. Dies war in zahlreichen Staaten die Befürchtung der skeptischen Behörden und der Zeitungsverleger. Die äusserst bürgerlichen Gegner des Radios dachten in den 1920er- und 1930er-Jahren weitaus mehr an eine Bedrohung von links als von rechts, obwohl der Faschismus und der Nationalsozialismus in unseren Nachbarländern damals schon sehr virulent oder bereits an der Macht waren. Aber diese Kräfte schienen vielen das kleinere Übel als der Kommunismus. Dessen Anhänger und die junge Sowjetunion Stalins arbeiteten tatsächlich daran, ihr politisches System auf andere Länder zu übertragen. Das Radio pervertierte in der Sowjetunion, aber ebenso im Italien Mussolinis und im Deutschland Hitlers, zum Instrument der Propaganda und damit der Verführung der Massen. Die noch freien Länder vergaben sich die Chance, totalitäre Strömungen mit dem neuen Massenmedium abzuwehren. Das Radio hätte eine Plattform des demokratischen Streits um gesellschaftliche Modelle sein können.
Wohl wurden schon in den ersten Tagen des Radios in Staaten mit einer relativ offenen Gesellschaft Nachrichten vorgelesen, aber es gab meist keine weiterführenden Informationssendungen oder gar Streitgespräche. Nachrichtenmeldungen im schnellsten Medium waren hingegen rasch selbstverständlich, so sehr, dass es nicht erstaunt, dass es darüber wenig greifbare populäre Literatur gibt. Denn wir machen uns meist nur wenig Gedanken über öffentliche Dienstleistungen, solange sie funktionieren und nicht teurer werden. Die Nachrichten sind ein alltägliches Angebot und in ihrer Qualität, zumindest in offenen Gesellschaften, in der Regel derart verlässlich, dass sie selten ein Thema in der Öffentlichkeit sind. Ausserdem sind sie raschlebig, flüchtig. Das ist, um nur ein Beispiel zu nennen, ein Grund, weshalb das Radio bis in die 1970er-Jahre kaum Tonaufzeichnungen von Nachrichten machte und archivierte. Oft sind auch keine Manuskripte vorhanden. So ist eine vergleichende Arbeit über Radionachrichten und die Haltung der Sprecher am Mikrofon nicht einfach. Immerhin sind in der Schweiz die Texte der Nachrichten aus der Zeit zwischen 1936 und 1971 auf Deutsch, Französisch und Italienisch praktisch lückenlos vorhanden. Ich war bei meiner Arbeit auch froh, dass ich vor 40Jahren mit Redaktoren und Sprechern früherer Jahrzehnte, bis zurück zu den Pionierzeiten, sprechen konnte. Zudem konnte ich auf mein Archiv der Nachrichtensendungen aus den 1960er-Jahren zurückgreifen. Einige wenige Aufnahmen von Beromünster-Nachrichten fanden sich übrigens nach dem Zweiten Weltkrieg in den Ruinen deutscher Abhorchstellen. Nicht ganz einfach fiel mir die Beurteilung der Qualität der Nachrichten in jenen Jahrzehnten, in denen ich selbst in der Redaktion tätig war. Deshalb greife ich für diese Zeitspanne stärker auf die Medienkritik der Zeitungen und auf die Reaktionen aus dem Hörerkreis zurück.
Faszinierend ist die Erfahrung, dass das Radio, ganz auf Text und Ton gestellt, oft emotionaler wirkt als das Fernsehen. Ein drohender Diktator Hitler im Radio löste möglicherweise mehr Ängste aus als in der Filmwochenschau, wo seine einstudierten Gesten lächerlich wirken konnten. Wohl entstehen viele Bilder beim Radiohören durch Gesehenes, und das Foto sowie der Film brennen sich ein. Kurt W. Zimmermann hatte in der Weltwoche weitgehend recht, als er schrieb, jeder erinnere sich an die Bilder vom Einstürzen der New Yorker World-Trade-Türme und habe keine Erinnerung an die Radiosendungen zu diesem Drama. Ich wende dennoch ein, dass jenen Leuten, die zuerst im Radio von den Terroranschlägen gegen die USA hörten, die entsprechende Radiomeldung in Erinnerung geblieben ist.
Sich auf die Beschränkungen des Radios zu konzentrieren, auf die Stärke des Textes und die Wirkung der Stimme, sind Gründe, weshalb immer noch so viele Journalisten, meine ehemaligen Kolleginnen und Kollegen und neue Mitarbeiter, von diesem alten Medium fasziniert sind. Sie stellen sich der Herausforderung, in der Flut gesicherter und ungeprüfter Informationen zu bestehen und Garanten einer verlässlichen Nachrichtenvermittlung zu bleiben, auch wenn sie die Skepsis umtreibt, ob das Radio als Informationsinstrument noch eine grosse Zukunft hat in einer Zeit neuer Medien und bei jungen Generationen, die nicht mehr mit dem Radio aufgewachsen sind. Die Hörerzahlen des Radios und des Fernsehens gehen laufend leicht zurück. Sie sind in unserem Land im internationalen Vergleich aber immer noch enorm hoch.
Abb.1
2
2014: Radio SRF um 18.02Uhr
«Unser Kerngeschäft sind die Nachrichten und nochmals die Nachrichten. Wenn wir die nicht gut machen, müssen wir auch den Rest nicht mehr machen.»
Rudolf Matter, Chefredaktor Schweizer Radio DRS, November 2006
Nahe beim Stadtzentrum stehen die Gebäude des Studios Bern von Radio SRF. An der grossen Strassenkreuzung im Monbijou-Quartier werden längst keine Unterhaltungssendungen, keine Musik und keine Hörspiele oder bunten Abende mehr produziert. In dem verschachtelten Hauskomplex geht es ausschliesslich um Information. Weit über 100Journalisten planen, redigieren und senden auf engem Raum. Von hier kommen alle Nachrichten von Radio SRF, weiter die Schwerpunkt- und Hintergrundsendungen «Heute Morgen», «Rendez-vous», «Heute um vier», «Heute um fünf», «Echo der Zeit»; Sendetitel, die Sie vielleicht kennen. Gesendet werden weiter die «Info 3»-Ausgaben für SRF 3, das 24-Stundenprogramm SRF 4 News und schliesslich das Regionaljournal für die deutschsprachigen Gebiete der Kantone Bern, Freiburg und Wallis. Im Radiogebäude an der Schwarztorstrasse gilt, was sich von vielen Dienstleistungsbetrieben sagen lässt: Das Licht geht nie aus. Auch zu den stillsten Randzeiten arbeiten zwei Personen, eine für die Radionachrichten, die andere für die Teletext-Redaktion.
Jetzt, kurz nach 18Uhr, laufen drei Nachrichtensendungen gleichzeitig. Sie dauern unterschiedlich lang, was bedeutet: Man hört nicht in allen SRF-Radioprogrammen gleich viele Meldungen. Die Nachrichtenfäden kommen heute Abend bei Dienstleiter Christian Moser zusammen. Er wählt die Meldungen aus dem riesigen Angebot der Nachrichtenagenturen aus, verteilt die Arbeit des Redigierens, kontrolliert das Geschriebene, berechnet die Dauer der Sendungen und übergibt die sendefertigen Texte den Kollegen, die die Nachrichten dann präsentieren. Moser ärgert sich gerade, weil er zu spät bemerkt hat, dass die Meldung über die finanzielle Lage Portugals in den letzten drei Stunden nie auf SRF 3 lief. Das Beste sei wohl immer noch, sich von Hand zu notieren, welche Meldung in welcher Nachrichtenausgabe platziert worden sei, sagt er sich.
Auf SRF 1 und SRF 4 News läuft seit 18Uhr das «Echo der Zeit», die grosse vertiefende Informationssendung, die von vielen als Flaggschiff des öffentlichen Radios der deutschen Schweiz bezeichnet wird. Eine Sendung von analytischer Stärke und mit kompetenten Gesprächspartnern. Erste Weichen für den heutigen Inhalt wurden bereits am Vormittag gestellt, es wurden Absprachen getroffen zwischen der Produzentin der Sendung, den Fachredaktoren für Inland, Ausland und Wirtschaft sowie den Korrespondenten im Ausland. Und am Telefon zugeschaltet war aus Zürich die Sportredaktion. Es braucht jeden Tag mehrere solche Besprechungen, auch mit den Regionalredaktionen. Bei diesen Kontakten dabei sind auch der Chef vom Dienst und ein Mitglied der Chefredaktion, das den ganzen Tag oder gar die ganze Woche die Oberverantwortung trägt. Anwesend ist zudem der Nachrichten-Dienstleiter des Nachmittags und Vorabends, der die Meldungen zur Nachrichtenübersicht im «Echo der Zeit» beisteuert.
Wie ist eine grosse Informationssendung aufgebaut?
Das «Echo» beginnt mit den Schlagzeilen, dann folgt der erste kurze Beitrag mit einer Länge von 1 bis 2Minuten, beigesteuert von einer Redaktorin im Haus oder einem Korrespondenten. Der Beitrag soll vom wichtigsten Ereignis des Tages handeln: Heute Abend berichtet der Grossbritannien-Korrespondent über den Streit um die Einwanderungspolitik des Vereinigten Königreichs. Danach sagt Echo-Moderatorin Ursula Hürzeler die Nachrichtenredaktorin und -sprecherin Bettina Studer an. Sie liest nun Meldungen der Nachrichtenredaktion über weitere Themen. Die Nachrichtenübersicht darf nicht länger als 5Minuten dauern. Das bedeutet, dass die restlichen wichtigen Themen des Nachmittags nicht immer so ausführlich behandelt werden können, wie es nötig wäre, um dem Hörer ein gültiges, zuverlässiges Bild zu liefern. Einzelheiten, zusätzliche Fakten, Hintergründe und Reaktionen fallen oft weg, obwohl die Redaktion sie liefern könnte. Noch kürzer gefasst werden wichtige Informationen, die schon am Mittag oder gar am Morgen gemeldet wurden und über den Tag durchgezogen werden, wie die Journalisten sagen. In die Nachrichtenübersicht von 18Uhr gehören allenfalls auch Sportmeldungen, weiter in jedem Fall die Börsenzahlen und eine Kurzfassung der Wetterprognose. In den Hauptstunden des Nachmittags erreichen gut 1500 Meldungen die Redaktion, geliefert von sieben Nachrichtenagenturen. Die gesendete Auswahl an Meldungen ist also äusserst eng. Jetzt, nach 18Uhr, sind es noch zwei bis drei Agenturmeldungen pro Minute, die auf dem Bildschirm erscheinen und dies wild durcheinander: Ägypten vor der Pariser Börse, diese vor einer Radsport-Meldung, dann kommt das Problem des Maiszünslers im Thurgau. In Münsingen hat ein Lastwagen ein Kind angefahren, Präsident Hollande wird nächsten Monat Westafrika besuchen.
Abb.2 Die Nachrichtenredaktion im Informationszentrum kurz vor 18Uhr.
Die kurze Sendezeit, die der Nachrichtenübersicht zur Verfügung steht, zwingt, wie angedeutet, zu einer rigorosen Auswahl. Deutlich ist der Mangel an Meldungen aus den Regionen. Diese Aufgabe wurde in den letzten Jahren immer mehr an die Regionaljournale abgegeben. Im Gegensatz zu den im ganzen Sendegebiet ausgestrahlten Nachrichten vermögen die Regionalsendungen in Zeiten der hohen Mobilität und des Pendelns jedoch längst nicht alle interessierten Hörer zu erreichen. Fährt ein Basler nach Zürich, ist er rasch von seinem regionalen UKW-Sender abgeschnitten. Wenn die zentrale Nachrichtenredaktion des Radios SRF die regionale Information so stark zurückfährt, wie sie das heute tut, wird dieser Hörer schlecht bis kaum über das Wichtigste in seinem Wohngebiet informiert, wenn er sich geografisch nicht in dessen Nähe aufhält.
Zurück zur laufenden Sendung: Nach der Nachrichtenübersicht sind im «Echo der Zeit» sechs Beiträge von Inland- und Wirtschaftsredaktoren sowie von Auslandkorrespondenten vorgesehen. Die Sendung wird bis 18.45Uhr dauern und um 19Uhr gleich noch einmal auf SRF 2, SRF 4 News und der Musikwelle ausgestrahlt. Die Nachrichtenübersicht und auch die Ansagen und Beiträge des «Echos» werden für die zweite Ausgabe wenn nötig an eine bereits wieder veränderte Informationslage angepasst werden.
Viele Formen von SRF-Nachrichten
Das Deutschschweizer Radio mit seinem gesetzlichen Auftrag produziert in Bern in 24Stunden mehr als 70Nachrichtensendungen. Alle denkbaren Formate sind dabei, wie geschildert bis zu drei zur selben Zeit, von sehr fragwürdigen 1-Minuten-Nachrichten-Fragmenten für SRF 2, über ein 90-Sekunden-Format und einen 2½-Minuten-Einschub bis zu 12-Minuten-Nachrichten, die auch kurze Beiträge von Korrespondenten enthalten. Mit dieser breiten Variation will SRF auf die unterschiedlichen Hörerbedürfnisse eingehen, die je nach Tageszeit ändern können und die die Verantwortlichen der SRF-Programme zu kennen glauben.
Eine enge Vernetzung des laufenden Programms mit den Nachrichtenübersichten strebte mehrere Jahre DRS 3 mit seinen Mundartnachrichten an. Sie wurden bis zum Sommer 2013 am Morgen und Vorabend zur halben Stunde im Studio Zürich redigiert und gesendet. Das wurde in Bern als eine Art Sündenfall gesehen, dennoch musste man zugeben, dass im Studio Bern die technischen Voraussetzungen lange nicht bestanden und auch zu wenig Redaktoren eingesetzt werden konnten, um gleichzeitig drei Nachrichtenausgaben zu senden. Diese Mundartnachrichten auf DRS 3 entlasteten zwar die zentrale Nachrichtenredaktion, konnten aber auch zu einer unterschiedlichen Gewichtung der Informationslage führen, denn die Redaktoren bei DRS 3 orientierten sich nicht nur an den Nachrichtensendungen der Berner Kollegen, die sie am Bildschirm einsehen konnten, sondern auch an den Korrespondentenbeiträgen, die sie selbst im laufenden Programm platzierten. Dabei zeigte sich, wie unterschiedlich gewichtet werden kann, wenn kein Spitzenthema alles andere in den Schatten stellt. Ein aufmerksamer DRS-3-Hörer nahm diese Diskrepanzen zwischen den Mundartnachrichten aus Zürich zur halben und den hochdeutschen Ausgaben der zentralen Redaktion in Bern zur vollen Stunde wohl nicht als Wettbewerb zweier Redaktionen wahr, sondern als Irritation.
Der Grundsatz «alle Nachrichten aus dem Informationszentrum in Bern» kannte eine zweite Ausnahme. Die Radiomacher des Jugendsenders SRF Virus verfassten mehrere Jahre lang eigene Kurznachrichten, zugeschnitten auf das sehr junge Publikum und im Dialog mit dem Moderator. Hier wurde weniger an Vorwissen vorausgesetzt als in den anderen Programmen, mehr erklärt, um den Jungen den Einstieg in die Informationswelt zu erleichtern. Junge Hörer erklärten aber überraschend, ihnen sei die herkömmliche Form der Nachrichten vertrauter. Das Experiment kam möglicherweise zu früh. Dazu kamen Kostenüberlegungen. Virus übernahm dann die konventionellen Nachrichten von SRF. Eine wesentliche Aufgabe erfüllen schliesslich die sechs Regionalredaktionen quer durch die deutsche Schweiz: Sie berichten auf SRF 1 mehrmals täglich über das Geschehen in ihrer Landesgegend, von der Debatte im Kantonsrat bis zur Reportage aus dem Dorf.
Die «Laufberichterstattung»
Darunter verstehen die Radioleute die Information in ausserordentlichen Fällen. Das Informationsbedürfnis der Öffentlichkeit geht dabei rasch über das Angebot der üblichen Informationssendungen hinaus. Es ist ein Spannungsfeld, das sich bei Radio SRF regelmässig auftut, wenn etwas wirklich Wichtiges, etwas Besonderes passiert ist. Die Senderedaktionen der einzelnen Radioketten sind dann bestrebt, zusätzliche Elemente ins Programm zu nehmen, die nicht von der Informationsabteilung produziert werden, etwa zusätzliche Interviews oder Reportagen. Solche Einsätze werden zwischen den Verantwortlichen der Abteilung «Information» und der Sendeketten zwar koordiniert, um falsche Gewichtungen und auch die Überbewertung eines Ereignisses zu vermeiden. Dennoch klappt das nicht immer und drei SRF-Leute rufen denselben SBB-Sprecher an, weil sich die verschiedenen Sende- und Programmredaktionen eben doch als sehr autonom verstehen und auch nicht im selben Studio derselben Stadt sitzen. Aus der Sicht mancher Redaktoren der Informationsabteilung geht es nicht an, dass der Moderator ein Ratespiel leitet und wenig später einem Fachmann Fragen zum Bankenstreit der Schweiz mit den USA stellt. Die Informationsabteilung bemüht sich immer wieder, klar zu definieren, was Informationsstoff und was Begleitprogramm ist, wie Simon Leu, Redaktor und Moderator im Berner Informationszentrum, sagt. Woran sich Nachrichtenredaktoren ferner etwas stören, ist die zunehmende Praxis der Moderatoren, 30Sekunden vor Beginn der Nachrichten dem Publikum die wichtigste Schlagzeile zu verkünden und den Nachrichten quasi die Spannung zu nehmen. Die Moderatoren sehen das anders. Das Programm sei heute in einem einzigen Fluss, der nicht in Abschnitte eingeteilt werden solle, aus der Erkenntnis, dass Radio zum Begleitmedium geworden ist.
Nach welchen Grundsätzen die Mitglieder der Radio-SRF-Nachrichtenredaktion arbeiten und wo die Schwierigkeiten liegen, wird in den nächsten Seiten eingehender behandelt.
3
Über Informationsfluten, Bedeutungsverlust, Grundsätze und Befindlichkeiten
Das Radio hat seine überragende Rolle als das einzige grosse Informationsmedium neben den Zeitungen schon in den 1960er-Jahren Stück für Stück und gegen 1970 schliesslich ganz verloren. Die Zahl der Fernsehzuschauer wuchs rasant, die Tagesschausprecher Paul Spahn und Léon Huber waren während Jahrzehnten Gäste in der guten Stube. Das Schweizer Fernsehen baute seine Informationsleistung aus, vor allem mit der wöchentlichen «Rundschau» 1968. Heute platzt das Informationsangebot der Medienwelt aus allen Nähten und die Information über das Radio ist nur noch eine Quelle unter vielen. Gewaltig an Bedeutung zugelegt haben die Onlinedienste, die Gratisblätter, Twitter, Facebook, der Austauschdienst Whatsapp, kurz das «Instant-Feedback». Mit der Nutzung der Social Media wird jeder zum Reporter, mit der Smartphone-Kamera und jener auf dem Ski- und Fahrradhelm. Laufend wird heute die Gewichtung der Ereignisse auf den Kopf gestellt. Wenn ein Autounfall – notabene ohne Verletzte und erst noch im Ausland – stundenlang an der Spitze eines renommierten Schweizer Onlineportals steht, kann einem bange werden um die künftige Fähigkeit zur Gewichtung und Einordnung durch eine Generation, die dabei ist, die Welt verstehen zu lernen. Die Stimme des Radios ist unter diesen Generationen schwach geworden und das alte Medium wird von ihnen oft nicht mehr als Informationsanbieter wahrgenommen, sondern wenn überhaupt am ehesten als Unterhaltungsmedium. Niemand kann und muss die angebotene Informationsflut bewältigen, aber viele befürchten, etwas zu verpassen, nicht zu bestehen, wenn sie nicht überall empfangen und senden können. Der Journalist und Publizist Frank A. Meyer kritisierte die radikal veränderte Informationsgesellschaft so: «Es ist die Gesellschaft des Multitasking, der totalen Informations-Überflutung, die Gesellschaft der ständigen Abrufbarkeit des Weltgeschehens. Die Gesellschaft vermag sich auf nichts mehr zu konzentrieren, sie nimmt nichts mehr wirklich tief zur Kenntnis. Die Gesellschaft wird von jungen Menschen als permanente Party wahrgenommen. Immer ruft schon der nächste Event, privat wie gesellschaftlich. Die 24-Stunden-Gesellschaft schafft den Rhythmus ab, rund um die Uhr herrscht Hektik.» (Schweizer Illustrierte, 2013).
Dass die Bürger aber zu Zeiten eines weniger grossen Informationsflusses mit dem Angebot besser zugange gekommen seien und etwa besser im Bild gewesen wären, wagt Tamedia-Verleger Pietro Supino zu bezweifeln: «An der pädagogischen Rekrutenprüfung 1957 stellten die Experten sehr grosse Lücken bei den staatsbürgerlichen Kenntnissen fest. Und drei Jahrzehnte später, 1988, konnte fast die Hälfte der Befragten nicht angeben, wer den Bundesrat wählt.» Die Beteiligung bei eidgenössischen Abstimmungen sei in den letzten 40Jahren sogar von 40 auf 45Prozent gestiegen! (Das Magazin, 2010).
Der Bedeutungsverlust der Nachrichten
Die traditionellen SRG-Medien verlieren Hörer und Zuschauer wie andere alte Medien auch. Wohl ermöglichen Wiederholungskanäle und Webseiten das nachträgliche Hören und Schauen der Sendungen, doch darf diese Nutzung mindestens für die Informationssendungen nicht überschätzt werden. So wird die «Tagesschau» des Fernsehens SRF pro Tag etwa 6000-mal im SRF-Videoportal angeklickt. Ob das zeitversetzte Hören von Radionachrichten jemals ein Faktor wird? Wer um 8.45Uhr das Bedürfnis hat, sich zu informieren, geht mit dem Smartphone ins Internet, ruft eine Newsseite ab und wartet nicht bis zu den nächsten Nachrichten um 9Uhr im Radio. Die Hörer- und Zuschauerzahlen der Live-Ausstrahlung haben über eine längere Zeit gesehen jedenfalls deutlich abgenommen. Die SRF-«Tagesschau» verlor um 19.30Uhr in den Jahren zwischen 2001 und 2011 gegen ein Drittel der Zuschauer. Radio SRF hat um 12.30Uhr20Prozent weniger Hörer als noch vor einigen Jahren. Der Mittag um 12.30Uhr war viele Jahrzehnte die Zeit des Matterhorns in der Grafik der Hörerzahlen, also des grossen Ausschlags nach oben.
Was Thomas Widmer im Tages-Anzeiger 2010 für die «Tagesschau» feststellte, gilt auch für das Radio: Die soziale Klammer der deutschen Schweiz und der Medienmittelpunkt, der das Schweizer Radio war, ist verloren gegangen. Festzuhalten ist immerhin, dass in der Geschichte alte Medien meist nicht verschwanden, wenn ein neues erschien. Verschwunden sind allerdings das Telegramm und in der Schweiz der Telefonrundspruch mit seinem störungsfreien Radioempfang. Dafür sind Kabelkanäle längst weitverbreitet. Stark an Bedeutung verloren haben in Westeuropa hingegen die alten Lang-, Mittel- und Kurz-Radiowellen zugunsten von DAB, DAB+, Online und Satellit.
Das SRG-Unternehmen SRF meldet in der Deutschschweiz die hohe Zahl von rund 2,2Millionen Personen, die Gebühren bezahlen. Die Zahl Hörer ist höher, denn ein Haushalt bezahlt ja nur einmal die Gebühr und hat oft mehrere Mitglieder, wie eine Zeitung deutlich mehr Leser als Abonnenten hat. Die SRG geht in der deutschen Schweiz von 2,8Millionen SRF-Hörern und von 2,6Millionen Hörern der Privatsender aus, die mindestens einmal am Tag in die Programme hineinhören. Dabei wird auch eine kurze Hördauer mitgezählt. Nun nutzen Hörer oft mehr als ein Programm, weshalb die Publikumsforschung folgende Zahlen publiziert: Von den 2,9Millionen SRF-Hörern sind 1,7Millionen bei SRF 1, 1,4Millionen hören immer oder gelegentlich auch SRF 3, gegen 400000 schalten den Kultursender SRF 2 ein, über 300000 hören die SRF-Musikwelle und etwa gleich viele nutzen auch SRF 4 News, das Info-Dauerprogramm; schliesslich hat der Jugendsender SRF Virus rund 100000 Hörer. Die drei letztgenannten Programme leiden darunter, dass sie nicht auf den hergebrachten und stark genutzten UKW-Kanälen senden können. Als die Musikwelle, Virus und SRF 4 News zu senden begannen, war das UKW-Band längst überlastet, obwohl es sogar bis auf 108Megahertz ausgedehnt worden war. Privatradios mussten auf UKW ebenfalls ihren Platz haben. Das war noch vor der DAB-Zeit.
Eine andere Grössenordnung bei der Bewertung der Radionutzung ist der Marktanteil. Hier wird gemessen, welches Radioprogramm wie lange pro Tag gehört wird. Das Ergebnis: Der «Kuchen» gehört zu rund 60Prozent Radio SRF, und 30Prozent hören über einen gewissen Zeitraum des Tages Privatradios. Das heisst, alle privaten Sender zusammengezählt kommen nicht höher als auf die Hälfte der gesamten SRF-Radio-Programme. Die Verhältnisse sind jedoch von Region zu Region sehr unterschiedlich. Die restlichen Prozente verteilen sich auf andere Programme der SRG und auf ausländische Sender.
Die SRG
Die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft ist die Dachorganisation von SRF, aber noch weit mehr. Sie besteht aus fünf Unternehmenseinheiten und sechs Tochtergesellschaften. Insgesamt arbeiten in dem grossen Konstrukt rund 6000 Beschäftigte, die 18Radio- und sieben Fernsehprogramme in vier Sprachen produzieren, dazu Online- und Teletextdienste. Dazu kommt Swissinfo mit seinem Ton-, Bild-, Video- und Textangebot in zehn Sprachen. Radio SRF beschäftigt über 700Personen, viele von ihnen nicht mit einem vollen Pensum.
Die SRG sei ein Moloch, behaupten ihre Kritiker. Sie schneide anderen Medien die Luft ab, klagen Verlage. Die SRG-Programme seien ein Megafon der Staatsmacht, bilanzierte die Weltwoche 2013. Dieser Ansicht widersprechen dann allerdings scharfe Beschuldigungen gegen die SRG, wenn Sendungen aus deren Haus die geplante Beschaffung eines neuen Kampfflugzeugs hinterfragen. Da wird selbst dann Staatsverrat unterstellt, wenn der Verteidigungsminister im Fernsehen kritischen Äusserungen 9Minuten lang entgegenhalten kann. Der frühere SP-Nationalrat und Publizist Rudolf Strahm wirft der politischen Rechten vor, sie wolle die SRG als unabhängige Medienproduzentin samt ihrer Meinungsvielfalt demontieren.
Die SRG ist privatrechtlich organisiert, also kein Staatsunternehmen. Die Journalistin Verena Vonarburg sprach in diesem Zusammenhang im Tages-Anzeiger von einem Zwiespalt. Die SRG werde als Staatssender wahrgenommen und teils auch bekämpft. Entsprechend ringe sie um die politische Akzeptanz.
Verfassung und Leitlinien
«Radio SRF stellt die Ereignisse sachgerecht dar und bringt die Vielfalt der Ansichten angemessen zum Ausdruck», steht in der Bundesverfassung. Von ihr erhält die Radio- und Fernsehgesellschaft ihren Sendeauftrag, dazu kommen das Radio- und Fernsehgesetz und die Konzession. Die SRG ist nicht auf Gewinn ausgerichtet, sondern dem Dienst an der Öffentlichkeit verpflichtet, wie es in den Grundsätzen heisst. Die SRG wird zu rund 75Prozent über die obligatorischen Gebühren finanziert. Solche Gebühren werden von Kritikern immer heftiger infrage gestellt, in der Schweiz wie im Ausland. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk andererseits betont, ohne die Gelder der Zuschauer und Hörer sei kein Qualitätsprogramm möglich. Hierzulande bringen die Fernsehwerbung und das Sponsoring die restlichen 25Prozent der Einnahmen ein. Die SRG-Radioprogramme hingegen dürfen keine Werbung senden. Das wird von vielen als Wohltat empfunden, und immer wieder sagen Hörer, sie seien nach Jahren vom Privatradio zu SRF-Sendern umgestiegen oder zurückgekehrt wegen der störenden Dauerwerbung in den privaten Radios.
Abb.3 Der Leiter der SRF-Nachrichtenredaktion Roman Mezzasalma.
Grundlagen der Nachrichtenarbeit
Nach welchen Grundsätzen und in welchem publizistisch-ideellen Rahmen wird die am meisten gehörte Sendung produziert? Das ist sehr oft eine Frage bei Studioführungen. Die Hörer wollen jeweils eine Vorstellung davon erhalten, wie Nachrichten zustande kommen.
Wie andere Radiounternehmen hat sich auch Radio SRF Leitlinien für die tägliche journalistische Arbeit gegeben. An ihnen arbeiteten mehrere Redaktoren wesentlich mit. Diese publizistischen Leitlinien verlangen, dass Radiomacher bei SRF ihre Interessenbindungen, zum Beispiel die Mitgliedschaft in einer Partei, offenlegen müssen, wobei sie natürlich wie alle anderen Bürger das Recht auf freie persönliche Meinungsäusserung haben, bloss nicht am Mikrofon. Und die eigene Meinung darf die journalistischen Erwägungen nicht beeinflussen. In den mehr als 40Jahren in der Nachrichtenredaktion des Schweizer Radios DRS begegnete ich selten Kollegen, die einer Partei angehörten. Und auch sie arbeiteten im strengen Rahmen professioneller Nachrichtenvermittlung. Die Mitarbeiter haben mit dem immer wieder gehörten Vorwurf zu leben, Journalisten seien links und Radio und Fernsehen SRF würden die Themen und deren Gewichtung absprechen. Diesen Meinungsverbund zwischen dem TV in Zürich und dem Radio-Informationszentrum in Bern habe ich nie erlebt, und einen Kontakt zwischen der «Tagesschau»-, der «10 vor 10»- und der Radionachrichten-Redaktion gab es am ehesten noch, wenn das Fernsehen einen Radiokorrespondenten für einen Beitrag gewinnen wollte und dessen Telefonnummer nicht kannte. In späteren Jahren kam vielleicht mal ein Hinweis aus dem Fernsehstudio Zürich-Leutschenbach, unsere TV-Kollegen hätten eine wichtige Information, die noch niemand besitze. Zu den politisch motivierten Vorwürfen gegen Radio DRS wird es später noch mehr zu sagen geben.
Zurück zu den Leitlinien: Die SRF-Journalisten dürfen keinem Initiativ- oder Referendumskomitee angehören und keine öffentlichen Aufrufe zu Wahlen und Abstimmungen unterschreiben. Zu vermeiden sind auch heikle Stellungnahmen im Internet. Weiter ist es ihnen untersagt, Vorwissen etwa aus der Wirtschaft zu nutzen oder weiterzugeben. Die Mitarbeiter dürfen auch nicht über Unternehmen berichten, von denen sie Aktien besitzen. Den Wirtschaftsredaktoren ist der Besitz von Aktien und Obligationen von Firmen sogar untersagt.
Abb.4 Im Spannungsfeld zwischen einsamem Sprechstudio und der grossen Hörergemeinde: Thomas Fuchs liest die Nachrichten.
Die Informationsabteilung des Radios SRF beachtet weiter strenge Regeln im Zusammenhang mit Volksabstimmungen. Die Pro- und die Kontra-Seiten müssen insgesamt ausgewogen zu Wort kommen, und in den letzten vier Wochen vor Volksentscheiden dürfen die wichtigsten Exponenten nicht mehr in den Sendungen auftreten. Das gleiche gilt für Kandidaten vor Wahlen. Schliesslich besteht eine Regelung, welche Adjektive bei der Bewertung von Abstimmungsergebnissen zugelassen sind. So darf von einem «hauchdünnen» Resultat nur gesprochen werden, wenn der Stimmenunterschied lediglich 2Prozentpunkte beträgt, wenn es also zum Beispiel 51Prozent Ja- und 49Prozent Nein-Stimmen gab. Abgestuft ist anschliessend von «knapp» oder von «deutlich» die Rede.
Die Mitglieder der Nachrichtenredaktion richten sich bei der Auswahl der Themen wie die anderen Informationskollegen nach der Wichtigkeit, der Aktualität, der Bedeutung der Nachricht, der örtlichen Nähe, dem exemplarischen Charakter (z.B. ein wegweisendes Gerichtsurteil für künftige ähnliche Fälle) und dem Publikumsinteresse. Dieses letzte Kriterium hat in den jüngsten Jahren etwas an Gewicht gewonnen und zwar im Gleichschritt mit dem gesellschaftlich offeneren Verständnis dessen, was alles eine Nachricht sein kann. Die SRF-Nachrichtenredaktion hält sich im Umfeld nicht politisch motivierter Gewalttaten aber weiterhin sehr zurück. Familiendramen etwa werden am ehesten zu Radiomeldungen, wenn mehrere Todesopfer zu beklagen sind, oder der Täter auf der Flucht und vielleicht immer noch bewaffnet ist. In einzelnen Fällen gibt es vor und besonders nach der Sendung engagierte bis heftige interne Diskussionen unter den Nachrichtenleuten und auch mit Kollegen anderer Redaktionen im Haus sowie mit den Verantwortlichen der Informationsabteilung. Die Mitglieder der Chefredaktion sind oft noch zurückhaltender in Sachen Boulevard-Geschichten, als die ohnehin vorsichtige Nachrichtenredaktion, wobei Familiendramen etwa durchaus nicht Boulevard-Stoff sein müssen. Solchen liefert wohl eher die Geburt von Kindern berühmter Persönlichkeiten. Die Diskussionen in Sachen Boulevard drehen sich etwa um Themen wie «Der Fahrer eines Schulbusses rast mit 150km/h über die Autobahn» oder «Ein Polizeihund beisst einen Unschuldigen».
Was die Nachrichtenredaktion von Radio SRF vor allem vermeidet, ist das Mitmachen bei sogenannten Hypes, also bei Themen, die von vielen Medien sehr schnell sehr prominent gebracht werden, aber bei ruhiger Betrachtung oft keine grosse Bedeutung haben. Wenn in Österreich zum Beispiel die bis dahin in der Schweiz unbekannte Natascha Kampusch nach Jahren aus ihrer Gefangenschaft fliehen kann, steht die Redaktion unter Druck und dies nicht nur unter jenem der Konkurrenz ausserhalb der SRG. Auch die Informationsbedürfnisse der SRF-Sendeketten und der anderen Informationsredaktionen im eigenen Unternehmen können mit der zurückhaltenden Haltung der Nachrichtenredaktion kollidieren. Hier geht dann auf beiden Seiten viel Energie durch Argumentieren und Streiten verloren. Die bedrängten Nachrichtenredaktoren mahnen dann die Kritiker, die Gewichtung nicht zu vernachlässigen, und umgekehrt wird den Nachrichtenleuten vorgeworfen, das Interesse des Publikums zu unterschätzen. Zudem stehe die Geschichte bereits im Internet, und auf den Handys und Smartphones piepse es schon. Wenn am Samstag gegen 6Uhr früh die Meldung kommt, der 85-jährige amerikanische «Dallas»-Serienschauspieler Larry Hagman sei gestorben, ist es für die Nachrichtenredaktion jedoch nicht zwingend, diese Information in der allernächsten Nachrichtensendung zu verbreiten, umso weniger wenn relevantere Meldungen vorliegen. Es ist jedes Mal so, wie es ein früherer Kollege sagte: Sieht jemand im Informationszentrum auf dem Bildschirm den rot gefärbten Titel einer Blitzmeldung der Nachrichtenagenturen aufleuchten, stehen schon drei Leute um den Nachrichtendienstleiter herum, bedrängen ihn und die Nervosität steigt. Weiterer Druck auf die Nachrichtenredaktion kommt von Onlineportalen, die sich bei Ereignissen wie etwa einem Flugzeugabsturz oft im Minutentakt in Spekulationen über die Passagierzahl und die Unglücksursache ergehen. Mit der Direktübertragung von Medienkonferenzen im Internet nimmt die Erwartung noch einmal zu, die Radionachrichten müssten einen Inhalt bereits wiedergeben, der 2Minuten vor der Sendung bekannt wurde, ohne dass nach Relevanz, Einordnung und Durchsicht des Textes gefragt würde. Im Widerspruch dazu steht, dass Unwettermeldungen oder Informationen über Verkehrszusammenbrüche ausserhalb der Nachrichtenredaktion oft nicht sofort in ihrer Bedeutung erkannt werden, meist aus Unkenntnis der Schweizer Geografie und der Verkehrsströme.
Wenn wir noch bei den Grundsätzen und Leitlinien bleiben: Unbestritten ist, dass SRF beim Beschaffen von Informationen keine unlauteren Methoden anwendet. Ein Informant kann in Anspruch nehmen, dass sein Name nicht im Radio genannt wird, wenn sein Wunsch gut begründet ist. Selbstverständlich muss seine Information überprüft werden. Und die betroffene Gegenseite muss sich ebenfalls äussern können. Deren Stellungnahme muss aber nicht in der gleichen Nachrichtensendung stehen, wenn es nicht um Einzelpersonen geht. Gerade bei einem Konflikt im Ausland trifft die Reaktion der Gegenseite, das Dementi oder dergleichen, meist nicht zur selben Zeit ein wie die Erstmeldung. Wenn die palästinensische Seite ihre Darstellung über einen israelischen Beschuss im Gaza-Streifen verbreitet, muss die Nachrichtenredaktion nicht mit dem Senden der Meldung warten, bis der israelische Generalstab seine Version der Dinge ebenfalls veröffentlicht hat. Denkt man die gegenteilige Forderung zu Ende, die von proisraelischer Seite in der Schweiz gegenüber dem Radio immer wieder erhoben worden ist, müsste die Gegenseite bloss keine Stellungnahme beziehen und die Meldung könnte nicht gesendet werden. Klar ist, dass im Text deutlich stehen muss, welche Seite und Stelle eine Information verbreitet. Entsprechend hat die Redaktion die Quellen abzuklären.
Die Nachrichtenredaktion nennt keine Namen Betroffener, ausser bei bekannten Amtspersonen und anderen Personen des öffentlichen Lebens. So werden in Prozessberichten nur dann Namen genannt, wenn sie, etwa jener des Angeklagten, weitherum bekannt sind. Dass andererseits 2013 Carsten Schloter, der CEO von Swisscom, aus dem Leben schied, wäre vom Hörer nicht in Sekundenbruchteilen einzuordnen gewesen ohne Beifügung des Namens. Sucht der Hörer nach dem Namen, gehen die laufenden Sätze der Nachricht verloren.
