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Jürg Willi

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Beschreibung

Jürg Willi ist mit diesem Buch, einem Klassiker der Paar-Literatur, weit über die Grenzen seines Fachgebietes Hunderttausenden von Lesern bekannt geworden. In «Die Zweierbeziehung» entwickelte er das heute allgemein anerkannte Kollusionskonzept, das er für diese Ausgabe seines Buches den gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten zwanzig Jahre entsprechend aktualisiert hat. Trotz tiefgehender Veränderungen in der Gestaltung von Partnerbeziehungen sind auch heute in jedem Menschen Sehnsüchte nach Geborgenheit und bedingungslosem Aufgehobensein wirksam. Dieser Wunsch wird begleitet von der Angst, eben diesen Sehnsüchten zu verfallen und seine Autonomie zu verlieren. In diesem Zwiespalt bietet sich das Eingehen einer Kollusion als scheinbar ideale Lösung an, nämlich eines unbewussten Zusammenspiels, das die Erfüllung tiefer Liebessehnsüchte in Aussicht stellt bei gleichzeitiger Kontrolle der Angst, sich in der Beziehung zu verlieren. Wie diese unbewussten Sehnsüchte die Partnerwahl gestalten und welche Schwierigkeiten und Konflikte daraus entstehen, ist das zentrale Thema dieses Buches. «Das Buch hat die Arbeit von Experten, aber auch viele Partnerschaften wesentlich bereichert.» Psychologie heute

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Seitenzahl: 440

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Jürg Willi

Die Zweierbeziehung

Das unbewusste Zusammenspiel von Partnern als Kollusion

 

 

 

Über dieses Buch

Jürg Willi ist mit diesem Buch, einem Klassiker der Paar-Literatur, weit über die Grenzen seines Fachgebietes Hunderttausenden von Lesern bekannt geworden. In «Die Zweierbeziehung» entwickelte er das heute allgemein anerkannte Kollusionskonzept, das er für diese Ausgabe seines Buches den gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten zwanzig Jahre entsprechend aktualisiert hat. Trotz tiefgehender Veränderungen in der Gestaltung von Partnerbeziehungen sind auch heute in jedem Menschen Sehnsüchte nach Geborgenheit und bedingungslosem Aufgehobensein wirksam. Dieser Wunsch wird begleitet von der Angst, eben diesen Sehnsüchten zu verfallen und seine Autonomie zu verlieren. In diesem Zwiespalt bietet sich das Eingehen einer Kollusion als scheinbar ideale Lösung an, nämlich eines unbewussten Zusammenspiels, das die Erfüllung tiefer Liebessehnsüchte in Aussicht stellt bei gleichzeitiger Kontrolle der Angst, sich in der Beziehung zu verlieren. Wie diese unbewussten Sehnsüchte die Partnerwahl gestalten und welche Schwierigkeiten und Konflikte daraus entstehen, ist das zentrale Thema dieses Buches.

«Das Buch hat die Arbeit von Experten, aber auch viele Partnerschaften wesentlich bereichert.» Psychologie heute

Impressum

Rowohlt Digitalbuch, veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Februar 2012

Copyright © 1975, 1990, 2012 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

Redaktion Bernd Gottwald

Umschlaggestaltung ZERO Werbeagentur, München

ISBN Buchausgabe 978-3-499-62758-3 (1. Auflage 1990)

ISBN Digitalbuch 978-3-644-01641-5

www.rowohlt-digitalbuch.de

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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Alle angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Printausgabe.

 

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www.rowohlt.de

Inhaltsübersicht

Vorwort zur Neuausgabe

1. Der gesellschaftliche Wandel von der Ehe zur Partnerbeziehung zur Liebesbeziehung

1.1. Umfassende Veränderungen im Verständnis von Ehe und Geschlechtsrollen

1.2. Das paradoxe Verhalten berufstätiger Frauen

1.3. Die Wiederaufwertung des Verliebtseins

1.4. Die sexuelle Befreiung

1.5. Konstruktivere Einstellung zur Scheidung

1.6. Was hat sich in der Einstellung zur Paartherapie verändert?

2. Funktionsprinzipien von Paarbeziehungen

2.1. Das Abgrenzungsprinzip

2.2. Progressives und regressives Abwehrverhalten

2.3. Die Gleichwertigkeitsbalance

3. Phasen der Ehe als Entwicklungsaufgaben

3.1. Die Phase der Stabilisierung der Paarbildung

3.2. Der Aufbau einer gemeinsamen Welt

3.3. Die Krise der mittleren Jahre

3.4. Die Altersehe

4. Einführung in das Konzept der Kollusion

5. Die Grundmuster des unbewussten Zusammenspiels der Partner

5.1. Die vier Kollusionsmodelle von 1975

5.2. Die dyadische Kollusion

5.3. Liebe als Einswerden in vollkommener Harmonie in der narzisstischen Kollusion

Zusammenfassende Aspekte der narzisstischen Kollusion

5.4. Liebe als Einander-Umsorgen in der Helferkollusion (orale Kollusion)

Die orale Entwicklungsphase

Die orale Kollusion

5.5. Liebe als sicherheitspendende Abhängigkeit (anal-sadistische Kollusion)

Die anal-sadistische Entwicklungsphase

5.6. Liebe als Imponieren und Bewundern (phallische Kollusion)

5.7. Die hysterische Ehe

6. Das unbewusste Zusammenspiel in der Kollusion der Partner

6.1. Die intraindividuelle und interindividuelle Balance

Die interindividuelle Balance

Das Zusammenwirken der intraindividuellen und interindividuellen Balance

6.2. Das gemeinsame Unbewusste der Partner

6.3. Von der Partnerwahl zum Paarkonflikt

6.4. Das kollusive Patt

6.5. Scheidung und Auflösung der Kollusion

7. Partnerwahl und Einspielen der Kollusion

7.1. Die Kollusion: Schlüssel-Schloss-Phänomen oder Anpassungsprozess?

7.2. Ist jeder Paarkonflikt eine Kollusion?

7.3. Literatur zur Kollusion und kollusiven Gruppenprozessen

8. Das Einbeziehen von Drittpersonen in den Paarkonflikt

8.1. Der Zusammenschluss gegen einen bedrohlichen Dritten

8.2. Die Drittperson als Puffer und Bindeglied

8.3. Die Drittperson als einseitiger Bündnispartner

8.4. Funktionsteilung in der ehelichen Dreiecksbeziehung

8.5. Die Funktion der Kinder im Paarkonflikt

9. Psychosomatische Paar-Erkrankungen

9.1. Zum Begriff «psychosomatisch»

9.2. Die konfliktneutralisierende Wirkung der psychosomatischen Symptombildung

9.3. Die psychosomatische Krankheit als gemeinsames Abwehrsyndrom

9.4. Die psychosomatische Kommunikation

9.5. Die Dialektik von Schuld und Verdienst

9.6. Hilfeabweisendes Krankheitsverhalten

9.7. Formen von psychosomatischen Paar-Erkrankungen

9.8. Die psychosomatische Arzt-Patient-Kollusion

10. Die Erweiterung des Kollusionsmodells 2002

10.1. Die Kollusion der Bindung

10.2. Die Kollusion der absoluten Liebe

10.3. Die Kollusion des sexuellen Begehrens

11. Von der Kollusion zur Koevolution

11.1. Koevolution in der Zweierbeziehung

11.2. Das idealtypische Bild einer koevolutiven Beziehung

11.3. Die koevolutive Fallkonzeption

12. Therapeutische Gesichtspunkte

12.1. Die Schwierigkeiten der Psychoanalytiker mit der Paartherapie

12.2. Zielsetzung der Paartherapie

Anhang

Literaturverzeichnis

Erläuterung einiger Fachbegriffe

Vorwort zur Neuausgabe

Bei seinem Erscheinen 1975 hatte «Die Zweierbeziehung» ein kleineres gesellschaftliches Erdbeben ausgelöst. In kürzester Zeit nahm es auf den Bestsellerlisten den ersten Platz ein und verkaufte sich als Longseller in nahezu dreihunderttausend Exemplaren. Es wurde in zehn Sprachen übersetzt und wurde zum Klassiker der Paarpsychologie und Paartherapie. Weshalb waren und sind bis heute Frauen und Männer so ansprechbar auf das in ihm enthaltene Verständnis von Partnerkonflikten? Worin besteht der bleibende Beitrag von «Die Zweierbeziehung» zum Verständnis von Paarkonflikten?

«Die Zweierbeziehung» erschien zu einem Zeitpunkt, in welchem ein Wandel wichtiger gesellschaftlicher Einstellungen anstand. Zur Zeit seines Erscheinens war die Meinung noch vorherrschend, bei einem Paar- oder Ehekonflikt gehe es darum, einen schuldigen Anteil vom unschuldigen zu unterscheiden. Das bestimmte auch die Gerichtspraxis in Scheidungsprozessen. Mit dem Kollusionskonzept wurde dagegen dargestellt, wie beide Partner zu etwa gleichen Teilen zum aktuellen Konflikt beitragen und es im dynamischen Sinn nicht einen Täter und ein Opfer, einen Dominanten und einen Unterdrückten, einen «Guten» und einen «Schlechten» oder einen Neurotischen und einen Gesunden gibt. Vordergründig drängt sich eine Parteinahme für den einen oder den anderen auf, und jeder Partner erwartet von seinen Freunden oder vom Therapeuten eine Stellungnahme für oder gegen ihn. Dass beide Seiten zur Entstehung des aktuellen Konflikts und dessen destruktiver Eskalation zu etwa gleichen Teilen beitragen, war damals ein neuer Gesichtspunkt, der inzwischen Allgemeingut geworden ist. Doch die Frage, wie jeder von beiden zum Konflikt beiträgt und wie der Konflikt bereits in der Partnerwahl vorprogrammiert ist, interessiert bis heute viele Leserinnen und Leser. Vor wenigen Jahrzehnten waren es vor allem die Frauen, die sich intensiv mit ihren Partnerbeziehungen befassten und manifest darunter litten, während die Männer dazu neigten, die Schwierigkeiten zu bagatellisieren, die Frauen als hysterisch abzuqualifizieren und ihre Gefühle zu überspielen. Üblicherweise kommt es dann zur Eskalation zwischen den Partnern: Je emotionaler die Frau reagiert, desto mehr halten die Männer sich die Ohren zu, je mehr die Männer sich die Ohren zuhalten, desto heftiger reagieren die Frauen. Heute sind Männer eher bereit, sich ernsthaft mit Beziehungsproblemen auseinanderzusetzen, ihren Frauen zuzuhören und eigene Gefühle zu artikulieren. Die Frauen aber übernehmen mehr Eigenverantwortung für ihr Glück und haben weniger Erwartungen, dass der Mann ihnen dieses zu bringen hätte.

In den letzten Jahrzehnten haben sich tiefgehende Veränderungen in der Gestaltung von Partnerbeziehungen ergeben, etwa im selbstverantwortlichen Umgang mit Sexualbeziehungen, in der Freiheit, über die Form des Zusammenlebens selbst zu bestimmen, oder in der Möglichkeit, die Rollen von Mann und Frau im Zusammenleben miteinander auszuhandeln. Trotz dieser emanzipatorischen Entwicklungen schlummern in der Tiefe eines jeden Menschen die alten Sehnsüchte nach Geborgenheit, Umsorgtwerden und Sicherheit, nach vorbehaltlosem Sich-dem-Geliebten-Anvertrauen, mit ihm in Harmonie sich zu vereinigen oder in ihm aufgehoben zu sein. Diese Sehnsüchte werden durch eine Liebesbeziehung entscheidend stimuliert. Es entsteht dabei aber auch die Angst, diesen Sehnsüchten zu verfallen und seine Autonomie zu verlieren. Diese Sehnsüchte sind besonders mächtig, wenn sie im früheren Leben nie oder zumindest nicht adäquat gestillt wurden und ein großer Nachholbedarf besteht. In diesem Zwiespalt zwischen der Hoffnung auf Erfüllung der tiefsten Sehnsüchte und der gleichzeitigen Angst, dabei die Kontrolle zu verlieren, bietet sich eine unverhoffte Lösung in der Inszenierung einer Kollusion an. Eine Kollusion ist ein unbewusstes Zusammenspiel, das beiden Partnern die Erfüllung ihrer Sehnsüchte in Aussicht stellt, bei gleichzeitiger Sicherung der Kontrolle über die sie begleitenden Ängste. Eine Kollusion bietet zunächst hohes Glück und Sinnerfüllung in der Beziehung zueinander, weil jeder sich für den anderen unentbehrlich fühlt. Doch früher oder später führen Kollusionen in eine Krise. Der Anteil, den jeder verdrängt und an den Partner delegiert, will sich Gehör verschaffen und fordert jeden zu einem autonomeren und ganzheitlicheren Beziehungsverhalten heraus. Die Krise der Partnerbeziehung ist auch ihre Chance, weil sie den Partnern zeigt, dass selbst ein scheinbar gesichertes Liebesglück jedem weiterhin Reifung und Entwicklung in der Beziehung abfordert.

Kollusionen, also die unbewussten Zusammenspiele von Partnern in Partnerwahl und Paarkonflikt, bilden das zentrale Thema dieses Buches. Kollusionen werden hier auf die Paarbeziehung beschränkt. Später habe ich das Konzept erweitert auf Kollusionen in Sexualbeziehungen, auf familiäre Kollusionen in Ablösungskrisen zwischen Eltern und Kindern oder auf die therapeutische Beziehung, vor allem als Helferkollusion.

In den Jahren seit der Erstausgabe von «Die Zweierbeziehung» habe ich meine neuen Erfahrungen in verschiedenen Büchern ausformuliert und erweitert. Davon ist auch das Kollusionskonzept betroffen. Wichtige Veränderungen waren die Erweiterung der vier Kollusionsmodelle durch weitere. Dies sind die Kollusion der Bindung, die Kollusion der absoluten Liebe und die Kollusion des sexuellen Begehrens. Grundsätzlich ist eine unbeschränkte Zahl von Kollusionsmodellen denkbar. Allen Kollusionsmodellen gemeinsam ist, dass die Partner durch einen Interaktionszirkel miteinander verklammert sind, in dem beide Partner zueinander sagen: «Ich bin nur so, weil du so bist.» Der Interaktionszirkel rechtfertigt das eigene Verhalten und erlaubt es, die Ängste zu kontrollieren. Sekundär hält der Interaktionszirkel jedoch die beiden Partner fest, sodass persönliches Wachstum oder persönliche Veränderung behindert werden. Jede Veränderung des Zirkelschlusses wird durch den Partner zunichte gemacht. Die wichtigste Veränderung ist jedoch der Übergang von der Kollusion zur Koevolution. Persönliches Wachstum setzt Freiheit zur Veränderung voraus. Die Kollusion wird vom Therapeuten nicht in ihrer Zirkularität bearbeitet, denn es hat sich gezeigt, dass der Nachweis der zirkulären Kausalität therapeutisch wenig wirksam ist. Wir legten deshalb später den Schwerpunkt auf den koevolutiven Fokus mit den Fragen an jeden Einzelnen, welche Entwicklungen seine Partnerbeziehung ihm ermöglicht, welche sie ihm verbaut und worin der jetzt anstehende Entwicklungsschritt liegen würde. Das Kollusionskonzept trägt unverändert zu einem vertieften Verständnis der Interaktion der Partner bei, persönliche Veränderungen jedoch sind eher erreichbar durch die Abgrenzung vom kollusiven Zirkelschluss.

Der Schwerpunkt dieser Neuausgabe liegt eindeutig in der stärkeren Herausarbeitung der Kollusion. Ich glaube, dass auch Leserinnen und Leser von dieser Neuausgabe profitieren können, wenn sie eine frühere Version gelesen haben sollten.

Jürg Willi, August 2011

1.Der gesellschaftliche Wandel von der Ehe zur Partnerbeziehung zur Liebesbeziehung

1.1.Umfassende Veränderungen im Verständnis von Ehe und Geschlechtsrollen

Das Buch «Die Zweierbeziehung» ist 1975 erstmals erschienen und wurde bald zum Klassiker der Psychologie und Psychotherapie von Paarbeziehungen. Seit dem Erscheinen vor fast 40 Jahren ist die Gestaltung von Zweierbeziehungen ein sehr umstrittenes Thema in unserer Gesellschaft. Zwei Aspekte von Paarbeziehung standen im Zentrum der Kritik: Die Institution Ehe und die veränderte Einstellung zur Sexualität. Bis 1968 war die Ehe eine kaum infrage gestellte Beziehungsform, deren Ziel in der Familiengründung lag. Die Ehe war eine Institution, die gesellschaftlich durch feste Normen gesichert war, und diente der Existenzsicherung durch klar definierte, aufeinander abgestimmte Rollen von Mann und Frau. Sie erhielt ihren gesellschaftlichen Rahmen durch die kirchlichen und gesetzlichen Normen. Es wurde unterschieden zwischen einer guten Ehe und einer schlechten Ehe, einer gesunden oder kranken Ehe, einer normalen oder gestörten Ehe. Die Ehe galt als naturgegeben. Der rechte Mann war definiert in seinem Verhalten und seinen Zielen, ebenso die Frau. Was von diesem normierten Modell abwich, galt als pathologisch, so insbesondere die Homosexualität und die Scheidung, welche oft als Scheitern des Lebensentwurfes galten.

Nach dem revolutionären gesellschaftlichen Umbruch von 1968 veränderte sich die Bedeutung der Ehe grundlegend. Sie galt nun als patriarchalische Institution, aus der man sich befreien wollte. Insbesondere die Rolle der Frau stand im Zentrum der Kritik, da die Frau dem Mann gesetzlich, aber auch in der kirchlichen Moral untergeordnet war. Man wollte sich aus dem normativen Korsett der Ehe befreien. Nichtlegalisierte Konkubinate versprachen das Angebot einer freien, ehrlichen Beziehung, die jederzeit aufgelöst werden konnte, wenn die Liebe nicht mehr stimmte. Man wollte «Ohne Lügen lieben», d.h. frei sein, sich täglich den weiteren Bestand der Beziehung anzubieten. Es kam zu einer Befreiungsbewegung aus dem normativen Korsett der Ehe, ein Aufkommen nichtlegalisierter Partnerbeziehungen, in welchen man sich täglich neu, ohne verpflichtende Bindungen, füreinander entscheiden wollte und konnte. Die Zahl der Eheschließungen ging deutlich zurück, stabilisierte sich dann aber auf einem Niveau, gemäß welchem die Ehe nach wie vor die häufigste Lebensform im Erwachsenenalter ist. Es kam zu einem bis heute anhaltenden Kampf um die Egalisierung der Rollen von Mann und Frau. Die Frauen stellten Forderungen, die den Männern noch lange Zeit unerfüllbar schienen. Man glaubte, die Aufteilung der Aufgaben seien natur- und gottgegeben. Der Mann verwaltete das Departement des Äußeren: Er sicherte die Existenz durch seine Berufstätigkeit, er verwaltete das Vermögen, er bestimmte den Wohnort, er war für das Sozialprestige der Familie verantwortlich. Die Frau übernahm das Departement des Innern und war zuständig für die Erfüllung der Haushaltspflichten, des Kochens, Putzens und für die Erziehung der Kinder. Das sollte sich – so die feministische Bewegung – von Grund auf ändern. Die Frauen sollten ebenbürtige Chancen in der Berufsarbeit erhalten, sie sollten gleiche Chancen auf Berufskarrieren haben und dabei auch gleichen Lohn bei gleicher Arbeit. Es sollte nicht mehr von Gott und der Gesellschaft gewollt sein, dass der Mann sich ganz im Beruf verausgabt, um Geld zu verdienen, vielmehr sollte der Mann sich ebenbürtig am Aufziehen der Kinder beteiligen, Mann und Frau sollten die gleichen beruflichen Privilegien und Chancen haben. In den 68er-Jahren galten solche Ziele als illusorisch und nicht erreichbar.

In einem 30–40 Jahre dauernden gesellschaftlichen Kampf setzten die Frauen ihre Forderungen weitgehend durch. Sie verfügen heute über eine gleichwertige Ausbildung, für die Betreuung der Kinder stehen eine Vielzahl von Einrichtungen zur Verfügung. Außerdem engagieren sich die Väter weit mehr als früher sowohl im Haushalt wie bei der Kinderbetreuung. Eine Vielzahl von Kinderkrippen und Kinderhorten/Kindergärten erlauben den Müttern eine Berufstätigkeit neben der Kinderbetreuung. Über lange Zeit hatten die Frauen meist nur die Möglichkeit, eine untergeordnete Berufsarbeit zu verrichten, die ihnen genügend innere und äußere Freiheit gab, sich um die Kinder zu kümmern. Zunächst ging es für die Frauen darum, durch ihre Berufsarbeit etwas dazuzuverdienen und damit auch über ein eigenes Einkommen zu verfügen. Das brachte ihnen die finanzielle Unabhängigkeit vom Mann mit allen Auswirkungen auf die Machtverteilung. Damit verbunden war jedoch auch die Erwartung an die Frau, dass sie für die finanzielle Situation des Paares oder der Familie einen substanziellen Beitrag leiste. Es war damit nicht mehr selbstverständlich, dass der Mann für die finanzielle Versorgung zuständig sei. Ist das das, was alle Frauen wirklich wollten?

1.2.Das paradoxe Verhalten berufstätiger Frauen

Wie komplex die gesellschaftlichen Veränderungen für Frauen und Männer sind, zeigt sich besonders anschaulich im Buch «Geschlechterparadox» der australischen Psychologin Susanne Pinker (2008). Sie beschreibt darin die unterschiedliche Situation der begabten Mädchen und schwierigen Jungen mit bemerkenswerten Befunden. Sie hat dabei wichtige und einleuchtende Unterschiede zwischen Männern und Frauen herausgearbeitet. Sie schreibt: «Seit vier Jahrzehnten versucht man nun schon, Frauen im Berufsleben die gleiche Chance zu eröffnen wie Männern. Tatsächlich sind die Schulen und Universitäten voll von Begabten und ambitionierten Mädchen, die ihre männlichen Klassenkameraden und Kommilitoninnen häufig überflügeln. Jungen dagegen sind überdurchschnittlich stark vertreten unter den sogenannten ‹Problemkindern›, die an Konzentrations- und Lernschwächen leiden. Trotzdem findet man in den Chefetagen der Wirtschaftskonzerne und in den Führungspositionen von Politik und Wirtschaft immer noch deutlich mehr Männer als Frauen. Wie kommt es, dass die schwierigen Jungen im Berufsleben plötzlich durchstarten und die so begabten und engagierten Mädchen bisher doch nicht im großen Stil die Karriereleiter erklimmen?»

Pinker zeigt, dass die Unterschiede zwischen Männern und Frauen nach wie vor eine fundamentale Rolle spielen. Die Mädchen sind fleißig und konzentriert, in der Schule zeigen sie mehr Interesse und Engagement. Die Jungen sind viel unberechenbarer, sie haben häufig Konzentrationsschwierigkeiten, langweilen sich im Unterricht und haben Mühe, gute Leistungen zu erbringen. Dabei zeigt sich eine Polarisierung bei den Männern: Es gibt weit mehr als bei den Mädchen hochbegabte und sehr erfolgreiche Schüler, aber daneben auch andere, die zerstreut sind und wenig Lernbegabung zeigen. Mädchen sind demgegenüber berechenbarer, sie entsprechen den Anforderungen und Erwartungen der Lehrer und der Schule. Frauen sind deshalb in der Schule und im Universitätsstudium erfolgreicher als Knaben. Sie bewähren sich auch in der Forschung und erreichen in zunehmender Häufigkeit eine lebenslange Professur. Aber – und das ist das Überraschende – trotz bester Chancen für eine Spitzenkarriere vollziehen viele Frauen einen Kurswechsel. Sie äußern, sie befänden sich in einer Tretmühle gefangen und seien an einem Punkt, wo sie Bilanz ziehen. Die Frauen geben um die 40 Jahre herum ihre Spitzenpositionen auf, trotz bester Chancen zur Weiterbeförderung, nachdem sie festgestellt haben, dass der berufliche Erfolg ihnen nicht das gebracht hat, was sie erwarteten. Sie scheiden 13-mal häufiger als Knaben aus dem Berufsleben aus, unabhängig von ihrem Familien- und Eheleben.

In der Berufskrise der mittleren Jahre konfrontieren sich die jungen Frauen vermehrt mit der Frage, was sie eigentlich vom Leben erwarten. Viele kommen zur Erkenntnis, dass die beruflichen Höchstleistungen und der höhere Verdienst sie wenig interessiert. Ein echtes Interesse haben sie dagegen an der beruflichen Arbeit mit Menschen. Sie möchten auch durch den Beruf weiterhin ihre privaten Beziehungen pflegen, was häufig mit einer Karriere schwer zu vereinbaren ist. Manche Mädchen haben die Befürchtung, dass sie durch die berufliche Karriere Kontakt mit Freundinnen und Erfolg beim anderen Geschlecht einbüßen.

Es stellt sich für die Frauen also die wichtige Frage, wie hoch der Preis für ihre Karriere ist. Manche haben den Eindruck, das Leben zu verpassen oder dass wichtige Aspekte ihres Lebens, insbesondere die Pflege der Beziehungen und Freundschaften, aber auch die tätige Hilfe gegenüber Menschen, die in Not sind, zu kurz kommen. Junge Männer dagegen suchen eher den Wettbewerb. Sie haben Freude an aggressiver Konkurrenz und unterscheiden sich darin vom Durchschnitt der Mädchen.

Frauen haben heute Zugang zu jedem Beruf. Sie zeigen in ihren Leistungen keine Unterschiede im Vergleich zu Männern. Sie können Lastwagenfahrerin werden, Chirurginnen, Schreinerinnen, Managerinnen, Politikerinnen u.v.a.m. Sie bewähren sich in jedem Beruf und sind sogar in vielen technischen Berufen den Männern überlegen. Trotzdem wählen sie bestimmte universitäre Studienrichtungen überdurchschnittlich häufig wie: Pädagogik, Sprachwissenschaften, Psychologie und Medizin. Hingegen wählen sie selten technische Berufe oder mathematisch-naturwissenschaftliche Richtungen, seltener Jura und Wirtschaftswissenschaft. Wie Studien ergeben, verfügen Mädchen über mehr Selbstdisziplin und haben in den meisten Fächern bessere Noten als die Jungen. Das lässt sich nicht durch einen Unterschied im IQ erklären, sondern mit anderen Berufsvorlieben und höherer Selbstdisziplin.

1.3.Die Wiederaufwertung des Verliebtseins

Die neue gesellschaftliche Unabhängigkeit führte zu einer starken Zunahme von Scheidungen, die Zahl alleinerziehender Mütter nahm deutlich zu. Finanziell sind allerdings viele alleinerziehende Frauen heute noch in einer schwierigen Situation.

Am wichtigsten war die Wahrung der persönlichen Freiheit und Autonomie. Geschiedene verfügten oft über die erstrebte Freiheit und Selbstbestimmung. In den 70er- und 80er-Jahren wurde Scheidung als ein Zeichen von Mut und Selbstbestimmung gesehen. Scheidung war kein Zeichen des Scheiterns mehr, sondern ein Hinweis auf den Mut zu einem selbstbestimmten Leben. Das führte oft zu einer defensiven, ja misstrauischen Grundhaltung gegenüber dem Verliebtsein und starken Liebesgefühlen. Im Verliebtsein wurde die Gefahr gewittert, die persönliche Autonomie zugunsten der Liebesbeziehung aufzugeben. Diese stark defensive Grundhaltung führte so zur Entzauberung der romantischen Liebe.

Doch dann, um die Jahrtausendwende, kam es in weiten Kreisen zu einer Wiederaufwertung von starken Emotionen im Verliebtsein. Man hatte den Eindruck, das Leben durch eine defensive Haltung zu verpassen. Man suchte sogar bedingungslose Hingabe in der Liebe, das Zulassen von Intensität und Bedingungslosigkeit, wie ich es in der Sehnsucht nach der absoluten Liebe beschrieben habe. Man suchte das Abenteuer hochemotionaler sexueller Beziehungen und nahm Abstand von der ängstlichen Kontrolle starker Gefühle. Mit dem Abflauen der revolutionären Autonomiebedürfnisse meldete sich die Liebe wieder zurück. Immer mehr Menschen hatten den Eindruck, dass das oftmals krampfhafte Bemühen nach Nüchternheit, Ausgleich und Gerechtigkeit die Gefahr mit sich brachte, das intensivste Erleben von Liebe zu verpassen. Es genügte nicht mehr, abzumessen, zu vergleichen und aufzurechnen, viele fühlten sich unerfüllt, einsam und unzufrieden. Manche sehnten sich im Grunde genau nach dem Sichsehnen, das sie unter dem Deckel ihrer ängstlichen Kontrolle zu halten versucht hatten – ein Sehnen nach der großen absoluten Liebe. Die Liebe sollte das eigene Leben aus der Mittelmäßigkeit herausheben, sie sollte ein Abenteuer, ein Risiko, eine Utopie sein, als Entwurf, der dem Leben Sinn, Ziel und Besonderheit zu geben vermag. Die Sehnsucht nach dem Außergewöhnlichen sollte in einer Welt, wo alles kontrolliert und gemessen wird, ihren Platz haben, es sollte einen Bereich geben, wo sich das Leben in seiner ganzen Dramatik entfalten kann. Diese Sehnsucht nach dem großen Abenteuer wird zwar meist schamhaft verborgen, ja viele können sie sich selbst nicht eingestehen. Manchen wurde dabei bewusst, dass sich Selbstverwirklichung nicht nur als Selbsterkenntnis und Bewusstwerdung ereignet, sondern durch die Verwirklichung des eigenen Potenzials in der selbstgeschaffenen Welt, von der man in seinem Wirken beantwortet werden möchte.

1.4.Die sexuelle Befreiung

Ein weiterer Schwerpunkt der kulturellen Veränderungen in den Nach-68er-Jahren ist die Gestaltung der sexuellen Beziehungen. Zuvor waren die sexuellen Beziehungen eingeengt durch vielfältige restriktive Normen und Verbote, für deren Einhaltung vor allem die Kirchen eintraten. Die Folge war, dass Sexualität nur schwerlich als ein Ausdruck von Liebe erlebt werden konnte und wenig Möglichkeiten bestanden, sie unbeschwert und freudvoll zu erfahren. Doch in den Nach-68er-Jahren setzten sich die jungen Erwachsenen über diese Vorschriften und Regeln hinweg und suchten eine spontane, ihrem Empfinden entsprechende sexuelle Erfahrung. Eine wichtige Voraussetzung dazu war die Pille, dank welcher sexuelle Beziehungen angstfreier erlebt werden konnten. Es setzte sich die Meinung durch, dass im Sexualleben alles erlaubt ist, was von beiden Partnern gewünscht wird. Eine allgemeingültige Norm war hinfällig geworden. Was im Sexuellen erlaubt ist, hatten die Partner selbst miteinander auszuhandeln. Sie mussten in alleiniger Verantwortung über Gut und Schlecht entscheiden. Insbesondere die katholische Kirche konnte ihre einengenden Regeln der «natürlichen» Antikonzeption in der Praxis nicht mehr durchsetzen. Aber auch die in vielen westlichen Staaten anerkannte Fristenlösung veränderte die Einstellung zum Schwangerschaftsabbruch. Erstaunlich und unerwartet war, dass es nicht zu einem Dammbruch von Abtreibungen kam. Vielmehr hatten viele Frauen, solange der Schwangerschaftsabbruch verboten war, alles darangesetzt, diesen durchzusetzen. Aber in dem Ausmaß, wie sie die Verantwortung für den Entscheid zum Schwangerschaftsabbruch selbst übernehmen mussten, wurden sie wesentlich zurückhaltender, sodass sich heute nur eine geringe Zunahme von Schwangerschaftsabbrüchen feststellen lässt. Bei vielen Frauen setzt sich der Einstellungswandel vor allem nach einem Schwangerschaftsabbruch durch. Ein Schwangerschaftsabbruch ist eine belastende Erfahrung, die keine Frau gern wiederholen möchte.

Sexuelle Beziehungen konnten jetzt als uneingeschränkte Lust gelebt werden. Sex wurde nicht mehr notwendigerweise mit Liebe und Partnerschaft gekoppelt, sondern bemaß seinen Wert in der Intensität der Lusterfahrung. Um dies zu erleben, eigneten sich Beziehungen, die sich nur als sexuelles Angebot definierten, für viele Konsumenten eher als eine Beziehung, bei der auch Liebesgefühle mit im Spiele waren. Die Lusterfahrung wurde auch als Pornografie salonfähig. Insbesondere die Frauen wurden in ihren Ansprüchen auf bloße sexuelle Lust wesentlich anspruchsvoller und freizügiger, was manche Männer verunsicherte. Das Internet bot eine Verbreitung von «schmutzigem» Sex an, was in manchen Partnerbeziehungen zu erheblichen Konflikten führte.

 

In den Jahrzehnten nach 1968 war der gesellschaftliche Wandel von der Ehe zur Partnerbeziehung zur Wiederbelebung von Liebesbeziehungen ein Dauerthema und erforderte laufend Auseinandersetzungen und neue Erfahrungen, wovon manche Paare überfordert waren. Das Zusammenspiel der Partner in Kollusionen wandelte sich in diesen Jahrzehnten. Die Neuausgabe dieses Buches möchte diesen Veränderungen Raum geben.

1.5.Konstruktivere Einstellung zur Scheidung

Heute wird oft anders geschieden als früher. Das Kollusionsmodell hat dazu beigetragen, dass Scheidungen heute wesentlich weniger destruktiv durchgeführt werden. Auch gesetzlich verzichtet man auf die früher übliche Unterscheidung in «schuldig geschieden» oder «unschuldig geschieden». Gemäß dem Kollusionsmodell sind immer beide Seiten an der Entstehung einer Krise beteiligt. Was sich in den letzten Jahrzehnten verändert hat, ist die Art und Weise, wie geschieden wird. Wo früher vor allem Hass geschürt wurde, um eine Scheidung durchzuboxen, lässt sich heute das Bestreben feststellen, in freundschaftlicher oder zumindest korrekter und respektvoller Weise auseinanderzugehen und die beidseitige Schuld bzw. Mitwirkung anzuerkennen. Auch sind immer häufiger beide Eltern ehrlich bemüht, mit den Kindern gemeinsam die Trennung zu gestalten und zu versuchen, den Kindern gewisse Fragen des «Warum» zu erklären. Die Kinder sind als Scheidungskinder heute nicht mehr allein. Es gibt Schulklassen, wo die Mehrzahl der Kinder aus Scheidungsehen stammen, sodass ein Kind geschiedener Eltern zu sein nicht mehr Scham- und Schuldgefühle auszulösen braucht.

Geschiedene Partner stehen heute nicht selten in einer freundschaftlichen Beziehung zueinander. Das kann sogar zu weit führen, nämlich dann, wenn mit der Scheidung kein klarer Trennungsstrich gezogen wird, sondern diffuse Bindungen fortbestehen. So sehen wir heute nicht selten Paare, wo etwa der Mann bei seiner Exfrau über den Charakter seiner neuen Freundin klagt und von ihr Verständnis und Trost erwartet. Viele geschiedene Partner suchen sich sehr rasch einen neuen Partner bzw. eine Partnerin. Wenn die Hauptmotivation dazu die Unfähigkeit ist, allein zu leben und der Scheidung nachzutrauern, kann das problematisch sein. Die Angst, das Scheidungsschicksal zu wiederholen, kann dann das Paar belasten (s. S. 224ff., Partnerwahl).

1.6.Was hat sich in der Einstellung zur Paartherapie verändert?

Frauen wie Männer haben eine grundsätzlich veränderte Einstellung zur Paartherapie gewonnen. Zu Beginn der Paartherapie, also in den Jahren nach 1965, waren Männer allgemein an Paartherapie nicht interessiert. Ihre Haltung war, die Frau solle nicht so hysterisch tun, sie mache aus einer Maus einen Elefanten, sie übertreibe alles, sie hätten es doch gut miteinander, er verdiene genügend, sie müsse nicht arbeiten gehen und könne ein schönes, sorgenfreies Leben führen. Die Männer sahen für sich keinerlei Probleme, die sie zu besprechen hätten. Es gehört ihrer Meinung nach zu einem «echten» Mann, dass er stark genug ist, um eheliche Spannungen und Unzufriedenheit stoisch zu ertragen, ohne Wimpernzucken, ohne einzuknicken, in tapferer Haltung auszuharren. Sie verharrten in Verteidigungshaltung. Es wäre ihnen gar nicht in den Sinn gekommen, die Frau mit irgendwas anzuklagen, weil das der angestrebten ritterlichen Haltung widersprochen hätte, Häufig war die Grundhaltung: «Ich kann es meiner Frau ohnehin nicht recht machen.»

In der Zeit nach 1965, also in der Pionierzeit der Paartherapie, übernahmen zuallermeist die Frauen die Initiative für die Paartherapie. Sie klagten über das Verhalten des Mannes, über seine Gefühllosigkeit, sein Desinteresse, seine dauernde Tendenz, sich von der Familie zu distanzieren. Sie hatten die Erwartung, dass der Mann ihnen ein schönes Leben bescheren sollte, und hofften nun von der Paartherapie, dass der Therapeut dazu beitrage, diese Wünsche zur Erfüllung zu bringen. Sie zeigten sich nicht bereit, selbst Verantwortung für ihr Glück zu übernehmen, sondern erwarteten, dass das Glück ihnen beschieden werde. Zu Beginn der Beziehung hatten die Männer versucht, die Verantwortung für ihr Glück zu übernehmen. Doch dann fühlten sie sich zunehmend überfordert. Oft setzten sie sich nicht offen zur Wehr, sondern zogen sich in sich zurück, sprachen nicht mehr und versuchten den Zustand einfach klaglos auszuhalten. Die Frau fühlte sich dementsprechend in ihren unerfüllten Wünschen nicht ernst genommen, sodass folgende Tendenz bestand: je mehr der Mann die Klagen abwehrte, desto stärker verfiel die Frau in Anklage, und je mehr sie in Anklage verfiel, desto mehr zog der Mann sich von ihr zurück.

Unter dem gesellschaftlichen Wandel in der Einstellung zur Liebesbeziehung und Paarbeziehungen hatten sich auch die Grundhaltungen von Mann und Frau der Paartherapie gegenüber verändert. Männer mussten häufig erleben, dass die Frauen die Scheidung gegen den Willen des Mannes durchsetzten. Männer sind zunehmend besorgt, dass die Frauen von den Gerichten bevorzugt behandelt werden. Frauen sagen häufiger, sie liebten ihren Mann nicht mehr, und streben in der Paartherapie die Scheidung an. Nicht selten zeigen sie keine Lust mehr, sich um einen Neuanfang in der Beziehung zum Mann zu bemühen. Sie sagen, sie hätten nun jahrelang geklagt und hätten sich vom Mann nicht ernst genommen gefühlt, jetzt sei es zu spät. Meistens bleiben sie bei dieser Haltung, auch wenn der Mann in der Paartherapie willens ist, Veränderungen ins Auge zu fassen und etwas für die Verbesserung der Beziehung zu tun. Wenn Männer den Kontakt mit ihren Kindern verlieren, verlieren sie nicht selten ihre Lebensmotivation, da sie sich nur noch als Zahlvater gebraucht fühlen, sonst aber von den Kindern ferngehalten werden. Männer bemühen sich gegenwärtig auch auf politischer Ebene um das gemeinsame Sorgerecht. Dazu ist aber Voraussetzung, dass Männer sich in der Haushaltsführung und Kinderbetreuung engagieren. Hier ist immer noch ein gesellschaftlicher Umbruch im Gang. Männer reduzieren ihre berufliche Inanspruchnahme und teilen sich immer häufiger mit ihren Frauen in die häuslichen Aufgaben. Nicht selten haben sich die Rollen umgekehrt, d.h., dass der Mann einen Großteil der Haushaltsführung und Kinderbetreuung übernimmt.

Wenn man also heute vermehrt Männer mit Babys spazieren gehen sieht, so ist dieser Wandel nicht ganz freiwillig, sondern aus dem Bestreben entstehend, zu den Kindern eine Bindung aufzubauen, um in der Familie gebraucht zu werden und im Falle einer Scheidung die Elternfunktion nicht zu verlieren.

2.Funktionsprinzipien von Paarbeziehungen

Ich möchte auf drei Funktionsprinzipien hinweisen, die sich mir in der therapeutischen Praxis für das Gelingen einer Paarbeziehung als wichtig erwiesen haben. Es handelt sich als Erstes um das Abgrenzungsprinzip: Eine gutfunktionierende Dyade[a] muss sich gegen außen und gegen innen klar definieren. Ein zweites Funktionsprinzip besagt, dass in der Ehe regressiv-«kindliche» und progressiv-«erwachsene» Verhaltensweisen nicht als polarisierte Rollen auf die Partner verteilt sein sollten. Ein drittes Prinzip betrifft das Gleichgewicht des Selbstwertgefühles, dass nämlich in einer funktionsfähigen Ehe die Partner zueinander in einer Gleichwertigkeitsbalance stehen sollten.

Die Beachtung dieser Prinzipien macht noch nicht die gute Ehe aus, sondern bildet vielmehr den Rahmen, in dem sich eine für beide Teile befriedigende Ehe ereignen kann. Die meisten Paare wissen rein intuitiv um diese Prinzipien. Wenn sie diese nicht einhalten, so beruht das meist weniger auf Unkenntnis als vielmehr auf tieferliegenden Schwierigkeiten, die dem Paar deren Befolgung verunmöglichen. In den Kollusionsmustern will ich mich mit diesen tieferen Schwierigkeiten im Zusammenspiel der Partner befassen.

2.1.Das Abgrenzungsprinzip

Es geht hier um die Abgrenzungsproblematik des Paares gegen außen und gegen innen: Wie nahe kann man sich in einer Paarbeziehung kommen, ohne sich aufzugeben? Wie stark sollte sich ein Paar gegen außen abgrenzen? Ich glaube, dass jedes Paar sich seine Position auf einem Kontinuum zwischen Verschmelzung und rigider Abgrenzung suchen muss. Der Mittelbereich zwischen diesen Extremen erlaubt ein normales Funktionieren einer Paarbeziehung.

Grenzziehungen innerhalb und außerhalb eines Paares

Auf der rechten Seite der Tabelle haben wir die dyadische Verschmelzung, bei der die Partner eine symbiotische Einheit, ein gemeinsames Selbst bilden. Häufig sind diese Paare gegen Außenstehende rigide abgegrenzt und halten ihre extradyadischen Grenzen undurchlässig. Diese Extremform ist meist das Leitbild in der Phase der Verliebtheit. Man möchte ganz eins sein, einander ganz gehören, alles miteinander teilen und sich auf eine totale Harmonie einstimmen. Es kommt dabei leicht zur «Überintimität» mit Verlust der Ich-Grenzen, des eigenen Selbst (siehe narzisstische Kollusion) und Unterdrückung aller aggressiven und oft auch sexuellen Strebungen. Gleichzeitig hält man die Beziehung für so einmalig und ideal, dass man sie wie ein Mysterium vor dem Einblick Außenstehender bewahren will. Man möchte der Außenwelt gegenüber nur als geschlossenes Paar in Erscheinung treten.

Auf der linken Seite der Tabelle stehen die Partner, die aus Angst vor Selbstverlust sich rigide gegeneinander abgrenzen und die Intimität fürchten. Intradyadisch steht zwischen den Partnern ein Schutzwall, häufig einhergehend mit diffusen extradyadischen Grenzen. Die Intimität zu Drittpersonen dient als Schutz vor allzu großer dyadischer Nähe. Man verbindet sich mit Kindern, Freunden und Verwandten, um sich umso sicherer vom Partner abgrenzen zu können.

Ich glaube, dass die gesunde Ehe folgende Grenzziehungen beachten muss:

Die Beziehung der Ehepartner zueinander muss klar unterschieden sein von jeder anderen Partnerbeziehung. Die Dyade muss gegen außen klar abgegrenzt sein, die Partner müssen sich als Paar fühlen, müssen füreinander eigenen Raum und eigene Zeit beanspruchen und ein eheliches Eigenleben haben.

Innerhalb des Paares müssen die Partner aber klar voneinander unterschieden bleiben und klare Grenzen zwischen sich respektieren.

Die intradyadischen und extradyadischen Grenzen müssen für die Partner wie auch für Außenstehende sichtbar, aber trotzdem nicht starr und undurchlässig sein.

Heute wird mit diesen Abgrenzungsprinzipien in großem Maße experimentiert, sodass die Aufstellung derartiger Regeln zu Widerspruch reizen wird. In der therapeutischen Praxis begegne ich oft Paaren, die sich in uneingeschränktem Freiheitsstreben überfordern und bei denen der Verweis auf diese Prinzipien zu einer Entkrampfung und Entspannung der Beziehung führt. Ich glaube, dass die gesunde Ehe unter Angst und Stress gerät, wenn diese Prinzipien nicht mehr respektiert werden, wobei gesellschaftlich gesehen die Tendenz besteht, vom Leitbild des einen Extrems in das Leitbild des anderen zu verfallen. Während Jahrzehnten wurde in der westlichen Industriegesellschaft dem romantischen Ideal «Liebe als exklusive Zweisamkeit» nachgestrebt. Die damit verbundene Überlastung der Ehe führte zur Enttäuschung. Die heutige Kritik an der Ehe kann zum Teil als Folge des Scheiterns dieser idealistischen Eheperiode angesehen werden. Um sich vor Enttäuschungen zu schützen, möchte man sich gar nicht mehr in eine Ehe einlassen. Nach wie vor ist es aber eine der größten Schwierigkeiten in Paarbeziehungen, die Trennung in der Liebe zu akzeptieren, den Partner in seiner Andersartigkeit zu respektieren und sich selbst nicht für ihn aufzugeben. Dieses Getrenntsein in der Liebe enttäuscht die Sehnsucht, mit einem Menschen wenigstens die verlorene Mutter-Kind-Symbiose, die Urharmonie und das ungetrennte Einssein wiederzufinden. Viele Ehekrisen bestehen in untauglichen Versuchen, durch irgendwelche Arrangements dieses Ziel doch noch zu erreichen. Viele Ehestreitigkeiten können als Trotz gegen das Getrenntbleiben verstanden werden. Wenn der Partner einem schon diese Enttäuschung bereitet, so soll er mindestens dafür leiden. Große Gefahren kann auch die Mystifizierung der Ehe mit sich bringen, wenn die Paarbeziehung damit jeglicher sozialen Kontrolle entzogen wird, was pathologische Beziehungsformen besonders begünstigt.

Es besteht aber auch die Gefahr zum anderen Extrem, nämlich zur unbedachten außerehelichen Intimität. Die Ehe wird als Gefängnis angesehen, aus dem es auszubrechen gilt. Man ist ängstlich darum bemüht, sich nicht zu sehr an einen Partner zu binden. Man stellt aneinander möglichst keine Erwartungen, sondern sucht zu einem wesentlichen Teil die Bedürfnisse außerhalb der Ehe zu befriedigen. Das an sich begrüßenswerte Bestreben, die Ehe von zu hohen Erwartungen zu entlasten, führt zur Konfusion, wenn in der Ehe nur eine neben anderen gleichwertigen Beziehungen gesehen wird. Meiner Meinung nach ist es von sekundärer Bedeutung, wie intim außereheliche Kontakte sein können, solange für alle Beteiligten klar bleibt, dass die Beziehung zum Ehepartner etwas grundsätzlich anderes ist als jede andere Partnerbeziehung. Dieses Erfordernis wird heute allerdings infrage gestellt, sowohl von politischen Ideologen, die darin einen Ausdruck kapitalistischen Herrschafts- und Besitzanspruches sehen, wie vor allem auch von Verkündern einer neuen Partnerideologie von Freiheit und Ungebundenheit in der Liebe mittels Partnertausch, Swinging, Gruppensex usw.

Jene Psychologen, meint DENFELD, die im Partnertausch einmal «die größte Errungenschaft für die Ehe seit der Erfindung des Himmelbettes» gesehen hätten, seien wohl «mehr mit missionarischem Eifer als mit wissenschaftlicher Genauigkeit» an das Problem herangegangen (zit. nach Der Spiegel Nr. 31/1974).

MINUCHIN und andere maßgebliche amerikanische Familientherapeuten halten die Wiederherstellung klarer Grenzen der familiären Subsysteme für eines der wesentlichsten Ziele der Familientherapie. Ein Kennzeichen kranker Familien seien diffuse Grenzen zwischen Eltern und Kindern oder der rigide Ausschluss gewisser Familienmitglieder. Das, was die Familientherapeuten an kranken Familien feststellen, möchte ich in gleicher Weise auf kranke Ehen übertragen: Ein wesentliches Ziel der Ehetherapie liegt in der Herstellung klarer, aber durchlässiger intradyadischer und extradyadischer Grenzen!

Diese Grenzen müssen nicht nur gegenüber außerehelichen Liebhabern und Freunden klar markiert sein, sondern auch gegenüber den Eltern und den eigenen Kindern. Ist man verheiratet, so muss den Eltern und Schwiegereltern, die häufig Mühe haben, ein Kind freizugeben, unmissverständlich klargemacht werden, dass man mit dem Ehepartner ein eigenes Beziehungssystem bildet, das sich ihnen gegenüber abgrenzt und das den Vorrang vor der Beziehung zu ihnen hat. Sie müssen deutlich spüren, dass man im Falle eines Streites eher zum Ehepartner als zu ihnen halten wird. Wird das klar ausgedrückt, so lässt sich die Beziehung zu den Eltern in der Ehe meist harmonischer gestalten, als wenn ihnen die Chance gelassen wird, sich mit Druckversuchen und Intrigen in die Ehe einzumischen.

Auch den Kindern muss klar sein, dass die Ehe der Eltern eine Beziehung eigener Art ist, die sich klar von der Eltern-Kind-Beziehung unterscheidet. Diese Regel wird häufig nicht eingehalten, worauf im Kapitel 8 näher eingegangen wird.

Die Grenzen des dyadischen Systems sollen aber andererseits nicht rigide sein. Es geht also bei der Befolgung der Strukturregel um das Maß. Rigide Grenzen sind Kommunikationsbarrieren, die das Zusammenleben verkümmern und absterben lassen. Diffuse Grenzen ermöglichen ein hohes Maß an Dynamik, erzeugen aber aus der mangelnden Ordnung heraus oft ein Übermaß an Spannungen und Ängsten, die dem Zusammenleben abträglich sind.

2.2.Progressives[a] und regressives[b] Abwehrverhalten

Die Ehe hat viele psychologische Parallelen zur frühkindlichen Eltern-Kind-Beziehung und wird von dieser auch wesentlich geprägt. In den ersten Lebensmonaten und -jahren wird das Kind in die Elemente intimer menschlicher Beziehungen eingeführt. Das Kind ist auf einen relativ kleinen und überschaubaren Kreis von Mitmenschen, auf die Familie, bezogen. Mit der Heirat treten die Partner wieder in ein ähnliches Beziehungssystem ein, jetzt allerdings in einer anderen Position, nicht mehr als Kinder, aber meist auch noch nicht als reife Erwachsene. Entsprechend ist vieles in der Ehebeziehung ambivalent, einerseits auf Regression und kindlichen Nachholbedarf, andererseits auf Progression zu «erwachsenem» Verhalten angelegt.

Die intime Paarbeziehung bietet eine Menge regressiver und progressiver Verhaltensmöglichkeiten an. Keine menschliche Beziehung kommt der frühkindlichen Eltern-Kind-Intimität so nahe wie die Ehe.

Keine Beziehung gewährt eine so umfassende Befriedigung elementarster Bedürfnisse nach Einssein, Einander-Gehören, nach Pflege und Umsorgung, Schutz, Geborgenheit und Abhängigkeit. Die Verhaltensweisen zweier Verliebter sind denn auch in vieler Hinsicht denjenigen zwischen Mutter und Säugling ähnlich: Sie halten sich in den Armen, sie streicheln sich, suchen Hautkontakt, blicken sich tief in die Augen, lächeln sich an, drücken und klammern sich fest aneinander, sie herzen, scherzen und küssen. Auch ihre Sprache regrediert oft auf präverbale Laute und frühkindliche Ausdrucksweisen.

Andererseits erfordert kaum eine andere menschliche Beziehung ein so hohes Maß an Identität, Stabilität, Autonomie und Reife wie eine intime, umfassende und verbindliche Zweierbeziehung. Die Partner erwarten voneinander ein tiefes menschliches Verständnis und eine echte Förderung in ihrer Entwicklung. Das Finden von Lösungen in der Fülle von Problemen, die sich ihnen stellen, erfordert Kompetenz und Tatkraft. In den meisten persönlichen Schwierigkeiten und Belastungen ist der Partner der Erste, der um Rat und Hilfe angegangen wird.

In einer gesunden Paarbeziehung profitieren die Partner von der Möglichkeit, in freischwingender Balance partiell progredieren und regredieren zu können. Bald weint sich der eine regressiv beim anderen aus, der ihn – in der Mutter-Position – tröstet, bald ist es wieder der andere, der hilflos ist und den Rat und die Unterstützung des Ersteren beansprucht. Da man in der Paarbeziehung mit dem Ausgleichsverhalten des Partners rechnen kann, darf man sich eher mal regressives Verhalten leisten, ohne Angst vor sozialem Abgleiten haben zu müssen. Die Bewährung in stellvertretenden Hilfsfunktionen andererseits hebt das Selbstgefühl. Das gegenseitige Stützen und Gestütztwerden vermittelt den Partnern ein hohes Maß an Befriedigung und gibt eine wesentliche Motivation zur Paarbildung. Vorübergehend teilweise regredieren zu können ist für die Reifung eine wichtige Voraussetzung. Die «Regression im Dienste des Ich» wird deshalb in der psychoanalytischen Behandlung vom Therapeuten bewusst gefördert. Michael BALINT stellt die genitale Liebe als höchste Reifungsstufe in Zusammenhang mit der Erfordernis, im Orgasmus vorübergehend zu regredieren. Der Gesunde sei elastisch genug, diese Regression furchtlos zu erleben im sicheren Vertrauen, daraus wieder emportauchen zu können. Menschen aber, denen es schwergefallen sei, reif zu werden, dürften sich im Orgasmus nicht gehen lassen aus Angst, die reife Einstellung zu verlieren oder nicht wiederfinden zu können.

Jeder Mensch trägt in sich progressive und regressive Tendenzen, aber nicht jeder Mensch ist fähig, sich progressiv oder regressiv zu verhalten. Das flexible Wechseln vom einen in den anderen Zustand ist manchen Menschen aus tieferen Gründen erschwert.

Die einen neigen dazu, sich in einer Paarbeziehung auf rein regressives Verhalten zu fixieren und jede Anforderung zu reifem Verhalten von sich zu weisen. Sie erwarten einseitig von der Ehe die fortdauernde Befriedigung ihrer Bedürfnisse nach Pflege, Zuwendung, Zärtlichkeit und Passivität. Diese regressive Erwartungshaltung gründet häufig in unbewältigten Konflikten der frühen Kindheit und kann eine neurotische Fehlhaltung sein. Es kann jemand als Kind derart frustriert worden sein, dass er daraus das Anrecht auf Befriedigung seines unersättlichen Nachholbedarfs ableitet. Oder jemand ist als Kind so überbehütet und verwöhnt worden, dass er nun für die Ehe die Fortdauer dieses Zustandes postuliert. Meist wurde von den Eltern jede Regung zu Selbstständigkeit im Keime erstickt, sodass auch in der Ehe vom Partner Bestrafung und Liebesentzug erwartet wird, wenn man sich anders als kindlich abhängig zeigen würde. Oft wurde man als Kind in der Entwicklung so sehr entmutigt, dass man sich im Partner jemanden sucht, der einem stellvertretend die Reifungsanforderungen abnimmt und einem kindliches Verhalten zubilligt.

Andere wiederum überfordern sich im Anspruch auf «Erwachsensein». Sie meiden jede Verhaltensweise, die als kindlich schwach, hilfebedürftig und abhängig interpretiert werden könnte, und bemühen sich um Charakterhaltungen der Stärke, Reife, Überlegenheit und Gefühlskontrolle, um die Verkörperung von Ich-Stärke. Sie suchen sich in der Paarbeziehung eine Aufgabe, in der sie sich als Führer, Retter, Supermann oder Spender unerschöpflicher Hilfe bestätigen können. Das Bedürfnis nach Übernahme solcher Aufgaben entspringt bei ihnen aber nicht echter Stärke und Reife, sondern ist ein Versuch, eigene Schwäche und Kindlichkeit forciert zu überspielen und erwachsene Reife durch Überkompensation zu erzwingen. Diese Charakterhaltung kann ebenso neurotisch sein wie die zuvor erwähnte regressive Haltung und kann darin gründen, dass man als Kind sich nie eine Blöße und einen Anschein von Schwäche geben durfte oder dass man so sehr verniedlicht wurde, dass man jetzt in der Ehe forciert durch gewichtiges «Erwachsenenverhalten» beeindrucken will. Im Gegensatz zur regressiven Haltung wird diese unechte Progression gesellschaftlich oft als wertvoll belohnt, weil sie die sozialen Werte der Tüchtigkeit, Hilfsbereitschaft, Aktivität und «Männlichkeit» verkörpert. Diese progressiven Charaktere sind aber sozial oft gefährlich, weil sie sich in ihrer überkompensierend progressiven Position nur halten können im Umgang mit Menschen, die sich als besonders regressiv, passiv, abhängig und hilfebedürftig anbieten und die sie regressiv halten müssen, um sich ausreichend gegen diese profilieren zu können.

Die Begriffe der regressiven und progressiven Position sind in diesem Buch von zentraler Bedeutung. Regressive und progressive Position werden fortan meist als neurotische Abwehrhaltungen verstanden: Regression als ein Zurückfallen auf kindliche Verhaltensweisen, Progression als Versuch, eigene Schwäche mit «Erwachsenheitsfassade» zu überspielen.

Dieses überkompensierende Verhalten bezeichnet man in psychoanalytischer Terminologie als Reaktionsbildung. Progressives Verhalten meint also Pseudoreife und nicht echte Reife.

Mancher fixiert sich auf der regressiven Position aus Angst vor Überforderung oder Bestrafung, wenn er für sich reifere Verhaltensweisen anstreben würde; mancher fixiert sich in der progressiven Position, weil er sich regressiver Verhaltensweisen schämen würde. In unserem Kulturraum besteht teilweise vor allem bei Migranten die Tendenz, progressive Verhaltensweisen vor allem dem Mann zuzuschreiben, regressive aber der Frau. Der Mann hat sich als allzeit überlegen, stark und lebenserfahren zu erweisen, als ritterlicher Beschützer und Stütze der Frau, während regressives Verhalten wie Suchen von Schutz und Trost, schwächliche Anklammerungsbedürfnisse und Unselbständigkeit immer noch als unmännlich gelten. Da aber Männer in der Regel wohl kaum wesentlich reifer und in der Entwicklung vorangeschrittener sein dürften als Frauen, fühlen sie sich oft gezwungen, sich zum Scheine progressiv aufzuspielen und ihre regressiven Kommunikationswünsche zu unterdrücken und zu verleugnen. Andererseits gelten auch heute noch, wenn auch sicherlich weniger als vor einigen Jahrzehnten, regressive Verhaltensweisen als besonders fraulich. Viele Männer fühlen sich besonders angezogen von Frauen, die in ihnen Halt und Stütze suchen, sich an sie anlehnen wollen, an ihnen emporblicken, ihnen kindlich vertrauen und naiv daherplaudern. Manche Frauen sind forciert bemüht, sich auf das schwächlich-regressive Stereotyp der «Idealfrau» zu bescheiden, obwohl das gar nicht ihrer eigentlichen Verfassung entspricht. Sie geben sich dann betont «weiblich», indem sie alle aktiven, sogenannt männlichen Verhaltensweisen in sich unterdrücken. Die Frau tut dann so, als ob sie schwach wäre, benützt aber oftmals gerade ihre Schwäche, um sich gegen die großtuerischen Männer durchzusetzen. Das Zusammenspiel des scheinstarken Mannes mit der scheinschwachen Frau zeigt sich in der «hysterischen Ehe» in übersteigerter Form. Davon wird später noch ausführlich die Rede sein.

Bei Beziehungsstörungen sehen wir besonders häufig die Verbindung eines Partners, der das Bedürfnis nach überkompensierender Progression hat, mit einem Partner, der das Bedürfnis nach regressiver Verwöhnung spürt. Sie verstärken und fixieren sich gegenseitig in diesem einseitigen Verhalten, weil sie sich wechselseitig in diesen Funktionen benötigen. Die neurotische Verstrickung eines progressiven mit einem regressiven Partner wird in diesem Buch eingehend als Kollusion beschrieben werden.

2.3.Die Gleichwertigkeitsbalance

In einer beiderseits glücklichen Beziehung stehen die Partner zueinander im Gefühl der Gleichwertigkeit. Gemeint ist damit nicht nur die Gleichberechtigung einer partnerschaftlichen Beziehung und auch nicht das Gleichsein in Verhalten und Funktionen, sondern die Ebenbürtigkeit der Partner im Selbstwertgefühl. Es kann einer von beiden Partnern die äußere Führung des Paares innehaben und die mit äußerem Prestige versehenen Aufgaben wie beruflicher Status, Verwaltung des Geldes, Vertretung des Paares gegenüber den Behörden usw. übernehmen, ohne dass diese Regel verletzt sein muss. Die genauere Kenntnis der Verhältnisse kann nämlich ergeben, dass die scheinbar so passive Frau aus dem Hintergrund heraus die Aktionen ihres Mannes in ebenbürtiger Weise mitbestimmt, ja nicht selten ist der Mann mehr das ausführende Organ der im Grunde maßgeblichen Frau. Auch kann sich die Frau einem Mann durchaus gleichwertig fühlen, obwohl nur dieser eine berufliche Karriere macht, solange beidseitig anerkannt ist, dass sie am Aufstieg ihres Mannes einen entscheidenden persönlichen Anteil hat als dessen Beraterin und Führerin, ja als «Nährboden», aus dem er die Kräfte für seine Erfolge schöpft. Das Gefühl, für die beruflichen Leistungen des Mannes unentbehrlich zu sein, kann einer Frau dazu verhelfen, sich mit seinem beruflichen Erfolg zu identifizieren. Das Bewusstsein gleichen Wertes kann aus der Erfüllung ganz verschiedener Funktionen herrühren, etwa wie im traditionellen Beziehungsmuster, wo der Mann quasi das Außenministerium, die Frau das Innenministerium der Familie übernimmt. In vielen Kulturen ist die Frau als Mutter das emotionale Zentrum der Familie und bezieht aus dieser Funktion ein hohes Maß an Selbstbestätigung.

In der psychologischen Umgangssprache ist es üblich, bei Ehepaaren von einem dominanten und von einem unterlegenen Partner zu sprechen. Diese Begriffe werden unreflektiert verwendet, denn bei genauerer Kenntnis der Verhältnisse ist es schwierig bis unmöglich zu entscheiden, wer wen dominiert. Ich halte deshalb in Anlehnung an WATZLAWICK, BEAVIN und JACKSON die Begriffe des Partners in superiorer Position und des Partners in inferiorer Position für zutreffender. Der superiore Partner ist in der Regel aktiver, wortreicher, entscheidungsfreudiger und initiativer. Er vertritt das Paar gegen außen und übernimmt Führungsfunktionen. Der inferiore Partner ist häufig introvertierter, stiller, er tritt weniger in Erscheinung, bestimmt Entscheidungen mehr aus dem Hintergrund und lenkt das Geschehen, ohne für sich die Führerrolle zu beanspruchen. Er braucht deswegen dem Partner in superiorer Position keineswegs unterlegen zu sein.

Selbst wenn tatsächlich der eine der Stärkere ist, lässt es die Paardynamik nicht zu, dass er von seiner Stärke Gebrauch macht. Der Mann ist gehemmt, seine körperliche Überlegenheit für den Austrag ehelicher Streitigkeiten auszunützen. Greift er aber darauf zurück, so wird das gesellschaftlich geächtet und als Zeichen persönlicher Schwäche gewertet. Liegen also Ungleichheiten in Qualitäten, die das Selbstwertgefühl stützen, vor, so dürfen sie nicht für den Austrag ehelicher Auseinandersetzungen ausgenützt werden. Es gilt als unfair, den Partner zu erniedrigen durch Bemerkungen über effektiv bestehende Benachteiligungen, zum Beispiel mangelnde Schulbildung, körperliche Behinderungen und Entstellungen. Ein unausgesprochenes Gesetz verbietet, im Kampf von der einseitigen Überlegenheit gewisser Mittel Gebrauch zu machen. Man muss sich vielmehr weitgehend den Kampfmethoden des «rüstungsmäßig Schwächeren» anpassen. In Duellen und Sportwettkämpfen wird streng auf die Chancengleichheit der Kämpfer geachtet. Man lässt nicht einen Schwergewichtsboxer auf einen Federgewichtler los. In der Ehe kann das zu grotesken Situationen führen, wenn ein Mann, der politisch ein überlegener Taktiker ist, zu Hause auf plumpes Streitverhalten abfällt oder wenn ein Berufsboxer einen Suizidversuch unternimmt, nachdem er von seiner körperlich zarten Frau geschlagen worden ist.

Bei der Partnerwahl wird die Gleichwertigkeit meist aus eigener Intuition beachtet. Schon in einem ersten Gespräch zweier einander unbekannter Personen dient der Gesprächsinhalt wesentlich der gegenseitigen Einschätzung. Auch Murray BOWEN (1972) betont, dass der Differenzierungsgrad zweier Partner im Allgemeinen einander gleich sei. Das Gefühl des eigenen Selbstwertes kann durch unterschiedliche Attribute belegt werden, durch Nachweis von Intelligenz, Stärke, Schönheit oder Reichtum, aber auch durch persönliche Reife, der Fähigkeit, sich in einen Partner einzufühlen, ihm beizustehen und ihn zu bestätigen. All diese Qualitäten wiegen in einer potenziellen Paarbeziehung das, was sie dem Partner wert sind. So kann ein berühmter Greis eine Hausangestellte heiraten, die ihm in ihrer gemütswarmen Mütterlichkeit weit mehr bedeutet als eine ihm dauernd Außergewöhnliches abfordernde Anbeterin. Oder ein aktiver Manager fühlt sich von seiner adligen Ehefrau überfordert, die dauernd an ihm herumnörgelt, und sieht sich nach einer Beziehung zu einem einfachen Mädchen um, das in ihm jene Persönlichkeitsseiten anspricht, die unter seinem Karrierestreben verschüttet worden sind. Im Allgemeinen beruht aber das Gefühl von Gleichwertigkeit auf Ähnlichkeit sozialer und persönlicher Qualitäten. Rein intuitiv wird es in der Regel vermieden, sich mit einem Partner enger einzulassen, der bezüglich Differenzierung überlegen ist, da man sich ihm nicht gewachsen fühlen würde und man deshalb in der Beziehung besonders gefährdet wäre. Andererseits wird man sich in der Regel auch nicht an einen Partner binden, der wesentlich undifferenzierter ist, da die Beziehung zu ihm allzu kümmerlich und schmalspurig bleiben müsste. Bilden aber Partner ungleichen Differenzierungsgrades ein Paar, so setzt ein gegenseitiger Angleichungsprozess ein.

Der Partner mit höherem Differenzierungsgrad versucht sich mittels Selbstsabotage nach unten anzugleichen, mittels Bescheidenheits- und Demutsgesten, Einengung der eigenen Möglichkeit, ja sogar mit psychosomatischen Krankheiten, durch die er sich selbst einen Riegel vor die eigenen Entwicklungsmöglichkeiten schieben will. Besonders Frauen leben häufig «unter ihrem Wert», um nur ja nicht den Anschein zu geben, sie könnten dem Manne überlegen sein.

Beispiel 1: Als sich das Paar kennenlernte, war der Mann Verkäufer in einem Warenhaus, die Frau eine vier Jahre ältere Philologieassistentin mit Hochschulabschluss. Er stammte aus einer Arbeiterfamilie, sie aus einer wohlhabenden, etablierten Akademikerfamilie. Er war im Industrieviertel aufgewachsen, sie in einer Villa. Nach wenigen Wochen Bekanntschaft wurde sie von ihm schwanger. Sie drängte auf rasche Heirat. Er fühlte sich für eine Ehe noch zu jung, willigte aber aus Verantwortungsbewusstsein schließlich ein. Jetzt, nach 12-jähriger Ehe, geben beide an, sich in jeder Hinsicht, auch sexuell, auseinandergelebt zu haben. Er verbringt jede Woche mehrere Abende und auch ganze Nächte im Tennisklub, wo bei «Wein, Weib und Gesang» Feste gefeiert werden. Die Frau ist verbittert, weil sie das Gefühl hat, ihre besten Jahre dem Mann geopfert zu haben, und wirft ihm vor, er bemühe sich nicht mehr um sie.

Er ist ein kräftiger, gutaussehender, sympathischer Sportsmann, der aber im Gegensatz zu ihr intellektuell wenig differenziert und geistig uninteressiert wirkt. Er betont, seine Frau und vor allem auch die Schwiegereltern hätten die Ehe von Anfang an als nicht standesgemäß betrachtet. Der Schwiegervater spreche mit ihm praktisch kein Wort. Er fühlt sich im Tennisklub wohl. Dort habe er seinen Spaß. Die Frau fände aber seine Freunde zu primitiv. Sie ist mit dem bewussten Entschluss in die Ehe eingetreten, etwas aus dieser Beziehung zu machen. Von allen Seiten sei ihr vor dieser Heirat abgeraten worden. Sie habe sich aber gesagt: «Es wird zwar schwer sein, aber ich werde es schaffen.» Sie glaubte, wenn sie sich ihm ganz anpasse und ihre Seite nicht so betone, so werde es schon gehen. Sie gab ihren Bekanntenkreis und all ihre intellektuellen Interessen auf. Sie begann Tennis zu spielen und wollte sich in allem ihm angleichen. Sie arrangierte für ihn einen kaufmännischen Schnellkurs und betrieb seinen beruflichen Aufstieg. Er aber fühlte sich um sie herum nicht wohl. Er hatte den Eindruck, sie anerkenne und akzeptiere ihn im Grunde seines Wesens nicht, sondern wolle ihn immer nur «verbessern». Sie berichtet mit Erbitterung: «Ich habe mich dir ganz angepasst und alles für dich aufgegeben. Ich dachte, du könntest mehr aus dir machen, wenn du nur wolltest, und davon bin ich auch heute noch überzeugt. Wenn du nur in kleinen Dingen deinen guten Willen zeigen würdest, aber du willst einfach nicht.» Er entgegnet, zu Hause nörgle seine Frau dauernd an ihm herum. Nichts könne er ihr recht machen. Er glaube einfach, er sei zu jung zum Heiraten gewesen und habe zu viel aufgeben müssen. Erbost erwidert sie: «Was aufgeben? Du hast überhaupt nichts aufgegeben. In allem habe ich mich dir angepasst.» Verbittert ist sie vor allem über seine außerehelichen Beziehungen zu Tennispartnerinnen, die allesamt «oberflächliche dumme Gänse» seien. Offensichtlich fühlt er sich von diesen Frauen eher verstanden und akzeptiert.

Ziel einer Therapie wäre hier, dass die Frau darauf verzichtet, dem Mann eine falsche Haltung aufzudrängen, was ihr aber nur möglich wäre, wenn sie sich nicht für ihn aufzugeben versuchte, sondern ihr eigenes Wesen zu entfalten trachtete. Bei der Verschiedenheit der bildungsmäßigen und intellektuellen Differenzierung befürchten wohl beide zu Recht, dass die beidseitige Akzeptation des eigenen Selbst zur Scheidung führen werde, weil die echten Berührungsflächen zwischen ihnen zu gering seien. Die Gleichwertigkeitsbalance kann, wie dieses Beispiel zeigt, nicht einfach überspielt werden.