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Die Philosophieprofessorin Susanne Boshammer diskutiert anregend und anschaulich, was es bedeutet, zu verzeihen. Allgemein gilt verzeihen zu können als Heilmittel für seelische Wunden und als Signal der Nächstenliebe. Die Bereitschaft zu verzeihen genießt einen guten Ruf. Oft bewundern wir Menschen, die dazu fähig sind, denn jeder weiß, wie schwer das sein kann. Doch ist es wirklich immer richtig? Welche Gründe sprechen dafür, welche dagegen, jemanden einen zweite Chance zu geben? Haben wir manchmal nicht sogar die Pflicht, hart zu bleiben – um uns selbst zu schützen, für Gerechtigkeit zu sorgen oder unsere Selbstachtung zu wahren? Und was ist, wenn jemand keinerlei Reue zeigt?
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Seitenzahl: 307
Veröffentlichungsjahr: 2020
Susanne Boshammer
Warum wir (nicht alles) verzeihen sollten
Eine Philosophie des Verzeihens
Die Bereitschaft zu verzeihen genießt in allen Kulturen einen guten Ruf. Oft bewundern wir Menschen, die erlittenes Unrecht verzeihen, denn jeder weiß, wie schwer das sein kann. Psychologen preisen das Verzeihen als Heilmittel für seelische Wunden und religiöse Menschen betrachten Vergebung als ein Gebot der Nächstenliebe. Doch ist es wirklich immer richtig, anderen eine zweite Chance zu geben? Haben wir nicht manchmal vielleicht sogar die Pflicht, hart zu bleiben – um uns selbst zu schützen, für Gerechtigkeit zu sorgen oder unsere Selbstachtung zu wahren? Und was ist, wenn jemand keinerlei Reue zeigt oder seine zweite Chance vertut?
Die Philosophin Susanne Boshammer untersucht auf anschauliche und anregende Weise, was genau es bedeutet, jemandem zu vergeben, und diskutiert die Gründe für und wider das Verzeihen.
Susanne Boshammer lehrt als Professorin für Praktische Philosophie an der Universität Osnabrück und arbeitet zu Problemen der Moralphilosophie und der angewandten Ethik. Als Referentin für ethische Themen, Mitwirkende des internationalen Philosophie-Festivals „Phil.Cologne“ und regelmäßiger Gast im „Philosophischen Radio“ auf WDR5 ist es ihr besonderes Anliegen, philosophische Fragen allgemeinverständlich zu diskutieren.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, August 2020
Copyright © 2020 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg
Covergestaltung Anzinger und Rasp, München
Coverabbildung Kin-Choi Lam
ISBN 978-3-644-00112-1
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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«Und der Mensch heißt Mensch,
Weil er irrt und weil er kämpft
Und weil er hofft und liebt,
Weil er mitfühlt und vergibt.»
Herbert Grönemeyer, Mensch
Im Jahr 2001 veröffentlichte die amerikanische Psychologin Judith Wallerstein unter dem Titel Scheidungsfolgen die Ergebnisse einer aufwendigen Langzeitstudie zum Einfluss von Ehescheidungen auf Familien.[1] Das Buch erregte einiges Aufsehen und wurde schnell zum Bestseller. Wallerstein und ihr Team hatten insgesamt sechzig von einer Scheidung betroffene Familien mit mehr als einhundertdreißig Kindern regelmäßig über ihr Leben und ihre Empfindungen befragt. Sie wollten beobachten, wie die Beteiligten auf die Krise reagieren, und herausfinden, wie sie sie bewältigen. Das Forschungsprojekt war zunächst auf ein Jahr angelegt, denn die Wissenschaftlerinnen gingen davon aus, dass für die meisten Menschen zwölf Monate reichen würden, um die größten Probleme einer Scheidung zu überwinden. Doch diese Annahme entpuppte sich schon bald als falsch: «Als wir unsere Familien ein Jahr bis achtzehn Monate später wieder interviewten, stellte sich heraus, dass viele der Erwachsenen immer noch wütend waren. Sie fühlten sich gedemütigt und zurückgestoßen.»[2]
Man beschließt, das Projekt fortzusetzen. Am Ende wird sich die Studie über den erstaunlichen Zeitraum von fünfundzwanzig Jahren erstrecken und bemerkenswerte Daten liefern. Dazu gehört auch die Erkenntnis, dass «die Hälfte der Frauen und ein Drittel der Männer immer noch sehr wütend auf ihre früheren Partner bzw. Partnerinnen sind, obwohl seit der Scheidung zehn oder mehr Jahre vergangen sind.» Zehn Jahre sind eine beachtliche Zeit, gemessen an der durchschnittlichen Dauer eines menschlichen Lebens. Manche der Befragten waren gar nicht so lange verheiratet gewesen, wie sie brauchten, um das Scheitern ihrer Ehen zu überwinden, und die meisten hatten längst neue Partnerinnen und Partner gefunden. Die Wut der Befragten auf ihre Exfrauen und Exmänner blieb davon jedoch unberührt. All die Jahre hindurch wurde sie von der Erinnerung an vergangene Zurückweisungen und Demütigungen befeuert und durch die Überzeugung genährt, dass ihnen Unrecht geschehen war: Der andere hatte sie im Stich gelassen, ihr Vertrauen missbraucht und das Versprechen lebenslanger Nähe gebrochen.
Die meisten Menschen kennen solche Wunden, die die Zeit nicht heilt. Im Zusammenleben mit anderen sind Verletzungen unausweichlich, und je enger die Beziehungen zwischen uns sind, desto höher ist das Risiko, einander weh zu tun. Familien sind vielleicht das beste Beispiel dafür, dass besondere Vertrautheit mit besonderer Verletzlichkeit einhergeht. Die tiefsten und nachhaltigsten Wunden erleiden wir oft durch diejenigen, die uns am nächsten stehen, und manche davon schmerzen noch nach Jahren. Der amerikanische Philosoph Jeffrie Murphy liefert dafür eine einleuchtende Erklärung: «Die Menschen, mit denen wir am vertrautesten sind, sind die Menschen, vor denen wir unsere Wachsamkeit aufgegeben und unsere Verwundbarkeiten bloßgestellt haben. Verletzungen erleben wir hier oft nicht einfach nur als Unrecht, sondern auch als Verrat.»[3]
Dabei verbirgt sich hinter solchen Verhaltensweisen längst nicht immer eine böse Absicht. Wir alle wissen, dass es sich mitunter nicht vermeiden lässt, anderen weh zu tun – auch und vielleicht gerade denjenigen, die uns viel bedeuten. Doch zum Leben gehört auch, dass Menschen einander wissentlich verletzen und bewusst in Kauf nehmen, anderen Schaden zuzufügen. Wer seinen Partner hintergeht, eine Kollegin mobbt, jemanden bloßstellt oder anderen Menschen körperliche oder seelische Gewalt zufügt, kann sich nicht damit herausreden, dass er keine Wahl hatte oder nicht wusste, was er tat. In solchen Fällen geht es nicht um versehentliche Verletzungen, die sich bedauerlicherweise nicht haben vermeiden lassen. Es geht um Unrecht und um moralische Schuld.
Seit Jahrtausenden beschäftigt Menschen die Frage, wie man angemessen mit der Erfahrung umgeht, dass wir einander Unrecht tun, und ähnlich alt ist eine ganz bestimmte Antwort darauf, die jeder kennt und die das Thema dieses Buches bildet. Es ist die Empfehlung, denen, die uns schuldhaft verletzt haben, zu verzeihen und ihnen – im sprichwörtlichen Sinne – eine zweite Chance zu geben. Was geschehen ist, ist nun mal geschehen. Niemand kann rückgängig machen, was er getan hat, und Schuld lässt sich nicht ausradieren. Um mit uns selbst und anderen in Frieden weiterleben zu können, müssen wir einen Weg finden, die Wunden heilen zu lassen, und das, so heißt es oft, wird nur gelingen, wenn wir die Vergangenheit ruhen lassen, unseren Zorn überwinden und einander verzeihen. Diese Überzeugung war über viele Jahrhunderte hinweg ein unumstrittener Teil des Kanons religiöser und weltlicher Weisheitslehren, und sie ist nach wie vor populär.
Doch stimmt es wirklich, dass wir gar nichts falsch machen können, wenn wir denen entgegenkommen, die uns belogen, verraten oder im Stich gelassen haben? Hat tatsächlich jeder Mensch eine zweite Chance verdient? Oder sollten wir in Sachen Vergebungsbereitschaft lieber zurückhaltend sein und, wenn überhaupt, nur denen verzeihen, die glaubwürdig bereuen, was sie getan haben, und ernsthaft bemüht sind, sich zu bessern?
Früher oder später sind wohl die meisten von uns mit diesen Fragen konfrontiert, und das hat einen einfachen Grund: Jeder Mensch kommt im Laufe seines Lebens mit Unrecht in Berührung, und zwar gleich in mehrfacher Hinsicht. Es beginnt damit, dass wir tagtäglich zu Zeugen des Unrechts werden, das anderen widerfährt. Da ist der Kollege, der vom Chef vor dem versammelten Team erniedrigt wird, oder die Nachbarin, von der alle im Viertel wissen, dass ihr Mann sie regelmäßig verprügelt. Wir erleben Unrecht in unserer eigenen Familie, und wir erfahren vom Leid, das Menschen an weit entfernten Orten zugefügt wird. In dieser unmittelbaren oder medial vermittelten Zeugenschaft besteht die erste Dimension menschlicher Unrechtserfahrung.
Die Frage nach dem Verzeihen stellt sich uns in dieser Rolle nicht persönlich, und sie betrifft uns nicht direkt. Dennoch kann sie uns beschäftigen. Manchmal bittet uns jemand um Rat, der nicht weiß, wie er mit dem Erlebten umgehen soll, oder wir selbst leiden unter dem Unfrieden in unserer Umgebung und überlegen, ob wir die Streithähne nicht auffordern sollten, einander doch endlich zu vergeben.
Viele Menschen sind auch beruflich mit dem Thema Verzeihen konfrontiert. Psychologinnen und Psychiater, Priester, Sozialarbeiterinnen, Journalistinnen, Anwälte, Richterinnen oder Bewährungshelfer haben jeden Tag mit Menschen zu tun, die Unrecht erlitten oder anderen Unrecht zugefügt haben. Das Problem des angemessenen Umgangs mit eigener und fremder Schuld spielt in diesen Begegnungen oft eine Rolle.
Doch unsere Beziehung zum Unrecht beschränkt sich nicht auf die vergleichsweise distanzierte Position von Zeuginnen oder Beratern. Sie hat eine zweite Dimension, die deutlich persönlicher ist und sich daraus ergibt, dass wir selbst mitunter Schuld auf uns laden. Moralisches Unrecht beginnt nämlich nicht erst dort, wo Menschen systematisch gedemütigt werden oder schwere Gewalt erfahren. Auch wer ohne Not sein Wort bricht, tut Unrecht, und dasselbe gilt, wenn wir jemanden bloßstellen oder Menschen belügen, die erwarten dürfen, dass wir ehrlich zu ihnen sind. Davon kann sich kaum jemand freisprechen. Wir alle werden gelegentlich wütend, sind eifersüchtig, missgünstig oder gierig und tun Dinge, für die wir zu Recht ein schlechtes Gewissen haben. Der griechische Philosoph Aristoteles hat im vierten Jahrhundert vor Christus die Tugenden als Charakterzüge beschrieben, die es einem Menschen ermöglichen, sich in affektgeladenen Situationen zu mäßigen. Aber schon Aristoteles wusste, dass das nicht über Nacht gelingt und auch in Fragen der Ethik die Übung den Meister macht. Wir werden nicht schon tugendhaft geboren, sondern müssen erst lernen, uns im Umgang mit anderen zu kontrollieren – und das gelingt uns mal besser, mal schlechter.
Kurzum: Wir alle machen moralische Fehler, und längst nicht immer werden wir aus ihnen klug. In solchen Situationen wünschen wir uns manchmal, dass andere uns verzeihen, und sind zugleich unsicher, ob wir darum bitten sollten. Ist es nicht eher eine Zumutung, ausgerechnet diejenigen, die unter unserem Verhalten zu leiden hatten, mit unserem schlechten Gewissen zu behelligen? Dürfen wir überhaupt von ihnen erhoffen, dass sie uns dabei behilflich sind, unsere Schuldgefühle zu überwinden, und uns eine zweite Chance geben? Häufig ist es die Erfahrung eigener Unzulänglichkeit, die Menschen dazu bringt, über die Möglichkeiten und Grenzen des Verzeihens nachzudenken.
Dabei können die moralischen Schulden, die wir mit der Zeit auf uns laden, durchaus bedrückend sein, und nicht selten hinterlassen die Wunden, die wir anderen zufügen, auch bei uns selbst Narben. Zu wissen, dass wir den Lauf der Dinge nicht zurückdrehen und nicht ungeschehen machen können, was wir getan haben, ist unter Umständen sehr belastend. Weitaus prägender als die Erfahrung eigener Schuld sind für viele Menschen jedoch die Verletzungen, die sie selbst durch andere erlitten haben. Das ist die dritte Dimension menschlicher Unrechtserfahrung, und sie steht in diesem Buch im Vordergrund.
Wir alle wissen, wie es sich anfühlt, wenn man uns Unrecht tut. Einige Menschen müssen das schon sehr früh erleben: Sie sind bereits in ihrer Jugend Gewalt, Demütigungen und Missachtung ausgesetzt, und die Behauptung, dass solche Erfahrungen ein ganzes Leben zerstören können, ist keine Übertreibung. Doch auch das eher alltägliche menschliche Versagen in Sachen Moral hat manchmal nachhaltige Folgen: Die Unfairness eines Lehrers, der Verrat einer Freundin, die Untreue eines Partners, die Rücksichtslosigkeit einer Kollegin – all das sind Erlebnisse, die manchen über Jahre hinweg belasten und sich wie ein Schatten auf sein Empfinden legen. Dabei ist es nicht immer möglich, eine einzelne konkrete Tat zu benennen, die man dem anderen zum Vorwurf macht. Oft geht es um Kleinigkeiten, die sich häufen und eine Beziehung mit der Zeit in Schieflage bringen. Die Wunden, die die Zeit nicht heilt, entstehen mitunter nach und nach und werden erst allmählich spürbar.
Wenn man von außen auf solche Geschichten blickt, wünscht man den Beteiligten bisweilen, sie würden einander doch endlich verzeihen. Aber sobald wir persönlich betroffen sind, merken wir, dass das gar nicht so einfach ist. Einige Verletzungen sind so tief, dass wir uns nicht einmal vorstellen können, jemals wieder ohne Wut auch nur an die Person zu denken, die uns das angetan hat. Der Schmerz und die Empörung sind einfach zu groß. Mitunter wollen wir unseren Groll auch gar nicht überwinden. Vielleicht können wir ganz gut mit ihm leben und sehen nicht ein, warum wir ausgerechnet denen, die uns das Leben schwer machen, entgegenkommen sollten.
Neben diesen psychologischen Hürden gibt es jedoch auch moralische Bedenken, die Menschen davon abhalten, erlittenes Unrecht zu verzeihen: Wenn sie sich bemühen würde, könnte meine Kollegin den Groll auf ihren Bruder, dessen Lügen dafür gesorgt haben, dass er den Großteil vom Erbe der Eltern bekam, wahrscheinlich nach und nach überwinden. Für den Familienfrieden hätte das sicher viele Vorteile, und vielleicht wäre es auch für sie selbst am besten. Aber was er getan hat, war in ihren Augen so niederträchtig, dass sie es nicht für richtig hält, ihm, um des lieben Friedens willen, zu verzeihen. Wer derart rücksichtslos mit anderen Menschen umgeht, darf, so meint sie, nicht ungeschoren davonkommen. Tatsächlich haben wir manchmal den Eindruck, dass wir es uns selbst oder vielleicht auch anderen geradezu schuldig sind, hart zu bleiben. In solchen Situationen stellt sich die grundsätzliche Frage, ob es tatsächlich immer gut ist, vergebungsbereit zu sein.
Von der Antwort auf diese Frage hängt einiges ab, denn wie wir mit der Erfahrung von Unrecht umgehen, hat großen Einfluss darauf, wie unser Leben verläuft und ob unser Zusammenleben mit anderen gelingt. Nicht nur die Verletzungen, die man uns zugefügt hat, sondern auch unsere Reaktion darauf kann die Beziehungen zwischen uns und anderen – schlimmstenfalls dauerhaft – belasten. Angemessen zu reagieren, wenn wir selbst oder andere Unrecht erleiden, gehört zu den grundlegenden Herausforderungen unserer Existenz, und die Frage nach der Moral des Verzeihens ist in diesem Zusammenhang zentral. «Der Mensch heißt Mensch, weil er mitfühlt und vergibt», singt Herbert Grönemeyer, den ich eingangs zitiert habe, und tatsächlich ist es nicht nur die Möglichkeit, Unrecht zu tun, sondern auch die Fähigkeit, zu vergeben, die den Menschen von anderen Wesen unterscheidet und ihn als menschlich auszeichnet.
Manche Philosophinnen und Philosophen unterscheiden dabei zwischen dem «menschlichen» Verzeihen und der «göttlichen» Vergebung, um darauf hinzuweisen, dass wahre Vergebung – das heißt: die Aufhebung von Schuld – Gott allein vorbehalten bleibt. Menschen hingegen sind bestenfalls dazu imstande, die Folgen des Unrechts zu mildern. In unserer Alltagssprache machen wir diesen Unterschied jedoch nicht, und daran werde ich mich auch in diesem Buch halten. Die Wörter vergeben und verzeihen meinen im Folgenden dasselbe, nämlich eine ganz bestimmte, typisch menschliche Reaktion auf die Erfahrung von Unrecht.
In den Ohren vieler Menschen haben diese beiden Wörter einen positiven Klang, denn die Bereitschaft zu verzeihen genießt im Allgemeinen einen guten Ruf. Mitunter bewundern wir andere dafür, dass sie dazu imstande sind, zu vergeben, was ihnen angetan wurde, vor allem, wenn es dabei um besonders schwerwiegendes Unrecht geht. Nelson Mandela, der jahrzehntelang unschuldig im Gefängnis saß, hat es fertiggebracht, denen, die dafür verantwortlich waren, dennoch mit Wohlwollen zu begegnen. Für viele ist er schon aus diesem Grund ein moralisches Vorbild.
Vergebungsbereitschaft gilt aber nicht nur als ein Wesenszug, den wir an Menschen wertschätzen. Manche betrachten das Verzeihen sogar als eine Art moralische Pflicht. In religiösen Kontexten und insbesondere im Christentum ist diese Auffassung weit verbreitet, und sie findet sich auch in der sogenannten weltlichen Alltagsmoral wieder, etwa wenn es heißt, dass jeder eine zweite Chance verdient hat.
Das klingt ganz so, als sei Vergebung nicht bloß ein Akt der Güte und Menschenfreundlichkeit, sondern etwas, das wir einander schuldig sind. Demnach dürfen wir niemanden abschreiben, der uns Unrecht getan hat. Selbst die, die schwerste Schuld auf sich geladen haben, haben die Möglichkeit verdient, einen neuen Anfang zu machen und aus ihren Fehlern zu lernen. Aber stimmt das wirklich? Und wie sieht es aus, wenn jemand seine zweite Chance nicht nutzt? Wie sollen wir mit denjenigen umgehen, die sich ein ums andere Mal über unsere Ansprüche hinwegsetzen oder die gar nicht erst um Verzeihung bitten, weil ihnen entweder jedes Unrechtsbewusstsein fehlt oder ihnen schlicht gleichgültig ist, was sie anderen antun?
Spätestens in solchen Fällen zeigt sich bei vielen eine ambivalente Haltung in Sachen Verzeihen. Tatsächlich hat die menschliche Vergebungsbereitschaft ihren Status als unumstrittene Tugend mittlerweile eingebüßt. Sowohl in der Öffentlichkeit als auch innerhalb der akademischen Philosophie gibt es seit einigen Jahrzehnten eine kontroverse Debatte zum Thema Verzeihen. Hier wird nicht nur darüber gestritten, wann und warum wir anderen gegebenenfalls verzeihen sollten, sondern auch diskutiert, ob die Bereitschaft zu verzeihen nicht auch etwas Schlechtes sein kann. Ist es, beispielsweise, überhaupt vertretbar, denen zu vergeben, die für sexuelle Gewalt an Kindern und Frauen in der katholischen Kirche verantwortlich sind? Viele der Beteiligten haben sich zu ihrer Schuld bekannt und um Verzeihung gebeten, doch längst nicht jeder ist davon überzeugt, dass es richtig wäre, diese Bitte zu erfüllen. Sind nicht manche Taten schlicht unverzeihlich, sodass wir es uns selbst – als Einzelne oder vielleicht auch als Gesellschaft – geradezu schuldig sind, den Verantwortlichen jedes Entgegenkommen zu verweigern?
Diese Auffassung wird auch von Philosophinnen und Philosophen vertreten. Als paradigmatisches Beispiel für das schlechthin Unverzeihliche gelten dabei die Verbrechen der Nazi-Zeit. Es war die politische Kontroverse um die juristische Verjährung dieser Gräueltaten, die in den 1960er Jahren das philosophische Interesse am Thema Verzeihen neu belebte. Mittlerweile hat sich die philosophische Verzeihensdebatte allerdings von diesem Ausgangspunkt entfernt. Philosophinnen und Philosophen beschäftigen sich mit dem Verzeihen als einem Phänomen, das im alltäglichen Zusammenleben der Menschen eine große Rolle spielt und uns nicht erst in moralischen Extremsituationen vor grundsätzliche Herausforderungen stellt. Neben der Verständigung darüber, was genau es eigentlich heißt, jemandem etwas zu verzeihen, gehört dazu die argumentative Auseinandersetzung mit den Gründen, die gegen das Verzeihen sprechen.
Darin unterscheiden sich die philosophischen Beiträge von der umfangreichen populärpsychologischen Literatur zum Thema Vergebung. In den zahlreichen Ratgeber- und Lebenshilfebüchern, die sich mit dem Phänomen beschäftigen, sucht man in der Regel vergeblich nach kritischen Stimmen. Die meisten dieser Bücher singen ein Loblied der Vergebungsbereitschaft und betonen die therapeutische Kraft des Verzeihens, das dabei oft als eine Art Allheilmittel für jene Wunden gilt, die die Zeit nicht heilt. Auch aus der wissenschaftlichen Psychologie erhält die Auffassung Unterstützung, dass Verzeihen etwas durch und durch Positives ist und entscheidend zum Wohlbefinden von Menschen beiträgt. So hat etwa der amerikanische Psychologe Robert Enright in zahlreichen Studien eindrucksvoll belegt, dass der Entschluss zu verzeihen die seelische und körperliche Gesundheit von Menschen stärken kann, ihre Resilienz im Umgang mit Krisen erhöht und ihre Lebensqualität deutlich verbessert.[4] Enright hat das Internationale Institut für Vergebung gegründet, das unter anderem Kurse anbietet, in denen man lernen kann, wie man verzeiht.
Von der heilsamen Kraft der Vergebung sind aber nicht nur viele Psychologinnen und Psychologen überzeugt. Auch Vertreter der Weltreligionen setzen auf die segensreiche Wirkung des Verzeihens. Zu ihnen gehört der Friedensnobelpreisträger Erzbischof Desmond Tutu, der in der menschlichen Vergebungsbereitschaft eine Voraussetzung für persönliche Befreiung, Frieden und Versöhnung sieht. In seinem Buch des Vergebens, das er gemeinsam mit seiner Tochter Mpho vor einigen Jahren veröffentlicht hat, betont er: «Vergebung ist gesund. Vergebung befreit uns von der Vergangenheit, von den Tätern, von der Festschreibung unserer Opferrolle. Wir vergeben, um nicht körperlich und seelisch unter den Folgen aufgestauter Wut und Verbitterung zu leiden. Vergebung ist ein Geschenk, das wir uns selber machen.»[5]
Desmond Tutu weiß, wovon er spricht, wenn es um Unrecht geht. Als Vorsitzender der Wahrheits- und Versöhnungskommission in Südafrika, die 1995 ins Leben gerufen wurde und politisch motivierte Verbrechen während der Zeit der Apartheid untersuchte, hat er den Schilderungen entsetzlicher Gräueltaten zugehört und er hat diejenigen, die darunter zu leiden hatten, darin bestärkt, den Schuldigen zu verzeihen. Jahre später war er an der Gründung des Forgiveness Project beteiligt, auf dessen Homepage sich zahlreiche Berichte von Menschen finden, die Unrecht erlitten und verziehen haben. Nicht alle sind Opfer schwerer Verbrechen geworden, in manchen Fällen geht es auch um vergleichsweise alltägliche Verletzungen. Doch Desmond Tutus Empfehlung, um des eigenen Wohlergehens willen zu vergeben, gilt unterschiedslos. Sie richtet sich an die Opfer von Vergewaltigung und Terror ebenso wie an die Frau, die immer wieder von ihrer Schwester herabgesetzt wird, oder den Mann, dessen Frau ein Verhältnis mit seinem besten Freund hatte.
Dieses Buch ist kein psychologischer Ratgeber, und es ist auch kein Leitfaden zur friedlichen Beilegung von politischen, sozialen oder persönlichen Konflikten. Im Folgenden geht es stattdessen um eine philosophische Betrachtung des Verzeihens, die der Ambivalenz in Sachen Verzeihen nachgeht und fragt, welche Überlegungen sich hinter unserer zwiespältigen Einstellung zum Verzeihen verbergen. Dabei werden viele Beispiele zur Sprache kommen. Einige stammen aus Romanen und sind rein fiktiv. Andere schildern historische Ereignisse, und wieder andere verdichten typische Szenarien, die uns im Alltag mit dem Problem des Verzeihens konfrontieren. Die Beispiele unterscheiden sich dabei deutlich mit Blick auf das Ausmaß des Unrechts, um das es jeweils geht, denn Verzeihen ist eine Form des Umgangs mit sehr unterschiedlichen Unrechtserfahrungen. Das philosophische Nachdenken über die Moral des Verzeihens nimmt das gesamte Feld des Unrechts in den Blick. Die unmenschlichen Verbrechen der Nazis spielen dabei ebenso eine Rolle wie die sexuelle Gewalt in der katholischen Kirche, Mobbing am Arbeitsplatz, die Untreue eines Ehepartners oder die Unzuverlässigkeit eines Freundes.
Manches davon gilt als unverzeihlich. Bei anderen, eher banalen Vergehen klingt es dagegen fast zu dramatisch, hier vom Verzeihen zu sprechen. Wie sich zeigen wird, sind es allerdings gerade die Grenzfälle, die dem facettenreichen Phänomen des Verzeihens Kontur geben und uns besser verstehen lassen, worum es dabei im Kern geht. Zudem werden wir sehen, dass Menschen sich aus gutem Grund in all diesen Fällen mit der Frage nach dem Verzeihen beschäftigen und dabei zu unterschiedlichen Antworten kommen. Es ist das Anliegen dieses Buches, die Überlegungen dahinter freizulegen und über den Einzelfall hinausgehend die Frage zu diskutieren, was es bedeutet, jemandem zu verzeihen, und was aus moralischer Perspektive dafür- und was dagegenspricht.
Die philosophische Perspektive bietet sich dabei auch deswegen an, weil das Nachdenken über das Verzeihen innerhalb der Philosophie eine lange Tradition hat. Viele Philosophinnen und Philosophen haben sich mit dem Thema beschäftigt – Aristoteles, Immanuel Kant, David Hume, Georg Friedrich Wilhelm Hegel, Søren Kierkegaard, Arthur Schopenhauer, Martin Heidegger, Jacques Derrida, Karl Jaspers, Emmanuel Lévinas und Hannah Arendt sind nur einige von ihnen. Manche ihrer Gedanken werden in diesem Buch zur Sprache kommen. Wer jedoch an einer umfassenden philosophiegeschichtlichen Darstellung in Sachen Verzeihen interessiert ist, wird hier nicht fündig werden.[6] Diesem Buch liegt kein historisches, sondern ein systematisches Interesse zugrunde, und es verfolgt ein aufklärerisches Anliegen. Was ist damit gemeint?
In seiner berühmten Schrift Was ist Aufklärung? aus dem Jahr 1784 hat der deutsche Philosoph Immanuel Kant den Wahlspruch der Aufklärung folgendermaßen formuliert: «Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.» Wenn es um die Gestaltung unseres Lebens und um unseren Umgang mit anderen Menschen geht, sollten wir uns nicht von vermeintlichen Autoritäten abhängig machen. Wir müssen unsere eigene Vernunft zum Einsatz bringen, also kurz gesagt: selber denken. Das gilt auch mit Blick auf die Frage, ob wir jemandem, der uns Unrecht getan hat, verzeihen sollten. Natürlich kann man sich einfach auf seine Intuition verlassen bzw. auf das, was manchmal als «Bauchgefühl» bezeichnet wird. Doch wie wir oben schon gesehen haben, ist unsere Intuition in Sachen Verzeihen häufig ambivalent und gibt keine eindeutige Orientierung. Zudem ist die Erfahrung von Unrecht meist emotional aufwühlend, und es ist auch darum fraglich, ob die eigenen Gefühle ein verlässlicher Kompass sind, wenn es um den angemessenen Umgang mit Unrecht geht.
Die Angelegenheit aus einer distanzierteren, von der konkreten Situation abstrahierenden Perspektive zu betrachten und im Lichte vernünftiger Argumente zu erwägen, ob wir jemandem verzeihen sollten oder nicht, ist im Zweifelsfall eine vielversprechendere Vorgehensweise.
Zunächst sollten wir uns also fragen, was gemeint ist, wenn wir von Vergebung und Verzeihen sprechen. Was ist typisch für das Verzeihen und worin unterscheidet es sich von anderen versöhnlichen Formen des Umgangs mit Unrecht? Um diese Fragen geht es im ersten Teil dieses Buches. Im zweiten Teil werde ich dann zunächst verschiedene Einwände gegen das Verzeihen betrachten und anschließend darlegen, was sich aus moralischer Perspektive zugunsten der Vergebungsbereitschaft sagen lässt.
Teil I
Wer jemals einem anderen Menschen Unrecht getan und erlebt hat, dass ihm verziehen wurde, kennt das Gefühl der Befreiung, das damit einhergeht. Die sprichwörtliche «zweite Chance», die jemand uns gibt, kann sich anfühlen, als seien wir neu geboren, und nicht selten beflügelt die Erleichterung unsere Motivation, von nun an alles besser zu machen. Verzeihen ist ein wirkmächtiger Akt der Entlastung, der uns, wie die Philosophin Hannah Arendt es formuliert hat, «von den Folgen der Vergangenheit befreit» und verhindert, dass diese «uns bis an unser Lebensende im wahrsten Sinne des Wortes verfolgen»[1]. Dabei verändert Vergebung nichts an den Erfahrungen, die Menschen miteinander gemacht haben. Was wir gesagt und getan haben, ist unwiderruflich und lässt sich nicht zurücknehmen. Niemand kann nachträglich noch etwas daran ändern, dass er einen Freund belogen, heimlich das Handy seiner Partnerin ausspioniert oder sein Kind geschlagen hat, und manchmal ist das Vertrauen, das jemand in uns gesetzt hat, dauerhaft erschüttert. Doch wenn die Person, die wir verletzt haben, bereit ist, uns zu verzeihen, besteht immerhin die Möglichkeit, einander irgendwann wieder unbefangen zu begegnen – frei von Beklemmung und Scham und ohne schlechtes Gewissen. Das kann sehr entlastend sein.
Aber nicht nur für unsere Beziehung zum anderen, auch für unser Verhältnis zu uns selbst macht es gegebenenfalls einen großen Unterschied zu wissen, dass jemand uns nicht mehr nachträgt, was wir getan haben. Viele Menschen äußern noch auf dem Sterbebett den Wunsch, eine bestimmte Person um Verzeihung zu bitten: Als hätten sie erst dann die Erlaubnis, mit sich selbst Frieden zu schließen und das Geschehene zu akzeptieren. Vergebung kann dazu beitragen, dass Menschen ihre Selbstachtung zurückgewinnen, dass sie sich trotz der Fehler, die sie in ihrem Leben gemacht haben, akzeptieren und mit der Vergangenheit Frieden schließen. Wenn jemand sehr schwere Schuld auf sich geladen hat, ist dieser Wunsch oft besonders intensiv. So kommt es immer wieder vor, dass Straftäter, die bereits verurteilt sind, die Opfer ihrer Taten um Verzeihung bitten. Dabei geht es klarerweise nicht um den Versuch, doch noch ungestraft davonzukommen, und auch nicht um Versöhnung oder einen Beziehungsneubeginn. Es ist eine andere Art von Entlastung, die Menschen erleben, wenn diejenigen, die unter ihrem Verhalten zu leiden hatten, ihnen verzeihen.
Das gilt interessanterweise nicht nur für die, denen verziehen wird. Es betrifft oft auch diejenigen, die ihnen verzeihen. Menschen, die schwerstes Unrecht erlitten haben, berichten, wie entlastend es für sie war, den Schuldigen zu vergeben. Ein bekanntes Beispiel dafür ist Eva Mozes Kor, die als Nebenklägerin im Gerichtsprozess gegen den SS-Unterscharführer Oskar Gröning unlängst «allen Nazis» öffentlich verziehen hat. Eva Kor war im Alter von zehn Jahren gemeinsam mit ihrer Familie nach Auschwitz deportiert worden, wo sie und ihre Zwillingsschwester Miriam über viele Monate hinweg den Experimenten des KZ-Arztes Josef Mengele ausgesetzt waren. Shlomo Graber, der ähnlich Entsetzliches erlebt und verziehen hat, beschreibt Mengele so: «Er war an Grausamkeit und Menschenverachtung kaum zu überbieten und selbst unter den hartgesottenen SS-Schergen seiner Brutalität wegen gefürchtet. Was Mengele an Menschenversuchen durchführte, gehört zu den grauenhaftesten Dingen, die Menschen an Menschen je verübt haben.»[2] Wie durch ein Wunder überlebt die kleine Eva dieses Grauen, während ihre Eltern sowie zwei weitere Geschwister in den Gaskammern ermordet werden und ihre Zwillingsschwester Miriam später an den Folgen der Versuche stirbt. Dennoch entschließt sich die erwachsene Eva Mozes Kor Jahrzehnte später, den Schuldigen zu verzeihen, und sie erlebt ein überwältigendes Gefühl der Befreiung. In ihrem Buch Die Macht des Vergebens schildert sie eindrucksvoll, wie die Entscheidung zu verzeihen ihr Leben verändert und zum Guten gewendet hat.[3]
Geschichten wie die von Eva Kor und Shlomo Graber sind in jeder Hinsicht extreme und insofern eher untypische Beispiele in Sachen Unrecht und Vergebung. Für die allermeisten Menschen ist das, was ihnen angetan wurde, völlig unvorstellbar. Hier schlicht von Unrecht zu sprechen, klingt geradezu verharmlosend. Zudem sind diejenigen, die Eva Kor gequält haben, längst verstorben, und die Nazis, denen sie verziehen hat, sind ihr größtenteils nie begegnet. All das ist anders, wenn wir im Alltag über Vergebung nachdenken. Meist geht es dabei um Personen, die wir kennen, und um Taten, die zwar Unrecht, aber keineswegs «unmenschlich» sind. Doch auch Menschen, die sich entschließen, ihren Eltern zu vergeben, dass sie sie als Kind vernachlässigt haben, oder die Jahre nach einer Scheidung bereit sind, ihrem Partner zu verzeihen, dass er die Familie verlassen hat, fühlen sich dadurch oft entlastet. Offenbar teilen viele die Erfahrung, von der Eva Kor berichtet: Der Entschluss zu verzeihen kann befreiend sein und dem eigenen Leben sowie dem Leben derjenigen, die uns Unrecht getan haben, einen anderen Verlauf geben. Das ist bemerkenswert, und es wirft die Frage auf, was genau wir eigentlich tun, wenn wir jemandem verzeihen. Wie kann es sein, dass der Satz «Ich verzeihe dir!» eine solche Macht entfaltet, und: Was verbirgt sich hinter diesen Worten?
Auf den ersten Blick sieht es so aus, als ließe sich diese Frage schnell beantworten. Verzeihen ist schließlich kein Fremdwort. Wir alle haben eine mehr oder weniger konkrete Vorstellung davon, was damit gemeint ist. Im Alltag versteht man Vergebung dabei meist als eine Geste der Versöhnung zwischen Menschen, die eine persönliche Beziehung zueinander haben. Wenn ich meiner Schwester verzeihe, dass sie mich auf meiner eigenen Hochzeit vor allen Gästen bloßgestellt hat, dann beende ich den Streit zwischen uns. Ich bin bereit, meinen Zorn und meine Enttäuschung hinter mir zu lassen und ihr nicht länger nachzutragen, dass sie das Fest beinahe verdorben hat. Vergebung erscheint dann, bildhaft gesprochen, wie eine verbindende Brücke über den Graben, den ein verletzendes Ereignis zwischen zwei Menschen hat entstehen lassen: Indem wir verzeihen, schaffen wir die Voraussetzung dafür, dass wir einander entgegenkommen können.
Dieses Alltagsverständnis von Vergebung als Mittel zum Zweck der Versöhnung im sozialen Nahbereich deckt sich allerdings nicht in jeder Hinsicht mit dem, was Philosophinnen und Philosophen vor Augen haben, wenn sie über das Verzeihen nachdenken. Ein erster Unterschied besteht dabei darin, dass Vergebung in der philosophischen Debatte vorzugsweise als eine Form des Umgangs mit moralischem Unrecht diskutiert wird und nicht als versöhnliche Reaktion auf Verletzungen aller Art. Beides – Unrecht und Verletzungen – fällt jedoch nicht unbedingt zusammen, denn längst nicht immer, wenn Menschen uns weh tun, tun sie etwas, das sie nicht hätten tun dürfen.
So sind, beispielsweise, manche Eltern zutiefst enttäuscht, wenn ihre erwachsenen Kinder zu Weihnachten nicht nach Hause kommen, und es kann sehr verletzend sein, wenn man die Einzige aus der Abteilung ist, die nicht zur Geburtstagsparty der Kollegin eingeladen wird. Dass der langjährige Beziehungspartner doch keine Kinder mit mir haben will oder der beste Freund sich entschließt auszuwandern und den Rest seines Lebens am anderen Ende der Welt zu verbringen, tut weh und ist nicht unbedingt leicht zu verkraften. Im Alltag äußern Menschen auch in solchen Fällen manchmal die Hoffnung, dass die Leidtragenden ihnen verzeihen. Aus philosophischer Sicht gibt es hier jedoch streng genommen gar nichts zu vergeben, denn in keinem dieser Fälle ist jemandem ein Unrecht geschehen.
Zudem hat der Begriff des Verzeihens im philosophischen Kontext zwar durchaus etwas mit der Beseitigung von Störungen im zwischenmenschlichen Verhältnis zu tun, aber dabei geht es, wie wir noch sehen werden, nicht unbedingt um persönliche Beziehungen und auch nicht zwangsläufig um Versöhnung. Vergebung ist auch zwischen Menschen möglich, die einander nicht näher kennen, und dass jemand bereit ist zu verzeihen muss keineswegs heißen, dass die Beteiligten anschließend wieder Freunde werden.
Der Verzeihensbegriff, wie er in der Philosophie verwendet wird, unterscheidet sich also in mancher Hinsicht von unserem Alltagverständnis von Vergebung. Doch es gibt auch deutliche Überschneidungen zwischen dem üblichen Sprachgebrauch und dem, was man der Einfachheit halber die philosophische Standarddefinition des Verzeihens nennen könnte. Demnach geht es beim Verzeihen im Wesentlichen darum, alle negativen Gefühle zu überwinden, die wir gegenüber denjenigen hegen, die uns Unrecht getan haben. Wenn wir jemandem verzeihen, lassen wir den Zorn hinter uns, wir hören damit auf, unseren Groll zu nähren und dem anderen für sein Verhalten Vorwürfe zu machen. Stattdessen kehren wir innerlich wie äußerlich zu einer Haltung des Wohlwollens ihm gegenüber zurück. Das hat nichts mit Nächstenliebe oder Sympathie zu tun. Gemeint ist eher eine neutral zugewandte Haltung, wie wir sie Menschen gegenüber einnehmen, die uns nichts getan haben.
Der philosophischen Standardauffassung zufolge hat Verzeihen also vor allem etwas mit unseren Empfindungen zu tun, und das betrifft mehr als nur den Verzicht auf Rache. Der Entschluss, jemandem zu verzeihen, reicht tiefer. Wir sehen nicht nur davon ab, es dem anderen mit gleicher Münze heimzuzahlen, sondern erteilen schon dem bloßen Wunsch nach Vergeltung eine Absage. Wer verzeiht, entscheidet sich dafür, den berechtigten Groll auf den anderen, den Hass und die Wut, zu überwinden – darin deckt sich das philosophische Verständnis von Vergebung mit der Alltagsauffassung.
Doch ist das wirklich schon alles? Ist Verzeihen im Kern nichts anderes als eine Art emotionaler Sinneswandel, den wir bewusst vollziehen und der zur Folge hat, dass wir jemandem sein Verhalten nicht nachtragen und ihm keine Vorwürfe mehr machen?
Ich bin davon nicht überzeugt, und das hat vor allem zwei Gründe: Erstens lassen sich meines Erachtens viele der Phänomene, die typischerweise mit dem Verzeihen verbunden sind, damit allein nicht angemessen erklären. Vergebung, so habe ich eingangs gesagt, kann unter anderem dazu beitragen, dass Menschen ihre Selbstachtung zurückgewinnen. Doch warum sollte die bloße Tatsache, dass ich meiner Schwester ihr Verhalten auf meiner Hochzeit nicht mehr übel nehme, irgendeinen Einfluss auf ihre Selbstachtung haben? Und: Geht es Menschen, die um Verzeihung bitten, wirklich vor allem darum, dass der andere ihnen wieder wohlgesonnen ist? Zudem ist zweitens fraglich, ob wir von jedem Menschen, der Unrecht erlitten und sich dazu entschlossen hat, den Schuldigen nicht zu grollen, schon sagen sollten, dass er verziehen hat.
Nehmen wir als Beispiel den Brief, den der französische Journalist Antoine Leiris im November 2015 auf Facebook veröffentlicht hat. Er ist an die Männer adressiert, die nur wenige Tage zuvor im Pariser Konzertsaal Bataclan seine Frau Hélène und mit ihr achtundachtzig weitere Menschen ermordet haben. Der Brief ist kurz, doch bereits die wenigen Zeilen lassen das unermessliche Leid erahnen, das Terror über Menschen bringt: Leiris schreibt von der unveränderten Schönheit seiner toten Frau, von seiner Liebe zu ihr und dem gemeinsamen Sohn Melvil, der erst siebzehn Monate alt und «soeben aus seinem Mittagsschlaf erwacht»[4] ist. Innerhalb kürzester Zeit rufen die wenigen Worte weltweit ein überwältigendes Echo hervor. Zahllose Menschen bringen ihr Mitgefühl zum Ausdruck, und viele von ihnen zollen dem Verfasser tiefen Respekt. Das hat insbesondere mit dem Satz zu tun, der den Brief übertitelt und sich direkt an die Täter richtet: «Meinen Hass bekommt ihr nicht!» Antoine Leiris gibt dem Groll auf die Menschen, die seine Frau getötet haben, keinen Raum. Doch seine Absage an den Hass hat mit Vergebung nichts zu tun. Dass er die Mörder seiner Frau nicht verflucht, dass er sie weder bedroht noch beleidigt, all das heißt nicht schon, dass er ihnen verzeiht – und ganz sicher wäre ihm nicht so viel Respekt begegnet, hätte man seine Worte als Ausdruck von Vergebungsbereitschaft verstanden.
Das alles lässt vermuten, dass Vergebung mehr ist als der bewusste Verzicht auf Vergeltung, Hass und Groll. Doch worin besteht dieses Mehr, und: Was heißt es dann, jemandem zu verzeihen? Um diese Fragen soll es nun gehen. Ich werde darlegen, was der Prozess des Verzeihens aus meiner Sicht beinhaltet und was ihn als solchen auszeichnet. Als Ausgangspunkt dient mir dabei die Überlegung, dass Vergebung ein Akt der Entlastung ist, der Menschen, wie Hannah Arendt es formuliert hat, «von den Folgen der Vergangenheit» befreit. Diese Beobachtung zieht sich als roter Faden durch die nun folgenden Kapitel, denn meines Erachtens liegt darin der Schlüssel sowohl zum Verzeihen selbst als auch zum Verständnis unserer moralischen Ambivalenz in Sachen Vergebung. Zugleich ist damit ein hilfreicher Ausgangspunkt gefunden, um das Phänomen genauer zu beleuchten, denn Vergebung ist nicht die einzige entlastende Form des Umgangs mit Unrecht. Es gibt eine ganze Reihe von Alternativen, und dazu gehören insbesondere das Vergessen, das Entschuldigen und die Nachsicht.
Im Folgenden werde ich diese Verhaltensweisen dem Verzeihen zunächst einzeln gegenüberstellen, um deutlich zu machen, worin die Unterschiede zwischen ihnen bestehen. So wird nach und nach freigelegt, was aus meiner Sicht das Besondere am Verzeihen ist.
Beginnen wir mit dem Unterschied zwischen Vergeben und Vergessen.
«Henriette», sagte ich, «ich bin einer Verstellung nicht fähig. Ich kann wohl ins Wasser springen, um meinen ertrinkenden Feind zu retten, ich kann ihm meinen Mantel geben, um ihn zu wärmen – kurz, ich könnte ihm verzeihen, aber nicht sein Unrecht vergessen.»[1]
Honoré de Balzac, Die Lilie im Tal
