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Kennen Sie das auch? Sie sind in der Mitte des Lebens und einiges im Leben fühlt sich unrund an. Vielleicht ist Ihnen gerade der Sinn Ihres Lebens verloren gegangen. Oder Sie stellen sich die Frage, ob Sie im falschen Beruf sind? Oder noch vieles andere. Sie sind in einer Midlife-Crisis oder den Wechseljahren des Mannes oder der Frau. Die Midlife-crisis im Leben von Menschen kann viele verschiedene Facetten haben. Für manche fühlt es sich auch nicht als eine Krise an, sondern nur als eine Phase der Neuorientierung. Dieses Buch erzählt eine mögliche, spannende Geschichte aus dieser Phase des Lebens. Es taucht tief in das Leben einiger Menschen ein. Christian und Stephanie, ein Hamburger Ehepaar, sind die Hauptdarsteller, die es mit vielen weiteren Akteuren zu tun habe. Durch Mobbing am Arbeitsplatz steht das Paar vor großen Veränderungen und Herausforderungen. Eine gestörte Eltern-Kind-Beziehung, falsche Finanzentscheidungen und gesundheitliche Gründe zwingen Christian zum Umdenken. Zudem bahnen sich immer mehr Schwierigkeiten in der Beziehung der beiden zueinander an. Beide stellen sich immer mehr die Frage, war es das jetzt im Leben oder gibt es eine Möglichkeit, diese für beide schwierige Zeit zu überwinden? Nicht nur Frauen, auch Männer spüren die Auswirkungen der Wechseljahre in der Lebenskrise deutlich. Viele Veränderungen stehen an. Ist vielleicht sogar eine Trennung für die Beiden der letzte Ausweg? Wenn Ihnen das oder Ähnliches bekannt vorkommt, werden Sie sich vielleicht in dieser Geschichte wiedererkennen und vieles für sich lernen können. Wenn es Ihnen auch so oder ähnlich geht, dann sind Sie hier richtig. Die Zeit in der gefühlten Mitte des Lebens bietet die Chance, das bisherige Leben zu würdigen und darauf aufbauend den weiteren Verlauf des Lebens zu planen. Sie sind als Leser hier aber auch richtig, wenn Sie nur eine schöne, unterhaltsame Story mit allen Höhen und Tiefen in der Mitte des Lebens lesen möchten. Beide Partner, Christian und Stephanie, führen im Verlauf der Geschichte viele Gespräche mit anderen und lassen sich beraten, wie sie die Probleme lösen können. Schritt für Schritt finden die beiden wieder zueinander und können nun die zweite Halbzeit in vollen Zügen genießen. Begleiten Sie nun den Autor auf der Reise durch eine lebendige Geschichte. Nehmen Sie Anteil an ihrem Leben, fiebern Sie mit, wie sie aus den Problemen und Schwierigkeiten wieder herauskommen. In das Buch sind viele Dialoge eingeflossen, die für den Leser hilfre
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Seitenzahl: 400
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Vorwort
Kapitel 1 – Der Tsunami
Die ungelösten Lebensthemen kommen hoch
Kapitel 2 – Christian und Stephanie leben aneinander vorbei
Verdrängen ist keine Lösung
Kapitel 3 – Die Ereignisse verdichten sich
Was passieren soll, passiert
Kapitel 4 – Der Körper schreit um Hilfe
Wenn die Seele nicht mehr weiterweiß
Kapitel 5 – Die Welt von Stephanie
Frauengespräche
Kapitel 6 – Geld
Blender erkennen
Kapitel 7 – Was man vom Handpanspielen über das Leben lernen kann
Was macht wirklich glücklich im Leben?
Kapitel 8 – Der Spuk hat ein Ende
Trennung
Kapitel 9 – Gute Freunde sind wichtig
Besuch in Lübeck | Beim Sortieren helfen
Kapitel 10 – Beide holen sich Rat und Hilfe
Arbeit an der Beziehung
Kapitel 11 – Von den Oldtimern lernen
Die sichere Bindung und Beziehung
Kapitel 12 – Auf Mallorca
Eltern-Kind-Gespräche | Miteinander reden
Kapitel 13 – Wenn etwas schiefläuft, dann läuft alles schief
Alles verloren?
Kapitel 14 – Vom Fußballspiel für das Leben lernen
Die zweite Halbzeit des Lebens
Kapitel 15 – Jetzt kommt Bewegung ins Spiel
Fit für die zweite Halbzeit
Kapitel 16 – Auch hinter einer harten Schale verbirgt sich ein weicher Kern
Überraschung
Kapitel 17 – Richtige finanzielle Vorsorge für die zweite Halbzeit
Eine neue Strategie
Kapitel 18 – Licht im Beziehungsnebel
Das Wochenende in Worpswede Christian und Stephanie nähern sich weiter an
Kapitel 19 – Abschlussbotschaften bei Bernd Brand
Das innere Team der Fußballmannschaft
Kapitel 20 – Südtirol
Mit Jürgen die Zukunft ausrichten
Kapitel 21 – Der große Unbekannte kommt ins Spiel
Unerwartete Perspektive
Kapitel 22 – Versöhnung
… mit sich selbst, mit den Eltern und mit Stephanie
Kapitel 23 – Was ist noch geschehen?
Ausblick
Über den Autor
Wem möchte ich besonders danken
Buchverzeichnis
Weiterführende Links
Verzeichnis der handelnden Personen
Dieses Buch ist 2021 geschrieben worden und 2022 erstmals veröffentlicht worden. Die Themen sind jedoch auch heute noch zeitlos gültig. Die Herausforderungen in der Welt sind zwar andere geworden. Es bleibt aber dabei, dass jede Veränderung nur bei jedem selbst beginnen kann. Und dazu trägt dieses Buch auch noch heute bei. Und wenn es einigen Menschen dabei hilft, sich in der Mitte des Lebens anders zu reflektieren, dann ist damit allen in der Welt geholfen.
Selbstverständlich spreche ich mit diesem Buch Menschen allen Geschlechts an, auch wenn ich auf die Gendersprache verzichtet habe. Aus meiner Sicht liest sich das so besser.
Personen und Handlungen des Buches sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.
Zur besseren Orientierung und zum Nachschlagen findet sich ganz am Ende ein Verzeichnis der handelnden Personen.
DIESES BUCH ERZÄHLT EINE SPANNENDE GESCHICHTE. Es taucht tief in das Leben einiger Menschen ein. Ein Hamburger Ehepaar sind die Hauptdarsteller, die es mit vielen weiteren Akteuren zu tun haben. Obwohl ich mich als Mann besser in einen Mann hineinversetzen kann, habe ich die Geschichte auch aus Sicht seiner Frau geschrieben. Die Geschichte zeigt auf, wie viele Herausforderungen in der Mitte des Lebens entstehen können. Aber ebenso, wie sie aufgelöst werden können. Auch wenn es anfangs zunächst nach Katastrophen aussieht, wird es mit zunehmendem Leseabenteuer ein Mutmacher, dass auch die zweite Halbzeit des Lebens voller Lebensfreude sein kann.
KENNST DU DAS AUCH? Du bist in der Mitte des Lebens, 35, 40, 45 oder 50 Jahre alt, und einiges im Leben fühlt sich unrund an. Vielleicht ist Dir gerade der Sinn Deines Lebens verloren gegangen. Oder Du stellst Dir die Frage, ob Du im falschen Beruf bist? Vielleicht hast Du Stress mit Deinem Partner, Deinen Kindern oder Eltern? Du machst Dir finanzielle Zukunftsgedanken oder merkst, dass Deine Gesundheit gelitten hat. Oder noch vieles andere. Zu dieser Zeit im Leben geschieht viel, was angeschaut und gelöst werden möchte. Wenn Dir das bekannt vorkommt, wirst Du Dich vielleicht in dieser Geschichte wiedererkennen und vieles für Dich lernen können. Du wirst aus der gegenwärtigen Stimmung heraus finden und die Lebensfreude wiedergewinnen können.
Wenn es Dir auch so oder ähnlich geht, dann bist Du hier richtig. Du bist hier aber auch richtig, wenn Du nur eine schöne, unterhaltsame Story mit allen Höhen und Tiefen in der Mitte des Lebens lesen möchtest.
KAUM ETWAS HAT MICH im letzten Jahr mehr fasziniert als die psychologische Erkenntnis, dass man das Leben grob in drei Phasen einteilen kann.
In der ersten Phase des Lebens, der
A-Phase,
geht es darum, etwas aufzubauen, etwas zu erschaffen und zu leisten. Immer schneller, immer höher, immer weiter ist die Devise.
Dann kommt in der zweiten Phase, der
B-Phase
, häufig ein mehr oder weniger großer Umbruch. So geht es nicht weiter. War der Blick in der ersten Phase auf ein „Hin zu“ gerichtet, geht es nun nur noch um „weg von“ den als stressig und belastend empfundenen Themen. Die Lebensfreude fehlt, wir funktionieren nur noch.
Nach diesem „Tal der Tränen“ kann dann die dritte Phase, die
C-Phase
, kommen. Es geht wieder aufwärts. Der Mensch ist angekommen, ist glücklich wie er ist und muss sich nichts mehr beweisen.
IM „TAL DER TRÄNEN“ können viele Fragen hochkommen und sollten gelöst werden. Es ist auch unerheblich, wann die Mitte des Lebens für jeden ist und wann das eine oder andere Lebensthema auf den Tisch kommt. Für den einen ist es mit 37, für andere erst mit 53. Es kommt eben nur darauf an, dass irgendwann im Leben die alten Lösungen nicht mehr funktionieren und Stress verursachen. Wenn Du dann versuchst, immer so weiterzumachen, ist das, wie an einem Bahnhof zu stehen und auf ein Schiff zu warten. Neue Lösungen sind noch nicht da. Wenn man weiß, wie, lassen sie sich aber finden.
MIDLIFE-CRISIS. Heute weiß man, dass mit der Beschreibung der B-Phase, Midlife-Crisis und den Wechseljahren bei Mann und Frau ähnliche Prozesse beschrieben werden. In der Mitte des Lebens geht es darum, die Perspektive zu wechseln und etwas im Leben zu ändern.
Ich maße mir keine alleinige Deutungshoheit dafür an, was die Themen der zweiten Halbzeit sind. Jeder hat andere Themen. Es können auch ganz andere Themen sein, als ich in diesem Buch anspreche. Oder natürlich auch viel weniger. Das gilt so für die hier Handelnden und ist nicht verallgemeinerungsfähig. Es sind teils eigene Erfahrungen, aber auch von Kunden und Freunden. Jeder hat einen anderen Zugang, daher gibt es in diesem Buch viele Perspektiven, viele unterschiedliche Sichtweisen. Jeder Leser kann sich die heraussuchen, die für ihn am besten passen können.
Für den Transfer ins eigene Leben ist es hilfreich, das Buch immer mal wieder zur Seite zu legen und über das Gelesene nachzudenken. Noch besser ist, das Buch dann ein weiteres Mal zu lesen.
Zudem habe ich die Gewissheit, dass die Geschichte genauso irgendwo in Deutschland passiert sein kann. Ein paar dramaturgische Übertreibungen sollten die Geschichte nur spannender machen.
Durch eine Übertreibung kann ein Sachverhalt nicht nur übertrieben, sondern damit auch besonders bildreich, gefühlvoll und ausdrucksstark dargestellt werden
ROMAN UND SACHBUCH. Lange habe ich mir überlegt, wie ich die Botschaften aus diesem Buch am besten rüberbringe. Nur als Sachbuch erschien es mir nicht emotional genug, um den Leser anzusprechen. Nur als Roman zu auslegungsbedürftig und ohne praktische Hilfestellung für den Leser. Es ist daher irgendetwas dazwischen geworden. Eine lebendige Geschichte, in die auch viele Dialoge eingeflossen sind, die für den Leser hilfreiche Tipps enthalten. Um die Story lebendiger zu machen, enthält es auch plastische und lebhafte Beschreibungen der jeweiligen Handlungsorte.
HAMBURG. Das Buch ist für mich auch eine Hommage an eine der für mich schönsten Städte Deutschlands. Deshalb spielt es in Hamburg. Keine andere Stadt, abgesehen von meiner Heimatstadt Bremen, hätte für mich eine vielseitigere Kulisse für ein solches Buch sein können. Lass Dich überraschen, in welchen Orten und Ländern die Geschichte noch überall spielt.
BEGLEITE MICH NUN auf dieser Reise durch das Leben vieler Menschen, die alle irgendwie miteinander verbunden sind. Nehme Anteil an ihrem Leben, fiebere mit, wie sie aus Problemen und Schwierigkeiten wieder herauskommen und ihre Freude am Leben zurückgewinnen. Lass Dich inspirieren, wie auch Du Dein Leben in der Mitte des Lebens ganz neu gestalten kannst.
Die Götterdämmerung beginnt.
Die Eltern prägen zwar unser Leben, aber sie sind nicht schuld an unserem Leben.
Zum Erwachsenwerden gehört auch dazu, selber die Verantwortung zu übernehmen.
Flucht ist keine Lösung.
AN EINEM SONNIGEN SOMMERABEND IM JULI 2017 AUF EINEM BALKON IN DER HAFENCITY. Christian und Stephanie Winter waren noch ganz beseelt und glücklich von ihrem ersten Konzert in der Elbphilharmonie. Die fünfte und die siebte Sinfonie von Beethoven. Was für ein Genuss. Und jetzt ein Mojito und eine Piña Colada, mit Blick in den Abendhimmel. Sie waren geradezu Nachbarn von der „Elphi“. Damals war alles in ihrem Leben noch in bester Ordnung. Sie lebten in einem aufkommenden, modernen Stadtteil. Stephanie hatte gerade eine Boutique in der Innenstadt eröffnet. Christian war ein angesehener und erfolgreicher Personalleiter bei einer Versicherung. Ihre Kinder hatten gerade den Weg aus der Schule beendet. Alles lief gut und harmonisch. Der nächste Urlaub wurde gerade von ihnen geplant. Man könnte sagen, eine glückliche und zufriedene Familie, die man auch in einem Hochglanzmagazin hätte portraitieren können.
MITTEN IN DIESER IDYLLE KLINGELTE DAS I-PHONE VON CHRISTIAN. Er spürte, abnehmen zu müssen, obwohl es Frau Schmitz aus der Versicherung war. Ohne große Vorrede berichtete sie davon, dass Peter Hobeck, der langjährige Vorstandsvorsitzende, am Vortag bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Christian sackte zusammen, da er mit diesem, „seinem Traumchef“, viele Jahre wunderbar zusammengearbeitet hatte. Einen besseren und verständnisvolleren Chef hätte er sich nicht denken können. Voller Unbehagen dachte er daher an die Zukunft.
AUFSICHTSRATSSITZUNG IM SEPTEMBER 2017. In dieser Sitzung bestellte der Aufsichtsrat Dirk Schneider zu seinem Nachfolger. Keiner in der Versicherung kannte ihn. Jeder wusste irgendetwas, aber nichts Gutes. Christian hatte an diesem Tag auf dem Balkon noch keine Vorstellung, wie dramatisch sich sein Leben nun ändern würde.
GÖTTERDÄMMERUNG ÜBER HAMBURG. Einer der letzten und heftigsten Winterstürme tobte in dieser Nacht über Hamburg. Es war, als ob die Götter mit diesem Inferno ein Zeichen in Christians Leben setzen wollten. Der Regen peitsche kräftig an die Scheiben, der Wind pfiff um das Haus, in dem sie wohnten. Bereits seit Stunden waren die Feuerwehrsirenen zu hören. Als er um zwei Uhr das Fenster zum Innenhof öffnen wollte, drückte der Wind dagegen und die Scheibe zerbarst. Schemenhaft konnte er sehen, dass eine der jungen Buchen umgestürzt war und Tische und Stühle durcheinandergewirbelt waren. Was hatte das zu bedeuten? Sollte das ein Zeichen sein, nun aber endlich etwas in seinem Leben zu ändern? Seit diesem Aufstehen um zwei Uhr hatte er mehr als unruhig geschlafen. Schweißgebadet im Bett gewälzt, üble Gedanken vergeblich vertrieben, unendlich oft auf den Wecker gesehen. Hatte ihm nicht schon sein Freund Jürgen vor langer Zeit gesagt, dass er wohl eine heftige Midlife-Crisis durchmacht? Immer und immer wieder lief in seinem aufgewühlten und konfusen Kopf die gleiche Langspielplatte: „Ich möchte mein Leben zurück. Ruhe und Zufriedenheit im Beruf, endlich wieder Lebensglück mit Stephanie, endlich Frieden mit den Eltern. Und irgendeiner nehme mir auch mein Übergewicht ab. Ich will diesen Rucksack nicht mehr vor dem Bauch tragen. Und den Rucksack der anderen Lebensprobleme auch nicht mehr.“ Schließlich schlief er doch noch ein wenig und wurde brutal um 06:30 Uhr vom nervenden Piepton seines Digitalweckers geweckt. „Das geht so auf die Ohren, der muss demnächst weg.“, sagte er sich. Erst dann realisierte er wieder, was nachts geschehen war. Am liebsten wäre er bei dem Chaos gar nicht aufgestanden. Schon gar nicht, wenn er gewusst hätte, was an diesem Tag noch alles geschehen wird. Wozu die Götter in dieser Nacht die Ouvertüre in seinem Leben gespielt haben. So wie mit dieser Langspielplatte im Kopf ging das nun schon Monate so. Wolfsstunde sagte seine Freundin Bianca dazu, wenn man zwischen zwei und drei Uhr wach wird. Das ist die düsterste Stunde der Nacht, alle Probleme des Lebens türmen sich wie Berge des Himalayas vor einem auf. Unmöglich, sie nachts zu bezwingen. Nachdem er sich aus dem Bett gequält hatte, fiel ihm das kaputte Fenster ein. „Mist, das muss ja auch noch gelöst werden.“ Der Blick nach draußen zeigte eine Spur der Verwüstung im Vorgarten. Unmutig und mit heftigen Kopfschmerzen ging er ins Bad, um erst mal eine eiskalte Dusche zu nehmen. Mit einigen Wechselduschen, dem Duft von Ocean auf der Haut, war er auch heute wieder fit. Beim Blick in den Spiegel fragt er sich, wer denn dieser fremde Mann dort ist. Wo war er hin, der strahlende Christian, wo war die Liebe zu Stephanie, wo sein Glück im Beruf? Irgendwo musste er in den letzten Jahren auf der Autobahn des Lebens aber eine verdammt falsche Abfahrt genommen haben. Nun merkte er wieder, wie ruhelos und gleichzeitig verbittert er im Leben war. Wo war die Freude am Leben geblieben? Hatte Jürgen mit der Midlife-Crisis vielleicht recht? Was ist das eigentlich? Er nahm sich vor, dazu endlich mal Tante Google zu befragen.
CHRISTIAN WINTER WAR MITTLERWEILE 50 JAHRE ALT. Gepflegt sah er immer aus, obwohl er eher unscheinbar wirkte – trotz seiner circa 1,80 Meter Körpergröße und 95 Kilo. In der Freizeit gerne unrasiert, Jeans und Pullover, keine Markenkleidung. Unscheinbar, als ob er sich verstecken wollte und hinter seinem Bart verbergen will, nannte seine Frau das. Mit seiner Frau Stephanie wohnt er im Falkenriedquartier in Hamburg-Eppendorf. Sie waren schon lange begeisterte Hamburger, seit sie vor 14 Jahren aus Gütersloh hierhin gezogen sind. Kein Vergleich. Liebe Gütersloher, ihr habt sicherlich auch eine schöne Stadt. Weltgewandt und bodenständig nennt ihr euch. Aber Hamburg ist eben eine andere Liga. Inzwischen konnten Christian und Stephanie den Stolz auf das Tor der Welt, wie alle Hanseaten auch empfinden. Selbstverständlich glaubten sie, dass Hamburg zu den schönsten Städten der Welt gehört, auch wenn sie als Quiddjes (Zugezogene) von den Hamburgern bezeichnet werden. Für sie war es schon lange die perfekte Stadt, jedenfalls zu der Zeit, als sie dorthin gezogen sind und zwischen ihnen noch alles in Butter war.
Das Falkenriedquartier ist ein modernes Ensemble aus Wohn- und Bürogebäuden, welches auf dem Gelände ehemaliger Fahrzeugwerkstätten vor einigen Jahren gebaut wurde. Sehr modern, mittendrin im Eppendorfer Stadtleben, welches sie beide so liebten. Gegenüber von den modernen Bauten hatten sie ihre Traumwohnung gefunden. Beim Blick nach links hatte Stephanie seinerzeit die langen Wohnkomplexe aus der Gründerzeit entdeckt. Eine unendliche Reihe weißer Reihenhäuser mit blauen Fenstern. In der Mitte Bäume, Blumen und Tische und Stühle, um so mit allen Nachbarn ins Gespräch zu kommen und feiern zu können. So wie sie es nun schon Hunderte Male gemacht haben. Und auch wieder tun werden, wenn die Sturmschäden beseitigt sind. Was für ein Glück, dass sie eine der wenigen zusammengelegten Wohnungen bekamen, sodass sie sich auf fast 120 qm austoben konnten. Als sie das erste Mal in ihrer neuen Wohnung saßen, deren Duft riechen konnten, alle Möbel platziert hatten, vom Balkon aus ihren Stadtteil sahen, da feierten sie diesen Abend zusammen. In seiner Erinnerung waren sie da sehr glücklich. Der Piper-Heidsieck Jahrgangschampagner war die richtige Basis, um diesen Tag zu feiern. Christian konnte sich noch an das umwerfende Bukett und den minutenlangen Abgang auf der Zunge erinnern. Und, um anschließend im Schlafzimmer „umwerfend“ viel Spaß zu haben. Sie waren sich nah, wie lange vorher nicht. Da war die Welt noch in Ordnung. Oder war das schon damals nicht so? Zwei Jahre ist das nun her.
EPPENDORF WAR ETWAS ANDERES als die Überseestadt, in der sie vorher wohnten. Wenn man sich Eppendorf vom Winterhuder Fährhaus und über die Eppendorfer Landstraße nähert, ist der erste Eindruck wenig erfreulich. Allerweltsbauten an einer lauten, vierspurigen Straße. Schaut man hingegen in die Seitenstraßen, insbesondere in ihrem Viertel, zeigt sich der wahre Charme des Stadtteils. Prächtige Häuser, bunte Geschäfte und nette Gastronomie. Samstags konnten sie, nur fünf Minuten entfernt, auf der anderen Kanalseite auf dem Isemarkt einkaufen. Wochenmärkte gibt es viele, aber keinen unter einem 100 Jahre alten Hochbahnviadukt, so etwas gibt es in Deutschland kein zweites Mal. Marktberühmtheiten sind Fisch Schloh, Confiserie Stolle oder die Kräuterhexe. Die Duftorgie aus frischen Blumen, Obst, Bratwurst, Bonbons, Schokolade, Kräutern und eben auch Fisch war grandios. Besonders schön fand er den Stand von Filzschnitt, wo es Wärmflaschen mit dem Aufdruck „Frostbeule“ gab. Genau das Richtige für Stephanie. Und die Werbung von Bonbon Pingel „wer Pingel nicht kennt, hat das Süße verpennt“ ist einfach der Knaller. Über den Markt zu gehen war immer ein Erlebnis. Überall gab es etwas Interessantes zu sehen, zu riechen und auch zu hören, wenn dort Gitarre oder andere Instrumente gespielt wurden. Und danach bei Hawaii Poke Bowl einen gesunden Snack auf vegetarischer Basis essen. Die bunte Kissenreihe unter rosafarbenen Flamingos mochten sie sehr. Draußen saß man auf lindgrünen Holzbänken. Eine einzigartige Atmosphäre, wenn alle fünf Minuten direkt darüber die Hochbahn quietscht und rattert.
Oder mal eben zu dem Mexikaner, direkt nebenan in Falkenried, zu gehen. Der Eingangsbereich ist mit den Skeletten nicht sehr einladend, aber das Essen ist hervorragend. Legendäres Beef-Tartar in der Marsbar ist auch nicht schlecht. Wunderbar gebaut ist die Bar in dem alten Wärterhäuschen. Und nicht zu vergessen das ehemalige Onkel Pö, in der Musikgeschichte geschrieben worden ist. „Alles klar auf der Andrea Doria“ von Udo Lindenberg, das sich über Hunderttausendmal verkaufte, die Single wurde damals zu einem Klassiker. Die Liedzeile „Bei Onkel Pö spielt ne Rentnerband seit zwanzig Jahren Dixieland" machte die Kneipe dann in ganz Deutschland berühmt. Mittlerweile hat Onkel Pö schon seit über zwanzig Jahren geschlossen. Und hier mittendrin wohnten sie. Leben pur in einem angesagten Hamburger Stadtteil. Das Leben war aufregend, sie fühlten sich hier geborgen.
Selbstverständlich gingen sie gerne zu einem der besten italienischen Lokale der Stadt, wenige Meter entfernt. Die Pasta Arrabiata und die Fischgerichte waren in ganz Hamburg bekannt. Der Wirt Pietro scherzte, er fange die Fische selber, so frisch seien sie. Ein Restaurant mit stilvollem Ambiente, freundlichem Service und einem Weinsommelier mit viel Wissen. Nach dem Hausgrappa und Espresso gingen sie regelmäßig ausgelassen und fröhlich nach Hause.
Der Stadtteil und die Wohnung waren genau das, was sie lange gesucht hatten. Sie fühlten sich angekommen im Leben. Stephanies perfekter Tag beginnt morgens um 06:30 Uhr im historischen Holthusenbad, wo sie regelmäßig 2 000 Meter schwimmt. Bis heute wurde der unnachahmliche Stil und Charme des Gebäudes erhalten. Von dieser nachtschlafenen Zeit kann Christian nur träumen.
Mittags führt es sie alternativ in „Die Pizzeria“ oder abends zu Polettos Winebar, einem Feinkostladen mit sehr gutem Restaurant. Cornelia Poletto hat vor mehr als 20 Jahren in ihrem Lieblingsviertel in Eppendorf ein Restaurant eröffnet. Genauso wie Stephanie liebt sie die kleinen Läden und das viele Grün hier.
MIT GROSSEM POMP UND BAHNHOF hatte er seinen 50ten Geburtstag gefeiert. Das ganze Lokal war für diesen Abend gemietet. Pietro kannte seine Wünsche auch ohne, dass er sie aussprach, und deshalb war der Abend vom Feinsten. Obwohl es „sein Tag“ war, fühlte es sich für ihn von Anfang an nicht stimmig an. Melancholisch, nachdenklich und auch ein wenig missmutig betrat er das Restaurant.
Da sein Geburtstagswunsch Stephanie verständlicherweise zu teuer war, hatte er sich die Breitling, Chronograph 41 mit blauem Ziffernblatt, selber geschenkt. Eine atemberaubend schöne Uhr, auf die er lange hingearbeitet hatte. Groß war seine Aufregung, ein solch filigranes Kunstwerk am Arm zu tragen. Als er sie für diesen Abend zum ersten Mal anlegte, merkte er sofort, dass da was nicht stimmte. Es fühlte sich einfach unrund, nicht stimmig an. Es kam keine Freude auf. Klar, das tiefe Blau war unglaublich schön. Der Zeiger drehte sich im wahrsten Sinne wie ein Uhrwerk. Wilhelm Busch würde jetzt sagen: „Ein jeder Wunsch, wenn er erfüllt, kriegt augenblicklich Junge.“ Michael Schumacher hat geweint, als er endlich Weltmeister war, weil er wusste, da gibt es keine Steigerung mehr. Genauso Boris Becker, als er in Wimbledon gewonnen hatte. Sie wussten beide intuitiv, da geht nichts mehr darüber. Und er? Sollte er irgendwann bei einer Jaeger LeCoultre Tourbillon landen, um glücklich zu sein? Nur mal so am Rande: Der Einstieg in die Tourbillon-Liga liegt bei 79.000 Euro. Nein und nochmals nein, damit sollte jetzt Schluss sein.
Die teuren Schuhe, die umfangreiche Whiskysammlung und nun auch diese Uhr waren zweifellos schön. Stundenlang konnte er bei Lühmann durch die Whiskyangebote gehen und staunen. Zuletzt hatten sie dort 1 843 Flaschen im Angebot. Der stilvoll eingerichtete Showroom begeisterte ihn immer wieder. Allein die Hunderte von Flaschen in gut angestrahlten Regalen zu bewundern, war schon ein Genuss. Wie viel schöne Stunden hatte er hier schon verbracht? Waren das wirklich schöne Stunden, oder hatte er sich das nur eingebildet? Benebelt von dem vielen Alkohol, den er trank und den er sich dort ins Haus holte? Schon lange vermutete er aber, dass er viel im Leben kaufte und zu brauchen glaubte, weil er damit auch den Frust über sein Leben kompensieren wollte. Und Frust hatte er ja nun mehr als ihm lieb war. Man könnte sagen, je größer die Whiskysammlung, desto größer der Frust. Es war wie ein nie endender Kick, wie bei einem Junkie. Das Bedürfnis, etwas Neues zu kaufen, und dann wieder und wieder und wieder?
Wo war da die Grenze?
Kommt es mehr auf die Nutzung des Gegenstandes an oder auf dessen Gebrauch?
Geht es nicht auch, mit viel weniger glücklich zu sein?
Stephanie und er hatten sich doch schon Tiny Houses angesehen. Glücklicher werden durch reduzieren. Ist es das?
BEI SEINER GEBURTSTAGSFEIER war er innerlich völlig abwesend. Immer wieder musste er an seinen dauernden Stress mit den Vorständen, besonders mit diesem Schneider denken. Diese Herabwürdigungen, dieser Sadismus. Das Angstschlottern, wenn er mit ihm zu tun hatte, sein Hass, sein Bedürfnis, es ihm irgendwann heimzuzahlen. Der bloße Gedanke schnürte ihm die Kehle zu. Sein Herz pochte und geriet aus dem Takt. Er erinnerte sich an die schlaflosen Nächte, die hormonellen Horrorstunden zwischen zwei und vier Uhr. Manchmal kam doch ein Lächeln auf, wenn er an einen Loriot Sketch dachte, „Morgen bringe ich ihn um.“ Insgesamt war es aber mittlerweile ein sehr giftiger Cocktail, der seine Psyche und Körper angriff. Als er seine Kollegin Sabine böse anblaffte, nur weil sie einen alkoholfreien Ipanema wollte, packte ihn Stephanie am Arm und zerrte ihn vor die Tür auf die Terrasse:
„Was ist denn mit dir los, du Stinkstiefel? Was kann die arme Frau dafür, wenn du so eklig drauf bist? Was soll das? Kannst du nicht wenigstens an deinem Geburtstag mal ein wenig freundlicher sein?“
„Ich bin ja gar nicht schlecht drauf. Ich weiß gar nicht, was du willst, ist doch alles in Butter.“,
so versuchte er abzulenken. Das alte Männerspiel, „Probleme, ich doch nicht.“
Dabei fragten sich seine Freunde und Arbeitskollegen schon lange, warum er sich das alles gefallen ließ und immer noch nicht gekündigt hatte. Die halbe Versicherung tuschelte über ihn und hielt ihn als Personalleiter weder für ein Vorbild noch für glaubwürdig. Wie masochistisch und frustriert muss man sein, um sich derart vorführen zu lassen? Was wussten die anderen schon, wie das ist, wenn man von seinem Boss gemobbt wird? Das Gefühl zu haben, wie an einem Gummiband immer wieder zurückgerissen zu werden, wenn er handeln wollte. Für die anderen erschien alles so einfach. Aber das war es wahrlich nicht.
Genauso tuschelten sie heute, ob er vielleicht „vorgeglüht“ hatte und schon angetrunken war. Sie konnten nicht hinter seine Stirn sehen, warum er so abweisend wirkte. Sie konnten nicht wissen, dass ihre bloße Anwesenheit für seine schlechte Stimmung sorgte. Ihre Nähe ließ ihn das schlechte Klima in der Versicherung spüren.
Sein Leben fühlte sich gerade fast so an wie der legendäre Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Tagein, tagaus, immer das Gleiche. Der misanthropische Wettermann Bill Murray, der am Murmeltiertag immer wieder in einer Zeitschleife feststeckte, könnte auch er sein. Ja, er war ein richtiger Misanthrop, ein Menschenfeind geworden. So wie die Lebensdevise von Schopenhauer: „Ich bin okay und ihr seid alle blöd.“ Das war häufig sein Weltbild. Wie oft hatte er schon gehört, dass er anderen das Gefühl gebe, dass sie alle unfähig sind. Mit emotionalem Abstand lebte er mehr im Verstand als in seinen Gefühlen. Manchmal sah es so aus, dass er sein Leben mehr beobachtete, als tatsächlich darin zu leben. Auf die Frage, was Lebensfreude ist, würde er antworten: „Ich weiß nicht mehr, was das ist.“
Immer die gleichen Diskussionen mit Stephanie, seinen Eltern, insbesondere mit seinem übergriffigen Vater und seinem ekelhaften, rumbrüllenden Chef. Streitereien über Geld, das immer knapp war und sein Ärger über seinen aus der Form geratenen Körper. Auf den hatte er viel zu lange nicht geachtet. Sollte das der Grund für seine selbst erlebte Feindseligkeit sein? War das jetzt nicht wenigstens ein gutes Zeichen, dass er einen starken Mangelzustand in sich spürte, den er noch unter der Oberfläche halten wollte. Den der Sturm dieser einen Nacht aber wegfegen konnte, wenn er sich endlich darauf einließ?
WAR DAS DER RICHTIGE JOB in der Versicherung? Diese Frage stellte er sich seit längerer Zeit. Und jede Nacht zur Wolfsstunde um 03:00 Uhr ganz besonders. Stundenlanges Grübeln, aber keine Antwort. Warum hatte er nur die ganzen Kollegen eingeladen? Angewidert schaute er sie sich der Reihe nach an und fand keinen, mit dem ihn wirklich etwas verband. Schlagartig wurde ihm an diesem Tag klar, dass er dort am falschen Ort war. Stimmt nicht, das wusste er schon lange, aber wie kommt er da nur weg? Sicherlich war er als analytisch begabter Mensch, als guter Problemlöser, mit der Erfahrung von 23 Seminaren, in einer Versicherung grundsätzlich gut aufgehoben, aber echt jetzt? Doch nicht so und dort? Warum stellte er sich alle diese Fragen? Und warum hatte er sie sich nicht schon früher gestellt?
GIBT ES NICHT NOCH ETWAS ANDERES im Leben, was ihn wirklich ausfüllt? Und wo er diesen pathologischen Vorstand nicht mehr ertragen muss? Schneller als erwartet sollte dieser Vorstand Bewegung in sein Leben bringen.
Nach der Dusche an diesem Tag, an dem er besser im Bett geblieben wäre, zog er seinen neuen grauen Businessanzug an, dazu die passenden neuen Budapester von Brunello Cucinelli. Sauteuer, aber wenn es um das Business ging, war er sehr eitel. Das redete er sich jedenfalls sein. Er trug die Schuhe heute zum ersten Mal. Sie fühlten sich sehr weich an, der Geruch von Büffelleder betörte ihn fast genauso wie ein guter Wein. Mal sehen, ob die Schuhe Stephanie auffallen würden. Sie wusste davon noch nichts. Wohlriechend begrüßte er Stephanie in der Küche. In diesem Outfit machte er noch eine ganz passable Figur, obwohl er sich in den stressigen letzten beiden Jahren sicherlich zehn Kilo Übergewicht zugelegt hatte. Das nervte ihn. Er spürte es bereits, wenn er in der Versicherung die drei Etagen zu seinem Büro zu Fuß ging. Das Essen beruhigte ihn. Es war Balsam für seine schon lange gequälte Seele. Ein exzellentes Essen mit gutem Wein war für ihn gleichsam ein Ausgleich. Überschwängliche Gefühle mit dummerweise übergewichtigem Ergebnis. Er fand einfach keinen Weg, daran etwas zu ändern. So wie viele andere Menschen auch.
STEPHANIES AUGE FÜR MODE UND OUTFIT WAR UNTRÜGLICH. Als sie seine glänzenden Schuhe sah, ging die befürchtete Fragerei los:
„Was sind das für Schuhe? Die sehen so neu und teuer aus.“
„Öhm ja, die sind neu.“
„Jetzt sage nicht, das ist der Derby von Cucinelli für 1.600 Euro, von dem du neulich gesprochen hast?“
„Doch, das sind sie, aber sie waren etwas günstiger, nur 1.350 Euro.“
Daraufhin entwickelte sich ein heftiges Wortgefecht zwischen den beiden. Sein Puls stieg, das schlechte Gewissen meldete sich. Er fühlte sich wie von einer strengen Lehrerin ertappt.
„Christian, wie oft soll ich dir noch sagen, dass wir das Geld nicht so zum Fenster raushauen können? So viel Geld für Schuhe? Hast du vergessen, wie teuer das Leben hier inzwischen geworden ist?“
„Lady, willst du mich auf den Arm nehmen, Schau mal in deinen Schuhschrank, da klingeln mir aber die Ohren.“
„Das ist was ganz anderes, alle Frauen haben einen Schuhtick, das ist eben so.“
„So ein Blödsinn. Meine Freundin Bianca braucht das nicht. Und deine Edelpumps kosten ja ein Vermögen. Bei dir ist es unnötige Sucht, bei mir ist es nur gepflegtes Aussehen für den Job.“
„Jetzt willst du mich wohl veräppeln, als ob man Schuhe für 1.350 Euro für ein gepflegtes Aussehen braucht?“
Ein ewig gleicher Kampf, bei dem es keine Gewinner, sondern immer nur zwei Verlierer gab. Claudia, ihre beste Freundin, hatte mal gesagt, dass in unserer Konsumgesellschaft Menschen Dinge kaufen, die sie nicht brauchen, von Geld, das sie nicht haben, um Menschen zu imponieren, die sie nicht mögen. Es gab lichte Momente in seinem Leben, da glomm in seinem Kopf ein zartes Lichtlein, welches Licht in diese Botschaft bringen wollte.
Und schon fing der Tag, der normal hätte werden können wie jeder andere, mehr als „besch...“ an. Stufe zwei der Götterdämmerung für das, was heute noch alles passieren sollte?
OBWOHL ER SEIN AUTO LIEBTE, fuhr er immer mit der U-Bahn zu seinem Arbeitgeber, der „Maximum lucrum“ Versicherung in der City Nord. Was für eine Überheblichkeit mit dem Firmennamen, wer hatte sich den wohl ausgedacht? „Größtmöglicher Profit“, davon war dort gegenwärtig jedenfalls nicht die Rede.
Die City Nord galt viele Jahre als veraltet und nicht mehr zeitgemäß. Das sollte irgendwann geändert werden. Ähnlich wie im Central Park in Lower Manhattan sollten sich Unternehmen mit ihren Verwaltungssitzen gebündelt in einem „Commercial Park“ ansiedeln. Insbesondere sollten die Bürogebäude dort nicht die Ästhetik der Hamburger Innenstadt durch Glaspaläste stören und verändern.
Christian gefiel dieses Konzept. Das Glasgebäude der Versicherung war sehr modern und toll eingerichtet. Sein Büro in der dritten Etage hatte Fenster bis zum Boden und den Blick auf eine schöne Parkanlage – die war prima für die Mittagspause. Allerdings gab es in der Regel so viel als Personalleiter zu tun, sodass das mit der Mittagspause im Park eher Theorie blieb.
An diesem Tag sollte das Berta-Projekt, so der interne Geheimname, in eine wichtige Phase treten. Dirk Schneider, dieser Allmachtsmensch, hatte das Projekt aus seiner Sicht ziemlich vergeigt. Das Projekt war in der Anfangsphase personell total aufgebläht. Dadurch bemerkte die Geschäftsführung nicht, dass so viele Leute nicht gebraucht wurden und nur Däumchen drehten und überflüssige Meetings abhielten, um ihre Unentbehrlichkeit zu beweisen. Jeder der Vorstände wollte zur Demonstration seiner eigenen Wichtigkeit seine Leute dabeihaben. Es gab viel zu viele Schnittstellen und wechselseitige Abhängigkeiten. Doppelte Arbeiten und Frust waren die Folge. Dass man erst ein kleines Team einsetzt, das erst gegen Ende immer mehr ergänzt wird, weiß jeder Projektmanager, aber eben nicht dieser Schneider. Und diese beiden anderen Wichtigtuer im Vorstand wohl auch nicht.
ALLE IN DER VERSICHERUNG WUSSTEN, dass das Verhalten von Dirk Schneider häufig pathologische Züge hatte, aber jeder war sich dort einig, dass man pathologisches Verhalten nicht von unten heilen kann. Es ist gefährlich für die eigene Position, wenn man es trotzdem versucht. Manchmal besteht die einzige Chance darin, es einfach laufen zu lassen. So ließ es auch Christian in diesem Projekt laufen. Diesmal ein Fehler, wie er gleich spüren sollte.
ER HATTE HEUTE DIE UNANGENEHME AUFGABE, Dirk Schneider zu erklären, dass der ursprüngliche Terminplan unmöglich eingehalten werden kann. Er sah sich auch nur als der Bote, der die Botschaft überbrachte. Diese Organisation war schließlich nicht seine Schuld. Die Fertigstellung des Projektes werde sich durch diese Fehlorganisation sicherlich um zwei bis drei Monate verzögern, so wie es derzeit aussah.
Um 12:00 Uhr war er im Büro von Schneider angemeldet. Seine Sekretärin flüsterte ihm im Vorbeigehen zu, dass er sich vorsehen solle. Gerade habe sie ihrem Chef eine Blutdrucktablette bringen müssen. Obwohl Christian wusste, dass er ja in dem Projekt nicht anders handeln konnte, fürchtete er sich danach vor diesem Termin noch mehr. Das deutet auf Ärger hin, räusperte sich eine Stimme in ihm. Im ganzen Unternehmen hatte Schneider den Spitznamen „Gott“ oder „es ist mir egal, wer unter mir Gott ist.“ Er stand kurz vor seinem sechzigsten Geburtstag, war sehr selbstbewusst, dominant. Er zeigte in der Regel eine unglaubliche Härte und wenig Mitgefühl mit den Menschen.
ALS CHRISTIAN IN DAS ZIMMER DES VORSTANDES GING pochte das Blut in seinen Adern, sein Gesicht wurde rot und ihm war schon ein wenig schwindelig. Alles in der Welt hätte er jetzt dafür gegeben, woanders als gerade hier zu sein. Er fühlte sich hundsmiserabel und hilflos. Wie in einem Tunnelblick sah er alles vor sich. Die geschmacklosen Bilder, die alle für abstrakte Schmiererei hielten, so als ob Hühner an der Wand nach oben gelaufen sind. Das dunkle Bücherregal mit einem Modellauto von Führers Staatskarosse, die Hanteln auf dem Seitentisch und die Sammlung mexikanischer Kakteen.
Zunächst etwas zögerlich berichtete er mit leiser Stimme vom Stand des Projektes und warum es sich um zwei bis drei Monate verzögern würde. Wie in Trance sah er nur, dass sich Schneider wutentbrannt von seinem überdimensionierten Chefsessel losriss und um den genauso überdimensionierten Schreibtisch rannte. Dabei fielen die Hanteln krachend auf den Boden. Schneller als der Schall stand er knapp dreißig Zentimeter, voll in der Intimzone, von Christian entfernt und baute sich vor ihm auf. Wie von der Tarantel gestochen, brüllte er ihm ins Gesicht:
„Winter, Sie sind eine einzige Pfeife. Sie sind völlig untauglich. Das ist nun schon das zweite Projekt, das Sie nicht gebacken bekommen haben. Sie sind ein schlechter Personalleiter. Eine Vollkatastrophe sind Sie. Ich werde Sie rausschmeißen, das ist eine Kündigungsandrohung. Ich werde dem Betriebsrat schon klarmachen, dass Sie völlig untragbar sind.“
CHRISTIAN STAND DA, WIE ZUR SALZSÄULE ERSTARRT. Er spürte noch den Atem von diesem Widerling im Gesicht, seinem ekelhaften Mundgeruch nach Gärstoffen aus dem Magen. Er merkte, dass da eine unendliche Wut in ihm steckte, aber sie kam nicht raus. Alles um ihn herum war verschwommen und der erste Gedanke war, ihm den Hals umdrehen zu wollen. Oder ihm zumindest eine Hantel auf den Kopf zu hauen. Er konnte stattdessen jedoch gar nichts sagen und sagte auch kein Wort. Ihm wurde jetzt fast schwarz vor Augen, sodass er sich an dem Besucherstuhl festhalten musste. Wie ein begossener Pudel stand er da und verließ wortlos den Raum. Wortlos, ohnmächtig, ärgerlich und auch ein wenig hasserfüllt. Er schlich sich mit gesenktem Kopf in sein Büro und versuchte irgendwie, den Tag so rumzukriegen. Bloß niemanden heute mehr sehen. Wie ein „kleines Mädchen“, Kopfschmerzen vorzutäuschen, um früher nach Hause zu gehen, die Blöße wollte er sich nicht geben. Deswegen harrte er dort aus und brachte die Zeit irgendwie so rum.
WAS FÜR EIN „SCHEIẞTAG”. Als Christian um 18:00 Uhr zu Hause war, war Stephanie noch nicht da. Sie arbeitete in ihrer Boutique in der Regel bis 20:30 Uhr. Was sollte er jetzt machen? Was konnte der richtige Trost für dieses Horrorerlebnis sein? Na klar, den Ärger herunterspülen, das war jetzt die Lösung.
Hatte nicht Marius Müller-Westernhagen schon vor Jahrzehnten gesungen “Johnny Walker, du bist mein bester Freund.“? Cooler Typ, dieser Marius ist auch schon 73. Wie hat der wohl seine Lebenskrisen überstanden? Christian konnte das Lied fast auswendig. Er hörte die Musik von ihm schon seit langer Zeit immer wieder. Der Kerl hat recht mit seinem Lied, jede Zeile passt auch für ihn.
„Johnny Walker …
… jetzt bist du wieder da,
du hast mich nie enttäuscht,
du bist mein bester Freund,
ich fühl mich königlich,
ich komme ohne dich nicht aus,
wozu auch, du gefällst mir ja,
kein Mensch hört mir so zu wie du.“
ERSCHRECKEND! Spricht der von mir, dachte Christian? Und warum spricht der nicht von den Nebenwirkungen? Dem unruhigen Schlaf, den Kopfschmerzen, dem dumpfen Gefühl am nächsten Tag, dem diffusen Verstand. Den vielen Nebenwirkungen, die er alle bis zur Genüge kannte?
Diesen verblendeten Whisky wie Johnny Walker mochte er zwar nicht, aber er hatte immer eine reichliche Sammlung an schottischen Single Malts zu Hause. Genau genommen gerade 124 verschiedene Flaschen. Pi mal Daumen 6.000 Euro, die sich stetig in Luft auflösten. Und zwar nicht, indem der Alkohol wie beim „Angel Share“ verdunstete, sondern indem er konsumiert wurde. Jedes Mal, wenn er an der Station Landwehr ausstieg und zu Lühmann ging, kamen so viele Flaschen dazu, wie er tragen konnte. Das Trinken tat seinem Gewicht, geistiger Klarheit und auch dem Kontostand überhaupt nicht gut. Und neulich wollte ihm doch tatsächlich Claudia, eine Freundin von Stephanie, erklären, wie gut es für den Körper ist, gar keinen Alkohol zu trinken. „Ökoweiber“, dachte er nur.
DER WHISKY, DEN ER JETZT BRAUCHTE, musste knallen, ordentlich Alkohol haben. Ardbeg, 10 Years, mit 46 % ist immer gut. Oder Glenmorangie Nectar, auch 46 %. Schließlich blieb sein Blick am Bunnahabhain, 12 Years, mit 46,3 % hängen.
Und ehe er es sich versah, probierte er alle drei. Das waren Perlen vor die Säue geworfen. Normalerweise war er wie betört von den unterschiedlichen Gerüchen in der Nase und dem vollmundigen Geschmack und Abgang. Jetzt war es nur: „Hauptsache Alkohol.“ Und dann fing er wieder von vorne an. Völlig aufgewühlt und erregt schüttete er den Whisky nur so in sich hinein. So wie er es immer tat, wenn er etwas verdrängen wollte oder sich betäuben wollte. Frau Müller aus seiner Abteilung hatte ihm mal an den Kopf gesagt, er habe keine Probleme mit Alkohol, nur ohne. Möglicherweise hatte die Schnepfe ja recht. Whisky, Rum, Grappa, die Zahl seiner alkoholischen Freunde ist groß.
ES WURDE SPÄT AN DIESEM ABEND, Stephanie war schon zu Hause und schlief bereits. Sicherlich war sie auch ein wenig sauer, weil sie nicht wusste, wo er war.
Angetrunken ging er über die knarrenden Stufen im Treppenhaus in die erste Etage. Erst im dritten Versuch passte der Schlüssel in die Tür. „Jetzt ins Bett gehen. Unmöglich.“ Im Wohnzimmer saß er noch einige Zeit, angetrunken und aufgewühlt von diesem Tag und dem Gespräch mit Hubert. Ja, das war es: Seine Eltern, insbesondere sein Vater, waren schuld an seinem Leben.
RÜCKBLENDE AUGUST 1966. Seine Eltern und seine Schwester gingen damals in Südtirol auf eine kleine Bergwanderung. Seine Mutter hatte alle drei zu dieser Wanderung gedrängelt, weil sie sich das in den Kopf gesetzt hatte. Der Vater hatte schon Rheuma und war nicht mehr gut zu Fuß. Irgendwann konnte er nicht mehr weiter. Darauf sagte die Mutter: „Na, Vater, hast du dir doch zu viel zugemutet?“ Der kleine Christian sagte völlig richtig, „Nein, du ihm.“ Daraufhin setzte eine hysterische Attacke der psychisch kranken Mutter ein, der der Vater nichts entgegenzusetzen hatte. Ohnmächtig stand er da, so wie immer in sicherlich noch ein Dutzend ähnlicher Situationen.
Ganz klar, sein Vater war schuld an diesen Ohnmachtsgefühlen, die er sein ganzes Leben kannte und die ihn behinderten. Er wollte damit nichts mehr zu tun haben. Er wollte daher die Beziehung zu seinen Eltern ein für alle Mal beenden. Schlussstrich, aus, Ende, und dann endlich ein freies Leben leben.
VON DER TOCHTER EINER ARBEITSKOLLEGIN WUSSTE ER, dass diese die Beziehung zu ihrer Mutter gekündigt hatte und nun schon jahrelang keinen Kontakt mehr hatte. So würde er es jetzt auch machen.
Ran an den PC, kam es ihm: Nein, das geht nur stilecht per Brief. Er setzte sich daher hin und wollte eine handschriftliche Kündigung an seine Eltern schreiben. Der erste Versuch war so unleserlich, sodass er das Blatt zerriss. Mit großer Anstrengung gelang es ihm schließlich, einen leserlichen Brief zu schreiben. Und was jetzt? Er raffte sich noch mal auf, um den Brief wegzubringen.
Als er den Brief in den Postkasten geworfen hatte, bereute er, dass er nicht noch eine Nacht darüber geschlafen hatte. So, wie es ihm „sein Vater!“ immer geraten hatte. Er wusste noch nicht, welcher Tsunami über sein Leben in den nächsten Monaten hinwegfegen würde. Ein Tsunami, der ihm fast vollständig den Boden unter den Füßen weggerissen hätte.
Wie an einer geöffneten Perlenschnur fielen ihm alle ungelösten Lebensthemen vor die Füße. Die Götterdämmerung nahm weiter Fahrt auf.
Die Welt von Stephanie.
In einer Partnerschaft müssen sich beide in gleichem Maße weiterentwickeln.
Heftiger Beziehungsstreit.
Jeder muss lebenslang an seiner Persönlichkeit arbeiten.
Christian und seine Autos.
STEPHANIE WAR MIT IHREN 45 JAHREN die attraktive Traumfrau von Christian. Ehemaliges Model und heute Inhaberin einer kleinen, aber feinen Modeboutique an den Große Bleichen in der Nähe vom Jungfernstieg. Wer auf der Suche nach neuer Wohnungseinrichtung und schönen Accessoires, einem neuen Paar Schuhe oder Kleidung ist, wird in den Großen Bleichen und am Neuen Wall sicher fündig werden. Vorausgesetzt, der Geldbeutel ist gefüllt. Im Hamburger Hof zum Beispiel entdeckt man rund 20 Shops. Über die Großen Bleichen kann man außerdem die Kaisergalerie und das Kaufmannshaus erreichen. Hochwertige Einkaufsmöglichkeiten ohne Ende. Der Neue Wall gehört zu den zehn führenden Luxus-Einkaufsmeilen Europas. Auch ohne zu kaufen, ist das Flanieren in dieser Straße ein Erlebnis. Und ab und zu heult auch mal ein Lamborghini oder Ferrari auf, nur um gesehen und gehört zu werden. Wenn irgendwo Hamburgs Jahrmarkt der Eitelkeiten ist, dann ist es hier.
Die Ausstrahlung von Stephanie war in jeder Hinsicht umwerfend. Ihre braunen Augen leuchteten wie zweikarätige Diamanten. Sehr schlank, schulterlange, blonde Haare, immer dezent geschminkt und gut gekleidet. Irgendwie ganz das Gegenteil zu Christian. Ihre Kleider mit großem Stil ließen sie überall erscheinen lassen wie ein Hollywoodstar. Modelle von Giorgio Armani, Gucci, Marc Cain, Saint Laurent aus Paris, Gerry Weber und Nina Ricci waren dabei, aber auch ab und zu ein Klassiker von C&A. Sie liebte Kleider, nicht nur wegen ihrer Modeboutique. Bei Mia in der Eppendorfer Landstraße war sie Stammkundin. Ihre letzte Errungenschaft war ein hochgeschlossenes Midikleid mit Glockenärmel in gesprenkelten Lilafarben. Sie mochte das Kleid sehr. Und Christian mochte es auch, denn darin sah sie atemberaubend schön aus.
Christian liebte Frauen, die ihre Weiblichkeit auch lebten. Sofort war sie ihm damals vor 25 Jahren, da war sie 20, in einer Hotellobby im Eden Roc in Miami Beach in Florida aufgefallen. Sie präsentierte dort Mode von irgendeinem der großen Labels, genau wusste er es nicht
