Beschreibung

Endlich – die neue Phillips: frech, spritzig, sexy!

Verflixt noch mal! Als Blue Bailey von ihrem Freund in einem Kuhkaff sitzen gelassen wird, ist ihre einzige Rettung irgend so ein Schönling im Cabrio. Denn Blue muss dringend nach Texas. Aber zum Glück findet Dean Robillard, dass auf einer Tour quer durch die USA nichts besser unterhält als eine streitlustige Blondine. Allerdings hat Blue jetzt ein weiteres Problem: Gibt’s was Schlimmeres für eine selbstbewusste junge Frau, als tagelang auf engem Raum neben einem richtig sexy Typen zu sitzen, der – und das ist ja wohl die Höhe! – noch dazu sehr nett ist?

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 649


Buch

Das Einzige, was Blue Bailey heute noch wollte, war eine Knarre. Sie hätte nichts lieber getan, als ihren treulosen Ex damit über den Haufen zu knallen. Schließlich war er schuld daran, dass sie jetzt aus Geldnot in einem grässlichen muffigen Biberkostüm am Straßenrand Werbung für den nächsten Baumarkt machte. Und dann war das Ekel gerade auch noch im Auto, mit der neuen Blondine an seiner Seite, an ihr vorbeigerauscht – und ließ sie gestrandet zurück.

Aber der Höhepunkt dieses schlechten Tages war ja wohl der Schönling – o.k., dieser sexy Schönling –, der ihr gerade hilfreich einen Platz in seinem Auto anbot. Aber wenn sie es recht bedachte, dann brauchte Blue tatsächlich einen fahrbaren Untersatz – notfalls auch mit Mann am Steuer. Denn Blue musste dringend nach Texas. Zu ihrem Glück lässt sich der Fremde, irgendein aus dem Fernsehen ziemlich bekannter Sportstar namens Dean Robillard, ziemlich leicht überreden, sie ein Stück des Weges mitzunehmen. Doch jetzt hat Blue ein richtig großes Problem: Gibt’s was Schlimmeres für eine selbstbewusste junge Frau, als tagelang auf engem Raum neben einem richtig sexy Typen zu sitzen, der – und das ist ja wohl die Höhe – noch dazu nett zu sein scheint?

Autorin

Susan Elizabeth Phillips ist eine der meistgelesenen Autorinnen der Welt. Ihre Romane erobern jedes Mal auf Anhieb die Spitzen der Bestsellerlisten in Deutschland, England und den USA. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und zwei Söhnen in der Nähe von Chicago.

Weitere Informationen unter www.susanelizabethphillips.com

Inhaltsverzeichnis

BuchAutorinWidmungKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22Kapitel 23Kapitel 24Kapitel 25EpilogAnmerkung der AutorinCopyright

Für Liam, einen geborenen Charmeur, falls es jemals einen gegeben hat.

1

Sicher passierte es nicht jeden Tag, dass man einen kopflosen Biber am Rand der Colorado-Road entlangtapsen sah, nicht einmal in Dean Robillards für alles offene Welt. »Was zum Geier …« Verwirrt trat er auf die Bremse seines brandneuen Aston Martin Vanquish und hielt direkt vor der merkwürdigen Gestalt.

Sie marschierte weiter, der große flache Schwanz wippte im Kies, die kleine spitze Nase zeigte nach oben. Irgendwie wirkte der Biber ziemlich angefressen. Es musste ein Biberweibchen sein, denn statt eines Biberkopfes sah er strähniges dunkles Haar, zu einem kurzen, zerzausten Pferdeschwanz zusammengebunden. Von seiner eigenen deprimierenden Gesellschaft genervt, hatte er ohnehin auf ein bisschen Abwechslung gehofft. Also öffnete er den Wagenschlag und stieg aus.

Zuerst tauchten seine neuen Dolce & Gabbana-Stiefel auf, gefolgt vom eins neunzig langen Rest, der aus gestählten Muskeln und rasiermesserscharfen Reflexen bestand und traumhaft aussah. Zumindest behauptete das sein Presseagent oft und gern, und er musste dem zustimmen – obwohl Dean längst nicht so eitel war, wie er den Leuten weismachte. Wenn er diese oberflächliche Attitüde und eine gewisse Arroganz betonte, kamen sie nicht näher an ihn ran, als er wollte.

»Eh, Ma’am – brauchen Sie Hilfe?«

Die Pfoten verlangsamten ihren rasanten Rhythmus nicht. »Haben Sie eine Waffe?«

»Nicht bei mir.«

»Dann nützen Sie mir nichts«, erwiderte sie, stapfte weiter. Er grinste.

Dank seiner überdurchschnittlich langen Beine fiel es ihm leicht, ihre wesentlich kürzeren, dicht behaarten einzuholen. »Schöner Tag heute«, meinte er. »Etwas wärmer, als ich’s im Mai gewöhnt bin. Aber darüber beklage ich mich nicht.«

Sie richtete ein Brombeeraugenpaar auf ihn, einer ihrer wenigen runden Gesichtszüge. Insgesamt erschien sie ihm eher eckig oder fein gezeichnet, von den markanten Wangenknochen und der zierlichen Stupsnase bis zum spitzen Kinn, mit dem man Glas zerschneiden könnte. Was den Mund anging – da wurde es noch interessanter. Ein ausgeprägter Bogen markierte die Mitte der vollen Oberlippe. Die noch viel üppigere Unterlippe erweckte den beunruhigenden Eindruck, dieses Bibermädchen wäre einem extravaganten, nicht jugendfreien Kinderreim entsprungen.

»Oh, ein Schauspieler«, bemerkte sie spöttisch. »Wie immer habe ich Pech.«

»Wieso glauben Sie, ich wäre ein Schauspieler?«

»Weil Sie hübscher sind als meine Freundinnen.«

»Mein Fluch.«

»Sie sehen gar nicht verlegen aus.«

»Manche Dinge, die man nicht ändern kann, muss man akzeptieren.«

»O Mann …«, stöhnte sie angewidert.

»Ich heiße Heath«, sagte er, während sie ihre Schritte noch beschleunigte. »Heath Champion.«

»Klingt falsch.«

Das war’s auch, aber nicht in dem Sinn, den sie meinte.

»Wozu brauchen Sie eine Waffe?«

»Um einen ehemaligen Liebhaber zu ermorden.«

»Ist das der Kerl, der Ihre Garderobe ausgesucht hat?«

Erbost fuhr sie zu ihm herum. Der Biberschwanz klatschte gegen seine Beine. »Hauen Sie ab, okay?«

»Soll ich den ganzen Spaß verpassen?«

Sie schaute zu seinem Sportwagen zurück, einem mitternachtsschwarzen Aston Vanquish S mit einem V-12-Motor. Dafür hatte er ein paar hunderttausend Dollar bezahlt, was sein Konto nicht sonderlich belastete. Ein aufstrebender Quarterback bei den Chicago Stars musste nun wirklich nicht jeden Cent umdrehen.

Beinahe stach sie sich mit einer spitzen Pfote, die anscheinend nicht abnehmbar war, ein Auge aus, als sie eine verschwitzte Haarsträhne aus ihrem Gesicht wischte. »Könnten Sie mich wohin fahren?«

»Werden Sie an meiner Polsterung nagen?«

»Ersparen Sie mir Ihre blöden Witze.«

»Entschuldigung …« Zum ersten Mal freute er sich, dass er von der Autobahn abgebogen war. Er zeigte auf das Vehikel. »Hüpfen Sie rein.«

Obwohl das ihre eigene Idee gewesen war, zögerte sie. Schließlich tappte sie hinter ihm her, und er hielt ihr die Beifahrertür auf. Er hätte ihr helfen sollen. Stattdessen trat er zurück und genoss das Spektakel.

Vor allem lag es am Schwanz. Der war nämlich gefedert, und während sie sich auf den Beifahrersitz zu zwängen versuchte, schlug er immer wieder gegen ihren Kopf. Frustriert zerrte sie daran, um ihn abzureißen. Als das nicht klappte, trampelte sie darauf herum.

»Warum misshandeln Sie den armen alten Biber so brutal?« , fragte er und kratzte sich am Kinn.

»Jetzt reicht’s!« Entschlossen marschierte sie weiter.

»Verzeihen Sie mir!«, rief er ihr nach. »Wegen solcher Kommentare haben die Frauen allen Respekt vor den Männern verloren. Ich schäme mich … Kommen Sie, lassen Sie sich helfen!«

Er beobachtete, wie ihr Stolz gegen die Notwendigkeit kämpfte, und der Sieg der Notwendigkeit überraschte ihn nicht. Als sie zu ihm zurückkehrte, half er ihr, den Schwanz zusammenzufalten. Dann presste sie das widerspenstige Ding an die Brust und stieg ins Auto.

Wegen ihres voluminösen Outfits konnte sie nur auf einer Hinterbacke kauern. Um durch die Windschutzscheibe zu schauen, musste sie an dem Schwanz vorbeispähen.

Immer noch grinsend, setzte er sich ans Steuer. Der Biberanzug verströmte einen muffigen Geruch, der ihn an die Umkleidekabine in der Highschool erinnerte. Nachdem er das Fenster einen Spaltbreit geöffnet hatte, fragte er: »Wohin soll’s gehen?«

»Etwa eine Meile weiter. Bei der Eternal Life Bible Church nach rechts.«

Unter dem dicken Fell schwitzte sie wie ein Football-Verteidiger, und Dean schaltete die Klimaanlage auf Hochtouren. »Gibt’s in der Biberbranche Karrierechancen?«

Wie ihm ihr spöttischer Blick verriet, merkte sie, dass er sich auf ihre Kosten amüsierte. »Zuletzt habe ich PR für Bens Big Beaver Lumber Yard gemacht.«

»Meinen Sie wirklich – PR?«

»In letzter Zeit ist Ben’s Holzhandel schlecht gegangen. Zumindest hat er mir das erzählt, ich kam erst vor neun Tagen in die Stadt. Diese Straße führt nach Rawlins Creek und zu Bens Holzlager«, fügte sie hinzu und wies mit dem Kinn geradeaus. »Und der vierspurige Highway da hinten zum Home Depot, diesem Baumarkt.«

»Allmählich kenne ich mich aus.«

»Freut mich … Jedes Wochenende engagiert er jemanden, der mit einem Schild in der Hand am Highway steht und Kunden anlocken soll, ich war sein letztes naives Opfer.«

»Kein Wunder, wenn Sie neu in dieser Gegend sind …«

»Es ist ziemlich schwer, jemanden zu finden, der verzweifelt genug ist, um so was an zwei Wochenenden hintereinander zu machen.«

»Wo ist das Schild? Schon gut, wahrscheinlich haben Sie’s zusammen mit Ihrem Kopf verloren.«

»Natürlich konnte ich nicht mit einem Biberkopf in die Stadt zurückgehen …«, erklärte sie betont langsam, als würde sie ihn für schwachsinnig halten.

Dean vermutete, sie würde auch das Biberkostüm nicht mehr tragen, wenn sie darunter etwas anhätte. »An der Highway-Ausfahrt habe ich kein geparktes Auto gesehen. Wie sind Sie dort hingekommen?«

»Zu dieser Stelle brachte mich Bens Frau, weil mein Camaro heute Morgen endgültig den Geist aufgegeben hatte. Nach einer Stunde wollte sie mich abholen. Aber sie tauchte nicht auf. Gerade überlegte ich, was ich tun sollte. Da brauste ein gewisser Dreckskerl in einem Ford Focus an mir vorbei, den ich teilweise bezahlt hatte.«

»Ihr Freund?«

»Mein Ex.«

»Oh, der Typ, den Sie gern ermorden würden.«

»Tun Sie einfach so, als würde ich Witze machen.« Sie schaute an dem Biberschwanz vorbei. »Da ist die Kirche. Biegen Sie nach rechts.«

»Wenn ich Sie zum Tatort bringe – bin ich dann mitschuldig an Ihrem Verbrechen?«

»Wollen Sie das?«

»Klar, warum nicht?« Dean steuerte den Aston auf eine holprige Straße zwischen schäbigen Häusern im Ranch-Stil und verwilderten Gärten. Obwohl die kleine Stadt Rawlins Creek nur ungefähr zwanzig Meilen von Denver entfernt lag, bestand nicht die Gefahr, dass sie sich zu einem begehrten Wohngebiet entwickeln würde.

»Da, das grüne Haus mit dem Schild im Garten«, erklärte sie.

Dean bremste vor einer Stuckfassade. Zwischen sonnenblumenförmigen Windrädchen hielt ein Rentier aus Metall Wache. »Zimmer zu vermieten«, verkündete ein Schild. Ein schmutziger silberner Focus stand mit laufendem Motor auf der Zufahrt. An der Beifahrertür lehnte eine langbeinige Brünette und rauchte eine Zigarette. Als sie das schwarze Auto entdeckte, richtete sie sich auf.

»Das muss Sally sein«, zischte das Bibermädchen. »Montys neuestes blödes Suppenhuhn. Ich war ihre Vorgängerin.«

Sally war jung, schlank, vollbusig, mit üppigem Make-up. Daneben geriet die Biberlady mit dem schweißnassen Pferdeschwanz eindeutig ins Hintertreffen. Aber vielleicht machte ihre Ankunft in einem schicken Sportwagen, an der Seite eines attraktiven Mannes, einiges wett.

Durch die Windschutzscheibe beobachtete Dean einen langhaarigen Künstlertyp mit kleiner Drahtbrille, der aus dem Haus schlurfte. Vermutlich Monty. Er trug eine Cargo-Hose und ein Strickhemd, das wie die Handarbeit südamerikanischer Revolutionäre aussah, und er war älter als das Bibermädchen, vielleicht Mitte dreißig. Und viel älter als Sally, die höchstens neunzehn sein konnte.

Beim Anblick des Aston Vanquish blieb Monty abrupt stehen. Sally trat die Zigarette mit der Spitze einer rosa Sandalette aus und gaffte. Während Dean ausstieg und um die Motorhaube herumschlenderte, nahm er sich viel Zeit. Dann öffnete er die Beifahrertür und gab der Biberlady die Chance, ihr mörderisches Werk zu vollbringen.

Unglücklicherweise kam ihr der Schwanz in die Quere, als sie die Pfoten aus dem Auto schwang. Sie versuchte ihn beiseitezuschieben. Aber da faltete er sich auseinander und prallte gegen ihr Kinn. Wütend schlug sie danach, verlor das Gleichgewicht und fiel direkt vor Deans Füßen aufs Gesicht. Über ihrem Hintern schwankte der Schweif in der sanften Brise.

Monty starrte auf sie hinab. »Blue?«

»Ach, das ist Blue?«, fragte Sally. »Ist sie ein Clown oder was?«

»Bei unserer letzten Begegnung war sie noch keiner.« Monty wandte sich von Blue, die sich mühsam auf alle viere erhob, zu Dean. »Und wer sind Sie?«

Der Kerl sprach mit diesem affektierten High Society-Akzent, der immer wieder Deans Bedürfnis weckte, auf den Boden zu spucken. »Wer ich bin? Der mysteriöse Außerirdische. Von manchen geliebt, von vielen gefürchtet.«

Sekundenlang blinzelte Monty verwirrt. Während die Biberlady endlich aufstand, nahm sein Gesicht feindselige Züge an. »Wo ist sie, Blue? Was hast du damit gemacht?«

»Verlogener Hurensohn, heuchlerischer Möchtegernpoet!« Das schmale kleine Gesicht voller Schweißperlen, unverhohlene Mordlust in den Augen, stapfte sie die gekieste Zufahrt entlang.

»Ich habe nicht gelogen«, entgegnete er in einem herablassenden Ton, der sogar Dean auf die Palme brachte. Deshalb konnte er sich vorstellen, wie dem Bibermädchen zumute war. »Niemals würde ich dich belügen. In meinem Brief habe ich dir alles erklärt.«

»Den habe ich erst bekommen, nachdem ich drei Kunden abgewimmelt hatte und eintausenddreihundert Meilen weit durchs Land gefahren war. Sah ich den Mann wieder, der mich zwei Monate lang angefleht hatte, hierherzukommen? Den Mann, der am Telefon wie ein Baby heulte, mit Selbstmord drohte und behauptete, ich sei die beste Freundin seines Lebens, die einzige Frau, der er jemals vertraut habe? O nein! Stattdessen fand ich einen Brief von dem Mann, der beteuert hatte, ohne mich könne er nicht leben. Darin stand, er würde mich nicht mehr brauchen, denn er habe sich in eine Neunzehnjährige verliebt. Außerdem empfahl er mir in diesem Brief, nicht im dunklen Abgrund einer verlassenen Frau zu versinken. Du warst sogar zu feige, um mir das ins Gesicht zu sagen!«

Die Stirn ernsthaft gerunzelt, trat Sally vor. »Weil Sie eine Katastrophe sind, Blue.«

»Was? Sie kennen mich doch gar nicht!«

»Monty hat mir alles erzählt. Und das sage ich nicht, weil ich ein mieses Biest bin, Sie brauchen wirklich eine Therapie. Vielleicht könnte Ihnen die helfen, sich vom Erfolg Ihrer Mitmenschen nicht mehr so bedroht zu fühlen.«

Auf Blues Wangen erschienen feuerrote Flecken. »Wissen Sie, womit Monty seinen Lebensunterhalt verdient? Indem er von einem Dichter-Slam zum anderen zockelt und Seminararbeiten für College-Kids schreibt, die zu faul sind, das selber in die Hand zu nehmen!«

Sallys schuldbewusste Miene erregte Deans Verdacht, auf genau diese Weise hätte sie den Kerl kennen gelernt. Aber davon ließ sie sich nicht beirren. »Ja, Monty, du hast Recht – sie ist tatsächlich ätzend.«

Die Zähne zusammengebissen, richtete Blue ihren stechenden Blick wieder auf Monty. »Inzwischen bezeichnest du mich also als ätzend?«

»Nicht im Allgemeinen«, erwiderte er gönnerhaft, »nur was meinen kreativen Prozess betrifft.« Er schob seine Brille etwas höher. »Und jetzt sag mir, wo die Dylan-CD ist. Die hast du gefunden. Das weiß ich.«

»Wenn ich so ätzend bin – warum hast du dann kein einziges Gedicht geschrieben, seit du aus Seattle abgedampft bist? Wieso hast du dauernd verkündet, ich sei deine gottverdammte Inspiration?«

»Das waren Sie nur, bis er mich getroffen hat«, warf Sally ein. »Bis er sich in mich verliebt hat. Jetzt bin ich seine Muse.«

»Seit zwei Wochen!«

Sally zupfte am Träger ihres BHs. »Sobald das Herz eines Mannes seine Seelenverwandte findet, gib es keinen Zweifel.«

»Eher seine beschissene Wärmflasche.«

»Warum sind Sie so grausam, Blue?«, klagte Sally. »Sie wissen doch, dass es gerade Montys Verletzlichkeit ist, die seine dichterische Schaffenskraft fördert. Aber nur, solange er nicht zu schmerzlich verwundet wird. Deshalb versuchen Sie ihn zu kränken. Weil Sie ihn um seine Kreativität beneiden!«

Allmählich zerrte sie an Deans Nerven, er war nicht überrascht, als Blue sie anfuhr: »Wenn Sie noch ein Wort sagen, knalle ich Ihnen eine vor den Latz. Das geht nur Monty und mich was an. Verstanden?«

Sally öffnete den Mund. Aber irgendwas in Blues Augen musste ihr zu denken geben, denn sie schloss ihn wieder. Zu schade. Es wäre amüsant gewesen, mit anzusehen, wie das Bibermädchen über sie herfiel. Obwohl sie, nach ihrem Körperbau zu schließen, regelmäßig im Fitnessstudio trainierte.

»Klar, jetzt regst du dich auf, Blue«, sagte Monty. »Trotzdem wirst du dich eines Tages für mich freuen.«

War der Typ wirklich so blöd? Interessiert beobachtete Dean, wie die Biberlady ihre Pfoten hob. »Ich werde mich freuen?«

»Schon gut, ich streite nicht mit dir«, entgegnete Monty hastig. »Dauernd fängst du Streit an.«

Sally nickte. »Stimmt, Blue.«

»Wie Recht ihr habt!« Ohne Vorwarnung flog das Bibermädchen durch die Luft, ein dumpfes Geräusch erklang, und Monty lag am Boden.

»Was machst du? Hör auf! Lass mich los!«, kreischte er wie ein kleines Mädchen.

Sally eilte ihm zu Hilfe. »Tun Sie ihm bloß nicht weh, Blue!«

Dean lehnte sich an den Aston und genoss die Show.

»O Gott, meine Brille!«, heulte Monty. »Pass auf meine Brille auf!«

»Gehen Sie von ihm runter!« Mit aller Kraft zog Sally an Blues Biberschwanz.

Offenbar wusste Monty nicht, ob er seine Eier oder die kostbare Brille retten sollte. »Bist du völlig übergeschnappt?«

»Nur weil du auf mich abgefärbt hast!«, fauchte Blue und versuchte ihn zu verprügeln. Ohne Erfolg. Zu tollpatschige Pfoten.

Sally besaß erstaunliche Muskeln. Während sie an dem Biberschwanz zerrte, bekam sie langsam Oberwasser. Aber so leicht gab Blue nicht auf. Jedenfalls nicht, bevor sie Blut sah. Solch ein faszinierendes Gerangel hatte Dean seit dem letzten entscheidenden Giant-Spiel in der vergangenen Saison nicht mehr gesehen.

»Um Himmels willen, du hast meine Brille zerbrochen!« , jammerte Monty und presste seine Hände aufs Gesicht.

»Erst die Brille, jetzt dein Kopf!« Entschlossen schwang das Bibermädchen die Pfoten.

Dean zuckte zusammen, und Monty erinnerte sich endlich an sein X-Chromosom. Mit Sallys Hilfe schob er Blue zur Seite und rappelte sich auf.

»Ich zeige dich an!«, schrie er. »Ich lasse dich verhaften!«

Das wollte sich Dean nicht länger anschauen, und so schlenderte er zum Mittelpunkt des Geschehens. Im Lauf der Jahre hatte er sich oft genug in Werbespots gesehen, er wusste, wie eindrucksvoll er wirkte, wenn er schlenderte. Dabei brachte er seinen großen, kräftigen Körper voll zur Geltung. Außerdem vermutete er, die Nachmittagssonne würde seinem blonden Haar imposante Glanzlichter verleihen. Bis zu seinem achtundzwanzigsten Geburtstag hatten gigantische Diamanten in seinen Ohrläppchen gesteckt. Jugendlicher Übermut. Jetzt trug er nur noch eine Uhr.

Trotz der zerbrochenen Brille sah Monty den Fremden auf sich zukommen und erbleichte. »Sie sind ein Zeuge«, wimmerte der sensible Dichter. »Was sie getan hat, wissen Sie.«

»Ich habe nur eins gesehen …«, begann Dean gedehnt. »Einen weiteren Grund, warum wir Sie nicht zu unserer Hochzeit einladen.« Er trat an die Seite der Biberlady, schlang einen Arm um ihre Schultern und schaute liebevoll in ihre kreisrunden verwirrten Augen. »Verzeih mir, meine Süße. Ich hätte dir glauben sollen, als du sagtest, dieser William Shakespeare verdient keine klärende Aussprache. Erinnere mich nächstes Mal an dein unfehlbares Urteilsvermögen. Allerdings musst du zugeben, dass du meinen Rat hättest befolgen und vorher dein Kostüm wechseln sollen. Schließlich gehen unsere fantastischen Sexspiele niemanden was an.«

Eigentlich sah Blue nicht aus, als wäre sie einfach zu verblüffen. Aber anscheinend hatte er es geschafft. Und da Monty sein Geld normalerweise mit Worten verdiente, wirkte sein Schweigen etwas befremdlich.

»Was, Sie wollen Blue heiraten?«, würgte die arme Sally mühsam hervor.

»Ja, das überrascht mich selbst.« Bescheiden zuckte Dean die Achseln. »Wer hätte gedacht, dass sie mich will?«

Also wirklich, was sollte man dazu sagen?

Als Monty wieder atmen konnte, begann er noch einmal wegen dieser CD zu lamentieren. Schließlich fand Dean heraus, dass es sich um einen wertvollen Livemitschnitt von Bob Dylans »Blood on the Tracks« handelte, den Monty versehentlich in Seattle zurückgelassen hatte. »Davon gibt’s nur tausend Stück!«, jaulte er.

»Neunhundertneunundneunzig«, betonte das Bibermädchen. »Deine Kopie ist im Müll gelandet – eine Minute, nachdem ich deinen Brief gelesen habe.«

Danach war Monty ein gebrochener Mann. Trotzdem erlag Dean der Versuchung und drehte das Messer in der Wunde herum. Während der Poet und Sally in ihren Wagen stiegen, wandte er sich zur Biberlady und rief laut genug, so dass es die beiden hörten: »Komm, mein Engel. Fahren wir in die City und kaufen wir diesen zweikarätigen Diamanten, den du dir so sehnlich wünschst.«

Da hätte er schwören können, dass Monty winselte.

Allzu lange konnte das Bibermädchen nicht triumphieren. Sobald der Ford die Zufahrt hinuntergerollt war, schwang die Haustür auf, und eine dicke Frau mit gefärbtem schwarzen Haar, gemalten Augenbrauen und einem teigigen Gesicht trottete auf die Veranda. »Was ist da draußen los?«

Blue starrte der Staubwolke auf der Straße nach, und ihre Schultern sanken nach vorn. »Nur eine kleine häusliche Auseinandersetzung.«

Seufzend verschränkte die Frau ihre Arme vor dem überdimensionalen Busen. »Als ich Sie gesehen habe, ist mir sofort klar gewesen, mit Ihnen gibt’s Ärger. Hätte ich Sie bloß nicht hier wohnen lassen …« Eine Zeit lang zeterte sie weiter und lieferte Dean genug Informationen, dass er zwei und zwei zusammenzählte. Offenbar hatte Monty bis vor zehn Tagen in der Pension gewohnt, dann war er mit Sally verschwunden. Einen Tag später war die Biberlady eingetroffen, hatte den Laufpassbrief gefunden und beschlossen zu bleiben, um erst mal zu überlegen, was sie tun sollte.

Auf der Stirn der Pensionswirtin glänzten Schweißtropfen.

»Ich will Sie nicht in meinem Haus haben.«

Anscheinend war Blues Kampfgeist erloschen. »Okay, morgen ziehe ich aus.«

»Ich hoffe, Sie haben die zweiundachtzig Dollar, die Sie mir schulden.«

»Natürlich …« Blue hob ruckartig den Kopf. Mit einem gemurmelten Fluch schob sie sich an der Vermieterin vorbei und rannte ins Haus.

Nun richtete die Frau ihre Aufmerksamkeit auf Dean und das Auto. Im Allgemeinen stand die Bevölkerung von Nordamerika Schlange, um seinen Hintern zu küssen. Aber diese Dame sah offenbar nur selten Football im TV. »Sind Sie ein Drogendealer? Wenn Sie in diesem Schlitten Drogen versteckt haben, rufe ich den Sheriff.«

»Nur Extra Strength Tylenol.« Und ein paar Röhrchen mit rezeptpflichtigen Schmerztabletten, die er nicht erwähnte.

»So ein Schlaukopf …« Sie warf ihm einen düsteren Blick zu, dann kehrte sie ins Haus zurück. Bedauernd schaute er ihr nach. Jetzt war der Spaß vermutlich vorbei.

Er freute sich nicht auf die Weiterfahrt, obwohl er sich zu diesem Trip entschlossen hatte, um über ein paar Dinge nachzudenken. Hauptsächlich über das Ende einer erstaunlich langen Glückssträhne. Klar, er hatte ein paar Blessuren auf dem Football-Platz abgekriegt. Aber nichts Ernstes. Acht Jahre in der NFL, und kein einziger gebrochener Knöchel, keine ACL-Verletzung, kein Achillessehnenriss. Nicht einmal ein gebrochener Finger.

Damit war vor drei Monaten Schluss gewesen, im vierten Viertel in den AFC Divisional Play-offs gegen die Steelers. Da hatte er sich eine Schulter ausgekugelt und eine Gelenkpfannenläsion erlitten. Die Operation war erfolgreich verlaufen. Die eine oder andere Saison würde die Schulter noch mitmachen. Aber sie war nicht mehr so gut wie neu. Und darin lag das Problem. Die ganze Zeit hatte er sich für unbesiegbar gehalten. Nur andere Spieler wurden verletzt. Nicht er. Zumindest nicht bis jetzt.

Auch in anderer Hinsicht hatte sein wundervolles Leben ein Ende gefunden. Unglücklicherweise hatte er angefangen, zu oft in Clubs herumzuhängen. Jungs, die er kaum kannte, zogen in seine Gästezimmer, nackte Frauen lagen bewusstlos in seiner Badewanne. Schließlich war er einfach losgefahren, ganz allein. Fünfzig Meilen vor Vegas hatte er entschieden, diese sündhafte Stadt wäre nicht der beste Ort, um einen klaren Kopf zu kriegen, und so war er nach Osten gefahren, nach Colorado.

Aber die Einsamkeit missfiel ihm. Statt neue Perspektiven zu entdeckten, versank er in Depressionen. Gewiss, das Abenteuer mit dem Bibermädchen hatte ihn abgelenkt und aufgeheitert. Aber jetzt war’s leider vorbei.

Auf dem Weg zum Aston hörte er schrille Frauenstimmen. Dann flog die Haustür auf, ein Koffer fiel heraus und landete im Hof, wo er aufplatzte und seinen Inhalt verstreute  – Jeans und Tops, ein violetter BH, orangegelbe Unterhöschen. Dann segelte ein marineblauer Seesack heraus. Und schließlich stolperte Blue auf die Veranda.

»Miese Schnorrerin!«, kreischte die Pensionswirtin, bevor sie die Tür zuknallte.

Blue musste sich an einem Eisenpfosten festhalten, damit sie nicht von der Veranda stürzte. Als sie ihr Gleichgewicht wiedergefunden hatte, schien sie nicht zu wissen, was sie tun sollte. Sie sank auf die oberste Stufe und vergrub den Kopf in den Pfoten.

Vorhin hatte sie erwähnt, ihr Auto würde streiken. Deshalb sah er gute Chancen, der Qual seiner eigenen lausigen Gesellschaft zu entrinnen. Wenigstens für eine kleine Weile. »Soll ich Sie wohin fahren?«, rief er.

Blue hob den Kopf, sichtlich erstaunt, weil er noch hier war. Dass eine Frau seine Existenz vergessen hatte, war ungewöhnlich und erhöhte sein Interesse.

Nach kurzem Zögern stand sie schwerfällig auf. »Okay.«

Er half ihr, die verstreuten Sachen einzusammeln, vor allem die empfindlichen Kleidungsstücke, die eine gewisse Fingerfertigkeit erforderten. Zum Beispiel die Höschen. Da er ein Connaisseur war, tippte er eher auf Wal-Mart als auf Agent Provocateur. Immerhin besaß sie ein paar hübsche Bikinis in bunten Farben mit dramatischen Mustern. Aber keine Tangas. Und – ziemlich verwirrend – keine Spitzendessous. Wegen ihrer fein gezeichneten Gesichtszüge – das verschwitzte Haar und den Biberpelz musste man sich wegdenken  – sollte sie eigentlich zarte Spitze tragen.

»Nach dem Verhalten der Pensionswirtin zu schließen«, bemerkte er, während er den Koffer und den Seesack im Kofferraum des Astons verfrachtet, »konnten Sie die zweiundachtzig Dollar nicht zahlen.«

»Noch schlimmer. In dem Zimmer hatte ich zweihundert Dollar versteckt.«

»Also eine Pechsträhne.«

»Daran bin ich gewöhnt. Nicht nur Pech, sondern einfach Dummheit.« Sie drehte sich zum Haus um. »Dass Monty hierher zurückkommen würde, wusste ich, als ich die Dylan-CD unter dem Bett gefunden hatte. Aber statt mein Geld im Auto zu verstecken, legte ich es in die neue Ausgabe von People. Monty hasst People. Nach seiner Ansicht lesen das nur Vollidioten. Also dachte ich, mein Geld wäre in Sicherheit.«

Obwohl Dean nicht zu den regelmäßigen People-Lesern zählte, schuldete er dieser Zeitschrift eine gewisse Loyalität. Während eines Fotoshootings waren die Leute wirklich nett zu ihm gewesen.

»Ich nehme an, erst mal wollen Sie zu Bens Beaver Lumber Yard zurückfahren«, meinte er, nachdem er Blue auf den Beifahrersitz geholfen hatte. »Es sei denn, Sie versuchen einen neuen Modetrend zu lancieren.«

»Würden Sie Ihre Witzeleien bleiben lassen?« Offenbar hegte sie eine ausgeprägte Abneigung gegen ihn, und das fand er eigenartig, weil sie eine Frau war und er – nun, er war Dean Robillard. Sie warf einen Blick auf die Landkarte, die zwischen den Sitzen steckte. »Tennessee?«

»In der Nähe von Nashville habe ich ein Ferienhaus.« Letzte Woche hätte ihm der Klang dieser Worte noch gefallen. Jetzt war er sich nicht mehr so sicher. Wenn er auch in Chicago lebte, war er immer noch ein echter kalifornischer Junge, vom Scheitel bis zur Sohle.

»Sind Sie ein Country-Sänger?«

Darüber dachte er einige Sekunden lang nach. »Nein. Ihr erster Tipp war richtig, ich bin ein Filmstar.«

»Aber ich habe nie von Ihnen gehört.«

»Haben Sie den neuen Reese Witherspoon-Film gesehen?«

»Ja.«

»Da habe ich mitgemacht.«

»Ganz klar«, seufzte sie und lehnte ihren Kopf an die Nackenstütze. »Sie haben ein cooles Auto und sündhaft teure Klamotten. Mit mir geht’s bergab. Jetzt habe ich mich auch noch mit einem Drogendealer eingelassen.«

»Unsinn, ich bin kein Drogendealer!«, stieß er entrüstet hervor.

»Ein Filmstar sind Sie auch nicht.«

»Reiten Sie nicht darauf herum! Um die Wahrheit zu gestehen, ich bin ein einigermaßen berühmtes Model. Und ich will zum Film.«

»Sie sind schwul.« Keine Frage, sondern eine Feststellung. Die meisten Jungs hätten sich darüber geärgert. Aber Dean hatte eine große Fangemeinde in der Schwulenszene, und er wollte nicht über seine treuesten Anhänger lästern.

»Stimmt, aber ich habe mich noch nicht geoutet.«

Vielleicht hat es gewisse Vorteile, wenn man schwul ist, dachte er. Nicht in der Realität. Das wollte er sich nicht einmal vorstellen. Aber man konnte mit interessanten Frauen rumhängen, ohne falsche Hoffnungen zu wecken. In den letzten fünfzehn Jahren hatte er zu viele Energien verschwendet, um Mädchen klarzumachen, dass sie nicht als die Mütter seiner Kinder in die Weltgeschichte eingehen würden. Mit solchen Problemen mussten sich schwule Jungs nicht herumschlagen. Sie konnten sich entspannen und einfach nur Kumpels sein.

Er warf ihr einen kurzen Seitenblick zu. »Wenn sich meine sexuelle Veranlagung herumspricht, ist meine Karriere ruiniert. Also wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie’s für sich behalten.«

»Als wäre das ein großes Geheimnis!« Blue verdrehte die Augen und zog ihre schweißnassen Brauen hoch. »Dass Sie schwul sind, habe ich schon nach fünf Sekunden gemerkt.«

Zweifellos nahm sie ihn auf den Arm.

»Kann ich erst mal bei Ihnen bleiben?«, fragte sie und nagte an ihrer Unterlippe.

»Lassen Sie Ihr Auto einfach stehen?«

»Es lohnt sich nicht, die alte Karre zu reparieren. Ben soll sie abschleppen lassen. Weil der Biberkopf verschwunden ist, kriege ich wahrscheinlich kein Honorar. Also ist er mir was schuldig.«

Nachdenklich runzelte Dean die Stirn. Sally hatte Recht, das Bibermädchen war eine Katastrophe. Sein Lieblingsfrauentyp. Aber amüsant. »Versuchen wir’s ein paar Stunden miteinander«, erwiderte er. »Mehr kann ich Ihnen nicht versprechen.«

Sie hielten vor einem Wellblechgebäude, das in geschmacklosem Türkis gestrichen war. An diesem Sonntagnachmittag standen nur zwei Vehikel auf dem Parkplatz des Holzlagers – ein verrosteter blauer Camaro und ein nagelneuer Pick-up. An der Ladentür hing ein Schild mit der Aufschrift »Geschlossen« an zwei Saugnäpfen, die es vor dem Wind schützten.

Stets ein Gentleman, half Dean der Biberlady aus dem Auto. »Passen Sie auf Ihren Schwanz auf.«

Nachdem sie ihn mit einem vernichtenden Blick bedacht hatte, schaffte sie es – mittlerweile geübt –, etwas anmutiger aus dem Wagen zu klettern. Dann stapfte sie zur Tür und stieß sie auf. Nur für wenige Sekunden sah er einen Mann mit breitem Brustkorb, der ein paar Ausstellungsstücke arrangierte.

Dean musterte die wenig eindrucksvolle Umgebung. Allzu lange dauerte es nicht, bis Blue mit einem Bündel Kleider über dem Arm zurückkam. »Bens Frau hat sich in die Hand geschnitten, er musste sie ins Krankenhaus bringen. Deshalb konnte sie mich nicht abholen. Leider komme ich nicht allein aus diesem Pelz raus.« Angewidert drehte sie sich zum Laden um. »Und ich lasse meinen Reißverschluss nicht von einem abnormen Sexprotz aufziehen.«

»Oh, ich helfe Ihnen sehr gern«, beteuerte Dean grinsend. Wer hätte geahnt, wie erfreulich sich ein alternativer Lebensstil auswirken konnte?

Er folgte ihr zur Seitenwand des Gebäudes, wo eine abblätternde Metalltür die verblichene Silhouette eines Bibers mit einer Haarschleife zeigte. In der Toilette gab es nur eine einzige Kabine, nicht besonders hygienisch, aber halbwegs akzeptabel, mit weißen Schlackensteinwänden und einem Spiegel voller Fliegendreckflecken über dem Waschbecken.

Als sie sich nach einer sauberen Ablage für ihre Kleider umsah, klappte er den Klodeckel nach unten und bedeckte ihn – aus Achtung vor seinen schwulen Brüdern – mit Papiertüchern.

Blue legte ihre Kleider darauf und wandte ihm den Rücken zu. »Da hinten ist der Reißverschluss.«

In diesem ungelüfteten Raum stank der Biberpelz noch heftiger als die Umkleidekabine neben dem Turnsaal der Highschool. Aber als Absolvent zahlloser Football-Trainingseinheiten (jeden Tag zwei) hatte er schon schlimmere Ausdünstungen gerochen. Viel schlimmere. Aus dem schweißnassen Pferdeschwanz hatten sich ein paar Strähnen gelöst, und er schob sie aus Blues milchweißem, von kaum sichtbaren blauen Adern durchzogenem Nacken. Dann wühlte er im dichten Fell, bis er den Reißverschluss fand.

Er wusste, wie man Frauen auszog. Das konnte er sehr gut, denn er hatte oft genug geübt. Aber der Reißverschluss blieb nach wenigen Minuten in den Biberhaaren hängen. Mühsam befreite er ihn. Bald verfing sich der Verschluss erneut im Fell.

So ging es weiter. Stopp und Go, Stopp und Go. Während sich der Pelz teilte, enthüllte er immer mehr milchweiße Haut, und Dean fühlte sich immer weniger wie ein Schwuler.

Um sich abzulenken, versuchte er Konversation zu machen. »Wie habe ich mich verraten? Wieso wussten Sie, dass ich eine Schwuchtel bin?«

»Sind Sie wirklich nicht beleidigt?«, fragte sie mit geheuchelter Sorge.

»Wenn Sie mir die Wahrheit sagen, würden Sie mich beruhigen.«

»Nun ja, Sie sind ziemlich fit. Aber das sind Designer-Muskeln. Die kriegt man nicht beim Dachdecken.«

»Viele Männer gehen ins Fitnessstudio«, erwiderte er und widerstand dem Impuls, auf ihre nackte Haut zu blasen.

»Ja, nur – welcher Hetero hat keine einzige Narbe am Kinn oder eine eingedellte Nase? Jede griechische Statue würde Sie um Ihr Profil beneiden.«

Damit hatte sie Recht. Deans Gesicht war erstaunlich unversehrt, im Gegensatz zu seiner Schulter.

»Und Ihr Haar. Dicht, glänzend, blond. Wie viele Pflegemittel haben Sie heute Morgen draufgeschüttet? Ach, nicht so wichtig, ich fühle mich nur ein bisschen unterlegen.«

An diesem Morgen hatte er nur ein Shampoo benutzt. Ein sehr gutes. Trotzdem war’s nur ein Shampoo. »Das liegt am Schnitt.« Diesen fabelhaften Friseur hatte Oprah ihm empfohlen.

»Ihre Jeans haben Sie nicht bei The Gap gekauft.«

Korrekt.

»Außerdem tragen Sie Schwulenstiefel.«

»O nein, dafür habe ich eintausendzweihundert Dollar bezahlt.«

»Genau!«, rief sie triumphierend. »Welcher Hetero würde eintausendzweihundert Dollar für Stiefel ausgeben?«

Nicht einmal ihr idiotischer Kommentar über seine Stiefel kühlte ihn ab, denn jetzt war der Reißverschluss bis zu ihrer Taille geöffnet. Wie er erwartet hatte, trug sie keinen BH. Die zarten Knorpel ihrer Wirbelsäule zogen sich wie eine zierliche Perlenkette zum pelzigen V des Biberkostüms hinab, als würden sie von Bigfoot verschluckt, diesem großen, behaarten menschenähnlichen Wesen, das angeblich im Nordwesten der USA hauste. Dean musste seine ganze Selbstkontrolle aufbringen, um seine Hände nicht unter das Fell zu schieben und festzustellen, was Blue an der Vorderseite zu bieten hatte.

»Warum brauchen Sie so lang?«, fragte sie.

»Weil der Reißverschluss immer wieder hängen bleibt. Deshalb.« Deans Stimme klang leicht genervt. Leider waren seine Jeans nicht so geschnitten, dass er genug Platz darin gefunden hätte. Zumindest nicht in dieser speziellen Situation. »Wenn Sie’s besser können, machen Sie’s doch selber.«

»Hier ist es verdammt heiß.«

»Wem sagen Sie das?« Mit einem kräftigen Ruck erreichte er das Ende des Reißverschlusses und starrte sanft geschwungene, von einem schmalen, hellroten Gummizug umgebene Hüften an.

Blue drehte sich zu ihm um und hielt mit beiden Pfoten das Fell vor ihre Brüste. »Jetzt komme ich allein zurecht.«

»Oh, bitte! Als ob Sie mir irgendwas zeigen könnten, das ich gern sehen würde …«

Ihre Mundwinkel zuckten. Ob vor Belustigung oder Ärger, wusste er nicht. »Raus.«

Also gut, zumindest hatte er es versucht.

Bevor er die Toilette verließ, gab sie ihm einen Schlüssel und fragte nicht allzu höflich, ob er ein paar Sachen aus ihrem Auto holen würde. Er öffnete die verbeulte Klappe des Kofferraums und fand Milchflaschenkästen aus Plastik, mit Malutensilien gefüllt, mehrere Werkzeugkästen voller Farbflecken und eine große Segeltuchtasche. Während er das Zeug in seinen eigenen Wagen verfrachtete, kam der Typ zu ihm, der im Laden gearbeitet hatte, und inspizierte den Aston. Irgendein Instinkt verriet Dean, dass das der abartige Sexprotz war, der Blues Unmut erregt hatte.

»Oh, was für ein traumhafter Schlitten!«, meinte der Mann. »So einen habe ich mal in einem James Bond-Film gesehen.« Dann musterte er Dean. »Hol mich der Teufel! Dean Robillard! Was machen Sie denn in dieser Gegend?«

»Ich bin auf der Durchreise.«

»Verdammt will ich sein! Ben hätte Sheryl sagen müssen, sie soll ihren fetten Arsch selber in die Klinik fahren. Wenn ich ihm erzähle, Boo war hier …«

Diesen Spitznamen hatten sich Deans Teamkameraden im College ausgedacht wegen seiner Vorliebe für den Malibu Beach, der von den Einheimischen »Boo« genannt wurde.

»Ich habe das Foul in diesem Spiel gegen die Steelers gesehen. Wie geht’s Ihrer Schulter?«

»Ganz gut«, murmelte Dean. Zweifellos würde er sich noch besser fühlen, wenn er eine Physiotherapie beginnen würde, statt durch die Gegend zu gondeln und in Selbstmitleid zu schwelgen.

Der Typ stellte sich als Glenn vor. Dann analysierte er die ganze Saison der Stars. Automatisch nickte Dean alle paar Sekunden und wünschte, die Biberlady würde sich beeilen. Aber es dauerte zehn volle Minuten, bis sie endlich auftauchte.

Mit zusammengekniffenen Augen betrachtete er ihre Garderobe. Das gab’s einfach nicht. Rotkäppchen war von den Hell’s Angels entführt worden.

Statt in einem Rüschenkleid mit rotem Häubchen und einem Korb voller Leckereien am Arm zu erscheinen, trug sie ein ausgebleichtes schwarzes Tanktop, ausgebeulte Jeans und die gigantischen schwarzen Arbeiterstiefel, die er in der Toilette gesehen, aber glücklicherweise vergessen hatte. Ohne Pelz und sehr zierlich, war sie etwa eins sechzig groß und so mager, wie er es sich vorgestellt hatte, was auch für die Brust galt. Gewiss, die war eindeutig weiblich gerundet, allerdings nicht der Rede wert. Offenbar hatte sie den Großteil der langen Zeit genutzt, um sich zu waschen, denn als sie näher kam, roch er kein muffiges Fell mehr, sondern Seifenduft. Das feuchte dunkle Haar klebte wie vergossene Tinte an ihrem Kopf. Kein Make-up. Nicht, dass sie’s mit ihrem klaren hellen Teint brauchen würde. Trotzdem hätten ein bisschen Lippenstift und ein Hauch von Wimperntusche nicht geschadet.

»Den Kopf und das Schild findet ihr draußen bei der Highway-Ausfahrt«, erklärte sie und warf Glenn den Biberanzug zu. »Ich hab das Zeug hinter die Power Box gesteckt.«

»Was soll ich damit machen?«

»Sicher fällt Ihnen was ein.«

Dean riss die Beifahrertür auf, bevor sie den Mann ernsthaft ärgern konnte.

Glenn reichte ihm seine freie Hand. »War nett, mit Ihnen zu reden. Wenn ich Ben erzähle, dass Dean Robillard hier war!«

»Richten Sie ihm herzliche Grüße von mir aus.«

»Haben Sie mir nicht erzählt, sie würden Heath heißen?« , fragte Blue, während er den Aston vom Parkplatz steuerte.

»Heath Champion ist mein Künstlername. In Wirklichkeit heiße ich Dean.«

»Und wieso kennt Glenn Ihren richtigen Namen?«

»Letztes Jahr trafen wir uns in einer Schwulenbar in Reno«, erwiderte er und setzte eine Prada-Pilotenbrille mit grünen Gläsern und Metallgestell auf.

»Glenn ist schwul?«

»Tun Sie bloß nicht so, als hätten Sie das nicht gewusst.«

Die Biberlady lachte heiser, und das klang unverkennbar boshaft, als würde sie sich über einen Witz amüsieren, den nur sie verstand. Dann erstarb das Gelächter. Bevor sie sich abwandte und aus dem Fenster starrte, las er Angst und Sorge in den Brombeeraugen, und er überlegte, ob ihr kesses Gehabe irgendwelche Geheimnisse verbarg.

2

Blue konzentrierte sich darauf, ihre Atemzüge zu zählen, und hoffte, das würde sie beruhigen. Aber die Panik verebbte nicht. Verstohlen musterte sie den attraktiven Mann an ihrer Seite. Erwartete er wirklich, sie würde ihm glauben, dass er schwul war? Klar, er trug diese Schwulenstiefel, und er sah verdammt gut aus. Trotzdem strahlte er genug heterosexuelle Megawatt-Ströme aus, um die ganze weibliche Bevölkerung dieses Landes zu entflammen. Was er zweifellos tat, seit er den mütterlichen Schoß verlassen, sein Spiegelbild in der Brille des Geburtshelfers erblickt und der Welt fröhlich zugewinkt hatte …

Eigentlich hielt ich Montys Verrat für den schrecklichen Höhepunkt meines Lebens, das sich immer schneller zur Katastrophe entwickelt. Doch nun war sie Dean Robillards Gnade ausgeliefert. Niemals wäre sie ins Auto eines Profi-Footballspielers gestiegen, hätte sie ihn erkannt. Sein fast nackter, unglaublich muskulöser Körper prangte auf allen Plakatwänden und warb für End Zone, eine Herrenunterwäsche, mit dem denkwürdigen Slogan: »Bringen Sie Ihren Hintern in die richtige Zone.« Erst neulich hatte sie sein Bild in der People-Ausgabe mit den Porträts der fünfzig schönsten Menschen gesehen. Auf diesem Foto wanderte er in einem Smoking mit hochgekrempelten Ärmeln barfuß über einen Strand. Obwohl sie sich nicht erinnerte, für welches Team er spielte, stand jedenfalls fest: Er gehörte zur Kategorie der Männer, um die sie einen weiten Bogen machte. Nicht, dass ihr solche Typen ständig über den Weg liefen. Aber jetzt stand er zwischen ihr, einem Obdachlosenheim und einem Schild mit der Aufschrift: »Für ein Stück Brot male ich, was Sie wollen.«

Wie sie vor drei Tagen herausgefunden hatte, war ihr Sparkonto mit dem Achttausend-Dollar-Notgroschen ebenso leergeräumt worden wie das Girokonto. Nun hatte Monty noch ihre letzten zweihundert Dollar gestohlen. In ihrer Brieftasche steckten noch ganze acht Dollar. Sie besaß nicht einmal eine Kreditkarte, was ein schwerwiegendes Versäumnis war. Seit sie erwachsen war, hatte sie es geschafft, niemals mittel- und hilflos dazustehen. Bis jetzt.

»Warum sind Sie nach Rawlins Creek gefahren, Dean?« Blue versuchte den Eindruck zu erwecken, sie würde nur Konversation machen. In Wirklichkeit wollte sie Informationen sammeln, um festzustellen, woran sie mit ihm war.

»Weil ich ein Taco Bell-Schild gesehen habe. Leider ist mir bei der Begegnung mit Ihrem Liebhaber der Appetit vergangen.«

»Mit meinem Ex.«

»Das begreife ich nicht. Sobald ich den Kerl sah, wusste ich – das ist ein Loser. Hat Ihnen das keiner Ihrer Freunde in Seattle erklärt?«

»Ich war oft unterwegs.«

»Verdammt, danach hätten Sie jeden Fremden an einer x-beliebigen Tankstelle fragen können.«

»Hinterher ist man immer schlauer.«

Er warf ihr einen kurzen Blick zu. »Jetzt fangen Sie gleich zu weinen an, nicht wahr?«

Bis sie verstand, was er meinte, dauerte es eine Weile. »Keine Bange, ich bin sehr tapfer«, erwiderte sie mit kaum merklichem Sarkasmus.

»Sie müssen mir nichts vormachen. Reden Sie sich alles von der Seele, das ist die beste Methode, ein gebrochenes Herz zu heilen.«

Nein, Monty hatte sie nur in Wut gebracht und ihr Herz ganz sicher nicht gebrochen. Aber er hatte ihre Konten nicht abgeräumt. Ihr Angriff auf ihn war eine Überreaktion gewesen. Das wusste sie. Schon zwei Wochen nach dem Anfang der Beziehung hatte sie gemerkt, dass sie seine Freundschaft vorziehen würde, und ihn von der Bettkante geschubst. Gewiss, sie teilten einige Interessen. Trotz seiner Egozentrik hatte sie seine Gesellschaft geschätzt. Sie waren zusammen ausgegangen, ins Kino und in Galerien, und einer hatte den anderen bei der Arbeit unterstützt. Obwohl sie seine Neigung zur Melodramatik kannte, hatten seine verzweifelten Anrufe aus Denver sie alarmiert.

»Ich habe ihn nicht geliebt«, sagte sie. »Von der Liebe halte ich nichts. Wir haben uns nur umeinander gekümmert. Und wenn er anrief, klang er immer schlimmer. Schließlich hatte ich Angst, er würde sich umbringen. Freunde sind mir wichtig. Deshalb konnte ich ihn nicht im Stich lassen.«

»Mir sind Freunde auch wichtig. Aber wenn einer Probleme hat, steige ich in ein Flugzeug, statt alle meine Sachen zu packen und umzuziehen.«

Seufzend zog Blue einen Gummiring aus einer Jeanstasche und band ihr Haar wieder zu einem zerzausten Pferdeschwanz zusammen. »Ich wollte ohnehin nicht mehr in Seattle bleiben, sondern woanders leben. Natürlich nicht in Rawlins Creek.«

Sie fuhren an einem Schild vorbei, das Schafe zum Verkauf anbot. In Gedanken zählte sie ihre besten Freunde auf und überlegte, wen sie anpumpen könnte. Bedauerlicherweise hatten sie alle was gemeinsam – gütige Herzen und kein Geld. Prinias Säugling war schwer krank, Mr. Grey kam mit den paar Dollars von der Sozialversicherung kaum über die Runden, Mai hatte sich noch immer nicht von dem Feuer erholt, bei dem ihr Studio zerstört worden war, und Tonya unternahm gerade einen Rucksacktrip durch Nepal. Also war sie auf das Mitgefühl eines Fremden angewiesen. Ihre Kindheit schien sich zu wiederholen. Und sie hasste diese viel zu vertraute Angst.

»Erzählen Sie mir was von sich, Bibermädchen.«

»Ich bin Blue.«

»Schätzchen, wenn ich Ihren fragwürdigen Geschmack hätte, was Männer angeht, würde ich sicher auch im Blues versinken.«

»Nein, ich heiße wirklich Blue. Blue Bailey.«

»Klingt irgendwie falsch.«

»Während meine Mutter meine Geburtsurkunde ausfüllte, war sie ein bisschen deprimiert. Ursprünglich wollte sie mich Harmony nennen. Aber da brach der Aufstand in Südafrika aus, in Angola war der Teufel los …« Sie zuckte die Achseln. »Da fand sie, auf dieser Welt wäre kein Platz für eine kleine Harmony.«

»Offenbar hatte Ihre Mutter ein ausgeprägtes soziales Gewissen.«

Blue lachte wehmütig. »O ja …« Das soziale Gewissen ihrer Mutter hatte die leeren Bankkonten verursacht.

Als er den Kopf nach hinten wandte, entdeckte sie ein winziges Loch in seinem Ohrläppchen. »Dieses Malzeug im Kofferraum … Hobby oder Beruf?«

»Mein Beruf. Ich porträtiere Kinder und Haustiere.«

»Ist es denn nicht schwierig, eine Klientel aufzubauen, wenn man ständig herumfährt?«

»Eigentlich nicht. Ich suche mir eine Gegend, wo betuchte Leute wohnen, und werfe Flugblätter, die mit einem meiner Bilder bedruckt sind, in die Briefkästen. Meistens klappt das ganz gut. Aber nicht in Städten wie Rawlins Creek. Da gibt’s keine Luxusvillen.«

»Was das Biberkostüm erklärt. Übrigens, wie alt sind Sie?«

»Dreißig. Und – nein, ich lüge nicht. Für mein Aussehen kann ich nichts.«

»Safe net.«

Verwirrt zuckte Blue zusammen, als eine körperlose weibliche Stimme ertönte.

»Ich melde mich nur, um zu fragen, ob Sie Hilfe brauchen«, gurrte die Stimme, und Dean lenkte den Aston auf die langsame Fahrspur.

»Elaine?«

»Nein, hier spricht Claire. Heute hat Elaine frei.« Die Stimme drang aus den Lautsprechern des Autos.

»Hi, Claire. Mit Ihnen habe ich schon lange nicht mehr geplaudert.«

»Ich musste meine Mom besuchen. Wie läuft’s auf der Straße? Ist der Verkehr nett zu Ihnen?«

»Keine Klagen.«

»Falls Sie Richtung Chicago fahren, warum schauen Sie nicht in St. Louis vorbei? Ich habe ein paar Steaks in der Gefriertruhe. Mit Ihrem Namen drauf.«

Dean klappte die Sonnenblende herunter. »Wie gut Sie zu mir sind, meine Süße, wie großzügig …«

»Für meinen liebsten Safe Net-Kunden ist mir nichts zu teuer.«

Nachdem er die Verbindung unterbrochen hatte, verdrehte Blue die Augen. »Lassen Sie die Frauen Schlange stehen und verteilen Nummern? Welch eine Verschwendung …«

Auf dieses Spiel ging er nicht ein. »Haben Sie nicht das Bedürfnis, sich irgendwo anzusiedeln?«

»Dafür ist die Welt zu groß, und ich habe noch viel zu wenig davon gesehen. Vielleicht werde ich sesshaft, wenn ich vierzig bin. Ihre Freundin hat Chicago erwähnt. Wollten Sie nicht nach Tennessee fahren?«

»Doch. Aber ich wohne in Chicago.«

Jetzt erinnerte sie sich, er spielte bei den Chicago Stars. Sehnsüchtig inspizierte sie das imposante Armaturenbrett des Sportwagens und den Schalthebel. »Ich würde gern mal fahren.«

»Für Sie wäre es völlig ungewohnt, ein Auto zu steuern, das nicht qualmt.« Er schaltete das Satellitenradio ein, eine Kombination aus altem Rock und neueren Songs ertönte.

Auf den nächsten Meilen lauschte sie der Musik und versuchte die Landschaft zu würdigen. Aber sie machte sich zu große Sorgen, und sie brauchte dringend eine Ablenkung. Sollte sie Dean ärgern und fragen, was er bei einem Mann am attraktivsten fand? Nein, es war vorteilhafter, wenn sie dieses Thema nicht überstrapazierte und das Schwulenmärchen aufrechterhielt. Trotzdem erlag sie der Anfechtung und schlug ihm vor, einen Sender mit Streisand-Songs zu suchen.

»Obwohl ich nicht unhöflich sein will – wir Jungs in der Schwulenszene haben diese alten Klischees langsam satt.«

Sie tat ihr Bestes, um Zerknirschung zu heucheln. »Tut mir leid.«

»Okay, ich nehme Ihre Entschuldigung an.«

Aus dem Radio tönte U2, dann Nirwana. Blue zwang sich, den Kopf im Takt zu bewegen, damit Dean nicht merkte, wie deprimiert sie war. Etwas später begleitete er Nickelback mit einem sanften, ziemlich eindrucksvollen Bariton, danach Coldplay bei »Speed of Sound«.

Als Jack Patriot »Why Not Smile?« intonierte, wechselte Dean den Sender.

»Stellen Sie das wieder ein!«, klagte sie. »Nur mit ›Why Not Smile?‹ habe ich mein letztes Highschool-Jahr verkraftet, ich liebe Jack Patriot.«

»Ich nicht.«

»Genauso gut könnten Sie behaupten, Sie würden Gott den Allmächtigen nicht lieben.«

»Jedem das seine.« Deans lässiger Charme verflog abrupt. Nun wirkte er unnahbar, fast beängstigend.

Nicht mehr der unbekümmerte Footballstar, der ein schwules Model mimte und von einer Filmkarriere träumte. Wahrscheinlich sah sie jetzt zum ersten Mal den Mann, der wirklich hinter der glamourösen Fassade steckte. Und das gefiel ihr nicht. Sie hielt ihn lieber für dumm und eitel. Aber nur Letzteres traf zu.

»Allmählich kriege ich Hunger.« Dean drückte auf einen Hebel in seinem Gehirn und verwandelte sich in die Persönlichkeit zurück, die er ihr zeigen wollte. »Hoffentlich macht’s Ihnen nichts aus, wenn wir was in einem Drive-in kaufen. Sonst muss ich jemanden suchen, der auf mein Auto aufpasst.«

»Oh, Sie lassen es bewachen?«

»Der Anlasser ist computer-kodiert. Also kann’s niemand stehlen. Aber dieser Aston erregt ein gewisses Aufsehen und manchmal vandalische Gelüste.«

»Ist das Leben nicht schon kompliziert genug? Selbst wenn Sie keinen Babysitter für Ihren Schlitten engagieren?«

»Leider ist ein eleganter Lebensstil mit harter Arbeit verbunden.« Dean drückte auf eine Taste am Armaturenbrett, und eine Frau namens Missy erklärte ihm, wie er das nächstgelegene Drive-in erreichte.

»Wie hat diese Missy Sie genannt?«, fragte Blue nach dem Ende des Gesprächs.

»Boo, das ist eine Kurzform von Malibu. Während ich in Südkalifornien aufwuchs, verbrachte ich viel Zeit am Strand. Deshalb verpassten mir ein paar Freunde diesen Namen.«

Ein typischer Spitzname für einen Footballstar, dachte sie. Deshalb hatten die People-Leute ihn am Strand fotografiert. Ihr Daumen wies auf die Taste am Armaturenbrett. »All diese Frauen, die Sie anbeten … Haben Sie keine Schuldgefühle, wenn Sie Ihre Verehrerinnen an der Nase herumführen?«

»Das versuche ich wettzumachen, indem ich mich als guter Freund erweise«, antwortete er und verzog keine Miene.

Zum Fenster gewandt, gab sie vor, die Landschaft zu betrachten. Bis jetzt hatte er noch nicht gedroht, er würde sie aus seinem Auto werfen. Das könnte er bald tun. Oder sie riss sich zusammen, damit er glaubte, es würde sich lohnen, sie mitzunehmen.

Dean bezahlte das Fast Food mit einem Zwanzig-Dollar-Schein und sagte dem Kid am Fenster, es sollte das Wechselgeld behalten. Am liebsten wäre Blue aus dem Auto gesprungen und hätte dem Jungen das Geld entrissen. Da sie eine Zeitlang als Kellnerin gearbeitet hatte, fand sie großzügige Trinkgelder okay, aber nicht solche Unsummen.

Weiter unten am Highway fanden sie einen Picknickplatz, ein paar Tische unter Pappeln. Die Luft hatte sich abgekühlt, und Blue suchte in ihrem Seesack nach einem Sweatshirt, während Dean das Fast Food auspackte. Seit dem letzten Abend hatte sie nichts mehr gegessen, und das Aroma der Pommes frites ließ ihr das Wasser im Mund zusammenlaufen.

»Essen fassen«, forderte er sie auf, als sie zu ihm zurückkam.

Sie hatte das Billigste aus dem Angebot des Drive-in bestellt. Nun legte sie zwei Dollar fünfunddreißig auf den Tisch. »Das haben Sie für mich ausgegeben.«

Angewidert starrte er die Münzen an. »Unsinn, dazu lade ich Sie ein.«

»Ich zahle immer für mich selber«, beharrte sie.

»Diesmal nicht.« Dean schob ihr das Geld hinüber. »Revanchieren Sie sich mit einer hübschen Zeichnung.«

»Meine Zeichnungen sind mehr wert als zwei Dollar fünfunddreißig.«

»Vergessen Sie das Benzin nicht.«

Vielleicht würde sie sein Wohlwollen doch noch erringen. Sie beobachtete die Autos, die auf dem Highway vorbeirasten, und genoss jede einzelne fettige Fritte, jeden Bissen ihres Hamburgers.

Nach einer Weile legte Dean seinen halb gegessenen Burger beiseite und holte ein BlackBerry hervor. Mit gerunzelter Stirn checkte er seine E-Mails auf dem winzigen Bildschirm.

»Ein alter Freund, der Sie nervt?«, erkundigte sie sich.

Sekundenlang schaute er sie verständnislos an, dann schüttelte er den Kopf. »Die neue Haushälterin in meinem Haus in Tennessee. Die schickt mir meine E-Mails mit detaillierten Updates. Aber ganz egal, wann ich sie anrufe, ich kriege immer nur Voicemails. Mit dieser Frau habe ich noch nie gesprochen. Da stimmt was nicht.«

Blue konnte sich nicht vorstellen, ein Haus zu besitzen, geschweige denn, eine Haushälterin zu beschäftigen.

»Klar, meine Immobilienmaklerin hat geschworen, Mrs O’Hara sei großartig. Aber ich bin’s leid, immer nur elektronisch mit ihr zu kommunizieren, und wünschte, sie würde wenigstens ein einziges Mal an das verdammte Telefon gehen.« Irritiert scrollte er seine Nachrichten herunter.

Blue wollte etwas mehr über ihn erfahren. »Wenn Sie in Chicago leben, warum haben Sie dann ein Haus in Tennessee gekauft?«

»Im letzten Sommer war ich mit ein paar Freunden dort. Eigentlich hatte ich was an der Westküste gesucht.« Dean legte das BlackBerry auf den Tisch. »Aber dann sah ich diese Farm und kaufte sie. Die liegt mitten im schönsten Tal, das Sie je gesehen haben. Ziemlich abgeschieden, genug Platz für Pferde. So was habe ich mir schon immer gewünscht. Einiges muss renoviert werden. Also hat die Immobilienmaklerin einen Bauunternehmer und diese Mrs O’Hara engagiert, die alles beaufsichtigt.«

»Wenn ich ein Haus hätte, würde ich es selber instand setzen.«

»Ich habe ihr Bilder gemailt und Farbproben geschickt. Außerdem hat sie einen fabelhaften Geschmack und eigene Ideen. Das klappt fantastisch.«

»Trotzdem, es ist nicht dasselbe, als wenn man selber dabei wäre.«

»Deshalb will ich sie ja mit einem Besuch überraschen.« Dean öffnete noch eine E-Mail, zog die Brauen zusammen und nahm sein Handy aus der Tasche. Sekunden später hatte er sein Opfer in der Leitung. »Hi, Heathcliff, gerade habe ich Ihre E-Mail gelesen. Über diesen Eau de Cologne-Auftrag bin ich gar nicht glücklich. Nach End Zone hatte ich gehofft, ich könnte solche Werbeverträge abbauen.« Er stand von der Bank auf und wanderte davon. »Vielleicht Fitnessdrinks …« Er verstummte und grinste. »So viel? Verdammt, mein hübsches Gesicht ist eine echte Bank.«

Was immer sein Gesprächspartner antworten mochte, es musste Dean amüsieren, denn er brach in ein schallendes, sehr maskulines Gelächter aus.

»Jetzt muss ich Schluss machen«, sagte er und stellte einen Stiefel auf einen Baumstumpf. »Mein Friseur hasst es, wenn er warten muss. Heute will er neue Glanzlichter in mein schönes blondes Haar zaubern. Grüß die kleinen Rotznasen von mir. Und sag deiner Frau, ich lade sie ein, sobald ich wieder in der Stadt bin. Sie soll bei mir übernachten. Nur Annabelle und ich …« Lachend drückte er auf die Aus-Taste und steckte das Handy ein. »Das war mein Agent.«

»Hätte ich bloß auch einen!«, seufzte Blue. »Nur damit ich ein bisschen angeben könnte, wenn ich mit jemandem rede. Aber ich glaube, ich bin nicht der Typ, für den sich Agenten interessieren.

»Sicher haben Sie andere Qualitäten.«

»In rauen Mengen«, murmelte sie missmutig.

Wieder auf der Straße, steuerte Dean die Autobahn an. Blue merkte, dass sie an ihrem Daumennagel kaute. Hastig faltete sie die Hände im Schoß. Er fuhr sehr schnell, nur eine Hand am Lenkrad – genauso, wie sie es selber vorzog. »Wo soll ich Sie absetzen?«

Diese Frage hatte sie gefürchtet. »Unglücklicherweise gibt’s keine größeren Städte zwischen Denver und Kansas City. Also wäre Kansas City okay.«

Er warf ihr einen kurzen Seitenblick zu, der besagte: Wem wollen Sie was vormachen? »Ehrlich gesagt, ich dachte eher an den nächsten Trucker-Stopp.«

Mühsam schluckte sie. »Da Sie offensichtlich ein geselliger Mensch sind, würden Sie sich langweilen – ganz allein. Ich könnte Sie unterhalten.«

Dean musterte ihre Brüste. »Und wie wollen Sie das anfangen?«

»Mit Ratespielen. Genau das Richtige für lange Autofahrten. Da kenne ich ein paar Dutzend.« Dean schnaufte, und sie fügte rasch hinzu: »Außerdem bin ich wahnsinnig amüsant. Und ich kann mich um Ihre Fans kümmern und Ihnen all die fiesen Frauen vom Leib halten.«

Seine graublauen Augen funkelten. Ob vor Ärger oder Belustigung, wusste sie nicht. »Also gut, ich denk drüber nach.«

Zu seiner Verblüffung saß die Biberlady immer noch im Aston, als er irgendwo im westlichen Kansas von der Autobahn abbog und ein Merry Time Inn ansteuerte. Auf dem Weg zum Parkplatz drosselte er das Tempo, da rührte sie sich. Während ihres Schlummers hatte er genug Zeit gefunden, um zu beobachten, wie ihre Atemzüge die Brüste unter dem Sweatshirt hoben und senkten. Die meisten Frauen, mit denen er zusammen gewesen war, hatten ihren Busen immer wieder zur vierfachen Größe aufgeplustert. Das tat Blue nicht. Er wusste, dass die meisten Männer große Brüste mochten. Verdammt, früher war er auch ganz scharf darauf gewesen. Aber Annabelle Granger Champion hatte ihm den Spaß daran verdorben. Vor einer halben Ewigkeit …

»Jedes Mal, wenn ein Kerl wie du eine Frau mit künstlicher Körbchengröße E anstarrt, ermutigt er nette, unschuldige Mädchen mit perfekten, hübschen Brüsten dazu, sich unters Messer zu legen. Die Frauen sollten lieber ihren Horizont erweitern, nicht ihren Brustumfang.«

Deshalb hatte er sich persönlich für die Gefahren verantwortlich gefühlt, die durch Brustvergrößerungen entstanden. Annabelle war schrecklich rechthaberisch. Und sie nahm kein Blatt vor den Mund. Die einzige Frau, mit der er freundschaftliche Kontakte pflegte. Aber wegen ihrer Ehe mit Heath Champion, seinem blutsaugerischen Agenten, und der Geburt ihres zweiten Kindes fand sie nur noch selten Zeit für ihn.

An diesem Tag hatte er oft an Annabelle gedacht, vielleicht weil auch Blue zur Rechthaberei neigte. Sie schien sich nicht für ihn zu interessieren. Das fand er seltsam, die Gesellschaft einer Frau, die nicht auf ihn abfuhr. Natürlich, er hatte ihr erzählt, er sei schwul. Dass das nicht stimmte, hatte sie schon vor mindestens hundert Meilen herausgefunden. Aber sie beharrte auf diesem idiotischen Märchen. Obwohl sie nicht zur Kategorie Rotkäppchen gehörte.

Als sie das hell erleuchtete zweistöckige Hotel erblickte, erstarrte ihr gähnender, weit aufgerissener Mund. Im Verlauf der langen Fahrt hatte sie ihn oft genug geärgert. Trotzdem war er noch nicht bereit, ein paar hundert Dollar in ihre Hand zu drücken und sie wegzuschicken. Erstens sollte sie ihn um Geld bitten, zweitens war sie unterhaltsam. Und auf den letzten zweihundert Meilen hatte ihn ein Ständer geplagt.

»In diesen Hotels nehmen sie fast alle Kreditkarten«, bemerkte er, als sie auf dem Parkplatz angekommen waren.

Blues Lippen verkniffen sich. »Unglücklicherweise habe ich keine Kreditkarte.«

Welch eine Überraschung …

»Vor ein paar Jahren habe ich mir dieses Privileg verscherzt«, gestand sie, »seither vertrauen mir die Leute nicht mehr.« Sie studierte das Merry Time Inn-Schild. »Was machen Sie mit Ihrem Auto?«

»Ich gebe einem Sicherheitsbeamten ein Trinkgeld, damit er drauf aufpasst.«

»Wie viel?«

»Warum wollen Sie das wissen?«

»Weil ich Künstlerin bin und mich für menschliche Verhaltensweisen interessiere.«

»Erst mal fünfzig Dollar, nehme ich an«, erklärte er und bog in eine Parklücke. »Und morgen früh noch mal fünfzig.«

»Wunderbar.« Blue hielt ihm eine Hand hin. »Soeben haben Sie mich engagiert.«

»Nein, Sie werden mein Auto heute Nacht nicht bewachen.«

In ihrem Hals bebten verkrampfte Muskeln. »Doch. Keine Bange. Ich habe einen sehr leichten Schlaf. Sobald sich jemand zu nahe heranwagt, wache ich auf.«

»Sie werden nicht im Auto schlafen.«

»Reden Sie mir bloß nicht ein, Sie wären einer dieser sexistischen Trottel, die dauernd behaupten, eine Frau könnte gewisse Jobs nicht genauso gut erledigen wie ein Mann.«

»Ich glaube, Sie können sich kein Hotelzimmer leisten.« Dean stieg aus dem Aston. »Deshalb werde ich Sie einladen.«

Die spitze kleine Nase in der Luft, kletterte sie ebenfalls aus dem Wagen. »Ich brauche keine Einladung.«

»So?«

»Was ich brauche, ist ein Job. Erlauben Sie mir, Ihr Auto zu hüten.«

»Kommt gar nicht infrage.«

Er merkte ihr an, dass sie blitzschnell überlegte, wie sie ihn rumkriegen könnte. Besonders erstaunt war er nicht, als sie die Preisliste für ihre Porträts herunterrasselte. »Selbst wenn Sie die Kosten für ein Hotelzimmer und die Mahlzeiten abziehen«, fügte sie hinzu, »müssen Sie zugeben  – von diesem Deal profitieren Sie. Morgen fange ich an, Sie zu skizzieren. Beim Frühstück.«

Das Letzte, was er sich wünschte, war ein weiteres Porträt. Und was er wirklich nötig hätte … »Fangen Sie heute Abend an«, schlug er vor und öffnete den Kofferraum.

»Heute Abend? Es ist schon – ziemlich spät.«

»Erst neun vorbei.« In diesem Team konnte es nur einen einzigen Quarterback geben. Und das war er.

Während sie im Kofferraum wühlte, murmelte sie etwas Unverständliches vor sich hin. Dean nahm seinen Koffer und ihren marineblauen Seesack heraus. Dann griff sie an ihm vorbei und öffnete einen Werkzeugkasten, der ihre Mal- und Zeichenutensilien enthielt. Immer noch murmelnd, folgte sie ihm zum Hoteleingang. Nachdem er mit dem einzigen Pagen verhandelt und ihn beauftragt hatte, sein Auto zu bewachen, ging er zur Rezeption. Blue blieb an seiner Seite.

Nach der Livemusik zu schließen, die aus der Bar drang, und den Einheimischen, die sich in der Halle herumtrieben, war das Merry Time am Samstagabend der angesagte Treffpunkt dieser kleinen Stadt. Er bemerkte die Köpfe, die sich in seine Richtung wandten. Manchmal überstand er ein oder zwei Tage, ohne erkannt zu werden. An diesem Abend nicht. Ein paar Leute gafften ungeniert. Zum Teufel mit diesen End Zone-Plakaten! Genervt stellte er die Koffer vor den Tresen der Rezeption.

Der Empfangschef, ein etwa zwanzigjähriger Typ aus dem Nahen Osten, der wie ein Gelehrter aussah, begrüßte ihn höflich, schien ihn aber nicht zu erkennen.

»Da kommen Ihre Fans«, verkündetet Blue, stieß ihn zwischen die Rippen und wies mit dem Kopf zur Bar. Als hätte er die Kerle nicht entdeckt, die auf ihn zukamen – beide in mittleren Jahren und übergewichtig. Der eine trug ein Hawaiihemd, das über seinem Bauch spannte, der andere Cowboystiefel und einen gezwirbelten Schnauzbart. »Höchste Zeit, dass ich zu arbeiten anfange«, meinte Blue lässig. »Ich kümmere mich drum.«

»Nein, das werden Sie nicht, ich …«

»Hallo!« Das Hawaiihemd streckte seine Hand aus. »Verzeihen Sie die Störung, aber mein Kumpel Bowman und ich haben gewettet, dass Sie Dean Robillard sind.«

Ehe Dean antworten konnte, schob Blue ihren zarten Körper vor die ausgestreckte Hand und sprach die beiden in einem ausländischen Akzent an, der wie eine Kreuzung zwischen Serbokroatisch und Jiddisch klang. »Ach, diiieser Dean Robijaaa, seeehr berühmt in Amerika, nicht wahr? Mein aaarmer Mann …«, jammerte sie und krallte ihre Finger in Deans Arm, »sein Englisch seeehr, seeehr schlecht. Das alles versteht er nicht. Aber mein Englisch seeehr, seeehr gut, nicht wahr? Überall, wo wir hingehen, glauben die Leute so wie Siiie, er wäre dieser Mann, dieser Dean Robijaaa. Aber mein Mann ist nicht berühmt in Amerika, nur seeehr berühmt in unserem Land. Ein seeehr berühmter – wie sagen Sie dazu? – Pornograph.«

Unwillkürlich zuckte Dean zusammen.

»Jaaa?« Blue runzelte die Stirn. »Habe ich das richtig gesagt? Mein Mann dreht gaaanz schmutzige Filme.«

Da er seine Identität ständig wechselte, verlor sogar er den Überblick. Trotzdem verdiente sie eine kleine Unterstützung bei ihrem schwierigen Job, wenn sie auch die falsche Methode gewählt hatte. Deshalb setzte er ein Grinsen auf und versuchte den Eindruck zu erwecken, er würde kein Wort Englisch verstehen.

Offenbar hatte sie die zwei Typen völlig verwirrt. Nun wussten sie nicht, wie sie reagieren sollten.

»Eh – nun ja – tut uns leid, wir dachten …«

»Schon guuut«, unterbrach sie das Hawaiihemd. »So was passiert immer wiiieder.«

Als sie die Flucht ergriffen, stolperten die beiden über ihre eigenen Füße.

Selbstgefällig wandte sie sich zu Dean. »Bin ich nicht wahnsinnig tüchtig? Trotz meiner jungen Jahre? Sind Sie nicht froh, dass ich bei Ihnen geblieben bin?«

Zumindest musste er ihre Kreativität anerkennen. Da er dem Empfangschef seine Visa Card zeigte, war Blues Versuch, seine Identität geheim zu halten, allerdings sinnlos. »Ich nehme Ihre beste Suite. Und ein kleines Zimmer beim Aufzug für meine durchgeknallte Begleiterin. Wenn das ein Problem ist, stecken Sie die Lady einfach in einen alten Kühlschrank.«

Das Merry Time Inn musste sein Personal großartig ausbilden, denn der Empfangschef zuckte kaum mit der Wimper. »Bedauerlicherweise sind wir heute besetzt, Sir, und unsere Suite ist bereits vergeben.«

»Keine Suite?«, fragte Blue gedehnt. »Findet dieses Grauen denn niemals ein Ende?«