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Diese kulturhistorische Perle über Salzburg erzählt auch von der österreichischen Seele. Gabriele Liechtenstein hat ein wahres Fundstück über die Festspielstadt Salzburg ausgegraben, das Ferdinand Czernin in den 30er-Jahren unter dem Titel "This Salzburg!" veröffentlichte. Dieser Stadtführer weiht die Besucher*innen heiter-ironisch in die Geheimnisse von Salzburg ein. Die Hauptdarsteller sind die Mozart-Stadt, ihre Bewohner*innen, ihre Geschichte, die Tourist*innen und natürlich die Festspiele. Diese Art, über Salzburg und über das weltberühmte Sommerfestival zu schreiben, ist literarisch einzigartig. Während man dieses Buch liest, sieht man den Autor in einem Café sitzen, an einem Drink nippen und mit einem Zwinkern in den Augen vor sich hin plaudern.
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Seitenzahl: 160
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Ferdinand CzerninGabriele Liechtenstein (Hg.)
Aus dem Englischen vonGabriele Liechtenstein
© 2024 Residenz Verlag GmbH
Salzburg – Wien
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
www.residenzverlag.com
Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte vorbehalten.
Keine unerlaubte Vervielfältigung!
Umschlaggestaltung: Joe P. Wannerer, Boutique Brutal
Typografische Gestaltung, Satz: Lanz, Wien
Lektorat: Marie-Therese Pitner
ISBN ePub:
978 3 7017 4722 1
ISBN Printausgabe:
978 3 7017 3610 2
Gewidmet Franz Winter, meinem Freund seit Jugendtagen – er drückte mir das erste Exemplar von This Salzburg! in die Hand –, meinem Mann, auf den ich meine Liebe zu Salzburg erfolgreich übertrug, und unserem Freund Pater Alkuin Schachenmayr, der mir als in Deutschland Geborener und in Amerika Aufgewachsener bei Übersetzungsfinessen hilfreich zur Seite stand.
Dieses Salzburg!
Eine kurze Einführung in die Schönheit und den Charme einer Stadt, die wir lieben
Warum Salzburg?
Wir Österreicher
Wie nun zum Thema Salzburg überleiten?
Kein anderer Rat, als wo man wohnen kann
Ein Kapitel über das Mieten eines Hauses und wie man ein P. G. wird
Salzburg die Ehre erweisen
Die Kleiderfrage
Diese Salzburg-Atmosphäre
Ein Streifzug durch die Geschichte Salzburgs
Kurz zur Architektur
Wer ist dieser Mozart?
Einige hilfreiche Bemerkungen zu den Salzburger Festspielen
Ein Bummel durch Salzburg
Ein kurzes Kapitel über Sport
Geld verlieren und Freude daran haben
Die Umgebung von Salzburg
Salzburger Persönlichkeiten
Was man in Salzburg nicht machen soll
Ein kleines Salzburg-Wörterbuch
Goodbye!
Zur Entstehung dieses Buchs über Salzburg und die Festspiele
Zur Person des Autors
Zur Herausgeberin
Zitierte Literatur
Bildnachweise
Vor beinahe neunzig Jahren erschien zum ersten Mal das englischsprachige Buch This Salzburg!, das Ferdinand Czernin in London schrieb, wo er schon seit zwei Jahren im Exil lebte. Es war an Touristen aus England und Amerika gerichtet, die seit 1920 – also seit der Stunde Null der Festspiele – die Stadt besuchten, und erfreute sich großer Beliebtheit. Bis 1951 erreichte es vier Auflagen. Es ist ein in heiter-ironischem Ton verfasstes Lesebuch. Hauptdarsteller sind Salzburg, seine Geschichte, seine Bewohner, die Touristen und natürlich die Festspiele. Ein so erfolgreiches Buch, das in Antiquariaten ein bis heute gesuchter Titel ist und das seit beinahe neunzig Jahren nichts von seiner Aktualität verloren hat, soll nicht in Vergessenheit geraten. Man darf es den Salzburg- und Festspielliebhabern unserer Zeit nicht vorenthalten.
Worin mag der Erfolg von This Salzburg! liegen? Ein Teil ist sicher Czernins modernem Sprachstil zuzuschreiben, der altertümliche Wendungen und langatmige, belehrende Passagen vermied. Auch dadurch hebt sich das Werk aus der Menge – damaliger und späterer – Bücher über Salzburg heraus. Ein anderer Teil des Erfolgs hängt mit der Universalbildung des Autors zusammen, die der Gesellschaft jener Zeit eigen war. Er konnte über Theater, Musik, Kunst und Geschichte genauso klug und verständlich sprechen wie über Politik, über die Jagd, über gutes Essen oder über die österreichische Seele. Wenn er etwas – im Buch oder im Freundeskreis – erzählte, klang das nie hochgestochen oder wie ein Vortrag vor Studierenden, sondern die Zuhörer erfuhren, ohne belastet zu werden, eine Menge Informatives, was sie auf den Aufenthalt in Salzburg vorbereitete. Und sie wurden nebenbei angenehm unterhalten. Der Autor konnte seine Geschichten witzig und pointiert zu Sätzen formen, ohne jemanden persönlich zu verletzen.
Ein weiterer Grund, warum das Werk, das im deutschen Sprachgebiet beinahe unbekannt ist, einem größeren Kreis zugänglich gemacht werden muss, ist seine ursprüngliche Sprache. Bislang war es nur auf Englisch erhältlich, weshalb es in England und Amerika bekannter ist als im deutschsprachigen Raum. Und das, obwohl der Autor Altösterreicher war. Da This Salzburg! seit vielen Jahren zu meinen Lieblingsbüchern gehört, begann ich es zu übersetzen und habe die ersten paar Seiten Claudia Romeder, der Leiterin des Residenz Verlags, als Kostprobe geschickt. Inhalt und Stil gefielen ihr auf Anhieb, und sie entschied spontan, das Werk ins Programm aufzunehmen. Um der besseren Verständlichkeit willen habe ich die Übersetzung mit Anmerkungen und Kommentaren versehen, da einige Persönlichkeiten der Festspiele und der Stadt Salzburg sowie einige Institutionen aus den 1930er-Jahren nicht mehr bekannt sind oder nicht mehr existieren. Um den Leserhythmus nicht zu behindern, habe ich auf Fußnoten verzichtet und Erläuterungen und Anmerkungen in den Fließtext eingebaut. Damit bei der Lektüre ersichtlich ist, was von Czernin stammt und was von mir, wurde die Übersetzung kursiv gesetzt, meine Kommentare erscheinen in »gerader Schrift.
Der früher angesprochene hohe Unterhaltungswert unterscheidet This Salzburg! vermutlich am stärksten von anderen Büchern über die Stadt und die Festspiele. Es eignet sich nicht nur für Bücherfreunde, Salzburgliebhaber oder für Menschen, die Ablenkung von ihrem hektischen Alltag suchen, als Lektüre, sondern auch für alle, die Aufmunterung brauchen, weil sie z.B. krank im Bett liegen. Der Autor nimmt allerdings Galle- und Leberkranke sowie humorlose Menschen aus. »Wenn ihr … über bestimmte Dinge, Personen und euch selbst nicht lachen könnt, werft das Buch weg, kauft es nicht und schaut nicht hinein. Es ist Gift für euch und wird euch Gelbsucht verursachen. Wenn ihr alt genug seid und wisst, dass die einzige Sache, die einem selbst und den anderen das Leben erträglich macht, Lachen ist, werdet ihr das Buch vielleicht mögen …« – und feststellen, wie viel Liebe der Autor in die Arbeit steckte. »Eine Menge Liebe für den Ort und für die Menschen, die porträtiert werden, eine Menge Liebe für die Menschen, die vielleicht lächeln, während sie es lesen und sogar einige Liebe für die Menschen, die es hassen werden … Vielleicht wird es euch helfen, Salzburg mit anderen Augen zu sehen. Vielleicht wird es euch helfen, Schönheit an einer Stelle zu finden, wo ihr zuvor keine gesehen habt … Vielleicht hilft es euch, euch selbst mehr zu mögen, weil – vielleicht, o vielleicht – die Lektüre euch half, über euch selbst lachen zu können. Ganze Nationen gehen aus dem einfachen Grund vor die Hunde, weil sie unfähig sind, über sich selbst zu lachen. Sie nehmen sich selbst, ihre Wege, ihre Probleme und sogar das Vergnügen todernst und sterben daran. Wir lieben, weil wir lachen, und wir dürfen lachen, weil wir lieben. Werft das Buch sofort weg, wenn ihr nicht darauf vorbereitet seid, über das zu lachen, was ihr liebt.« (XIII f.)
Beim Lesen empfindet man die Stadt mit einem Lächeln im Gesicht neu und erlebt sie so, wie sie in den 1930er-Jahren war und eigentlich noch immer ist. Literarisch und historisch ist interessant, dass Erich Kästner zur selben Zeit wie Ferdinand Czernin den amüsanten, (polit-)satirischen Roman Der kleine Grenzverkehr schrieb, in dem ebenfalls Salzburg, seine Menschen und die Festspiele die Hauptrollen spielen. Wenn man beide Bücher hintereinander liest, meint man, dass die Autoren beste Freunde und gemeinsam in Salzburg gewesen waren.
Ferdinand Czernin widmete das Buch dem Andenken seines Freundes Albert Saint Julien, »dem die Idee so sehr gefiel und der die Welt verlassen musste, bevor es fertig war« (er starb nur 47-jährig im Dezember 1936). Und er hoffte, dass Saint Juliens Sinn für Fröhlichkeit und Menschlichkeit auf jeder Seite des Buchs zu finden sein würde.
»Kunst und Wirklichkeit, Theater und Leben: überall sonst sind’s zwei getrennte Sphären. Hier bilden beide ein unlösbares Ganzes.«
(ERICH KÄSTNER,DER KLEINE GRENZVERKEHR)
Die Frage Warum Salzburg? setzt Ferdinand Czernin über das erste Kapitel seines Buchs. Und darauf kann es laut ihm nur eine Antwort geben: »Es ist August. Es gibt tausend Gründe, im August nach Salzburg zu fahren, und sogar einige dafür, hinzufahren, wenn nicht August ist. Aber es gibt keinen Grund, im August nicht hinzufahren.
Da gibt es zum einen die Festspiele mit all den Großen der Musik- und Theaterwelt, die sich dort versammeln, es wird furchtbar viel furchtbar gute Musik gespielt usw. Das sind schon einmal vier Gründe.
Die nächsten wären: weil der Herzog von Windsor hinfährt, weil Marlene (Dietrich) es tut, weil die Browns letztes Jahr dort waren oder weil alle Menschen, die im Who’s Who zu finden sind, und sogar ein oder zwei, die nicht drinnen stehen, entweder dort waren, dort sind oder eben hinfahren. Weil Lady Mendl ein Stammgast ist, ebenso wie die Hohenlohes und Cecil Beaton. Das sind noch einmal ein Dutzend Gründe. Sagt nicht: Im Gegenteil! Das wäre so unoriginell!
Schließlich sind da noch die Schönheit des Ortes, der Charme seiner Menschen, das billige Leben (in den 1930er-Jahren), die Bademöglichkeiten, das Fischen, die Jagd (im nahen Umland) und zuletzt die zwei wichtigsten Gründe:
weil ihr noch nicht dort wart,
weil ihr dort wart und es liebt.« (XV f.)
Wenn man bedenkt, wie jung die Festspiele damals waren, so ist es erstaunlich, dass sie schon von den Großen der Welt besucht wurden. Mit dem Herzog von Windsor ist der abgedankte König Edward VIII. gemeint, der im Erscheinungsjahr von This Salzburg! Wallis Simpson heiratete und damit viel Presse machte. Die damals schon weltberühmte Marlene Dietrich lebte seit Beginn der 1930er-Jahre in Amerika, wo sie mit den größten Stars von Hollywood Filme drehte. 1939 nahm sie die amerikanische Staatsbürgerschaft an, um sich von der nationalsozialistischen Regierung Deutschlands zu distanzieren. Eine ebenso selbstbewusste Frau und Salzburg-Besucherin war Lady Mendl. Als Elsie de Wolfe in New York geboren, begann sie zunächst als Filmschauspielerin und betätigte sich ab 1905 als Amerikas erste professionelle Innenarchitektin. Auf einer Frankreichreisen hatte sie Sir Charles Ferdinand Mendl, den Attaché der britischen Botschaft in Paris, kennengelernt und 1926 geheiratet. Sogar der englische Universalkünstler Cecil Beaton kam nach Salzburg. Als Fotograf porträtierte er Könige, Aristokraten und die bekanntesten Künstler seiner Zeit. Als Kostümdesigner für den Film My Fair Lady erreichte er noch vierzig Jahre später Weltruhm.
Wenn Salzburg schon damals von Weltstars und von Reiselustigen dieser Welt besucht wurde, lag es nahe, ein Buch in englischer Sprache zu veröffentlichen. Das tat Ferdinand Czernin mit This Salzburg! als einer der Ersten und er entwickelte dafür einen eigenen literarischen Stil. Der Text ist originell, wortwitzig und intelligent geschrieben. Feinsinniges ist mit locker erzählten Geschichten gemischt, wie sie im Freundeskreis zum Besten gegeben werden. Bei der Lektüre des Buchs sieht man den Autor in einem Café oder an einer Hotel-Bar sitzen, an einem Drink nippen und mit einem Zwinkern in den Augen vor sich hin plaudern. Czernin war sich aber auch der Aufgabe bewusst, Engländern und Amerikanern die Geschichte und die Bedeutung Salzburgs als Musik- und Theaterstadt vor Augen zu führen. Das gelang ihm, ohne sie mit Wissen zu überfrachten, und er unterhielt sie dabei auch noch gut. Wie modern er mit dieser Idee war, ist daran zu erkennen, dass das Buch bis heute nichts an Aktualität und Originalität eingebüßt hat.
»Das österreichische Volk ist von so sympathischem Wesen, dass man verführt wird, es für besser zu halten, als es vielleicht ist.«
(ANNETTE KOLB,FESTSPIELTAGE IN SALZBURG)
Als guter Gastgeber stellt Czernin die Österreicher mit ihren mehr oder weniger liebenswürdigen und eigenwilligen Charaktereigenschaften vor, hebt aber gleichzeitig ihre Liebe zur Kunst, zu Musik und Theater sowie zur Schönheit in allen Bereichen des Lebens hervor. Diese ihre Ideale ergeben, gepaart mit dem »sympathischen Wesen«, was wir sind: »… ein außerordentlich charmantes Volk. Wir wissen es und wir verlassen uns gerne darauf. Es hat uns schon aus zahlreichen Schlamasseln gerettet … Wir Österreicher sind charmant, sehr charmant, und damit hat sich die Sache auch schon. Nein, noch nicht, denn wir lieben es, wenn man uns in Abständen darauf hinweist, wie charmant wir sind. Wenn ihr das gelegentlich macht (ungefähr zweimal pro Tag), werden wir ausgezeichnet miteinander auskommen.
Wir Österreicher lieben Touristen, besonders die Angelsachsen! Wir lieben ihren Look, ihr Benehmen und ihr Geld. Zu allerletzt ihr Geld. Wir sind ängstliche Snobs in Bezug auf alles Angelsächsische; tatsächlich behaupten einige, dass wir damit zu weit gehen. Wenn ihr mit uns Englisch sprecht, werden wir uns für euch zerreißen. Gott weiß, warum. Wenn ihr uns nach einer Woche Bekanntschaft fragt, ob wir in England geboren wurden oder aufgewachsen sind, weil unser Englisch so perfekt ist, sind wir bereit, für euch zu sterben.« Österreicher – eigentlich alle deutschsprachigen Menschen – waren damals und sind noch heute jederzeit bereit, sich auf Englisch zu verständigen. Interessant ist, dass das schon in den 1930er-Jahren galt.
»Wir Österreicher lieben vergnügliche Dinge und wir nehmen das Vergnügen an, wo wir es finden. Wir sind da nicht so wählerisch.
Wir Österreicher haben einen starken Sinn für Humor und wir können vor Lachen über Dinge brüllen, die andere nicht im Geringsten komisch finden. Über euch vielleicht oder über uns selbst.
Wir Österreicher lieben Maskeraden und Theater … (Sie) rufen in uns enthusiastische Anfälle hervor. Lotte Lehmanns (deutsche Opernsängerin, 1888–1976) Auftritte erscheinen uns z.B. wesentlich wichtiger als die Angelegenheiten des Völkerbunds.
Wir Österreicher sind furchtbar höflich. Wir küssen die Hände der Damen, sooft sich eine Möglichkeit bietet, und machen ihnen schöne Augen. Wir sagen zu den schrecklichsten Leuten die nettesten Dinge, erst danach wird uns übel.« Letzteres würde ich als Österreicherin / Wienerin anders formulieren. Wenn wir – übertrieben – nette Dinge sagen, meinen wir sie manchmal höhnisch. Daher ist es wohl richtiger, zu bemerken, dass »wir Österreicher … kaum Manieren (haben). Das ist Teil unseres Charmes und lustigerweise haben sich die Menschen daran gewöhnt.
Wir Österreicher sind alle Genies. Zumindest glauben wir, welche zu sein, und das genügt uns und sollte auch euch genügen. Einem Genie muss man vieles vergeben. Bitte, macht das.
Wir Österreicher lieben Freizeit. Wir sind nicht gerade faul, aber ohne Freizeit geht bei uns gar nichts. Zeit mag Geld bedeuten, aber es braucht viel Freizeit, um die besten Dinge des Lebens zu erleben …
Wir Österreicher sind außerordentlich musikalisch. Natürlich singen wir nicht den ganzen Tag lang Arien, noch jodeln wir die ganze Nacht hindurch. Da wissen wir uns bessere Dinge zu tun.«
Es folgt einer der erstaunlichsten Absätze des Buchs, der sich auf Annäherungsversuche von Männern in einem Taxi bezieht. Man würde nicht denken, dass diese Zeilen aus dem Jahr 1936 stammen. Mir fällt dazu eine Filmszene aus den 1970er-Jahren ein: Eine junge Frau steigt in ein Taxi, in dem schon ein Mann (Alain Delon) sitzt, der bald den Arm um sie legt. Sie ist darüber nicht nur überrascht, sondern auch wenig begeistert. Und so soll es schon vierzig Jahre früher zugegangen sein? »Wir österreichischen Männer machen … im Taxi immer Annäherungsversuche. Warum, weiß ich nicht. Vielleicht hat das Taxi eine Art Einfluss auf uns oder vielleicht ist es, weil wir denken, dass die Mädchen das von uns erwarten. Wenn ihr mit einem von uns in ein Taxi steigt, legen wir den Arm um euch. Nicht weil wir euch lieben, sondern weil ihr im selben Taxi sitzt. Sagt uns einfach vorher, dass ihr keine Lust auf Umarmungen habt, und wir sind wahrscheinlich sehr erleichtert und machen es nicht. Aber das würdet ihr nicht wirklich sagen, oder?«
In der Aufzählung folgt eine weitere typische Eigenart unseres Volks: »Wir Österreicher nörgeln gerne über alles Österreichische, aber wehe euch, wenn ihr das auch macht. Nur wir dürfen nörgeln. Damit müsst ihr euch abfinden.
Wir Österreicher haben alle eine große Seele. Die meisten von uns tragen sie auch auf der Zunge. Sagt etwas Nettes darüber, wenn euch etwas einfällt. Es ist so einfach, da unsere Seelen etwas Herrliches sind, und wir schätzen es sehr, wenn ihr das bemerkt.
Wir Österreicher haben alle eine Vergangenheit. Eine schöne Vergangenheit, in der alles viel besser war und wir mehr Geld und weniger Sorgen hatten …
Wir österreichischen Mädchen sind nicht halb so scharf, wie wir aussehen. Und solange wir Mädchen sind, neigen wir dazu, die Liebe sehr ernst zu nehmen. Fangt also besser nichts mit uns an, damit wir uns nicht in euch verlieben.
Wir Österreicher ärgern uns noch immer, dass wir den einen und einzigen Weltkrieg (Anm.: Der Zweite Weltkrieg stand kurz bevor) verloren haben. Sagt uns also bitte nicht, dass ihr wirklich ›nichts gegen Österreich habt‹ und dass euch leidtut, was geschehen ist‹ …
Wir Österreicher fühlen uns nur wirklich glücklich, wenn wir bedauert werden. Da haben wir dann etwas, worüber wir lachen und worauf wir stolz sein können …
Wir Österreicher … fühlen uns vollständig eins mit der Natur, mit der Schönheit des Landes und mit der Kunst, sodass wir sie als natürlich hinnehmen. Wenn Leute kommen und wegen der Schönheit von alldem ein riesiges Geschrei anstimmen, geht uns das auf die Nerven. Wenn sie die Schönheit nicht ruhig hinnehmen können, sondern wegen jedem Sonnenuntergang ein riesiges Theater machen, ziehen wir uns von ihnen zurück. Natürlich mögen wir es, aber kreischen wir oder ihr jedes Mal enthusiastisch, wenn ihr einatmet oder den Atem wieder durch eure rosigen Nasenlöcher ausstoßt? Wir machen es nicht. Für uns ist Schönheit so natürlich wie Atmen. Obwohl einige von uns kranke Lungen haben.« (1 ff.)
Der letzte Satz ist typisch für Czernin. Wenn er fürchtete, zu kitschig zu werden, schwenkte er ins Gegenteil um. Schönheit und Kunst gehörten für ihn zum Leben, zum Atmen. Dass einige kranke Lungen und ergo dessen Probleme mit der Atmung haben, stellt einen Bruch dar. Die kranken Lungen sind vermutlich nicht nur als organische Krankheit zu verstehen, sondern auch im übertragenen Sinn als psychische Auffälligkeit: kranke Lungen – kranker Geist …?
»An der Mittagstafel lernte ich die Amerikaner, die alle als schmucke Tiroler daherkamen, kennen …«
(ERICH KÄSTNER,DER KLEINE GRENZVERKEHR)
Um von den Österreichern zum Hauptinhalt des Buchs zurückzukommen, bedient sich der Autor abermals einer Frage: Wie nun zum Thema Salzburg überleiten? Er beantwortet das knapp: »Salzburg ist eine Stadt in Österreich. Das ist so ziemlich das Einzige, was ich bereit bin zuzugeben. Es ist ein uraltes Vorurteil der Angelsachsen, dass Salzburg eine Stadt in Tirol ist. Nun, das ist sie nicht. Nur um der Genauigkeit willen erwähne ich, dass sie nicht in Tirol, sondern im Bundesland Salzburg liegt, noch wird sie von Tirolern bewohnt, sondern im Winter von Salzburgern und im Sommer von Touristen; und die Bewohner tragen keine Tiroler, sondern entweder Salzburger Tracht oder Fantasie-Tracht. Ich erwähne das für mein eigenes Seelenheil, aber ich werde von nun an alles ›Salzburgerische‹ als ›Tirolerisch‹ bezeichnen, da nur Narren und Bulldoggen versuchen würden, angelsächsische Vorurteile zu bekämpfen. Jedenfalls ist ›Salzburgerisch‹ recht sperrig, während ›Tirolerisch‹ schöner und vielsagender klingt.
Welchen Unterschied macht das schon für euch? Alles, was ihr im österreichischen Tirol (im Unterschied zu Südtirol, das damals schon seit sechzehn Jahren zu Italien gehörte) zu finden hofft, ist auch in Salzburg zu finden: die Rasierpinsel auf den Hüten der Leute, die Lederhosen, behaarte Männerbrüste, die göttlich-kehlige Aussprache des Englischen und den lieblichen Schuhplattler, der von einem kleinen Genie der österreichischen Fremdenverkehrsindustrie so treffend als thigh-slapping-dance (»Auf-die-Oberschenkel-Klopfen-Tanz«) ins Englische übersetzt wurde.
Es gibt in Salzburg hohe, schneebedeckte Berge, blaue Gebirgsbäche und süße, unschuldig schauende Mädchen, und zwar so viele, wie ihr und eure Landsmänner es euch nur wünschen könnt …«
