Dinge, an die wir nicht glauben - Bryan Washington - E-Book

Dinge, an die wir nicht glauben E-Book

Bryan Washington

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18,99 €

Beschreibung

In Bens und Mikes hitzigen Streitereien fliegen schon mal Handys durch die Gegend. Ihre Konflikte löst das junge Paar mit Sex. Ben, ein schwarzer Kindergärtner, und Mike, ein Koch mit japanischen Wurzeln, leben seit vier Jahren zusammen in Houston. So richtig glauben beide nicht mehr an ihre Liebe. Als Mikes schroffe Mutter Mitsuko aus Japan zu Besuch kommt, reist Mike überstürzt ab, um seinen todkranken Vater zu pflegen, den er seit Jahren nicht mehr gesehen hat. Ben bleibt zurück mit einer fremden Frau, die auf Distanz geht und erst mal wortlos die ganze Küche umräumt. Aber mit der Zeit merken Ben und Mitsuko, dass sie Mike durch den jeweils anderen neu kennenlernen. Seine Abwesenheit wird zum verbindenden Glied. Doch dann kehrt Mike zurück, und das fragile Gebilde gerät ins Wanken.

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Seitenzahl: 371

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INHALT

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ÜBER DEN AUTOR

BRYAN WASHINGTONs Prosatexte und Essays erschienen bisher u. a. in der New York Times, dem New York Magazine, Buzz Feed und One Story. Sein Schreiben wurde mehrfach ausgezeichnet: Für sein Debüt Lot, eine Kurzgeschichtensammlung, erhielt er den Dylan Thomas Prize, er war einer der Gewinner des National Book Award in der Kategorie »5 Under 35« und Preisträger des Ernest J. Gaines Award for Literary Excellence. Sein Romandebüt Dinge, an die wir nicht glauben ist in den USA ein Bestseller und wird als TV-Serie verfilmt. Er lebt in Houston, Texas.

ÜBER DAS BUCH

Was verbindet uns wirklich, wenn wir uns zu verlieren drohen? Der preisgekrönte Autor Bryan Washington erzählt kraftvoll von zwei schwulen Männern im heutigen Amerika, von Hautfarbe und Sexualität, von Familie und ihren allgegenwärtigen Schatten. Ein brillantes Buch über die Grenzen der Liebe und darüber, wie man sie überwindet.

 

Alle reden überall, denke ich, ständig über den gleichen Scheiß.

RACHEL KHONG

 

 

Diese Welt ist wundervoll, schrecklich.

ANDRÉS NEUMAN

 

 

Braucht Liebe einen Grund?

MASAO WADA, TERRACE HOUSE

BENSON

1.

Mike fliegt nach Osaka, aber seine Mutter kommt nach Houston.

Nur für ein paar Wochen, sagt er.

Oder vielleicht auch ein paar Monate, sagt er. Aber ich muss hin.

Das Erste, was ich denke, ist: Fuck.

Das Zweite, dass wir kein Geld dafür haben.

Dann wird mir bewusst, dass wir überhaupt nichts gespart haben. Aber Mike war schon immer gut mit Finanzen, immer gut darin, eine eigene Kasse zu führen. Das ist einfach so bei ihm. War schon immer so.

Jetzt sagt er, dass er zu seinem Vater will. Der Mann ist krank. Mike will ihn noch einmal sehen, bevor er abdankt. Und ich sitze auf dem Sofa, höre ihm halb zu und lade mein Telefon.

Du hast deine Mom seit Jahren nicht gesehen, sage ich. Sie kommt dich besuchen. Ich kenne sie nicht – habe sie noch nie getroffen.

Ich sage: Du magst deinen verdammten Vater nicht mal.

Stimmt, sagt Mike. Aber ich hab das Ticket schon.

Und Ma ist noch hier, wenn ich zurückkomme, sagt Mike. Du leistest ihr super Gesellschaft. Sie wirds überleben.

Er steht am Herd, schlägt Eier auf und gibt die Dotter in zwei Pfannen. Als sie sich gesetzt haben, salzt er sie, träufelt Mayonnaise darüber und gibt ein paar Oreganozweige dazu. Früher konnte Mike Srirachasoße nicht ausstehen, bekam Anfälle, wann immer ich danach griff. Jetzt drückt er den Rest aus der verblichenen Flasche über mein Omelett und reibt das Zeugs mit einem Bratenwender rein.

Ich frage nicht, wo er in Japan wohnen wird. Ich frage nicht, bei wem er wohnen wird und wo seine Mutter hier schlafen soll, in unserem Zwei-Zimmer-Apartment. Wie genau das gehen soll. Die Sache mit einem fahrenden Zug ist, dass du ihn manchmal noch erwischen kannst. Die Familien einiger Kids, mit denen ich arbeite, haben es so in dieses Land geschafft. Stürzt du, bist du tot. Bist du zu langsam, bist du tot. Aber wenn du mit ausreichend Schwung kommst, besteht eine Chance.

Ich trete den Couchtisch also nicht um. Auch keinen der Stühle. Weder zerkratze ich sein Auto noch ramme ich damit durch die Wand ins Wohnzimmer. Nach dem blauen Auge haben wir aufgehört, uns zu schlagen – haben uns beide gedacht, jeder still für sich, dass das das Mindeste ist.

Was ich heute mache, ist lächeln.

Ich danke Mike, dass er mich informiert hat.

Ich frage ihn, wann er fliegt, und bemerke sofort meinen Fehler. Ich greife bereits nach meinem Ladegerät, um damit zu werfen, als er es sagt: Morgen.

Es geht uns gut. Danke der Nachfrage.

Wir sind seit, Moment, vier Jahren zusammen? Das hängt davon ab, wie man rechnet. Wir waren seit Monaten auf keiner Party mehr, und als wir noch auf Partys gingen, wusste zuerst keiner, dass wir vögeln. Mike stand einfach nur da, während sich irgendein Whitegirl zu mir durchredete, dann reckte er den Arm über meine Schulter und steckte einen Finger in mein Bier.

Oder er nieste, beugte sich vor und wischte sich die Nase an meinem Ärmel ab.

Streichelte mein Portemonnaie, langsam, und schob es in meiner Tasche herum.

Einmal, bei einem Abendessen, legte er eine Hand in meinen Schoß und fuhr mir mit dem Daumen über den Schwanz. Hin und wieder sah einer hin, und als sie es endlich kapierten, drückten sie den Rücken durch, und ihr Lächeln wurde etwas zu breit. Mike fragte, ob was wäre, aber sie sagten, nein, überhaupt nicht, und er machte weiter, ohne auch nur einen Blick zu mir.

Wir wussten beide, wie wir aussahen. Und wie wir nicht aussahen. An einem Abend vor ein paar Wochen, auf einer Kneipentour mit Mikes Kollegen, genügte ein Blick auf uns. Er arbeitet in einem Coffeeshop in Montrose, so einer Fusions-Geschichte, wo sie Reisschüsseln mit Frühlingsrollen vermanschen – wobei, wenn Mike nicht da ist, kochen sie rein mexikanisch.

Sie hatten seit einem Jahr geöffnet, und es war ihre Jubiläumsfeier. Mike hatte uns dafür eingetragen, eine Stunde lang Tortillas zu wenden gleich beim DJ-Pult.

Ich fühlte mich elend. Mike fühlte sich elend. Alle, die bei uns vorbeikamen, sahen uns auf diese Weise an, die besagte: Hmm. Sie legten uns die Hände auf die Schultern und fragten, wie lange wir schon zusammen seien. Sie wollten wissen, wo wir uns kennengelernt hätten und wie wir mit Harvey zurechtgekommen wären, und die Musik war so scheißlaut, dass Mike und ich nur irgendwie nickten.

Ich sage kein Wort, als wir zum Flughafen fahren, um seine Mutter abzuholen. Auch nicht, als Mike schließlich hält. Der IAH liegt außerhalb der Houstoner Ringautobahnen, aber auf dem Highway dorthin ist ständig Verkehr. Als Mike beim Ankunftsbereich rechts ranfährt und den Schlüssel abzieht, schimmert eine Lichterlinie hinter uns, ein winziges Sternbild aus Reisenden.

Mike hat mittlerweile einen Schnäuzer. Er weht ihm übers Gesicht. Bisher hat er ihn immer gestutzt, doch jetzt denke ich, dass er wie seine eigene Karikatur aussieht. Wir sitzen vorm Terminal, und es kann nicht sein, dass unsere Situation abgefuckter ist als die anderer, aber trotzdem. Manchmal fragt man sich schon.

Ich frage mich.

Ich frage mich, ob er sich fragt.

Wir sind in letzter Zeit nicht gut darin, uns zu entschuldigen. Das wäre jetzt eine nette Gelegenheit.

Der Flughafen hat täglich etwa 111500 Besucher, und wir zwei gehören zu den absolut lächerlichsten.

Hey, sagt Mike.

Er seufzt. Gibt mir den Schlüssel. Sagt, er ist gleich mit seiner Mutter wieder da.

Wenn du abhaust, sagt Mike, werden wir dich schon finden.

Er brauchte ganze zwei Dates, um auf das Thema Hautfarbe zu kommen. Wir saßen in einer irischen Kneipe direkt hinterm Hyde Park. Alle im Innenhof waren weiß. Ich war ein bisschen betrunken, und als ich Mike sagte, er sei etwas kleiner als optimal, schnalzte er mit der Zunge, als wolle er sagen: Warum hast du dafür so lange gebraucht?

Was, wenn ich dir sage, dass du zu höflich bist?, fragte Mike.

Okay, sagte ich.

Oder dass du dich so gut ausdrückst.

Kapiert. Tut mir leid.

Entschuldige dich nicht, sagte Mike und boxte mir gegen die Schulter.

Es war das erste Mal, dass wir uns an dem Abend berührten. Der Barmann sah in unsere Richtung und zwinkerte uns zu.

Ich hoffe nur, du siehst einen vollwertigen Menschen in mir, sagte Mike. Mal abgesehen von deinem Sex-Appeal.

Halts Maul, sagte ich.

Ernsthaft, sagte Mike. Kein Scheiß.

Ich Mifune, sagte er, du Yasuke.

Hör schon auf, sagte ich.

Oder vielleicht sind wir auch fucking Bonnie und Clyde, sagte er.

Drei verschiedene Cops linsen in den Wagen, während Mike in der Gepäckausgabe ist. Den ersten beiden lächle ich zu. Der dritte erntet einen düsteren Blick. Worauf zum Teufel wartest du, klopft er an mein Fenster, und als ich auf den Halleneingang deute, runzelt er die Stirn.

Dann sehe ich, wie sie nach draußen kommen. Das Erste, was ich denke, ist, dass sie wie meine Familie aussehen. Mikes Mutter geht ein bisschen gebückt, und er zieht ihren Koffer hinter sich her. Eine Weile lang haben sie sich einmal im Jahr gesehen – sie flog hierher, nur um ihn zu besuchen – aber die letzten paar Jahre waren schwierig. Seit ich bei Mike wohne, gab es keine Besuche mehr.

Ich öffne den Kofferraum. Ich wäre gern der Typ, der das nicht tut, mach es aber.

Mike hilft seiner Mutter den Sitz hinten richtig einstellen, und sie sieht mich nicht mal an. Ihr Haar ist zu einem Knoten gebunden. Sie trägt eine hellblaue Windjacke, eine Atemschutzmaske und einen Hauch Make-up.

Ma, sagt Mike. Hast du Hunger?

Sie murmelt etwas Japanisches. Zuckt mit den Schultern.

Ma, sagt Mike.

Er wirft mir einen Blick zu. Fragt noch einmal. Dann wechselt er die Sprache.

Sie sagt etwas, er sagt etwas, und dann kommt ein Typ, der den Verkehr regelt, an mein Fenster. Ein kräftiger Latino mit Weste. Den Kopf rasiert, als wär er in der Army. Er sagt etwas, was wir nicht hören können, und ich lasse das Fenster herunter. Er fragt, ob was nicht stimmt.

Ich sage, wir fahren.

Dann fahrt!

Die nächsten Worte verlassen meinen Mund, noch bevor ich sie abschmecken kann. Es ist so, als kämen sie von selbst. Ich sage: Okay, Arschloch, wir sind schon weg.

Und der Latino-Typ sieht mich düster an. Aber bevor er was sagen kann, fangen sie hinter uns an zu hupen. Er sieht mich wieder an und geht dann weg, kratzt sich die Brust und zuckt noch mal kurz zu unserem Auto hin.

Während ich das Fenster hochkurble, starrt mich Mike an. Seine Mutter auch. Sie sagt etwas, schüttelt den Kopf, und ich fädele mich in den Verkehr ein.

Ich drehe das Radio lauter, sie spielen Meek Mill.

Ich wechsle den Sender, und es kommt Migos. Ich schalte das verdammte Ding aus.

Endlich erreichen wir den Highway.

Plötzlich sind wir bloß eine weitere Soap Opera von viel zu vielen, doch dann lacht Mikes Mutter los und schüttelt den Kopf.

Sie sagt etwas auf Japanisch.

Mike schlägt gegen das Handschuhfach und sagt: Ma.

Meine Eltern tun so, als wäre ich nicht schwul. Das ist leichter für sie, als es klingt. Mein Vater wohnt in Katy, westlich von Houston. Meine Mutter ist in Bellaire geblieben, auch nachdem sie wieder geheiratet hat. Vorher haben wir mit der Familie meist auswärts in der Stadt gegessen. Mein Vater war Meteorologe. Es war so ein Statusding. Er holte meine Schwester, meine Mutter und mich von zu Hause ab und fuhr uns die I-45 runter, nur um dann mit seinen Arbeitskollegen zu essen. Dabei bestellte er für unseren Tisch immer das größte Gericht auf der Speisekarte – fettglänzendes Schweinefleisch hing über die Tellerränder, pfundweise zischten die gedünsteten Garnelen auf Pak Choi. Er nannte das Arbeit. Weil er ständig arbeitete.

Eine Frage, die er uns immer stellte: Wie viele Niggas seht ihr hier, die das Wetter voraussagen?

Meine Mutter widersprach ihm nie, beschimpfte ihn nicht und tat auch sonst nichts in der Art. Sie wiederholte nur genau das, was er sagte. Gab seiner Stimme einen besonderen Ton. Das war ihr Ding. Sie ließ ihn wichtig klingen, wie eine Art Chef, aber mein Vater ist ein kleiner Mann, und mit ihrer Taktik erreichte sie genau das, was zu erwarten war.

Super Job heute, sagte sie, wenn wir im Auto auf der 10 feststeckten.

Das ist eine beeindruckende Prognose, sagte sie, Augenblicke nachdem er ein Weinglas gegen die Küchenwand geworfen hatte.

Ich schwöre, ich trinke nicht mehr, äffte sie ihn nach und sah ihm geradewegs in die Augen, während er dalag, betrunken nach ihren Knien griff und schwor, dass er nie wieder auch nur ein einziges Bier trinken würde.

Schließlich verließ sie ihn. Lydia zog zu unserer Mutter und wechselte die Highschool. Ich blieb auf meiner alten Junior High in der Vorstadt, und mein Vater trank weiter. Nachdem er vom Sender wegen Trunkenheit im Studio gefeuert worden war, lebte er von seinen Ersparnissen. Manchmal sprang er in der Highschool als Ersatz in Naturwissenschaften ein, aber meist saß er auf dem Sofa und buhte die stündlichen Prognosen von KHOU aus.

Wenn er zwischendurch mal kurz nüchtern war, korrigierte er Schulaufsätze. Irgendwer hatte statt Niederschlag Niederung geschrieben. Jemand anderes die Seite einfach mit Wattebäuschchen vollgemalt, statt zu definieren, was eine Kumuluswolke war. Einmal legte mein Vater drei Arbeiten an den Rand des übervollen Tischs, alle mit der genau gleichen Handschrift, nur mit anderen Namen.

Er gestikulierte in meine Richtung und fragte, warum immer alles so verdammt schwer sein müsse.

Nach ein paar Monaten sagte Mike, wir könnten so sein, wie wir wollten. Ganz egal, wie das aussehe.

Ich bin da ganz locker, sagte er.

Ich nicht, sagte ich.

Das wird sich ändern, sagte er. Gib mir nur etwas Zeit.

Es ist nach Mitternacht, als wir in unsere Straße biegen. Fast alle Lichter sind aus. Auf dem Bordstein hocken ein paar Kids, rauchen Gras und jagen Knaller in die Luft.

Als einer direkt hinter uns explodiert, laufen die Kids weg. Das ist ihr neuester Scheiß. Mikes Mutter zuckt mit keiner Wimper.

Ma, sagt Mike, wir sind zu Hause.

Wir wohnen im Third Ward, einem traditionell schwarzen Teil Houstons. Unser Apartment ist im Grunde zu groß, es ergibt keinen Sinn. Früher gab es Geld im Viertel, aber dann kam Crack, und das Geld verschwand, und manchmal hörst du Schüsse, Schlägereien oder Wichser viel zu schnell durch die Straßen rasen. In letzter Zeit sind hier aber Studierendenverbindungen vom College eingefallen, das ein Stück die Straße rauf liegt. Und hier und da auch ein paar Profs. Reiche Kids, die mit der Armut spielen. Die Schwarzen, die seit Jahrzehnten hier leben, lassen die Neulinge in Ruhe und freuen sich über die wissenschaftliche Tatsache, dass sie die Cops fernhalten.

Unsere direkten Nachbarn sind Venezolaner. Sie haben neun Kinder. Die auf der anderen Seite sind schwarze Großeltern, die schon immer hier wohnen. Alle paar Wochen kocht Mike für beide Familien, Sopa de pescado, Süßkartoffeln, Makkaroni und Reis. Er hat nie eine große Sache daraus gemacht. Er tut es, und nach den ersten paar Malen habe ich ihn gefragt, ob das nicht was Herablassendes hätte.

Aber nach einer Weile hab ich gesehen, wie die Leute ihn bei sich auf der Veranda sitzen lassen. Wie er mit ihren Kindern umgeht, als gehörte er zur Familie. Manchmal laden sie ihn auch in ihre Wohnung ein und zeigen ihm Bilder von den Töchtern ihrer Töchter.

Mike wohnt hier schon seit Jahren. Ich bin von meinem Vater hergezogen. In meiner ersten Nacht konnte ich nicht schlafen, weil es so laut war, und Mike sagte, ich würde mich schon dran gewöhnen, aber ganz ehrlich: Das wollte ich gar nicht.

Mikes Mutter stellt ihre Schuhe neben unsere Tür. Sie fährt mit der Hand über die Wand. Klopft auf die Arbeitsplatte, stößt mit einem Zeh gegen das Holz. Als sie in die Diele geht, grinst mich Mike an. Es ist das erste Lächeln seit Monaten, wie es mir vorkommt, und dann hören wir es, zögerlich erst, wie ein Schluckauf: Mikes Mutter fängt an zu weinen.

Ein paar Jahre nach ihrer Trennung gingen meine Eltern mit mir in Montrose essen. Wir hatten seit Ewigkeiten nicht mehr am selben Tisch gesessen. Lydia hatte die beiden abgeschrieben. Sie war ausgezogen, hatte einen Schritt nach vorne getan und mir gesagt, ich solle es genauso machen, aber stattdessen bestellte ich ein Reuben.

In der Woche davor hatte mein Vater mich dabei erwischt, wie mir irgendein Typ einen runtergeholt hatte. Wer es war, ist egal. Wir hatten uns über so eine scheiß App kennengelernt. Mein Vater machte die Tür auf, hustete und sagte tatsächlich, entschuldige, als er wieder nach draußen verschwand. Der Junge neben mir machte ein Gesicht wie: Sollen wir’s zu Ende bringen oder was.

Abends, als er weg war, wartete ich darauf, dass mein Vater etwas sagte. Aber er saß nur auf seinem Sofa und arbeitete sich durch zwei Sixpacks. Der Vorfall löste sich in Luft auf. Bevor er abgedampft war, hatte der Typ noch gefragt, ob er mich wiedersehen könne, und ich hatte gesagt, lieber nicht, weil es mit uns wahrscheinlich eh nichts würde. Da hatte ich noch nicht kapiert, dass die Anzahl Leute, die an einem interessiert sind, begrenzt ist.

Als unser Kellner, ein dünner brauner Kerl, fragte, ob wir noch was bräuchten, antwortete ich ein bisschen zu schnell. Er lächelte. Dann lächelte auch meine Mutter.

Du weißt, dass du mit uns reden kannst, sagte sie.

Mit uns beiden, fügte sie hinzu.

Meine Mutter roch nach Schokolade. Mein Vater trug sein schönes Hemd. Niemand hätte geglaubt, dass er jemand war, der seine Frau gegen die Wand geschleudert hatte. Und dass ihm die Lady da neben ihm gleich darauf eine Gabel in den Ellbogen gerammt hatte.

Super, sagte ich. Danke.

Über alles, sagte meine Mutter und griff nach meiner Hand.

Als ich zusammenzuckte, zog sie ihre Hand zurück. Mein Vater sagte kein Wort.

Später setzte er mich zu Hause ab und meinte, er sei am Morgen wieder da.

Nicht mal eine Stunde später schickte ich dem besagten Jungen eine SMS. Als ich ihm die Tür aufmachte, wirkte er leicht unsicher, doch dann nahm ich seinen Arm, und er grinste bis zu den Ohren rauf.

Ich ließ mich von ihm auf dem Sofa ficken. Und dann noch mal in der Küche. Und im Schlafzimmer meines Vaters. Wir machten es ohne Kondom.

Er ging am nächsten Morgen, aber vorher aßen wir noch einen Toast. Er war ein Filipino mit einen heftigen Akzent. Er sagte, er wolle mal Anwalt werden.

Irgendwann, da waren wir schon so zwei Jahre zusammen, erzählte ich das alles Mike. Wir waren gerade beim Einkaufen. Er befühlte Ingwer, Kohl und Speck.

Als ich etwa halb mit der Geschichte fertig war, unterbrach er mich, um nach Kombu zu fragen.

Dann sagte er: Deine Leute klingen wie echte Engel.

Und du, sagte Mike, bist wie ein Baby. Ein Junge mit sehr viel Glück.

Und dann eines Morgens war Mike schon ins Restaurant gefahren. Er hatte sein Telefon neben der Spüle vergessen. Ich wollte es nicht anrühren, doch dann leuchtete es auf, und ich tat es trotzdem.

Ich kannte und kenne den Typen nicht, dessen Schwanz da über den Bildschirm zuckte.

Nur kurz, nur für eine Sekunde.

Dann war er wieder weg.

Du kennst solche Situationen aus dem Fernsehen und so, und da denkst du, das könnte dir nie passieren. Und natürlich würdest du was unternehmen. Wegwerfen würdest du das Ding.

Als Mike an die Tür klopfte und nach seinem Telefon suchte, zeigte ich stumm zur Spüle hinüber.

Warte, sagte er, was ist?

Nichts, sagte ich.

Sag schon!

Alles gut, sagte ich. Bin nur müde.

Du trinkst nicht genug Wasser, sagte Mike, und er setzte sich tatsächlich hin, um mir was einzuschütten.

Ich habe nie was von dem Foto erzählt. Aber ich denke, man könnte sagen, dass es mir zugesetzt hat.

Mike findet, seine Mutter sollte auf dem Sofa schlafen.

Morgen kriegst du das Schlafzimmer, sagt er zu ihr und kuckt mich an.

Seine Mutter sagt kein Wort, aber sie hat aufgehört zu heulen. Sie stellt ihre Tasche auf die Theke und verschränkt die Arme vor der Brust. Wir ziehen das Sofa aus und beziehen es mit der Bettwäsche, die Lydia uns geschenkt hat, und als ich ins Schlafzimmer gehe, um ein paar Kissen zu holen, beschließe ich, nicht wieder herauszukommen.

Die Sache mit unserer Wohnung ist die: Das meiste, was ich verdiene, geht für meinen Mietanteil drauf, und Mike gibt sein ganzes Geld für Essen aus. Wodurch, wenn man’s recht überlegt, reichlich für ein Ticket übrig bleibt. Genug Geld, die halbe Welt zu umfliegen.

Als ich ins Bett gehe, schreien sie sich im Wohnzimmer immer noch an. Irgendwas Schweres knallt auf den Boden. Ich springe nicht auf, um nachzusehen, und als Mike schließlich hereinkommt und die Tür hinter sich zumacht, höre ich seine Mutter im Nachbarzimmer schluchzen.

Sie nimmt es gut auf, sagt Mike.

Du hast sie kaum vorgewarnt, sage ich. Sie fliegt her, um dich zu sehen, und du verpisst dich.

Das ist unfair. Du weißt genau, warum.

Ihr gegenüber ist es auch nicht fair.

Es ist okay. Sie kommt damit klar.

Du bist echt liebenswert.

Ma ist pflegeleicht, sagt er. Du musst nichts tun, falls dir das Sorgen macht. Nach ein paar Tagen wird dir nicht mal mehr auffallen, dass sie da ist.

Ich will sagen: Kann sie überhaupt Englisch.

Und schlucke es wieder runter.

Und dann frage ich doch.

Du machst Witze, sagt Mike und zieht sich das Hemd übern Kopf.

Mache ich nicht, sage ich.

Ich werde dich jetzt keinen Rassisten nennen, sagt Mike. Aber es ist schon Scheiße. Eine Sekunde lang hatte ich gedacht, du wolltest mir helfen.

Er tritt sich die Hose von den Beinen, direkt in seine Reisetasche. Er hat an Gewicht zugelegt, aber das ist nichts Neues. War nie ein Thema, nichts, weswegen ich die Nase gerümpft hätte, doch jetzt muss ich zum ersten Mal leicht würgen.

Mike bemerkt es, sagt allerdings nichts.

Du kannst es ihr ja beibringen, sagt er. Wenn es dir so wichtig ist. Wort für Wort.

Du machst Witze, sage ich.

Ich packe, sagt Mike.

Meine Schwester hat ihn zufällig kennengelernt. Es war an Halloween, in einer Kneipe bei der Westheimer. Ich war kurz weg zum Pinkeln, und als ich zurück an den Tisch kam, rührte Lydia neben ihm in ihrer Cola. Sie hatte so ein Hexendings an, ein Kostüm mit viel zu vielen Gurten und Riemen. Mike eine Toga. Ich war als ich unterwegs.

Ich hab gerade mit Mark geredet, sagte Lydia.

Du hast gar nicht erzählt, dass du eine kleine Schwester hast, sagte Mike.

So ging es weiter, hin und her. Lydia bestellte mehr Drinks, und als ich sie fragte, ob sie nicht ein Date habe, zu dem sie hinmüsse, lächelte sie und sagte, das würde sie verschieben. Das hier, sagte sie, ist was Besonderes. Ich werde den Freund meines kleinen Bruders nie wieder zum ersten Mal treffen.

Lydia ist so alt wie Mike. Ein paar Jahre älter als ich. Damals textete sie für das Buffalo Soldier Museum, und wenn du ihr sagtest, du hättest gar nicht gewusst, dass es so was in Houston gibt, sagte sie, weil’s was für Niggas ist.

Aber an dem Abend blieb sie cool. Lachte über unsere Witze. Und bestellte mehr Bier.

Direkt vor der letzten Runde gab Lydia Mike ihre Nummer.

Wow, sagte Mike, das ist was Neues.

Das Leben ist lang, sagte Lydia.

Cheers, sagte Mike.

Später abends schrieb mir Lydia.

Er ist witzig, schrieb sie.

Zu witzig für dich, schickte sie dann noch hinterher.

Von uns vieren sind mein Vater und Lydia die Dunkelsten. Immer wenn wir als Kinder mit unseren Eltern essen waren, saßen sie und ich am selben Ende vom Tisch. Wenn nicht, bestand das Risiko, dass die Kellner zwei Rechnungen brachten, worüber sich mein Vater noch Monate aufregte. In diese Restaurants gingen wir dann nie wieder.

Es ist spät, als Mike mich anfasst, und und ich hab keine Lust, bis wir mitten dabei sind – dann reiben wir unsere Brüste aufeinander und verwinden Beine und Ellbogen.

Seine Zunge berührt meine. Meine Nase bohrt sich in seinen Bauchnabel. Es kommt dieser Moment, wenn du mit einem zusammen bist, und es ist alles nur noch Reaktion. Ihr habt alles schon gemacht, was zu machen ist.

Aber alle Jubeljahre mal fühlen sie sich wie Fremde an, als hieltest du einen Besucher in den Händen.

Es ist das erste Mal seit Wochen, dass wir uns küssen, und dann lutsche ich Mike, als er die Knie anhebt.

Ich zeige zum Wohnzimmer rüber.

Werd erwachsen, sagt er.

Und bevor er noch was anderes sagen kann, habe ich bereits einen Finger drin, dann vier. Als würde ich Teig kneten. Er lacht. Hört damit auf, als ich mit dem Schwanz in ihm bin.

Es ist eng, aber ich passe rein.

Ich wünschte, es würde länger dauern.

Hinterher wackelt Mike ins Bad, und ich starre auf seine gepackte Tasche. Als ich aufwache, liegt er wieder im Bett und schläft, die Arme um die Schultern geschlungen.

Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt, ihn aufzuwecken und zu bitten, dass er bleibt, aber ich tus nicht.

Ich sehe zu, wie sich seine Brust hebt und senkt, hebt und senkt.

Nach ein paar Dates erzählte mir Mike einen Witz. Ich hatte mich gerade in seiner Wohnung von ihm vögeln lassen. Wir waren nicht weiter als bis zum Sofa gekommen. Und es war okay, im Prinzip, bis auf ein paar Dinge, zum Beispiel, dass er mir einen Daumen in den Mund steckte, den ich ausspuckte. Dass ich ihn zu schnell rieb und er sagte, langsamer, und dass ich lachte und er sofort kam, und ich aber ewig brauchte.

Doch irgendwann war es so weit.

Hinterher rieb ich ihm mit der Handfläche über die Schenkel. Er hielt meinen Kopf im Schoß.

So, sagte Mike. Ein Japs und ein Nigger kommen in eine Kneipe.

Hey, sagte ich.

Das wars, sagte Mike. Das ist der Witz.

2.

Das Knallen von Schranktüren weckt mich auf. Ich greife nach meinen Pillen. Dann nach Mike, und er ist nicht da.

Seine Tasche ist auch weg. Er hat das Licht im Bad angelassen. Es wäre zu viel verlangt gewesen, um einen kleinen Brief zu bitten, doch natürlich suche ich trotzdem danach.

Aber da ist eine Textnachricht: MITSUKO HARA

Und dann: SORGE DAFÜR DASS SIE IHRE MEDIZIN NIMMT WEIL SIE ES VERGISST

Und: ES IST WEGEN MEINEM VATER, BEN. WIRKLICH NICHT WEGEN DIR

Mitsuko ist in der Küche, macht Schränke auf, schaut rein und macht sie wieder zu. Wasser blubbert auf dem Herd. Auf der Theke steht eine Tasse. Sie hat Reis gekocht, eine Gurke aufgeschnitten und ein Ei pochiert. Als ich reinkomme, blickt sie nicht auf, nimmt nicht mal zur Kenntnis, dass ich da bin.

Dann nickt sie in meine Richtung.

Arbeitest du, fragt sie.

Was, sage ich.

Du arbeitest also nicht, sagt Mitsuko und schüttelt den Kopf.

Doch, sage ich. Meist nachmittags.

Und wie sieht das aus?

Ich bin in einer Tagesstätte.

Du bist also Kindergärtner, sagt Mitsuko.

Eher ein Babysitter, sage ich.

Und Mitsuko sagt dazu nichts. Ich ermuntere sie auch nicht.

Mikes Mutter ist kompakt wie er, aber beweglich. Sie isst ihre Schüssel leer und will abwaschen. Ich sage, sie soll sich nicht die Mühe machen, doch sie dreht sich nicht mal um.

Als sie mit allem fertig ist, wischt sie die Spüle aus und stellt die Sachen zurück in die Schränke. Ich habe keine Ahnung, wo sie den Lappen gefunden hat. Aber als sie nach ihrer Jacke greift und nach den Schuhen bei der Tür, frage ich sie, ob sie ihre Pillen genommen hat, und endlich sieht Mitsuko mich an.

Soll das ein Witz sein, sagt sie.

Mike meinte nur, sage ich.

Unglaublich, sagt sie. So was sagt er dir.

Tut mir leid, sage ich.

Und jetzt entschuldigst du dich, sagt Mitsuko.

Nun, sagt sie, du bist zu spät.

Und laut, sagt sie.

Ihr beide, sagt Mitsuko, bevor sie die Tür zuzieht, die ganze Nacht. Wie Hunde.

Der neue Mann meiner Mutter ist Nigerianer. Er ist Pastor. Sie haben diesen Zwergspitz und zwei Söhne. Sie leben in einer geschlossenen Wohnanlage, laden Leute aus der Straße ein, und alle bringen was zu essen mit. Als ich Lydia das Weihnachtsfoto zeigte, das sie meinem Vater mit der Post geschickt hatten, kreischte sie.

Der Hund, sagte sie. Der ist potthässlich.

Normalerweise fahre ich mit dem Fahrrad zur Arbeit. Das Auto gehört Mike. Es ist auf ihn zugelassen, aber jetzt ist er weg, also nehme ich den Wagen, nur um zu sehen, wie das ist. Das Lenkrad ist abgegriffen und fühlt sich warm an, der Stoff aufgerissen und reibt über meinen Daumen. Der Sitz ist ausgebeult, wahrscheinlich von Mikes Hintern. Ich versuch mich anders hinzusetzen, aber irgendetwas fühlt sich falsch an. Nachdem ich ewig mit dem Rückspiegel herumgetan habe, gebe ich auf und fahre den ganzen Weg blind.

Meist sind dieselben acht Kinder in der Nachmittagsbetreuung. Hannah mit den geglätteten Haaren und Thomas mit den Zuckungen. Xu und Ethan sind Zwillingsbrüder, und Marcos hat eine Schwester namens Silvia. Und dann sind da noch Margaret, die etwa ein Jahr älter ist als der Rest, und Ahmad, ein einsamer schwarzer Junge, um die zwei Jahre jünger.

Ich arbeite mit Barry, der groß, weiß und ungepflegt ist. Dazu kommt noch Ximena, die das alles nicht ist. Wir bilden so was wie ein Team. Unsere Chefin kuckt abends rein, aber sie kümmert sich nur um Geld und Arbeitspläne, und wenn sie uns nicht gerade unsere Lohnschecks gibt, ist sie meist kurz weg.

Als ich durch das Eingangstor stolpere, winkt mir Ximena zu. Sie hat ein Auge auf Ethan und Xu, die beide schaukeln. Ahmad kommt aus dem Sandkasten angerannt und zeigt hinter sich, und ich nehme ihn bei den Ellbogen und hebe ihn in die Höhe. Das ist unser Ding.

Ich erzähle Ximena von Mike.

Du machst Witze, sagt sie.

Nope.

Und, sagt Ximena, hast du schon mit der Mutter gesprochen?

Sie eher mit mir, sage ich.

Sie, sagt Ximena.

Ja.

Und?

Ich weiß nicht, sage ich.

Sie ist Mikes Mom, sage ich.

Nein, sagt Ximena. Es gibt Mütter, und es gibt Moms. Und dann noch Mamas.

Ximena wohnt bei ihrer Mutter, und sie kümmern sich gemeinsam um ihr Kind. So sagt sie es gerne: dass sie zusammen mit ihrer Mutter einen Sechsjährigen großzieht. Sie hat mal Medizin studiert, dann aber damit aufgehört, und wenn am Ende der Nachmittagsbetreuung die Väter kommen, stehen sie alle bei Ximena rum.

Vor einer Weile habe ich Ximena gefragt, warum sie sich mit ihnen unterhält. Sie fragte zurück, ob ich schon mal eine Leiche gesehen hätte.

Kommt nicht drauf an, ob sie fünfzig oder zwanzig Jahre älter ist, sagte sie, eine Leiche ist eine Leiche ist eine Leiche.

Aber Ximena heiratet, wieder. In ein paar Wochen. Einen Whiteboy, der vom Zähnereinigen lebt. Ich habe ihn genau ein Mal gesehen.

Bevor ich mein Mittagessen heraushole, fasst mich Ximena beim Ellbogen.

Etwas Gutes hat es, sagt sie. Stell dir vor, es wäre Mikes Vater gewesen.

Und Mike hätte dich für einen anderen Mann verlassen, sagt sie.

Beim siebten, achten oder neunten Date fragte ich Mike nach seinen Eltern. Ich hatte angefangen, manchmal bei ihm zu übernachten. Wir bestellten Pizza mit nur einem Belag und tranken Wein von der Tanke.

Er sah mich lange an, bevor er schließlich antwortete.

Ma ist in Tokio aufgewachsen. Wurde da geschwängert. Hat mich zur Welt gebracht, ist hergezogen und dann am Ende wieder nach Hause.

Nach Japan?

Klar.

Aber du wolltest nicht mit ihr zurück, sagte ich, und Mike machte dieses Gesicht.

Nein, sagte er. Ich lebe hier.

Aber Ma ist anpassungsfähig, sagte er. Das habe ich von ihr.

Und dein Vater, sagte ich.

Was ist mit ihm, sagte Mike.

Über ihn hast du nichts gesagt.

Habe ich nicht, sagte Mike.

Eines Abends erzählte mir Mike, dass sein Vater Mitsuko geschlagen hatte. Wir waren im Warehouse und sahen zu, wie seine Freunde in irgendeiner Band Gitarre spielten. Sie stolperten auf die Bühne, bisschen abgefuckt, und drehten an den Verstärkern herum, die längst viel zu viel Hall produzierten. Ein Typ in einem Mariachi-Kostüm blies in eine Trompete. Hinter uns nickte ein müdes Publikum auf eins und drei mit den Köpfen.

Ich wusste nicht, ob mir das alles gefiel. Mike hatte gesagt, dass sein Ex da mitspielte. Ich versuchte mir vorzustellen, wer von denen auf der Bühne es war, doch dann gähnte Mike und fragte, ob wir gehen sollten.

Schon?, sagte ich.

Er hat uns gesehen, sagte Mike. Ich glaube es wenigstens. Er hatte die Möglichkeit.

Und so standen wir draußen vor dem Eingang, dampften, und er erzählte mir von seinem Vater. Ein Paar mit einem Pitbull kam an die Kreuzung hinter uns. Das Viech knurrte uns an. Mike bleckte die Zähne, und der Hund hörte auf und sah seine Besitzer an, die Mike ansahen, der mich ansah.

Ma hat mit einer Pfanne zurückgeschlagen, sagte Mike. Da waren wir schon in den Staaten.

Scheiße, sagte ich.

Sie hat ihn so richtig umgehauen, sagte Mike. Ich dachte, sie bringt ihn um. Dann schrie sie mich an, weil ich ihr nicht geholfen hatte. Aber sie schrie zu schnell, auf Japanisch, und ich konnte sie nicht verstehen.

Es war wie in einem Film, sagte Mike und zog an seinem Vaper. Ich glaube, sie hat mir immer noch nicht vergeben.

Als die Ampel auf Grün sprang, ging das Paar weiter. Der Pitbull schnappte nach einem Fahrradfahrer, den es fast zerlegt hätte.

Filme basieren auf dem Leben, sagte ich.

Nicht immer, sagte Mike.

Mitsuko blättert durch eine Zeitschrift, als ich von der Arbeit zurückkomme. Sie starrt auf meine Schuhe, und ich drehe um und stelle sie an der Tür ab.

Ich denke, ich sollte es versuchen.

Und, sage ich, wie war dein Tag?

Wie war mein Tag, sagt Mitsuko.

Ich komme zu Besuch und mein Sohn verlässt das Land am nächsten Morgen, sagt sie.

Und lässt mich mit ich-weiß-nicht-wem für ich-weiß-nicht-wie-lange allein, sagt sie.

Ich habe ihn seit Jahren nicht gesehen, sagt sie, und er geht sich um meinen Ex-Mann kümmern, der in diesem Moment an Krebs verfault.

Mein Tag war scheißphänomenal, sagt Mitsuko.

Ich zittre ein bisschen und lächle. Sage ihr, dass ich mich nur eine Minute im Schlafzimmer hinlege. Aber dann ziehe ich die Decke über mich und stehe die nächsten Stunden nicht wieder auf.

Gegen Mitternacht bin ich wach. Im Wohnzimmer brennt kein Licht.

Ich schreibe Mike eine Nachricht.

Ich schreibe: Ich bin fertig mit dir

Ich schreibe: Fick dich

Ich schreibe: Es ist vorbei, Arschloch

Ich schreibe: Wie geht es dir, und das schicke ich ab.

Ich war der Erste, dem meine Mutter von ihrem neuen Mann erzählt hat. Sie hat mir vertraut, oder wenigstens sagte sie das. Also habe ich Lydia nichts gesagt. Auch meinem Vater nicht. Ich sah, wie er kam und ging, manchmal mit einer Frau, manchmal ohne.

Sie hieß Carlotta. Gelegentlich blieb sie über Nacht. Dann briet sie morgens Eier und schnitt Queso fresco auf. Sie kam aus San Antonio, wohnte bei ihren Brüdern in der Nähe der Highschool und sagte immer, sie wünschte, ich wäre hetero, weil ich perfekt für ihre Tochter wäre.

Sie steht nur auf üble Kerle, sagte Carlotta.

Ich bin auch kein guter, sagte ich.

Und Carlotta musterte mich einen Moment lang, bevor sie weiter ihren Koriander klein schnitt.

Das ist was anderes, sagte sie mit einem Grinsen.

Ich weiß nicht, wann genau mein Vater das mit meiner Mutter herausfand, aber irgendwann kam Carlotta nicht mehr. Und dann ging mein Vater eine Weile nicht mehr aus dem Haus.

Er saß meist auf der Terrasse.

Er fing an, bitte zu sagen.

Zu der Zeit wurde ich einmal frühmorgens von der Türklingel geweckt. Es konnte nicht später als vier Uhr sein. Draußen standen so zwei Typen, sie stützten meinen Vater, der nur Unterhemd und Unterhose anhatte. Die Männer wirkten unsicher, und mein Vater hatte schlaff die Arme um ihre Schultern hängen.

Es tu papa?, fragte einer von ihnen.

Sí, sagte ich, tut mir leid.

Lo encontramos por allá, sagte er. Da drüben haben wir ihn gefunden, und er zeigte zu ein paar Bäumen auf der anderen Straßenseite hinüber.

Ist nicht sicher, sagte der andere.

Lo siento, sagte ich noch mal, und sie gaben ihn mir.

Necesitas cuidarlo, sagte der Erste und kratzte sich an der Schulter. Musst auf ihn aufpassen.

Hinterher lachte mein Vater. Er hatte den ganzen Morgen Schluckauf und redete allen möglichen Unsinn, bevor er plötzlich am Nachmittag alle viere von sich streckte.

Am nächsten Morgen rief er mich nach unten zum Frühstück. Er meinte, er hätte mir etwas zu sagen. Etwas über meine Mutter.

Ich versuchte, überrascht zu kucken.

3.

Es ist noch dunkel, als ich am nächsten Morgen aufstehe, aber Mitsuko schneidet bereits Shrimps klein. Sie ist über das Brett gebeugt, hat Eier, Mehl und Honig neben sich.

Isst du, sagt sie.

Ich sage: Ja.

Wir sagen keinen Ton, während sie das Essen zubereitet. Mitsuko zerhackt alles in einem Mixer. Gibt die Mischung in eine Pfanne, betupft sie mit Sojasoße und faltet den Teig nach und nach zusammen. Ich nehme meine Pillen und sehe ihr zu. Sie ignoriert mich komplett und arbeitet vor sich hin.

Als ich mich aufs Sofa setze, hört Mitsuko auf, das Omelett zu wenden. Ich stehe auf, um Besteck zurechtzulegen, und sie fängt wieder an.

Als sie fertig ist, füllt sie eine Schüssel mit Gewürzgurken und holt zwei Teller heraus. Wir essen über die Theke gebeugt, Hüfte an Hüfte.

So, sagt Mitsuko, wie lange schläfst du schon mit meinem Sohn?

Oder ist es nichts Festes?, sagt sie.

Doch, schon, sage ich.

Ich weiß nicht, wie das geht, sagt Mitsuko.

Ich glaube, das ist bei allen gleich.

Ist es nicht, sagt Mitsuko.

Sie sagt: Du hast ja gesehen, dass Michael und ich uns sehr nahestehen.

Wir sind etwa vier Jahre zusammen, sage ich. Mehr oder weniger.

Mehr, sagt Mitsuko, oder weniger?

Ein bisschen mehr, sage ich.

Aber nur ein bisschen, sagt sie.

Mike ist mit Zahlen besser, sage ich.

Mir wird mit einem Mal bewusst, dass ich eine scheiß Haltung habe. Mitsukos ist makellos, sogar in dieser vorgebeugten Position. Ich drücke den Rücken durch, mache aber gleich wieder einen Buckel. Mitsuko hebt eine Braue.

Sie schnaubt und sagt: Mein Sohn könnte mit Zahlen nicht schlechter sein.

Danach essen wir stumm weiter. Spanische Sprachfetzen dringen durchs Fenster. Die Kinder nebenan schießen mit einem Fußball gegen die Mauer, bis ihr Vater laut schimpfend rauskommt und fragt, wer da den Verstand verloren habe.

Während sich Mitsuko auf ihr Essen konzentriert, sehe ich sie an. Es ist offensichtlich, dass sie früher mal eine verblüffende Schönheit war.

Sie fängt meinen Blick ein. Ich blinzele, als hätte ich was ins Auge gekriegt.

Sie sagt: Mir ist bewusst, dass das auch für dich komisch sein muss.

Nein, sage ich, ist schon okay.

Du lügst, sagt Mitsuko.

Ich lüge nicht. Ehrlich.

Ich weiß, was okay bedeutet, sagt Mitsuko. Okay bedeutet, am Arsch.

Hat mein Sohn dir gesagt, wie lange er wegbleibt?, sagt sie.

Einen Monat, sage ich. Vielleicht zwei. Ich weiß nicht. Wir haben nicht viel darüber geredet.

Natürlich nicht.

Hat er es denn dir gesagt?

Was gesagt?

Wie lange er wegbleiben will, sage ich. Oder überhaupt, dass er wegwollte?

Mitsuko sieht mir in die Augen. Sie drückt ihre Finger gegen die Theke, ihre Gelenke knacken.

Nein, sagt sie. Mein Sohn hat es versäumt, mir was zu sagen. Aber vielleicht ist es eine gute Sache. Ich musste für eine Weile raus aus Japan. Es hat keinen Sinn, zurück nach Tokio zu eilen, um einem Mann beim Sterben zuzuschauen.

Also bleibst du hier?, frage ich. Bis Mike zurückkommt?

Meine Stimme will kurz nicht mehr, bricht ab, nur ganz kurz. Aber Mitsuko merkt es. Sie grinst.

Wäre das ein Problem?, fragt sie.

Nein, sage ich. Das habe ich nicht gemeint.

Was dann?

Tut mir leid, sage ich. Es war einfach nur eine Frage.

Das reicht für Mitsuko, um die Arme vor der Brust zu verschränken. Sie lehnt sich an die Theke, ihr Haar rutscht ihr auf die Schultern. Ich atme extra langsam und lasse die Schultern ein wenig hängen.

Dann, denke ich, werde ich tatsächlich hierbleiben, sagt Mitsuko. Ich kann eine Auszeit brauchen. Eure Wohnung ist verdreckt, aber bis Michael zurückkommt, wird es reichen.

Und das ist völlig okay, sage ich. Absolut perfekt.

Denk daran, sagt Mitsuko. Du bist derjenige, der ihn hat gehen lassen.

Du hast recht, sage ich. Ich hab ihn gehen lassen.

Wie großzügig, sagt Mitsuko, aber dann sagt sie nichts mehr.

Als Mitsuko fertig gegessen hat, stellt sie ihren Teller in die Spüle. Sie dreht das Wasser an und nimmt dann auch meinen. Das Omelett war köstlich, als hätte es Mike zubereitet. Er macht immer alles in der Küche, und da denke ich plötzlich, dass das vielleicht von Anfang an das Problem war.

Nette Unterhaltung, sagt Mitsuko, und ich entschuldige mich, bin aber nicht sicher, warum.

Irgendwann begannen Lydia und ich, über die neue Familie meiner Mutter zu reden. Ich habe sie nie gefragt, wie sie es erfahren hat, und von wem. Aber sie mich auch nicht.

4.

Am nächsten Tag kocht Mitsuko Kartoffeln, Okayu und ein Stück Fisch. Sie stellt mir eine Schüssel hin, mit ein paar Schalotten auf dem Reisbrei. Dann nippt sie an ihrem Tee, und ich trinke Wasser, wie ein Ertrinkender, und ich sehe sie nie irgendeine Tablette nehmen, ihren Blutdruck messen oder sonst etwas.

Als sie fertig ist, schlüpft Mitsuko in Jacke und Schuhe. Ich frage nicht, wohin sie will. Ich werde nicht zweimal den gleichen Fehler machen.

Bei der Arbeit fragt Ximena, was ich denke, wo Mitsuko den Tag verbringt. Wir sehen uns Fotos vom Restaurant an, wo die Feier stattfinden soll. Sie hat beschlossen, die eigentliche Hochzeit zu lassen. Vor einer Weile hat sie mir erklärt, dass sie den Gang zum Altar schon einmal gemacht hat, ohne dass es ihr viel gegeben hätte. Warum also noch mal das ganze Theater anzetteln?

Mikes Mutter geht dahin, wo Mütter mit gebrochenem Herzen hingehen, sage ich.

In den Waschsalon, sagt Ximena.

Die Mall, sage ich.

Den Hundepark.

Ins Wellnesscenter.

Den Markt.

Ins Fitnessstudio.

Die Kneipe.

Sicher nicht.

Was, sagt Ximena, denkst du, du bist der Einzige, der Sex braucht?

Ich versuche das nicht mit Mitsuko in Verbindung zu bringen, sage ich.

Und deshalb kommst du nicht weiter, sagt Ximena. Sie ist kein Mensch für dich. Denk mal nach.

Im Gegensatz zu einem Engel, sage ich.

Zu was auch immer, sagt Ximena.

Du nennst mich einen Frauenhasser.

Ich nenne dich einen Mann, Benson.

Bevor ich meinen Mund aufmachen kann, kommt Barry um die Ecke gerannt, mit Ahmad. Er hält den Jungen bei den Schultern, und Ahmad hängt fest auf Barrys Bauch.

Barry ist verheiratet, seit der Highschool ist er mit seiner Frau zusammen. Sie ist Chirurgin. Und er putzt hier bei uns Laufgitter. Wenn seine Frau mal herkommt, lächelt sie allen zu, aber Ximena hat mich irgendwann darauf aufmerksam gemacht, dass sie nie etwas anfasst. Ich solle mal drauf achten.

Und Ximena hatte recht. Nie fasst sie was an.

Als Ahmad Barry am Hals zieht, lässt der den Jungen beinahe fallen.

Dein Sohn hat einen super Tag, sagt Barry.

Er ist nicht mein Sohn, sage ich.

Bensons Sohn muss zum Friseur, sagt Ximena.

Stopp, sagt Ahmad. Ich bin nicht seiner.

Das ist der Witz hier: Ausgerechnet ich, der Angestellte, der nur Bürokram erledigen wollte und das ambivalenteste Verhältnis zu Kindern hat, kommt am besten mit ihnen zurecht. Die meisten Kids, um die wir uns kümmern, mögen mich. Und ich bin auch der Einzige, auf den Ahmad was gibt. Das heißt, wann immer Ximena oder Barry ein Problem haben, bin ich die letzte Rettung. Und dann renkt sich alles wieder ein. Ich kann immer noch nicht sagen, wie ich mich deswegen fühle. Aber dann habe ich Mike davon erzählt, und er meinte, klar, das mache Sinn, dass ich mir meiner Wirkung nicht bewusst bin. Das sei Teil des Ganzen.

Am Ende frage ich Ahmad, was passiert ist, was das Problem ist, und er erklärt mir, dass Marcos ihn geschlagen hat.

Du meinst, Marcos hat zurückgeschlagen, sagt Barry. Du hast angefangen.

Er hat angefangen, sagt Ahmad.

Du hast ihn zuerst geschlagen, sagt Barry.

Ja, sagt Ahmad, aber er hat angefangen.

Ich könnte Ahmad sagen, dass er auf seine Weise recht hat. Nicht immer fängt der, der zuerst schlägt, den Streit an. Und ich würde ihm gern erklären, so jung, wie er ist: Es wird auch nicht leichter.

Aber stattdessen hebe ich ihn in die Höhe und lege ihn mir über die Schulter. Und er sieht sich um, leicht argwöhnisch. Und lacht wie ein erwachsener Mann.

Irgendwann fing Mike an, abends wegzubleiben. Ging nach seiner Schicht wer weiß wohin. Oder arbeitete länger. Vielleicht saß er auch in seinem Auto, kaute auf den Nägeln und wartete. Jedenfalls fing ich an, auf dem Sofa zu kampieren, was ich aus einer Telenovela haben musste.

Eines Abends dann kam er betrunken in die Wohnung gestolpert und legte sein Telefon auf die Theke. Ich sprang unter meiner Decke hervor, griff nach dem scheiß Ding und schleuderte es gegen die Wand.

Das Handy zerbrach in zwei Teile. Wir sahen schweigend zu, wie es zerschellte. Dann fing es an zu klingeln, und bevor es wieder aufhörte, sah Mike mich an und fragte, ob er rangehen solle.