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Dieses Buch ist einerseits eine Biografie des Musikers, Künstlers, Dirigenten und Menschen Josef Rebícek, der es geschafft hatte, vom Musikschüler des Prager Konservatoriums über Schlüsselpositionen an den Opernhäusern im damaligen Weltkurort Wiesbaden, dem Opernhaus in Warschau, in Budapest (als Nachfolger Gustav Mahlers) bis an die Spitze der berühmten Berliner Philharmoniker sich emporzuarbeiten. Von seinen Zeitgenossen gewürdigt und gefeiert, stand er doch im Schatten "populärerer" Dirigenten, besonders in der Zeit in Berlin, wo Artur Nikisch, zugleich auch Chef des Leipziger Gewandhausorchesters, die Schlagzeilen beherrschte, obwohl er in der Saison nur ca. 10 Konzerte dirigierte. Dabei basierte sein Erfolg auf einem Klangkörper, der tagtäglich von Josef Rebicek geformt wurde. Und nicht nur das: Die Berliner Philharmoniker waren zu dieser Zeit eine unabhängige Genossenschaft, die von ihren täglichen Einnahmen lebte, also von den vielen Konzerten, die darüber hinaus gegeben wurden. Von daher will diese Veröffentlichung dem "Dirigenten im Schatten" Josef Rebicek nachträglich Gerechtigkeit widerfahren lassen. Zugleich gibt das Buch einen kurzweiligen Einblick in der Opern- und Konzertbetrieb in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Mit über 30 historischen Abbildungen.
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Seitenzahl: 76
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Jürgen Pyschik
Dirigent im Schatten
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Jugend und erste Engagements
Erstmals in Wiesbaden
Der Wechsel nach Warschau
Budapest 1891 bis 1893 . Zwei Jahre in der Schlangengrube
Noch einmal Wiesbaden
Rebicek und die Berliner Philharmoniker
Rebicek – Partner der Großen und Förderer der Unbekannten
Rebicek als Komponist
Berlin 1904: Tod Josef Rebiceks
Quellen:
Bildnachweis
Impressum neobooks
Josef Rebicek wurde am 7.2.1844 in Prag geboren. Der begabte Knabe hatte mehrfach Glück: Seine Eltern waren begütert genug, um ihm eine musikalische Ausbildung auf bestem Niveau zu ermöglichen. Der Vater – Miteigentümer einer bekannten Fabrik zur Herstellung mechanischer Musikautomaten – war selbst musikbegeistert und Josef hatte einen älteren Bruder, dem es bestimmt war, später die Firma zu übernehmen, so dass es ihm erspart blieb, die Laufbahn des Unternehmers einzuschlagen.
Schon früh hatten die Eltern die musikalische Begabung ihres Sohnes erkannt, sie förderten sie durch eine konsequente Ausbildung. Bereits als Achtjähriger erhielt Josef Unterricht in der Musiklehranstalt des damals sehr bekannten und gesuchten Klavierlehrers Josef Proksch, der u.a. durch eine eigene, von ihm entwickelte Lehrmethode auffiel. (siehe A. Myslik) Die von ihm angewandte Lehrmethode des Simultanspiels mehrerer Schüler beim Klavierunterricht wurde mehr als einhundert Jahre fortgeführt. Prokschs berühmtester Klavier- und Musiktheorieschüler war Bedřich Smetana“( in den Jahren 1843 – 1847). (siehe Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich, Band 8,S. 304.)
Welcher Wertschätzung sich Proksch seitens der namhaftesten Musiker seiner Zeit zu erfreuen hatte, beweisen die Eintragungen in das Gedenkbuch der Anstalt, wo u. a. Hektor Berlioz und Hans v. Bülow in höchst anerkennenden Worten von ihm und seiner Methode sprechen. Zu seinen Schülern gehörten auch Wilhelmine Claus- Szarvady, einst eine beachtete Rivalin der Klara Schumann und Franz Bendel, der schon in jungen Jahren in Berlin starb (s. Rychnovsky , Ernst , S.106)
Doch Josef Rebiceks eigentliche Berufung war die Violine und so wechselte er schon drei Jahre später, 1855, auf das bekannte und renommierte Prager Konservatorium in die Klasse von Mildner. In dem 1911 erschienen Band „ Das Konservatorium für Musik in Prag“, von Johann Brannenberger, erschienen zur Hundertjahrfeier der Einrichtung, wird Rebicek unter den Schülern wie folgt aufgeführt:
Das Jahr seines Eintritts in das Konservatorium war für diese Institution selbst ein Jahr des Wandels. Zwar war der Hauptzweck des Konservatoriums die musikalische Ausbildung, doch es sollte zugleich auch eine höhere Lehranstalt darstellen, die eine ausreichende Allgemeinbildung garantierte. Nachdem sich in diesem Jahre die wirtschaftliche Situation der Einrichtung durch eine jährliche Subvention des Innenministeriums gebessert hatte, ging man an die Reform der Lehrpläne. Vor allem wurde dem Literarischen Unterricht wieder eine angemessene Bedeutung zugebilligt. Es gab am Konservatorium je nach angestrebtem Abschlussziel drei „Zweige“: Die Instrumentalschule, die Konzertschule und die Opernschule. Insgesamt sah der Lehrplan für die Schüler der Instrumentalschule, zu denen Rebicek gehörte, wie folgt aus:
Die Leitung des Konservatoriums achtete auch darauf, dass das Orchester der Anstalt sich rege an öffentlichen Konzerten beteiligte und so nicht nur seinen Bekanntheitsgrad, sondern auch die Spenden und Einkünfte für das Konservatorium vermehrte.
Da der Prager Landesausschuss dem Konservatorium einmal pro Jahr das städtische Theater unentgeltlich zur Verfügung stellte, gab es auch Konzertabende, die nur durch das Konservatorium gestaltet wurden und bei denen begabte Schüler mit ihren Leistungen glänzen konnten. Es gehörte auch zur Praxis dieser Konzerte, dass immer wieder weltberühmte Musiker aktive Parts dabei übernahmen. So führten die Schüler 1858 unter der Leitung Franz Liszts dessen erstes Klavierkonzert auf, sowie die symphonische Dichtung „Tasso“. Bei dieser Gelegenheit mag Rebicek Liszt das erste Mal begegnet sein, für seine Zukunft wurde aber ein anderes Konzert entscheidender. Am 29. März 1860 gab es ein Konzert unter Beteiligung Hans von Bülows, bei dem dieser, nach Beethovens Pastoralsymphonie dessen Konzert Es-Dur für Piano zur Aufführung brachte. Josef Rebicek begleitete in diesem Konzert eine Arie aus „Der Zweikampf“ von Herold mit einem Violinsolo, zum Abschluss spielte Bülow Chopins Nocturno und den Tannhäusermarsch. Die Niederrheinische Zeitung vom 26.5.1860 berichtete über das Konzert und erwähnte Rebicek explizit und positiv.
Am 3. April des Jahres zuvor hatte Rebicek bereits im Konservatoriumskonzert mitgewirkt, wobei er Adagio und Rondo für Violine aus dem Konzert A-Moll von Mollique spielte, was die Süddeutsche Musikzeitung zu der Feststellung veranlasste: “die der Zögling Rebicek rein, ausdrucksvoll und mit Gefühl vortrug“ (Süddt. Musikzeitung v. 9.5.1859). Einen Tag später gab es ein weiteres Konzert unter seiner Mitwirkung (1.Violine in einem Konzertstück für 2 Violinen und Orchester von David Allard).
Wir wissen, dass Josef Rebicek das Konservatorium 1861 verließ. Für die nächsten fünf Jahre seines Lebens sind wir bisher auf sekundäre Quellen angewiesen. Folgen wir A. Myslik im Österreichischen Biografischen Lexikon, so wurde er 1861 Mitglied der Hofkapelle zu Weimar. Dies ist nicht unwahrscheinlich, hatte er doch, wie gesehen, Gelegenheit, Liszt und Bülow kennenzulernen und von seinem Können zu überzeugen. 1863 war er Konzertmeister am Prager Interimstheater, unternahm 1865 mit dem Violoncellisten A.Popper Konzertreisen und wurde nach seiner Rückkehr Konzertmeister am deutschen Landestheater Prag , bis er 1868 nach Wiesbaden wechselte.
Gesichert ist, dass er im Juni 1866 Orchesterdirektor beim deutschen Theater in Prag ist, denn von dieser Stelle aus bewirbt er sich am Konservatorium, als die vakant gewordene Stelle seines Lehrers Mildner ausgeschrieben ist – allerdings erfolglos, obwohl „The Crescent Monthly”, damals meldete, er sei als Nachfolger Mildners auf die Professur für Violine. berufen worden. Andere Quellen sagen aber, dass ein anderer Schüler Mildners berufen wurde.
Die bekannte Wagnersängerin Lilly Lehmann beschreibt in Ihren Memoiren ihre Prager Zeit, in der sie noch mit Schwester und Mutter, die als Harfenistin und Harfe-Lehrerin am National-Theater angestellt war, zusammenlebte: „Unter den jüngeren Mitgliedern des Prager Orchesters, die mit ihr (der Mutter – d.V.) dort zusammenwirkten, sind Kapellmeister Rebiček und Professor Halir zu nennen“(Lilli Lehmann, S.77). Leider benennt sie dafür keine genaue Jahresangabe, der Zeitraum liegt zwischen 1853 und 1868. Sie erwähnt aber an anderer Stelle noch eine andere Person, von der wir annehmen dürfen, dass ihr Rebicek ebenfalls schon in Prag eng verbunden war: Den Dirigenten Wilhelm Jahn.
„Als junger, unbekannter Kapellmeister kam Wilhelm Jahn 1859 nach Prag, von wo ihn Wien schon nach einem Jahre zu gewinnen suchte; doch war er glücklicherweise noch auf lange gebunden. Schon damals dirigierte Jahn alle Wagneropern auswendig und war sehr bald nicht mehr unbekannt. Jahn hatte an kleinen Bühnen und mit Italienern eine gute Schule durchgemacht; hatte eines der angenehmsten Sprechorgane und ein starkes Gesangstalent. Kein Wunder, dass er die Sänger zu begleiten verstand wie wenige der jungen Kapellmeister, die da meinen, sie brauchten außer Wagner nichts zu lernen; denen alte Meister Luft sind“ (Lilli Lehmann, a.a.O. S.144). Wilhelm Jahn wurde für Josef Rebicek noch mehrfach von entscheidender Bedeutung: Als Freund, guter Kollege und Wegbereiter für die Zukunft. Das erste mal, nachdem er 1864 als königlicher Musikdirektor an das Theater in Wiesbaden gewechselt war, denn schon bald holte er Josef Rebicek als Konzertmeister dorthin.
Wiesbaden in den 1860er Jahren ist eine Stadt, die sich der Welt als mondänes Kurbad und aufstrebende Metropole präsentiert. Dies ist nicht erst so, seit die Stadt 1866 mit dem ganzen Herzogtum Nassau an Preußen fiel und Kaiser Wilhelm mit seinem Besuch und der Aufnahme von Kuren deutliche Zeichen setzte, der Aufschwung begann schon Ende der fünfziger Jahre, als mit der Gründung der ersten Chemiefabriken Albert und Kalle oder der Portlantzementfabrik Dyckerhof in Biebrich die Kur- und Residenzstadt auch ein gewerbliches Standbein entwickelte. Zugleich entwickelte sich die Bevölkerung bereits seit Ende der 50er sprunghaft. Wohnten 1865 bereits 25.000 Menschen in der Stadt, so kamen in der Zeit bis 1870 jährlich ca. 1800 neue Bürger hinzu. Da auf einen Bürger im Schnitt zwei Kurgäste kamen, fand sich hier ein erhebliches Nachfragepotential nicht nur für die Kurmaßnahmen, sondern auch für jede Art von kulturellen Angeboten.
Die Preußische Verwaltung trug dem Rechnung, indem sie die Kuranlagen, bis dahin ihr fiskalisches Eigentum, der Stadt verkaufte und dieser damit die Initiative zur Entwicklung überließ. Vor allem übernahm sie auch die Verantwortung für das bis dahin Herzoglich-Nassauische Hof-Theater, es wird zur königlich-preußischen Bühne und Teil des Verbandes preußischer Hoftheater, wie auch die Bühnen in Kassel und Hannover. Doch die Attraktivität, die die Kurstadt für das preußische Herrscherhaus besitzt, hebt auch das Wiesbadener Theater aus diesem Kreise heraus. Anwesenheit und Wünsche des Herrscherhauses beeinflussen immer wieder das Programm und finden schließlich, zum Ende des Jahrhunderts den höchsten Ausdruck in den Maifestspielen und ihrer Konzeption. Der jetzt fehlende herzogliche-nassauische Zuschuss wird durch eine Kaiserliche Zuwendung ersetzt, die preußische Verwaltung schloss auch nicht, wie viele befürchteten, das florierende Glücksspiel, da aus diesen Casino-Einnahmen dem Theater ebenfalls Zuwendungen zuflossen.
Das Theater untersteht nun der Zentralverwaltung in Berlin, deren Berliner Generalintendant Graf Botho von Hülsen war. Das Ensemble des Theaters war in wesentlichen Teilen geblieben, doch Neueinstellungen wurden jetzt von Berlin aus beeinflusst. Noch zu nassauischen Zeiten war Wilhelm Jahn als Dirigent verpflichtet worden (laut Östr. Musiklexikon im Jahre 1864), nun holt er nach kurzer Zeit seinen Bekannten aus Prag, Josef Rebicek, nach, der zunächst die Position des Konzertmeisters übernimmt.
