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Ein leidenschaftlicher Appell gegen den Rechtsruck in Europa Am 10. Dezember 1989 betritt Michal Hvorecky zum ersten Mal die »freie Welt«. Jahrzehnte später droht ihm eine fünfjährige Haftstrafe, weil er die Kulturministerin seiner Heimat kritisiert hat. Mit viel Gespür für die feinen Risse in der Gesellschaft verwebt Hvorecky in seinem ersten Sachbuch seine persönlichen Erinnerungen und Erfahrungen mit einer scharfen Analyse der politischen Gegenwart. Ein mutiger Text über die Zerbrechlichkeit der Demokratie, die Kraft der Zivilgesellschaft, die neuen Dissidenten des 21. Jahrhunderts und die Notwendigkeit, zu widersprechen. Entlang seiner eigenen Geschichte verfolgt Michal Hvorecky den Weg Europas vom Fall des Eisernen Vorhangs bis zur Rückkehr autoritärer Ideologien. Die Euphorie der Samtenen Revolution, der hoffnungsvolle Aufbruch in ein neues Europa und heute: der Kampf gegen ultrarechte Kulturpolitik. Eindringlich zeigt er, dass unser aller Einsatz für die Demokratie zwingend gefordert ist.
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Seitenzahl: 148
Veröffentlichungsjahr: 2026
Michal Hvorecky
Dissident
Tropen Sachbuch
Die Passage im Kapitel »Meine Großväter« über Zips entstand in Zusammenarbeit mit Mirko Kraetsch, dem der Autor auch für die Übersetzungen aus dem Zipserdeutsch herzlich dankt.
Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe zum Zeitpunkt des Erwerbs.
Tropen
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Cover: Zero-Media.net, München
unter Verwendung eines Fotos von © Martina Lukić
Gesetzt von C.H.Beck.Media.Solutions, Nördlingen
Gedruckt und gebunden von CPI – Clausen & Bosse, Leck
ISBN 978-3-608-50526-9
E-Book ISBN 978-3-608-12581-8
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Hallo, Europa!
Die Anklage der Kulturministerin
Meine Großväter
Mein Vater
Sexualerziehung in der Tschechoslowakei
Rote-Armee-Straße
Robert Fico
Jeder kann etwas tun
Pressefreiheit
Im freien Fall
Epilog
Für Tom und Mirko
Mein Aufbruch in die freie Welt
Der 10. Dezember 1989 war ein strahlender, frostiger und verschneiter Sonntag. Ich habe alles noch genau vor Augen. Früh am Morgen machte ich mich auf den Weg – und ich war nicht allein. Fast eine Viertelmillion meiner Mitbürger:innen begleiteten mich auf diesem ersten Marsch in Richtung Westen. Er trug den Namen Ahoj, Európa! / Hallo, Europa!
Dieser Tag, der gleichzeitig auch der Internationale Tag der Menschenrechte ist, war der Höhepunkt einer revolutionsähnlichen Entwicklung. Nach der Ernennung einer neuen tschechoslowakischen Regierung trat an diesem 10. Dezember endlich auch Präsident Gustáv Husák, selbst ein Symbol der Diktatur, von seinem Amt zurück. Das war das Ende einer langen Epoche.
Ich bin zu Fuß gegangen, die Wanderung startete am Ufer der Donau, im Park in Petržalka, zu Deutsch Engerau, das im Zweiten Weltkrieg zum Deutschen Reich gehörte. Von der Donaubrücke konnte ich kaum das Ende des Demonstrationszuges erkennen.
Bald erreichten wir die Staatsgrenze. Nicht nur der Schnee fiel bald auf den Boden, sondern auch die statistischen Blätter der Grenzpolizisten und des österreichischen Bundesheeres. Eigentlich war eine solche Wanderung noch immer illegal. Die unerfahrenen Revolutionäre waren sich nicht darüber im Klaren, dass sie nicht nur in die Zuständigkeit der Grenzwache eingriffen, sondern im Begriff waren, die Grenze zu einem verfeindeten Staat zu öffnen, und das ohne Visa und grundlegende diplomatische Verfahren. Eigentlich wurde gegen alle noch gültigen Vorschriften verstoßen. Aber die Zeit, in der ich damals lebte, war von einer mitreißenden Aufbruchstimmung geprägt, hektisch und zauberhaft. Nach kurzen Verhandlungen mit den österreichischen Partnern, darunter auch mit dem Bürgermeister von Hainburg, war der Grenzübertritt schließlich doch möglich.
Die Sicherheitskräfte waren überfordert, die Pässe wurden nach einer halben Stunde bereits nicht mehr kontrolliert. Die Grenzschützer wussten nicht, wie sie sich in der neuen Situation verhalten sollten. Es schien so, als würde ihre Welt bald unwiderruflich der Vergangenheit angehören. Die Zollbeamten versuchten, die Menschen wenigstens zu zählen, doch bei einer Zahl von hunderttausend gaben sie auf.
Zum ersten Mal in meinem Leben betrat ich an diesem Tag die freie Welt. Auch ich wusste überhaupt nicht, wie ich mich verhalten sollte. Ich war Zeuge eines eigentlich unvorstellbaren Ereignisses. Seit Generationen hatte man sich vor der Grenze gefürchtet, sie war eine Todeszone, verbreitete Angst und Schrecken.
Vor 1989 war hinter diesem Stacheldraht und hinter dem Fluss March das Ende der westlichen Welt. Die Tschechoslowakei ist vier Jahrzehnte lang eine brutale Diktatur gewesen. Gleich nach der Machtergreifung 1948 gründete die Kommunistische Partei (Komunistická strana Československa, kurz KSČ) in enger Zusammenarbeit mit der Sowjetunion die Staatssicherheit und einen Geheimdienst. Elf Prozent aller Bürger traten in die Partei ein – doppelt so viele wie in Polen oder Ungarn. Im Zuge der stalinistischen Säuberungen wurden 248 Bürger zum Tode verurteilt und 4500 starben in den Gefängnissen. Mehr als eine halbe Million Menschen wurden aus religiösen Gründen diskriminiert. Schon das gemäßigt liberale Ungarn mit seinem »Gulaschkommunismus« galt als unerreichbares kapitalistisches Glücksversprechen und das unbekannte Jugoslawien als ein völlig anderer Planet aus meinen Träumen. Weder ich noch meine Eltern haben Wien oder München damals besuchen können, und wir sind auch nicht davon ausgegangen, dass das jemals möglich sein würde. Jetzt aber stand ich unerwartet an der Schwelle. Nach bleiernen Jahrzehnten der Diktatur schienen Freiheit und Demokratie endlich greifbar. Wir betrachteten unsere Zugehörigkeit zu Europa als historisches Recht.
Ganz Wolfstahl, eine winzige Gemeinde direkt am Eisernen Vorhang, stand auf den Straßen oder in den Fenstern. Die Reaktionen der Österreicher haben mich überwältigt, es herrschte eine echte, unvergessliche Willkommenskultur. Den Besucher:innen aus der Tschechoslowakei wurde heißer Tee zum Aufwärmen gereicht.
Zehntausende versammelten sich am Donaustrand in Hainburg an der Donau und unter der Burg Theben. Noch nie zuvor hatte ich die legendäre Ruine von dieser Seite gesehen, sie fügte sich perfekt in die umliegende winterliche Natur ein und wirkte plötzlich ganz anders, noch majestätischer am Zusammenfluss von Dunaj (Donau) und Morava (March). Im Norden schützt sie das Gebirge der Kleinen Karpaten. Der Anblick hat mich überwältigt und ich war nicht der Einzige, viele haben geweint, sich die Augen gerieben.
Auf der Donau fuhr ein Schiff, auf dem die Protestsongs der Samtenen Revolution und des kultigen Songwriters Karel Kryl gespielt wurden. Der slowakische Bergsteiger Zoltán Demján, der erste Tschechoslowake, der den Mount Everest bestiegen hat, befestigte am Morgen hoch am Felsen zusammen mit anderen Bergsteigern eine riesige tschechoslowakische Flagge, die seine Frau noch in der Nacht genäht hatte. Die Trikolore wehte über der Burg. Der Künstler Daniel Brunovský modellierte am Ufer ein riesiges Herz aus Stacheldraht (es wurde später von einer gewaltigen Flut weggespült, aber der Bildhauer fertigte eine Replik an, die bis heute am Ufer steht).
Es war seltsam und faszinierend, sich auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs frei bewegen zu dürfen. Diese Gegend war mir so nah und doch so weit entfernt. Die Grenzanlagen hatten an diesem Ort eine besondere Bedeutung. Mit dem Beginn des Kalten Krieges wurden Morava (deutsch: March) und Donau zum Grenz- und Todesstreifen. Immer wieder ereigneten sich dort dramatische Szenen. Jahrzehntelang war es lebensgefährlich, diesem Ort zu nahe zu kommen. Die Einwohner auf unserer Grenzseite fühlten sich hier oft wie in einem Gefängnis – die Soldaten patrouillierten permanent durch das Gebiet, sie konnten jederzeit Personen und auch Häuser durchsuchen. Nachts waren Schüsse, Hundegebell und Schreie zu hören. Bis 1989 versuchten tausende Mitbürger:innen, die March zu durchschwimmen oder sogar mit Hilfe eines Fluggeräts zu überwinden. Dutzende Menschen kamen hier ums Leben.
Schon 1949 verloren die tschechoslowakischen Bürger das Recht auf Ausstellung eines Reisepasses, es begann eine Zeit der drastisch eingeschränkten Bewegungsfreiheit. Ab 1953 waren die Grenzen zum Westen zum Teil mit Elektrozäunen gesichert. Ringsherum war die Grenze von sanften Hügeln, breiten Feldern, Marillenbäumen und Weinbergen gesäumt. Doch entlang des Grenzstreifens ragten Wachtürme auf, nachts tauchten Scheinwerfer das Gebiet in ein grelles Licht und ab und zu waren Maschinengewehrsalven zu hören. Vor der Grenze befand sich ein bis zu drei Kilometer breiter Grenzstreifen mit Wachtürmen. Dieses Gebiet wurde von Grenzschützen und aggressiven, zum Töten abgerichteten Hunden bewacht. In den 1950er-Jahren wurde das Gebiet zwischen den Sperranlagen vermint, nach zahlreichen Unfällen aber wieder von Minen gesäubert.
Nur drei Jahre zuvor, am 9. August 1986, starb unweit der Grenze der achtzehnjährige Hartmut Tautz aus Magdeburg. Zweiundzwanzig Meter von Österreich entfernt wurde er von einer Hundemeute eingeholt. Der Student und talentierte Musiker, Klarinettist, wollte Ostdeutschland nach dem Tod seines Vaters, eines Zahnarztes, verlassen. Seine Verletzungen waren nicht schwer, man hätte ihn retten können, aber die medizinische Behandlung wurde ihm verweigert. Stattdessen wurde er brutal verhört und misshandelt. Und nicht einmal nach seinem Tod kam er zur Ruhe. Seine Mutter, eine bekannte Tänzerin, kämpfte mit den realsozialistischen Behörden in der Tschechoslowakei sowie der DDR um seinen Leichnam. Schließlich teilte man ihr mit, dass ihr Sohn zum Begräbnis nach Magdeburg überführt werden dürfe – allerdings unter einer Bedingung: Sie dürfe den Sargdeckel nicht öffnen. 1500 Menschen kamen zur Beerdigung, darunter auch Verwandte aus der Bundesrepublik und selbstverständlich die Stasi. All das ging mir durch den Kopf, als ich dort verwirrt und glücklich das Geschehen beobachtete. Mit einem Mal begann die Geschichte, die sich über Jahrzehnte nur im Schritttempo bewegt hatte, direkt vor meinen Augen zu traben, um schließlich in einen wilden Galopp zu verfallen.
Wenn das Durchtrennen des Stacheldrahts ein Akt der Befreiung war, dann war das Schiff zwischen dem österreichischen und slowakischen Ufer der Donau, das Grüße von beiden Seiten sendete, ein Symbol für die erste Verbindung des neuen Europas. Die Menschen konnten endlich miteinander kommunizieren. Die Mikrofone, in die sie sprachen, waren über Funkgeräte mit dem Schiff verbunden, auf dem sich Lautsprecher befanden. So konnte dieses schöne schwimmende Objekt der Verständigung die Verbindung zwischen den beiden Ufern der Donau herstellen. Bevor Österreich, Westdeutschland und die Tschechoslowakei offiziell einen Vertrag über die Aufhebung des Eisernen Vorhangs unterzeichneten, hatte man ihn de facto auf diese wunderbare Weise aufgehoben.
Schon Mitte November 1989 gingen immer mehr Menschen aus Protest gegen die kommunistische Diktatur auf die Straßen und organisierten Demonstrationen und Streiks, so auch meine Eltern und ich. Die Öffentlichkeit forderte grundlegende Reformen ein, die das Regime nicht hätte bewilligen können, ohne damit seinen Untergang einzuleiten. Das System hatte sich selbst erschöpft und besaß nicht mehr die Kraft, sich auf einen Machtkampf mit der neuen Zivilgesellschaft einzulassen. Die Tschechoslowakische Republik stand am Rande des Staatsbankrotts, die Gesellschaft war ökonomisch, ökologisch und politisch heruntergewirtschaftet und auch moralisch kaputt. Die allgegenwärtige Mangelwirtschaft des Staatssozialismus würde nicht enden. Doch die Tschechoslowakei wurde immer noch von fast hunderttausend sowjetischen Soldaten unter Kontrolle gehalten. Jetzt ging die alte Welt plötzlich zu Ende. Diese Wanderung wurde zur Generalabrechnung mit einer ganzen Ära und ihren verhängnisvollen Fehlentwicklungen.
Ich war fast dreizehn Jahre alt. Ich kam mir vor wie ein Kranker, der aus der Quarantäne entlassen und gleich ins kalte Wasser geschmissen wurde. Ich besitze immer noch ein paar wenige Stücke des Stacheldrahts, der bei dieser Aktion demonstrativ zerschnitten wurde, sie sind wertvolle Erinnerungsstücke, die mich an die Zeit der Unfreiheit erinnern sollen.
Mit Schulfreunden zusammen hatte ich Ende November 1989 die Verteilung von Flugblättern organisiert. Unser Gymnasium hat die Pressburger Altstadt zugeteilt bekommen. Dorthin haben wir massenweise neueste Informationen und Plakate geschleppt. Außerdem standen wir für Kundgebungen zur Verfügung und stellten studentische Delegationen zusammen. Wir hatten kaum Zeit zum Schlafen, alles drehte sich um die Organisation des Generalstreiks.
Wenige Wochen später, Ende Dezember 1989, stand ich völlig perplex das erste Mal vor der Hofburg und fragte mich: Bin ich tatsächlich in Wien? Ist Václav Havel unser Präsident? Er wurde erst wenige Monate zuvor aus dem Gefängnis entlassen! Ist das überhaupt alles möglich? Ich kniff mich in die Hand, um mich davon zu überzeugen, dass dies nicht doch ein Traum war. Meine Kindheit ging an diesem Tag zu Ende. Hallo, Europa! Ich bin da. Wir sind da.
Einschüchterung als Mittel der Wahl
Sechsunddreißig Jahre später, im Frühjahr 2025, saß ich mit meinem Rechtsanwalt bei der Polizei. Ich antwortete auf die Fragen des Ermittlers. Wissen Sie, warum Sie ins Visier der slowakischen Kulturministerin Martina Šimkovičová geraten sind? Sie hat eine Anzeige wegen Verleumdung gegen Sie erstattet. Im Fall einer Verurteilung drohen Ihnen bis zu fünf Jahre Haft.
Ja, das war mir klar. Trotzdem kniff ich mich wieder in die Hand, diesmal, um mich zu überzeugen, dass dies kein Albtraum war. Nur nicht verunsichern lassen und ruhig bleiben. Einschüchterung ist das Ziel des Rechtspopulismus und seiner Politik der Angst.
Frau Šimkovičovás Handeln und dessen Einfluss war mir seit einem Jahrzehnt detailliert bekannt. Lange wäre es für mich unvorstellbar gewesen, dass ausgerechnet sie eine Kulturministerin in meiner Heimat werden könnte. Ihre Karriere ist in meinen Augen ein klarer Beweis für den Ausbruch des Irrationalen im 21. Jahrhundert und den Widerstand gegen Aufklärung und Emanzipation. Positionen, die bisher nur an den Rändern des demokratischen Spektrums vertreten waren, rückten auch durch sie deutlich in die Mitte der Gesellschaft. Demagogen, die früher keine Chance gehabt hätten, erreichen nun ein großes Publikum mit ihren Lügen, ihren Hasstiraden und ihrer Propaganda. Erst seit ihrer Ernennung zur Ministerin ist mir klar geworden, dass die Errungenschaften der Aufklärung nicht in Stein gemeißelt sind. Und dass Fortschritte, die in die richtige Richtung gingen, wieder rückgängig gemacht werden können, insbesondere was die Rechte von Minderheiten angeht. Dass ein Opponent nicht mehr als fairer Kritiker, sondern als Feind betrachtet wird. Šimkovičová, so stellt es sich mir in den letzten Jahren dar, will die neuen Rechten in einen Kreuzzug gegen die liberale linke Elite führen.
Als die Hetze gegen Geflüchtete im Jahr 2015 ihren Höhepunkt erreichte, teilte die damalige Nachrichtensprecherin Šimkovičová ein Foto in den sozialen Medien und schrieb dazu: »Sie kommen. Bereitet eine Unterkunft vor, Vollpension, Taschengeld und macht die kleinen Mädchen frisch, damit sie sich bei uns nicht langweilen.« Der private TV-Sender Markíza feuerte Šimkovičová daraufhin. Nun musste sie sich eine neue Gemeinschaft suchen und fand sie in der wachsenden Verschwörungsszene. Sie fing an, online von der »Bedrohung durch Chemtrails« zu posten, und teilte abstruse Falschmeldungen wie die, dass die EU Toilettenpapier verbieten und durch Stroh ersetzen wolle. Jahrelang als Desinformations-Aktivistin in den sozialen Medien tätig, erreicht sie mit ihren Hassbotschaften zehntausende Follower. Als bekannte rechte Influencerin betrieb sie ihr eigenes Netz-Fernsehen TV Slovan (Slawe), ein Einfallstor für die Kremlpropaganda in Europa, über das sie ihre radikal-nationalistischen Positionen verbreitete. Sie verwischte die Grenzen zwischen Journalismus und politischer Kampagne. Ihre einseitigen Berichte beeinflussten gutgläubige Zuschauer:innen und später auch deren Stimmabgabe an der Wahlurne. Sie hat sich ihren Weg in die Regierung gelogen. Ihre Sendung hat sich zu einem der Zentren rechter Verschwörungsmythen in der Slowakei entwickelt. Die Kulturministerin schließt die intellektuellen Eliten und die vermeintlich Fremden aus der Gemeinschaft aus.
Šimkovičovás Online-Erfolg, ihre Sichtbarkeit und ihre Reichweite waren die Hauptgründe für ihren Einstieg in die Politik – erst 2016 mit der Partei Sme rodina (Wir sind eine Familie), 2023 dann auf der Wahlliste der SNS. Sie hat ihre Ideologie, ihre Welt- und Feindbilder mehrheitsfähig gemacht. Über die sozialen Medien wurden ihre Inhalte exponentiell vervielfältigt – wie die der zahlreichen anderen ähnlichen Provokateure. Sie hat von den Algorithmen bei Facebook, TikTok und X überproportional profitiert und wurde auch von anonymen Accounts unterstützt, die sie mit einfachen, oft KI-generierten Inhalten hochjubelten. Digitaler Kapitalismus gab dem neuen Faschismus die Hand.
Wenn das Netz einmal in Bewegung gesetzt wird, dann ist es mehr als nur ein Megafon. Wenn man auf eine ihrer Falschmeldungen reagiert, ist es meist schon zu spät – die Verleumdung verbreitet sich rasend schnell und die Wahrheit viel zu langsam. Dass die Kulturministerin einen großen Teil der Kulturlandschaft und der freien Presse zu Volksfeinden oder auch pathologischen Zerstörern erklärt, ist gleichsam eine Kriegserklärung an die aufgeklärte Öffentlichkeit. In kaum einem anderen osteuropäischen Land sind Verschwörungstheorien so populär wie in meiner Heimat.
Die Slowakische Nationalpartei (SNS) hat eine neue Form des politischen Kampfes für das digitale Zeitalter ausgerufen. Nach mehreren Wahlniederlagen hat sie eine überraschende Strategie entwickelt: Auf ihrer Wahlliste war nur der Parteivorsitzende tatsächlich ein Parteimitglied, die meisten anderen waren radikale Influencer, Ultranationalisten, Verschwörungstheoretiker, Impfgegner oder russische Propagandisten – eine wahrhaft toxische Mischung. Leider hat das in der verunsicherten, tief gespaltenen slowakischen Gesellschaft gut funktioniert. Die Pandemie, die Flüchtlingskrise, der Aufstieg rechtspopulistischer Parteien, der Brexit, Donald Trumps zweite Präsidentschaft, der russische Angriffskrieg, Globalisierungsängste, der digitale Wandel, die hohe Inflation … eine Vielfalt von Faktoren sorgte schon lange für eine tiefsitzende Verunsicherung. Immer mehr Mitmenschen sind von der jungen Demokratie enttäuscht. So wie aus Deutschland ein Einwanderungsland geworden ist, wurde die Slowakei ein Auswanderungsland, das vor allem junge Menschen wegen deutlich besserer Perspektiven im Westen Europas verlassen. Viele Daheimgebliebene kommen nur mit Gelegenheitsjobs über die Runden. Die Slowakei hat kein Migrations-, sondern ein Emigrationsproblem. Doch die SNS schien die vielfältigen Gründe für den Zorn der Bürger:innen gar nicht beseitigen zu wollen. Es genügte, wenn die Rhetorik mit der frustrierteren Volksseele in Einklang blieb. Ein autoritärer Regierungsstil hatte Konjunktur. Das gemeinsame Wir aus dem Jahr 1989 wurde infrage gestellt.
Verschiedene Akteure aus der SNS-Wahlliste nutzten gezielt Guerilla-Taktiken, um koordinierte Kampagnen zu lancieren und eigene, immer radikalere Narrative in der gesellschaftlichen Mitte zu verankern. Durch die bezahlte, teils aus dem Ausland (Russland, Ungarn, sogar Vietnam) gesteuerte Verstärkung bestimmter rechter Positionen konnte die öffentliche Debatte verzerrt und das Wahlverhalten über einen längeren Zeitraum beeinflusst werden.
Der von der SNS nominierte Umweltminister ist ein Klimawandelleugner und Lobbyist der Fossil- und Holzindustrie. Ich kritisierte in einem Kommentar in der Tageszeitung N die Bildung einer solchen Regierungskoalition mit vielen höchst umstrittenen Personen. Kurz nach den Parlamentswahlen im Jahr 2023 habe ich Šimkovičová in einem Text, einer Warnung, als Neofaschistin bezeichnet. Dieser Begriff mag zunächst übertrieben erscheinen. Es gibt schließlich weiterhin freie Wahlen und eine vielfältige Medienlandschaft. Dennoch finde ich es wichtig, die aktuellen Tendenzen spezifisch als den neuen Faschismus im digitalen Zeitalter zu bezeichnen. Er ist die Fortsetzung der historischen faschistischen Bewegungen. Denn der Faschismus ist kein historisch überholter Anachronismus und die liberalen Demokratien sind nicht das Gegenteil von ihm, sondern häufig genug seine Brutstätten.
Martina Šimkovičová vertritt völkische Ideologien, ein hierarchisches Weltbild, sie verbreitet Verschwörungsmythen wie den Großen Austausch und ist eine Putinversteherin. Ihrer Vorstellung nach gehören nur bestimmte Menschen der »richtigen« Kultur an, die Menschen sind in ihren Augen nicht gleich viel wert. In ihrem Weltbild kann der Mensch sein Leben nicht frei gestalten, sondern soll sich der Nation unterwerfen. Laut Šimkovičová verursachen LGBTQIA
