Djinküsse - Rebecca May - E-Book
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Rebecca May

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Beschreibung

Diana braucht keinen Leibwächter. Nicht wegen der paar Mordversuche gegen sie. Wirklich nicht. Auch keinen wie Jasper, den Djin mit den unordentlichen Haaren und vielfarbigen Augen, der ihr keinen Augenblick von der Seite weicht. Vor allem nicht Jasper, der droht, zu einer Ablenkung zu werden. Denn weder ihr Clan noch ihr Leibwächter wissen, dass Diana eine geheime Mission hat. Die junge Magierin ist wild entschlossen, ihren Auftrag durchzuführen – den Angriffen auf ihr Leben zum Trotz. Doch damit ihr Plan gelingt, muss sie Jasper loswerden. Und Diana ist sich nicht sicher, ob sie das wirklich noch will …

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Contents

Djinküsse

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Epilog

Rebecca May

Impressum

 

 

 

 

 

Djin

Küsse

 

Magical Kisses

 

 

von

 

Rebecca May

KAPITEL 1

 

Diana verschränkte die Arme und warf dem jungen Mann gegenüber von ihr einen finsteren Blick zu. Dieser war schlanker, als man es von einem Mann seines Berufes denken würde, und lungerte in dem gepolsterten Lehnstuhl herum, als würde er zum fürstlichen Haushalt gehören. Die schwarzen Haare fielen ihm ungekämmt in die Stirn, und sein Gesicht drückte nichts als höfliches Interesse aus, während er auf ihre Meinung wartete. Doch sie sah die Belustigung in seinen vielfarbigen Augen, und ihre Stimmung verschlechterte sich weiter.

Djin mochten Magier genauso wenig, wie diese ihnen trauten, doch davon war diesem Jasper, wie ihre Mutter in ihr vorgestellt hatte, nichts anzumerken. Sie sah zu ihren Eltern, die in tadelloser Haltung auf den aufwendig geschnitzten Stühlen saßen. »Nun?«, fragte ihre Mutter ungeduldig, und Diana kam nicht länger um eine Antwort herum. Auch wenn es nicht die war, die ihr Clan von ihr hören wollte.

»Ich versteh einfach nicht«, sagte sie und versuchte, so viel Verachtung wie möglich in ihre Stimme zu legen, »warum er notwendig sein sollte. Ich kann sehr gut auf mich selbst achtgeben.« Ihre Magie loderte zustimmend in ihr auf. Sie war nicht unbedingt die fähigste Windmagierin ihres Clans, aber so schwach war sie auch wieder nicht. Sie brauchte keinen Aufpasser. Vor allem jetzt nicht.

Ihr Vater seufzte und strich sich mit den Fingern über seine buschigen Augenbrauen, die in den letzten Wochen wilder und grauer geworden zu sein schienen. Die Ringe an seinen Händen funkelten in den Clanfarben, als wollten sie Diana daran erinnern, dass es nicht nur um sie ging. Was sie wusste. Doch erstens konnte sie nichts für den sinnlosen Streit zwischen ihrem Haus und dem der Relyn, zweitens waren das alles Zufälle und keine Mordversuche, und drittens …

»Das kannst du eben nicht«, sagte ihre Mutter bestimmt, als ihr Vater nur seine Schläfen massierte und aussah, als wollte er überall anders sein, nur nicht hier. »Wenn dein Vater dir nicht zufällig entgegengekommen wäre – nicht auszudenken!« Angst schwang hörbar in der Stimme der Fürstin mit, und Dianas Herz zog sich schuldbewusst zusammen. Sie hasste es, dass ihre Eltern sich solche Sorgen um sie machten. Sie war trotzdem entschlossen, den Leibwächter loszuwerden, den ihr Clan für sie bestimmt hatte. Einen Leibwächter, den Diana nur als schlaksig bezeichnen konnte, so hochgewachsen, wie er in dem Stuhl wirkte, mit seinem ungezähmten schwarzen Haar und unlesbaren Augen. Jasper begegnete ihrem Seitenblick gelassen, und Diana wandte ihre Aufmerksamkeit hastig wieder ihren Eltern zu.

»Es war nur ein Taschendieb«, sagte sie mit betonter Gelassenheit. »Ja, ich war kurz erschrocken, aber ich hätte ihn schon in die Flucht geschlagen.«

»Er hatte ein Messer, Diana«, sagte ihr Vater nun. Sie sah die Müdigkeit über ihre Beschwichtigungsversuche in seinen Augen, und ihr schlechtes Gewissen regte sich mit neuer Heftigkeit. Er war ihr entgegengegangen und just in dem Moment auf sie getroffen, als sie wie versteinert auf die Klinge geblickt hatte, mit der der Räuber ihre Halskette gefordert hatte. In dem Moment hatte sie an ihre Magie nicht einmal gedacht, und sie schämte sich noch immer dafür.

»Haben Taschendiebe nicht alle ein Messer?«, versuchte sie, ihre Eltern ein letztes Mal davon zu überzeugen, dass die Anheuerung eines Leibwächters wirklich übertrieben war. Sie hörte den Djin amüsiert schnauben und ignorierte ihn. Was konnte sie dafür, wenn sie nichts über die Grundausstattung von Kleinkriminellen wusste?

»In unserer Gegend gibt es keine Taschendiebe«, sagte ihre Mutter bestimmt, ganz so, als würden die Unglücklicheren der Gesellschaft es nicht wagen, das schöne Straßenpflaster zwischen den prächtigen Villen zu betreten. Diana öffnete den Mund, doch der warnende Blick ihres Vaters ließ ihre Erwiderung auf ihren Lippen sterben.

»Wir liegen im Streit mit den Relyn«, sagte ihr Vater, als hätte er es nicht schon hundertmal gesagt, wann immer Diana alleine das Haus hatte verlassen wollen, »und diese Unfälle, wie du sie nennst, sind kein Zufall. Irgendwer trachtet dir nach dem Leben, und solange wir denjenigen nicht gefunden haben, wirst du«, sein Zeigefinger stieß in Dianas Richtung, »keinen Schritt mehr ohne ihn«, ein Fingerzeig zu dem Djin, »machen. Habe ich mich klar ausgedrückt?«

Diana rieb sich über die Stirn wie ihr Vater zuvor. Glasklar. Doch innerlich wollte sie die Oberhäupter beider Clans schütteln. Grund für den Streit zwischen den beiden Häusern war eine dumme Wette, von der niemand mehr wusste, worum es gegangen war oder wer sie verloren hatte. Nur, dass eines ihrer Clanmitglieder einen Magier der Relyn bezichtigt hatte, betrogen zu haben. Daraufhin war das Ganze bis zum Duell eskaliert, in dem beide Magier verwundet worden waren, und nun war das gesamte Haus Relyn für Dianas Clan zum Feindbild erklärt geworden. Das Haus, mit denen sie die letzten Jahrzehnte alles zusammen gefeiert hatten, zu dem Dianas beste Freundin gehörte.

»Die Relyn würden nie«, begann sie nun doch, doch ihre Mutter ließ sie nicht weiterreden.

»Ich weiß, dass du gut mit einigen dieses Hauses befreundet warst«, sagte sie, »aber du kennst die Gesetze. Wenn Häuser sich überwerfen, sind alle Feinde. Der Streit eines Clanmitglieds ist der Streit aller.« Diana konnte an dem Ton ihrer Mutter hören, dass die Fürstin die Regel für ebenso engstirnig hielt, wie sie selbst das tat, doch sie wusste auch, dass ihre Mutter dies nie laut äußern würde.

»Wir sagen nicht, dass einer deiner früheren Freunde dir etwas tun will«, sagte ihr Vater nun fast sanft, auch wenn das ›frühere Freunde‹ Diana wie ein Schlag in die Magengrube traf. »Aber das Haus Relyn beherbergt auch Kriminelle, wie wir nun wissen, und ich und deine Mutter werden nicht zulassen, dass dir etwas widerfährt. Also benimm dich, wie es sich für eine zukünftige Fürstin schickt, und folge Jaspers Anweisungen. Verstanden?«

»Aber wie lange? Wir wissen alle, dass es Jahre dauern kann, bis die beiden zur Vernunft kommen!« Wie immer in solchen Fällen hatte der Oberste Rat der Clans jeden Kontakt zwischen den Häusern untersagt, um weitere Kämpfe zu vermeiden. Einzig die Oberhäupter beider Clans konnten vor den Rat treten und die Fehde gemeinsam als beendet erklären, doch Diana wusste so gut wie alle anderen, wie stur die Leiterin ihres Clans war und dass der Clanchef der Relyn ihr da in nichts nachstand. Der Stolz beider hatte in dieser Sache gelitten und es konnte Jahrzehnte dauern, bevor es wieder zu einer Annäherung kam.

Ihre Eltern überhörten die Beleidigung der Clanoberhäupter. »Es dauert so lange, wie es dauert«, sagte ihr Vater lakonisch. »Jasper hat uns bereits zugesichert, uns notfalls auch das nächste Jahrhundert zur Verfügung zu stehen.«

Natürlich hatte er das. Diana gab auf. »Fein«, seufzte sie.

»Ich weiß, als Magierin einem Djin zu vertrauen, ist nicht leicht, aber versuch es, ja?«, sagte ihre Mutter, als ob das das Problem an der ganzen Sache wäre. »Nichts für ungut«, sagte die Magierin dann zu Dianas neuem Leibwächter, der von den Worten der Fürstin ebenso unberührt schien wie von Dianas bohrenden Blicken.

»Ich nehme das nicht persönlich«, sagte er. »Ich weiß, dass die Beziehung zwischen unseren Arten nicht die leichteste ist und ich nicht in Ihre Kreise gehöre. Aber ich verspreche, dass ich meine Arbeit diskret erledigen werde.«

»Gut«, kam es von Dianas Vater. »Je weniger Leute von den Anschlägen auf ihr Leben wissen, desto besser. Der Clan muss ein starkes Bild nach außen zeigen.« Er erhob sich und reichte seiner Frau den Arm. Dianas Mutter legte ihre Hand auf den Arm des Fürsten. Ihre Bewegungen waren graziös wie die einer Tänzerin, doch in der zierlichen Gestalt der Fürstin verbarg sich ein eiserner Wille, und Diana wusste es besser, als offen gegen den Willen ihrer Mutter zu rebellieren. Doch auch wenn sie nicht die zarte Figur ihrer Mutter, sondern die hochgewachsene Statur ihres Vaters hatte - neben den blauen Augen hatte sie auch die Willensstärke der Fürstin. »Am besten, Sie sagen unserer Tochter, wie Sie vorgehen wollen. Sie kennen die Pläne für die nächsten Wochen, wenn ein Besuch oder Ausflug nach einem zu großen Risiko aussieht, streichen Sie ihn.«

»Wir sind Ihnen sehr dankbar. Diana wird keine Schwierigkeiten machen, sondern Ihren Anweisungen folgen«, sagte die Fürstin, und es war allen klar, dass die Worte nicht Jasper galten.

Der Djin erhob sich aus dem Sessel und verneigte sich knapp. »Ich verspreche, dass Ihrer Tochter in meiner Obhut kein Leid widerfahren wird.«

Der Blick der Fürstin ruhte immer noch auf Diana, die versuchte, harmlos auszusehen - oder eben wie eine Tochter, die nicht schon längst mit dem Gedanken beschäftigt war, wie sie ihren Leibwächter loswerden konnte. Die Augen der Fürstin verengten sich. Diana war wirklich nicht gut darin, ihre Gedanken nicht deutlich in ihrem Gesicht zu zeigen. So sah sie sicherheitshalber aus dem Fenster, während ihre Eltern Jasper dankten und das Zimmer verließen. Als die Tür zugefallen war, drehte Diana sich zu dem Djin. Zeit, sich unbeliebt bei dem jungen Mann zu machen, den sie nur als schlaksig bezeichnen konnte.

»Ich brauche kein Kindermädchen«, sagte Diana und versuchte, so arrogant wie möglich zu klingen.

»Das trifft sich gut«, erwiderte Jasper gelassen. »Ich bin auch ein Leibwächter und kein Kindermädchen.«

»Meine Eltern überreagieren«, sagte sie. »Wirklich. Ich habe zurzeit nur etwas Pech, das ist alles.«

»Hm«, machte der Djin. »Eine Kutsche fährt dich fast nieder, eine Schlange in deiner Handtasche, vergifteter Kuchen und jetzt ein angeblicher Taschendieb, der sofort sein Messer zieht«, zählte er auf. »Habe ich etwas vergessen?«

»Der Kuchen war nicht wirklich vergiftet«, murmelte Diana.

»Nun, angenehm war sein Inhalt offenbar nicht, wenn die Katze fast daran gestorben wäre.«

»Zufälle«, sagte sie fest.

Die davor noch blauen Augen unter den wirren, schwarzen Haaren schillerten golden. »Mir scheint, du willst ermordet werden.«

Diana warf ihre braunen Locken über die Schulter und stolzierte aus dem Raum, ohne sich mit einer Antwort aufzuhalten. Er heftete sich sofort an ihre Fersen. Ein Djin, ausgerechnet! Das erschwerte wirklich alles. Entschlossen presste sie die Lippen zusammen. Sie war noch nie vor einer Herausforderung zurückgeschreckt. Jasper würde sich noch wundern, es wäre doch gelacht, wenn sie ihn nicht loswerden …

Der Djin legte seine Hand auf ihren Arm und brachte sie vor ihrem Zimmer zu stehen. »Warte hier«, befahl er, während er an ihr vorbeiging.

»Moment, das ist mein …«

Doch Jasper war schon im Inneren des Zimmers verschwunden. Was, wenn er ihre Sachen durchsuchte? Der Gedanke durchfuhr sie wie ein Blitz und ließ Panik durch sie schießen.

»Was ist, wenn ich hier draußen erdolcht werde?«, rief sie durch die offene Tür.

Jasper tauchte in der Öffnung auf, seine Augen glitzerten türkis. »Das wäre ungünstig«, sagte er gelassen. Er öffnete die Tür, als er ihr Eintritt in ihre eigenen vier Wände gewährte. »Du kannst hereinkommen.«

»Zu gnädig«, knurrte sie. Sie stapfte an ihm vorbei und hoffte, dass er ihren viel zu raschen Herzschlag nicht hören konnte. Sie war für diese Geheimniskrämerei wirklich nicht geschaffen.

KAPITEL 2

 

Zu Dianas Unmut machte es sich der Djin in ihrem Lesesessel bequem, als ob er täglich bei ihr zum Tee eingeladen wäre. Das ist Jalias Sessel, entkam es ihr fast, doch sie biss sich auf die Zunge. »Du hast nicht ernsthaft vor, mich wirklich nie alleine zu lassen?«, fragte sie stattdessen.

Jasper zuckte nur gelangweilt mit den Schultern. »Dafür werde ich bezahlt«, sagte er.

Diana schnaubte in einem, wie sie hoffte, abfälligen Ton, während sie fieberhaft überlegte, wie man Djin im Allgemeinen loswurde und diesen Djin im Speziellen. Ihre Eltern hatten bei der Wahl des Leibwächters die Eigenwilligkeit ihrer Tochter gut bedacht. Denn anders als bei Gargoyles, Werwölfen oder Elfen folgte die Natur der Djin keinen erkennbaren Regeln. Zumindest keinen, die Magier erkennen konnten. Und so begegneten sie Djin entweder mit widerwilliger Verehrung oder mit ignoranter Verachtung. Die meisten Magierclans neigten zu Letzterem. Es war das erste Mal, dass Diana einen Herzschlag lang fast bedauerte, dass ihr Clan von den alten Gedanken nichts hielt. Dann schämte sie sich für ihre Überlegung.

Jaspers Worte ließen sie zu ihm sehen. »Spannende Lektüre?«

Sie sah zu dem Djin, der das Buch in der Hand hielt, das sie zwischen Kissen und Rückenlehne des Sessels geklemmt hatte. Es war ein schmaler Band über Mittel, die gegen Djinmagie helfen sollten, kaum hilfreich, aber in so hasserfüllter Sprache verfasst, die Diana das Werk mit spitzen Fingern hatte durchblättern lassen, bevor sie es hinter den gepolsterten Sitz gestopft hatte. Der Drang, sich für den Besitz des Buches zu rechtfertigen, überkam sie und Diana öffnete den Mund - und schwieg. Der Gedanke, dass der Djin sie für jemanden hielt, der seine Art aus Neid und Missgunst verachtete, ließ ihren Magen zu einem schmerzhaften Knoten werden, doch war es nicht das, was sie wollte? Dass er beschloss, dass jemand wie sie seine Zeit und Mühe nicht wert war und ihr Clan sich einen anderen Leibwächter für sie suchen sollte?

»Nicht wirklich«, murmelte sie.

Seine Miene war unbewegt, als er sagte: »Statt vergeblich nach irgendeiner Blume oder einem Stein zu suchen, der für mich das ist, was für Werwölfe Silber ist, hilfst du uns beiden besser damit, dass du mir genau sagst, was noch alles passiert ist. Deine Eltern haben mir zwar schon sehr ausführlich darüber berichtet, aber ich habe so das Gefühl, dass du ihnen nicht alles erzählt hast.«

Warum sollte ich dir auch nur irgendetwas sagen? Fast hätte sie es ausgesprochen, doch dann holte ihr Verstand sie ein. Mit den Füßen aufzustampfen wie ein kleines Kind und jede Mitarbeit zu verweigern, würde zwar den Zweck erfüllen, in seinen Augen wie eine verzogene, dumme Göre dazustehen - und wenn er sie unterschätzte, konnte sie ihn leichter abhängen -, aber ihre Eltern würden zweifelsohne davon erfahren und ihr vermutlich verbieten, das Haus überhaupt noch zu verlassen. Und das durfte auf keinen Fall passieren! Es war ein Drahtseilakt, in dem sie den Wunsch des Clans, nach außen stark und unantastbar zu wirken, nicht überstrapazieren durfte. Also glättete sie ihre Züge und änderte ihre Taktik. Sie zwang etwas wie ein freundliches Lächeln auf ihre Lippen. »Es tut mir leid«, sagte sie. »Wenn ich nervös bin, bin ich immer etwas …«

»Bissig?«, schlug Jasper vor. Sein Blick war kühl. Er hielt immer noch das verfluchte Buch in der Hand, und ihr fiel keine Entschuldigung ein, die ihr passend erschien. Oder die er mir glauben würde. Ja, sie hatte ihren neuen Leibwächter bei ihrem ersten Treffen vor den Kopf stoßen wollen und ihn dazu bringen, den Auftrag abzulehnen, aber sie hatte ihn nicht … verletzen wollen. War das das richtige Wort? War er überhaupt verletzt? Oder kümmerten ihn die verbohrten Vorurteile einer Magierin so wenig wie sie ihn als Person? Und wieso sollte sie das alles kümmern, wenn sie ihn eigentlich nur loswerden wollte?

Diese Begegnung war nicht so gelaufen wie geplant, und Diana widerstand dem Wunsch, am Djin vorbeizugehen, in ihr Bett zu steigen und sich dort die Decke über den Kopf zu ziehen, bis das alles vorbei war. Doch dafür musste sie diesen Abend auf den Ball gehen können, und das konnte sie nur, wenn der Djin es ihr gestattete.

Diana atmete durch. »Mordversuch ist vielleicht ein bisschen viel gesagt«, sagte sie, bevor sie die Liste pflichtgemäß um die Ereignisse erweiterte, die sie ihren Eltern verschwiegen hatte. Eine Kutsche hatte ein paar Mal versucht, sie über den Haufen zu fahren, Dachziegel hatten sich in auffallender Spontanität über ihrem Kopf aus der Halterung gelöst, und einmal hatte der Wein in ihrem Glas ein Loch in das Tischtuch gebrannt.

Jasper folgte ihrer Aufzählung mit höflichem Interesse, doch sie konnte sehen, wie seine Miene sich erhärtete. Ihr Götter, er nimmt diesen Auftrag tatsächlich ernst. Wie werde ich ihn je los? Anderseits, hatte sie von einem professionellen Wächter wirklich erwartet, einen so lukrativen Auftrag einfach abzulehnen?

»Bis jetzt ist dir nichts passiert«, stellte er das Offensichtliche fest, als sie geendet hatte. »Warum nicht?«

Die Frage brachte sie für einen Moment aus dem Konzept. Dann verschränkte Diana die Arme. »Weil ich kein hilfloser Mensch bin, sondern eine der besten Luftmagierinnen unseres Clans«, sagte sie patzig. Und weil sie Glück gehabt hatte. Nicht nur einmal waren es andere gewesen, die sie rechtzeitig aus dem Weg gestoßen hatten. »Und weil meine Freunde auf mich aufpassen«, fügte sie kleinlaut hinzu.

Aus irgendeinem Grund ließ ihn das aufhorchen. »Welche genau?«

»Andere vom Clan«, antwortete sie, bevor sie widerstrebend hinzufügte: »Und Sevin. Er hat mir das Weinglas aus der Hand geschlagen.« Die aufsteigende Rauchwolke hatte dem Abendessen einen gewissen Dämpfer verpasst. Und dem Brokattischtuch besagtes Loch.

»Und woher wusste dieser Sevin, dass der Wein gefährlich war?«, fragte der Djin.

Diana verdrehte die Augen. Die gleiche Frage hatte ihr Clan dem jungen Mann gefühlte tausend Mal gestellt. »Wir sind Magier«, sagte sie. »Ein gewisser Instinkt gehört dazu. Außerdem ist er Wassermagier, es ist kein Wunder, dass er einen besonderen Draht zu Flüssigkeiten hat.« Was sie von ihrer Luftmagie nicht behaupten konnte. »Und überhaupt«, setzte sie hinzu und echote die Worte, die Sevin die letzten Wochen gebetsartig wiederholt hatte, »wenn er mir schaden wollte, hätte er mich wohl kaum gewarnt.«

»Hm«, machte Jasper. »Du nimmst ihn ganz schön in Schutz. Ist da noch etwas, was ich über ihn wissen sollte?«

»Nein«, sagte sie knapp. »Ist das alles?« Sie deutete zur Tür.

Er hob eine Augenbraue. »Hast du etwas Wichtigeres zu tun, als deinen Leibwächter mit den Informationen zu versorgen, die dir das Leben retten könnten?«

»Ja.« Diana stemmte die Hände in die Hüften. »Ich muss mich für den Ball heute Abend vorbereiten.«

Der Djin hob die Hände. »Tu dir keinen Zwang an.« Er lehnte sich gemütlich im Stuhl zurück.

Diana war Luftmagierin, aber einen Augenblick lang meinte sie, ihr Gesicht brennen zu spüren. »Hinaus!«, fauchte sie. Jasper erhob sich gemächlich, so unbeeindruckt von ihr und ihrem Benehmen wie zu Beginn des Tages.

»Wenn du mich brauchst, ruf einfach«, sagte er. »Ich bin gleich vor dem Zimmer.« Und damit schnippte er mit den Fingern, und eine magische Wand zog sich vor Dianas Fenstern hoch. Er schenkte ihr ein Grinsen, ganz so, als ob er von ihren heimlichen Ausflugsplänen wüsste. »Für alle Fälle«, sagte er, bevor er vor sich hin pfeifend den Raum verließ.

Wieder allein bedachte Diana den Tag mit Worten, für die ihr ihr altes Kindermädchen den Mund mit Seife ausgewaschen hätte. Natürlich meinten ihre Eltern es nur gut mit ihr, und sie hätte gelogen, wenn sie gesagt hätte, dass die ›Unfälle‹ der letzten Wochen sie nicht langsam nervös machten. Denn so vehement Diana vor ihren Eltern und dem Rest ihres Clans behauptete, dass es nichts als eine Pechsträhne war: Sie wusste nur zu gut, dass diese Geschehnisse weder Zu- noch Unfälle waren. Wenn sie alleine war, gestand sie sich ihre stärker werdende Furcht ein, doch es änderte nichts daran, dass sie ihr Wort gegeben hatte. Sie würde es nicht brechen und sich in ihrem Heim oder hinter Wächtern verkriechen, nur weil irgendjemand beschlossen hatte, aus ihr eine Warnung für den Clan zu machen.

Entschlossen öffnete sie den Schrank, wo das Gewand für den Ball bereits vorbereitet am Haken hing: Lose Hosen in einem tiefen Blau und ein dazu passendes Oberteil mit schweren Stickereien. Sie breitete die Kleidung auf ihrem Bett aus, bevor sie sich wusch und die braunen Locken bürstete, bis sie glänzten. Manche Häuser hatten eigenes Dienstpersonal, das den Herrschaften bei den Vorbereitungen zur Seite stand, doch Diana hasste den Gedanken, sich von einem anderen bei so einfachen Sachen helfen lassen zu müssen. Ihre Eltern teilten ihre Gedanken glücklicherweise, und so hatte sie vor den Festen wenigstens ein paar Momente Ruhe. Sie schlüpfte in goldene Sandalen und ließ sich vor ihrem Schminktisch nieder.

Die schweren Stickereien hatten ihre Korsage in eine Rüstung verwandelt, die sie dazu zwang, gerade zu sitzen. Doch Diana war nicht böse darüber, für ihre Zwecke war das Oberteil perfekt. Die Kämme lagen bereit in der Schublade, und Diana steckte sich ihre langen Haare nach oben, die Griffe so vertraut, dass sie währenddessen ihren Gedanken nachhängen konnte. Diese kehrten prompt zu dem Djin mit den ungekämmten Haaren und unlesbaren Augen zurück. Dieser Jasper ist ein Problem.

Wenn der Djin tatsächlich vorhatte, den Befehl ihrer Eltern wörtlich zu nehmen, würde sie sich erst wieder frei bewegen können, wenn diejenigen, die hinter den Angriffen auf sie steckten, gefunden waren. Tatsächlich hatte sie es dem Stolz ihres Clans zu verdanken, dass sie nach wie vor zu Festen gehen und sich in der Öffentlichkeit zeigen durfte. Am liebsten wäre sie an diesem Abend zu Hause geblieben und hätte den Ball einfach Ball sein lassen. Diana unterdrückte ein Seufzen. Bis vor ein paar Wochen noch war sie gerne auf die zahlreichen Veranstaltungen gegangen. Zeit mit Jalia und ihren anderen Freundinnen zu verbringen, war die langweiligen und gleichzeitig heiklen Gespräche mit den schwierigeren Mitgliedern der anderen Häuser wert gewesen. Doch nun waren ihre Clans verfeindet. Aber ich kann Jalia nicht im Stich lassen.

Entschlossen rammte sie den letzten Kamm an seinen Platz und zuckte zusammen, als ihre Kopfhaut schmerzend protestierte. Diana fluchte und presste ihre Hand gegen die schmerzende Stelle. Wenigstens hält der Kamm sicher.

Sie warf einen kontrollierenden Blick zur Tür, doch sie blieb geschlossen, ihre Verwünschungen schienen Jasper nicht alarmiert zu haben. Diana drehte sich zu den Fenstern, vor denen immer noch der Schutzwall aus Djinmagie waberte. Die Abendsonne fiel leuchtend durch die Scheiben, und sie hatte nicht mehr lange Zeit, bevor ihre Eltern sie rufen würden. Oder der verfluchte Djin wieder in ihrem Raum auftauchen und … Diana atmete durch und erinnerte sich daran, dass Jasper nichts für ihre schlechte Laune konnte. Die sie hatte, weil er ihr das Leben unnötig schwer machte, was aber an dem Entschluss ihrer Eltern lag, die sich wiederum den Wünschen des Clanoberhauptes fügten, das die Anweisungen nur erteilte, weil zwei halbstarke Toren beschlossen hatten, sich zu duellieren und - Sie brach den Gedankengang ab. Sie konnte nichts an der Situation ändern, und es gab andere Dinge, um die sie sich kümmern musste.

Sie hob die Schmuckschatulle aus der Lade ihres Schminktischchens und räumte die schwere Halskette zur Seite, bevor sie das Samtpolster anhob.

---ENDE DER LESEPROBE---