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Cara ist verlobt. Statt sich dem Willen ihres Clans zu fügen, ist die junge Magierin entschlossen, zu fliehen. Doch ihre Fluchtpläne drohen an den unüberwindbbaren Bergen zu scheitern, als sie unverhofft einen Verbündeten gewinnt: Tiran. Der Gargoyle ist an den Clan ihres Verlobten gebunden. Um ihrer beider Freiheit zu gewinnen, müssen die beiden einander vertrauen – und zur Hochzeit sind es nur noch wenige Tage. Während Cara sich zu ihrem Entsetzen in den grimmigen Gargoyle zu verlieben beginnt, scheint er in ihr nur eine Fluchtkomplizin zu sehen. Aber lässt Caras Nähe Tiran wirklich kalt, oder beginnt auch er etwas für die ungestüme Magierin zu empfinden?
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Veröffentlichungsjahr: 2021
Gargoyleküsse
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Epilog
Rebecca May
Impressum
Gargoyle
Küsse
Magical Kisses
von
Rebecca May
KAPITEL 1
Der Abend senkte sich mit dem zähen Nebel herab. Die Welt vor dem Kutschenfenster war düster und grau. Die magischen Lichter, die um das Gefährt flackerten, unterstrichen die Trostlosigkeit der Landschaft. Sie passte hervorragend zu Caras Stimmung, auch wenn sie darauf achtete, dass man sie ihr nicht ansah. Denn wenn ihre Eltern, die ihr gegenübersaßen, auch nur erahnten wie es wirklich in ihrer Tochter aussah, würde Cara in noch größeren Schwierigkeiten stecken als sie es ohnehin schon tat.
Sie wünschte, die Pferde würden durchgehen oder eine Radachse brechen - irgendetwas, das den Augenblick ihrer Verlobung noch einen Tag aufschieben würde. Doch das Gefährt rollte unbekümmert über die abendlichen Landwege. Cara konnte nicht einmal auf Wegelagerer hoffen. Selbst Verbrecher waren nicht dumm genug, das Tal zu betreten, das ausschließlich von Schwarzmagiern bewohnt wurde, Magiern so düster wie das Tal, das unter einer immerwährenden Nebeldecke lag.
Ihre neu erwachte Magie summte unruhig in ihr, als wollte sie aus ihr hinausfahren. Als wäre sie etwas Eigenständiges, das dem Abend mit ebenso wenig Freude entgegensah, wie Cara selbst. Cara unterdrückte ein Seufzen. Solange sie sich erinnern konnte, hatte sie auf das Erwachen ihrer Macht hingefiebert, und nun war es so ganz anders, als ihr erzählt worden war. Die magische Kraft war kein kühles Feuer, das stetig loderte, sie war mehr wie ... wie ein Welpe, der voller Energie über den Hof jagte, nur um zwei Schritte weiter einzuschlafen. Wie alles in ihrem Leben kümmerten Caras Wünsche auch ihre Magie herzlich wenig. Sie verlieh ihr nichts von der ruhigen Selbstverständlichkeit, mit der ihre Eltern durch das Leben schritten. Stattdessen war die Welt lauter geworden, ein unnachgiebiges Drängen am Rande ihres Bewusstseins.
Cara presste die Stirn an die kühle Scheibe. Ich wünschte, zumindest meine eigene Magie wäre auf meiner Seite. Fast sofort schämte sie sich für ihr Selbstmitleid. Lizas entnervte Miene tauchte vor ihrem inneren Auge auf. Wäre die Dienerin in der Kutsche, spätestens jetzt würde sie Cara raten, sich zusammenzureißen. "Lass dich nicht unterkriegen", dröhnte die Stimme der Freundin in ihrem Kopf. "Kinn hoch. Du schaffst das." Nur auf Caras "Was genau?", war Liza ihr die Antwort schuldig geblieben.
"Cara." Nur ihr Name, doch der Ton ihres Vaters reichte. Sie setzte sich wieder aufrecht hin. Ihre Mutter lehnte sich zu ihr vor, und richtete mit einem missbilligenden Zungenschnalzen das einzelne schwarze Haar, das sich aus der kunstvollen Frisur gelöst hatte. Cara senkte den Blick auf ihren Schoß, auf ihre geisterhaft weißen Hände, die gefaltet auf dem roten Stoff ihres Kleides lagen. Einzig der blitzende Schmuck an ihren Fingern und Handgelenken schien sie davor zu bewahren, mit der grau-weißen Welt, die sie umgab, zu verschmelzen.
Kies knirschte unter den Rädern, als die Kutsche auf den Vorplatz des Anwesens rollte. Das Licht der Laternen fiel neugierig in die Kutsche und machte ihr die dunkle Ecke streitig, in der sie sich verborgen hielt.
Cara schluckte. Zeig keine Schwäche! Sie rüstete sich innerlich für den Abend, der ihr bevorstand. Die Tür schwang auf und Cara griff nach der Hand des Kutschers, und ließ sich hinaushelfen. Nicht, dass sie nicht in der Lage gewesen wäre, selbst aus dem Gefährt zu klettern. Alles, was die Geste sollte, war die Hierarchie im Clan zu unterstreichen. An jedem anderen Abend hätte sie die hilfreich ausgestreckte Hand ignoriert, doch an diesem wagte sie es nicht.
Vor ihnen lag das Anwesen ihres zukünftigen Mannes. Es war ein schlossartiges Monstrum, das trotz seiner hellen Fassade feindselig wirkte. Wasserspeier und Gargoylestatuen ragten bedrohlich über die Dachkante des prunkvollen Gebäudes hinaus.
Obwohl Cara die dunklen Gemäuer des Schwarzmagierfamilie gewohnt war, konnte sie an diesem Abend ein Schaudern nicht unterdrücken. Die Fratzen der Statuen grinsten spöttisch auf sie herab, als würden sie sich über ihre Hoffnung, ihrem Schicksal zu entkommen, lustig machen.
Sie riskierte einen Seitenblick auf ihre Eltern, froh, dass die beiden ihren Anflug von Furcht nicht bemerkt hatten. Ihre Aufmerksamkeit galt den restlichen Clanmitgliedern, die aus den anderen Kutschen stiegen.
Hochgewachsen und elegant gaben die Anführer der Aswar-Familie imposante Gestalten ab.
Schließlich waren alle vollständig im Hof versammelt.
"Gehen wir."
Ihre Eltern schritten rechts und links von Cara, die Gesichter so emotionslos und kalt wie die Juwelen, die an ihren Händen funkelten.
Hinter ihnen folgte der Rest ihres Hauses. Sie meinte, die Blicke in ihrem Rücken zu fühlen. Caras tagelange Weigerung, Elior als Gefährten zu akzeptieren, war nicht zu überhören gewesen. Die Clanmitglieder hatten sie wissen lassen, was sie erwarten würde, wenn sie entgegen ihrer Interessen handelte. Ihr einundzwanzigster Geburtstag, und damit das Erwachen ihrer Macht, lag bereits Monate zurück. Sie hatte gehofft, sich mehr mit ihrem Haus verbunden zu fühlen, doch sie fühlte sich ihm mit jedem Tag fremder.
An den großen Türflügeln des Anwesens warteten Bedienstete. Das fahle Licht der Laternen verlieh ihren Gesichtern etwas Drohendes. Cara war oft hier gewesen, doch an diesem Abend war ihr alles fremd. Sie fühlte sich mehr wie eine Gefangene als die Tochter der Anführer, als sie zwischen ihren Eltern durch die Gänge des Schlosses schritt. Denn es war ein Schloss, auch wenn die Siyar ihren Reichtum gerne herunterspielten. Doch die dicken Teppiche und kostbaren Gemälde an den Wänden widersprachen der geheuchelten Bescheidenheit. Magische Lichter hingen unter der Decke und überzogen alles mit einem kalten Schein, und Cara hörte bereits das Stimmgewirr aus der großen Halle.
Bitte, begann sie, nur um gleich wieder abzubrechen. Die Götter hatten ihre Gebete bis jetzt nicht erhört. Und wieso sollten sie auch? Die Belange der Menschen kümmerten sie meist wenig. Nein, sie musste selbst einen Ausweg finden. Wenn ich nur wüsste, wie.
Die Flügeltüren vor ihnen schwangen auf, und Cara setzte das Lächeln auf, dass sie schon als kleines Kind mit ihrem Kindermädchen vor dem Spiegel geübt hatte: hoheitsvoll und kühl.
Der Clan ihrer Gastgeber war bereits versammelt. Begrüßungen wurden ausgetauscht, die sie mit einem arroganten Nicken zur Kenntnis nahm, dem Beispiel ihrer Eltern folgend.
Auch dieser Saal strotze vor Prunk. Goldene Deckenverzierungen warfen das Licht der Kerzen zurück, Seidenteppiche dämpften die Schritte, und ein kunstvoll gearbeiteter Kamin erzählte von der Geschichte und den Errungenschaften der Siyar. Der Anblick des Reichtums ließ Caras Kehle eng werden. Die kostbaren Sitzmöbel, die bestickte Kleidung, der verschwenderisch angelegte Schmuck – das alles war der Grund, warum sie hier war.
Ihre Familie war mächtig, aber nicht reich. Nicht verglichen mit den Schätzen, die Eliors Clan angehäuft hatte, nicht einmal, wenn man ihn mit den einfacheren Anwesen weniger einflussreicher Häuser des Tals verglich. Im Gegenzug war das magische Talent der Siyar beschränkt. Die beiden benachbarten Schwarzmagier-Clans durch einen Gefährtenband zu dauerhaften Verbündeten zu machen, lag für die Anführer der jeweiligen Familien auf der Hand.
Neben dem Kamin erhoben sich ein Mann und eine Frau, formell begrüßten sich die Anführer der beiden Häuser. Cara verbeugte sich vor ihren zukünftigen Schwiegereltern. Ihr Blick fand den jungen Mann, der in einer Ecke des Raumes saß. Obwohl er scheinbar den Gesprächen der Runde lauschte, ruhte sein Blick auf ihr. Sie hatte seine Anwesenheit gespürt, sowie sie die Schwelle zu dem Raum überschritten hatte, wie man ein Staubkorn im Auge fühlte, das man nicht loswurde. Ihre Blicke trafen sich. Sie ließ das Lächeln von ihrem Gesicht gleiten.
Elior war der Sohn der Clanführer, vierundzwanzig, seit drei Jahren ein erwachter Magier und offenbar mehr als gewillt, in die Fußstapfen seiner Eltern zu treten. Dass er außerdem ihr Verlobter war, hatte Cara seit drei Jahren befürchtet, doch erst vor einem Monat mit Gewissheit erfahren.
Sie grüßte in seine Richtung und er stand auf, und kam mit einem nichtssagenden Lächeln auf sie zu. Cara zwang sich, stehenzubleiben, wo sie war. Sie ließ den Blick über seine hochgewachsene Statur gleiten, die hellen Locken und grünen Augen, und versuchte verzweifelt, das an ihm zu entdecken, was die meisten ihrer Altersgenossinnen verzückt seufzen ließ, wann immer sie dem Schwarzmagier begegneten. Cara konnte sich eingestehen, dass Elior gutaussehend war, sehr sogar, doch sein Aussehen ließ sie merkwürdig kalt. Es lag eine Finsternis in seinen Augen, die sie instinktiv davor warnte, ihm zu vertrauen.
Vielleicht reagiere ich auch einfach über. Vielleicht war sie so in den Streit mit ihren Eltern verwickelt, dass sie ihm unrecht tat. Und wusste sie nicht am besten, dass kaum ein Magier sein wahres Wesen nach Außen zeigte?
Er nahm ihre Hand und küsste sie, und Cara ließ es mit einem steifen Lächeln geschehen. Bei allen Göttern, wie sehr sie hoffte, dass ihre Eltern recht behielten und sie sich nur gegen Elior als Gefährten gewehrt hatte, weil ihr Clan ihn für sie wollte. Ihr rebellischer Charakter war ein Makel, den kein Kindermädchen und kein Lehrmeister hatte ausmerzen können.
"Du siehst bezaubernd aus." Er beugte sich vor. "Schöner als der Abendstern." Er küsste ihre Wange.
Seine Lippen waren warm auf ihrer Haut. Dennoch musste sie sich beherrschen, um ihn nicht gewaltvoll von sich zu stoßen. Stattdessen versetzte sie ihm einen spielerisch wirkenden Schlag auf den Arm. "Eine Braut von geringerer Schönheit würde an deiner Seite auch verblassen."
Er lachte. "Wie wahr." Magie blitzte in seinen Augen auf, er musterte sie neugierig. Cara hielt seinem Blick gelassen stand. Er war stark, aber das war sie auch. Zumindest wenn ihre Magie sich dazu bequemte, ihr zu gehorchen. Aber wollte er eine unterwürfige Frau oder eine Partnerin auf Augenhöhe? Je nachdem konnte sie sich verstellen und so ihn dazu bringen, die Verlobung aufzulösen – doch sie wusste zu gut, dass Elior diesen Schritt nie gehen würde, gleich was er für sie empfinden mochte. Er unterstand genauso dem Befehl der Clanältesten wie sie. Elior konnte ihre Verlobung nicht beenden, selbst, wenn er es wollte.
"Bald ist es soweit", sagte er, als ob er ihre Gedanken gelesen hätte. Ihr Lächeln versteifte sich weiter, während sie in seiner Miene nach einem Hinweis suchte, dass die geplante Hochzeit ihn ebenso wenig begeisterte wie sie selbst.
"Ja." Sie war erstaunt, wie ruhig sie klang. "Die Zeit scheint nur so zu verfliegen."
"Nicht schnell genug", sagte er galant, als er ihren Arm nahm. Und Cara fühlte nichts. Nichts von dem aufgeregten Kribbeln, als sie mit sechzehn den Lehrjungen geküsst hatte, nichts von dem Flattern in der Magengrube, als sie sich im letzten Sommer mit einem Jungmagier des West-Hauses getroffen hatte. Aber auch keinen Widerwillen oder gar Abscheu, wie zuvor bei seinem Kuss. Nur das nagende Gefühl, ihm nicht vertrauen zu können. Und das kann an mir liegen. An ihrem widerspenstigen Wesen, der Dorn in der Seite ihrer Eltern.
Im Saal wurde es ruhiger, und Cara warf einen Blick über Eliors Schulter. Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Es war so weit. Die beiden Clanmitglieder, die das Verlobungsritual durchführen würden, waren eingetroffen.
Auch Elior hatte die Ankunft der Ritualsleiter bemerkt. Wieder lächelte er dieses aalglatte Lächeln, das sie nicht einordnen konnte. "Komm." Er fasste sie bei der Hand. "Lassen wir sie nicht warten."
Und ohne das Aufblitzen von Furcht in ihrem Blick zu bemerken, zog er sie mit sich.
KAPITEL 2
Zusammen traten sie in die Mitte des Raumes, in dem nun alles für das offizielle Verlobungsritual bereit war. Cara sah sich verstohlen um. Drei Magierinnen ihres Hauses hatten bei der Tür Aufstellung genommen. Es wirkte zufällig, doch sie erkannte die Drohung in den Mienen der Frauen: Sollte sie verwegen genug sein, tatsächlich davonlaufen zu wollen, würde sie nicht weit kommen.
Doch so dumm war sie nicht. Eine Verlobung ist noch keine Heirat. Nach ihren erfolglosen Versuchen, ihre Eltern umzustimmen, hatte Cara ihre Taktik geändert. Sollten ihre Eltern und die anderen ruhig glauben, dass sie, Cara, sich fügte. Sie würde einen Weg hinausfinden, aus dieser Ehe und dem nebligen Tal, und wenn es das Letzte war, was sie tat!
Die Ritualsführerin von Caras Clan trat vor, an ihrer Seite der Ritualmeister von Eliors Familie. Die Zeremonie begann, und Caras heimliche Hoffnung, dass sich irgendwer doch noch gegen ihre Verbindung mit Elior aussprach, zerfiel in ihr zu Staub. Was Liza wohl sagen würde, wenn sie hier wäre? Wäre sie enttäuscht über Caras Benehmen, oder erleichtert, dass sie sich nicht in Schwierigkeiten brachte?
Cara konzentrierte sich darauf, ihren nichtssagenden Gesichtsausdruck beizubehalten, während um sie herum Götter angerufen und die Familienlinie gepriesen wurde. Sie sprach die Worte mit, trank den Wein und fasste Hände von Priestern, ihren zukünftigen Schwiegereltern und die ihrer eigenen. Es war, als würde sie sich selbst dabei zusehen, wie sie die auswendig gelernten Formeln sprach, die Ritualszeichen schlug, sich zum richtigen Zeitpunkt zu Elior drehte und ihm die Hand reichte. Magie hob sich zwischen ihnen, doch sie war schwach. Die Verlobung war mehr Formsache, erst die Hochzeit würde ein tatsächliches magisches Band zwischen Elior und ihr knüpfen.
Endlich wurde die Schatulle mit den Clanringen gebracht. Mehr göttlicher Segen wurde eingefordert, und Cara spürte ängstlich der Energie im Raum nach. Aber die Götter schienen anderweitig beschäftigt zu sein, der Zauber kreiste gelangweilt um die geschnitzte Holzschachtel, ohne eine Spur göttlich verstärkter Macht. Ihre eigene Magie war da, und auch wenn sie das ungeduldige Surren der Welt draußen mit sich brachte, hatte ihre Präsenz etwas Tröstliches.
Endlich hatten die beiden Ritualsführer die letzten Symbole über ihre verschlungenen Hände gezeichnet. Die Magierin klappte die Schatulle auf und der Magier hob ehrfürchtig das Kissen mit den Ringen heraus. Mehr Symbole, mehr Formeln, dann steckte er erst Cara und danach Elior das Wappen des jeweils anderen Hauses an.
Caras Lippen bewegten sich weiter ohne ihr Zutun, als sie gehorsam die Antwortformeln sprach. Die Goldringe waren breit und schwer. An Caras Fingern stach der rote Stein störend inmitten der anderen Ringe an ihrer Hand hervor, ein feuriger Störenfried zwischen den blauen und grünen Juwelen in den filigranen Ringfassungen. Dann war es vorbei. Cara legte ihre Hand in Eliors, und ließ ihren Blick über die applaudierenden Clanmitglieder schweifen.
Ihre Eltern tauschten zufriedene Blicke aus, und als sie zu ihnen sah, nickte ihr Vater ihr kaum merklich zu. Ein hohes Lob.
Cara nahm die Glückwünsche der Magierinnen und Magier beider Clans mit hoheitsvoller Miene entgegen. An ihrer Seite scherzte Elior mit den Gratulanten. Der Strom der Clanmitglieder schien nicht abzureißen. Ihr zukünftiger Mann schien ganz in seinem Element zu sein. Caras Gedanken wanderten zurück zu den wolkenverhangenen Bergspitzen in der Ferne. Dahinter lag eine andere Welt, eine freiere. Städte, so groß, dass niemand sie finden würde. Ich muss nur über die Berge kommen. Der Gedanke beruhigte sie, wie immer. Und wie immer ignorierte sie, dass sie es nie bis zu dem Fuß des Gebirges schaffen würde, bevor ihr Haus sie wieder eingefangen hätte.
"Findest du nicht auch?", fragte Elior zu ihr gewandt, und Cara, die ihm nicht zugehört hatte, nickte nur. Zusammen folgten sie den Familienanführern in den nächsten Raum, wo bereits eine reich gedeckte Tafel auf sie wartete. Es folgten mehr Reden zwischen den Gängen, irgendwann erhob sich auch Cara und sprach ihre Formeln, doch in Gedanken war sie auf den Bergpfaden, auf dem Weg in eine andere Zukunft.
Das Klirren von Gläsern neben ihrem Ohr riss sie aus ihren Tagträumen. An ihrer Seite warf Elior den Kopf in den Nacken und lachte laut. Sie warf einen verstohlen Blick auf ihren zukünftigen Ehemann, als die alte Hoffnung wieder in ihr auftauchte. Vielleicht spielt er nur seine Rolle, so wie ich auch. Vor dem Clangesetz hatte Elior genauso wenig zu sagen wie sie. Wollte er diese Heirat, oder beugte er sich nur dem Willen seiner Familie, wie sie es tat? Vielleicht ist er auf meiner Seite.
Nach Außen hin war Elior ganz der Erbe einer alten Familie, von den sorgsam gebändigten Locken zu den gelangweilt blickenden Augen und dem arroganten Zug um seinen Mund. Doch Cara wusste, wie sie selbst wirkte, mit ihrem glatten schwarzen Haar, das im Kerzenlicht blau wie Hexenflammen schimmerte, ihren eisig grauen Augen, die keine Emotion außer Verachtung verrieten. Sie war die Tochter des ältesten Dunkelmagierhauses, so kalt wie die Juwelen um ihren Hals, und sie wusste es besser, als sich in der Öffentlichkeit auf eine Art zu verhalten oder zu erscheinen, die Missfallen bei Ihresgleichen erregen würde. Und Elior ... Vielleicht können wir beide über die Berge fliehen. Zu zweit sind wir ...
"Ich kann nicht glauben, dass die Ältesten dem zugestimmt haben! Sie mag der Alpha sein, aber als Magier steht er immer noch weit über ihr!"
"Eine Werwölfin?" Neben ihr zog Elior eine Augenbraue hoch. "Ist er sicher, dass er nicht den Küchenhund geheiratet hat?"
Cara stimmte gehorsam in das Lachen am Tisch ein, ein grausamer, glockenheller Laut, der ihren Ohren wehtat, als ihre vage Hoffnung zerstob. Er ist wie alle anderen. Wie sollte sie mit jemandem zusammenleben, der alle, die keine Magier waren, verachtete? Lizas einundzwanzigster Geburtstag und damit das Erwachen ihrer Magie stand kurz bevor. Sollte sich die Kraft nicht in der Dienerin zeigen, war Cara fest entschlossen, sie mit sich zu nehmen, doch wenn Elior ... Sie presste die Lippen zusammen. In die Unterwelt mit ihm und den veralteten Vorstellungen der Magier! Sie war seine Gefährtin, nicht seine Dienerin, und sie würde Liza nicht in den Händen ihrer Familie zurücklassen!
"Ich glaube, du verschwendest deine Energie mit deiner Empörung", sagte Elior amüsiert, der ihre grimmige Miene denkbar falsch gedeutet hatte. "Wenn er sich mit Tieren vermischen und das Blut seines Hauses schwächen will, so ist das seine Sache."
Cara kochte innerlich, doch sie griff zu ihrem Glas und nahm einen Schluck, bevor sie mit süßlicher Stimme sagte: "Dir ist bewusst, dass auch die Blutlinie meines Clans nicht rein ist, wie ich hoffe." Sie ließ ihn nicht aus den Augen. Bildete sie es sich ein, oder war es stiller am Tisch geworden?
"Die Fehltritte der Aswar-Ahnen liegen zu weit zurück, als dass sie euch noch beflecken könnten", sagte Elior, und sie hörte an seinem Ton, dass er es tatsächlich glaubte.
Sie dachte an ihre Magie, die sich so ganz anders verhielt, als die Lehrbücher beschrieben und die anderen Zauberweber ihr berichtet hatte. Sie öffnete den Mund, doch bevor sie etwas sagen konnte, stand ihr Vater neben ihr. Seine Hand legte sich auf ihre Schulter, als er sich vorbeugte, um mit Elior anzustoßen. Sein Griff schmerzte, und als er das Glas gegen ihres schlug, war jede seiner Bewegungen eine stumme Warnung.
Also lächelte Cara.
Sie lächelte, bis ihre Wangen schmerzten. Die Unterhaltungen um sie herum verschmolzen zu einem sinnbefreiten Rauschen gleich dem Brechen von Wellen auf Klippen, als sie sich in ihre wilden Pläne zurückflüchtete.
Endlich wurden die Teller abgeräumt und der letzte Gang serviert. Cara erlaubte sich ein vorsichtiges Aufatmen. Bald hatten sie das Essen überstanden und in ein paar Stunden konnte sie das Anwesen wieder verlassen. Zumindest bis zum nächsten Morgen, wo sie für die Hochzeitsplanung zurückerwartet wurde. Hochzeit. Cara ließ ihren Blick über die versammelten Gäste schweifen, über die triumphierenden Mienen der Magierinnen und Magier, und die Erkenntnis, dass sie diesen Plänen nicht entkommen würde, traf sie mit plötzlicher Wucht. Ihre idiotischen Träume, über die Berge ihrer Familie und dem Tal zu entrinnen, waren nichts weiter als eine lächerliche Idee, die sich vor Jahren ein kleines Mädchen zusammengesponnen hatte. Es war Zeit, sich davon zu verabschieden. Sie war erwachsen. Sie würde heiraten. Sie würde den Nebel nie verlassen.
Cara schlang ihre Finger um den Stil ihres Weinglases, bevor jemand ihr Zittern bemerken konnte. Der schwere Goldring schlug mit einem dumpfen Laut gegen das Glas. Elior lachte über etwas, das ihre Mutter gesagt hatte. Seine Augen blitzten amüsiert, funkelten wie der rote Stein in ihren Ringen. Im Kerzenlicht erinnerte er Cara mit einem Mal an die Helden aus den alten Geschichten. So wie Elior hatte sie sich als kleines Mädchen einen Prinzen vorgestellt.
