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Ellie weiß, was sie vom Leben will: Eine Festanstellung in der Schmiede und genug Geld um ihren Onkel und sich durchzubringen. Mehr darf sie sich als Nicht-Magierin auch nicht erwarten. Doch dann klettert ein Magier durch ihr Fenster, und stellt ihr Leben auf den Kopf. Ellies Gefühle für Astian werden immer stärker, doch sie weiß, dass sie standhaft bleiben muss. Eine Beziehung zwischen ihnen ist in der versnobten Welt der Magierschaft einfach undenkbar. Außerdem kann Astian sie unmöglich noch lieben, wenn er erst um das dunkle Geheimnis ihrer Familie weiß. Ihrem Herzen zu folgen, wird sie nur unglücklich machen. Oder?
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Veröffentlichungsjahr: 2021
Magierküsse
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Epilog
Rebecca May
Impressum
Magierküsse
Magical Kisses
von
Rebecca May
KAPITEL 1
Ellie schreckte aus ihren Träumen hoch. Sie blinzelte in das Halbdunkel ihres Schlafzimmers, das so unauffällig und schäbig war wie immer. Doch etwas hatte sie geweckt, und es war nicht der übliche Lärm, der mit dem Erwachen der Straße einherging.
Mondlicht drang mit der kühlen Nachtluft in den Raum, und fröstelnd zog sie die Decke enger um sich. Nein, es war etwas anderes gewesen, ein rostiges Scharren … Wie das ihres Fensters. Das Fenster, das im zweiten Stock lag. Das Fenster, das sie jede Nacht schloss. Ein Windstoß fuhr über sie und vertrieb den letzten Rest von Schläfrigkeit. Langsam wandte sie sich um. Und sah die dunkle Gestalt.
Ellie stieß ein ersticktes Keuchen aus. Der Einbrecher drehte sich zu ihr und gab einen halblauten Fluch von sich. Mit einem Schlag hellwach richtete sie sich in ihrem Bett auf und griff nach dem nächsten Gegenstand, den sie zu fassen bekam. Es war ein Haarbürste, doch es war besser als nichts und Ellie umklammerte sie wie einen Dolch. Sie starrte den Eindringling an. Ich sollte um Hilfe rufen. Zumindest sollte sie versuchen, davonzulaufen. Doch Ellie war vor Schreck wie gelähmt.
Die Gestalt hatte aufgehört zu fluchen, und einen Herzschlag später loderte Magie auf der Handfläche des Eindringlings auf. Im flackernden Licht des Zaubers erkannte sie ebenmäßige Gesichtszüge und ein Paar heller Augen, die sie überrascht ansahen. Ganz so, als ob der Magier darüber erstaunt wäre, sie in ihrem eigenen Schlafzimmer anzutreffen.
»Da habe ich mich wohl im Fenster geirrt.« Ellie brachte immer noch keinen Ton hervor, auch nicht, als er entschuldigend den Kopf vor ihr neigte. »Ich bitte um Verzeihung.« Doch der Magier machte keine Anstalten, wieder durch das Fenster zu verschwinden. Stattdessen sah er sich suchend um, ganz so, als erwartete er, dass der Raum doch noch ein Geheimnis offenbarte.
»Haus Cavan?«, fragte er beiläufig, und die Frage versetzte Ellie einen kurzen Stich. Wenn er hier war und den ehemaligen Namen der Familie kannte, dann musste er auch wissen, dass sie kein Recht mehr hatten, einen Clantitel zu tragen.
»Schon lange nicht mehr«, sagte sie. Wenigstens war die Erstarrung von ihr abgefallen, auch wenn sie einem nervösen Flattern in der Magengrube Platz gemacht hatte. Was auch immer der Fremde hier wollte, es konnte nichts Erfreuliches sein. Menschen mit guten Absichten stiegen nicht mitten in der Nacht in die Häuser anderer ein.
Er nickte, als habe er mit einer ähnlichen Antwort gerechnet.
»Was willst du hier?!« Ellie umfasste die Haarbürste fester. »Wer bist du überhaupt?« Vielleicht ist das alles nur ein Traum? Doch der kühle Luftzug, der vom offenen Fenster kam und sie frösteln ließ, strafte sie Lügen. Sie sollte schreien, schaffte es aber einfach nicht, laut zu werden. Doch zumindest zitterte ihre Stimme nicht. »Und bei allen Dämonen, was hast du hier zu suchen?«
»Stimmt, ich habe mich nicht vorgestellt«, sagte der Magier, als wäre es völlig normal, mitten in der Nacht in wildfremde Häuser zu klettern. Er setzte sich auf den wackeligen Stuhl, den Ellie vor ein paar Wochen auf der Straße entdeckt hatte. Das Holz ächzte entrüstet. »Gestatten, Astian.« Er hatte die Nerven, zu lächeln. »Und du bist …?« Er zog eine fragende Augenbraue hoch.
»In meinem Zimmer«, sagte Ellie fest. »In dem niemand außer mir etwas zu suchen hat, vor allem nicht mitten in der Nacht.«
»Ich wollte auch nicht in dein Schlafzimmer einbrechen«, sagte Astian, und es klang tatsächlich wie eine Entschuldigung. Ellie verengte ihre Augen.
»Aber du wolltest bei uns einbrechen?«
»Ja.«
Mit so unverfrorener Ehrlichkeit hatte sie nicht gerechnet. Astian begegnete ihrem Blick gelassen.
»Darf ich den Grund erfahren?«, fragte Ellie, als sie sich etwas gefangen hatte.
»Natürlich.« Er lächelte ihr zu, als würden sie leichte Konversation auf einem Fest betreiben. Nicht, dass ein Magier sich je mit jemandem wie ihr unterhalten würde. Außer natürlich, um eine Bestellung aufzugeben. Zumindest scheint er nicht gefährlich zu sein. Ellie hoffte wirklich, sich mit ihrer Einschätzung nicht zu täuschen.
»Dein Vater Dacian …«, begann er, und das erste Mal sah sie Zorn in seinen Augen aufblitzen.
»Onkel«, stellte Ellie sofort richtig, während sich ihr Magen innerlich zusammenzog. Was hat er jetzt schon wieder angestellt?
»Dein Onkel«, verbesserte Astian sich tatsächlich, »hat einem Menschen, an dem mir sehr viel liegt, einen Schuldschein zurückgegeben.« Er zog ein Stück Papier aus der Tasche. »Fällt dir etwas auf?« Das Papier war schwarz. Nicht verbrannt, sondern durch einen Zauber unlesbar gemacht. Es war nicht das erste Mal, dass Ellie mit den Taten ihres Onkels konfrontiert wurde, doch der Magier gab ihr keine Zeit, etwas zu erwidern. »Die Wettschulden wurden bezahlt. Wenn sich der zurückgegebene Schuldschein keine zwei Stunden nach der Übergabe in ein wertloses Stück Müll verwandelt und kurz darauf eine erneute Zahlungsforderung kommt – weißt du, wie man das nennt? Betrug.«
Er hielt inne und sah sie abwartend an. So, als ob Ellie spätestens nun aufspringen sollte, um die Ehre ihres Onkels und ihres Hauses wenigstens mit scharfen Worten zu verteidigen. Ellie seufzte lediglich. Natürlich hat er das. Er wird sich nie ändern.
»Wie ich sagte«, der Magier wirkte leicht irritiert, als sie mit der freien Hand ihre linke Schläfe massierte, »jemand, der mir sehr am Herzen liegt, hat seine Schulden bezahlt und nun …«
»Ich weiß, wo der Schuldschein ist«, unterbrach Ellie ihn. »Ich kann ihn holen.« Sie warf die Decke von sich und stand auf. Die Haarbürste behielt sie in der Hand. Mit der anderen rieb sie sich über das Gesicht. »Komm einfach mit.« Je schneller sie die Aktion hinter sich gebracht hatten, desto eher war sie wieder im Bett.
Sie wollte an dem Magier vorbeigehen, als seine Hand plötzlich nach vorne schoss und sie am Handgelenk festhielt.
»Moment«, sagte er, die Augen misstrauisch verengt. Sie konnte ihm seinen Argwohn nicht verübeln. Was sie ihm sehr wohl übelnehmen konnte, war sein fester Griff.
»Du tust mir weh«, sagte sie, und seine Finger lockerten sich augenblicklich, auch wenn er sie nicht losließ. Er musterte sie immer noch. Sind seine Augen grün oder blau? Ellie ertappte sich dabei, sein Gesicht zu studieren. Egal, wo sie ihn gesehen hätte, sie hätte ihn sofort als Magier erkannt. Es war etwas an ihm, das ihn verriet. Nicht sein Aussehen, doch die Art, wie er sich hielt, wie er in ihrem Zimmer stand, als ob es seines wäre. Es war diese Selbstsicherheit, als ob er unantastbar wäre, die er mit allen anderen Magiern gemeinsam hatte. Ich würde gerne wissen, wie es ist, so durch das Leben zu gehen. Doch die Magie war nicht in ihr erwacht, und an den meisten Tagen hatte Ellie sich damit abgefunden. An anderen … an anderen stand sie tagträumend vor einem Fremden, der eben bei ihnen eingebrochen war. Ellie rief sich zur Ordnung.
»Ich nehme nicht an, dass du mich alleine gehen lässt?«, fragte sie mit einem leisen Seufzen. Statt einer Antwort ließ er sie los und griff nach etwas, das über dem Stuhl hing. Ihr Morgenmantel.
»Natürlich nicht«, erklärte Astian. Er öffnete den schäbigen Mantel und hielt ihr das Kleidungsstück hin, als ob er ihr hineinhelfen wollte. Als würden sie zu einem gemeinsamen Ausflug ins Grüne aufbrechen, statt einfach nur den Flur hinunter zum Arbeitszimmer ihres Onkels zu gehen.
Ellie verdrehte die Augen, als sie an ihm vorbeiging. Wenn dieser Astian schon mitten in der Nacht bei ihnen einbrach, würde er auch ihren Anblick in dem alten Nachthemd ertragen müssen. Halb rechnete sie damit, dass er sie zurückhalten würde, doch stattdessen murmelte er etwas, das sie nicht verstand, sich aber verdächtig nach einem Fluch anhörte, und folgte ihr. An der Treppe angekommen, warf sie einen Blick über die Schulter, obwohl sie ihn hinter sich spüren konnte. »Sei leise«, mahnte sie.
»Ich werde mein Möglichstes tun.« Er hatte ihren Morgenmantel über den Arm gelegt, und Ellie wusste mit plötzlicher Gewissheit, dass er jemand war, der seiner Begleitung stets Fächer und Tasche halten und ihr den ganzen Abend über nachtragen würde, ohne auch nur ein ungeduldiges Wort zu verlieren. Und offenbar ist er auch einer, der in ein Haus einbricht, um einem Freund zu helfen. Und das war etwas, was sie nicht gut finden sollte, wie sie sich streng erinnerte.
Sie wandte sich rascher um, als notwendig gewesen wäre. Die knarrenden Stellen der Holztreppe vermeidend schlich sie nach unten. Unten angekommen ging sie den Flur entlang, ihren schweigenden Besuch auf den Fersen. Nur sie und ihr Onkel wussten, dass sich hinter den meisten Türen leere Räume befanden. Sie hatten die Möbel schon vor langer Zeit verkauft. Nur ein einziger Raum hatte seine Inneneinrichtung behalten dürfen, für den unwahrscheinlichen Fall, dass jemand zu Besuch kam. Ellie wusste nicht, wann sie ihn das letzte Mal betreten hatte. Um das Mobiliar nicht abzunutzen, verbrachte sie die Zeit, die sie nicht in der Schmiede war oder in ihrem Zimmer, in der Küche.
Der einzige Raum, der neben der Küche im unteren Stock genutzt wurde, war das Arbeitszimmer ihres Onkels. Ellie legte die Hand um den Knauf und drückte die schwere Holztür behutsam nach innen auf. Die Götter waren ihr wohlgesonnen, und die Tür ächzte nur leise, statt sich mit dem üblichen krachenden Knarren zu öffnen.
Der bekannte Geruch von alten Büchern, Tee und billigem Tabak stieg ihr in die Nase. Mondlicht fiel durch das hohe Fenster und zeichnete hellgraue Streifen in den dunklen Raum. Hinter ihr schloss Astian die Tür ebenso vorsichtig, wie sie sie geöffnet hatte. Zielstrebig ging Ellie zu der Schublade, in der ihr Onkel die Schuldscheine aufbewahrte.
Fragend sah sie zu dem Magier, der längst nicht mehr so einschüchternd wirkte.
»Marla«, sagte er nach einigem Zögern.
Schweigend beugte Ellie sich über die geöffnete Schublade. Nichtssagende Papiere bildeten die erste Schicht. Ellie hob sie hoch und sah auf die Briefumschläge, die darunter lagen. Es dauerte nicht lange, bis sie Marlas Namenszeichen erspäht hatte. Sie zog den Schuldschein hervor, und nachdem sie den Namen noch ein letztes Mal kontrolliert hatte, reichte sie ihm den Umschlag.
Der Magier drehte ihn prüfend im Mondlicht, und sie sah, wie sich seine Lippen bewegten. Offenbar prüfte er mit all den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln die Echtheit des Scheins. Ellie hoffte für ihn, dass Marlas Wettschuld eine einmalige Sache gewesen war. Die Magierschaft wettete gerne und viel, vielleicht hatte sich Marla bei einem harmlosen Gesellschaftsspiel verschuldet, bei dem die Versammelten kaum mehr verloren als ihren Stolz oder ein Pferd. Außer natürlich, wenn ihr Onkel mit am Tisch saß und eine Gelegenheit witterte. Wenn Marla jedoch zu Karten und Würfeln griff wie andere zum Alkohol, würde dies nicht das letzte Mal sein, dass Ellie Astian sehen würde, wenn er bei der Unbekannten blieb.
»Sag deiner Marla, dass sie besser einen Bogen um meinen Onkel macht. Er betrügt«, sagte Ellie aus einem Impuls heraus, als Astian den Schuldschein in die Tasche steckte.
Nun war es der Magier, der sie anstarrte, als wäre sie bei ihm ins Schlafzimmer geplatzt. Ellie zuckte mit den Schultern. »Es ist allgemein bekannt. Ich weiß nicht, warum er immer noch Opfer findet.« Sie schloss die Schublade. »Noch etwas, oder ist das alles?« Sie merkte, dass sie in ihre Rolle als Gesellin in der Schmiede glitt, aber war zu müde, um es zu ändern.
»Das … wäre alles.«
»Wunderbar.« Ellie drehte sich um und verließ das Arbeitszimmer. Sie wartete, bis der Magier neben ihr auf dem Flur stand, bevor sie die Tür wieder ins Schloss drückte. »Mir nach, bitte.« Astian warf ihr einen Blick zu, der zwischen Verwirrung und Amüsiertheit schwankte, doch er folgte ihr gehorsam zur Eingangstür der alten Villa. Ellie zog die Tür auf und ließ den Magier ins Freie treten. Der Duft einer lauen Sommernacht wehte ihr entgegen. Sie konnte das »Beehren Sie uns bald wieder« noch rechtzeitig zurückhalten, als sie die Haustür grußlos vor seinem Gesicht zuzog.
Erst im Bett fiel ihr ein, dass der Magier noch immer ihren Morgenmantel hatte. Mit einem Stöhnen ließ sie sich in die Kissen zurückfallen und zog die Decke über das Gesicht. Ihr stand ein arbeitsreicher Tag bevor, sie sollte wirklich schlafen. Doch natürlich war jede Möglichkeit auf Nachtruhe aus dem Fenster geflogen, durch das Astian geklettert war. Astian. Vor ihrem inneren Auge tauchte der Magier in seiner ganzen Unverfrorenheit wieder auf, seine viel zu blauen Augen und der spöttische Zug um seinen Mund und – Ich steh unter Schock. Wie Ellie überrascht feststellte, machte sie sich erstaunlich wenig Sorgen darum, dass er Onkel Dacian an die Wachen verraten würde. Schock, erinnerte sie sich. Ihr letzter Gedanke war, dass er gute zwei Köpfe größer war als sie. Ich müsste mich auf die Zehenspitzen stellen, um ihn zu küssen. Und bevor sie dieser Überlegung auf den Grund gehen konnte, schlief sie ein.
KAPITEL 2
Das Morgengrauen nahm keine Rücksicht auf Ellies turbulente Nacht und holte sie wie immer zuverlässig aus dem Bett. Noch im Halbschlaf kroch Ellie unter der Decke hervor und tastete nach ihrer Haarbürste. Kaum hatten ihre Finger sich um das glatte Holz geschlossen, als die Ereignisse der letzten Stunden wieder lebendig wurden. Der Einbruch, der Schuldschein, Astian.
Die Furcht, dass der Magier zu der Stadtwache gehen würde und die sie im Einschlafen noch als unbedeutend abgetan hatte, loderte in ihr hoch. Mit zittrigen Fingern legte sie die Bürste wieder weg. Ich muss mich fertig machen. Ich habe keine Zeit für eine Krise! Doch so leicht wie in der letzten Nacht ließ sich der erlebte Schreck nicht vertreiben.
Während sie sich wusch und anzog, lauschte sie angespannt in den Flur. Das Haus blieb still. Ihr Onkel schlief noch und es hatte sich wohl auch kein uneingeladener Besucher hineingeschlichen. Ellie flocht sich ihre rotblonden Haare zu einem praktischen Zopf zusammen und verscheuchte jeden weiteren Gedanken an Astian.
Wenn sie Glück hatte, würde sie nie wieder etwas von dem Magier hören oder sehen. Wenn sie Pech hatte, würde er beschließen, fortan immer zu ihr zu kommen, wenn jemand in seinem Kreis an ihren Onkel verlor. Manchmal fragte sie sich, was ihre Tante wohl zum Treiben ihres Mannes gesagt hätte. Obwohl Amila nun schon seit über einem Jahrzehnt tot war, meinte Ellie, ihre Anwesenheit immer noch in dem alten Haus zu spüren, das sie so geliebt hatte. Vielleicht lag es auch daran, dass sie die vertrauten Züge ihrer Tante in ihrem eigenen Gesicht entdeckte, wann immer sie ihr Spiegelbild sah. Dass sie ihre Tante in sich sah und nicht ihre Mutter, verschaffte ihr ein Gefühl von Befriedigung. Sie hatte ihren geschwungenen Lippenbogen, die Stupsnase und ihre Haare hatten das gleiche Rotblond. Nur wo Tante Amila ihr Haar immer offen getragen hatte, band Ellie sich ihres täglich fest zusammen. Meister Sabian hätte sie anders auch nicht in die Schmiede gelassen, und da Ellie sich nicht in eine Fackel verwandeln wollte, hatte auch sie kein Bedürfnis nach einer anderen Frisur.
Ihre ungehorsamen Gedanken kehrten wieder zu Astian zurück. In ihrem Magen flatterte es kurz, als ob sie einen Schmetterling verschluckt hätte. Ellie ignorierte das Gefühl, so gut sie konnte. Astian war im besten Fall jemand, den sie nie wiedersah, und im schlimmsten Fall ein Problem, wenn er doch zu den Wachen ging.
Doch sie konnte die Handlungen des Magiers so wenig beeinflussen wie die ihres Onkels. Und bei Letzterem hatte sie es wirklich versucht.
Die Küche war in weiches Morgenlicht gehüllt, als sie die Tür öffnete. Es war ihr liebster Raum im alten Haus. Sie hatte Stunden mit ihrer Tante hier verbracht, die sichergegangen war, dass Ellie alles konnte, was sie für ein selbstständiges Leben brauchte. Manchmal hatte sie Onkel Dacian mit Tante Amila über ihre Erziehung streiten hören: Jemand mit ihrem Clannamen sollte nicht wissen müssen, wie man hartnäckige Flecken aus Wollstoff bekam! »Niemand sollte sich zu schade dafür sein, sich um sich selbst kümmern zu können. Selbst wenn das Schicksal sich wendet und Ellie zu Reichtum kommt: Willst du denn wirklich, dass sie von Dienstboten abhängig ist, weil sie nicht einmal weiß, wie man einen Ofen befeuert?« Das antwortende Grummeln Dacians hatte Ellie nicht verstanden, doch die ruhige Entgegnung ihrer Tante begleitete sie seitdem wie ein Talisman. Sie hatte gelernt, dass sie sich im Leben auf nichts verlassen konnte und dass das nichts Schlimmes war: Sie konnte auf sich selbst vertrauen.
Draußen wurde es heller, ein Zeichen für sie, aufzubrechen. Sie hatte eine Stunde Fußmarsch zur Schmuckschmiede vor sich. Ellie griff nach dem schmutzigen Teller, als sie die Haustür hörte. Einen Moment lang dachte sie, der Magier von letzter Nacht wäre zurückgekommen, um Onkel Dacian zur Rede zu stellen, doch dann erkannte sie die schweren Schritte als die ihres Onkels selbst.
»Guten Morgen, meine Liebste.« Er steckte den Kopf zur Küchentür hinein.
Onkel Dacian war ein untersetzter Mann mit hellgrauen Haaren, die ihm bis zum Kinn gingen. Durch seine Glatze auf der Kopfmitte sah es ein wenig so aus, als wären seine Haare aus Versehen von seinem Kopf gerutscht und hielten sich nun verzweifelt an seinen Schläfen fest.
Onkel Dacian achtete penibel auf sein Erscheinungsbild und seine Kleidung. Auch jetzt roch er bereits nach Seife und Parfüm, und sein Morgenmantel war aus schwerem Samt. Niemand, der nicht davon wusste, hätte ihm die sehr begrenzten finanziellen Mittel angesehen. Dummerweise für ihre Familie wusste jedoch die ganze Stadt von ihrer misslichen Lage und ließ sich weder von Samt noch von Seide täuschen, so kunstvoll die Kleidung des Magiers auch ausgebessert war.
Und dummerweise für ihren Onkel kannte Ellie ihn gut genug, dass ein Blick in das sorgfältig gepflegte Gesicht genügte, um die leichten Schatten zu sehen, die sich unter seine Augen gelegt hatten. Hoffentlich hat er nicht wieder Wetten gefälscht. Sie unterdrückte ein Seufzen. Vor allem, wenn Astian herumerzählte, wer ihm den Schuldschein wiederbeschafft hatte – sie würde jede Nacht einen anderen Magier in ihrem Schlafzimmer haben! Und das war ein Satz, den sie vielleicht nicht laut aussprechen sollte.
»Kein Grund, so tadelnd zu schauen«, sagte Onkel Dacian jetzt auch, der ihren Gesichtsausdruck falsch verstanden hatte. »Bei dem Fest letzte Nacht wurde weder gespielt noch gewettet.« Er klang enttäuscht, während Ellie merkte, wie ihr das Herz leichter wurde. Doch nur einen Augenblick.
»Was hat dann so lange gedauert?«, fragte sie misstrauisch. Wie genau ihr Onkel immer noch an Einladungen kam, obwohl ihr Haus in Ungnade war, wollte sie schon länger nicht mehr wissen.
»Die Ballsaison hat auch wieder ein paar alte Freunde in unsere schöne Stadt gebracht«, sagte er, und auch wenn Ellie die ausweichende Antwort als das erkannte, was sie war: Sie hakte nicht weiter nach.
Ihr stand ein anstrengender Tag in der Schmiede bevor, und sie hatte gelernt, dass Diskussionen mit Onkel Dacian lediglich Energie kosteten und außer Frust nichts bewirkten. Ihn davon abzuhalten, sich in Schwierigkeiten zu bringen, war vergebens. Alles, was sie tun konnte, war, den Schaden danach so gut wie möglich auszubügeln. Also ignorierte sie die leicht verknitterte Erscheinung des Mannes und seinen missbilligenden Blick, mit dem er ihre Arbeitskleidung streifte. Auch nach all den Jahren schien es ihn jedes Mal aufs Neue zu überraschen – und zu missfallen –, seine Nichte in einem Gesellenkittel zu sehen. Wenn es nach ihm ging, würde Ellie noch im Bett liegen, um gegen Mittag ihren Morgentee von der Dienerschaft serviert zu bekommen.
Ellie setzte zu einer Verabschiedung an, als ihr Blick auf das Bündel fiel, das er in der Hand trug und das sie erst jetzt als Blumen erkannte. Sie hatte das buntgemusterte Seidenpapier als einen seiner furchtbaren Schals abgetan, die er sie nicht verkaufen ließ. »Wo hast du die denn her?«, fragte sie überrascht.
Onkel Dacian drehte die Blüten zu ihr. Ellie sah sich einer Pracht aus Violett, Blau und Rosa gegenüber, zwischen der kleine Vögelchen aus Glas hervorlugten. Sie war lange genug in die Ballsaison involviert, um die Werkstätte nach dem ersten Blick auf die kunstvoll arrangierten Zweige und Blumen zu erkennen. Es war ein teures Gesteck, keine der günstigeren Optionen für Freundinnen der Angebeteten. Was, bei allen Göttern, machte ihr Onkel mit einem solchen Strauß?
»Ich dachte, du hast nichts angestellt?«, fragte sie mit einem Seufzen. »Oder hast du erst vor, etwas anzustellen?« Sie konnte sich nur zu gut vorstellen, wie ihr Onkel sich mit einem gestohlenen Präsent in den Haushalt einer Villa einschlich, um die Gastgeber dort um ihre Silberlöffel zu erleichtern.
»Also bitte!« Der graue Schnurrbart zitterte vor Entrüstung. »Die standen hier vor der Tür.« Wie zum Beweis deutete er hinter sich, und erst jetzt sah Ellie den schweren Tonkrug im Flur, in dem die Blumen wohl geliefert worden waren.
»Du hättest sie wirklich kaum mit Tonkrug gestohlen«, gab Ellie zu.
»Elliane!«
Sie zuckte bloß mit den Schultern.
»Ich nehme an, sie sind für dich?« Er schaffte es, die Frage gleichzeitig misstrauisch und hoffnungsvoll klingen zu lassen.
»Wohl kaum.« Ellie warf einen kontrollierenden Blick in ihren Beutel, um sicherzugehen, dass sie alles dabei hatte. »Vermutlich falsch zugestellt.«
Die Ballsaison war angebrochen, und Geschenke von Blumen über Konfekt hin zu Schmuck oder neuen Pferden warteten geduldig mit ihren Überbringern vor den Eingangstoren der Villen. Einen Blumenstrauß vorzufinden wäre also nichts Außergewöhnliches – wenn es sich nicht um ihr Haus gehandelt hätte. »Die Villa gegenüber wurde vermietet, vermutlich sind die Blumen für jemanden im Haushalt dort gedacht.«
Sie schüttelte das unangenehme Ziehen in ihrer Brust ab, das sich ihrer bemächtigen wollte. Ellie hatte vor Jahren eingesehen, dass Neid in ihrer Situation vielleicht natürlich war, sie aber nur unglücklich machen würde. Und sie wollte nicht so verbittert enden wie ihr Onkel. Auch wenn sie ihn liebte, er war immer mehr abschreckendes Beispiel als Vorbild gewesen.
