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"Doktor Chancellors Akt" von Johann Marsden Sutcliffe ist ein spannender historischer Roman, der im viktorianischen England spielt. Die Geschichte dreht sich um Dr. Jonathan Chancellor, einen jungen Arzt, der in London praktiziert. Als er unerklärliche Todesfälle unter den Armen der Stadt untersucht, stößt er auf ein Netz von Intrigen und Geheimnissen, das bis in die höchsten gesellschaftlichen Kreise reicht. Chancellor gerät in einen Strudel aus Verschwörungen und muss nicht nur um sein eigenes Überleben kämpfen, sondern auch darum, die Wahrheit ans Licht zu bringen und Gerechtigkeit herzustellen. Der Roman taucht tief in die sozialen und politischen Herausforderungen des viktorianischen Zeitalters ein und beleuchtet Themen wie Machtmissbrauch, Korruption und den Kampf für soziale Gerechtigkeit.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
»Helen, mein Kind, du darfst dich nicht aufregen! Wir sind nun am Ziel; da heißt es, alle seine Selbstbeherrschung zu bewahren.«
»Gewiß, Tante,« antwortete das junge Mädchen, »ich will alles tun, was ich kann, um dem Advokaten den Fall ruhig darzustellen. Wer weiß, ob nicht von einem Wort, das ich vergesse, Johns Leben abhängt.«
»Aber deswegen bin ich ja mitgekommen, wenn ich auch sonst zu solchen Unternehmungen nicht tauge. Ich weiß überhaupt nicht mehr ein und aus, seit diese furchtbare Sache geschehen ist. Seit Johns Verhaftung habe ich in keiner Nacht mehr richtig ein Auge geschlossen. Und nun muß Doktor Serle erkranken –«
»Laß nur, Tante!« unterbrach sie Helen Mowbray. »Wir dürfen jetzt an nichts anderes mehr denken, als Doktor Chancellor für uns zu gewinnen.« Und sie drückte auf den Knopf, der neben der Tür eines im Stil der Königin Anna erbauten Hauses angebracht war. Auf einem Messingschild über der Glocke waren folgende Worte zu lesen: »Dr. Dawson & Dr. Chancellor, Rechtsanwälte.«
Das Gespräch fand an einem frostigen, aber klaren Dezembertag um eine späte Vormittagsstunde auf dem Marktplatz von Lancaster, einem kleinen südenglischen Städtchen, statt. Auf den Gesichtern beider Frauen war schwerer Kummer zu lesen, wenn auch die jugendliche Schönheit der jüngeren den tröstenden Gedanken wachrief, daß solch einem Menschen früher oder später jeder Wunsch in Erfüllung gehen würde.
Inzwischen hatte ein Diener die Tür geöffnet und die Damen in die Kanzlei im ersten Stock geführt, wo der Advokat, Dr. Arthur Chancellor, gerade, in einen hohen Aktenstoß vertieft, an seinem Schreibtisch saß.
Er war der Chef der Firma, denn sein Vater hatte sich schon seit Jahren, nachdem er ein bedeutendes Vermögen erworben hatte, zur Ruhe gesetzt und kümmerte sich nicht mehr um das Geschäft, lebte aber mit seinem unverheirateten Sohn zusammen.
Die Chancellors zählten zu den angesehensten Familien der Grafschaft. Die Rechtsanwälte selbst genossen einen ausgezeichneten Ruf, was wohl am besten dadurch bewiesen wurde, daß alle Grundbesitzer der Umgebung zu ihren Klienten gehörten. Merkwürdigerweise hatten sie sich bisher niemals mit Kriminalsachen abgegeben, und nichts war je imstande gewesen, ein Abweichen von dieser grundsätzlich von ihnen festgehaltenen Regel herbeizuführen.
Dr. Chancellor hätte sich daher, als er an seinem Schreibtisch saß, wohl schwerlich träumen lassen, daß er noch vor Abend seinem Grundsatz untreu werden und sich zur Führung eines der schwierigsten und aufsehenerregendsten Kriminalprozesse bereit erklären würde.
Erst vor wenigen Wochen war in der Nähe Lancasters ein Mord verübt worden, der um so mehr Aufsehen hervorrief, als die Hauptbeteiligten den ersten Kreisen der Gesellschaft angehörten.
John Mowbray auf Manningford House, ein reicher Eisenwerkbesitzer, stand unter dem Verdacht, seinen Nachbarn Francis Trinkall ermordet zu haben. Als Motiv der Tat wurde allgemein der Groll angesehen, den Mowbray gegen Trinkall hegte, seit dieser ein Mädchen geheiratet hatte, mit dem Mowbray verlobt gewesen war.
In den nächsten Tagen – Anfang Januar – sollte der Angeklagte, der im Grafschaftsgefängnis zu Lancaster in Untersuchungshaft saß, vor den Geschworenen erscheinen, um aus ihren Händen sein Schicksal – Freiheit oder Tod – entgegenzunehmen.
Dr. Chancellor hatte wie alle anderen von diesem Fall gehört und sich auch lebhaft dafür interessiert, da ihm sowohl Mowbray als Trinkall gut bekannt waren. Allein seine Geschäftsangelegenheiten drängten dieses Interesse bald wieder in den Hintergrund, war er doch ein vielgesuchter Advokat.
»Zwei Damen wünschen Sie zu sprechen,« meldete der Schreiber Eglington seinem Prinzipal und überreichte ihm zwei Visitenkarten. Chancellor warf einen Blick darauf, ließ die Damen hereinbitten und erhob sich von seinem Sessel, um die Eintretenden zu begrüßen. Er hielt es, nachdem die beiden Platz genommen hatten, für richtig, ihnen seine Teilnahme über das große Unglück, das sie betroffen, auszudrücken, ehe er sich nach dem Zweck ihres Besuches erkundigte. Diese Formalität wußte er jedoch so geschickt jedes rhetorischen Beigeschmackes, der bei einem Advokaten noch um vieles näherliegt als bei einem anderen Menschen, zu entkleiden, daß ihm die beiden Damen, von der Echtheit seines Gefühls überrascht, mit ungewöhnlicher Herzlichkeit dankten.
»Wir sind dazu noch,« fuhr jetzt Helen Mowbray fort, »in der schlimmen Lage, außer unserem Londoner Advokaten ohne jeden Rechtsbeistand dazustehen.«
»Aber soviel ich weiß, hat doch Doktor Serle in Avonbridge die Verteidigung Ihres Bruders übernommen?«
»Ja, aber er ist leider krank geworden,« antwortete Helen Mowbray, »und, wie ich fürchte, durch Ueberanstrengung bei der Führung unserer Sache.«
»Das trifft sich allerdings sehr unglücklich«, stimmte der Advokat bei; »um so mehr als die Schwurgerichtseröffnung so nahe bevorsteht.«
»Kennen Sie Hauptmann Kendell in Manninford?« fragte Fräulein Mowbray.
»Gewiß, er ist ein Vetter meiner Mutter.«
»Nun, er hat mir geraten, die Verteidigung meines Bruders in Ihre Hände zu legen. John wünscht es ebenfalls, denn da die Zeit zur Vorbereitung so kurz ist, muß er einen Anwalt hier im Ort haben, mit dem er sich besprechen und der Dr. Gazabee, unseren Londoner Rechtsanwalt, informieren kann.«
Chancellors Gesicht zog sich bedenklich in die Länge, da er nun wußte, aus welchem Grunde die Damen zu ihm gekommen waren.
»Es gibt allerdings hier noch andere Advokaten«, fuhr Fräulein Mowbray, die den Schatten auf seinem Gesicht bemerkt hatte, fort, »aber wir wüßten niemand anderen, zu dem wir größeres Vertrauen hätten als zu Ihnen. Alle Menschen erzählen nur Gutes über Sie. Ich muß Ihnen sagen, daß mein Bruder sich einzig und allein auf seine Unschuld stützt. Er wird nie zugeben, daß man seine Freisprechung mit unehrenhaften Mitteln oder irgendwelchen Täuschungen anstrebt.« Es lag so viel Angst und Besorgnis im Klang ihrer weichen und melodischen Stimme, daß Dr. Chancellor ein wenig die Fassung verlor. Er war ein großer Verehrer des weiblichen Geschlechtes und man erzählte von ihm, daß er in seinen Studentenjahren die Lippen reizender Frauen eifriger als die Pandekten studiert habe. Aber das lag schon lange zurück.
Jetzt stand vor ihm ein Mädchen, dessen Schönheit weit über die Grenzen der Grafschaft von allen Kennern gepriesen wurde und dessen Kummer den seltsamen Reiz, der von ihrer Person ausging, noch erhöhte.
Trotz alledem erlaubte ihm die Tradition seiner Familie nicht, den Wünschen des jungen Mädchens nachzukommen. Seine Vorgänger hatten nie Kriminalprozesse geführt, und auch er war nicht geneigt, von dieser Regel abzugehen. Wohl verstand er, daß seine Weigerung die Bittende kränken würde, aber er sagte sich, daß es im Interesse des Angeklagten sei, die Verteidigung dem geschicktesten Kriminalisten, den man finden konnte, zu übertragen.
Nachdenklich, mit leicht gerunzelter Stirn, blickte er zum Fenster hinaus und dachte angestrengt darüber nach, wie sich seine Ablehnung am besten motivieren ließe.
Aber dieses Zögern lieferte seiner schönen Gegnerin die Waffen, deren sie bedurfte, um Arthur Chancellor umzustimmen. Als er sie wieder anblickte, fühlte er ihre Augen mit solch flehendem Ausdruck auf sich ruhen, daß sein Entschluß, John Mowbray unter keinen Umständen zu verteidigen, augenblicklich in das Gegenteil umschlug.
Er vermochte das Nein, das er soeben aussprechen wollte, nicht über die Lippen bringen, und stammelte nur etwas von dem großen Bedenken, das er verspüre, eine ihm so ungewohnte Aufgabe zu übernehmen.
»Ich kann nicht glauben, daß irgend jemand meinen armen Bruder besser verteidigen kann als Sie«, sagte Helen mit einschmeichelnder Stimme und beugte sich so weit vor, daß der Advokat den feinen Duft ihrer Haut über den Stoß staubiger Akten hinweg verspürte. »Sie schlagen mir doch meine Bitte nicht ab?«
»Gewiß nicht!« erwiderte Dr. Chancellor rasch, und war damit nicht der erste Mann, den die schönen Augen einer Frau besiegten.
Helen stieß einen Seufzer der Erleichterung aus und dankte ihm mit warmen Worten.
»Ich bitte Sie, mich künftig auch zu Ihren Freunden zu zählen, Miß Mowbray«, sagte der Advokat, der, da er nun einmal die Sache übernommen hatte, ihr auch sein volles Interesse zuwandte. »Ohne Zweifel hätten Sie einen besseren Ratgeber – das heißt einen in Kriminalprozessen erfahreneren – finden können als mich, denn wir haben uns bisher niemals mit dergleichen befaßt. Wenn Sie aber trotzdem wünschen, daß ich die Verteidigung Ihres Bruders in die Hand nehme, so werde ich alles daran setzen, ihm zu helfen.«
»Sie werden sich doch sicher auch auf den Standpunkt stellen, daß mein Neffe unschuldig ist, nicht wahr?« mischte sich Frau Nilson zum ersten Male ins Gespräch.
»Selbstverständlich«, entgegnete Chancellor. »Das Gesetz hält jeden für unschuldig, solange nicht das Gegenteil bewiesen ist, und ich, als sein Verteidiger, wäre natürlich der letzte, ihn für schuldig zu halten.«
»Die Polizei war ganz entgegengesetzter Ansicht«, bemerkte Frau Nilson in bitterem Ton. »Sie hat Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um ihre Meinung als die richtige zu beweisen.«
Chancellor zuckte die Achseln.
»Das ist leider so ihre Art«, sagte er. »Daher kommen auch ihre Mißgriffe und ihre Unfähigkeit, ein Verbrechen aufzudecken. Doch – darf ich fragen, von wem ich das Material für die Verteidigung erhalten werde? Ich müßte ja vor allem die Akten durchsehen.«
»Ich habe sie bei mir«, fiel Helen ein und entnahm einer Mappe, die sie in der Hand hielt, ein umfangreiches Aktenbündel. »Ich habe auch die Notizen, die Doktor Serle sich bei seinen Nachforschungen gemacht hat, sowie einiges Material, das für die Verteidigung von Nutzen sein könnte.«
»Das wird vorläufig genügen«, erwiderte Dr. Chancellor, nachdem er die Akten flüchtig durchgeblättert hatte. »Ich werde mich sogleich an die Durchsicht des Materials machen und Ihnen so bald als möglich Nachricht zukommen lassen.«
Helen erhob sich und streckte ihm ihre schmale Hand hin.
»Ich bin Ihnen unendlich dankbar«, sagte sie, »und setze meine ganze Hoffnung auf Sie.«
»Ich werde mich bemühen, mich Ihres Vertrauens würdig zu erweisen«, erwiderte Dr. Chancellor mit einer Verbeugung und begleitete die Damen hinaus.
Als er an seinen Schreibtisch zurückgekehrt war, zündete er sich eine neue Zigarette an, atmete tief den Rauch ein und murmelte vor sich hin:
»Ein Prachtweib! Oder ich will nicht Arthur Chancellor heißen!«
Es war ihm vollkommen entfallen, was für eine ernste Unterredung ihm mit seinem Partner, Dr. Dawson, bevorstand, wenn dieser erfahren würde, daß die Kanzlei gegen ihr geheiligtes Prinzip einen Kriminalfall übernommen hatte.
Die Unterredung mit dem älteren Partner verlief verhältnismäßig glimpflich, und so machte sich Dr. Chancellor bald an die Prüfung des Aktenmaterials, das Helen Mowbray ihm gegeben und das Dr. Serle, der Rechtsanwalt der so schwer betroffenen Familie, für die Verteidigung des Angeklagten zusammengestellt hatte.
Die Aufgabe war keine leichte, denn bei der gerichtlichen Leichenschau, die mehrere Tage beansprucht hatte, waren so viele Zeugen vernommen worden, daß das Protokoll im Verhältnis zu der scheinbaren Einfachheit des Falles ungewöhnlich umfangreich erschien. Außer dem Protokoll fand Dr. Chancellor noch eine Menge loser Notizen über die beiden Familien Mowbray und Trinkall sowie über deren Beziehungen zueinander; ebenso verschiedene Theorien und Vermutungen über das Verbrechen, die den Zweck verfolgten, John Mowbrays Unschuld darzulegen.
Nach mehrstündigem Studium dieses Materials gelang es dem jungen Advokaten schließlich, sich ein ziemlich klares Bild von der Sache zu machen und eine zusammenhängende Reihenfolge der Tatsachen zu notieren.
Demnach lag der Fall wie folgt:
Der Angeklagte, John Mowbray, Besitzer großer Eisenwerke in Avonbridge, lebte auf seinem fünf Meilen von der Stadt entfernten Gute Manningford House. Sein Nachbar Francis Trinkall, der eine Garnfabrik in Avonbridge besaß, wohnte ebenfalls in dem kleinen Ort Manningford.
Das ehemals sehr große Landgut der Mowbrays war unter dem Großvater des jetzigen Besitzers sehr zurückgegangen, da dieser Spielschulden halber einen bedeutenden Teil seiner Ländereien verkaufen mußte. Sie gingen in die Hände eines gewissen Trinkall über, der eine luxuriöse Villa darauf erbaute und sie im Gegensatz zu dem viel bescheideneren Landhaus seines Nachbars Manningford Hall nannte.
Der Stolz der Mowbrays litt sehr unter der notgedrungenen Zerstückelung ihres alten Familienbesitzes; niemand aber fühlte es schmerzlicher als sein Sohn Ralph Mowbray, der es nicht verwinden konnte, daß ein Teil seines Erbgutes in fremde Hände gefallen war. Es war der Traum seines Lebens, so viel zu verdienen, daß er die verlorenen Grundstücke zurückkaufen konnte.
Durch eisernen Fleiß und große Sparsamkeit gelang es ihm nach dem Tode seines Vaters auch wirklich, ein kleines Kapital zu sammeln und, indem er auf seinem Grund und Boden nach Erzen grub, ein Eisenwerk zu begründen. Unter seiner umsichtigen Leitung blühte das Werk so rasch auf, daß es ihn nach wenigen Jahren zum reichen Mann machte. Nun hätte er mit Leichtigkeit die verlorenen Grundstücke zurückerwerben können, aber der damalige Besitzer Trinkall ließ sich auf keinen Handel ein und kleidete seine Weigerung in so spöttische Worte, daß die dadurch erzeugte Feindschaft zwischen den beiden Männern bis zu ihrem Lebensende währte.
Kurz nach dem Hinscheiden Trinkalls starb auch Ralph Mowbray, nachdem er auf dem Totenbett seinem Sohn John ans Herz gelegt hatte, nichts unversucht zu lassen, den Familienbesitz in seinem ursprünglichen Umfang wieder herzustellen. Der Sohn, der diesen Ehrgeiz seines Vaters in vollem Maße teilte, bemühte sich redlich, das gegebene Versprechen zu halten, aber der junge Trinkall wollte genau so wenig wie sein Vater, etwas von einem Rückkauf hören. Die beiden entzweiten sich nun zwar nicht wie ihre Väter – im Gegenteil, sie verkehrten sowohl geschäftlich als gesellschaftlich sehr viel miteinander – aber John Mowbray machte keinen Hehl daraus, wie schwer ihn die hartnäckige Weigerung seines Nachbars kränkte.
Schließlich kam es doch zu einem offenen Bruch, als sie gleichzeitig um dasselbe junge Mädchen, Annie Sybil Lyle, ein Wesen von großer Schönheit, warben. Miß Lyle hatte einen sehr schwankenden und launenhaften Charakter, und ihre Gedanken standen nach nichts anderem, als stets hübsch gekleidet zu sein und recht vielen Männern den Kopf zu verdrehen. Das gelang ihr nun ausgezeichnet mit John Mowbray, der sich sinnlos in sie verliebte und ihr beharrlich den Hof machte, obwohl, wie sie ihm oft sagte, er eigentlich nicht der Mann war, den sie zu heiraten wünschte. Schließlich kam es doch zu einer Verlobung, und alle hatten sich daran gewohnt, in ihr die künftige Gutsherrin von Manningford House zu erblicken, als plötzlich Miß Lyle ihrem Bräutigam, ohne daß irgendein Streit oder dergleichen vorhergegangen war, in einem Brief mitteilte, daß sie die Verlobung als gelöst betrachte.
John Mowbray faßte die Sache zunächst als eine vorübergehende Laune auf, mußte aber bald erkennen, daß es ihr vollkommen ernst mit ihrem Entschluß war.
Eine Zeitlang benahm er sich wie ein Rasender, und man konnte geradezu für seinen Verstand fürchten. Schließlich beruhigte er sich aber wieder und ließ die Dinge ihren Lauf nehmen.
Etwa ein Jahr später brachte der »Lancaster Tagesbote« die Mitteilung, daß sich Fräulein Lyle und Herr Trinkall verlobt hätten. Als John Mowbray davon erfuhr, wiederholten sich jene Wutanfälle, die schon damals das Entsetzen seiner Schwester und seiner Tante hervorgerufen hatten. Er beschuldigte jetzt geradezu Trinkall, ihm hinterlistig seine Braut abspenstig gemacht zu haben und stieß mehrmals und zum Teil vor Zeugen wilde Drohungen gegen ihn aus.
Zugleich veränderte sich seit jener Zeit sein ganzes Wesen. Er wurde mürrisch und schweigsam und zog sich völlig von der Gesellschaft, deren Zierde er bisher gewesen war, zurück.
Auch seine Lebensweise erhielt einen mysteriösen Anstrich. Er war oft tagelang abwesend, ohne dafür einen Grund anzugeben; selbst seiner Schwester Helen gegenüber, die mehr als einmal versuchte, ihn zum Sprechen zu bringen, blieb er verschlossen. Es konnten keine Geschäftsangelegenheiten sein, die ihn fortriefen, denn sein Vater hatte ihn zu einem Gutsbesitzer erzogen, der sich um die Leitung seiner Eisenwerke in Avonbridge nicht zu kümmern brauchte.
Was also trieb ihn so häufig von seinem Hause fort? Darüber zerbrachen sich viele den Kopf, unter ihnen auch Hauptmann Kendall, ein in der Nachbarschaft lebender pensionierter Offizier. Er stand auf freundschaftlichem Fuß mit den beiden jungen Leuten und hatte sich schon wiederholt bemüht, eine Versöhnung zwischen ihnen herbeizuführen, jedoch stets vergebens. Schließlich gelang es ihm aber, John Mowbray zu bewegen, sich zu einer Zusammenkunft mit Trinkall, der inzwischen Fräulein Lyle geheiratet hatte, in Kendalls Wohnung bereit zu finden. Auch Trinkalls Frau sollte anwesend sein.
Am verabredeten Abend jedoch erschien nur Francis Trinkall, der seine Gattin wegen nervöser Kopfschmerzen, an denen sie litt, entschuldigte. Mowbray blieb ebenfalls – doch ohne Motivierung – fern, und seine Schwester Helen, die sich bei Verwandten aufhielt, war zu dieser Zusammenkunft nicht eingeladen worden.
Bald nach zehn Uhr verließ Trinkall das Haus des Hauptmanns, um, wie er sagte, nach seiner kranken Frau zu sehen. Am folgenden Morgen wurde er als Leiche, mit Stichwunden, im Hals, in Brust und Rücken, am Flußufer gefunden.
Von dem Täter fehlte jede Spur. Merkwürdig war auch, daß der Schauplatz des Verbrechens in entgegengesetzter Richtung von Trinkalls Wohnsitz lag. Was konnte ihn in der dunklen Novembernacht an jenen einsamen Ort am Fluß geführt haben?
Von einem vielleicht stattgefundenen Kampf zwischen dem Mörder und seinem Opfer war nichts zu entdecken, da der Boden durch den eingetretenen Frost hartgefroren war. Auch die Nachforschungen nach der Waffe, mit der die totbringenden Wunden beigebracht worden waren, blieben erfolglos. Keine Waffe wurde gefunden, wohl aber das Armband einer Dame, und zwar in nächster Nähe des Tatortes, an einer Stelle, die im Volksmund »Liebesruhe« hieß. Es war dies eine rohgezimmerte Bank unter einer uralten Eiche von mächtigem Umfang. Im Winter wurde das Plätzchen allerdings selten benutzt; im Sommer jedoch hätte man an schönen warmen Abenden sich kaum unter dem Baum niederlassen können, ohne sich den ewigen Haß einiger Liebespaare zuzuziehen.
Der Fund des Armbandes verursachte der Polizei viel Kopfzerbrechen; auch Dr. Serles Scharfsinn fand keine Lösung dieses Rätsels. Das Schmuckstück war ein breiter Goldreifen mit einem erhabenen Monogramm aus Rubinen und Saphiren, hatte aber besonders an der Innenseite starke Schrammen. Die Initialen des Monogrammes lauteten: A. S. L., was von einigen, die es erfahren hatten, als die Initialen des Mädchennamens der Frau Trinkall, »Anny Sybil Lyle«, gedeutet wurde.
Die junge Frau leugnete jedoch jedes Besitzrecht auf das kostbare Juwel, und erklärte, niemals einen solchen Schmuckgegenstand besessen zu haben. Durch diese Erklärung wurde die Sache noch geheimnisvoller und weder der Staatsanwalt noch der Verteidiger waren imstande, den Eigentümer des mysteriösen Fundstückes festzustellen.
Das Dörfchen Manningford hatte kaum fünfhundert Einwohner, hauptsächlich Taglöhner, die auf den benachbarten Höfen arbeiteten. Sie alle waren über die feige Mordtat entsetzt, und sobald es erwiesen war, daß um die kritische Zeit kein Fremder in der Gegend gesehen worden war und daher auch kein Anhaltspunkt für einen bestimmten Täter gefunden werden konnte, lenkte sich der allgemeine Verdacht auf John Mowbray, dessen gespanntes Verhältnis zu Francis Trinkall jeder im Dorf kannte.
Die Ortspolizei wartete jedoch noch die Ankunft des Grafschaftsinspektors ab, bevor sie in dieser Richtung irgendwelche Schritte zu unternehmen wagte. Sie erstattete dem Polizeichef Brabazon nach seinem Eintreffen Bericht, und dieser begab sich daraufhin zu John Mowbray, mit dem er eine längere Unterredung hatte.
Als der Gutsherr auf Manningford House von der Ermordung Trinkalls erfuhr, geriet er in größte Erregung, was von vielen als Schuldbewußtsein gedeutet wurde. Sobald der Polizeichef jedoch einen Alibibeweis von ihm forderte, fand er seine gewohnte Ruhe und Kaltblütigkeit wieder. Er erklärte, frühzeitig in Angelegenheiten privater Natur fortgeritten und erst spät abends, nachdem die Dienerschaft sich bereits zur Ruhe begeben hatte, zurückgekehrt zu sein.
Ein weiterer Aufschluß war von ihm nicht zu erlangen, da er behauptete, daß seine Ehre ihm verbiete, mehr zu sagen. Er verweigerte jede Auskunft über das Ziel und den Zweck seines Rittes an jenem Tage, selbst dann noch, als Brabazon ihm vorhielt, daß seine wiederholt geäußerten Drohungen gegen Trinkall sehr zu seinen Ungunsten gedeutet werden könnten.
