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Wenn dein Leben dich nervt, fang ein neues an!
Susanne Klein hat genug. Von ihrem langweiligen Leben an der Seite von Steuerberater Dieter, vom eintönigen Alltag, überhaupt vom Susanne-Klein-Sein. Als Dieter ihr zum vierzigsten Geburtstag eine vollautomatische Brotbackmaschine schenkt und sie dann auch noch mit der blutjungen Vanessa betrügt, steht für Susanne endgültig fest: Sie muss hier raus! Also schnappt sie sich Dieters Kreditkarte und fliegt kurzerhand nach Florenz, wo sie sich auf Kosten ihres Mannes ein bisschen Luxus gönnt: Viersternehotel, teure Boutiquen, ein Besuch in der Oper. Susanne genießt das Dolce Vita ohne Dieter in vollen Zügen – und bleibt dabei nicht lange allein ...
Höchst amüsant und erfrischend ehrlich – das perfekte Buch, um Urlaub vom Alltag zu machen
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Seitenzahl: 278
Veröffentlichungsjahr: 2022
Buch
Nomen est Omen – davon ist Susanne Klein überzeugt. Hieße sie Angélique, Laetitia oder wenigstens Alicia, wäre ihr Leben garantiert weitaus aufregender. So aber muss sie sich mit einem ziemlich langweiligen Dasein als arbeitslose Bibliothekarin, Vollzeithausfrau und Gattin von Steuerberater Dieter begnügen.
Zu ihrem vierzigsten Geburtstag bekommt Susanne von Dieter eine vollautomatische Brotbackmaschine, obwohl sie sich ein romantisches Wochenende in Italien gewünscht hat. Als Dieter sich dann auch noch von der blutjungen Vanessa verführen lässt, hat Susanne endgültig genug: Sie steigt in den nächstbesten Flieger nach Italien. Dieters Kreditkarte nimmt sie natürlich mit, und seine Geliebte ebenfalls. Zu Susannes Überraschung ist Vanessa eine tolle Reisebegleitung, denn sie weiß, wie man das Leben genießt …
Weitere Informationen zu Cristina Externest sowie zu lieferbaren Titeln der Autorin finden Sie am Ende des Buches.
Cristina Externest
Dolce Vita ohne Dieter
Roman
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Shakespeare hatte keine Ahnung. Er lag völlig daneben, als er Julia die berühmten Worte in den Mund legte: »Was ist schon ein Name? Was wir eine Rose nennen, würde mit einem anderen Namen genauso süß duften.«
Das war natürlich völliger Unsinn. Und niemand wusste das so gut wie Susanne. Als ob sich ein Romeo jemals in eine Frau verliebt hätte, die zum Beispiel Doris hieß. Oder Irene. Oder eben Susanne.
Susanne!
Dieser Name klang nach: Anzüge immer pünktlich aus der Reinigung abholen, das Essen nie anbrennen lassen, niemals den Geburtstag der Schwiegermutter vergessen, Eingefrorenes grundsätzlich mit Datum beschriften und »für den Notfall« stets Nähzeug in der Handtasche mit sich führen. Neben Taschentüchern und Pflastern, versteht sich.
Eine Susanne war immer nett.
Susanne hatte es satt, Susanne zu sein. Und das nicht erst seit Kurzem. Eigentlich schon seit langer Zeit, genau genommen, seit sie denken konnte. Oder zumindest, seit sie lesen konnte. Also ungefähr seit fünfunddreißig Jahren.
Susanne hatte schon immer gerne gelesen. Schon in der Grundschule war sie ein Bücherwurm gewesen; als Teenager wurde das Lesen geradezu zur Obsession. Tage- und nächtelang entfloh sie so dem Susanne-Sein. Die Heldinnen in ihren Büchern hießen Angélique oder Cassia oder Violetta. Sie waren begehrenswert und umschwärmt, sie lebten auf Schlössern, bekamen Heiratsanträge von Grafen und führten rund um die Uhr ein aufregendes Leben. In teuren Kleidern und auf hohen Schuhen natürlich.
Es war nur folgerichtig, dass Susanne Bibliothekarin wurde. Allerdings hatte sie nicht erwartet, dass sie nach einem fünfjährigen Hochschulstudium in einer kaum frequentierten Kleinstadtbibliothek von morgens bis abends Karteikarten sortieren und Bücher in Regale einräumen würde. Und schon gar nicht erwartet hatte sie, dass nach über zehnjähriger akribischer Pflege besagter Karteikarten – es waren circa achttausend Stück – jemand kommen und die Kärtchen innerhalb von Sekunden entsorgen würde, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken.
Die Stadt hatte auf ein Computersystem umgestellt, und das machte Susannes Arbeit noch langweiliger – aber nicht lange, denn ein halbes Jahr später wurde die Bücherei geschlossen.
Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände wurde Susanne somit im Alter von sechsunddreißig Jahren zur Vollzeit-Hausfrau. Wobei die Verkettung hauptsächlich darin bestand, dass sie mit Dieter verheiratet war. Und die unglücklichen Umstände waren die Tatsache, dass es weder in ihrer Heimatstadt noch in erreichbarer Umgebung eine Bücherei gab, die zusätzlich zu den zwei bis fünf Susannes, die sie bereits beschäftigte, eine weitere brauchte.
Seit vier Jahren widmete sich Susanne nun also mehr oder weniger ausschließlich der Aufgabe, Dieters Leben, das sowieso schon viel zu geordnet war, noch geordneter zu gestalten.
Dieter war Steuerberater. Er hatte eine eigene Kanzlei, die er zusammen mit seiner Zwillingsschwester Anna führte. Das war vielleicht nicht sehr aufregend, aber er war ein zuverlässiger Ehemann, der Susanne ein sorgenfreies und bequemes Leben bot. Und mehr als einen Dieter konnte eine Susanne wohl nicht erwarten.
Ein sorgenfreies und bequemes Leben war wichtig und erstrebenswert, das hatte schon ihre Mutter immer gesagt. Ruth war eine praktisch denkende Frau und hatte ihren Mann Walther – Susannes Vater – ganz offensichtlich nach den entsprechenden Kriterien ausgesucht. Das einzig Aufregende und Unerwartete an Walther war das »h« in seinem Namen. Er war Beamter bei der Stadtverwaltung gewesen und inzwischen im Ruhestand. Wie Susanne war auch ihre Mutter Hausfrau.
Sie könne sich wirklich nicht über Dieter beschweren, fand Ruth. Er verdiente gut, war weder gewalttätig noch Alkoholiker, und er betrog Susanne auch nicht mit anderen Frauen. Er war sauber und ordentlich, und zweimal im Jahr fuhren sie zusammen in den Urlaub. Im Frühsommer nach Portugal und im Herbst nach Wangerooge. Was wollte sie mehr? Susanne hatte doch wirklich allen Grund, zufrieden zu sein.
Sicher, sie wäre gerne auch einmal woanders hingefahren oder zumindest zu einer anderen Zeit verreist, aber Dieter hatte ihren Vorschlägen immer schlagkräftige Argumente entgegenzusetzen: »Was willst du dich denn in den Schulferien mit all den Familien in Spanien um die Sonnenliegen streiten? Außerdem ist es im Hochsommer viel zu heiß am Mittelmeer.« Und: »Italien im Herbst? Wangerooge ist doch schön, außerdem ist der Service im Hotel immer ausgezeichnet.«
Eigentlich hatte Susanne wirklich nie einen Grund gehabt, sich über ihr Leben im Allgemeinen und Dieter im Besonderen zu beschweren. Doch dann war plötzlich alles anders geworden …
Alles begann mit Susannes vierzigstem Geburtstag.
Sie war den ganzen Tag gereizt. Statt stundenlang in der Küche zu stehen, um das Abendessen für die Verwandtschaft vorzubereiten, wäre sie an diesem Donnerstag viel lieber mit ihrem Mann zum Essen ausgegangen. Ihre Eltern und Schwiegereltern, Dieters Tanten sowie seine Zwillingsschwester Anna und ihre beiden Söhne – ebenfalls Zwillinge – hätte man auch am Sonntagnachmittag zum Kaffee einladen können.
Aber Dieter fand, dass es praktischer war, »alles in einem Aufwasch« zu erledigen. »Dann haben wir den Sonntag für uns«, argumentierte er.
Womit gemeint war, dass er bei schönem Wetter in den Tennisclub gehen konnte.
»Aber wenn du unbedingt Kuchen haben willst, dann mach doch einfach eine richtige Geburtstagstorte zum Nachtisch, mit Kerzen zum Ausblasen für die Kinder!«, setzte er hinzu.
Also verbrachte Susanne den Tag damit, das Essen für die Feier am Abend vorzubereiten, was eine Herausforderung darstellte: Anna war derzeit Veganerin, Susannes Vater musste wegen seines hohen Blutdrucks salzlos essen, Tante Zelda litt unter Gluten-Intoleranz, Schwiegermutter Inge mochte keinen Fisch, die Zwillinge aßen kein Gemüse, und Dieter vertrug keinen Käse.
Damit jeder genug Auswahl hatte und sich niemand zurückgesetzt fühlte, musste Susanne also mehrere Gerichte zubereiten. Und wie von Dieter gewünscht, backte sie auch die Geburtstagstorte – aus Rücksicht auf Tante Zelda glutenfrei, versteht sich. Für Anna gab es einen Kuchen ohne Eier, was sich im Nachhinein allerdings als unnötig erwies: Just an diesem Tag hatte Dieters Zwillingsschwester nämlich beschlossen, Diät zu machen und nichts Süßes zu sich zu nehmen.
Der Abend hielt keine großen Überraschungen bereit. Die Feier verlief wie immer.
Vor dem Essen diskutierte man über Steuervorteile. Auch Dieters Vater und dessen Schwester Zelda waren Steuerberater, inzwischen allerdings im Ruhestand. Während des Essens drehte sich das Gespräch um Schlankheitskuren und die Beschwerden, die eine falsche Ernährung mit sich brachte. Nach der Torte ging man – bis auf Susanne, die den Tisch abräumte und dann in der Küche die Geschirrspülmaschine füllte – hinüber zum Wohnbereich und begutachtete dort das Geschenk, das Susanne von Dieter bekommen hatte: eine vollautomatische Brotbackmaschine mit Multifunktion.
Susannes Vater Walther und Dieters Vater Rolf stürzten sich sofort auf die Betriebsanleitung, um sie eingehend zu studieren. Ruth, Schwiegermutter Inge sowie Tante Hanne waren von dem Rezeptbuch, das der Maschine beilag, begeistert, und die Zwillinge spielten auf ihren Handys. Dieter und Anna besprachen Geschäftliches mit Tante Zelda, die noch hin und wieder in der Kanzlei aushalf.
»Hast du gesehen, dass du die Maschine so programmieren kannst, dass sie beispielsweise um vier Uhr früh anspringt?«, rief Walther so laut, dass Susanne es in der Küche hören konnte. »Du musst nur abends vor dem Zubettgehen den Teig einfüllen, dann hast du um sechs Uhr backfrisches Brot!«
»Du kannst sogar eine Fernbedienung mit ans Bett nehmen, falls du kurzfristig beschließt, dass die Maschine früher oder später anspringen soll«, rief Rolf, gleichermaßen angetan.
»Das wird nicht nötig sein«, rief Susanne zurück.
»Wieso?«, fragte ihr Schwiegervater erstaunt.
»Ich esse morgens Müsli und Dieter grundsätzlich nur Rühreier!«
»Ja, aber wenn mal Besuch kommt«, führte Ruth an.
Susanne packte den letzten Teller in den Geschirrspüler und ging dann zu den anderen in den Wohnbereich. »Um sechs Uhr morgens?«
Ihre Mutter sah sie an, als hätte sie etwas völlig Unpassendes gesagt. Vielleicht sollte sie sich doch etwas mehr für die Brotbackmaschine begeistern, überlegte Susanne. Das Geschenk war immerhin besser als die Geflügelschere vom letzten Jahr. Aber ehrlich gesagt hatte Susanne insgeheim auf ein Wochenende in Italien gehofft. Oft genug erwähnt hatte sie es ja.
Die Brotbackmaschine sei Annas Idee gewesen, wie Dieter ihr morgens beim Auspacken stolz verraten hatte. »Das ist die beste und teuerste, die es auf dem Markt gibt. Ich muss mal sehen, ob wir die nicht irgendwie absetzen können.«
»Also hier sind wirklich tolle Rezepte drin«, begeisterte sich Tante Hanne, die immer noch in dem Rezeptbuch blätterte.
»Du hättest ja auch gleich mal ein Brot backen können!«, meinte Ruth. Klang ihre Stimme vorwurfsvoll, oder bildete Susanne sich das nur ein?
»Für heute Abend?«, fragte sie verblüfft.
Ruth zuckte die Achseln. »Ja, warum nicht, und dazu gleich noch eine Käseplatte.«
»Eine Käseplatte ohne Gluten und Käse?«, gab Susanne genervt zurück.
»Jetzt sei doch nicht so pedantisch, Susanne!«, kam Dieter seiner Schwiegermutter zu Hilfe.
»Ich bin mir sicher, dass es in diesem Buch auch Rezepte für glutenfreies Brot gibt«, sagte Anna schnippisch.
Susanne erinnerte sich plötzlich an das Geschenk, das Anna letztes Jahr von Dieter zum Geburtstag bekommen hatte: eine wunderschöne Armbanduhr. Mit Swarovski-Steinen.
Schnell schob sie den Gedanken fort und überlegte, wo sie die Brotbackmaschine am besten unterbringen sollte. In der Küche war definitiv kein Platz. Vielleicht im Keller? Im Schrank hinter der Eismaschine war vielleicht noch genügend Stauraum, aber die Maschine war ganz schön breit, vielleicht konnte man dann die Tür nicht mehr schließen. Am besten maß sie das Fach erst genau aus, bevor sie morgen das schwere Teil nach unten wuchtete. Hier im Wohnzimmer konnte die Brotbackmaschine jedenfalls nicht stehen bleiben.
Die Unterhaltung plätscherte noch eine Weile vor sich hin. Dann gab Inge, die meistens früh müde wurde (weil sie grundsätzlich in aller Herrgottsfrühe mit dem täglichen Hausputz begann), wie üblich das Startzeichen zum Aufbruch: »Dieter muss doch sicher morgen früh raus.«
»Ein Gutes hat es ja, wenn man unter der Woche feiert: Die Gäste sind früh weg«, frohlockte Dieter zufrieden, als um halb elf alle gegangen waren. Womit er meinte: Ich bin morgen nicht zu müde für meinen Tennisabend.
Susanne allerdings war ganz schön erschöpft. Nachdem Dieter ins Bett gegangen war, räumte sie noch schnell die Gläser in die Küche und machte sich daran, vorsichtig das Kerzenwachs vom Tisch zu kratzen. Die Zwillinge hatten beim Ausblasen der Geburtstagskerzen eine ziemliche Sauerei veranstaltet. Da versuchte man am besten schnellstmöglich zu retten, was zu retten war. Der Tischläufer war sicher hin, aber von dem Holztisch ließ sich das Wachs vielleicht noch entfernen.
Am nächsten Tag räumte Susanne das Haus auf, bügelte Dieters Hemden, kaufte fürs Wochenende ein und schaffte die unhandliche Brotbackmaschine in den Keller. Dann fuhr sie noch schnell zu ihren Eltern, um ihnen den Rest des Geflügelsalates vorbeizubringen. Ihre Mutter würde sich bestimmt darüber freuen (»Den isst Vati doch so gerne!«), dachte sie.
Ruth war enttäuscht, dass Susanne kein Brot mitbrachte. »Ich habe natürlich gedacht, dass du wenigstens heute die schöne neue Maschine ausprobierst, mich hätte ja sehr interessiert, wie sie sich reinigen lässt«, sagte sie säuerlich. Susanne verabschiedete sich schnell, sie musste ja noch kochen.
Als Dieter von der Arbeit kam, hatte sie ein leichtes Abendessen vorbereitet – Dieter wollte ja noch zum Tennis. Nach der Mahlzeit brachen sie beide auf. Dieter spielte freitagabends immer mit Freunden Doppel und trank anschließend im Clubhaus ein paar Bier. Susanne besuchte dann immer ihren Buchclub.
Der Buchclub wurde abwechselnd von einer der Teilnehmerinnen ausgerichtet. Sieben Frauen, alle mehr oder weniger in Susannes Alter:
Heike, eine ehemalige Schulfreundin, war Kundenbetreuerin in der örtlichen Sparkassenfiliale. Dagmar war in der Altenpflege tätig und eine Freundin von Renate – Hausfrau und Nachbarin von Heike. Karin arbeitete seit der Mittleren Reife für eine eingesessene Firma, die Dichtringe herstellte. Sie war inzwischen dort Sachbearbeiterin und seit zwei Jahren in Teilzeit tätig. Ute und Ulla waren beide Hausfrauen. Ute ging mit Karin, Heike und Suanne zum Chor. Ulla hatte Susanne durch die Bücherei kennengelernt.
Meistens ging es beim Buchclub recht entspannt zu. Die Gastgeberin sorgte für die Getränke: In der Regel Tee oder Saft, hin und wieder war man auch mal so kühn und machte eine Flasche Wein auf – und das, obwohl fast immer alle mit dem Auto da waren!
Die aktuelle Lektüre war ein Werk mit dem Titel Die andere Frau. Darin ging es um eine Ehefrau, die seit Jahren von ihrem Mann betrogen wurde, ohne davon eine Ahnung zu haben. Susanne fand das Buch nicht besonders spannend, freute sich aber dennoch auf den Abend. Langweiliger als ihre Geburtstagsfeier konnte er kaum werden.
Als sie mit einigen Minuten Verspätung bei Karin eintraf, waren bis auf Ulla alle bereits versammelt. Man saß etwas beengt am Esstisch in der Küche. Im großen Wohnzimmer nebenan wäre es weitaus bequemer gewesen, aber da war bereits Steffen, Karins Mann, und guckte Sport. Das ergab Sinn, schließlich war der Fernseher in der Küche ein bisschen kleiner, und Fußball wirkte auf einem großen Bildschirm nun mal viel besser.
»Ach«, sagte Dagmar nur enttäuscht, noch bevor Susanne die Runde begrüßen konnte. Susanne blickte die Freundinnen fragend an.
»Wir dachten, du hättest was zum Knabbern mitgebracht«, erklärte Ute.
»Schokonüsse und Chips oder so was«, ergänzte Heike.
»Machst du doch sonst auch immer«, setzte Karin in vorwurfsvollem Ton hinzu.
»Ja, tut mir leid«, sagte Susanne. »Ich hatte gestern noch was besorgt, aber Dieter hat alles an die Zwillinge verfüttert.«
»Gestern Abend?« Heike überlegte. Dann schlug sie sich gegen die Stirn. »Ach, du hattest ja Geburtstag, das hatte ich völlig vergessen! Das tut mir aber jetzt leid … Wie peinlich.«
»Du hättest aber auch mal was sagen können!«, schaltete sich Dagmar wieder ein. »Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich eine Flasche Sekt besorgt«, fügte sie leicht beleidigt hinzu.
Heike entschuldigte sich für ihre Vergesslichkeit, Dagmar wiederholte, dass Susanne ja wirklich etwas hätte sagen können, und Karin ärgerte sich, dass sie keinen Sekt im Haus hatte. Renate schlug vor, später mit Tee anzustoßen, und Ute meinte, dass sie ja einen Kuchen hätte backen können.
»Das macht doch nichts«, beruhigte Susanne die Damen.
In dem Moment klingelte es. »Das wird Ulla sein«, sagte Karin und ging, um die Tür zu öffnen.
Es war in der Tat Ulla, aber sie war nicht alleine. In ihrer Begleitung war eine junge, sehr attraktive Blondine. Sie war stark geschminkt, trug einen kurzen Rock, hohe Schuhe und ein enges T-Shirt. Bei diesem Aufzug kam man nicht umhin, ihre wohlgeformten Beine und die imposante Oberweite zu bemerken.
»Ich habe Vanessa mitgebracht«, erklärte Ulla.
Vanessa war allen seit Jahren ein Begriff: Sie war Ullas Nichte, vierundzwanzig Jahre alt, lebte in Köln und hatte neben einer abgebrochenen Schulausbildung zwei abgebrochene Lehren vorzuweisen. Vor Kurzem hatte sie es – aufgrund welcher Fähigkeiten auch immer – geschafft, eine gut bezahlte Stelle bei einem Tourismusunternehmen auf Gran Canaria an Land zu ziehen. Dorthin würde sie in ein paar Wochen übersiedeln. Weil sie ihre Wohnung in Köln bereits gekündigt hatte, lebte sie übergangsweise bei Ulla.
Renate organisierte einen weiteren Stuhl, während die anderen einfach nur Vanessa anstarrten.
Jetzt zauberte Ulla eine Flasche Sekt aus ihrer Tasche und überreichte sie Susanne: »Herzlichen Glückwunsch nachträglich!«
Karin schnappte Susanne die Flasche sofort aus der Hand. »Die stelle ich am besten erst mal kalt, damit wir dann gleich anstoßen können.«
»Also, wenn man mir was gesagt hätte, dann hätte ich ja auch Sekt mitbringen können«, wiederholte Dagmar in pikiertem Ton.
»Und ich hätte eine Torte gemacht, wenn man mir Bescheid gegeben hätte«, erklärte Ute noch einmal.
Heike wechselte schnell das Thema. »Du bist also Vanessa«, wandte sie sich an die junge Frau.
»Wir haben schon viel von dir gehört«, ergänzte Renate.
»Schön, dass wir dich mal persönlich kennenlernen«, meinte Ute. Susanne fand allerdings nicht, dass sie besonders erfreut aussah.
»Ulla meinte, ich sollte mal euren Buchclub kennenlernen«, erwiderte Vanessa. Allerdings wirkte sie nicht gerade so, als ob sie die Ansicht ihrer Tante teilte.
Man beäugte sich gegenseitig. Vanessa sah sich die Bekannten ihrer Tante genau an; Heike, Dagmar, Renate, Karin, Ute und Susanne musterten Ullas Nichte von Kopf bis Fuß.
Die Buchclubmitglieder sahen alle recht durchschnittlich aus, fand Susanne. Keiner der Damen fehlte ein Bein oder ein Ohr, keine war besonders hässlich oder hatte eine Warze auf der Nase. Man konnte nur nicht gerade sagen, dass sie das Beste aus ihrem Typ machten. Sie sahen bieder aus und waren mehr oder weniger konservativ gekleidet. Ein Besuch beim Frisör und bei der Kosmetikerin hätte den meisten gutgetan, und Dagmar und Renate hätten mal eine Diät gebrauchen können. Heike, Karin, Ute und Ulla sah man definitiv ihr Alter an – sie sahen keinen Tag jünger aus als vierzig.
All das konnte man von Vanessa nicht behaupten.
Natürlich, dachte Susanne, für einen Moment frustriert. Eine Vanessa kann gar nicht bieder sein. Nomen est omen. Dieters Tanten Hanne und Zelda waren der beste Beweis dafür: Hanne war Hausfrau. Zelda dagegen (die im Übrigen gar nicht kochen konnte) hatte die Welt gesehen, als Steuerberaterin immer gut verdient und machte auch jetzt noch oft Urlaub in Italien und Afrika. Sie kleidete sich gut und aß mindestens dreimal die Woche auswärts.
Nicht zum ersten Mal dachte Susanne darüber nach, was aus ihr selbst geworden wäre, wenn sie nicht Susanne, sondern Angélique geheißen hätte. Oder Laetitia oder Allegra oder wenigstens Alicia. Sie hätte Schauspielerin werden können! Oder Spionin. Aber mit Sicherheit wäre sie heute keine mit einem Dieter verheiratete Hausfrau in einer Kleinstadt. Davon war sie überzeugt. Und mit Sicherheit hätte niemand es gewagt, ihr zum vierzigsten Geburtstag eine vollautomatische Brotbackmaschine mit Fernbedienung zu schenken.
Auf der anderen Seite – das musste ja auch mal gesagt werden – starb eine Susanne nicht mit vierzig an einer Überdosis. Oder wurde von ihrem zwanzig Jahre jüngeren Liebhaber verlassen und erst Tage später von der Putzfrau mit aufgeschnittenen Pulsadern in der Badewanne gefunden. Eine Susanne verlor auch nicht plötzlich ihr ganzes Hab und Gut. Eine Susanne war selbst gegen Wasserschäden versichert.
War sie undankbar? Sie hatte ein schönes Haus, einen Ehemann, der gar nicht so schlecht aussah, und die Brotbackmaschine schien ja das beste und teuerste Modell zu sein, das der Markt hergab. Hatte Anna gesagt. Anna – der Dieter zum Geburtstag eine schöne Uhr geschenkt hatte. Um die Susanne sie beneidete.
Aber warum sollte Dieter ihr auch eine Uhr schenken? Wo sie doch sowieso immer pünktlich war?
Vanessa unterbrach ihre Gedanken. »Worum geht es denn in dem Schinken?«
Susanne brauchte einige Sekunden, um zu realisieren, dass Vanessa das Buch meinte, das in der Mitte des Tisches lag und an den Grund des Treffens erinnern sollte: Die andere Frau, eine Taschenbuchausgabe mit gerade mal 268 Seiten. In Susannes Augen wohl kaum ein »Schinken«, aber anscheinend sah Vanessa das anders. Sicher las sie normalerweise nur Zeitschriften? Oder vielleicht las sie überhaupt nicht?
Ulla klärte ihre Nichte in ein paar Sätzen über den Inhalt auf, was Vanessa nur mit einem gelangweilten Schulterzucken kommentierte, bevor sie sich an Susanne wandte: »Du hattest also gestern Geburtstag.«
»Einen runden sogar«, erklärte Heike, bevor Susanne etwas sagen konnte. »War es denn eine schöne Feier?«
»Ach, ganz nett. Wie immer.« Susanne versuchte, enthusiastischer zu klingen, als sie sich fühlte.
»Was hat dir Dieter denn geschenkt?«, fragte Dagmar neugierig.
Das war wieder mal typisch, dachte Susanne. Dagmar musste immer alles wissen.
Alle blickten Susanne erwartungsvoll an.
»Eine vollautomatische Brotbackmaschine mit Fernbedienung«, antwortete Susanne.
»Welches Modell?«, erkundigte sich Renate sofort.
»Hattest du denn noch keine?«, fragte Ute.
»Ich habe ja schon seit Ewigkeiten die alte von meiner Schwester, die funktioniert immer noch gut«, meinte Dagmar.
»Ich habe ein tolles Buch mit Rezepten für Brot, das kannst du dir gerne ausleihen«, bot Ulla an.
»Die kannst du sicher so programmieren, dass sie sich nachts einschaltet, oder?«, wollte Karin wissen.
Nur Vanessa starrte Susanne ungläubig an. »Dein Mann hat dir zum vierzigsten Geburtstag eine Brotbackmaschine geschenkt?« Dabei machte sie ein Gesicht, als hätte Susanne ihnen eröffnet, dass ihr Gatte ihr eine sprechende Rakete oder ein Schwein mit zwei Köpfen gekauft hatte. »Echt jetzt?«
»Vanessa! Hast du überhaupt eine Ahnung, was diese Maschinen kosten?«, rief Ulla ihre Nichte zur Räson.
Aber Vanessa ignorierte den Kommentar ihrer Tante komplett. »Ein Haushaltsgerät? Zum Geburtstag?«, wiederholte sie fassungslos.
»Uwe hat mir eine Brosche zum Vierzigsten geschenkt«, meinte Heike schnell. Sie ließ das Wort »Brosche« klingen, als wären es Diamantohrringe, fand Susanne.
»Er arbeitet ja auch bei einem Juwelier«, konnte sie sich nicht verkneifen zu sagen.
»Bei einer Juwelierkette«, korrigierte Heike sie.
»Trägt man heutzutage überhaupt noch Broschen?«, fragte Vanessa.
Ulla warf ihr einen warnenden Blick zu, doch der konnte ihre Nichte nicht stoppen.
»Wolltest du denn unbedingt dieses Brotdingsbums haben?«, fragte sie Susanne.
»Nein«, sagte Susanne wahrheitsgemäß. »Ich wollte ein Wochenende in Italien.«
»Und wieso hast du das nicht bekommen? Sondern eine Brotbackmaschine?«
»Tja«, sagte Susanne und seufzte.
»Also, von so einer Brotbackmaschine hast du dein ganzes Leben lang was«, erklärte Ute.
Susanne stellte sich vor, wie die Brotbackmaschine jahrelang im Keller stand und wertvollen Stauraum wegnahm. »Italien wäre aber schon schön gewesen«, sagte sie wehmütig.
»Ach ja, man kann eben nicht alles haben«, sagte Renate.
»Stimmt«, pflichtete Ute ihr bei.
»Wenigstens hast du einen treuen Mann, der dich nicht betrügt«, meinte Dagmar. Und mit Blick auf das Buch, das nach wie vor mitten auf dem Tisch lag und an den Grund ihres Zusammenseins erinnern sollte, setzte sie hinzu: »Hat ja auch nicht jede!« Anscheinend war sie sehr interessiert daran, zum Thema zurückzufinden. Schließlich hatte sie das Buch auch vorgeschlagen.
»Kein Mann ist treu, wenn er auf die Probe gestellt wird«, behauptete Vanessa.
»Vanessa!«, rief Ulla entsetzt.
»Wie kannst du nur so etwas sagen!«, entrüstete sich Heike.
»Du hast doch keine Ahnung!«, meinte Renate.
»Du kennst doch Dieter überhaupt nicht!«, sagte Dagmar.
»Also, das ist doch völliger Unsinn«, ereiferte sich Ute.
Karin stand auf. »Ich hol mal Gläser«, verkündete sie. »Ich habe die Flasche ins Eisfach gelegt, vielleicht ist sie schon kalt.«
Für einen Moment herrschte Schweigen, dann ergriff Ute wieder das Wort. »Die Frau in dem Roman ist ja wohl eine Ausnahme!« Sie sah Vanessa angriffslustig an.
Diese zuckte nur mit den Schultern.
Jetzt wurde Renate ein bisschen lauter. »Wie gesagt, Vanessa, du hast keine Ahnung, wovon du sprichst!«
»So, jetzt stoßen wir erst mal auf Susanne an«, flötete Karin, während sie mit acht Sektschalen und der Flasche auf einem Tablett zurück zum Esstisch schwebte und begann, den nicht wirklich kalten Sekt auf die Gläser zu verteilen.
»Auf das Geburtstagskind!«
Man stieß auf Susanne an, die leicht gequält in die Runde blickte.
Dieses halb volle Gläschen wird wohl kaum ausreichen, meine Nerven zu beruhigen, dachte sie im Stillen. Was wohl heute mit ihr los war? Sie nippte an ihrem Sekt.
Vanessa hingegen leerte das Glas in einem Zug. »Das war ja wohl was für den hohlen Zahn«, verkündete sie und wandte sich dann an ihre Tante. »Ich hab dir ja gesagt, du hättest zwei oder drei Flaschen mitnehmen sollen.«
»Aber es müssen doch alle noch fahren!«, entrüstete sich Ulla.
»Wie gesagt, wenn ich etwas gewusst hätte, dann hätte ich auch einen Sekt mitgebracht«, wiederholte Dagmar.
»Zum Anstoßen reicht es doch völlig«, versuchte Susanne, die Gemüter zu beruhigen.
»Also mir ist völlig unklar geblieben, warum ihr Mann sie betrügt, sie waren doch glücklich verheiratet«, brachte Karin das Thema wieder auf den Anlass des Abends und wies mit einer Kopfbewegung auf das Buch.
Vanessa verdrehte demonstrativ die Augen.
Ute, die sich anscheinend besonders von Vanessas Theorie zum Thema männliche Treue angegriffen fühlte, konterte sofort: »Unsere Männer sind jedenfalls treu und würden uns nie betrügen!«
»Ein Mann, der seiner Frau zum vierzigsten Geburtstag eine vollautomatische Brotbackmaschine schenkt, würde sie auch betrügen. Vorausgesetzt, es ergibt sich die Gelegenheit. Glaubt mir«, sagte Vanessa ruhig.
»Vanessa!« Ulla war dieses Gespräch offensichtlich mehr als peinlich. Sie blickte Susanne entschuldigend an.
»Also, mein Jochen hätte gar keine Zeit, mich zu betrügen«, sagte Renate.
»Steffen wäre viel zu faul dazu«, erklärte Karin.
»Ich glaube, dass Dieter mich nicht betrügen würde«, sagte Susanne nach kurzem Zögern. War das eine Vermutung oder ihre Überzeugung, überlegte sie.
»Wetten, er würde es doch tun?«
»Vanessa, jetzt reicht es aber!«, fuhr Ulla ihre Nichte an.
»Du willst mit mir wetten?«, fragte Susanne ungläubig. »Wie stellst du dir das vor?«
Merkwürdigerweise war sie nicht verärgert. Sie fand das Gespräch sogar interessant. Und das kam dieser Tage weiß Gott selten genug vor.
»Ich wette, er würde sich von mir verführen lassen«, erklärte Vanessa. »Noch ist mir jedenfalls kein Mann begegnet, der sich nicht verführen ließ. Gib mir zwei Wochen, und ich liefere dir den Beweis.«
»Also, jetzt ist aber wirklich Schluss!« Ulla lächelte nervös. »Vanessa macht natürlich nur Spaß«, ergänzte sie unsicher.
»Ich nehme die Wette an«, entgegnete Susanne entschlossen.
»Um was willst du denn wetten?«, fragte Dagmar.
»Wette doch um die Brotbackmaschine«, meinte Heike spöttisch.
»Gute Idee«, sagte Susanne.
»Ich brauche aber keine Brotbackmaschine«, erklärte Vanessa.
»Du kannst sie ja verkaufen. Dafür bekommst du mindestens vierhundert Euro«, schlug Susanne vor.
»Wir wetten also um vierhundert Euro. Abgemacht!«, sagte Vanessa zufrieden.
»Aber du kannst doch die Brotbackmaschine nicht weggeben! Was würde denn Dieter dazu sagen!«, protestierte Ulla.
»Das dürfte sie doch wohl kaum interessieren, nachdem er sie betrogen hat, meinst du nicht?«, entgegnete Vanessa, bevor Susanne etwas sagen konnte.
»Aber ihr könnt doch nicht ernsthaft …«
»Doch!«, unterbrachen Vanessa und Susanne Ulla gleichzeitig.
»Aber du hast doch gar keine vierhundert Euro«, gab Ulla zu bedenken.
»Noch nicht«, sagte Vanessa.
So anregend war der Buchclub schon lange nicht mehr, dachte Susanne am nächsten Morgen, während sie das Frühstücksgeschirr abräumte.
Dieter war »mal eben kurz« in die Kanzlei gefahren. Das machte er manchmal samstagmorgens – meistens, wenn Gartenarbeit anstand. Heute freute sich Susanne darüber, denn so hatte sie Zeit, in Ruhe über den gestrigen Abend nachzudenken.
Beim Abschied vor Karins Haustür hatte sie Vanessa noch schnell ein paar Informationen über Dieter gegeben: die Adresse der Kanzlei, eine Liste der Restaurants und Cafés, in denen er üblicherweise zu Mittag aß, wo er zum Frisör ging, sowie den Namen seines Tennisclubs. Außerdem wollte Vanessa noch Dieters Autokennzeichen wissen und ein Foto von ihm haben. Das Bild hatte Susanne ihr direkt per WhatsApp geschickt. Vanessa hatte den Eingang mit »Sieht ja gar nicht übel aus« kommentiert.
»Möchtest du auch seine Handynummer haben?«, hatte Susanne gefragt.
Doch Vanessa hatte nur abgewinkt. »Nicht nötig, die wird er mir schon selbst geben.«
Auch weitere Angaben über Dieters Tagesablauf und seine anstehenden Termine hatte Vanessa dankend abgelehnt. »Überlass das alles nur mir. Spätestens in zwei Wochen bringe ich dir Ergebnisse.«
»Wenn was ist, dann hast du ja meine Telefonnummer«, sagte Susanne.
»Was soll denn sein?«, hatte Vanessa nur gefragt und sich dann schnell verabschiedet. Winkend war sie zum Wagen ihrer Tante gelaufen, die bereits ungeduldig hupte.
Heute Morgen hatte Susanne für einen Moment kalte Füße bekommen. Beinahe hätte sie Vanessa eine Nachricht geschickt mit der Bitte, alles abzublasen. Aber dann hatte doch die Neugier gesiegt. Sie wollte unbedingt wissen, ob Vanessa recht hatte! Würde Dieter tatsächlich schwach werden?
Beim Rasenmähen überlegte Susanne, ob Vanessa wohl heute schon in Aktion treten würde. Vielleicht hatte sie sogar schon etwas unternommen? Susanne konnte sich zwar nicht vorstellen, dass Ullas Nichte am Samstag freiwillig früh aufstand. Oder an irgendeinem anderen Tag der Woche. Andererseits wusste sie, dass Ulla spätestens um acht Uhr begann, das Haus von oben bis unten zu saugen. Mit einem professionellen Industriestaubsauger, den ihr ihr Nachbar, ein Staubsaugervertreter, organisiert hatte. Das Monster (der Industriestaubsauger, nicht der Nachbar!) fraß alles, was nicht niet- und nagelfest war. Letztes Jahr hatte Ulla in ihrer morgendlichen Reinigungswut doch tatsächlich den Hamster ihres Sohnes aufgesaugt! Und die Maschine war nicht nur extrem saugstark, sondern auch extrem laut.
Es war also anzunehmen, dass Vanessa heute nicht ausschlafen würde. Würde sie bereits an diesem Vormittag versuchen, mit Dieter Kontakt aufzunehmen? Und wenn ja, wie?
Susanne horchte in sich hinein. War »aufgekratzt« das richtige Wort, um zu beschreiben, wie sie sich fühlte? Sie war unruhig, aber nicht beunruhigt. Eher angeregt als aufgeregt. Interessiert. Und in jedem Fall weniger gelangweilt als sonst. War sie wirklich restlos davon überzeugt, dass Dieter nicht schwach werden würde? So musste es wohl sein – denn sonst wäre sie doch beunruhigt gewesen? Besorgt? Misstrauisch? Eifersüchtig?
Stattdessen fühlte sie sich geradezu beschwingt. Sie hatte mehr Energie als üblich. Sie war neugierig, realisierte sie plötzlich. Und das war sie schon lange nicht mehr gewesen.
Die Frage, ob Vanessa schon in Aktion getreten war, wurde beantwortet, als Dieter gegen zwei Uhr nach Hause kam. Susanne war gerade aus dem Garten gekommen, um ein leichtes Mittagessen vorzubereiten, da spazierte er pfeifend zur Tür herein. Auf seinem ehemals weißen Hemd, das er nur wenige Stunden zuvor frisch angezogen hatte, prangte ein riesiger Kaffeefleck.
»Was ist dir denn passiert?«, fragte Susanne.
»Ach, nichts weiter«, brummte er.
»Wie, nichts weiter? Was ist denn mit deinem Hemd?«
»Ich bin auf dem Bürgersteig mit einer Person kollidiert, die hatte einen Kaffee in der Hand. Hat aufs Handy geguckt, nicht aufgepasst und ist dann voll in mich reingelaufen.« Dieter schüttelte den Kopf. »Aber es ist ja nichts weiter passiert.«
»Was war das denn für eine Person?«, erkundigte sich Susanne.
»Bitte?«, gab er abwesend zurück.
»Ja, wer ist denn in dich reingelaufen?«, wollte Susanne wissen.
»Irgend so eine Frau halt. Details habe ich mir nicht gemerkt.«
»Na ja, war sie jung, war sie alt?«, hakte Susanne nach.
Dieter wurde ungeduldig. »Woher soll ich das denn wissen? Ich war total überrascht, ist doch auch egal.« Er wandte den Blick ab und konzentrierte sich darauf, seine Schuhe auszuziehen.
Ullas Staubsauger hatte Vanessa also früh am Morgen aus dem Bett geworfen und zur Aktion getrieben, da war sich Susanne fast sicher. Ganz schön clever von ihr, auf diese Weise Kontakt aufzunehmen. Auf die Idee musste man erst mal kommen! Vielleicht verführte Vanessa ja häufiger fremde Männer?
»Hat sie sich wenigstens entschuldigt?«, fragte Susanne.
»Wer?« Dieter versuchte offenbar, zerstreut zu klingen.
»Na, die Frau, die in dich reingelaufen ist!«
»Ach die! Hm, glaub schon. Ging ja alles so schnell. Haben wir was zum Mittagessen?«
»Ich wollte gerade einen Salat machen. Ich wusste ja nicht, dass du so früh zu Hause sein würdest.«
»Salat!«, wiederholte Dieter so wenig begeistert, als hätte Susanne ihm vorgeschlagen, geschmorte Schuhsohlen zu essen.
Sie sagte nichts.
Er seufzte. »Ich geh erst mal mein Hemd ausziehen.«
»Gib es mir doch gleich, dann stecke ich es in die Waschmaschine«, schlug Susanne vor.
»Nein, nein«, entgegnete Dieter schnell. »Ich muss sowieso kurz nach oben. Ich bring es gleich mit runter.«
Und schon war er auf dem Weg nach oben, seine neue Ledertasche unter dem Arm. Beschwingt nahm er jeweils zwei Treppenstufen auf einmal und pfiff dabei eine fröhliche Melodie.
Susanne war fast sicher, dass sein Zusammentreffen mit Vanessa der Grund für seine gute Laune war. Natürlich hätte sie sie am liebsten sofort angerufen, aber mit Dieter im Haus schien ihr das zu riskant.
Ihr Gatte war jedenfalls bester Dinge. Er aß seinen Salat, ohne zu maulen, und beschwerte sich nicht einmal darüber, dass Susanne Essig für das Dressing verwendet hatte. Oder fiel es ihm nicht auf? Nach dem Essen kontrollierte er zwar wie üblich, ob sie den Rasenmäher auch wirklich so in der Garage geparkt hatte, dass er seinem kostbaren Audi nicht in die Quere kam, aber er regte sich ausnahmsweise nicht darüber auf, dass sie die Schneideblätter nicht akribisch vom feuchten Gras befreit hatte.
Erst am frühen Abend ergab sich die Gelegenheit, Vanessa anzurufen. Plötzlich stand Anna mit ihrem Cockerspaniel vor der Tür und fragte, ob sie den Hund »ausnahmsweise« über Nacht bei ihnen lassen könnte. Die Zwillinge seien bei Freunden und sie selbst habe eine Verabredung und wisse nicht, wann sie nach Hause käme.
»Gar kein Problem«, sagte Dieter spontan.
»Ich habe es allerdings nicht mehr geschafft, mit ihm rauszugehen, ich hatte so viel um die Ohren heute.«
»Das macht doch nichts«, meinte Dieter großmütig. Damit nahm er seiner Schwester die Leine aus der Hand, während sich Anna schon herunterbeugte und das Tier losmachte. Der Hund schoss sofort ins Haus, flitzte durchs Wohnzimmer und durch die geöffnete Terrassentür in den Garten.
Kurz bevor Anna ins Auto stieg, drehte sie sich noch einmal kurz um. Ohne Susanne eines weiteren Blickes zu würdigen, warf sie Dieter eine Kusshand zu und war im nächsten Augenblick auch schon verschwunden.
Dieter schloss die Tür und drückte Susanne die Leine in die Hand.
Sie seufzte.
»Was hast du?«, fragte er. »Den kleinen Gefallen kann ich meiner Schwester ja wohl mal tun!«
