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Als Bischofssitz gegründet, durch den Hansehandel mit Russland reich geworden, dank der Landesuniversität als "Embach-Athen" gerühmt, sowjetisches Sperrgebiet: Dieses Buch führt seine Leserinnen und Leser durch die spannende und wechselhafte Geschichte der in Estland gelegenen Europäischen Kulturhauptstadt 2024. Weit im Nordosten, nahe der russischen Grenze, scheint Dorpat/Tartu in Estland eine abgeschiedene Provinzstadt am Rande Europas zu sein. Dabei ist die Stadt am Embach/Emajōgi seit ihrer Gründung auf viele Weisen europäisch vernetzt: Zunächst als Bischofssitz im mittelalterlichen Livland (heute: Estland und Lettland) in die Strukturen der römischen Kirche. Als Hansestadt kontrollierte sie mit Riga und Reval/Tallinn den Handel zwischen Russland und dem übrigen Europa. Und seit der Neugründung der Universität 1802 waren ihre Absolventen weit über die Grenzen des russländischen Kaiserreichs gefragte Experten. Doch blieb Dorpat nicht allein Ausbildungsort der deutschbaltischen Eliten, sondern wurde zu einem Kristallisationspunkt der estnischen Nationalbewegung. Die wechselhafte Geschichte des "wohl besten Wohnorts in der Welt" (Mati Laur), von Aufbau, Zerstörung und Wiederaufbau, schildern die Autoren mit wissenschaftlicher Expertise und estnischem Humor.
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Seitenzahl: 252
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Anti Selart, Mati Laur
Geschichte einer Europäischen Kulturhauptstadt
BÖHLAU
Der Druck dieses Buches wurde ermöglicht durch Förderungen der Beauftragungen der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie durch Zuschüsse von der Stiftung des Verbands der Baltischen Ritterschaften e. V., der Paul-Kaegbein-Stiftung, der Deutsch-Baltischen Gesellschaft in Niedersachsen e. V. sowie der Carl-Schirren-Gesellschaft e. V.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
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© 2023 Böhlau Verlag, Zeltgasse 1, A-1080 Wien, ein Imprint der Brill-Gruppe (Koninklijke Brill NV, Leiden, Niederlande; Brill USA Inc., Boston MA, USA; Brill Asia Pte Ltd, Singapore; Brill Deutschland GmbH, Paderborn, Deutschland; Brill Österreich GmbH, Wien, Österreich)
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Umschlagabbildung: „Steinbrücke über die [!] Embach“. Künstlerin: Benita Baronin von Grotthuß-Behr. Baltische Landeskundliche Sammlung der Deutsch-Baltischen Gesellschaft e. V., Darmstadt. Fotografie: Martin Pabst
Umschlaggestaltung: Michael Haderer, Wien
Redaktion: Martin Pabst, Deutsches Kulturforum östliches Europa
Korrektorat: Constanze Lehmann, Berlin
Satz: Bettina Waringer, Wien
EPUB-Erstellung: Lumina Datamatics, Griesheim
Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com
ISBN 978-3-205-21829-6
Vorwort
Mittelalter – die Anfänge der Stadt
Die Hanse- und Bischofsstadt
Unter Moskauer Herrschaft
Die polnische Zeit
Unter der Schwedischen Krone (1625–1704)
Dorpat im Großen Nordischen Krieg
Unter den Flügeln des russischen Adlers im 18. Jahrhundert
Athen am Embach (19. Jahrhundert)
Vom Kaiserreich zur Republik (1900–1920)
Dorpat zwischen den Weltkriegen
Der Zweite Weltkrieg
Sowjetische Stadt unter Hammer und Sichel
Der Weg von Ost nach West
Abbildungsnachweise
Straßennamenverzeichnis
Auswahlbibliographie
Orts- und Personennamenregister
Ein europäischer Ort, belehnt durch einen Kaiser des Heiligen Römischen Reichs, Teil eines Territoriums im Besitz von Kreuzrittern, heftig umkämpft vom Königreich Polen und von russischen Fürsten und Zaren, unter dem schirmenden Schutz des lutherischen Großreichs Schweden, schließlich Provinz des Russländischen Imperiums – kann es so viele Schnittmengen in Europa überhaupt geben? Doch damit nicht genug, schließlich kulturell-wissenschaftliches Zentrum eines unabhängigen baltischen Staates, mehrmals von Diktaturen überrannt, um für über vier Jahrzehnte in sowjetischer Finsternis zu verblassen und schließlich heute umso mehr in einem Mitgliedsland der Europäischen Union zu erstrahlen? Ja, so eine bewegte Geschichte gibt es tatsächlich. In der Stadt Dorpat, estnisch Tartu, der zweitgrößten Stadt Estlands und bis heute dessen universitärer Mittelpunkt.
So ist Dorpat/Tartu mit gutem Grund zur Kulturhauptstadt Europas 2024 auserwählt worden, spiegelt sich doch hier eine vielfältige europäische Vergangenheit mit deutschen, estnischen, russischen, aber eben auch polnischen, schwedischen oder lettischen Anteilen. Jahrhundertelang war die Stadt einer der Knotenpunkte der Hanse im Austausch zwischen Mittel-, West- und Nordeuropa mit dem Russländischen Reich. Nicht immer konfliktfrei war das Verhältnis der deutschbaltischen Kaufleute Dorpats zu ihrem Stadtherrn, dem Bischof, der vom Domberg aus sein Hochstift regierte. Die Frühe Neuzeit brachte im Widerstreit der Großmächte nur selten Glück, wohl aber unter schwedischer Ägide die erste Universität der Ostseeprovinzen, die als „Landesuniversität“ wesentlich zum Zusammengehörigkeitsgefühl der Deutschbalten Estlands, Livlands und Kurlands beitragen sollte. Erst die Neuzeit unter den russländischen Kaisern brachte neue Perspektiven und ließ Dorpat aus einer studentisch geprägten Provinzstadt, „Embach-Athen“ genannt, zur Keimzelle des estnischen Erwachens und zum Zentrum einer agilen Kulturbewegung der Esten werden, die dem bald entstehenden modernen Estland bis heute maßgebliche Impulse gibt.
Seit Jahren setzt sich das Deutsche Kulturforum östliches Europa auch mit den Kulturhauptstädten im östlichen Europa auseinander: Sie werden einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt, Medienvertreter werden dorthin eingeladen, ein Stadtschreiberstipendium wird in der Stadt eingerichtet. Und im Idealfall wird auch eine Stadtgeschichte angeboten. Genau dies ist im Falle von Dorpat/Tartu geglückt: Das Interesse des Böhlau Verlags Wien traf mit der Kompetenz zweier Historiker der Universität Tartu zusammen und ließ unter Vermittlung des Kulturforums eine kleine Stadtgeschichte der europäischen Kulturhauptstadt 2024 entstehen. Wir danken unseren Autoren Anti Selart und Mati Laur, dass sie neben ihren vielfältigen Verpflichtungen in Forschung und Lehre ihre umfangreiche Expertise in diesem Band zusammengefasst haben.
Wir wünschen dieser kleinen Geschichte Dorpats eine breite Leserschaft, die sich auch über das Kulturhauptstadtjahr hinaus für diese Stadt und ihre reiche europäische Geschichte begeistern lässt.
Deutsches Kulturforum östliches Europa
Lage und Name der Stadt
An der Stelle, wo Dorpat/Tartu liegt, musste früher oder später eine Stadt entstehen. Der Fluss Embach/Emajõgi ist zwar eher kurz (etwa 100 km), aber tief und fließt in einem breiten Urstromtal, von ausgedehnten Sümpfen und Morasten umgegeben. Dorpat ist einer der wenigen Orte, wo fester Boden von beiden Seiten bis zum unmittelbaren Flussufer reicht, hier hat es also im östlichen Estland faktisch die einzige durchgehend benutzbare Verbindung zwischen den nördlichen und südlichen Gebieten des Landes gegeben. Der Embach selbst hatte aber bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts die Rolle einer wichtigen Verkehrsader inne. In Richtung Osten, jenseits des großen Peipussees, sind die Gewässer bis Narwa/Narva oder zum russländischen Pleskau/Pskow schiffbar. Nach Westen verkehrten die Schiffe einst bis zum Wirzsee/Võrtsjärv. Ob einmal eine Wasserstraße vom Peipussee bis nach Pernau/Pärnu und der Ostsee bestand, ist fraglich. So ein Gewässersystem ist auf einigen frühneuzeitlichen Karten dargestellt worden, aber die Oberläufe der Flüsse Tennasilm/Tänassilma und Ningal/Raudna bei Fellin/Viljandi sind doch wohl immer so flach gewesen, dass auch kleine Schiffe hier nicht fahren konnten. Die in der Frühen Neuzeit tatsächlich vorgenommenen Versuche, zwischen Dorpat und der Ostsee eine Wasserverbindung zu schaffen, haben sich alle als zu kompliziert und sehr teuer erwiesen und sind gescheitert. Damit ist aber nicht ausgeschlossen, dass die kleineren Flüsse, besonders bei Hochwasser, auch für Langstrecken-Warentransporte mit Booten verwendet wurden – übrigens besaß der Embach ebenfalls einige gefährliche Stromschnellen, die erst im 20. Jahrhundert beseitigt wurden. Auch die einst weitverbreitete Flößerei ist hier zu erwähnen.
Abb. 1: Dorpat im historischen Livland und mit den heutigen Staatsgrenzen.
Das wechselvolle Relief in Dorpat war geeignet, hier eine Festung zu gründen, die diesen Verkehrsknotenpunkt kontrollieren sollte. Die teilweise steilen Hänge des Urstromtals mit einschneidenden Klammen boten gute Gelegenheit, eine Burg zu bauen. Festungsarbeiten und Kiesgewinnung haben im Laufe der Jahrhunderte das Landschaftsbild im Stadtgebiet übrigens erheblich verändert. Im näheren Umfeld befanden sich alte Siedlungszentren, Felder, Weiden und Wälder, die die neue Stadt mit allem Notwendigen versorgen konnten.
Der Name Embach, niederdeutsch Embeke, stützt sich auf das estnische Emajõgi, buchstäblich „Mutter-Fluss“, der im Mittelalter auch als Mater Aquarum übersetzt wurde. Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes „ema“ in diesem Zusammenhang ist „Großer“ oder „Haupt-Fluss“. Der Name der Stadt, der ursprünglich *Tarvatu oder *Tarbatu gewesen sein mag, geht wahrscheinlich auf den estnischen Wortstamm „tarvas“ (Auerochse) zurück. Aus dieser Urform stammen das estnische Tartu (südestnisch Tarto), das lateinische Tarbatum, das lettische Tērbata und das mittelniederdeutsche Darbete oder Dörpt, die in der Frühen Neuzeit ihrerseits dem hochdeutschen Dorpat und polnischen und russischen Derpt zugrunde lagen. In altrussischen Texten hießen Burg und Stadt hingegen Jur’ev, nach dem Fürsten Jaroslav Vladimirovič, dessen Taufname Jur’ij (Georg) war. Diese Parallelformen wurden gleichzeitig in den unterschiedlichen Sprachen verwendet. Die Vorstellung eines „offiziellen“ Namens entstand erst im 19. Jahrhundert, als die russische Regierung unter Kaiser Alexander III. die Stadt 1893 amtlich in Jur’ev umbenannte und die Verwendung der anderen Namensformen verbot. Hierin kann ein Grund liegen, warum Dorpat im Estnischen wie im baltischen Deutsch zahlreiche poetische Synonyme hatte – Embach-Athen, Embachstadt oder Taaralinn („Stadt von Taara“, einer pseudomythologischen estnischen Gottheit). In den 1930er-Jahren verbot die estnische Regierung wiederum die öffentliche Benutzung der nicht-estnischen Ortsnamen auch in fremdsprachlichen Publikationen. Das lokale deutsche Blatt hieß seit 1934 Deutsche Zeitung statt Dorpater Zeitung – „Tartu“ zu verwenden, übersteige die Kräfte der Herausgeber dieses Blättchens, kommentierte damals die estnische Presse ironisch.
Die Ursprünge der Burg
Archäologische Funde belegen, dass die Burg Dorpat im 8. Jahrhundert entstanden ist. Im 8.–10. Jahrhundert handelte es um eine damals in der gesamten baltischen Region typische Verbindung von Wallburg und Siedlung. Beide waren von bescheidenem Umfang. Die wikingerzeitlichen Burgen in Südostestland stellten lokale, eher kleinräumige Macht- und Wirtschaftszentren dar, deren ökonomische Grundlage einerseits die vor Ort gewonnenen landwirtschaftlichen Produkte bildeten, andererseits aber trieben sie auch „internationalen“ Pelzhandel. Besonders von Archäologen gefundene Biberknochen belegen den bedeutenden Umfang des Letzteren.
In schriftlichen Quellen ist Dorpat zum ersten Mal um 1030 erwähnt worden. Das Datum ist ungenau, erst Jahrzehnte später hat ein Redakteur den ursprünglichen Chroniktext mit Jahreszahlen versehen. Der Eintrag in der altrussischen, sogenannten Nestorchronik lautet: „In diesem Jahr zog Jaroslav gegen die Tschuden, und er besiegte sie und errichtete die Stadt Jur’ev.“ Als Tschuden werden in den altrussischen Texten die ostseefinnischen Völkerschaften bezeichnet, zu denen auch die Esten gehören. Jaroslav Vladimirovič, Fürst von Nowgorod und Großfürst von Kiew († 1054), gilt als eigentlicher Gründer des altrussischen Reiches und dessen Institutionen. Es war eine Zeit der generellen Umwälzungen in der gesamten Region. Die Hortfunde aus Estland belegen, dass hier während der ersten Jahrzehnte des 11. Jahrhunderts die früher verbreiteten arabischen Münzen durch deutsches und angelsächsisches Silber ersetzt wurden, eine Entwicklung, die in Nordeuropa schon im 10. Jahrhundert begonnen hatte. Der Wandel zeigt eine allgemeine Umstellung in der Wirtschaft und Kommunikation. Die Burgsiedlungen in Südostestland (Landschaft Ugaunien), die wohl wegen des Kriegszuges Jaroslavs untergegangen sind, wurden nie mehr wiederaufgebaut.
In Dorpat, nicht nur auf dem Burgberg, sondern auch an seinem Fuß, entstand aber im 11. Jahrhundert eine ständige Siedlung, die archäologisch nachvollziehbar ist. Die Funde belegen einen starken altrussischen Kultureinfluss. 1061 ist diese Burg dann von sosoly vernichtet worden. Das Wort in der altrussischen Chronik stammt wahrscheinlich aus dem altnordischen sýsla – Bezirk, Provinz. West- und Nordwestestland hieß in den skandinavischen Quellen Aðalsýsla („Haupt-“ oder „Großes Land“, wohl gegenüberstellt der Insel Eysýsla – Ösel/Saaremaa). Also handelte es sich bei den sosoly wahrscheinlich um die autochthonen Einwohner von Nord- oder Westestland. Kurz davor war der Großfürst Izjaslav Jaroslavič von Kiew († 1078) selbst gegen die sosoly vorgegangen und hatte sie mit schweren Steuern belastet. Der Krieg mit den sosoly führte damit zum Zusammenbruch der altrussischen Herrschaft in Dorpat und Südostestland.
Die Estenburg Dorpat
Im folgenden Jahrhundert wurde Dorpat zwei Mal in den altrussischen Chroniken erwähnt. 1134 eroberte der Nowgoroder Fürst Vsevolod Mstislavič Dorpat und 1191/92 der Fürst Jaroslav Vladimirovič von Nowgorod. Weil die archäologischen Befunde die Existenz einer Siedlung in dieser Zeit nicht eindeutig bestätigen, bestand hier nach 1061 wahrscheinlich nur die Burg, aber keine frühstädtische Siedlung mehr. Die Rolle des wichtigsten Zentrums der Region wurde von Odenpäh/Otepää etwa 40 km südlich übernommen. Die in den 1220er-Jahren verfasste Chronik Heinrichs von Lettland, die Erzählung der Geschichte der livländischen Kreuzzüge seit den 1180er-Jahren, erwähnt im Zusammenhang eines Plünderungszuges der „deutschen“ Kreuzfahrer nach Ugaunien 1211, dass sie „das ganze Land von den Letten verwüstet, die Burg Dorpat, die ebenfalls vormals von den Letten verbrannt worden war, verlassen“ fanden. Um 1180 war am Unterlauf der Düna/Daugava ein Zentrum der überwiegend aus den deutschen Ländern stammenden Kaufleute und Missionare entstanden, das in den 1190er-Jahren die Unterwerfung und Eroberung des Landes der livischen, lettischen und estnischen Stämme initiierte, die mit der Einbeziehung in die Strukturen der römischen Kirche einherging. Weil der Hauptort des Gebiets, das 1201 nach Lübeck als zweite deutschrechtliche Stadt an der Ostsee gegründete Riga/Rīga, im livischen Siedlungsbereich lag, kam der Name Livland als Bezeichnung des gesamten Landes zwischen Finnischem Meerbusen und Litauen in Gebrauch. Während Nordlettland und Estland, das Letztere in teilweise heftiger Konkurrenz mit dem dänischen König, bis 1227 unterworfen wurden, dauerten die Kämpfe in Süd- und Ostlettland bis um 1300.
Also ist die Bedeutung Dorpats im 12. Jahrhundert wahrscheinlich zurückgegangen und es besteht keine frühstädtische Kontinuität zwischen der altrussisch geprägten Siedlung im 11. Jahrhundert und der im 13. Jahrhundert entstandenen deutsch geprägten Stadt. Jedenfalls ist die Bedeutung des ohnehin verkehrsgeografisch bedeutenden Ortes gerade im Laufe der baltischen Kreuzzüge erheblich gestiegen. Um 1220 wurde die Burg unter der Leitung der Schwertbrüder, des um 1202 in Livland von den Kreuzfahrern aus den deutschen Ländern gegründeten geistlichen Ritterordens, neu befestigt. Während des großen estländischen Aufstandes gegen die Eroberer 1223 entstand hier das Zentrum des Widerstandes. Die estländischen Landschaften kooperierten jetzt mit den russischen Fürsten von Nowgorod und Pleskau gegen die Rigaer Deutschen, sollten für diese Hilfe aber auch bezahlen: Nach Dorpat kam Vjačko, ehemals Kleinfürst im lettländischen Kokenhusen/Koknese an der Düna, der jetzt auf eine Herrschaft über Südostestland hoffte. 1208 war er vor dem Druck der Rigaer Kreuzfahrer in die Rus‘ geflohen. 1223 erschien er als Nowgoroder Dienstmann samt einer Hilfstruppe in Dorpat und fing an, in der Region Steuern einzutreiben.
Am 15. August 1224 sammelte sich vor der Burg Dorpat ein Heer, das aus allen Teilen des vom Rigaer Lager kontrollierten Livland zusammengezogen war. Die heftige Belagerung mit Einsatz von Steinwurfmaschinen, Belagerungstürmen, Feuer, Bögen und Armbrüsten dauerte mehrere Tage. Vjačko, der auf Nowgoroder Hilfe hoffte, war zu keinem Frieden bereit, bis die Burg endlich im Sturm erobert wurde. Laut dem Chronisten Heinrich wurde in der Burg nur einem einzigen Mann, einem Gefolgsmann des Großfürsten von Wladimir, das Leben geschenkt, der später als Bote nach Nowgorod und Suzdal geschickt wurde.
Damit war das ganze estnische Festland unter der Kontrolle der Kreuzfahrer, vertreten einerseits durch die Bischöfe Albert von Riga, dessen Bruder Hermann von Leal/Lihula sowie den Schwertbrüderorden und andererseits den König von Dänemark. Die Teilung der unterworfenen Gebiete war ein langwieriger Prozess, der von zahlreichen internen Konflikten begleitet wurde. Jedoch fiel 1224 die Entscheidung, dass Bischof Hermann von Leal der Herr über Südostestland und somit auch über Dorpat wurde. Obwohl der Bischof selbst noch für einige Jahre in Odenpäh blieb, gründete er schon 1224 in Dorpat den Dom und das Domkapitel. Dorpat war von nun an das Zentrum des Bistums, wodurch auch die Voraussetzungen für die Entstehung der mittelalterlichen Stadt geschaffen worden waren. Und weil Leal, der ursprünglich geplante Zentralort des Bistums, in Westestland außerhalb der Diözese Hermanns lag, wurde das Bistum 1235 auch formell in Bistum Dorpat umbenannt.
Abb. 2: Im 16. Jahrhundert wurde in Livland der „Ferding“, eine Silbermünze im Wert von einer Viertelmark geprägt. Den oberen Ferding ließ Bischof Johannes VI. Bey 1533 prägen, den unteren der letzte Bischof Hermann II. Wesel 1555, kurz vor der Eroberung des Bistums.
Das Bistum Dorpat
Die Diözese Dorpat umfasste das ganze südliche Estland, vom Peipussee und der Pleskauer Grenze im Osten bis zur Ostseeküste südlich von Pernau im Westen. Nach 1237, als der von Litauern im Vorjahr geschlagene Schwertbrüderorden in den Deutschen Orden eingegliedert wurde, war der letztgenannte Ritterorden Landesherr des Hauptteils der Diözese. Im Osten des Bistums war der Bischof selbst der Landesherr. Das sogenannte Hochstift erstreckte sich zwischen Peipussee und Wirzsee vom estnisch besiedelten Deutschordensgebiet im Norden bis zum lettisch besiedelten Territorium in Süden. Um die Herausbildung der Landesherrschaft zu fördern, bemühte sich Bischof Hermann wie auch die anderen livländischen Diözesanherren um eine engere Anbindung an das Heilige Römische Reich. So kam es dazu, dass 1225 der römisch-deutsche König Heinrich (VII.) Bischof Hermann mit dem Dorpater Hochstift als Markgrafschaft belehnte, ihm damit das Recht, Städte zu gründen und Münzen zu prägen, verlieh. Die Bischöfe von Dorpat wurden damit also Reichsfürsten, obwohl die Verbindung zum Reich in ihrer Politik bis zum 15. Jahrhundert eine eher untergeordnete Rolle spielte. Besonders im 13.–14. Jahrhundert war die Beziehung zu den Päpsten eindeutig wichtiger.
Die Herrschaft im Bistum teilte sich der Bischof mit dem Domkapitel, einem Zusammenschluss von anfangs wohl zwölf, später mindestens 20 Geistlichen. Diese stammten ab dem 14. Jahrhundert zumeist aus den adligen und bürgerlichen Familien Livlands, darunter auch aus der Stadt Dorpat und aus dem Hochstift. Zu ihren Aufgaben gehörte neben der Wahl und Beratung des Bischofs auch die Verwaltung der Besitztümer, die dem Domkapitel im Lauf der Zeit gestiftet wurden und aus denen es seine Einkünfte bezog. Das Dorpater Kapitel war das größte und reichste der Domkapitel im mittelalterlichen Livland.
Entstehung der Stadt
Dorpat war die einzige Stadt im Hochstift, gleichzeitig aber eine der drei „großen“ Städte Livlands neben Riga und Reval/Tallinn. Besonders die frühe Geschichte der Stadt liegt leider fast gänzlich im Dunkeln. Die mittelalterlichen Dorpater Archive, sowohl die städtischen als auch die bischöflichen, sind vollständig verloren gegangen. Die ältesten vor Ort aufbewahrten schriftlichen Quellen sind Exzerpte aus den Ratsprotokollen aus dem Jahr 1547. Somit ist das Wissen über das städtische Leben in Dorpat im Mittelalter knapp und basiert mehrheitlich auf zufällig aufbewahrten Dokumenten, wie Briefen des Magistrats, die in Reval, Riga, Lübeck oder anderswo überliefert sind. Immer wichtigere Bedeutung für die Dorpater Geschichtsforschung haben die Resultate der archäologischen Ausgrabungen. Die Altstadt liegt am feuchten Flussufer, wodurch die Bedingungen für die Erhaltung organischen Materials relativ gut sind.
Noch in den 1230er-Jahren lag das Zentrum des Hochstifts wohl eher in Odenpäh. In jener Zeit mischte sich das Bistum auch in die lokale Politik in den altrussischen Zentren Nowgorod und Pleskau ein. Erst nachdem der Nowgoroder Fürst Aleksandr Jaroslavič mit dem Sieg über das livländische Heer auf dem Eis des Peipussees 1242 die eigene Herrschaft in Pleskau bestätigte, stabilisierten sich die politischen Verhältnisse in der Region. Um die Mitte des Jahrhunderts verlagerte sich das Machtzentrum des Bistums dann endgültig an den Embach. Die schriftlichen Quellen erwähnen die Stadt und nicht nur die Burg Dorpat eindeutig zum ersten Mal 1262. In diesem Jahr schickte Aleksandr Jaroslavič, jetzt der Großfürst von Wladimir, die vereinigten Truppen mehrerer altrussischer und litauischer Fürsten unter dem symbolischen Kommando seines minderjährigen Sohnes Dmitrij († 1294) gegen Dorpat. Die Nowgoroder Chronik berichtet:
Und die Stadt Dorpat war stark, hatte drei Wände, und viele Menschen allerlei Art darin. Und sie errichteten auf der Burg eine starke Schutzwehr, aber die Kraft des ehrvollen Kreuzes und der Hagia Sophia1 stürzt immer die Unrecht Habenden. So wurde auch diese Stadt, wie stark sie auch war, mit Gottes Hilfe durch einen einzigen Sturmangriff genommen. Und viele Leute der Stadt wurden getötet, und andere lebendig festgenommen, und andere mit ihren Frauen und Kinder im Feuer verbrannt, und sie [die Nowgoroder] machten zahllose Beute und Gefangene. Aber den vornehmen Mann Petr Mjasnikovič hat man aus der Burg erschossen und getötet.2
Dass hingegen die Burg nicht erobert wurde, bestätigt die in den 1290er-Jahren auf Mittelhochdeutsch verfasste Livländische Reimchronik, hier in einer Nachdichtung von 1848:
Dorpat auch gewannen sie so / und brannten zu derselben Stund’ / die Stadt darnieder bis auf den Grund: / eine Burg [die Bischofsburg] ihnen in der Nähe war, / wer die erreicht’, entkam wohl gar. Domherren und der Bischof / gelangeten hin auf den Burghof, / die deutschen [Ordens]Brüder kamen auch dar, / man ward ihrer Hülfe, wohl gewahr. / Der Russen Heer, das war groß, / den Bischof mächtig das verdroß, / das Heer man zu der Burg entbot, / die Pfaffen fürchteten sehr den Tod, / das war von je ihr alter Brauch und heute noch treiben sie es so auch, / sie treiben, man solle sich tapfer wehren, / und selber zuerst zur Flucht sich kehren. / Die Brüder satzeten sich zur Wehr / und schossen auf der Russen Heer, / auch das andre Volk riefen sie an, / denn auf der Burg war mancher Mann, / die auch zur Wehr man greifen sah, / deß freuten sich die Domherrn da. / Die Russen mächtig das verdroß, / daß man so harte auf sie schoß, / ihre Schützen schossen wieder mit Eilen: / die Burg sie dann verließen ohne Weilen, / froh der Fahrt sie nahmen die Beute, / trieben vor sich her die gefangenen Leute / und eilten wieder, in ihr Land.3
Bei den 1262 erwähnten drei „Wänden“ handelte es sich wahrscheinlich um hölzerne Befestigungen der Stadt. Aufgrund der Armut der Stadt bat der Dorpater Magistrat in einem Brief Lübeck um Hilfe beim Errichten der Stadtmauer: „unsere Befestigung, wenn sie zur Vollendung kommt, wird Stütze des Glaubens nicht nur unserer Provinz, sondern auch der darunter liegenden Welt sein. Sie wird ein Schild und eine Vormauer sein, Sicherheit der Bleibenden, Trost der Vorübergehenden, Friede der Fernen und Eigenen.“4 Der Brief ist zwar im Lübecker Stadtarchiv im Original erhalten, enthält aber kein Datum. In der Geschichtsschreibung wird er meist in die Zeit kurz nach 1262 datiert, als die Errichtung einer steinernen Mauer bestimmt besonders dringlich wurde. Die archäologischen Forschungen dagegen verorten die Errichtung der endgültigen Stadtmauer in die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts. Vermutlich wurde damals auch die gesamte ursprüngliche Planung der Stadt teils korrigiert, sodass ein in Grundzügen regelmäßiges Straßennetz entstand. Eine Möglichkeit dafür bot sich nach dem verheerenden Stadtbrand im Jahr 1328 oder 1329. Die zeitgenössische Nowgoroder Chronik erwähnt ihn wie folgt: „die ganze Stadt Dorpat und ihre Kirchen brannten ab, und die steinernen Häuser stürzten ein, und es brannten in Häusern 2530 Deutsche, aber Russen 4“.5 Ein weiterer großer Brand fand 1335 statt.
Stadtbevölkerung
Die mittelalterliche Stadt Dorpat hatte um 1300 ihre institutionelle und räumliche Gestalt entwickelt. Sie bestand aus dem landesherrlichen Domberg und der autonomen Unterstadt, wo das Rigaer Stadtrecht Geltung fand. Das Rigaer Recht hatte sich im Laufe des 13. Jahrhunderts auf der Basis der Stadtrechte von Visby und Hamburg entwickelt und galt in der Mehrzahl der livländischen Städte. Die gemeinsame Stadtmauer der Unterstadt und des Dombergs wurde im Laufe der Jahrhunderte ständig ergänzt und hatte um 1600 etwa 25 Türme und Tore. Die Einwohnerzahl der Stadt kann man nur sehr hypothetisch feststellen. 1582 zählte man in der Unterstadt 299 Grundstücke, davon 263 mit Wohnhäusern. Entsprechend kann die Einwohnerzahl um 1550, vor dem Livländischen Krieg, auf 4000 geschätzt werden. Im Vergleich zu den auf etwas besserer Basis beruhenden Einschätzungen für Riga (12.000) und Reval (6000–8000) scheint diese Einschätzung zu niedrig zu sein, sicherlich kommen noch die Einwohner des Dombergs und der Vorstädte dazu. Die ummauerte Fläche Dorpats samt Domberg (ca. 27,6 ha) war vergleichbar mit Riga (ca. 27,5 ha mit Burgterritorium) und kleiner als jene von Reval (ca. 35,3 ha mit Domberg).
Die wirtschaftlich und politisch dominierende Gruppe in den livländischen Städten bildeten die Fernkaufleute. Sie waren hansische Kaufleute, deren Familien ursprünglich vor allem aus Westfalen und Niedersachsen stammten, die aber schon im 13. Jahrhundert ein durch verwandtschaftliche, persönliche und Handelsbeziehungen verbundenes Netzwerk bildeten, das im gesamten Raum von Livland im Osten bis zum Rheinland und den Niederlanden im Westen aktiv war. Besonders durch diese Gruppe wurde Dorpat fest in die persönlichen und wirtschaftlichen Verbindungen integriert, die insgesamt die Grundlage des sogenannten Hanseraums bildeten. Exemplarisch lässt sich dies am Testament des Lübecker Bürgers Johan Holenbeke zeigen. Laut dem Testament aus dem Jahr 1359 hatte er seine Truhe in Nowgorod, seine Waffen aber befanden sich in Dorpat im Hause eines Johan Hoyngh. Er spendete neben Kirchen in Lübeck auch den Aussätzigen in Pernau und Reval sowie jeder Kirche in Dorpat zwei Gulden. 1363 testierte Holenbeke erneut und fixierte die Dorpater Zuwendungen genauer: Das Spital sollte zwei Gulden haben, die Zisterzienserinnen fünf, ebenso wie die Heiliggeistkirche und die Marienkirche. Also war Holenbeke zwar Bürger von Lübeck, reiste aber über Livland nach Nowgorod, um dort Handel zu treiben, und hatte enge, wahrscheinlich auch familiäre Beziehungen zu den livländischen Städten, besonders zu Dorpat.
Eine Besonderheit in der Geschichte des heutigen Estlands und Lettlands ist, dass die Deutschen zwar mit Adel, Klerus und Bürgertum als politischen und gesellschaftlichen Eliten das Land und die Städte beherrschten, gegenüber der autochthonen Bevölkerung, also Esten, Letten und Liven, aber stets in der Minderheit blieben. Am deutlichsten wird dies sichtbar an den Bezeichnungen „deutsch“ und „undeutsch“, die heute rückblickend oft als ethnische Definitionen missverstanden werden. Im Livland des Mittelalters und der Frühen Neuzeit beschrieben „deutsch“ und „undeutsch“ jedoch rechtlich-soziale Kategorien, deren offensichtlichstes Merkmal die verwendete Sprache – in Dorpat (Nieder-)Deutsch oder (Süd-)Estnisch – war. An der Sprache lässt sich aber auch gut zeigen, dass die Grenze zwischen „deutsch“ und „undeutsch“ nie völlig abgeschottet war, sondern es stets Übergänge gab: So ist die Terminologie des städtischen Lebens und Handwerks im Estnischen aus dem Niederdeutschen entliehen und das mittlerweile fast ausgestorbene baltische Deutsch bezog seinen Wortschatz zur Landwirtschaft weitgehend aus dem Estnischen und Lettischen. Seit dem 14. Jahrhundert entwickelten sich in den livländischen Städten zunehmend diskriminierende rechtliche Regelungen, welche die Möglichkeiten der „Undeutschen“ in Handel, Handwerk und Grundbesitz einschränkten. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die „Undeutschen“ die Mehrheit der Dorpater Stadtbevölkerung stellten und an allen Bereichen des städtischen Lebens beteiligt waren, bis auf den Fernhandel und einige angesehenere Handwerke, die den „Deutschen“ vorbehalten blieben. Diese „Abschließung“ gegenüber den „Undeutschen“ zielte – wie die jüngere Forschung zeigt – nicht gegen die Esten als ethnische Gruppe, sondern gegen die vom Land zugewanderten Menschen. Ähnliche Regelungen entstanden im Spätmittelalter im gesamten Ostmitteleuropa, auch in ethnisch homogenen Regionen, wo die demografischen und landwirtschaftlichen Krisen des Spätmittelalters die Entstehung von Schollenpflicht und Leibeigenschaft mit sich brachten.
Eine Eigenart Dorpats im Vergleich mit den anderen livländischen Städten war ein aus der Rus‘ eingewanderter Bevölkerungsteil. Das Gebiet jenseits des Peipussees gehörte zum wirtschaftlichen Hinterland der Stadt. Am Ort des heutigen Botanischen Gartens lag, wie die archäologischen Forschungen belegen, die altrussische Siedlung aus der Frühperiode der Stadt im 13. Jahrhundert. Für die Zeit ab spätestens um 1300 haben die Archäologen auch hier die für eine Hansestadt typische materielle Kultur ausgegraben. Möglicherweise, weil während des Baus der Stadtmauer das feuergefährliche Töpferhandwerk an diesen Ort außerhalb der Stadt umgesiedelt worden ist. Der Stadtwinkel hieß aber dennoch bis zum Ende des Mittelalters „Russisches Ende“. Hier befanden sich zwei orthodoxe Kirchen – St. Nikolai der Pleskauer und St. Georg der Nowgoroder. Die beiden gehörten den russländischen Fernkaufleuten, das heißt, sie funktionierten als Handelskontore, analog dem Hansekontor in Nowgorod, das ebenfalls über eine eigene Kirche verfügte.
Stadtgemeinde
Nicht alle Stadtbewohner waren auch Stadtbürger. Um Bürger zu werden, musste eine freie Person sich selbst „ernähren können“, das heißt, ein selbstständiger Hausherr (aber nicht unbedingt Hausbesitzer) und in der Regel verheiratet sein, den Bürgereid leisten und das Bürgergeld entrichten. Die Zugehörigkeit zur römischen Kirche wurde als selbstverständlich vorausgesetzt. In der Tat bedeutete der Erwerb des Bürgerrechts die Erlaubnis, in der Stadt eigenen Handel oder Gewerbe zu treiben. Formell waren alle Mitglieder der Bürgerschaft als Schwurgemeinschaft gleichberechtigt. In ihrem Ansehen, Wohlstand und Handlungsspielräumen unterschieden sich ein deutscher Großkaufmann und ein estnischer Fuhrmann – obwohl beide Bürger waren – dennoch. Im Herbst 1554 wurden in Dorpat 118 Neubürger aus dem Handwerkerstand angenommen, von denen etwa 80 Esten waren. Vertreten sind Schmiede, Zimmerleute, Weber, Fischhändler, Maurer, Träger, Bräuer, Säger, Böttcher, Fischer, Schuhflicker, Knochenhauer, Schneider, Tischler, Pistelmaker (Hersteller von bäuerlichem Schmuck und Kleinhändler). Dabei bestand der Unterschied zwischen, zum Beispiel, „deutschen“ und „undeutschen“ Tischlern nicht in der ethnischen Herkunft der Meister, sondern in ihrer Produktion – ob sie für sozial „höhere“ oder „niedrigere“ Kunden bestimmt war. 1550 entschied der Dorpater Magistrat, dass die illegal in der Stadt arbeitenden und mit den städtischen Handwerkern konkurrierenden russischen Schuster verjagt werden sollen, ausgenommen vier geschickte Frauenschuster, die bleiben durften. Geistliche, Adlige oder fremde Kaufleute konnten in der Stadt zwar einflussreich sein, das Bürgerrecht blieb ihnen aber verwehrt.
Die Bürger bildeten die Stadtgemeinde. Dazu gehörten im breiteren Sinne eigentlich auch die Ehefrauen, andere Familien- und Gesindemitglieder der Bürger, die „individuell“ keine Bürgerrechte besaßen. An der Spitze der Gemeinde stand der Rat. Bürgermeister und Ratsherren entstammten aus den Familien der Großkaufleute, die gleichzeitig auch Mitglieder der Großen Gilde waren. Bei einer Vakanz kooptierte der Rat neue Mitglieder aus dem Kreis der „ratsfähigen“ Personen. Die städtische Autonomie blieb besonders in Sachen der Rechtsprechung vom Einfluss des Bischofs und Domkapitels begrenzt.
In der Kleinen Gilde waren die Handwerker vereinigt. Der Rat und die Gilden verkörperten die städtische Gemeinschaft als Kommune. Eine einflussreiche Korporation bildete noch die Kompanie der Schwarzenhäupter. Diese war eine Eigenart der livländischen Städte Riga, Reval und Dorpat: ein Zusammenschluss der jungen, noch nicht selbstständigen Kaufleute, Kaufgesellen und fremden Kaufleute. Ihren Namen verdankte die Kompanie ihrem Schutzheiligen Hl. Mauritius, dessen Kopf als Emblem der Korporation diente. Wahrscheinlich existierten in der Stadt noch weitere, kleinere und vor allem mit religiösen Zwecken verbundenen Bruderschaften.
Parallel zu den Gilden waren die Handwerker im Laufe des Mittelalters zunehmend in Zünften vereinigt. Durch die Regulation der Zahl der Zunfthandwerksmeister wollte die Stadt die Konkurrenz begrenzen und allen Gemeindemitgliedern ihr standesgemäßes Auskommen – die „Bürgernahrung“ – gewährleisten. Das Handwerk in Dorpat diente, soweit bekannt, dazu die Stadt und das Umland zu versorgen, eine Produktion für umfangreichen Export fehlte. Zu den Sorgen des Rats gehörte der Kampf gegen den sogenannten Vorkauf: Um niedrigere Preise zu garantieren, sollten Getreide, Fische und andere Produkte von den Bauern und Fischern direkt auf den städtischen Markt gelangen, ohne „vor den Stadttoren“ von Vermittlern aufgekauft zu werden.
Als Konzentrationspunkt der wirtschaftlichen Macht im Bistum konnte die Stadt Dorpat zunehmend auch in Fragen der Landesherrschaft mitsprechen. Diese Rechte sind ausdrücklich in der Wahlkapitulation des Bischofs Helmich von Mallinkrodt (1459–1468) – der wie viele Deutsche in Livland aus Westfalen stammte – niedergeschrieben. Der Bischof versprach, dass künftig die Mitsprache der Stadt und des Adels bei den wichtigsten Entscheidungen in der Verwaltung des Bistums berücksichtigt werde.
1Die Personifikation von Nowgorod. Die Hauptkirche und Kathedrale von Nowgorod heißt Sophienkirche.
2Die erste Nowgoroder Chronik nach ihrer ältesten Redaktion (Synodalhandschrift) 1016–1333/1352, übersetzt von Joachim Dietze, Leipzig 1971, S. 83.
3Die Livländische Reimchronik von Dittlieb von Alnpeke in das Hochdeutsche übertragen und mit Anmerkungen versehen von C. Meyer, Reval 1848, S.188 f.; Im Original: „Darbeten sie gewunnen dô / und branten an der selben stunt / die stat vil gar in den grunt. / eine burc in nâhen bie was: / wer dar ûf quam, der genas. / tûmhêrren und der bischof / quâmen ûf der burge hof. / die dûtschen brûdere quâmen ouch dar, / man wart irre hulfe wol gewar. / der Rûßen her was vil grôß. / den bischof sêre daß verdrôß. / daß her sich kein der burge bôt. / die pfaffen vurchten sêre den tôt. / daß was ie ir alder site / und wonet in noch vil vaste mite. / sie jehen, man sulle sich vaste wern: / mit vlîhen sie sich gerne nern. / die brûdere trâten an die wer, / sie schußßen kein der Rûßen her, / daß ander volc sie rieten an. / ûf der burc was manich man, / die zû der were griffen dô. / des wâren die tûmhêrren vrô. / die Rûßen sêre des verdrôß, / daß man sô vaste ûf sie schôß: / ir schutzen schußßen vaste wider. / von der burc sie kârten sider, / sie wâren der reise vrô. / lûte und gût sie nâmen dô / und îlten wider in ir lant“. Livländische Reimchronik mit Anmerkungen, Namenverzeichnis und Glossar, Paderborn 1876, Strophen 6620–6649.
4„quod munitio nostra, si ad perfectum venerit, fidei erit fulcimentum non solum nostrae provinciae, sed et terrarum infra iacentium scutum erit et antemurale, securitas manentium, commodum transeuntium, pax hiis, qui longe sunt et propre“. Liv-, Esth- und Curländisches Urkundenbuch nebst Regesten, Bd. 1, Reval 1853, Nr. 216.
5Die erste Novgoroder Chronik, S. 98.
