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Wenn Menschen einsam sind, kommen sie manchmal auf die merkwürdigsten Gedanken. Hedda Sommer zum Beispiel, eine Witwe, die in dem Heidedorf Altenhagen wohnt, redet sich ein, sie wäre gelähmt. Und da kann selbst Dr. Karsten Fabian, der sonst für jeden Patienten einen Rat hat, nicht helfen. Er weiß, dass es ein Hilfeschrei der Frau ist: "Kümmert euch um mich!"
Wenn es nicht ums Medizinische geht, zieht Dr. Fabian schon mal seine Frau Florentine zurate, und die hat tatsächlich eine Idee, wie man Hedda helfen könnte. Das funktionierte auch so, wie sie sich das vorgestellt hat - aber nur eine kurze Weile, denn dann passiert etwas, womit auch Florentine nicht gerechnet hat ...
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Seitenzahl: 92
Veröffentlichungsjahr: 2017
Cover
Impressum
Die wichtigsten Bewohner Altenhagens
Liebesgeflüster am Heidebach
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2017 by Bastei Lübbe AG, Köln
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: shutterstock / Jacob Lund
Datenkonvertierung eBook: Blickpunkt Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH, Satzstudio Potsdam
ISBN 978-3-7325-5202-3
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
Die wichtigsten Bewohner Altenhagens:
Dr. Karsten Fabian – Arzt mit Leib und Seele, ehemals Chirurg im Elbe-Krankenhaus.
Florentine Fabian – geborene Fiedler, seine immer vergnügte, bildhübsche Frau.
Svenja, Tim und Jan – die aufgeweckten Kinder der Fabians, die von allen verwöhnt werden.
Dr. Albrecht Heideck – der ältere der beiden Landärzte, wohnt und praktiziert mit seinem jungen Kollegen in der Löwenvilla. Er ist Witwer.
Johannes Bruhns – Imker, Heidschnuckenzüchter und bester Freund von Dr. Heideck. Er kennt sich in der Naturheilkunde bestens aus.
Gerlinde Semmelweiß – Haushälterin in der Löwenvilla, abergläubisch und immer auf dem Laufenden, was Neuigkeiten im Dorf betrifft.
Schwester Bernhardine – unentbehrliche Helferin von Dr. Fabian und Dr. Heideck.
Helene Fromm
Liebesgeflüster am Heidebach
Wie die schöne Constanze ihr Herz in Altenhagen verlor
Von Sybille Nordmann
Wenn Menschen einsam sind, kommen sie manchmal auf die merkwürdigsten Gedanken. Hedda Sommer zum Beispiel, eine Witwe, die in dem Heidedorf Altenhagen wohnt, redet sich ein, sie wäre gelähmt. Und da kann selbst Dr. Karsten Fabian, der sonst für jeden Patienten einen Rat hat, nicht helfen. Er weiß, dass es ein Hilfeschrei der Frau ist: »Kümmert euch um mich!«
Wenn es nicht ums Medizinische geht, zieht Dr. Fabian schon mal seine Frau Florentine zurate, und die hat tatsächlich eine Idee, wie man Hedda helfen könnte. Das funktioniert auch so, wie sie sich das vorgestellt hat – aber nur eine kurze Weile, denn dann passiert etwas, womit auch Florentine nicht gerechnet hat …
»So geht das nicht weiter, Hedda. Du kannst unmöglich weiterhin allein hier in deinem Haus leben. Du gibst doch selbst zu, dass du oftmals auf Händen und Knien von einem Zimmer in das andere kriechst. Du gehörst in ein Pflegeheim, oder du brauchst einen Pfleger, der ständig bei dir zu Hause lebt«, erklärte Dr. Fabian seiner Patientin, die mit düsterer Miene im Wohnzimmer ihres Hauses am Heidbergweg in einem Ohrensessel saß.
»Ich will nicht in ein Pflegeheim, Doktor. Was soll ich da? Ich bin zweiundfünfzig. Nein, ich bin noch nicht alt genug dafür, bloß dazusitzen und auf meinen Tod zu warten. Bis auf die Beine fühle ich mich ja auch noch ganz gesund. Und vielleicht bessert sich mein Zustand auch wieder. Wer weiß das schon? Ihr Ärzte könnt euch mit eurem Wissen begraben lassen. Nichts habt ihr herausgefunden. Nicht mal im Krankenhaus, wo ihr meine Beine geröntgt habt. Ihr sagt, es sind die Nerven. Immer, wenn ihr nicht weiter wisst, sagt ihr, es sind die Nerven.«
Karsten Fabian kannte ihre Vorwürfe. Er grinste. »Aber, aber, Hedda, ich hatte dir was gegen die Nervenschmerzen gegeben … Aber du hast nicht eine Kapsel davon genommen.«
»Doch, eine«, antwortete Hedda Sommer weinerlich, »geholfen hat sie nicht. Ich wurde bloß tüddelig davon im Kopf. Wenn du weiter nichts weißt …«
»Doch, Hedda, nimm dir einen Pfleger.«
»Der kommt mir nicht ins Haus. Wer soll ihn bezahlen?«, fauchte sie ihn an und strich eine Strähne ihrer ergrauten Haare aus der Stirn.
»Du, natürlich, Hedda.« Dr. Fabian lachte. »Geld hast du doch genug.«
»Du musst es ja wissen, Doktor. Du denkst wohl, dass das bisschen Geld ewig reicht, was ich für die drei Bauplätze bekommen habe, die ich verkauft habe?«
»Oh, du hast noch weitere drei Bauplätze, Hedda«, erwiderte der Landarzt und wurde ernst: »Also, ich werde mich nach jemandem umsehen, der dich pflegen kann.« Er klappte seine Arzttasche zu und machte Anstalten zu gehen. Er gab ihr die Hand. »Wer kocht denn überhaupt für dich? Wer macht die Zimmer sauber? Wer pflegt den Garten?«
»Oh, das macht Anna Krusche, meine Nachbarin. Sie und ihr Mann helfen mir schon.«
»Das kannst du aber nicht ewig von den beiden erwarten, Hedda. Wenn was ist, ruf mich bitte an.« Er sah ihr verblüfft zu, als sie versuchte, sich mit beiden Händen auf den Sessellehnen aufzustützen und sich zu erheben. »Was machst denn du? Willst du mir vor die Füße fallen? Bleib gefälligst sitzen.«
Sie ließ sich zurücksinken und schlug überraschend beide Hände vor das Gesicht. Schluchzend stieß sie heraus: »Manchmal vergesse ich einfach, dass ich gelähmt bin. Wenn das so weitergeht … Ich ertrage das nicht, Doktor.«
»Du darfst nicht so dummes Zeug reden, Hedda. Es gibt viele Leute, denen es noch viel schlimmer geht. Versuch nicht wieder aufzustehen. Du könntest fallen. Und das Kriechen von einem Zimmer in das andere ist auch keine Lösung. Kommt denn Frau Krusche nachher zu dir? Soll ich ihr sagen, sie möchte kommen?«
»Ja, wenn du das tun würdest, Doktor?«
Sie seufzte und warf ihm durch die gespreizten Finger, mit denen sie immer noch ihr Gesicht bedeckte, einen lauernden Blick zu.
Dr. Fabian nickte, verabschiedete sich und stand wenige Minuten später vor dem Nachbarhaus. Er drückte auf die Klingel.
Anna Krusche, sehr adrett gekleidet, etwa vierzig Jahre alt, die strohblonden Haare zu einem Knoten im Nacken aufgesteckt, öffnete die Haustür und sah ihn überrascht an.
»Herr Doktor Fabian?«, sagte sie überrascht. »Ist was passiert? Etwa wieder mit Hedda?«
»Nein, nein, es ist nichts passiert«, antwortete er schnell und erklärte ihr, dass Hedda ihm gesagt habe, sie, Frau Krusche, würde sich hin und wieder um sie kümmern. »Könnten Sie sich entschließen, ihr regelmäßig zu helfen?«
»Ich?«, rief Frau Krusche verdutzt. »Nun, ich war zuletzt vor einem Monat bei ihr, ich wollte ihr helfen, die Zimmer zu säubern. Sie hat mich aus dem Haus gewiesen. Sie sagte, so weit ist das mit ihr noch lange nicht, dass ihr jemand die Arbeit abnehmen müsse. Aber wie sie mit ihrem Haushalt zurechtkommt, weiß ich nicht. Sie ist doch gelähmt?«
Dr. Fabian sah sie verdutzt an. »Ja, ihre Beine knicken weg, sobald sie aufsteht.«
»Jedes Mal? Das glaube ich eben nicht. Ich meine nämlich, sie schon mal am Fenster gesehen zu haben. Stehend, hinter der Gardine.«
»Sie stand? Sind Sie sicher, Frau Krusche?«
»Nein, sicher bin ich mir da nicht.«
»Es wäre auch seltsam, sie kann ihre Beine wirklich nicht bewegen, Frau Krusche.«
»Aber ihr Haus ist in Schuss«, erwiderte Frau Krusche nachdenklich. Sie sah ihn skeptisch an und fuhr fort: »Ich kann ja mal zu ihr gehen. Wenn sie mich aber wieder hinausweist …«
»Danke, Frau Krusche. Bitte verzeihen Sie …«
»Oh, dafür nicht, Herr Doktor.« Sie sah kopfschüttelnd hinter ihm her, als er mit gesenktem Kopf und offensichtlich nachdenklich zu seinem Wagen ging.
Dr. Fabian fuhr durch das Dorf Altenhagen. Irgendwas stimmt da nicht mit Hedda, dachte er, wenn Frau Krusche sie tatsächlich hinter der Gardine am Fenster gesehen hat. Aber warum sollte Hedda uns vormachen, sie sei gelähmt?
Immer noch in Gedanken stieg er vor dem Eingang zur Löwenvilla aus dem Wagen, schlug die Wagentür hinter sich zu und ging die wenigen Stufen zum Eingang hinauf.
Als er die Halle betrat, rief er nach seiner Frau: »Hallo, Florentine!«
Im selben Augenblick trat Haushälterin Gerlinde Semmelweiß aus dem Arbeitszimmer.
»Florentine sitzt mit Doktor Heideck im Terrassenzimmer, Herr Doktor.«
»Ich dachte, er wollte zu Johannes Bruhns hinausfahren?«
»Dort war er auch, aber Johannes hat mit seinen Heidschnucken zu tun.«
»Aha. Ich verstehe.«
Gerlinde Semmelweiß sah ihn prüfend an. »Wenn Sie mich fragen, Herr Doktor, Sie sehen aus wie einer, der beim Rätselraten ist.«
»So was Ähnliches ist es auch, Gerlinde.« Er ging rasch an ihr vorbei durch das Arbeitszimmer und rief dabei nochmals nach seiner Frau.
»Wir sind hier im Terrassenzimmer, Karsten.«
Sie saß dort zusammen mit Dr. Fabians älterem Kollegen und Freund Dr. Heideck am Tisch. Es duftete nach Kaffee und warmem Apfelkuchen, und Dr. Fabian hob schnuppernd die Nase, als er eintrat.
»Oh, Gerlindes Meisterwerke«, schmunzelte er.
»Möchtest du?« Florentine sah ihn prüfend an. »Hast du Ärger gehabt, Karsten?«
»Nein, Ärger nicht gerade.« Er setzte sich und wandte sich an Gerlinde, die ihm gefolgt war und schon die Kaffeekanne in der Hand hielt.
»Eine Tasse Kaffee, Herr Doktor? Warten Sie, ich lege Ihnen auch ein Stück von dem Apfelkuchen auf den Teller.«
Sie tat es und schob ihm die Sahneschale über den Tisch zu.
Dr. Heideck hatte Dr. Fabian stirnrunzelnd angesehen. Jetzt fragte er: »Du warst doch bei Hedda Sommer? Bist du ihretwegen so nachdenklich?«
»Ja. Danke, Frau Semmelweiß. Sie haben sich wieder einmal selbst übertroffen. Das duftet …« Er wandte sich an Dr. Heideck und Florentine: »Ja, ich war bei Hedda. Mir kommt da einiges merkwürdig vor. Ich weiß nicht, was ich von ihrer Lähmung halten soll. Ich habe mit ihrer Nachbarin gesprochen, die glaubt, Hedda einmal am Fenster gesehen zu haben. Stehend, hinter der Gardine. Aber sie ist sich nicht ganz sicher.«
»Wenn ihr mich fragt«, rief Gerlinde dazwischen, »die Hedda war immer gut zu Fuß. Das mit ihren Beinen fing doch erst an, als ihr Mann vor einem Jahr gestorben ist. Und er war ein alter Querkopf. Er hat alle Leute vergrault. So nach und nach zogen sich Heddas Freunde von ihr zurück. Hedda hatte vom Tode ihres Mannes an keine Freunde mehr. Auch keine Bekannte, die sie besuchten. Sie lebt jetzt in ihrem Haus wie eine Auster in der Schale. Da muss ja ein Mensch krank werden. Und weil sie niemanden hat, mit dem sie reden kann, rennt sie zum Arzt. So ist das.«
Florentine hatte Gerlinde aufmerksam zugehört. »Du meinst, sie simuliert?«, fragte sie skeptisch.
»Wenn ihr mich fragt, ja. Was sie braucht, ist ein Mensch, der sich um sie kümmert.«
»Da magst du recht haben, Gerlinde. Ich habe ihr gerade vorhin gesagt, sie müsse entweder in ein Alterspflegeheim, oder sie müsse sich einen Pfleger holen.«
Florentine starrte ihn an. »Conny«, stieß sie aufgeregt hervor, »Constanze.«
»Constanze? Wer ist denn das?«, wollte Karsten wissen.
»Erinnerst du dich nicht an die Tochter der Cousine meiner Mutter, Constanze Wehlen, Karsten?«
»Oh, doch, ja«, erwiderte er zögernd.
»Sie ist Krankengymnastin, Karsten. Sie hat gerade ihre Verlobung gelöst. Vielleicht hat sie Lust, eine Weile herzukommen? Sie könnte entweder bei Hedda wohnen, oder aber ich stelle ihr die Mühle zur Verfügung. Was meinst du?«
Dr. Fabian lächelte über den Eifer seiner Frau. Er kannte sie, wenn sie sich für etwas interessierte, dann ließ sie nicht eher locker, bis das Problem gelöst war.
»Eine gute Idee«, gab er zu, »du solltest sie mal fragen. Wo wohnt sie eigentlich?«
»In Hannover. Ich muss Mama nach ihrer Telefonnummer fragen.«
»Gut, dann tu das«, stimmte Dr. Fabian lächelnd zu.
Dr. Heideck seufzte. »Ist die Hedda nun gelähmt oder nicht, Karsten. Sie wurde doch im Kreiskrankenhaus mehrmals behandelt, nicht wahr?«
»Ja, aber es wurde niemals irgendwas gefunden, was auf eine Lähmung schließen ließ.«
»Also doch vielleicht eine Simulantin, Karsten?«, meinte Dr. Heideck.
Florentine unterbrach ihn. »Falls Hedda wirklich simuliert, ist es so etwas wie ein Hilferuf, nicht wahr? Wir werden es herausfinden, wenn Constanze sich um sie kümmern wird.«
