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Wenke Bohlen wohnt bei ihrer Tante im Heidedorf Altenhagen. Bis vor Kurzem führten sie ein ruhiges, sorgloses Leben, aber als sie vor einigen Tagen am späten Nachmittag in die Kirche ging, um ein bisschen auf der Orgel zu spielen, traf sie da plötzlich einen ziemlich verwahrlost wirkenden jungen Mann, der in einer Nische Schutz vor dem Regen gesucht hatte.
Zuerst hatte Wenke ein bisschen Angst, aber dann begann der Vagabund zu erzählen. Merkwürdige Geschichten, und sie glaubte ihm kein Wort. Aber Wenkes Tante war, als sie ihn kennenlernte, ganz begeistert.
Ja, und jetzt ist dieser Henning bei den beiden Frauen eingezogen - und das Chaos ist perfekt ...
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Veröffentlichungsjahr: 2017
Cover
Impressum
Die wichtigsten Bewohner Altenhagens
Wenke und der Vagabund
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2017 by Bastei Lübbe AG, Köln
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: Bastei Verlag / Blume
Datenkonvertierung eBook: Blickpunkt Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH, Satzstudio Potsdam
ISBN 978-3-7325-5510-9
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
Die wichtigsten Bewohner Altenhagens:
Dr. Karsten Fabian – Arzt mit Leib und Seele, ehemals Chirurg im Elbe-Krankenhaus.
Florentine Fabian – geborene Fiedler, seine immer vergnügte, bildhübsche Frau.
Svenja, Tim und Jan – die aufgeweckten Kinder der Fabians, die von allen verwöhnt werden.
Dr. Albrecht Heideck – der ältere der beiden Landärzte, wohnt und praktiziert mit seinem jungen Kollegen in der Löwenvilla. Er ist Witwer.
Johannes Bruhns – Imker, Heidschnuckenzüchter und bester Freund von Dr. Heideck. Er kennt sich in der Naturheilkunde bestens aus.
Gerlinde Semmelweiß – Haushälterin in der Löwenvilla, abergläubisch und immer auf dem Laufenden, was Neuigkeiten im Dorf betrifft.
Schwester Bernhardine – unentbehrliche Helferin von Dr. Fabian und Dr. Heideck.
Helene Fromm – geizige Wirtin vom »Blechernen Krug«, wird von allen die »fromme Helene« genannt.
Wenke und der Vagabund
Was die Leute über das ungewöhnlichste Liebespaar von Altenhagen tuschelten
Von Sybille Nordmann
Wenke Bohlen wohnt bei ihrer Tante im Heidedorf Altenhagen. Bis vor Kurzem führten sie ein ruhiges, sorgloses Leben, aber als sie vor einigen Tagen am späten Nachmittag in die Kirche ging, um ein bisschen auf der Orgel zu spielen, traf sie da plötzlich einen ziemlich verwahrlost wirkenden jungen Mann, der in einer Nische Schutz vor dem Regen gesucht hatte.
Zuerst hatte Wenke ein bisschen Angst, aber dann begann der Vagabund zu erzählen. Merkwürdige Geschichten, und sie glaubte ihm kein Wort. Aber Wenkes Tante war, als sie ihn kennenlernte, ganz begeistert.
Ja, und jetzt ist dieser Henning bei den beiden Frauen eingezogen – und das Chaos ist perfekt …
Es war kurz vor Ostern. Ein zartes Grün hing wie ein Hauch über dem Kirchdorf Altenhagen und den Wäldern und Mooren. Ein paar Leute hasteten über die Dorfstraße und schauten besorgt zum Himmel hinauf. Dort verbarg sich die Nachmittagssonne hinter einer blaugrauen Wolke.
Ein Gewitter im Frühling kündigte sich an.
Dann fielen auch schon die ersten Tropfen. Ein Blitz zuckte grell über die dunkle Wolke. Der Donner grummelte Sekunden später, und dann öffnete der Himmel seine Schleusen. Der Gewitterregen prasselte auf Altenhagen nieder.
Auf der Landstraße von Lüneburg nach Altenhagen fuhr ein junger Mann auf seinem Fahrrad und kämpfte gegen den heftigen Wind. Er kniff die Augen zusammen und trat kräftig in die Pedale.
Ein Auto tauchte vor ihm auf, spritzte einen Schwall schmutzigen Wassers über ihn, als es durch eine Pfütze fuhr, und war auch schon wieder im Regen verschwunden. Der junge Mann machte erschrocken einen Schlenker nach rechts, das Vorderrad berührte einen Straßenbegrenzungsstein, schlug herum und kippte zur Seite.
Der Mann fiel kopfüber in den flachen Graben neben der Straße, klatschte in aufspritzendes Wasser und schlug mit dem rechten Unterarm auf einen harten, scharfen Gegenstand.
Fluchend erhob sich der junge Mann. Erst als er auf die Straße zurücktrat und sein Fahrrad aufhob, spürte er einen scharfen Schmerz im rechten Arm. Er presste die linke Hand auf die schmerzende Stelle und stellte erschrocken fest, dass er blutete.
Trotzdem hob er zunächst das Fahrrad auf, legte es an den Straßenrand, nahm zwei schwere Gepäcktaschen auf, die neben dem Rad lagen.
Weil das Blut an seinem Arm herablief, krempelte er die Ärmel der Jacke auf und starrte verwundert auf die offenbar tiefe Verletzung. Mit seinem Halstuch verband er die Wunde, knotete es mithilfe seiner linken Hand und seinen Zähnen fest zusammen und warf die Gepäcktaschen über seine linke Schulter.
Der Regenumhang war ihm von den Schultern gerutscht und lag im Straßengraben, der sich immer mehr mit Wasser füllte.
Der Mann fischte den Umhang heraus, griff nach dem Fahrrad, hob die Lenkstange an und ging im strömenden Regen dem nahen Heidedorf zu, dessen Kirchturm er schon vor Beginn des Gewitters aus der Ferne gesehen hatte. Nach einigen Hundert Metern tauchte das Namensschild des Dorfes auf. »Altenhagen« las er und dachte, dass er sich irgendwo verfahren haben musste.
Ein paar Blitze zuckten auf, denen augenblicklich der Donner folgte, und dann erkannte der Mann durch den Dunst des Regens genau vor sich die Dorfkirche, die mitten auf der Straße zu stehen schien. Erst beim Näherkommen bemerkte er, dass die Straße sich gabelte und rechts und links an der Kirche vorbeiführte.
Der Mann ging auf den Kircheneingang zu, stellte das kaputte Fahrrad gegen die Kirchenmauer und drückte gegen die schwere Kirchentür. Zu seinem Erstaunen gab sie nach. Und so trat er in das Halbdunkel des Kirchenraumes.
Er blieb in der Mitte des Raumes unter dem Kirchturm stehen und schaute sich neugierig um. Das schwache Tageslicht fiel durch hohe, bunte Fenster ins Innere. Am Ende des Kirchenschiffs erkannte er den Altar.
Der Mann atmete tief. Er ging ein paar Schritte auf Zehenspitzen vorwärts und entdeckte eine Tür, die offenstand und den Blick auf eine Treppe freigab. Er griff nach seinen Gepäckstücken, zuckte ein bisschen zusammen, als der Schmerz der Armwunde ihn zwang, alles in die linke Hand zu nehmen, und stieg kurz entschlossen die Treppenstufen hinauf.
Als er oben war, lächelte er, als er die Orgel erkannte, die fast die gesamte Breite des Turmraums einnahm.
Und hinter der Orgel entdeckte er unter einer Nische eine Bank. Er setzte sich aufstöhnend darauf nieder. Der rechte Arm schmerzte. Trotzdem entledigte er sich seiner Jacke, die tropfnass war, zog seine Schuhe aus und wollte gerade nach den Gepäcktaschen greifen, als er Schritte auf der Treppe hörte.
Er drückte sich tief in die Nische und atmete leise. Er sah, wie eine junge Frau zur Orgel ging, das Gebläse einschaltete und wieder aus seinem Blickfeld entschwand.
Gleich darauf hörte er sie auf die Fußpedale treten. Ein paar erste Töne, noch zaghaft, dann brauste ein Orgelspiel auf, das anschwoll, leiser wurde, erneut anhob und in eine Melodie überging.
So nimm denn meine Hände …, dachte er, legte die Thermosflasche, die er aus einer der Gepäcktaschen herausgezogen hatte, auf die Bank und presste die linke Hand auf den schmerzenden rechten Arm.
Und genau in dem Augenblick, als die letzten Töne der Orgel verstummten, zuckte er zusammen, als die Thermosflasche zu Boden polterte und auf die Orgel zurollte.
Er hielt den Atem an. Und dann stand die Frau auch schon vor ihm und sah ihn keineswegs erschrocken an.
»Was tun Sie hier? Wie kommen Sie hierher?«, fragte sie streng.
»Wie ich hierhergekommen bin? Äh … mit dem Fahrrad. Ich bin mit dem Rad durch ganz Europa gefahren, eine Art Studienfahrt.«
»Darf ich erfahren, was Sie studieren?«, fragte sie voller Spott.
