Dr. Katze - Renate Deimel - E-Book

Dr. Katze E-Book

Renate Deimel

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Beschreibung

Tiere als Co-Therapeuten: Wenn Katzen bei der Heilung unterstützen Wer tiergestützte Therapie hört, denkt nicht unbedingt zuerst an Katzen. Schließlich gelten sie als sehr unabhängige Hausgenossen und dementsprechend oft als ein wenig unnahbar. Die jungen Patient:innen und das medizinische Fachpersonal im Kinderhospiz Lichtblickhof haben ganz andere Erfahrungen gemacht. Hier sind die Stubentiger als Therapiebegleitkatzen gemeinsam mit anderen Vierbeinern in der Therapie im Einsatz. Renate Deimel, Karin Hediger und Roswitha Zink berichten von ihren Erfahrungen mit den Katern des Lichtblickhofs und der Therapiekatzen-Ausbildung. - Der Weg zur Therapie mit Katzen: Wie die Samtpfoten am Lichtblickhof mithelfen - Nicht nur Katzenschnurren heilt: die Wirkung von Tieren als Co-Therapeuten - Kann man jede Katze trainieren? Die Ausbildung vom Stubentiger zur Therapiekatze - Ein Psychologie-Sachbuch und Psychotherapie-Sachbuch über tiergestützte Therapie und positives Tiertraining -Tierschutz und Stressmanagement für Therapietiere sowie Supervision als wichtige Bausteine um beste Wirkung zu erzielen und tiergerecht Therapie mit Katzen anzubieten - sichere Bindung, Körpersprache, buttonunterstützte Kommunikation (AIC) sowie die Natur als einige der Wirkfaktoren katzengestützter Therapie - Traumabewältigung & Kinderpsychologie: Wie die Autorinnen die Fähigkeiten der Katzen in der Therapie nutzen Fuchur und Jonathan: Die Therapiekatzen des Lichtblickhofs Ursprünglich waren Katzen gar nicht als Therapietiere im Kinderhospiz geplant – sie haben einfach selbst gezeigt, wie sie mit den jungen Patient:innen interagieren möchten. Erst nach und nach hat sich daraus die Therapiekatzen-Ausbildung entwickelt, die wieder und wieder beweist, wie hilfreich die schnurrenden Begleiter sein können. Fuchur und Jonathan, die beiden derzeitigen Co-Therapeuten, sind die Stars dieses Buchs. Ihre Geschichte zeigt auf eindrucksvolle Weise, wie Katze und Mensch harmonieren können – und wie viel Freude tiergestützte Therapie schwer kranken, behinderten oder traumatisierten Kindern schenken kann.  

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Seitenzahl: 273

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Dr. Katze

Renate Deimel Karin Hediger Roswitha Zink

Dr. Katze

Therapie auf samtenen Pfoten

Sämtliche Angaben in diesem Werk erfolgen trotz sorgfältiger Bearbeitung ohne Gewähr.

Eine Haftung der Autoren beziehungsweise Herausgeber und des Verlages ist ausgeschlossen.

Gendererklärung:

Mit Rücksicht auf den Lesefluss wurde das generische Maskulinum verwendet, wenn die genderneutrale Formulierung nicht möglich war.

1. Auflage

© 2025 ecoWing Verlag bei Benevento Publishing Salzburg – Wien, einer Marke der Red Bull Media House GmbH, Wals bei Salzburg

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags, der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen sowie der Übersetzung, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Medieninhaber, Verleger und Herausgeber:

Red Bull Media House GmbH

Oberst-Lepperdinger-Straße 11–15

5071 Wals bei Salzburg, Österreich

[email protected]

Lektorat: Stefanie Jaksch

Umschlaggestaltung: ki 36 Editorial Design, München

Covermotiv: iStock/Pavlina Popovska

Gesetzt aus der Palatino, Abril Fatface und Brandon Text

Bildnachweis:

S. 13, 15, 29, 31, 34, 46, 71, 90, 102, 124, 136, 141, 148, 172, 196, 206: Julia Salzer

S. 35, 59, 86, 151, 178, 181: Sabine Schroll

S. 41: Claudia Blake

S. 55, 117, 119, 158: Lichtblickhof

Katzenillustrationen: Ingaseidl.com

Autorinnenillustration: Claudia Meitert/carolineseidler.com

Printed by Finidr, Czech Republic

ISBN: 978-3-7110-0345-4

eISBN: 978-3-7110-5376-3

Inhalt

Vorworte

Wie kam es zu Dr. Katze?

Willkommen auf dem Lichtblickhof

Unser Weg zur katzengestützten Therapie

Finnegan und die Kater: eine Annäherung

Das Wunder Katze

Leise Pfoten mit viel Geschichte

Jonathan und Fuchur stellen sich vor

Die Welt aus der Katzenperspektive

Die Katze verstehen lernen

Finnegan lernt aus der Vergangenheit

Die Katze und wir

Katzen und ihr Einfluss auf unser Wohlbefinden

Was bewirkt die Anwesenheit von Katzen?

Katzen halten Einzug in der Therapie

Wirkmechanismen katzengestützter Angebote

Finnegan, die Wärme und schlechte Tage

Heilende Samtpfoten: Wie Katzen zu Co-Therapeuten werden

Wie eine Therapiebegleitkatze mitarbeiten kann

Was eine Therapiebegleitkatze ausmacht

Was Fachpersonen brauchen

Über ein Sprachboard kommunizieren

Finnegan und der Regen auf der Haut

Jede Katze ist ein Co-Therapeut

Positives Training von Katzen

Tierwohl und Consent

Risiken und Herausforderungen für Katzen und Menschen in der Therapie

Finnegans Happy End

Ausblick

Anmerkungen

Die Autorinnen

Vorworte

Sehr geehrte Lesende,

seit 40 Jahren untersuche ich das Verhalten von Katzen und die Beziehung zwischen Katzen und Menschen. Ich habe zahlreiche wissenschaftliche Abhandlungen und einige Bücher zu diesem Thema veröffentlicht. Ich kenne alle drei Autorinnen dieses Buches als erfahrene Expertinnen ihrer jeweiligen Fachgebiete. Für Karin habe ich regelmäßig in ihren universitären Kursen für tiergestützte Therapie über Katzen gelehrt. Roswitha und Renate kenne ich persönlich von Treffen bei internationalen Fachkongressen und durch ihre Publikationen. Sowohl als Katzenforscher als auch als ehemaliger Präsident der Internationalen Gesellschaft für Mensch-Tier-Interaktionen (IAHAIO) und Mitgründer sowie erster Vizepräsident der Internationalen Gesellschaft für Tiergestützte Therapie (ISAAT) kann ich dieses informativ geschriebene Sachbuch wärmstens empfehlen! Katzen haben eine große Zukunft als eigene, persönliche Therapeutinnen sowie als Co-Therapeutinnen von Fachleuten, die sie kennen und respektieren.

Prof. em. Dr. sc. Dr. h. c. Dennis C. Turner, Biologe

Liebe Katzenfreunde,

die Katze hat weltweit einen festen Platz im Herzen von Menschen gefunden. Ihr Zauber liegt nicht im materiellen Nutzen, sondern in der Wirkung auf unser Inneres. Sie bringt Ruhe, Achtsamkeit und eine besondere Form von Heiterkeit. Wer sich auf sie einlässt, erkennt: Katzen sind ehrlich, feinfühlig und geistreich. Besonders in der tiergestützten Arbeit zeigen sie ihr einzigartiges Potenzial – vorausgesetzt, ihr eigenes Wohl und ihre Würde stehen im Mittelpunkt. Dieses Buch öffnet den Blick für die Katze als feinfühlige Partnerin auf Augenhöhe und zeigt eindrucksvoll, wie tief und heilsam unsere Verbindung zu Katzen sein kann.

Ich wünsche diesem einzigartigen Buch eine weite Verbreitung – denn Jonathan ist einer der besten Lehrer für das, was wir noch über Katzen lernen können.

Dipl. Tzt. Sabine Schroll, Verhaltenstierärztin und Katzenexpertin

Wie kam es zu Dr. Katze?

Willkommen auf dem Lichtblickhof

Seit 2001 begleitet der gemeinnützige Verein Kinderhospiz Lichtblickhof mit einem multiprofessionellen Team und speziell ausgebildeten Therapiebegleittieren Kinder mit lebensverkürzenden Erkrankungen, Behinderungen oder traumatischen Erfahrungen. Das therapeutische Angebot des Lichtblickhofs umfasst sowohl ambulante als auch stationäre Angebote.

Am Lichtblickhof besuchen nicht nur die Katzen, sondern auch die Pferde schwerkranke Kinder beim Pflegebett im Zimmer.

Die Therapien finden an zwei Standorten statt: einem in Wien und einem in Niederösterreich. In Wien befindet sich der Hof auf dem Gelände der ehemaligen Klinik Penzing – er liegt mitten in der Stadt und ist dennoch ein geschützter, grüner Raum, der therapeutische Begegnungen in einer urbanen Umgebung ermöglicht. Der zweite Standort befindet sich am Land in Niederösterreich, eingebettet in die Voralpen, inmitten von Wald und Weiden. Die Wirkungsorte ergänzen einander wunderbar und bieten unterschiedliche Rahmenbedingungen. An beiden Orten stehen barrierefreie Hospizwohnungen zur Verfügung, in denen Familien gemeinsam mit ihren schwerkranken Kindern betreut werden können. Diese Wohnungen ermöglichen es, auch in der letzten Lebensphase wertvolle Zeit miteinander zu verbringen – begleitet von Pferden, Hunden, Katzen, Kaninchen und Schafen. Die am Kinderhospiz Lichtblickhof entwickelte Therapieform Equotherapie® wurde mit Pferden entwickelt und im Laufe der Zeit auf andere Tiere ausgeweitet. Dabei stehen stets das Wohl der Tiere, ihre besonderen Fähigkeiten und die Beziehung und Bindung mittels der nonverbalen Kommunikation im Mittelpunkt. Die Tiere werden speziell ausgebildet und ihre selbstbestimmte Mitarbeit gefördert. Das heißt, dass die Bedürfnisse der Tiere ernst genommen werden: Sie haben ein Mitspracherecht, sie üben, »Nein« zu sagen sowie ihre Wahrnehmungen während der Therapieeinheit rückzumelden. Die Einschätzung der Tiere ist der größte Schatz der tiergestützten Arbeit, denn Tiere sind oft feinsinnig und erfassen die Probleme des Gegenübers häufig genauer als menschliche Therapeuten. Tiergerechte Haltung und wertschätzender Umgang auf Augenhöhe sind am Lichtblickhof zentrale Bestandteile des Konzepts für Mensch und Tier.

An diesem besonderen Ort arbeiten wir und die beiden Therapiebegleitkater Fuchur und Jonathan mit ganzem Herzen. Während Roswitha Zink und Renate Deimel täglich auf dem Lichtblickhof mit den Katzen und den Kindern arbeiten, ist Karin Hediger als Dozentin und wissenschaftliche Beraterin eng mit dem Lichtblickhof verbunden. Sie lebt mit ihrer Familie, zu der auch zwei Katzen gehören, in der Schweiz und hat am REHAB Basel, einer Klinik für Neurorehabilitation, mit Katzen tiergestützt psychotherapeutisch gearbeitet. Sie erforscht die Mensch-Tier-Beziehung sowie die Wirkung von tiergestützter Therapie als Professorin an der Universität Luzern und der Open University in den Niederlanden.

Die beiden Kater lieben Geschichten und Magie, genau wie die Kinder.

Die Kater Fuchur und Jonathan schaffen auf dem Lichtblickhof unabhängig von Diagnosen und Prognosen Momente der Freude und Leichtigkeit. In den täglichen Abläufen mit den Katern spüren die Kinder Zuversicht und Zusammenhalt. Seit Fuchur 2018 zu uns auf den Lichtblickhof gezogen ist, beschäftigen wir uns intensiv mit der gezielten Ausbildung und Förderung von Katzen für die tiergestützte Therapie. Was zunächst bei unseren Hofkatzen mit Freigang eine spontane therapeutische Katzenbegegnung war, wurde mit der Zeit zu einem bewussten Entwicklungsprozess mit und für Katzen und Kinder. Aus diesen Erfahrungen haben wir viel gelernt, und das Lernen geht täglich weiter, denn die Kater haben immer neue Ideen.

Die ersten Therapiekatzen am Lichtblickhof und damit im Leben der Autorinnen Roswitha und Renate waren von 2003 bis 2020 Tintenfuß und Bruxinha. Die Katzengeschwister, beide schwarz wie die Nacht, begleiteten den Lichtblickhof Niederösterreich seit seiner Gründung. Sie waren eher scheu, lebten tagsüber als Freigänger und nachts im Haus. Oft haben wir gestaunt, wann und wie diese beiden freien Katzen Anteil nahmen an den Schicksalen der Kinder, die auf den Hof kamen. Uns schien es beinahe mystisch, wie die Katzen oft tagelang keinen Kontakt suchten, dann aber wieder vom Frühstück an einen ganzen Tag lang die Kinder wie kleine Schatten begleiteten. Manchmal haben sie sich spontan und ganz von selbst in das Therapiesetting eingebracht, auch wenn sie nicht speziell dafür ausgebildet waren. Ein Beispiel dafür war Tintenfuß’ Verbundenheit zu Elionore. Elionore ist eine der Heldinnen, die die Welt zusammenhalten. Sie ist zu diesem Zeitpunkt 72 Jahre alt und hat nach dem Tod ihrer Tochter die Verantwortung für Jasmin übernommen. Jasmin, Elionores Enkelin, wurde bei einem schweren Verkehrsunfall, bei dem die Mutter verstarb, schwer verletzt und hat nun eine geistige Behinderung. Sie musste vieles neu lernen und braucht sehr viel Pflege. Wie soll das gehen, wenn eine ältere Dame, die eigentlich ihren Ruhestand genießen sollte, sich darum kümmern muss? Elionore hat ihr Leben lang so hart und schwer gearbeitet, dass sie es wirklich verdient hätte, ihren Ruhestand zu genießen. Aber es kam anders. Doch Elionore packte das Leben beim Schopf. Sie kümmert sich nun um ihre Enkeltochter. Sie saß in der dunkelsten Zeit, als Jasmin auf der Intensivstation lag, Nacht für Nacht an ihrem Bett. Sie war diejenige, für die die kleine, zerbrechliche Jasmin die Welt bedeutete, für die sich dieses kleine Mädchen jede Woche anstrengte, um irgendwann wieder ein selbstständiges Leben führen zu können. Wann immer Jasmin und Elionore bei uns waren, kam Tintenfuß wie von Zauberhand von weit her und setzte sich zu ihr. Elionore saß mit geschlossenen Augen auf der Ofenbank, den schwarzen Kater auf ihrem Schoß, und tankte Kraft. Dies war ihr Ritual – jede Woche, jede Stunde, in der ihre Enkelin mit der Kraft der Pferde übte, wieder gehen zu lernen. Tintenfuß hatte dieses Ritual selbst erfunden, niemand von uns hätte ihm das zugetraut.

Erst nach vielen Jahren wurde uns klar, was für ein besonderer Kater Tintenfuß war. Er besaß ein unglaublich feines Gespür und bot manchen Menschen seine heilende Nähe an. Besonders Kinder, die still liegen mussten, bekamen Tintenfuß’ Zuwendung. Einige Stunden Dialyse? Kein Problem, Kater Tintenfuß übernahm die Aufsicht. Als seine Schwester Bruxinha starb, überlegten wir lange, ob es vernünftig ist, einen jungen Kater dazuzunehmen. Generell empfiehlt man, gleichaltrige Katzen und nicht eine Jungkatze mit einem betagten Kater zu vergesellschaften. Doch es gelang: Fuchur hüpfte nicht nur in unsere Herzen. Tintenfuß blühte im hohen Alter von 15 Jahren noch einmal so richtig auf. Zwei Jahre lebten die beiden gemeinsam, und schon bei Fuchurs Einzug kam die Idee auf, ihn zur Therapiebegleitkatze »auszubilden«. Das war auch der Zeitpunkt, ab dem Tintenfuß das Freigängerleben nicht mehr meistern konnte. Aus diesem Grund sowie anderen Überlegungen wie dem Schutz der Kater vor dem Verkehr entschieden wir, dass Fuchur nicht als Freigänger groß werden und Tintenfuß einen gesicherten Garten als sein Revier erhalten sollte.

In den sieben Jahren, die uns Fuchur nun begleitet, haben wir viel ausprobiert, verworfen, neu gedacht – und festgestellt, was gut funktioniert. All das wollen wir in diesem Buch mit Ihnen teilen. Fuchur hat uns auf diesem Weg vieles beigebracht, manches davon auf Umwegen. Sein jüngerer Gefährte Jonathan, der im Jahr nach Tintenfuß’ Tod geboren wurde, konnte davon bereits profitieren: Er wuchs in einem Umfeld auf, in dem die therapeutische Arbeit mit Katzen bereits lebendig war, und konnte viele Dinge von klein auf lernen, die wir bei Fuchur im Nachhinein erarbeiten mussten. Und das nächste Kätzchen wird wieder andere Dinge ganz selbstverständlich mit auf den Weg bekommen.

Unser Weg zur katzengestützten Therapie

Im Zusammenleben von Menschen und Haustieren geht es viel um Beziehung und Kommunikation. Weil sich aber hier Tier und Mensch gegenüberstehen, müssen wir davon ausgehen, dass es noch leichter als bei Mitmenschen passiert, dass wir einander missverstehen. Daher ist uns ein ruhiger, immer hinterfragender Blick auf uns und unseren Umgang mit den Tieren wichtig. Wir fragen uns täglich: Was ist den Katern ein Herzensanliegen? Was bewegt sie den ganzen Tag? Wie sehen sie die Welt? Wie empfinden sie zum Beispiel Berührung? Wie erscheinen wir ihnen – außer riesengroß? Was denken sie über Menschen? Wie treffen sie Entscheidungen? Diese Fragen und die Suche nach Trainings-, Kommunikations- und Zusammenlebensformen machen den Lichtblickhof und seine Mitarbeitenden zu etwas Besonderem. Ein eher ungewöhnliches Werkzeug für die Kommunikation zwischen den Katzen und den Menschen ist das sogenannte »Sprachboard«. Es spielt in unserem Alltag eine große Rolle. Es besteht aus mehreren Druckknöpfen auf einer Schaumstoffmatte. Die Knöpfe können vorher aufgezeichnete Worte wie »schlafen«, »essen«, »Wasser trinken«, »grantig«, »glücklich«, »kalt« und vieles mehr wiedergeben, wenn sie gedrückt werden. Die Kater drücken diese und haben damit die Möglichkeit, in einem »normierten Wortsystem« in Menschensprache Bedürfnisse und Feststellungen mit uns zu teilen. Sie bekommen im Gegenzug die Aufmerksamkeit von uns und ein Fenster in unsere Welt, was alle Lichtblickhof-Haustiere mit Begeisterung nutzen.

Katzen sind Tiere voller Gegensätze – sie sind Raubtiere und Fluchttiere, sanft und wehrhaft, anhänglich und unabhängig, sie haben weiches Fell, aber auch scharfe Krallen und spitze Zähne. Sie jagen liebend gerne und sind Meister im Regulieren von Angst. Gut und Böse, Jäger und Gejagte – Katzen tragen beide Seiten in sich. Diese Dualität zu beobachten, hilft uns Menschen, die Ambiguität des Lebens zu balancieren. An der Seite von Katzen lässt sich herrlich über die eigenen Ängste hinauswachsen. Katzen beginnen jeden Tag neu, nehmen jeden Tag, wie er ist, und lehren alle, die dafür offen sind, Genussfähigkeit, Konzentration, Disziplin und Durchhaltekraft.

Katzen gehen nicht »unsere« Wege und nicht unser Tempo. Sie riechen intensiver als wir und verweilen gerne. Aber wenn wir uns einfühlen und auf sie einlassen, geben sie uns faszinierende Einblicke in die Welt der Natur. Gerade in Lebenskrisen wie Trauer, Trauma oder schwerer Krankheit kann diese Koexistenz Wunder bewirken. Am Lichtblickhof sind es oft die Tiere, die Menschen in Krisen den Weg zurück ins Leben weisen. Ganzheitlichkeit ist für Tiere selbstverständlich, sie leben die Einheit von Körper, Geist und Seele – spielerisch, tiefgründig und immer auch mit Humor.

Für unsere Katzen haben wir an beiden Orten des Lichtblickhofs ein eigens eingerichtetes Therapiezimmer geschaffen – einen geschützten Rückzugsort, der ganz auf ihre Bedürfnisse abgestimmt ist. Hier können sie in Ruhe schlafen, wenn sie frei haben, oder aus sicherer Distanz das Geschehen beobachten. Von ihrem Zimmer aus sehen die Kater direkt in die Reithalle und in den Pferdestall. Während der Therapieeinheiten können sie Kontakt mit den Patienten aufnehmen oder sich zurückziehen, wenn ihnen danach ist. Unsere Katzen begleiten uns zur Arbeit und gehen nach den Einheiten abends wieder mit uns nach Hause. Auch für die Katzen gilt: Niemand muss jeden Tag »zur Arbeit« kommen. Ihre Selbstbestimmung und ihr Wohlbefinden stehen für uns an oberster Stelle.

Unsere Katzen wohnen bei uns zu Hause und haben zwei unterschiedliche Lebensräume, je nachdem, ob wir in Wien oder am Standort in Niederösterreich arbeiten. Am Lichtblickhof in Niederösterreich steht ihnen nebst unserem Haus ein 3000 m2 großer eingezäunter Garten mit wunderschönen und bis zu acht Meter hohen Bäumen zur Verfügung, in dem sie sicher die Natur erkunden können. In Wien haben sie eine »Katzenvoliere« – einen geschützten, ausbruchssicheren 200-m2-Außenbereich, der am Haus angebaut ist – sowie einen zwar viel kleineren, aber ebenfalls gesicherten und abwechslungsreichen Garten, der mit einem Baumhaus und einem Klettergerüst ausgestaltet ist. Diese unterschiedlichen Umgebungen ermöglichen es uns, auf die individuellen Bedürfnisse der Katzen einzugehen und gleichzeitig vielfältige therapeutische Settings anzubieten – drinnen wie draußen, ruhig oder bewegt, mit Raum für Begegnung und Rückzug gleichermaßen. Die Kater haben von klein auf die Flexibilität geübt, ihre Menschen an verschiedene Orte zu begleiten und dort mit ihnen Zeit zu verbringen, was sowohl Hausbesuche bei Patienten als auch Spaziergänge möglich macht. Auch das An-der-Leine-Gehen ist für unsere Kater selbstverständlicher Alltag – allerdings nicht für alle Katzen geeignet. Es muss sehr sorgfältig trainiert werden, die Selbstwirksamkeit und Mitbestimmung der Katzen sind absolut zentral und man darf sich dies nicht vorstellen, wie wenn man mit einem Hund an der Leine spaziert. Die Art, wie Jonathan und Fuchur leben und mitarbeiten, ist bei Weitem nicht der einzige richtige Weg, den man mit Katzen gehen kann. Jeder Therapeut muss mit der eigenen Katze einen guten individuellen Weg finden, der eine stimmige Balance für das »Berufs-« und »Freizeitleben« der Katze garantiert.

Dieses Buch ist das Ergebnis einer besonderen Zusammenarbeit – drei Frauen, zwei Länder und eine gemeinsame Leidenschaft: die therapeutische Arbeit mit Katzen. Hier bündeln wir unsere Erfahrungen und unser Wissen, um Ihnen einen vielseitigen Einblick in die faszinierende Welt der katzengestützten Therapie zu geben. Es soll dabei nicht ein starres Regelwerk bilden, sondern eine Einladung zum Mitfühlen, Ausprobieren, Weiterdenken und Weiterentwickeln sein. Jede Katze, jeder Mensch, jede therapeutische Situation ist einzigartig. Wir verstehen dieses Buch als Inspiration, nicht als Rezeptbuch. Vielleicht finden Sie Impulse, die Sie in Ihrer eigenen Praxis oder in Ihrem Alltag weiterbringen. Wir laden Sie dazu auf eine Reise in die besondere Welt der schnurrenden Samtpfoten ein.

An dieser Stelle ist es wichtig, dass wir in die Geschichte von Lena1 eintauchen, denn ohne sie gäbe es die katzengestützte Therapie am Lichtblickhof nicht:

Der Wald leuchtet mit seinen grünen Blättern, und starke Sonnenstrahlen, wie sichtbar gemachtes Licht, zeigen die Verbindung zwischen Himmel und Erde. Lena streichelt sanft das weiche Fell des grau getigerten Katers. Obwohl sie erst zwölf Jahre alt ist, wirkt sie schon wie eine Erwachsene. Sie sitzt im Gras, Kater Fuchur liegt zu ihren Füßen und schnurrt in einem ruhigen Rhythmus. Wir drei – Katze, Kind und ich, Renate, als ihre Therapeutin – sind überwältigt: Das Chlorophyll der Pflanzen rund um uns leuchtet sanft und die Schönheit der Natur geht uns unter die Haut!

Lena hat vor einer Woche erfahren, dass die Therapien nicht wirken. Es war bis hierher bereits ein harter, langer Kampf gegen den Krebs, der Lena stark und gleichzeitig dünnhäutig und schwermütig gemacht hat. Doch die lindgrünen Blätter der Bäume um uns versichern uns: Wir sind den ganzen Sommer für euch da! Die Kombination aus dem lichtdurchfluteten, fein geäderten Blätterdach, glitzernden Wassertropfen des vorangegangenen Regens und sanft aufsteigendem Dampf aus den weichen Moosfeldern zu unseren Füßen macht uns Gänsehaut. »Ich weiß jetzt wieder, was Glück für einen Geruch hat«, sagt Lena. Ihre Glatze und die tiefen Narben ihrer Gehirntumor-Operationen sind verborgen unter einem rosa Kopftuch mit kleinen Comickatzen. Jedes Kleidungsstück, das das Mädchen trägt, verrät: Es ist ein Katzenfan. Aber auch ihre Bewegungen und ihre Fähigkeit, fast jeden Katzenlaut perfekt zu imitieren: Schnurren, Gurren, Fauchen, Quieken, ein leises Pruiiitt … Wir sitzen am Waldrand und fühlen uns miteinander und mit der Natur um uns verbunden – und für diesen Moment fühlen wir uns außerdem kerngesund.

Aufgrund vieler Studien wissen wir heute, dass Tiere und die Natur für Menschen vielfältig heilsam sein können. Durch den nonverbalen Kontakt mit Tieren entsteht ein einmaliger innerer Gleichklang, der sich sogar darin ausdrückt, dass sich der Herzschlag von Tieren und ihren Patienten aneinander anpasst. Durch dieses Gleichklang-Erleben entsteht tiefe Freude. Der Dialog zwischen Mensch und Tier und das Erleben, jenseits aller Worte im Ungesagten angenommen zu werden, entfalten eine heilsame Kraft. Mit einer Katze spazieren zu gehen, kann eine tiefe Erfahrung von Geborgensein, Halt, Klarheit und Stärke auslösen und dabei helfen, Gemeinsamkeit zu empfinden. Lena, dem Mädchen mit dem rosa Kopftuch, hilft diese Gemeinsamkeit in der größten Einsamkeit – die dann einsetzt, wenn man versteht, dass kein Mensch, kein Arzt einem mehr dabei helfen kann, gesund zu werden. Die Natur und die Freundschaft mit Tieren können starke »Medikamente« sein, und Dr. Katze weiß, wie man sie verschreibt. Tiere bieten einen »sicheren Ort« und nehmen uns mit in ihre faszinierende Welt der Super-Sinne, in der sie so hellwach sind wie wir Menschen nur ganz selten.

Lena wurde zwölf Jahre alt. Sie ist der Grund, warum wir am Lichtblickhof begonnen haben, systematisch katzengestützte Therapie anzubieten. Ihre Zeit war begrenzt, aber ihr Katzenwissen und ihr Spüren waren tiefer und größer als unseres. Sie kam zwei Jahre lang zur Therapie auf den Lichtblickhof. Zwei Jahre, in denen sie und der Kater Fuchur eine innige Beziehung aufbauten und Renate in kleinen Schritten gemeinsam mit Lena begann, die katzengestützte Therapie, wie wir sie heute anbieten, zu entwickeln.

Durch dieses Buch wird uns allerdings nicht Lena, sondern Finnegan begleiten. In jedem Kapitel stellt Roswitha ein Stück seines Therapieverlaufs vor. Sie begleitet ihn dabei, wie er gemeinsam mit den Katern und seiner Therapeutin Schritt für Schritt die Trauer um seine verstorbene Schwester in sein Leben integriert.

Finnegan und die Kater: eine Annäherung

Ein Therapietag beginnt: Ich will mit Kater Jonathan zum Hof fahren. Doch Jonathan sitzt unter einem Sessel und signalisiert mir mit seinem Sprachboard: »böse«, »Angst«. Erst als ich mich beruhige, mich auf ihn einlasse und ihn kraule, reagiert er mit »kuscheln«. »Könnten wir jetzt fahren?«, frage ich und drücke die Worte »Auto«, »Lichtblickhof«, »Rucksack«. Jonathan drückt sich an meinen Fuß und begleitet mich ins Vorzimmer, wo sein Geschirr und sein Rucksack bereitstehen. Er lässt sich das Geschirr bereitwillig anziehen und steigt in seinen Rucksack. Immer noch ein wenig gestresst komme ich am Lichtblickhof an. Am Hof sind Finnegan und seine Mutter bereits im Wartebereich angekommen, er starrt auf sein Handy, sie auch. Ich haste am Fenster des Zimmers vorbei, winke und bringe Jonathan rasch in den Therapieraum. Schnell drehe ich die Heizung höher, stecke die Wärmematte des Katers an und begrüße die Familie.

Finnegan ist zwölf Jahre alt. Er lebt in Österreich, wo sein Name selten ist. In der Schule wird er deswegen oft gehänselt. Trotz seiner Ablehnung gegen den Namen sagt er tapfer: »Es ist meiner.« Finnegan kommt wöchentlich auf den Lichtblickhof zur Psychotherapie. Seine Mutter nennt es »Therapie«, weil vieles in Finnegans Leben schwer ist. Er selbst sagt: »Die Kater sind meine Tankstelle, weil jeder Sprit braucht.«

Vor zwei Jahren starb Finnegans Schwester Paulina im Alter von zwölf Jahren. Sie war eine leidenschaftliche »Katzenfrau« und sammelte alles, was mit Katzen zu tun hatte. Sie wurde von uns begleitet und liebte die katzengestützte Therapie am Lichtblickhof. »Sie faszinieren, sie haben unglaubliche athletische Fähigkeiten. Umgib dich mit etwas, das du anbetest, und es wird auf dich abfärben«, sagte sie. Finnegan möchte bewusst in ihre Fußstapfen treten. Andere Hilfsangebote lehnt er ab. Diagnostiziert wurden bei ihm eine Anpassungsstörung sowie ein selektiver Mutismus (er spricht kaum, wenn er nicht zu Hause ist), und es besteht zudem ein Verdacht auf eine Autismus-Spektrum-Störung.

Ich begrüße die beiden und wechsle einige Worte mit der Mutter. Dann frage ich Finnegan, ob er allein oder zusammen mit der Mutter unsere Kater Jonathan und Fuchur kennenlernen möchte. Er nickt. Ich wiederhole: »Alleine?«, mache eine Pause. Er nickt. »Oder gemeinsam?« Er schüttelt den Kopf. Die Mutter lässt sich wieder auf die Couch im Wartebereich nieder, Finnegan folgt mir die knarrende Holzstiege hinauf zum Katzentherapiezimmer im ersten Stock oberhalb der Reithalle und des Pferdestalls. Durch eine doppelte Türe, damit die Katzen nicht aus Versehen aus dem Raum gelassen werden, gelangen wir in den Therapieraum. Dort sitzt Jonathan auf seiner Heizmatte. Ich bitte Finnegan, seine Jacke und Schuhe abzulegen. Er setzt sich wortlos hin, er hat den Blick gesenkt. Währenddessen fülle ich eine Wärmflasche in Katzenform, um ihm Zeit zum Ankommen zu geben. Im Augenwinkel sehe ich, wie er sich interessiert umsieht. Als ich mich ihm wieder zuwende, hat Jonathan sich leise hinter Finnegan gesetzt. Er schnurrt. Finnegan sieht kurz über seine Schulter zu Jonathan, dann kurz zu Fuchur, der schlafend in einem offenen Katzenkorb liegt, und dann wieder zu Boden. Finnegans blonder Schopf liegt wie ein Helm über seiner Stirn, er hat mich bisher kaum angesehen. Heute brauche ich ihm wohl nichts über die Wichtigkeit, Katzen anzublinzeln, zu erzählen, denke ich, aber der Tag wird kommen, vielleicht sogar schneller, als ich meine. Finnegan reagiert vorsichtig, seine Finger tasten an der Wärmflasche entlang. Ich sage: »Fuchur stellt sich schlafend, er beobachtet noch aus sicherer Distanz. Jonathan dagegen wäre bereit, dich kennenzulernen.« Finnegan wirkt entspannter. Ruhig sitzt er da und beobachtet die Katzen.

Nach einiger Zeit hole ich einige Papierbögen auf den Tisch, darauf sind Katzen in verschiedenen Gefühlslagen abgebildet. »Was denkst du? Welche Katze wärst du?«, frage ich. Finnegan schweigt. Ich nehme den Stift und sage: »Also ich habe heute einen Zerzauste-nasse-Katze-Tag, weil ich viel zu knapp hergekommen bin und fühle mich wie eine Katze mit gesträubtem Fell, aber gut gelaunt. Und du?« Ich warte ab. Finnegans Finger bewegen sich in einer Art Ritual auf und ab. Ich denke darüber nach, ob es wohl eine der Stereotypien ist, die mir neben seiner »Sprachlosigkeit« am Telefon als Grund für sein Kommen angekündigt wurden. Dann sagt er leise: »Es ist schön hier.« Jonathan reagiert in diesem Augenblick mit einem Happy Tail, dem geschwungenen S-Schwanzzeichen, und streicht schnurrend um Finnegans Füße. Wieder sitzen wir einfach da und Finnegan lässt die Katzen auf sich wirken.

Ich erkläre ihm, dass Katzen nur mitmachen, wenn sie möchten. Jonathan hält noch viel Abstand – vielleicht weil wir verspätet ankamen, oder weil er spürt, dass Finnegan noch Zeit braucht. Für Kinder wie Finnegan sind Katzen ideale Therapiepartner. Der Psychotherapeut Boris Levinson2 und das Forscherpaar Corson3beobachteten, wie Tiere emotionale Räume öffnen – sogar bei Gefangenen in Strafanstalten. Sie beschreiben es als einen sich erweiternden Kreis von Wärme, der von den Tieren auf die Patienten überspringt. Ein wenig davon war auch bei Finnegan zu sehen.

Ich zeige Finnegan Jonathans Sprachboard und erkläre ihm, wie Jonathan und Fuchur es benutzen. Er betrachtet es interessiert und drückt dann: »Ich muss gehen.« Ich lache: »Stimmt, die Stunde ist aus. Ich freu mich auf nächste Woche.« »Ich mich auch«, sagt Finnegan und blickt zu Boden. Sechs Worte für einen Knaben mit selektivem Mutismus in der ersten Stunde – nun bin ich sprachlos.

Als ich Finnegan zu seiner Mutter begleitet habe und wieder zurück bei den Katzen bin, springt Jonathan auf den Tisch und drückt seinen Kopf an meine Stirn, der typische Headbutt. Ich setze mich an das Dokumentieren der Therapieeinheit. Jonathan streicht um meine Hände. Ich bewundere seine feine Abstimmung der Kontaktgestaltung: vorsichtige Distanz zu Finnegan, Nähe zu mir. Die erste Begegnung mit Finnegan hat mir wieder einmal gezeigt: Katzengestützte Therapie kann ein stiller, aber kraftvoller Weg sein, Kindern wie Finnegan zu begegnen – im Vertrauen auf eine Sprache jenseits von Worten.

Das Wunder Katze

Leise Pfoten mit viel Geschichte

Katzen gelten weithin als mystische Tiere und nicht selten werden ihnen magische Kräfte zugesprochen. Andererseits werden sie schnell missverstanden und als nicht beziehungsfähig dargestellt oder gar verachtet. Katzen leben bereits seit sehr langer Zeit, vermutlich seit über 10.000 Jahren mit Menschen zusammen4, aber sie haben auch immer selbst für sich gesorgt – und das ist ein großer Unterschied zu Hunden.

Wundern würde es uns nicht, wenn Katzen hellsehen könnten.

Auch heute noch können sie auf dem Land selbstständig überleben. Sie wurden dafür geschätzt, dass sie als Freigänger auf dem Hof mit oder auch ohne Kontakt zu Menschen Mäuse jagten. Da Katzen sich schnell vermehren, haben Menschen die Populationen dezimiert, wobei insbesondere die scheuen Tiere überlebten. Zudem paarten sich Hauskatzen immer wieder auch mit scheuen, streunenden Tieren oder Wildkatzen (und tun dies auch heute noch). All dies führte dazu, dass die Katze einen anderen Domestikationsprozess durchlief als Hunde. Hunde wurden im Gegensatz zu Katzen vom Menschen aktiv domestiziert, indem man kooperative und zutrauliche Tiere für die Zucht ausgewählt hat. Katzen hingegen haben sich von sich aus dem Menschen angepasst, was man als passive Domestikation beschreiben kann. Erst im 19. und 20. Jahrhundert wurden Katzen systematisch nach Rassen gezüchtet.

Viele Veränderungen in der Beziehung zwischen Mensch und Tier gehen schleichend voran. Aber Errungenschaften der Wissenschaft, wie die Beweise dafür, dass Säugetiere und Vögel ebenso fühlen können und in manchen Bereichen ähnlich komplex denken wie Menschen5, können das Zusammenleben von Menschen und Tieren verändern. Der Psychologe Jaak Panksepp und der Verhaltensforscher Frans de Waal sind einige derjenigen, die Erkenntnisse aus wissenschaftlichen Studien aus den Neurowissenschaften, der Physiologie, der Kognition und der Verhaltensbiologie miteinander in Beziehung brachten, sodass auch in der Wissenschaft anerkannt wird, dass zumindest Säugetiere Emotionen haben.6

Katzen können komplex fühlen und denken. Seit wir mit dem Sprachboard arbeiten, fragen wir uns selbst oft, wie komplex dieses Denken wohl sein muss. Es gibt andere Katzen, deren Sprachboard-Kenntnisse weit über denen von Jonathan und Fuchur liegen und die ihren Menschen sagen, was ihnen wehtut, dass sie Medizin brauchen, an den Strand wollen oder das Wort »pretend« nutzen und damit ausdrücken, dass etwas nur vorgetäuscht war. Erst kürzlich waren auch wir über Jonathan überrascht, als er Roswitha, die den Therapieraum betrat, anhand der Knöpfe erklärte: »Renate«, »ich muss arbeiten«, »Handy«. Das heißt übersetzt so viel wie: Renate hat einen Onlinekurs und arbeitet, Roswitha soll sie nicht stören. Diese und viele andere Aussagen des kleinen Katers hinterlassen uns immer wieder mit Staunen, aber auch Zweifeln und bringen uns dazu, zu hinterfragen, was bisher im Umgang mit Tieren denkbar war. Aber zurück zu felis catus, wie die Katze auf Lateinisch heißt: zurück zur Art der Hauskatze, zu der alle verschiedenen Rassen von Katzen gehören und die, wie wir dank genetischer Untersuchungen wissen, von der Afrikanischen Falbkatze abstammt.7 Im deutschsprachigen Raum nahm die Katzenpopulation in den letzten Jahren kontinuierlich zu und Katzen sind in Europa die häufigsten Haustiere8.

»Katzen lassen sich sowieso nicht erziehen!«, hört man allenthalben. »Und was, wenn doch?«, fragt Sabine Schroll in ihrem Buch Katzen-Kindergarten.9 Sie überlegt, warum Katzen, die so überaus schnell und gerne lernen – vor allem, wenn sie den Vorteil davon erkennen – und sich von sich aus dem Menschen angepasst haben, nicht auch durch proaktive und von uns beabsichtigte gezielte Erziehung wichtige Dinge für das Zusammenleben mit uns lernen können sollen. Und wie es wäre, wenn wir auch Katzen eine geplante und strukturierte Ausbildung bieten würden. Schrolls Ideen haben unser eigenes Katzenverständnis von Grund auf verändert und waren der Ankerpunkt, den beiden 2018 und 2020 am Lichtblickhof eingezogenen Katern Fuchur und Jonathan eine gezielte Ausbildung zukommen zu lassen, bevor sie als Therapiebegleitkatzen den Betrieb des Lichtblickhofs bereichern sollten.

Eine schnurrende Katze verströmt Zuversicht.

Heute sind Katzen im Tiertraining fast ebenso populär wie Hunde. Es gibt in verschiedensten Ländern ausgebildete Trainer, es existieren viele Onlinekurse wie zum Beispiel von www.happymiez.de, www.animaltrainingcenter.at, www.clickercat.ch, www.zuckerbrot.click, www.anikatze.at, neue Akademien haben viele Katzenmenschen erreicht und international vernetzt. Das noch vor kurzer Zeit auch in unseren Köpfen vorherrschende Bild der Katze, die halbwild als Freigänger lebt und sich ihre Nahrung selbst sucht oder in reiner Wohnungshaltung auf dem Sofa lebt, ist viel bunter geworden. Katzen können Regeln lernen und sich komplexe Tricks, ja sogar ein Sprachsystem der unterstützten Kommunikation auf einem Sprachboard merken.

Wir Autorinnen mussten selbst schmunzeln, als wir das Buch Von der Savanne aufs Sofa von Jonathan B. Losos lasen, in dem er beschreibt, wie unfassbar begeistert er war, als sein junger Kater ihm Apportieren als Aktivität vorschlug und dies zu einem fixen Spielritual zwischen ihm und dem Kater wurde. Der Autor hatte Katzen nie zugetraut, dass sie ihre Bedürfnisse so klar kommunizieren können, und dachte, er habe eine hochbegabte Katze. Er beschreibt offen, wie enttäuscht er war, als er über den Austausch mit anderen auf sozialen Medien feststellte, dass viele Katzen apportieren und Menschen es ihnen sogar gezielt beibringen. Die sozialen Medien dienen den Katzenmenschen auf der ganzen Welt als Austausch- und Netzwerkmöglichkeit. So wächst eine Community, die regional noch klein sein mag, international auf eine beachtliche Größe an. Es gibt Gruppen wie zum Beispiel »Reisen mit Katze«, »Katzensicherer Freilauf« oder »Mit Katzen spazieren« mit über 100.000 Followern10, die das Training von Katzen weiterdenken und unsere klassischen Bilder von Katzen herausfordern und erweitern.

Jonathan und Fuchur stellen sich vor

Jonathan und Fuchur sind die zwei Therapiebegleitkater am Lichtblickhof. Fuchur ist ein großer grauer, starker Kater mit einem feinen Humor. Er hat ein kuschelig-flauschiges Fell mit einigen Tigerabzeichen und einen breiten, runden Kopf mit weißen, wunderbar gebogenen Schnurrhaaren. Fuchur ist ein Mix aus einer Russisch-Blau-Mix-Mama und einem langhaarigen Bauernhoftater. Er hat einen gemütlichen Charakter und frisst und nascht für sein Leben gern. Am besten schmeckt es ihm, wenn er sein Futter selbst fangen oder aus einem Spiel selbst herausholen kann. Natürlich lernt er auch gerne Tricks oder übt Therapieaufgaben mit seinen Bezugspersonen Renate und Roswitha, und er erlebt gerne Abenteuer in der Natur, solange er sich sicher fühlt. Fuchur legt großen Wert darauf, aktiv wählen zu können, ob er sich an etwas beteiligen will.

Er hasst es, ausgetrickst zu werden. Fuchur ist neuen Menschen gegenüber zu Beginn immer vorsichtig. Er kann aber, wenn er jemanden erst einmal kennengelernt hat, intensiv kuscheln und tiefe Beziehungen eingehen. Wenn Fuchur etwas Neues lernt, muss man ihn vor seiner Versagensangst beschützen. Diese kann ihn sehr blockieren. Auch wenn er sonst schnell im Denken ist und stets motiviert, so versteht er Lernaufgaben weniger gut, sobald er unter Konkurrenz-Stress mit seinem Kollegen Jonathan steht.

Fuchur, der Entdecker, spaziert im Garten.