Ein Albtraum ist vorbei - Patricia Vandenberg - E-Book

Ein Albtraum ist vorbei E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Nun gibt es eine Sonderausgabe – Dr. Norden Gold Dr. Norden ist die erfolgreichste Arztromanserie Deutschlands, und das schon seit Jahrzehnten. Mehr als 1.000 Romane wurden bereits geschrieben. Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Auf sie kann er sich immer verlassen, wenn es darum geht zu helfen. Dr. Dr. Daniel Norden war nicht nur ein ausgezeichneter Arzt, sondern auch ein hilfsbereiter Mensch, wenn Patienten seelischen Kummer hatten. le Schicksalsschläge herabgeprasselt, daß Dr. Nordens Mitgefühl keine Grenzen mehr hatte. Vor einem halben Jahr, während Rudolf Hamilton mit seiner Frau Annemarie zur Kur in der Schweiz war, verschwand sein Teilhaber Udo Thiede bei Nacht und Nebel mit unbekanntem Ziel, und es stellte sich heraus, daß er so riesige Unterschlagungen begangen hatte, daß die Finanzierungsgesellschaft, die einen sehr guten Ruf genoß, Konkurs anmelden mußte. Rudolf Hamilton wurde zurückgerufen, aber auf der Heimfahrt wurde sein Wagen von einem LKW gerammt, und Rudolf Hamilton war sofort tot. Seine Frau starb vier Tage später im Hospital in Luzern. Benedicte, von ihren Eltern liebevoll Benni genannt, stand allein vor einem riesigen Trümmerhaufen, erstarrt in Schmerz und Trauer um die Eltern. Schlimmer noch sollte es für sie werden, als gemunkelt wurde, daß Rudolf Hamilton keineswegs unbeteiligt an den Manipulationen gewesen sei und dann lieber selbst seinem Leben ein Ende gesetzt hatte, als er sich auch von seinem Partner betrogen fühlte. Dr. Daniel Norden konnte die Stunde nicht vergessen, als Benedicte mit bleichem, starrem Gesicht vor ihm stand und sagte: »Ich kann nicht begreifen, daß es so viel Gemeinheit gibt. Aber jetzt muß ich doch wenigstens versuchen, Vatis Ehre zu retten. Er hat damit nichts zu tun. Ich habe diesen Thiede nie gemocht, Dr. Norden, und ich habe es meinen Eltern auch gesagt, aber sie meinten nur nachsichtig, daß er für mich ganz sicher nicht der richtige Typ wäre.« Aber ihrem Vater hatte er imponiert mit seinem Auftreten, seinen Beziehungen, die er ja tatsächlich hatte, und er brachte ja auch Anleger mit großem Kapital. Er konnte überzeugen, und er hatte wohl mit Geduld und Raffinesse auf den Tag hingearbeitet, sich mit einem Millionenpolster ins Ausland abzusetzen, was ihm ja auch gelungen war. Aber der Mitgesellschafter mußte auch mithaften, und ganz gewiß hatte Rudolf Hamilton gewußt, was auf ihn zukommen würde, als er die Nachricht von Thiedes Verschwinden bekam. Aber an dem Unfall, der ihm und dann auch seiner Frau den Tod brachte, konnte man ihm keine Schuld anlasten.

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Dr. Norden Gold – 18 –

Ein Albtraum ist vorbei

Patricia Vandenberg

Dr. Daniel Norden war nicht nur ein ausgezeichneter Arzt, sondern auch ein hilfsbereiter Mensch, wenn Patienten seelischen Kummer hatten. Wenn Benedicte Hamilton zu ihm kam, mußte er sich aber selbst im-mer erst Mut einreden, denn auf dieses junge Mädchen waren so vie-
le Schicksalsschläge herabgeprasselt, daß Dr. Nordens Mitgefühl keine Grenzen mehr hatte.

Vor einem halben Jahr, während Rudolf Hamilton mit seiner Frau Annemarie zur Kur in der Schweiz war, verschwand sein Teilhaber Udo Thiede bei Nacht und Nebel mit unbekanntem Ziel, und es stellte sich heraus, daß er so riesige Unterschlagungen begangen hatte, daß die Finanzierungsgesellschaft, die einen sehr guten Ruf genoß, Konkurs anmelden mußte.

Rudolf Hamilton wurde zurückgerufen, aber auf der Heimfahrt wurde sein Wagen von einem LKW gerammt, und Rudolf Hamilton war sofort tot. Seine Frau starb vier Tage später im Hospital in Luzern.

Benedicte, von ihren Eltern liebevoll Benni genannt, stand allein vor einem riesigen Trümmerhaufen, erstarrt in Schmerz und Trauer um die Eltern. Schlimmer noch sollte es für sie werden, als gemunkelt wurde, daß Rudolf Hamilton keineswegs unbeteiligt an den Manipulationen gewesen sei und dann lieber selbst seinem Leben ein Ende gesetzt hatte, als er sich auch von seinem Partner betrogen fühlte.

Dr. Daniel Norden konnte die Stunde nicht vergessen, als Benedicte mit bleichem, starrem Gesicht vor ihm stand und sagte: »Ich kann nicht begreifen, daß es so viel Gemeinheit gibt. Aber jetzt muß ich doch wenigstens versuchen, Vatis Ehre zu retten. Er hat damit nichts zu tun. Ich habe diesen Thiede nie gemocht, Dr. Norden, und ich habe es meinen Eltern auch gesagt, aber sie meinten nur nachsichtig, daß er für mich ganz sicher nicht der richtige Typ wäre.«

Aber ihrem Vater hatte er imponiert mit seinem Auftreten, seinen Beziehungen, die er ja tatsächlich hatte, und er brachte ja auch Anleger mit großem Kapital. Er konnte überzeugen, und er hatte wohl mit Geduld und Raffinesse auf den Tag hingearbeitet, sich mit einem Millionenpolster ins Ausland abzusetzen, was ihm ja auch gelungen war. Aber der Mitgesellschafter mußte auch mithaften, und ganz gewiß hatte Rudolf Hamilton gewußt, was auf ihn zukommen würde, als er die Nachricht von Thiedes Verschwinden bekam. Aber an dem Unfall, der ihm und dann auch seiner Frau den Tod brachte, konnte man ihm keine Schuld anlasten. Es wurde einwandfrei festgestellt, daß der Lastwagenfahrer, der unter Alkoholeinfluß gestanden hatte, schuldig war, und so bekam Benedicte wenigstens die Lebensversicherung von zweihunderttausend Euro ausgezahlt, die ihr dann auch die Sicherheit gab, den Ruf ihres Vaters herstellen zu helfen.

Geholfen hatte ihr damals allein Dr. Norden, denn sonst war niemand bereit, ihr beizustehen. Die Geschädigten mußten darum bangen, daß sie auch noch von den Finanzämtern unter die Lupe genommen wurden, und sie konzentrierten sich nur darauf, Udo Thiede doch noch aufzuspüren.

Dr. Norden hatte Benedicte den jungen Anwalt Dr. Jörg Strachwitz vermittelt, dessen Eltern er auch ärztlich betreute. Er hatte zwar noch keine eigene Kanzlei gehabt und war erst am Anfang seiner Karriere, aber Dr. Nordens Bitte, Benedicte juristisch zu beraten, war für ihn Ehrensache gewesen, denn Dr. Norden hatte seinen krebskranken Vater, der bis zum letzten Atemzug zu Hause bleiben wollte, mit großem Mitgefühl betreut und so auch seiner Mutter Mut eingeflößt und Halt gegeben.

Jörg Strachwitz hatte sich sehr engagiert für diesen Fall, und er hatte Benedicte manche übereilte oder falsche Entscheidung erspart, ohne ihr jedoch ausreden zu können, daß sie nicht persönlich für die Verluste büßen müsse.

Für sie war es schrecklich, daß der Name ihres Vaters so durch den Schmutz gezogen wurde, sie hätte sich am liebsten in ein Mauseloch verkrochen, aber Dr. Norden war es dann doch gelungen, sie wieder aufzurichten und ihr Kampfgeist einzureden.

Nun war dieser Fall in eine neue, vielleicht entscheidende Phase getreten, denn Udo Thiede, auch von Interpol gesucht, war in Brasilien verhaftet worden. Nicht etwa als Großbetrüger sondern als Zechpreller, weil er in seinem Hotel eine Riesenparty gegeben hatte, die er dann nicht bezahlen wollte oder konnte. Er wollte sich klammheimlich aus dem Staube machen, aber er war geschnappt worden, und dann hatten die Kriminalbeamten schnell herausgefunden, welcher große Fisch ihnen da ins Netz gegangen war.

Ein Mörder war er nicht, und seine Hotelrechnung wollte er dann doch bezahlen, was auch geschah, aber dennoch sollte er nach Deutschland ausgeliefert werden. Und er wurde an diesem heißen Augusttag in München erwartet.

Benedicte war von Jörg Strachwitz unterrichtet worden, vorerst telefonisch, aber er bat sie um eine persönliche Zusammenkunft. Benedicte erklärte sich dazu bereit, obgleich sie sich Jörg gegenüber äußerst reserviert verhalten hatte und wirklich nur sehr wichtige Angelegenheiten persönlich mit ihm besprochen hatte.

Sie arbeitete als Säuglingsschwester in der Leitner-Klinik. Ihr Herzenswunsch war gewesen, Kinderärztin zu werden, und zwei Semester Medizin hatte sie schon studiert, aber durch die dramatischen Ereignisse völlig irritiert, hatte sie den Entschluß gefaßt, nicht noch Jahre zu studieren, sondern möglichst schnell Geld zu verdienen. Und diese Chance hatte man ihr in der Leitner-
Klinik gegeben, da Dr. Norden dies vermittelt hatte. Er war schon Jahre mit Dr. Hans-Georg Leitner, der von den Freunden nur »Schorsch« genannt wurde, befreundet, und er, wie auch Dieter Behnisch, waren immer bereit Daniel Norden beizustehen, wenn es galt, einem Menschen zu helfen.

Jörg hatte Benedicte in der Leitner-Klinik angerufen, und sie hatte gleich hastig erklärt, daß er sich kurz fassen sollte, da sie keine Zeit hätte.

»Wo können wir uns treffen?« fragte sie, »ich kann erst um achtzehn Uhr gehen.«

»Dann kommen Sie doch am besten gleich in die Ahornstraße, Fräulein Hamilton. Das ist nicht weit von der Leitner-Klinik. Wir müssen uns jetzt genau absprechen, denn ich habe gehört, daß Thiede Dr. Girsberg mit seiner Verteidigung beauftragt hat, und Girsberg ist ein ganz raffinierter Strafverteidiger.«

»Sie meinen, daß alle Schuld auf meinen Vater abgewälzt werden könnte?« fragte sie.

»Versuchen werden sie es, aber gelingen wird es ihnen nicht. Das verspreche ich Ihnen. Also, bis heute abend.«

Geistesabwesend ging Benedicte zur Säuglingsstation zurück, und fast wäre sie auf Dr. Leitner geprallt, der gerade aus dem Kreißsaal kam.

Er sah es ihr sofort an, daß sie etwas sehr beschäftigte. »Ist was los, Benni?« fragte er, und er konnte sich das erlauben, da Benedicte mit seiner Frau Claudia schon Freundschaft geschlossen hatte und manchmal auch bei ihnen Babysitter spielte, damit sie auch mal ausgehen konnten.

»Thiede ist ausgeliefert worden, er trifft bald ein«, erwiderte Benedicte tonlos. »Dr. Strachwitz hat es mir eben gesagt. Er will sich mit mir absprechen. Glauben Sie, daß man einem Toten alles in die Schuhe schieben kann, Dr. Leitner?«

»Nein, das glaube ich nicht, Benni. Kopf hoch, jetzt müssen Sie beweisen, wie stark Sie sind.«

»Ich bin aber nicht stark.«

»O doch! Sie sind stark, sonst hätten Sie doch den Kampf gar nicht erst aufgenommen.«

»Ich komme mir vor wie Don Quichotte, es könnte ein Kampf gegen Windflügel werden.«

»Das dürfen Sie aber auch nicht einen Augenblick denken. Ich bin überzeugt, daß Dr. Strachwitz ein ausgezeichneter Anwalt ist.«

»Aber er ist doch noch so jung und hat nicht die Erfahrung gegen einen Girsberg anzukommen.«

»Der wittert wieder mal Publi-city.«

»Sie kennen ihn?«

»Ich hatte einmal mit ihm zu tun in einem Vaterschaftsprozeß. Reden wir nicht darüber. Ich will Ihnen auch keine Angst machen, Benni, denn ich glaube, daß Jörg Strachwitz der richtige Mann ist, auch einen Girsberg in die Schranken zu weisen.«

»Warum glauben Sie das?«

»Weil er kein Kriecher ist, der sich einschüchtern läßt, und weil letztlich die Gerechtigkeit doch siegen muß.« Er legte ihr die Hand auf die Schulter. »Sie können ihm vertrauen, Benni.«

»Ich habe leider verlernt, jedem zu vertrauen. Es gibt nur ein paar Menschen, denen ich wirklich vertraue, Sie und Ihre Frau und Dr. Norden und seiner Frau, aber ich gebe zu, daß Dr. Strachwitz sich in meiner Sache sehr bemüht hat. Aber man muß vorsichtig sein. Vati hatte auch einen Anwalt, dem er vertraute, aber er hat sich auch von mir distanziert.«

»Weil er mit drin steckt, Benni. Verschließen Sie die Augen nicht. Er denkt nur an seine eigenen Interessen, und ihm sitzt das Finanzamt bestimmt auch auf dem Pelz. Sie müssen das nüchtern sehen.«

»Das will ich ja, aber wenn Vati wußte, daß es Schwarzgelder sind, warum hat er das mitgemacht? So ist er doch auch schuldig geworden, das muß ich hinnehmen.«

»Es gibt eine gute Volksweisheit. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Und warum sollte es Ihren Vater interessieren, woher die Geldmengen kamen, solange er sie seinen Kunden zu guten Renditen verschaffte. Sie mußten immer selbst verantworten, wenn ihnen jemand diesbezüglich auf die Schliche kam, und von meinem Standpunkt aus gesehen schadet es solchen Leuten eigentlich gar nicht, wenn sie reinfallen, wenn sie so viel Geld auf die Seite bringen können.«

»Und so mag wohl auch Thiede gedacht haben, aber mein Vater war ehrlich, davon bin ich überzeugt.«

Hoffentlich, dachte Dr. Leitner, denn so ganz traute er auch Rudolf Hamilton nicht. Wenn man sich mit einem Thiede einließ, mußte man eigentlich clever sein. Aber Dr. Leitner räumte auch ein, daß es selbst unter solchen Leuten welche gab, die man aufs Kreuz legen konnte. Und sicher war auch Rudolf Hamilton auf Profit ausgewesen.

Benedicte hatte noch ihre Ideale. Ihre Eltern sah sie in dem verklärten Licht des Kindes, das nichts entbehrt hatte und sich geliebt glaubte. Das einzige Kind war sie ja gewesen. Dr. Leitner fand es rührend, daß sie nicht an sich dachte, an ihre Zukunft, sondern nur daran, den Namen Hamilton reinzuwaschen.

Wenn ihr nur nicht jeder Glaube genommen wird durch diesen Prozeß, dachte Dr. Leitner, und er nahm sich vor, mit Daniel Norden zu sprechen. Sie mußten zusammenhalten, damit dieses liebenswerte Mädchen nicht noch mehr seelischen Schaden nahm.

Sie könnte eine Schönheit sein, wenn sie nicht gar so ernst und traurig aussehen würde. Apart war sie aber auch so mit ihrem honigblonden Haar und den graugrünen Augen, die aber keineswegs katzenhaft wirkten, sondern nur rätselhaft, einmal verträumt, dann wieder kritisch, zweifelnd, nachdenklich.

Sie war klug, aber sie spielte es nicht hoch. Mehr sein als scheinen war ihre Devise. Und Dr. Leitner dachte jetzt auch, daß ihr Vater vielleicht mehr auf ihren Instinkt bezüglich Udo Thiede hätte geben sollen, anstatt daran zu denken, daß er nicht der richtige Typ für sie sei.

Schorsch Leitner hatte ohnehin nichts übrig für Berufe, die nur mit Geld zu tun hatten, denn er meinte, daß diesen Menschen eben doch der tiefe Sinn für ethische Werte abgehen würde, aber dann mußte er denken, daß auch Ärzte Kollegen hatten, die dem Geldverdienen auch den Vorzug gaben und die ethischen Werte vernachlässigten.

Aber Benedicte hatte ein großes Herz, und sie hatte Charakter. Dr. Leitner hatte die bange Ahnung, daß sie zerbrechen würde, wenn sie bei dem Prozeß erführe, daß ihr Vater auch keine reine Weste hatte.

*

Selbstverständlich war Daniel Nor-den sofort zu einem Gespräch bereit. Er hatte bisher dazu beigetragen, daß das Bestmögliche geschah, um Benedicte von ihren Depressionen und Angstträumen zu befreien, er war heilfroh gewesen, daß sie in der Arbeit Ablenkung und dann auch Freude gefunden hatte, daß sie sich wohl fühlte in der Leitner-Klinik und ihren Pflichten gewissenhaft nachkam. Nun wollte er auch verhüten, daß sie erneut in ein psychisches Tief gejagt wurde, denn er wußte, welche Töne Girsberg anschlug, wenn er um jeden Preis einen Prozeß gewinnen wollte.

Daniel Norden traf eine Verabredung mit Jörg Strachwitz, der ihm gleich sagte, daß er schon für den Abend ein Treffen mit Benedicte vereinbart hatte. Aber er würde vorher noch bei Dr. Norden in der Praxis vorbeikommen, wenn ihm halb sechs Uhr nicht zu spät würde.

»Ich bin auf jeden Fall noch hier«, erklärte Daniel. »Wo treffen Sie sich mit Benedicte?«

»Bei uns, aber meine Mutter ist ja da, so daß sie nicht vor verschlossener Tür stehen wird.«

Insgeheim hatte Dr. Norden ja vermutet, daß zwischen diesen beiden jungen Menschen, die sich charakterlich doch sehr ähnlich waren, ein persönlicher Kontakt entstehen würde, aber es gab dafür keinerlei Anzeichen. So wollte er Jörg doch mal nach seinem ganz persönlichen Eindruck von Benedicte fragen.

In der Praxis ging es wieder mal turbulent zu. Es war Einmachzeit und so manche gute Hausfrau erschien mit Verbrennungen oder gar anderen Verletzungen, weil sie sich im Eifer geschnitten hatten oder ausrutschten. Und er konnte sich nur wundern, wie sie es fertigbrachten, sich manchmal tiefe und stark blutende Wunden zuzufügen. Lenni passierte so etwas nie.

Lenni war die perfekte Perle in Dr. Nordens Haushalt, aber eigentlich gehörte sie ja sowieso schon zur Familie, und auch sie war einmal von ihm und seiner Frau aus einem tiefen Kummer heraus ins Leben zurückgezogen worden. Rührend dankte sie es ihnen, daß sie ein Zuhause bei ihnen gefunden, nachdem sie ihren Mann und ihre Mutter durch einen Unfall verloren hatte. Und wenn Daniel darüber nachdachte, er mußte es unwillkürlich in Verbindung mit Benedicte, dann wünschte er für diese, daß sie auch wieder Glück finden könnte in einem harmonischen Familienleben.

Jörg Strachwitz kam sehr pünktlich, und Dr. Norden konnte ihn auch gleich empfangen, da dann nur noch zwei ältere Patientinnen im Wartezimmer saßen, die mit ihrer Zeit ohnehin nichts anzufangen wußten und gern ein bißchen den Klatsch aus der Nachbarschaft erzählten.

Dr. Norden kam gleich zur Sache, und Jörg dann ebenfalls. Sie verstanden sich sehr gut, sie waren sich auch wirklich ähnlich in gewisser Weise, weil sie nicht alles tierisch ernst nahmen, aber die wichtigen Dinge des Lebens doch mit einem sehr sensib-len Gespür behandelten.

»Mir paßt es auch nicht, daß Girsberg diesen Fall übernimmt«, sagte Jörg. »Aber vielleicht überlegt er es sich noch. Es sei denn, er hat da auch investiert und ist sehr interessiert, Hamilton als den Hauptschuldigen hinzustellen. Aber ich werde ihm schon in die Kandarre fahren. Er soll sich wundern.«

Daniel sah ihn überrascht an. »Ich drücke Ihnen jedenfalls die Daumen.«

»Wenn Sie mal ein bißchen mehr Zeit haben, würde ich mich gern mit Ihnen über den Fall von Marion Merl unterhalten. Sie ist Ihnen doch bekannt?«

Daniel sah ihn jetzt noch verblüffter an. »Ja, sehr gut«, erwiderte er. »Sie kennen Marion auch?«

»Nein, aber den Fall. Mein Vorgänger, Dr. Vollmer, hat sich da wohl von Girsberg ins Bockshorn jagen lassen, oder es ist gar etwas recht zwielichtig gelaufen. Frau Giller, Dr. Vollmers Sekretärin, gab mir da einen Hinweis, als sie hörte, daß Girsberg mein Prozeßgegner sein wird. Darf ich Sie diesbezüglich noch einmal konsultieren, Dr. Norden?«

»Es wäre besser, wir würden uns im privaten Kreis unterhalten. Besuchen Sie uns doch mal am Wochenende, wenn Sie nichts Besseres vorhaben.«

»Gern, wenn Sie auch nichts anderes vorhaben«, erwiderte Jörg. »Bei dem Wetter kann man ja nichts planen.«

»Noch eine Frage«, sagte Daniel. »Wie schätzen Sie Benedicte ein? Wie kommen Sie mit ihr zurecht? Ich mache mir Sorgen, daß sie einen schweren Rückschlag bekommt, wenn ihr Vater mit Schmutz beworfen wird.«

»Das wird nicht der Fall sein«, erwiderte Jörg. »Ich habe handfeste Beweise gegen Thiede, und sechs Geschädigte, die nicht gerade Hunderttausende investiert haben, sondern ehrlich versteuertes Geld, soll ich auch vertreten. An Fräulein Hamilton ist sehr schwer heranzukommen. Sie ist sehr reserviert, in gewisser Hinsicht wohl auch gehemmt, weil sie gar nicht begreifen kann, daß ihr Vater, an dem sie sehr hing, in eine solche Affäre hineingezogen werden konnte. Und von meinem Standpunkt aus gesehen muß ich sagen, daß Hamilton ein ehrbarer, aber recht törichter Mann war, der seinen anständigen geachteten Namen für einen cleveren Ganoven aufs Spiel setzte, ohne auch nur die geringste Ahnung zu haben.«

»Kaum vorstellbar«, sagte Daniel Norden kopfschüttelnd.

»Und so was gibt es doch öfter. Es sind nicht immer so spektakuläre Fälle wie dieser, aber auch in kleineren Dimensionen lassen sich ehrbare Leute aufs Kreuz legen.«

»Meinen Sie, daß die Kapitalgeber wenigstens einen Teil ihres Geldes zurückbekommen?« fragte Daniel.

Jörg zuckte die Schultern. »Ich glaube es nicht. Solche Leute wie Thiede gehen lieber ein paar Jahre in den Knast und machen nachher munter weiter, als etwas herauszurükken.«

»Aber er kann doch solche Summen nicht verjubelt haben«, meinte Daniel.

»Er hat wahrscheinlich die übliche Ausrede. Er weiß nicht, wo das Geld geblieben ist. Er hat es nicht beiseite geschafft. Der Rest ist Schweigen, und man wird Beweise bei einem so raffinierten Burschen kaum finden, wenn man nicht immenses Glück hat.«

»Keine erfreulichen Aussichten«, murmelte Daniel.

»Aber vielleicht finde ich was. Ein bißchen Glück gehört dazu. Und ich habe eine sehr gewitzte Mutter, die bestens informiert ist, was so in der Welt vor sich geht. Sie liest sehr intensiv Zeitungen und Illustrierte und hat ein phänomenales Gedächtnis. Dank Ihrer Hilfe hat sie auch die schwere Zeit überwunden.«

»Ich wünschte, wir könnten das bei Benedicte auch feststellen«, sagte Daniel.

»Ich würde wirklich gern dazu beitragen, aber sie ist so verschlossen, daß man keine Tür findet, um an ihre Gedanken heranzukommen. Ich kenne sie nun doch schon fünf Monate, und wir hatten mehrere lange Gespräche, aber sie ist mir immer noch ein Buch mit sieben Siegeln.«

Dr. Norden blickte ihn dann nachdenklich an. Nein, das sah wirklich nicht nach einem persönlichen Kontakt aus, nicht nach dem winzigsten!

*

Veronika Strachwitz kannte Benedicte Hamilton noch nicht persönlich, aber Jörg hatte öfter von ihr gesprochen und sie als ein sehr sensib-les, introvertiertes Mädchen geschildert. Er hatte auch gesagt, als er sie telefonisch ankündigte, daß sie nicht gekränkt sein solle, wenn Benedicte abweisend wäre. Er kenne sie nur sehr reserviert.