Beschreibung

Für die Staatsanwaltschaft ist die Unfallakte „Lieke van Eyck“ schnell geschlossen, doch ihre Schwester glaubt nicht an ein Eigenverschulden der als zuverlässig und diszipliniert geltenden Vorstandssekretärin. Der Dortmunder Rechtsanwalt Stephan Knobel soll die Umstände des Todes untersuchen und trifft dabei auf den Journalisten Gisbert Wanninger, der hier die ganz große Story wittert: Der Konzern ThyssenKrupp, für den Lieke gearbeitet hat, soll einem geheimen Kartell zur Beschaffung Seltener Erden angehören. Stand Lieke als Mitwisserin im Weg?

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Klaus Erfmeyer

Drahtzieher

Knobels siebter Fall

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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© 2012 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 07575/2095-0

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung: Christoph Neubert

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

1

Anne van Eyck kam ohne Termin. Sie bestand darauf, Rechtsanwalt Knobel sprechen zu wollen, kam der Nachfrage der Kanzleiangestellten zuvor und erklärte mit verbindlichem Ton, ihr Anliegen dem Juristen selbst vortragen zu wollen. Es war der erste Arbeitstag nach ungewöhnlich heißen Ostertagen Ende April. Die Hitze lastete bleiern in den wegen der noch andauernden Schulferien für einen Spätnachmittag ungewöhnlich leeren Straßen. Stephan Knobel saß im Mansardenbüro des noblen Kanzleigebäudes, das ansonsten von der Kanzlei Hübenthal und Löffke genutzt wurde, von der sich Knobel als Sozius getrennt hatte und seither mit ihr nur über eine Bürogemeinschaft verbunden war. Er ordnete die spärliche Post, die ihn an diesem Tag erreicht hatte und ungeachtet der wegen der vergangenen Feiertage und der Witterung fehlenden Betriebsamkeit signalisierte, dass seine kleine Kanzlei – zum Gespött seiner früheren Partner – nicht richtig in Fahrt kam. Stephan Knobel harrte an jedem Arbeitstag von morgens bis abends in seinem Büro aus und wartete wie eine Spinne im Netz, hoffend, dass seine disziplinierte Präsenz mit neuen Aufträgen belohnt wurde, die er von Mandanten abzuschöpfen hoffte, die der Kanzlei Hübenthal und Löffke den Rücken kehrten. Löffke betitelte seinen früheren Sozius deswegen herablassend als Aasfresser, und Stephan Knobel musste dem Rivalen innerlich recht geben: In der Tat lebte er zu einem guten Teil mehr schlecht als recht von dem, was die andere Kanzlei übrig ließ, und Stephan nahm manche unattraktiv erscheinenden Mandate an, deren Bearbeitung sich für die Sozietät Hübenthal und Löffke wirtschaftlich nicht lohnte.

Doch Anne van Eyck gehörte nicht zu jenen Klienten, die mit weichen empfehlenden Worten innerhalb des Hauses an Knobel weitergereicht wurden. Sie wollte nur zu Stephan, wartete, bis er sie persönlich aus dem Empfangsbereich abholte, und füllte das von Neumandanten zu bearbeitende Formular mit ihren persönlichen Daten erst in Knobels Büro aus. Anschließend prüfte sie ihre handschriftlichen Eintragungen und reichte ihm das Blatt mit ihrer Visitenkarte, die sie ihrer Brieftasche entnahm. Stephan sah flüchtig auf ihre gepflegte manikürte Hand und nahm das dezente Parfüm wahr, als sie sich unsicher lächelnd vorbeugte und dann ruhig wartete, bis Stephan das Formular und die Visitenkarte studiert hatte. Anne van Eyck war Unternehmensberaterin und unterhielt ihr Büro unter ihrer Wohnadresse in Dorsten am nördlichen Rand des Ruhrgebietes. Stephan blickte auf.

»Was darf ich für Sie tun?«, erkundigte er sich und vermied die Fragen, die seiner Verwunderung darüber Rechnung getragen hätten, dass sich eine Mandantin aus dem rund 50 Kilometer entfernten Dorsten in seine am östlichen Rand der Dortmunder Innenstadt gelegene Kanzlei verirrt zu haben schien.

»Sie sind nicht der erste Anwalt, den ich in dieser Sache um Hilfe bitte«, eröffnete sie, ungeschickt aus Stephans Sicht, der unvermittelt ein Mandat witterte, dessen Übernahme aus anwaltlicher Sicht Probleme verhieß. Er antwortete nicht und sah der Besucherin abwartend ins Gesicht.

Sie erwiderte seinen Blick lächelnd, glaubte seine Gedanken zu lesen und erklärte: »Ich brauche einen Anwalt, der den Mut hat, in eine Sache einzusteigen, die aus juristischer Sicht vielleicht kein Fall ist. Das mag auch so sein, aber ich werde dieses Ergebnis erst akzeptieren, wenn alle mysteriösen Umstände aufgeklärt und meine Zweifel ausgeräumt sind. So lange werde ich nicht ruhen – und genau so lange werde ich forschen, koste es mich noch so viel Geld, Zeit und Nerven.«

Sie redete mit Bedacht, ihre Stimme war sanft, die Körperhaltung entspannt. Anne van Eyck lehnte sich zurück und betrachtete Stephan. Fast schien sie amüsiert, weil ihn ihre Entschlossenheit auf der einen und die Ruhe auf der anderen Seite sichtlich irritierten. Er ahnte, dass sie nicht aus Sturheit oder gar aus Querulanz einer Sache – wie sie es nannte – auf den Grund gehen wollte. Es steckte mehr dahinter, und ihre auf den ersten Blick unklug gewählten einleitenden Worte erwiesen sich kurze Zeit später als vernünftig und zutreffend gewählt: Anne van Eyck ging es nicht um ein bestimmtes Ergebnis um jeden Preis, aber sie wollte um jeden Preis Mühe und Engagement, um ein Resultat zu erzielen, dass sie als wahr und abschließend akzeptieren konnte.

»Worum geht es?«, fragte er und legte sich ein Notizblatt zurecht.

»Es geht um meine Schwester Lieke«, begann sie nach einer kurzen Pause, die kalkuliert eine Zäsur zu ihren bisherigen Worten markierte und Stephan in die Pflicht nahm.

»Lieke ist im September letzten Jahres, genauer gesagt am späten Abend des 12.9., gegen 23.20 Uhr, mit ihrem Auto tödlich verunglückt. Sie war auf dem Weg von Essen nach Dorsten und ist in der Höhe Gelsenkirchen-Scholven an der Stelle mit ihrem Auto von der Fahrbahn abgekommen, wo die B 224 mit einer Verschwenkung auf die A 52 übergeht. Zugelassen sind dort 80 km/h, aber nach Feststellung eines Gutachters musste sie eine Geschwindigkeit von rund 130 km/h gehabt haben.«

Anne van Eyck hielt inne.

»Kennen Sie die Unfallstelle?«, fragte sie.

Stephan verneinte.

»Sie müssen sich vorstellen, dass die Bundesstraße, auf der sie bis zur Unfallstelle gefahren ist, bereits wie eine Autobahn ausgebaut ist. Dann macht die Fahrbahn Richtung Norden zunächst einen Schwenk nach rechts, steigt zugleich an und beschreibt anschließend sofort eine enge Kurve nach links, um dann im Gefälle in die eigentliche Autobahn überzugehen, die im Grunde erst hier beginnt. Der schnelle Kurven- und Neigungswechsel ist ohne Zweifel nicht ungefährlich, aber meine Schwester kannte die Straße seit vielen Jahren in- und auswendig. Sie arbeitete als Vorstandssekretärin bei der ThyssenKrupp-Hauptverwaltung in Essen und lebte in einer Einliegerwohnung auf dem Hof, den mein Mann und ich in Dorsten bewohnen und zugleich auch als Sitz unserer gemeinsamen Unternehmensberatung nutzen.«

»Ihre Schwester lebte allein?«, erkundigte sich Stephan.

»Sie hat nie geheiratet«, antwortete Frau van Eyck. »In frühen Jahren hatte sie über einige Jahre einen Freund, aber die beiden haben sich wieder getrennt. Das ist fast zehn Jahre her. Seither war sie allein. Ich denke, ihr Beruf ließ ihr letztlich keine Zeit, sich privaten Dingen zu widmen. Sie war im Job sehr engagiert, hatte sich bis zur Chefsekretärin hochgearbeitet, galt als extrem zuverlässig und belastbar, sehr loyal und geradezu pedantisch ordnungsliebend. Sie hatte einen ausgeprägten Sinn für Sauberkeit. Lieke polierte ständig ihre Wohnung, fuhr das Auto jeden Freitag durch die Waschstraße und ließ es bei dieser Gelegenheit auch von innen gründlich reinigen. Am Auto machte sie nichts selbst. Ich glaube, sie hätte gar nicht gewusst, wie sie vorgehen sollte. Das Auto war nicht ihr Ding, es war nur Mittel zum Zweck. Sie hatte nicht einmal einfaches Werkzeug im Auto.« Anne van Eyck lächelte. »Lieke war ein spätes Kind unserer Eltern und wurde eigentlich immer wie ein Küken behandelt, erst von meinen Eltern, dann – nach deren frühem Tod – von mir. Vielleicht war sie in dieser Hinsicht so etwas wie eine überbehütete Prinzessin, aber davon abgesehen war sie eine wunderbare und auch hübsche Frau.«

Anne van Eyck zog ein Passfoto ihrer Schwester aus ihrer Brieftasche und reichte es Stephan. Er betrachtete das Bild nachdenklich. Lieke hatte ein ebenes sanftes Gesicht, blonde nach hinten gekämmte schulterlange Haare und ein natürliches gewinnendes Lächeln. Er gab ihr wortlos das Bild zurück.

»Lieke besaß eine hohe soziale Kompetenz, beschrieb Anne van Eyck ihre Schwester weiter. »Ihr Tod hat auch bei ThyssenKrupp eine nicht zu schließende Lücke hinterlassen. Der Nachruf des Konzerns auf eine unersetzliche Mitarbeiterin war echt.«

»Wie alt wurde Ihre Schwester?«

»37 – sie war vierzehn Jahre jünger als ich«, antwortete Anne van Eyck.

»Sie bezweifeln, dass es ein Unfall war«, vermutete Stephan.

»Lieke ist nie zu schnell gefahren. Jedenfalls hat sie die zulässige Geschwindigkeit nie in diesem Maße überschritten«, beteuerte ihre Schwester. »Sie fuhr in der gleichen Weise Auto, wie sie arbeitete: zuverlässig, diszipliniert und rücksichtsvoll. Als sie starb, hatte sie seit Jahren nicht einen einzigen Punkt in Flensburg. All dies ist nachweisbar. – Und da ist noch ein Umstand«, fuhr sie fort und schwieg, bis Stephan, der sich die wichtigsten Informationen aufschrieb, von seinem Notizblatt aufsah.

»Man stellte eine Blutalkoholkonzentration von 1,2 Promille fest, und dies ist überhaupt nicht erklärlich. Denn Lieke trank nicht nur keinen Alkohol, wenn sie Auto fuhr. Sie mied generell alkoholische Getränke. Allenfalls trank sie auf Feiern oder zu sonstigen Anlässen mal ein Glas Sekt. – Nur ein einziges Glas!«, wiederholte sie nachdrücklich. »Mehr stand nie in Rede.«

»Natürlich kann Alkohol bei einem Menschen, der sonst nur selten welchen trinkt, bei relativ kleinen Mengen zu größeren Ausfallerscheinungen führen als bei jemandem, der den Genuss von Alkohol gewohnt ist«, relativierte Stephan.

»Da haben Sie zweifellos recht«, stimmte Anne van Eyck zu, »aber es gibt keinen Grund dafür, warum meine Schwester überhaupt Alkohol getrunken haben sollte. Sie hatte weder exzessiv gefeiert, noch gab es private oder berufliche Probleme, die sie zum Alkoholgenuss und waghalsigen Fahrmanövern hätten verleiten können. Erst recht gab es keinen Grund für einen möglichen Suizid«, setzte sie entschlossen hinzu.

»Sie werden all dies schon der Polizei mitgeteilt haben«, mutmaßte Stephan.

»Von Anfang an«, bekräftigte sie. »Aber Sie wissen so gut wie ich, dass all diese Beteuerungen für sich wertlos sind, wenn es keine sonstigen Anhaltspunkte gibt, die für ein Fremdverschulden sprechen. Man hat im Fahrzeugwrack keine technischen Manipulationen festgestellt. Lieke saß allein im Auto. Die Beteiligung eines anderen Wagens an dem Unfall konnte ausgeschlossen werden. Spuren in dieser Hinsicht hat man jedenfalls nicht gefunden. Auch an ihrer Kleidung oder ihren Sachen, die sich im Auto befanden, war nichts Auffälliges. Sie hatte die Handtasche bei sich, die sie immer ins Büro mitnahm. Nichts Besonderes.«

»Ihr Handy?«, fragte Stephan.

Anne van Eyck schüttelte den Kopf.

»Das Handy war in der Handtasche. Die Untersuchung hatte ergeben, dass sie keine ungewöhnlichen Anrufe getätigt oder erhalten hatte. Es waren nur die Telefonnummern von uns, von ThyssenKrupp und sonstige belanglose Kontakte, wie etwa zu einem Gartencenter. Nichts, was Aufschluss ergeben hätte. Auch die Obduktion ergab bis auf die Blutalkoholkonzentration keine Auffälligkeiten.«

»Was bestärkt Sie in der Annahme, dass es sich nicht um einen allein von Ihrer Schwester verursachten Unfall gehandelt hat – außer dass die Unfallumstände den Lebensgewohnheiten Ihrer Schwester widersprechen?«, fragte Stephan weich.

»Der Unfall war Mitte September letzten Jahres. Anfang März dieses Jahres wurde in die Wohnung meiner Schwester eingebrochen«, erklärte Anne van Eyck. »Wir hatten die Wohnung nach Liekes Tod im Wesentlichen unverändert belassen. Außer mir hatte sie keine Verwandten mehr. Es gab also niemanden, der darauf drängte, ihre Wohnung aufzulösen oder sie sogar selbst zu nutzen. Hermann, also mein Mann, und ich kamen überein, die Wohnung zunächst so zu belassen, wie sie ist. Wir wollten erst Abstand zu ihrem Tod bekommen. Auf Liekes Räume sind wir nicht angewiesen, auch nicht auf das Geld, das wir mit einer Vermietung erzielen könnten. Vielleicht werden wir die Räume irgendwann für unsere Unternehmensberatung mitnutzen, aber eilig ist das nicht. Also blieb alles so, wie es war.«

»Der Einbruch …«, erinnerte Stephan.

»In der Nacht vom 7. auf den 8. März. Wann genau es in der Nacht passierte, wissen wir nicht. Wir waren zu Hause, aber unsere Wohnung liegt auf der anderen Seite des Hofgebäudes. Man hört nicht jedes Geräusch, auch wenn es bei uns gewöhnlich sehr ruhig ist. Unser Sohn ist seit einigen Jahren aus dem Haus. Es gibt auch keine Tiere auf unserem Hof. Ich war am Abend des 7. März noch in einem Supermarkt einkaufen. Das war ein Mittwoch. Gegen 20 Uhr kam ich zurück und stellte unseren Wagen im Hof ab. Es gibt dort einen Bewegungsmelder, der die Beleuchtung auslöst und den ganzen Hof in helles Licht taucht. Als ich auf den Hof fuhr und das Licht anging, war die ganze Hoffläche von einer glitzernden unberührten Schneeschicht bedeckt. Vielleicht erinnern Sie sich noch: Anfang des letzten Monats schneite es immer wieder, und der Schnee blieb wegen der Kälte auch einige Tage liegen. An jenem Abend war es seit meiner Abfahrt gegen 18.30 Uhr zu relativ starkem neuen Schneefall gekommen. Als ich das Auto nach meiner Rückkehr auf dem Hof parkte, befanden sich dort keine Spuren. Der Schnee war frisch und unberührt. Ich ging mit den Einkäufen ins Haus, wo mein Mann schon auf mich wartete, und wir verbrachten einen gemütlichen Abend. Soweit ich mich erinnere, sahen wir bis gegen 22 Uhr fern. Dann sind wir zu Bett gegangen. Am Morgen verließ ich gegen elf Uhr das Haus. Ich wollte einen Kunden besuchen und ging zu unserem Auto, das ich am Vorabend im Hof abgestellt hatte. Und da sah ich die Fußspuren, die offensichtlich von der Straße kamen, über das Hofgelände und dann seitlich am Wohngebäude vorbei bis zu dem separaten Eingang zur Wohnung meiner Schwester führten. Ich holte sofort meinen Mann, und wir entdeckten den Einbruch. Das Küchenfenster neben der Wohnungstür war eingeschlagen worden. Dann sind wir sofort zur Polizei gefahren. Unser Hof befindet sich weit außerhalb des Ortes, in der Nähe der Landstraße nach Wulfen. An der Straße steht kein Schild mit der Hausnummer. Die Polizei folgte uns auf den Hof. Wir sind dann alle zusammen in Liekes Wohnung gegangen. Dort war alles durcheinander. Schubladen und Schränke waren geöffnet worden. Wäsche und Bücher lagen auf dem Boden. Nichts, was offensichtlich nicht durchsucht worden wäre. Aber es fehlte nichts. Wir haben jedenfalls bis heute keinen Verlust bemerkt, und das, obwohl in der Wohnung einige Wertgegenstände vorhanden sind, die ein gewöhnlicher Dieb sicher mitgenommen hätte. Das betrifft insbesondere eine kleine Tischuhr und Silberbesteck, das aus dem Erbe unserer Eltern stammt und seltene holländische Ziermuster enthält. Wertvolle Gegenstände also, die man leicht hätte mitgehen lassen können. Aber nichts dergleichen fehlte, die Sachen waren lediglich verrückt worden. Es wurden natürlich Spuren gesichert. Fingerabdrücke oder verwertbare DNA-Spuren, die eindeutig vom Täter herrührten, fand man jedoch nicht. Der Einbrecher war professionell vorgegangen. Verwertbar waren einzig die Spuren im Schnee. Danach ging man von einer Person aus, die die Schuhgröße 48 hat und nach den Eindrücken im Schnee rund 100 bis 120 Kilogramm wiegt. Die Fußspuren führten direkt von der Landstraße, die in etwa 200 Meter Entfernung an unserem Hof vorbeiführt, über den Zuweg zu unserer Hofanlage, dann zur Wohnung meiner Schwester und von dort wieder zurück. An der Landstraße verloren sich die Spuren. Gut möglich, dass der Täter dort von einem anderen im Auto abgeholt worden ist oder vielleicht sein eigenes Auto dort geparkt hat. Zeugen, die in der Nacht vom 7. auf den 8. März im Bereich der Zufahrt zu unserem Hof ein parkendes Auto bemerkt haben, konnten nicht ermittelt werden. Man weiß bisher nichts von diesem mysteriösen Einbrecher als das, was ich Ihnen erzähle. Weitere Einbrüche gab es in der fraglichen Zeit übrigens in Dorsten und Umgebung nicht. Auch nicht einige Tage vorher oder später. Das heißt: Es war ein gezielter Einbruch in die Wohnung meiner Schwester. Keine Gelegenheitstat, bei der ein Täter auf schnelle Beute hofft, die er irgendwo absetzen kann. – Wie erklären Sie sich das? – Zwischen dem Unfall und dem Einbruch vergingen nur rund sieben Monate. Es gab auf unserem Hof in der Vergangenheit noch nie einen Einbruch. Wie erklären Sie sich das, Herr Knobel?«

»All das ist mysteriös«, gab ihr Stephan recht. »Was haben Sie dann gemacht?«

»Ich habe die Staatsanwaltschaft gebeten, die Ermittlungen zum Tod meiner Schwester im Lichte des rätselhaften Einbruchs noch einmal aufzunehmen«, antwortete sie.

»Mit welchem Ergebnis?«, fragte Stephan.

Anne van Eyck nahm einige Schriftstücke aus ihrer Handtasche und reichte sie über den Tisch.

»Die Staatsanwaltschaft hatte das Verfahren wegen des Todes meiner Schwester bereits im Februar eingestellt, und die Generalstaatsanwaltschaft beim Oberlandesgericht Hamm hat meine Beschwerde gegen die Einstellung zurückgewiesen«, erklärte sie. »Zusammengefasst heißt das, dass sich nach sorgfältiger Prüfung und Auswertung aller Spuren kein Anfangsverdacht eines Tötungsdelikts zum – wie man sich ausdrückt – Nachteil meiner Schwester ergeben habe. Im privaten wie beruflichen Umfeld seien keine Umstände ermittelt worden, die ein Motiv für ein Tötungsdelikt begründen, geschweige denn ein solches Verbrechen nahelegen könnten. Man werde die Ermittlungen wieder aufnehmen, sobald sich neue Anhaltspunkte ergäben.«

Stephan las flüchtig die behördlichen Schreiben, deren Inhalt Anne van Eyck korrekt wiedergegeben hatte.

»Ich nehme an, dass der Einbruch in die Wohnung Ihrer Schwester nicht zur Wiederaufnahme der Ermittlungen führte«, vermutete Stephan.

»So ist es«, nickte sie. »Man gab mir recht, dass ein gewisser zeitlicher Zusammenhang auffalle, gehe aber von einem bloßem Zufall aus, zumal bei dem Einbruch keine verwertbaren Spuren gesichert werden konnten, die einen inneren Zusammenhang mit Liekes Tod belegen könnten.«

»Das Unerklärliche ist kein Beleg für die Richtigkeit Ihrer Vermutung«, meinte Stephan. »Ich kann die Sichtweise der Staatsanwaltschaft nachvollziehen.«

»Ich sagte bereits, dass ich das Ergebnis akzeptieren werde, wenn alles unternommen worden ist, Liekes Tod aufzuklären, und die Erkenntnisse schließlich die Theorie vom bloßen Unfall untermauern«, antwortete sie.

Wieder fiel Stephan auf, wie beharrlich und zugleich ruhig sie war. Anne van Eyck machte nicht den Eindruck, dass sie sich in eine abwegige Theorie verbiss.

»Hat man festgestellt, was Ihre Schwester getrunken und wo und warum sie den Alkohol zu sich genommen hat?«, fragte er.

»Sie hat Weißwein getrunken, nach dem Obduktionsergebnis muss es eine ganze Flasche gewesen sein, aber man hat nicht klären können, wo sie den Wein getrunken hat. – Sehen Sie, Herr Knobel, Sie stellen die richtigen Fragen. Mag sein, dass juristisch allein bedeutsam ist, dass sie getrunken hat, aber ich als Schwester von Lieke, die sie genau gekannt hat, frage natürlich auch, wo und warum sie getrunken hat. Lieke starb an einem Montagabend. Sie war bis etwa 18 Uhr im Büro der ThyssenKrupp-Verwaltung in Essen. Ab da bis zum Todeszeitpunkt fehlen knapp fünfeinhalb Stunden. Man hat nicht rekonstruieren können, was sie in dieser Zeit gemacht hat.«

»Ist es denn wirklich ausgeschlossen, dass sie eine neue Bekanntschaft hatte?«, fragte Stephan.

»Natürlich nicht«, parierte Anne van Eyck, »ich schließe nichts aus. Aber ich weiß auch, dass ich zu meiner Schwester stets ein sehr gutes und inniges Verhältnis hatte. Das bedeutet nicht, dass man nicht auch voreinander Geheimnisse haben mochte, aber ich kann ehrlich behaupten, dass wir uns praktisch alles erzählten. Lieke hatte sich über die Jahre nach einem Partner gesehnt. Sie hat mir erzählt, dass sie hin und wieder Anzeigen schaltete und mir sogar die Antwortbriefe gezeigt, die sie erhielt. Ich wusste praktisch immer, wenn sie sich mit einem Mann traf – und auch, dass und wie sich die Angelegenheit erledigt hatte. Umgekehrt wusste Lieke über mich und meine Ehe mit Hermann Bescheid. Sie erfuhr, wann und worüber wir stritten, aber ich berichtete ihr auch über mein Glück, das ich mit Hermann erleben darf. – Also, Herr Knobel: Es spricht doch ganz viel dafür, dass sie es mir gesagt hätte, wenn sie eine Affäre begonnen hätte. Insbesondere hätte sie vorher Bescheid gesagt, dass sie abends länger wegbleiben wollte. Denn wir hatten uns schon Sorgen gemacht, als sie nicht kam, und mehrfach versucht, sie auf dem Handy zu erreichen. Vergeblich. Lieke war privat und im Beruf die Zuverlässigkeit in Person. Sie war in jeder Hinsicht perfekt, ohne dass ich Lieke damit über Gebühr in den Himmel heben möchte.«

Anne van Eyck sah Stephan fest ins Gesicht. Sie beeindruckte mit der klaren und zugleich differenzierten Charakterisierung ihrer Schwester, beantwortete einige der sich aufdrängenden Fragen im Voraus und spürte, dass Stephans Interesse an dem Fall wuchs.

»Wenn Sie in Erwägung ziehen, dass Ihre Schwester einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist, werden Sie sich auch Gedanken über den Täter und das mögliche Motiv gemacht haben«, meinte Stephan.

»Ich weiß es nicht«, gestand sie freimütig, »Ich habe noch nicht einmal eine Vermutung. Aber ich antworte gern auf Ihre These: Das Unerklärliche belegt keine Vermutung, aber es widerlegt sie auch nicht. Mir fehlen einfach Fakten, um mir ein Bild zu machen. Deshalb sitze ich vor Ihnen, Herr Knobel.«

Stephan lehnte sich zurück, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und dachte eine Weile nach.

»Wie kommen Sie ausgerechnet auf mich?«, fragte er schließlich. »Es scheint eher eine Sache für eine Detektei zu sein.«

»Sie werben im Internet damit, über Ihre anwaltliche Tätigkeit hinaus auch Detektivdienste anzubieten«, antwortete sie prompt. »Oder ist diese Werbung falsch?«

»Nein«, wehrte Stephan ab, »es stimmt. Meine Lebensgefährtin Marie Schwarz betreibt Nachforschungen, wenn dies für die Lösung meiner Fälle notwendig ist. Sie erbringt ihre Dienste jedoch nur im Nebenjob. Hauptberuflich ist sie Lehrerin.«

»Lehrerin?«, wiederholte Anne van Eyck verwundert und schien amüsiert. »Die Kombination ist ungewöhnlich.«

»Es ist eher Maries Hobby, ungelösten Fragen auf den Grund zu gehen«, erklärte Stephan und spürte zugleich, mit dieser Aussage beste Werbung für Maries Dienste in der rätselhaften Angelegenheit Lieke van Eyck zu machen, denn die Gesichtszüge der Mandantin entspannten sich zu einem einladenden Lächeln.

»Besser kann es doch gar nicht sein«, freute sie sich. »Ich brauche gewiss keine Spürnase, die dumpf irgendwelche Suchaufträge abarbeitet. Mir kann nur jemand helfen, der mit Geduld und Geschick Antworten auf die ungeklärten Fragen findet. Und ich garantiere, diese Dienste gut zu bezahlen.«

Im Gegensatz zu einigen seiner Mandanten, denen Stephan gleichlautende Beteuerungen häufig zu recht nicht traute, glaubte er Anne van Eyck unbesehen. Der Fall war interessant – und Stephan war sich sicher, dass Anne van Eyck in der Tat nichts anderes wollte, als jene Rätsel gelöst zu wissen, die die Staatsanwaltschaft auf sich beruhen lassen konnte, weil sie für die formale rechtliche Prüfung des Todes der Schwester nicht erheblich erschienen. Der Umstand, dass Lieke im angetrunkenen Zustand die Gewalt über ihr Fahrzeug verloren hatte und in den Tod gefahren war, bedurfte keiner weiteren Überprüfungen, weil es keinerlei Hinweise auf Fremdverschulden gab. Stephan würde die entsprechenden Ermittlungsakten einsehen, aber es stand zu vermuten, dass die Behörden ordentlich gearbeitet hatten. Gleiches würde wahrscheinlich für die Untersuchung des Einbruchs in Liekes Wohnung gelten. Anne van Eyck ging es offensichtlich darum, Erklärungen zu finden, die in der juristischen Bewertung bislang keine Rolle spielten, und Stephan war sich sicher, dass sie mit jeder Antwort würde leben können, wenn nur eine intensive Recherche betrieben würde, die sie in eigener Person nicht leisten und von der Staatsanwaltschaft nicht erwarten konnte.

»Sie wissen, dass mir und Marie keine weiteren Erkenntnismöglichkeiten zur Verfügung stehen als jeder anderen Privatperson auch«, gab Stephan zu bedenken. »Wir haben nicht die Instrumente und rechtlichen Befugnisse, die die Strafverfolgungsbehörde hat.«

»Ich weiß«, nickte sie. »Aber Sie wissen wahrscheinlich auch, dass es auf diese Instrumente gar nicht ankommen wird. Ich bin mir sicher, dass Sie die Wahrheit ohne irgendeinen Fahndungsapparat finden werden. – Und um Ihre Frage vollständig zu beantworten, Herr Knobel: Ich bin auf Sie gekommen, weil Sie nach meiner Recherche weit und breit der einzige Anwalt sind, dessen Kanzleiprofil für meine Zwecke geeignet erscheint. Ich will keine größere Kanzlei, die mit irgendwelchen Detekteien zusammenarbeitet und die mir gegen stattliches Honorar am Ende lediglich eine schnöde Bestätigung dessen bietet, was ich ohnehin schon weiß. Meine bisherigen Erfahrungen sind nicht gut. Ich dachte zunächst, dass ich mit einer namhaften Großkanzlei am besten bedient wäre. Aber das Gegenteil ist der Fall. Dort hat man, als ich mein Anliegen vortrug, lediglich bedauernd mit den Schultern gezuckt und mir mit warmen Worten zu vermitteln versucht, dass ich lernen solle, den schmerzlichen Verlust meiner Schwester zu akzeptieren und die Feststellungen der Staatsanwaltschaft als abschließend zu betrachten. Da war kein Interesse, erst recht kein Engagement, zumal man mir nahelegte, dass ich mit meinen Fragen bei einem Anwalt doch eher falsch aufgehoben sei. – Aber ich sehe das anders«, betonte sie. »Es geht auch um die rechtliche Bewertung, denn ich möchte die Ergebnisse der Recherche juristisch einzuordnen wissen, insbesondere dann, wenn sich Anhaltspunkte dafür ergeben, dass meine Schwester umgebracht wurde und es um eine Wiederaufnahme der Ermittlungen geht. Verstehen Sie, Herr Knobel, das bin ich meiner Schwester schuldig.«

Stephan nickte.

»Als Unternehmensberaterin habe ich eine Nase dafür, was Menschen leisten können und was sie leisten wollen«, fuhr sie fort. »Über Sie habe ich in Erfahrung gebracht, dass Sie der namhaften Kanzlei Hübenthal und Löffke den Rücken gekehrt und sich selbstständig gemacht haben, obwohl Sie Partner dieser Sozietät waren. Das ist ein mutiger Schritt, und das zeigt mir auch ohne Kenntnis Ihrer damaligen Beweggründe, dass Sie unbequeme Wege gehen und Verantwortung annehmen können. Oder täusche ich mich?«

Er lächelte. »Welche Antwort erwarten Sie auf diese Frage, Frau van Eyck?«

»Selbstverständlich Ihre Bestätigung!«, lachte sie. »Nein, ganz ernsthaft: Ich habe bei Ihnen ein gutes Gefühl, und es würde mich freuen, wenn Sie sich meiner Sache annehmen. Ich fordere nur Ihr Bemühen ein und den Ernst, sich bei Ihrer Tätigkeit meiner Schwester verpflichtet zu fühlen, die Sie, wenn Sie sie jemals kennengelernt hätten, gemocht hätten. Dessen bin ich mir sicher. – 250 Euro für jede angefangene Stunde, Herr Knobel? Auslagen und Spesen gesondert. Ist das eine Basis?«

Sie beugte sich vor und streckte ihre rechte Hand entgegen.

Er schlug ein, nicht zuletzt darüber beglückt, dass ihm unverhofft ein Mandat angetragen worden war, das erkleckliches Honorar versprach.

»Dann lassen Sie mich eine Vollmacht unterschreiben«, bat Frau van Eyck.

Stephan griff in seine Dokumentenablage und ließ die Mandantin gleich mehrere Formulare unterschreiben. Sie zeichnete die Dokumente flink mit geschwungenem Namenszug.

»Ich habe Ihnen zu danken«, sagte sie zum Abschied.

Als sie fort war, tat Stephan, was als Erstes zu tun war: Er forderte bei der Staatsanwaltschaft Essen die Akte zum Unfalltod der Lieke van Eyck zur Einsichtnahme an.

2

Am kommenden Samstag, dem 28. April, fuhren Marie und Stephan nach Dorsten. Anne van Eyck hatte vorgeschlagen, Liekes Wohnung in Augenschein zu nehmen. Man müsse sich Lieke und ihrem Zuhause nähern, um sich in den Fall einzufühlen, hatte sie gesagt und angefügt, dass es gut sei, wenn man einander besser kennenlerne, zumal Anne van Eyck einen Eindruck von Marie gewinnen wollte, der sie – wie sie sich ausdrückte – Liekes Seele anvertrauen wolle.

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