Drei Jahre China - Carl Hertzer - E-Book

Drei Jahre China E-Book

Carl Hertzer

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Beschreibung

Die Arbeit führt den Autor aus Deutschland ins Reich der Mitte. Drei Jahre lang lebt er mit seiner vierköpfigen Familie in China. Diese Zeit im flächengrößten ostasiatischen Staat sorgt für tiefgehende Einblicke in die exotische Kultur und Mentalität. Zahlreiche Reisen quer durch das Land von der Großen Mauer über die Seidenstraße bis nach Tibet zum Fuß des Mount Everest zeigen die atemberaubende Schönheit des Landes und die Besonderheit seiner Menschen. Dieses Buch schildert spannend, bildgewaltig und stets unterhaltsam die Abenteuer während des dreijährigen Chinaaufenthalts.

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Seitenzahl: 312

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen.

Chinesisches Sprichwort

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Übersichtskarte China

Teil 1: In der neuen Heimat

Ankommen

Einstieg ins Leben und Erkenntnisse

Teil 2: Die Reisen

Die erste Seidenstrassenreise

Von Sichuan nach Yunnan

Die zweite Seidenstrassenreise

Guilin

Tibet

Im kalten Norden

Peking, Hongkong und Shanghai

Teil 3: Abschied

Geschichte, die auch in die Zukunft weist

Der Abschied aus China

EINLEITUNG

Um ein Mann zu sein, muss man einen Baum gepflanzt, einen Sohn gezeugt und ein Buch geschrieben haben, heißt es bei uns. Andere Kulturen legen andere Maßstäbe an. In China muss man auf der Chinesischen Mauer gewesen sein, und in Malaysia heißt es, dass man geheiratet haben muss, um eben dieser Mann zu sein. Da haben wir schon den ersten Unterschied in den Kulturen.

Natürlich ist ein alter Spruch nicht Grund allein für mich gewesen, dieses Buch zu schreiben.

In Asien leben über 60% der Weltbevölkerung, und der Kontinent wird in seiner Bedeutung für die Welt immer wichtiger. Viele Strömungen kommen und kamen schon immer aus dieser Region. Wir bewundern oft die Gelassenheit der Asiaten, die Weisheit. Uns fasziniert östliche Philosophie auch als Hilfe bei der Suche nach uns selbst. Wir glauben manchmal, dass die Menschen im Osten eher den Weg zum Lebensglück gefunden haben als wir hier im Westen. Von Konfuzius haben wir alle schon mal gehört. Allerdings spotten wir auch über die „Asiaten“, wenn sie in Heerscharen knipsend in München, Heidelberg oder Rothenburg ob der Tauber einfallen und ihren Stadtführern mit Schirm oder Fähnchen hinterherrennen. Und manchmal sehen wir Asien als Bedrohung, haben Angst vor einer Weltmacht China oder dass alle unsere Arbeitsplätze dorthin verschwinden.

Es sind jedoch immer nur kurze Momente der Begegnung mit den Menschen oder den Themen Asiens. Im Grunde wissen wir wenig und verstehen noch weniger vom eigentlichen Leben dort.

Wir machten uns auf, um in dieser fremden Welt zu leben, sie kennenzulernen und zu verstehen. Mein Beruf führte mich dorthin. „Wir“ sind eine vierköpfige Familie, die beiden Kinder zum Zeitpunkt der Abreise sechs und sieben Jahre alt. Der Auslandsaufenthalt sollte in etwa drei Jahre dauern, dass es einmal sieben Jahre in Asien werden würden, drei Jahre China und vier Jahre Malaysia und Südostasien, wussten wir damals selber nicht und hätten es vermutlich nicht geglaubt.

Auf den nächsten Seiten werde ich erzählen, was wir erlebt haben, wie es uns erging in diesem fremdartigen, aber so faszinierenden Land China. Vielleicht stehen Sie auch einmal vor der Entscheidung, nach Asien zu ziehen und wissen dann ein wenig mehr darüber, was Sie dort erwarten kann.

Mein Interesse gilt dem Reisen und dem Interkulturellen, weshalb die Berichte unserer Fahrten durch China einen großen Teil dieses Buches einnehmen. Wir haben viele Gegenden besucht, die nicht Bestandteil der Standardtour durch China sind, nicht einmal der großen. Allerdings entdeckt man gerade in Gegenden wie der Seidenstraße, Tibet oder Yunnan die große Diversität dieses Landes, und auf diesen Touren haben sich für uns viele Merkmale des chinesischen Lebens erschlossen. Es würde mich freuen, wenn die Darstellungen Sie zu ähnlichen Expeditionen verleiten.

Ich schildere in diesem Buch unsere Erlebnisse als Familie. Das muss nicht zwangsläufig allgemeingültig sein, ist es häufig allerdings doch, und Gott sei Dank war es oft amüsant, und das möchte ich Ihnen nicht vorenthalten. Manche Dinge gehen mit Humor einfach leichter, und das gilt ebenfalls für das Lesen dieses Buches. Mir ist wichtig, Sie nicht nur über dieses faszinierende Land zu informieren, sondern Sie dabei auch zu unterhalten.

Ziel der nächsten Seiten ist es nicht, einen Reiseführer mit exakten Daten zu liefern, denn unsere Ausreise liegt jetzt schon einige Jahre zurück. In dem dynamischen Umfeld Asiens ändern sich die Dinge schnell, von daher mag einiges nicht mehr ganz so sein, wie wir es damals kennengelernt haben. Mir lag es jedoch am Herzen, genau das zu beschreiben, was wir erlebten.

Dieses Buch befasst sich ausschließlich mit unseren Jahren in China. Zu einem späteren Zeitpunkt werde ich von unserer Zeit in Malaysia und Südostasien berichten. Die Jahre in Asien haben mir nicht nur das Leben dort nähergebracht, sondern ich habe durch den Blick von außen bei manchen Sachen in Deutschland erst verstanden, warum sie bei uns so sind, wie sie sind. Und natürlich hat diese Zeit mich und mein Denken verändert.

Erleben Sie mit mir meine bisher eindrucksvollsten Lebensjahre.

ÜBERSICHTSKARTE CHINA

Teil 1 In der neuen Heimat

ANKOMMEN

1. Abflug

Der Wagen voll bis unters Dach. Klar, wir wandern aus, verlassen Deutschland für ein paar Jahre, da kommt schon eine Menge Gepäck zusammen. Ich arbeite für ein großes deutsches Unternehmen und habe einen Job im Ausland angetreten. In China.

Ich bin Anfang 40, mittelgroß, mittel-schlank, die Haare haben beschlossen, auszufallen, statt grau zu werden. Ich habe ein Allerweltsgesicht; das ist gut, wenn man nicht wiedererkannt werden will, allerdings blöd, wenn man sich das dritte Mal derselben Person innerhalb von zwei Wochen vorstellt. Im Grunde bin ich sehr durchschnittlich. Manche halten mich für eine graue Maus. Würde man zehn Leute fragen, welchen Beruf sie mir zutrauen, würden sieben garantiert auf Buchhalter tippen und die anderen drei auf Verwalter eines Archivs.

Ganz anders Anne, meine Frau. Sie ist der Paradiesvogel. Mit dem Erkanntwerden hat sie keine Probleme. Noch nach Jahren wird sie mit „Ich kenne Sie doch“ begrüßt. Sie ist 40, hat sehr hübsche und markante Züge, ihre Haare sind blond und kurz geschnitten und sie ist immer bereit für einen flotten Spruch und ein Gespräch. Sie ist zupackend und nicht etepetete. Wer das ist, sollte lieber nicht in den Flieger steigen, um in China ein paar Jahre zu verbringen. Abenteuerlustig ist sie, eine Eigenschaft, die sich auch hinter meiner grauen Fassade verbirgt und die viele überrascht. Und ein weiteres Talent bringt Anne mit, das in China äußerst nützlich ist und dort, dank der vielen Gelegenheiten, zur Perfektion entwickelt werden kann. Sie kann verhandeln wie keine zweite. Davon werden wir während unseres Aufenthalts noch oft profitieren.

Es ist meine erste Stelle im Ausland, allerdings habe ich ein Faible für fremde Kulturen und bin schon viel gereist. Das „Fremde“ ist mir also nicht ganz fremd. Meine Frau ist aus ähnlichem Holz geschnitzt. Sie ist eine ehemalige Reiseleiterin. Als wir darüber gesprochen haben, eventuell nach China zu gehen, war sie erst neugierig und anschließend ganz aufgeregt. Sie geht mit viel Vorfreude in das neue Land.

Und dann sind da zwei, die wurden nicht so richtig gefragt. Sie haben Bücher in englischer Sprache bekommen, Spiele in Englisch und Kinderbücher über die Chinesische Mauer und einen chinesischen Kaiser. Wir haben ihnen Bilder gezeigt und es geschafft, dass auch sie gespannt mitgehen. Alena ist sieben und ein hübsches Mädchen. Lorenz ist sechs, ein kleiner Hänfling, ebenfalls blond, ziemlich süß und meist gut gelaunt.

„Drive-Through Check-in“, ruft Anne, als wir den Flughafen München erreichen und deutet auf ein Schild, das zu einem Schalter draußen weist.

Gott sei Dank, denke ich. Ich hatte nämlich nicht unbedingt Lust, die ganzen schweren Koffer und Taschen auf Trolleys zu laden und durch den Flughafen zu schieben, während die Kinder vorne draufsitzen, abhauen, weinen oder andere kindertypische Sachen machen würden.

Also nichts wie hin an den Schalter, ein Geschenk Gottes. Ja, Deutschland verabschiedet sich standesgemäß.

„Ich mach‘ zu“, brummt es hinter einem Bart hervor. Der Bart gehört zu einem Mann, der dort am Außenschalter steht und offensichtlich der Zuständige ist.

„Warum zu, was meinen Sie?“, frage ich.

„Ja, zu. Da steht`s: Schalter ist bis acht Uhr besetzt“, kommt es im schönsten bayerischen Dialekt zurück.

„Ja, aber es ist doch erst zehn Minuten vor acht Uhr!“

„Bis wir fertig sind, ist es nach acht Uhr und ich habe Dienstschluss.“

Das darf ja wohl nicht wahr sein. Da bin ich mit kleinen Kindern vor einem großen Schritt in meinem Leben, aufgeregt, ein bisschen müde, und der Typ erzählt mir, dass ich jetzt Sack und Pack durch den Flughafen schieben soll.

„Wir reisen aus, wir haben einen Haufen Sachen dabei, sehen Sie da auf den Wagen; Sie können nicht schließen!“

„Sage ich ja, viel zu viele Sachen, da werden wir nie bis um acht Uhr fertig. Gehen Sie zum Schalter sieben, ich mach zu.“ Sagt`s, geht und lässt uns einfach stehen.

„Danke München, danke Deutschland, dass du es uns einfach machst, zu gehen.“ Auch wenn nicht das ganze Land mit solchen Vollidioten bevölkert ist, erleichtert uns das den Abschied und gibt dem neuen Land gleich einen Bonuspunkt. Dass mir als Bayer dies ausgerechnet in Bayern passiert, kratzt etwas an meiner Ehre.

Die Abschiedsfeiern sind gefeiert, die Abschiedstränen sind geweint, jetzt am Flughafen sind nur noch meine Schwester, mein Schwager und meine Mutter für das finale Ade dabei. „Asiatisch oder bayerisch essen, zum Abschied?“, ist die wirklich ernst gemeinte Frage meiner Schwester. Die Wahl ist klar und die Leberkäsesemmel schlecht. Weich und fettig. Kein netter Gruß zum Abschied aus Bayern.

Dann die Passkontrolle, die Flugsicherheit – und ein neuer Lebensabschnitt beginnt.

Rein in den Flieger.

„Ihre Bordkarten, bitte“, flötet eine nette Stewardess. „Danke, bitte links zur Business Class.“ Ja, es geht komfortabel nach China. Die Firma lässt es sich einiges kosten, damit ihre Entsandten mit einem guten Gefühl in der neuen Heimat ankommen. Die Kinder waren schon Tage vorher aufgeregt und fühlen sich so richtig bedeutend, dass sie Business Class fliegen dürfen. Und so sitzen sie wie Prinz und Prinzessin in ihren großen Sitzen, fahren die Lehnen rauf und runter, schauen wichtig und sind absolut begeistert, ihren eigenen Fernseher für den ganzen Flug zu haben. Da hat das Zielland schon den nächsten Bonuspunkt gesammelt.

„Möchtet ihr etwas zu trinken?“ Für die nette Stewardess ist es vermutlich eine Abwechslung, nicht nur Männer zu bedienen, die überheblich schauen, ernst sind oder rumbaggern, sondern mal ein paar kleine Gäste, die das Verwöhnprogramm absolut genießen.

So verläuft der Flug für uns alle äußerst angenehm.

2. Ankunft in China

Gut geschlafen haben wir, und die Kinder sind fast enttäuscht, dass der Business Class-Aufenthalt schon vorbei ist. In Zukunft gibt es wieder Normalbehandlung.

Anne und ich kennen China schon. Vor der endgültigen Entscheidung, eine Auslandsstelle anzutreten, schickt einen die Firma zur sogenannten „Orientierungsreise“. Dabei lernt man die Arbeitsumgebung kennen, aber, genauso wichtig, die Lebensumstände, die Schulen, mögliche Häuser oder Wohnungen, Einkaufsläden und Restaurants. Ein bisschen wird dabei ebenfalls die Werbetrommel gerührt, man möchte den Mitarbeiter ja in der Regel gewinnen. Die Reise bietet die Chance, dass eine der beiden Seiten sagen kann: „Na ja, das ist nicht das, was wir uns vorgestellt haben.“ Wir haben den Ausflug gemacht und uns danach auf diesen Aufenthalt sehr gefreut, da wir China dabei als äußerst spannendes, interessantes Land erlebt haben.

Ich hatte darüber hinaus im Anschluss weitere Möglichkeiten, China kennenzulernen. Meine Aufgabe ist es, in China eine neue Fertigung für Automobilteile aufzubauen. Dazu bin ich im Laufe des vergangenen Jahres bereits einige Male dort gewesen, um den Start der neuen Fabrik vorzubereiten und Personal einzustellen.

Für Anne und mich sind die Eindrücke bei unserer Ankunft also nicht ganz neu. Für die Kinder schon.

Wenn man in die USA einreist und an die Immigration kommt, stellt sich meist ein sehr beklemmendes Gefühl ein. „Wird er mich reinlassen?“ – „Ob ich was Unerlaubtes dabeihabe?“ – „Hoffentlich sage ich nichts Falsches.“ Umso mehr ist man von Grund auf bei der Einreise nach China befangen, wenn man an die Schalter der Passkontrolle tritt. Der Staat, der alles kontrolliert. Kommunistisch. Meine Großmutter lebte in der DDR, ich habe genügend Einreisen in einen kommunistischen Staat hinter mir, um mir eine gewisse Befangenheit erlauben zu dürfen.

Ni hao! (Guten Tag) – Ni hao! Wir haben eine Beamtin erwischt (an der DDR-Grenze waren das meist die schlimmsten, weil sie wohl beweisen wollten, noch bissiger, noch härter als die männlichen Kollegen zu sein). Sie blättert durch unseren Pass, findet das Visum und scannt den Pass ein. Die Kinder lächelt sie breit an (das wird uns künftig oft passieren, da Chinesen sehr kinderlieb sind und es ihnen ganz besonders westliche, blonde Kinder angetan haben). Anschließend stempelt sie alle Pässe, sagt: „Danke, auf Wiedersehen“, lächelt erneut und wir dürfen einreisen. Es ist sogar ein Bewertungsknopf da, mit dem wir den Service beurteilen dürfen: Smiley, neutral, frowny. Das wäre mal ein Verbesserungsvorschlag für die deutsche Passkontrolle. In den kommenden Monaten und Jahren reise ich sehr oft ein und aus, und jedes Mal werde ich an der Immigration sehr freundlich behandelt.

Jetzt sind wir wirklich da. Wir laufen durch den Flughafen Shanghai, die Kinder ziehen die Handgepäckskoffer hinter sich her. Am Kofferband sind wir der absolute Spitzenreiter. Ich wünschte nur, das Band wäre ein Spielautomat. So viele Treffer: „Das ist auch unseres!“ 15 Gepäckstücke und zwei vollbeladene Wagen später geht es durch den Zoll (ebenfalls nur freundliche Beamte) und wir treten in die Halle, wir treten nach China ein.

Wie üblich empfangen uns Gewusel, Stimmengewirr, Gerüche und eine riesige, drängelnde Menschenmenge am Ausgang. Die meisten Leute warten dort mit Schildern in der Hand, auf denen Firmen- oder Hotelnamen oder nur die Namen von Ankommenden stehen. Die Mehrzahl der Reisenden sind Geschäftsleute. China entwickelte sich damals gerade endgültig für den Westen als Industrienation. Natürlich startete dieser Aufbruch bereits in den Achtzigerjahren mit der Wendung von Deng Xiaoping hin zur Wirtschaft. Zunächst wurden sogenannte Sonderwirtschaftszonen geschaffen, in denen besonders wirtschaftsfreundliche Rahmenbedingungen galten. Von dort breitete sich das Wachstum langsam auf andere Teile des Landes aus. Bei einer Kernspaltung würde man sagen: Die kritische Masse wurde erreicht, als Anfang des 21. Jahrhunderts eine exponentiell zunehmende Anzahl von westlichen Industriefirmen nach China zog und das Wirtschaftswachstum fast explodierte. Wer zuvor bei uns Sinologie studiert hatte, war ein ideologischer Spinner, danach war er ein gefeierter Star, um den sich die Wirtschaft riss. Und in dieser Zeit machte das Leben in China eine riesige Wandlung durch. Spricht man mit Expats (ausländische Mitarbeiter, die – wie ich – für eine begrenzte Zeit im Ausland arbeiten), die Ende der Neunzigerjahre in China waren, bekommt man das Bild gemalt, das lange in vielen Köpfen vorherrschte: fahrradfahrende Chinesen in Maokluft und Industrie, die ausschließlich zum Himmel stinkt, dreckige Straßen und seltsames Essen. Uns jedoch empfängt eine ganz andere Welt, dort, wo wir leben werden: in Suzhou. Hier ist sehr viel moderne Industrie angesiedelt und es gibt inzwischen viele westliche Annehmlichkeiten.

Auch für uns ist ein Schild dabei. Darauf steht unser und der Firmenname. Ein mittelgroßer, etwa dreißigjähriger Mann, schlank, wie die meisten Chinesen, mit Stoffhose, Hemd und Jacke (ebenso typisch für den chinesischen Mann) hält es hoch. Als wir auf ihn zugehen, hebt er es noch etwas höher, und nach unserem zustimmenden Nicken lächelt er uns an. Sofort nimmt er einen der schwerbeladenen Wagen und grüßt: „Ni hao, willkommen in China.“

Dies ist Mr. Li oder Li xiansheng (Herr Li), unser Fahrer für die nächsten Jahre. Zur Zeit unseres Aufenthaltes ist es üblich, dass Firmen in China den ausländischen Mitarbeitern Fahrer stellen, da der gerade beginnende Autoverkehr zu chaotisch, das Fahren zu unfallträchtig und zu gefährlich ist. Das wird sich später ändern, der Verkehr wird etwas zahmer werden und auch die meisten Expats werden selber fahren.

In China ist der Fahrer gleichzeitig eine der wichtigsten Bezugspersonen. In der Regel absolut ergeben (das sind in China allerdings die meisten der einem direkt unterstellten Personen), immer für einen da, dienend, unterstützend und verschwiegen. Verschwiegen sind im Übrigen die allerwenigsten Leute in China. Wer bisher glaubte, die Lichtgeschwindigkeit sei die schnellste Geschwindigkeit, der messe mal die Zeit, in der sich in China eine Neuigkeit ausbreitet. Li xiansheng zeigt sich als absolut freundlicher, immer helfender Mensch, dem wir sehr schnell Vertrauen schenken und dem Anne bald unsere Kinder auf Fahrten ohne Begleitung anvertrauen wird.

„Suzhou?“, fragt Mr. Li.

„Ja, Suzhou“, sage ich. Li xiansheng spricht kein Englisch und wir nur so viel Chinesisch, wie wir im Sprachkurs gelernt haben. Unsere erste gemeinsame Fahrt wird also nicht sehr kommunikativ. Wir beladen das Auto, einem koreanischen Minivan mit sieben Sitzen, und los geht es nach Suzhou, rund zwei Stunden vom Flughafen Pudong in Shanghai entfernt. Die Kinder haben wohl zu viele Filme geschaut und schlafen bald ein.

Da Li xiansheng um die schwachen Nerven der westlichen Besucher im Straßenverkehr weiß, fährt er für chinesische Verhältnisse sehr zurückhaltend. Links und rechts wird überholt, die sechsspurigen Zufahrten zur Mautstation werden auf 15 Spuren angefahren, mit rund drei Nanometern Abstand zur Seite und zum Vordermann, es wird gehupt und es wird geschnitten. Und trotzdem manövriert Mr. Li eher passiv durch den Verkehr und lässt auch mal, untypisch für den chinesischen Fahrer, andere Verkehrsteilnehmer vor.

Wir bewegen uns auf einem achtspurigen Autobahngürtel um Shanghai im Süden herum. Hohe moderne Wohnblocks säumen die Schnellstraße. Einmal macht es kurz „Zummmmm“: Die Magnetschwebebahn, die den Flughafen Pudong mit der Messe Shanghai verbindet, ist an uns vorbeigeflogen. Gebäude mit Glasfassaden, Wohnanlagen mit römischen Säulen, monotone saubere Wohnblocks und auch ein paar alte Häuser ziehen an uns vorbei. Wir passieren meist normale Autos, hauptsächlich neue und größere Limousinen und nur wenige Kleinwagen, aber ebenso motorisierte Dreiräder oder einen total überladenen LKW, der auf der Überholspur mit 20 Stundenkilometern dahinkriecht.

Dann geht es aus Shanghai heraus, zunächst durch die industriellen Vororte, wie Anting, in dem VW zusammen mit dem chinesischen Unternehmen SAIC unter dem Namen „SVW“ VWs herstellt. In genau derselben Stadt baut auch GM zusammen mit eben dieser SAIC unter dem Namen „SGM“ GMs. Im Übrigen die zwei produktionsstärksten Automarken in China – und so viel zu eindeutigen, transparenten Strukturen in der chinesischen Wirtschaft.

Hinter diesen Vororten kommt ein wenig freies Land. Sehr flach ist es hier und mit viel Wasser durchzogen: Kanäle, kleine Tümpel und Seen. Zahlreiche Felder, auf denen vereinzelt Bretterhütten stehen. Dies ist eins der Dinge, die mich in China am meisten überrascht haben: Das Nebeneinander von absolut moderner Architektur und einfachen, etwas heruntergekommenen alten Häuschen, manchmal nur wenige Meter voneinander getrennt. In beiden Bereichen leben die Menschen zufrieden nebeneinander und miteinander.

Jetzt sehen wir wieder Häuser und Orte, diesmal die Vororte Suzhous, beispielsweise Kunshan, in dem inzwischen Shimano, der unangefochtene Weltmarktführer aus Japan für Fahrradschaltungsteile, einen Großteil seiner Produktion hat. Danach kommt unsere Ausfahrt (Suzhou Industrial Park). Zu diesem Zeitpunkt ist das Straßenschild noch rein in chinesischer Schrift, ein Jahr später wird es schon in Pinyin ergänzt sein. Pinyin ist die phonetische Umschrift der chinesischen Worte auf Basis des lateinischen Alphabets. Für uns „Westler“ eine ganz große Erleichterung im Alltag. Je weiter man sich von den Ballungszentren entfernt, umso weniger Hinweise in Pinyin gibt es. Wenn man selbst fährt, erhöhen die rein chinesischen Schilder den Abenteuergrad und den Spaß immens (es sei denn, man kann die chinesischen Schriftzeichen lesen). Man versucht, sich auf der Straßenkarte signifikante Zeichen oder Teile des Zeichens zu merken, diese anschließend auf den Schildern wiederzuerkennen und ist stolz wie Harry, wenn es klappt und man richtig abbiegt oder am gewünschten Ziel ankommt. Das ergibt besonders bei mehreren gesuchten Orten die empfohlene Tagesdosis an Erfolgserlebnissen und Selbstbewusstsein. Für Li xiansheng ist es kein Problem, die richtige Ausfahrt zu finden.

Weiter geht es, vorbei an riesigen Fabrikhallen und an Freiflächen, auf denen später einmal weitere riesige Fabrikhallen stehen werden. Nichts in Deutschland ist auch nur annähernd vergleichbar mit den Ausdehnungen dieser Industriezone. Es sind immer wieder Menschen zu sehen, meist Bauarbeiter, die auf einer der unzähligen Baustellen in Containern wohnen und gerade zu Fuß oder auf dem Fahrrad irgendwohin unterwegs sind. Viele von ihnen kommen ursprünglich aus dem chinesischen Hinterland, arbeiten jetzt in den Ballungszentren auf den Baustellen und versorgen mit dem verdienten Geld die Familien zu Hause. Einmal im Jahr zu Chinese New Year (das „gefühlte“ chinesische Weihnachten) fahren sie zurück, um ihre Angehörigen und Freunde zu besuchen.

Nun fahren wir an Hochhäusern, Geschäften und Restaurants vorbei, und dann hält Mr. Li an einer Schranke vor dem großen Parkplatz eines modernen Hochhauses. Ein uniformierter Guard grüßt militärisch zackig, Mr. Li und er wechseln ein paar Worte, die Schranke geht auf, wir fahren durch und sehen unser erstes Zuhause.

3. Unser erstes Zuhause

Ein Hochhaus mit 35 Stockwerken, und unsere Wohnung befindet sich in der 31. Etage. Dort werden wir solange leben, bis wir unser endgültiges Heim in Suzhou gefunden haben.

Zum ersten Mal in meinem Leben wohne ich in einem Hochhaus. Bei uns in Deutschland ist das Wohnen in Hochhäusern nicht immer positiv belegt. Oft wird es mit sozialen Brennpunkten in Verbindung gebracht, besonders, wenn es sich um ganze Hochhausviertel handelt. Solchen sozialen Brennstoff gibt es in China in diesen Vierteln nicht. Ich erkläre mir das so: In China, wie in fast allen fernöstlichen Staaten, ist das Leben in der Gruppe wichtiger als das Ausleben der eigenen Persönlichkeit. Das wird von den meisten so akzeptiert, mehr noch, es wird als richtig angesehen. Das Zusammenleben ist harmonischer, die Gruppe wird als etwas Positives empfunden. Ein weiterer Grund aus meiner Sicht ist, dass in China die Distanzzonen zwischen den einzelnen Personen geringer zu sein scheinen, als es bei uns der Fall ist. Die Überschreitung der persönlichen Distanzzone wird allgemein als unangenehm empfunden und führt unter Umständen zu Aggressivität. In China kommen sich die Menschen viel näher, ohne dass dies eine aggressive Reaktion hervorruft. Selbst ich habe das in China adaptiert, mir durften die chinesischen Mitmenschen enger „auf die Pelle rücken“, als es in Deutschland der Fall gewesen wäre, ohne negative Gefühle auszulösen. Zu guter Letzt spielt vermutlich ebenso eine Rolle, dass die zivile Disziplin aufgrund der kommunistischen Regierung und des härteren Strafsystems höher ist.

„Die Koffer bitte einfach hier abstellen“, sage ich zu Li xiansheng und deute auf den großen freien Platz neben dem Esstisch. Unser Fahrer hat uns geholfen, unser Gepäck nach oben zu bringen. „Vielen Dank. Morgen würden wir gerne ab neun Uhr ein wenig die Gegend kennenlernen“, ergänze ich.

„Kein Problem, ich bin um neun Uhr da und warte unten“, antwortet Mr. Li. „Kann ich heute noch etwas für Sie tun?“ Ich verneine und Mr. Li verabschiedet sich.

Wir machen zunächst eine Wohnungsbegehung. Vom Essbereich geht es ab in eine moderne, helle, geflieste Küche mit allen erforderlichen elektrischen Geräten und neuen Küchenmöbeln. Zur anderen Seite ein großes Wohnzimmer mit einer dunklen Couchgarnitur in Leder, zwei helleren Stoffsesseln, einem Mahagoni-Wohnzimmertisch, einem ebenfalls dunklen Schrank und einem großen Fernsehen. Auf den Beistelltischen neben dem Sofa sind eine chinesische Vase und eine Frauenfigur platziert. Vom Wohnzimmer geht es weiter in unser zukünftiges Schlafzimmer mit Doppelbett, Nachtkästchen, großem Kleiderschrank – alles in hellem Holz und mit Zugang zu einem modernen Bad.

„Da will ich schlafen!“ und

„Da will ich schlafen!“ kommt es von hinten. Gott sei Dank, die Kinder haben sich selbstständig auf ihre Zimmer geeinigt. Jedes Kind hat seinen eigenen Raum, jeweils mit Bett, Schrank, einem kleinen Tisch und Stühlen. Die Kinderzimmer gehen vom Essbereich ab, zwischen ihnen liegt ein weiteres Bad. Komplettiert wird die Wohnung durch ein Büro.

Grandios ist der Ausblick vom 31. Stock. Wir blicken aus Alenas Zimmer. Direkt schräg vor dem Gebäude ist eine freie Wiese, auf der Lichtspiele aufgestellt sind. Das sind Säulen, auf denen buntes Licht hinauf und herunter wandert und Kreise, deren einzelne Segmente abwechselnd beleuchtet werden. Das Licht läuft nachts in verschiedenen Farben über die Flügel, sodass der Eindruck eines sich drehenden Windrades entsteht. Es ist ein tolles Schauspiel, das einen, aus dem 31. Stock beobachtet, fasziniert und besser als manche Fernsehshow unterhält. Die Kinder werden nachts manchmal im dunklen Zimmer sitzen und begeistert dem Farbenspiel, dieser kleinen Zauberwelt, zuschauen.

Hebt man den Blick, sieht man weitere Häuser. Das ist ein anderer Aspekt des Industrieparks. Es gibt viele Wohnkomplexe, in denen hauptsächlich die hier Beschäftigten wohnen. Dies beginnt bei einfachen Wohnheimen für die Arbeiter, geht über sehr ordentliche Wohnungen in Hochhauskomplexen für die Angestellten und reicht bis zu Highend-Wohnungen oder ganzen Häusern in Wohnanlagen, sogenannten Compounds, für die reicheren Chinesen oder die Expats aus den verschiedenen Ländern. Die Mitarbeiter der Firmen im Industriepark werden ermutigt, Wohnungen dort zu kaufen. So wird ein Teil des Gehaltes von den Firmen in einen Fond im Industriepark einbezahlt, der für die Mitarbeiter nur wieder zugänglich ist, wenn sie sich eine Wohnung kaufen.

Von unserem Wohnzimmer aus blickt man hauptsächlich auf die Fabrikgebäude des Industrieparks, alle nicht älter als zehn Jahre und daher in gutem Zustand. Suzhou hat zwei Industriegebiete: Eines ist der „Suzhou Industrial Park“ (SIP), 290 Quadratkilometer groß, in dem wir leben, und das andere der „Suzhou New District“ (SND) mit ca. 270 Quadratkilometern. Die Fläche des SIP allein entspricht damit in etwa der Größe des gesamten Stadtgebiets von München. Dort leben und arbeiten eine ähnliche Anzahl von Menschen wie in Bayerns Hauptstadt, nämlich 1,2 Millionen. Über 20.000 Unternehmen sind hier angesiedelt, darunter rund 100 der 500 größten Unternehmen der Welt mit Fabriken oder Niederlassungen. Dazu zählen unter anderem Samsung, Motorola, Siemens und Foxconn, bei dem Apple die iPhones und iPads produzieren lässt. Die Wirtschaftsleistung entspricht in etwa der des Bundeslandes Bremen. Wohlgemerkt: Dies sind alles Zahlen allein für den SIP, nicht kombiniert mit SND oder für die gesamte Stadt Suzhou. ASUS hat in Suzhou ein Werk mit 40.000 Beschäftigten, (ich komme aus einer Stadt, die hat 35.000 Einwohner). 2005 kommt in etwa jeder zweite Laptop dieser Welt aus Suzhou. In dem Industriegebiet sind aber nicht nur Fabriken, sondern auch Schulen, Ausbildungsbereiche, Universitäten mit mehreren 10.000 Schülern und Studenten, Wohnungen, Häuser, Restaurants, Hotels, Parks. Dies alles sind Größenordnungen, die jemanden, der aus Deutschland kommt, fast sprachlos zurücklassen. Die Industrie ist nur ein Teilaspekt der Stadt Suzhou. Suzhou ist eine der ältesten Städte Chinas mit einer langen Geschichte, die im Stadtbild noch erhalten ist.

Aus unserem Schlafzimmerfenster erblicken wir den Jinji Hu, einen See mit einer Fläche von sieben Quadratkilometern, der ebenfalls im Industriepark liegt. An seinen Ufern finden sich weitere Wohncompounds, Gebäude, Restaurants, Geschäftsviertel und parkähnliche Anlagen. Dieser See erfährt im Laufe unserer drei Jahre in Suzhou einige Verwandlungen und wird, zugespitzt formuliert, zu einem überdimensionalen Gartenteich in einer extrem faszinierend gestalteten Umgebung mutieren. Jeglicher Ursprünglichkeit beraubt, ist die Natur so gestaltet, dass sie zusammen mit Bauten und Anlagen ein wunderschönes Ensemble ergibt. Es ist in China üblich, die Natur so zu zähmen und zu formen, dass ein harmonisches Gesamtbild entsteht. Das geht so weit, dass in Parks Vogelgezwitscher über Lautsprecher eingespielt wird, um fehlenden Vögel auszugleichen. So schön der Anblick dieser Naturarrangements oft ist, für mich als Naturliebhaber war die ungezähmte Natur eins der Dinge, die ich in China am meisten vermisst habe.

Eine weitere „Sehenswürdigkeit“, schaut man steil hinab aus unserem Schlafzimmerfenster, ist die tägliche, ungefähr 200 Meter lange Schlange vor dem Arbeitsamt des Industrieparks: Menschen, die lukrative Arbeit suchen.

Aus Lorenz' Zimmer schließlich sieht man das Gebäude der Stadtverwaltung, im klassizistischen Baustil errichtet, und den Park drumherum. Der Blick geht bis zum Stadtzentrum, das rund vier Kilometer entfernt liegt, und den dortigen Doppelpagoden. Bei guter Sicht ist sogar manchmal die Pagode des Tigerhills zu erkennen.

Wir richten uns ein wenig ein und fahren dann nach unten, um noch etwas essen zu gehen. Um das Haus herum gibt es eine ganze Reihe Restaurants. Chinas Küche steht ja in dem Ruf, dass jedes zweite Gericht irgendetwas mit Hund, Katze oder Schlange zu tun hat. Besonders beliebt sind die Geschichten mit den Affenhirnen, die aus Affenschädeln geschlürft werden. Weit gefehlt. Diese Dinge gibt es, doch sie stellen exotische Ausnahmen dar. Die Restaurants im SIP bieten die ganze Bandbreite nationaler und internationaler Gerichte. Am verbreitetsten sind die chinesischen Restaurants verschiedener Ausprägung (Shanghai, Sichuan, Kantonese style und viele mehr). Aber auch viele japanische, koreanische, westliche Restaurants und Fast-Food-Ketten haben sich niedergelassen, allen voran Kentucky Fried Chicken, das die Chinesen wesentlich tiefer in ihr Herz geschlossen haben als McDonalds. Nach drei Jahren China kann ich in meiner Ekelskala nur Schildkröte, Frosch und Qualle aufführen (Sie können trotzdem weiterlesen, es kommen andere interessante und erstaunliche Dinge aus China).

Wir wählen an unserem ersten Tag der Kinder wegen einen moderaten Einstieg und gehen in einem westlich geprägten Restaurant im Erdgeschoss unseres Hauses essen. Anschließend fallen wir müde ins Bett und schlafen mit Gedanken an unseren ersten Tag in China ein.

4. Der erste Ausflug

Wir haben unseren Einreisetermin nach China so gelegt, dass ich die Zeit mit einer Woche Urlaub beginne. Damit können wir alle vier gemeinsam einen Einstieg in das Land finden. Im Nachhinein gesehen eine gute Entscheidung, weil es das Ankommen gerade für die Kinder und Anne leichter macht.

Meine unternehmungslustige Frau hat den ersten Ausflug bereits geplant. Um neun Uhr sind wir unten auf dem Parkplatz und begrüßen Mr. Li, der bereits im Auto auf uns wartet.

„Wir wollen zum Tai Hu“, erklärt Anne. Das ist ein großer See mit einer Fläche von 2.250 Quadratkilometern (etwa viermal so groß wie der Bodensee) im Westen Suzhous, den wir in den nächsten drei Jahren zu den verschiedensten Anlässen besuchen werden.

„Wir wollen zur Kirschblüte an den See“, führt Anne weiter aus. „Wissen Sie, wo man den schönsten Ausblick darauf hat?“

„Ja“, antwortet Mr. Li. „Wir fahren nach Xishan, einer Insel im Tai Hu, auf der die Blüten besonders schön leuchten.“

Wir sind gerade erst angekommen, haben unsere Wohnung bezogen und schon geht es mitten hinein ins fremde China. Anne meint es ernst mit dem Erkunden des Landes.

Es ist März und etwas kühl. Wir fahren zunächst einmal quer durch Suzhou und anschließend über freies Land zum See. Die Straßen sind modern, gut ausgebaut und mehrspurig. Autos in gutem Zustand, aber auch jegliche anderen Arten von Fahrzeugen sind unterwegs. Sehr beliebt ist das motorisierte Dreirad mit Ladefläche und beladen ist es mal mit herkömmlichen Waren in Kartons (langweilig), mal mit Schrott (genauso langweilig), dann sitzt der Kompagnon auf der Ladefläche (zumindest das ist nicht aus Deutschland bekannt), jetzt eins mit Hühnern (schon ein bisschen interessanter), anschließend ein Dreirad mit Heu (drei Meter hoch, zweieinhalb breit, eigentlich ist von Fahrzeug und Fahrer nichts mehr zu sehen; quasi ein von Wunderhand gefahrener Heuballen) und als Krönung drei quiekende Schweine auf der Ladefläche (eindeutig der Gewinner des Tages in der Kategorie „am schönsten beladenes Dreirad dieses Ausflugs“). Um nicht weiter zu langweilen, lasse ich die Kategorien „Fußgänger mit Last“, „besondere LKW-Ladung“ oder „maximale Anzahl Passagiere auf einem Motorrad“ weg. Zu Letzterem bzw. zur Kategorie Beladung eines Motorrads sei nur so viel erwähnt, dass mein „all time winner“ ausnahmsweise nicht aus China kommt, sondern der Titel nach Tansania geht: Motorrad mit Fahrer, vordere Hälfte des Motorrads alles normal, hintere Hälfte war mit einem etwas schwülstigen, nicht zu dominanten, in Leopardenton gehaltenen, mit Holzrahmen versehenen, zweisitzigen Polstersofa beladen, das der stolze Besitzer gerade auf der Bundesstraße nach Hause fuhr. Das Sofa war quer über das Motorrad gespannt. Es handelte sich wohl um einen Gelegenheitskauf, denn auf dem Sofa saß bei Tempo 60 eine Frau, vermutlich die Gattin des Fahrers, und ließ sich den Wind um die Nase wehen. Natürlich wäre auch denkbar, dass eben diese Gattin den normalen Motorradsitz zu hart fand und sie nur bei dem beschriebenen Set up einem Ausflug mit ihrem Mann zustimmte. Oder hat dieser Fahrer gar das Motoradtaxi revolutioniert? Dies zu klären, blieb mir damals beim Überholen des Motorrads keine Zeit. Doch zurück nach Suzhou.

Die Fahrt zum Tai Hu an unserem zweiten Tag in China bringt uns also schon einige staunenswerte Erlebnisse. Der Unterschied zwischen den hochmodernen Hochhäusern in Suzhou Industrial Park und den aus Holzplatten zusammengezimmerten Hütten auf den Feldern Richtung Lake Tai Hu – nur 20 Minuten später – ist extrem. Wir fahren über eine große Brücke und durch kleine Dörfer. Wir können uns auf dieser Fahrt gar nicht sattsehen an den vielen neuen Eindrücken. Die Kinder kleben mit ihren Gesichtern an der Scheibe und rufen immer wieder: „Schau mal!“. Nun staunen wir über die Häuser mit schwarzen Schindeldächern und chinesischen Verzierungen in den Dörfern. Die fremdartigen Menschen, meist in einfacher Kleidung und mit fröhlichen Gesichtern, sitzen draußen und essen, reden, spielen Karten und Mah-Jongg, die Fischer auf den kleinen Booten, Reusen, die überall im See verteilt sind, die blühenden Bäume. Egal, wohin das Auge blickt, es erfasst etwas Neues, Interessantes, noch nie Gesehenes. Einfach schön. Nach einer Stunde erreichen wir unser Ziel Xishan und den dortigen Parkplatz unterhalb einer Pagode.

Wie meistens in China ist man nicht der einzige, der einen Ausflug macht. Bei drei Millionen in Suzhou lebenden Menschen und dem Bekanntheitsgrad der blühenden Bäume ist dies nicht wirklich verwunderlich. Es sind viele andere Menschen hier an der berühmten Pagode auf der Tai-Hu-Insel, und da die beliebtesten Tätigkeiten der Chinesen Essen und Einkaufen sind, gibt es genügend Stände, die diese Vorlieben befriedigen können. Besonders beliebt sind dort westliche Touristen. Darauf stürzen sich die Händler wie Löwen auf eine besonders fette Beute. Da ist, so die Einschätzung der Händler, mindestens nochmal ein Zuschlag von hundert Prozent zum normalen chinesischen Kunden zu erzielen. Dass sie mit Anne auf ein Naturtalent des Straßenhandels stoßen, auf Champions-League-Niveau, wird ihnen meist erst dann klar, wenn es schon zu spät ist. Als Faustregel beim Verhandeln gilt übrigens: Freundliche Verabschiedung des Händlers mit Lachen, guten Wünschen und der Aufforderung, wiederzukommen: schlecht verhandelt. Überreichung der Ware mit neutralem Gesicht und ein „Zaijiain“ („Auf Wiedersehen“) zum Abschied: mittelgut verhandelt. Die Ware wird einem zur Übergabe mehr oder weniger vor die Füße geschmissen, das Gesicht des Verkäufers wirkt etwas entgleist, unverständliche Worte werden ausgespuckt und es wird gar nicht mehr gegrüßt zum Abschied: gut verhandelt. Wir wurden meist vom Händler nach dem Handel nicht mehr gegrüßt.

Typisch sind Stände auf Rädern speziell für Speis und Trank. Auf einem Dreirad ist die Garküche integriert mit dem Kochkessel oder Wok auf der Ladefläche, das Geschirr ist irgendwo aufgestapelt und hinter dem Wagen werden die Schalen und die Stäbchen abgewaschen. Zugegebenermaßen haben wir uns in China selten getraut, von diesen mobilen Garküchen zu essen (in Südostasien später war dies anders), aus Angst, dass man sich durch mit verunreinigtem Wasser (z.B. aus der Leitung) abgewaschenen Schalen und Stäbchen, irgendeine Art von Keimen oder Bakterien einhandelt. Wir waren vor dem Verzehr solcher Speisen aus diesem Grund mehrfach gewarnt worden. Da wir uns an die Warnung hielten, kann man im Nachhinein nicht mehr sagen, ob zu Recht oder zu Unrecht.

Und dann können wir gleich am Anfang unseres Chinaaufenthalts mit einem Kapitel aus dem interkulturellen Seminar abschließen und es als Vorurteil abtun. Gemeint ist das sogenannte „Verlieren des Gesichtes“. Selbstverständlich sind alle Asiaten und Chinesen bemüht, Auseinandersetzungen möglichst harmonisch ablaufen zu lassen. Das Direkte, das „Geradeheraus“, das wir in Deutschland gelehrt bekommen, ist in China nicht sehr angesagt. Es wird lieber mal die Unwahrheit gesprochen, um einer Konfrontation aus dem Weg zu gehen, in der Hoffnung, dass es keine Unwahrheit mehr ist, wenn der beschriebene Zustand wirklich eintritt, weil sich die Dinge geändert haben. Oder es fällt einem noch eine Ausrede ein, die die Schwindelei deutlich abmildert. Harmonie wird angestrebt. Uns wurde im interkulturellen Seminar beigebracht: „Immer beherrscht sein, niemals rumschreien. Sonst verliert man sein Gesicht.“ Und schon am zweiten Tag dürfen wir Zeugen eines vermeintlichen Gesichtsverlusts (oder eben nicht) zwischen Chinesen werden. Auf dem Markt brüllen sich zwei Männer gegenseitig an, wobei es vermutlich um einen Handel geht, bei dem sich der eine betrogen fühlt. Wir durften in unseren drei Jahren China so oft Zeuge von diesen heißen Disputen werden, dass wir die Sorge um einen möglichen „Gesichtsverlust“ weit hinten in unserer Skala einreihten.

Nicht zu verwechseln ist übrigens das laute Gestreite mit einer sehr Dezibel starken und pointierten Sprechweise mancher Chinesen. Viele würde es als Schreien bezeichnen, für die Menschen hier ist es einfach eine deutliche Aussprache. Die chinesische Sprache als Tonsprache mit ihren vier unterschiedlichen Betonungen scheint dies zu unterstützen. Dabei kenne ich in Deutschland auch Leute, deren Stimmen, über einen gewissen Zeitraum als Folter eingesetzt, sicher manches Geständnis herauspressen würden.

Die Kirschbäume blühen überall auf der Insel in schönster Pracht mit leuchtenden weißen und rosafarbenen Blüten. Sie wachsen an Hängen, und wenn man nach oben geht, hat man einen wunderbaren Blick auf den See und das Blütenmeer. Wir wandern mit den Kindern zwischen den Bäumen, und zum Abschluss zur Pagode und zum Tempel.

Wir klettern den Weg hinauf. Ähnlich wie bei uns im Christentum die Kirchen, sind Pagoden und Tempel gerne auf einem Berg gebaut. Zum einen hat man von dort eine „göttliche“ Aussicht, zum anderen muss man sich den Weg zu Gott „erarbeiten“, und je höher der Berg (in unserem Fall nicht besonders hoch), umso größer die Demut, wenn man oben ankommt. Wie meistens in China, wenn es bergaufgeht, steigt man Treppen. Da der Weg zu einem Heiligtum führt, sind es natürlich besonders schöne Treppen. Der Weg wird gesäumt von 30 Zentimeter hohen Steinen, grünen kleinen Bäumen und Büschen mit weißen und roten Blüten. Ungefähr 400 Meter sind es nach oben. Dass es sich um ein Heiligtum handelt, heißt nicht, dass die Chinesen nicht kommerziell tätig werden. Im Gegenteil. Den vom Anstieg erschöpften Wanderer erwarten Erfrischungsgetränke, Eis, kleine Snacks. Und sollte es dem Gläubigen unten am Hügel möglich gewesen sein, diversen Schnickschnack, kleine Buddhastatuen oder Ketten zu verpassen, so wird ihm direkt am Eingang zur Pagode aus seiner Not geholfen. Glauben und Kommerz gehen in China wunderbar zusammen. Zu Chinese New Year wird Geld geschenkt und sich nicht der Kopf über Geschenke zerbrochen, die meist eh keiner haben will und die im besten Fall umgetauscht werden. Zum Neujahr wünscht man sich kein „gesundes frohes Neues Jahr“, sondern ein „prosperous new year“, also ein finanziell erfolgreiches neues Jahr.