DSA 100: Über den Dächern Gareths - Stefan Schweikert - E-Book
Beschreibung

Mehr schlecht als recht haust die Diebin Liasanya in den Gassen Gareths. Da ändert ein lukrativer Auftrag alles. Sie stiehlt für den exiltobrischen Händler Halbart Jalson eine Schatulle mit unbekanntem Inhalt. Jalson verliebt sich in die Diebin und bittet sie, zu bleiben. Für Liasanya und ihre Freunde beginnt ein besseres Leben. Doch das Glück ist von kurzer Dauer. Halbart Jalson wird bestialisch ermordet, und Liasanya gerät in den Mittelpunkt der Ermittlungen. Als ihr magisches Talent offenbar wird, ist sie nicht nur verdächtig, eine Mörderin, sondern auch eine Paktiererin zu sein. Sie muss fliehen. Und setzt alles aufs Spiel, um den wahren Mörder zu finden.

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Seitenzahl:416

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Sammlungen



Biografie

Stefan Schweikert, Jahrgang 1965, lebt in Heidenheim auf der Schwäbischen Alb. Im ‘Brotberuf’ Elektroniker, von Berufung Musiker. Keyboarder und Komponist in verschiedenen Rockbands.

Erster Besuch in Aventurien mit derNordlandtrilogieauf dem PC. Danach wollte er wissen, wer Borbarad ist und setzte die Reisen durch diverse Regel-, Abenteuer- und Regionalbände, sowie fast alle Romane, fort. Er schreibt seit 2001, veröffentlichte einige Kurzgeschichten, darunter Beiträge für die DSA-AnthologienAufruhr in AventurienundUnter Aves Schwingen.Über den Dächern Garethsist sein erster Roman.

Weitere Infos unterwww.stefanschweikert.de

Titel

Stefan Schweikert

Über den Dächern Gareths

Ein Roman in der Welt von Das Schwarze Auge©

Originalausgabe

Impressum

Ulisses Spiele Band 11026PDF

Titelbild: Arndt Drechsler Aventurienkarte: Ralph Hlawatsch

Lektorat: Catherine Beck Umschlaggestaltung: Ralf Berszuck E-Book-Gestaltung: Michael Mingers

Copyright ©2012 by Ulisses Spiele GmbH, Waldems. DAS SCHWARZE AUGE, AVENTURIEN und DERE sind eingetragene Marken. Alle Rechte von Ulisses Spiele GmbH vorbehalten.

Danksagung

Auch wenn nur ein Name auf dem Buchrücken steht, so sind doch unzählige am Entstehen einer Geschichte beteiligt. Hier bei Goethe, Gutenberg oder den Gebrüdern Grimm anzufangen, wäre übertrieben. Auch eine Nennung all jener Autoren, deren Geschichten ich verschlungen habe, werde ich mir versagen. Aber Aventurien wird durch die Kreativität unzähliger Spieler und Autoren mit Leben erfüllt. Ein Teil ihrer Fantasie steckt auch in diesem Buch. Ich hoffe, Ihr findet sie dort gut aufgehoben.

Ein besonderer Dank geht an Alex Wichert für Tipps und Ermutigung ganz am Anfang, an Sigrid Wohlgemut für unschätzbare Hilfe bei Exposé und Leseprobe, und natürlich an Catherine Beck und alle bei FanPro für die Chance und die tolle Zusammen­arbeit.

Und dann sind da jene, die das Entstehen dieses Buches neugierig und aufbauend begleiteten. Erheben wir das Glas auf die Freundschaft: Manne, Nobbe, Carsten, Jochen, Siggi, Eugen, Steve,Sylvi(Ich hoffe, ich darf bald dein Buch lesen!) und ganz besonders Franziska Kilga und Martin Freudenmann: Ihr habt die ersten Kapitel gelesen und wolltet wissen, wie die Geschichte weiter geht. Jetzt dürft ihr es.

Stefan Schweikert – Dezember 2007

Prolog – Lieferung

Laternenlicht tanzte unter uralten Bäumen. Das Quietschen einer Radnabe war zu hören, und wenn der Planwagen über eine Wurzel polterte, flappten die Verdeckplanen wie riesige lederne Flügel.

Schweißtropfen perlten auf der Stirn des Kutschers. Er versuchte, ein Lied zu pfeifen. Doch das Echo, das er aus der Dunkelheit zu hören glaubte, ließ ihn gleich wieder verstummen.

Der Vogel singt noch im Rachen der Katze ...

Wie er diese Aufträge hasste! Dies war das letzte Mal, nahm er sich vor. Nacht für Nacht unterwegs auf abgelegenen Straßen. Immer darauf bedacht, nicht einer der zahllosen Patrouillen in die Arme zu fahren. Keine Rast in einem gemütlichen Gasthaus, die trockene Kehle gespült mit frischem Bier, vielleicht die Gesellschaft einer drallen Schankmagd. Doch so sehr er diese Arbeit hasste, so lukrativ war sie; ein Kutscher verdiente mit ehrlicher Arbeit nur einen Bruchteil von dem, was er bekam.

Der Wald öffnete sich, ein paar Fackeln erhellten die Lichtung. Der Kutscher brachte seinen Wagen zum Stehen und stieg ab.

Eine Gestalt in dunklem Umhang trat näher, das Gesicht verdeckt von einer tief ins Gesicht gezogenen Kapuze. »Die Papiere«, knurrte sie.

»Ja. Sofort«, antwortete der Kutscher, kramte in seinen Taschen und brachte ein versiegeltes Pergament zum Vorschein.

Der Vermummte brach das Siegel, entfaltete das Blatt und überflog kurz den Inhalt. »Mm, ja ...«

Ein Rascheln unter den Bäumen. Der Kutscher zuckte zusammen. Am Waldrand weitere Gestalten, immer bedacht, dem Licht der Fackel nicht zu nahe zu kommen.

Ein weiteres Mal schwor sich der Kutscher: Dies war seine letzte Fuhre.

»Interessant«, murmelte der Vermummte.

Für einen Augenblick glaubte der Wagenlenker unter der dunklen Kapuze ein Lächeln zu erkennen.

»Äh, alles in Ordnung? Soll ich mit dem Abladen beginnen?«, fragte er.

Sein Gegenüber schwieg eine Weile. »Nein. Diesmal nicht«, antwortete er bedächtig. »Der Wagen gehört zur Lieferung.«

»Wa... was? Davon hat mir keiner etwas gesagt.«

»Ach?« Die Stimme klang amüsiert.

»Dann ... dann spanne ich die Pferde aus.«

»Nicht nötig. Sie gehören dazu.«

»Aber, wie ... wie komm ich zurück?«

Die Ahnung kroch eisig seinen Nacken empor.

»Nicht nötig«, knurrte der Vermummte; der Hohn war nicht mehr zu überhören. »Du gehörst dies Mal auch zur Lieferung.«

Erstes Kapitel

Gareth / Meilersgrund – Im Peraine

»Mist!«, zischte Liasanya durch die zusammengebissenen Zähne. »Verdammter Mist!«

Die junge Frau stürzte zur Tür hinaus, spähte in alle Richtungen. Der Hinterhof lag dunkel und verlassen da. Sie setzte zu einem Spurt an, sprang dann zurück in den Türrahmen und flüsterte: »Brin! Wo bleibst du denn?«

Der Junge stand wie versteinert im Flur.

»Komm jetzt! Mach schon!«, sagte sie.

Brin rührte sich nicht, sein Blick klebte an der Tür zu seiner Linken. Heiseres Bellen drang aus dem dahinter liegenden Zimmer. Liasanya packte den Jungen am Handgelenk, spürte den kalten Schweiß auf seiner Haut und zog ihn zum Ausgang.

»Brin, verdammt! Komm schon!«

»Li! Hunde!«, war alles, was er hervorbrachte.

Aus dem oberen Stockwerk war ein Poltern zu hören, jemand riss eine Tür auf, dann dröhnten Schritte die Stufen herunter. »Wer ist da?«, rief eine Männerstimme.

»Mach schon, der ist gleich unten!«, rief Liasanya und zerrte Brin über die Schwelle.

Der Junge stolperte die Stufen hinab auf den Hof, und endlich fiel die Erstarrung von ihm ab. Er rannte los, und Liasanya folgte.

»Na wartet! Euch krieg ich!«, hörten sie die Stimme hinter sich.

Die beiden hatten das Ende des Hofes erreicht, da wurde das Bellen der Hunde entsetzlich laut und nah.

Liasanya schwang sich eine Bretterwand hoch, reichte Brin die Hand und half ihm. »Sie werden gleich hier sein«, keuchte sie und ließ sich auf der anderen Seite hinabfallen. Brin folgte ihr.

Sie rannten durch eine schmale Gasse. Häuser lehnten sich müde aneinander und glotzten mit ihren schmalen, glaslosen Fenstern auf die Dahineilenden. Düstere Durchgänge öffneten sich zu kleinen Hinterhöfen und Plätzen, ungepflastert und übersät mit Unrat.

Das Hundegebell hinter ihnen hielt stetig an, sie bückten sich, krochen durch ein Loch im Zaun und gelangten in einen weiteren Hof. Am anderen Ende begrenzte ihn eine vier Schritt hohe Steinmauer. Kisten waren daran aufgeschichtet. Liasanya kletterte an ihnen hoch, sprang und zog sich auf die Mauer. Schnaufend blieb sie liegen. »Die Kisten! Stoß sie um!«, rief sie Brin zu, als er ihr folgte.

Der Junge bekam die Kante der Mauer zu fassen, trat nach hinten aus und traf die oberste Kiste. Krachend stürzte der Haufen zusammen. Brin rutschte ab und baumelte an der Mauerkante. Liasanya packte seinen Unterarm.

Plötzlich war der Hof erfüllt von wildem Gebell.

»Da sind sie! Diebespack! Wenn wir mit euch fertig sind, werdet ihr keine anständigen Bürger mehr bestehlen!« Den beiden Kötern und ihrem Besitzer hatten sich inzwischen drei Männer angeschlossen.

Brin begann mit den Beinen zu zappeln.

»Verdammt! Ich kann dich kaum halten! Versuch dich mit den Füßen abzustützen«, schnaufte das Mädchen und zerrte an seinem Arm.

Brin heulte auf, als seine Zehen gegen die Steine schlugen, doch endlich fand er einen Tritt, und Liasanya zog ihn hoch. Die Mauer war einen halben Schritt breit, und die beiden balancierten geduckt davon.

»Na wartet! Wir kriegen euch!«, hörten sie ihre Verfolger rufen.

Im Schatten modriger Walmdächer und schiefer Kamine eilten sie davon. Nach zweihundert Schritt war die Mauer zu Ende.

»Komm! Hier hinunter.« Liasanya ließ sich in einen Müllhaufen fallen und scheuchte ein paar Ratten auf. »Wir sind noch nicht in Sicherheit. Die Köter können unsere Spur jederzeit wieder aufnehmen.«

Die Gasse war knöcheltief mit Unrat bedeckt und so eng, sie mussten hintereinander laufen. Über ihnen berührten sich manche der hoch aufragenden Giebel, zwischen den Fenstern spannten sich Leinen und lagen – leider unerreichbar – Bretter und Bohlen.

Liasanya trat auf etwas Weiches. Ein Schmerzensschrei und böses Zischen war zu hören. Jemand schlug nach ihren Beinen, und es stank nach Schnaps. Aus dem Müll zappelten ein paar Arme und Beine. Liasanya ignorierte die Gestalt und zog Brin hinter sich her. Es folgte wütendes Brüllen; auch Brin hatte nicht hingesehen.

Die Gasse mündete in einer breiten Straße. Die beiden Diebe rannten durch die Straße, vorbei an Menschen, die sich in Hauseingängen und unter Dachvorsprüngen zusammenkauerten. Wieder bogen sie ab. Nach wenigen Schritten stellten sie fest, dass sie in eine Sackgasse gelaufen waren. Und gleich darauf hörten sie – noch leise – erneut Hundegebell.

»Verdammt! Wir müssen endlich von der Straße verschwinden«, sagte Liasanya. Ihr Blick glitt die Gasse hinab, zurück zur Straße, verharrte dann auf der Mauer neben ihr. Diese gehörte zu einem alten Lagerhaus. Gut zwei Schritt außerhalb der Reichweite ihrer Arme war eine Verschlagtür, darüber ein verrosteter Ladekran.

Kurz zögerte sie, dann stieß sie Brin gegen die Hauswand und sagte: »Los! Hilf mir hoch!«

Brin machte eine Räuberleiter, und Liasanya kletterte auf seine Schultern. Sie bekam den Griff der Verschlagtür zu fassen und zerrte daran. Nichts! Die Tür war entweder verschlossen oder von innen verriegelt. Liasanya zog sich an dem Ladekran weiter nach oben und baumelte vor der Verschlagtür. Sie konzentrierte sich, ihre Hand glitt über das Holz.

»Was ist los?« Brin hüpfte nervös auf und ab, während er zu ihr hochschaute.

»Psst!«

Ein leises Klicken war zu hören. Wieder packte sie den Griff, und mit einem widerspenstigen Knarren öffnete sich der Verschlag. Lia­sanya schwang sich hinein, ließ sich auf den staubigen Dachboden fallen. Sie drehte sich auf den Bauch, rutschte zurück zur Tür. Ihre Füße fanden Halt in den löchrigen Brettern, während sie sich, den Kopf voran, bis zu den Hüften aus der Luke hängen ließ.

»Los!«, rief sie.

»Aber wie?«

»Spring!«

Brin sprang, bekam ihre Hände zu fassen und baumelte in der Luft. »Wie soll ich ...«

»Schnell! Du bist zu schwer! Klettere an mir hoch!«, keuchte sie.

Es schien ihr die Glieder aus den Gelenken zu reißen. Wie an einem Seil zog er sich an ihrem rechten Arm hoch, dann versuchte er den Türrahmen zu fassen, rutschte ab. Mit einem Stöhnen bekam Brin ihren Bauch zu fassen und kletterte, an sie gepresst, weiter. Seine Finger erreichten den Türstock. Er zog sich hoch und stieß mit den zappelnden Beinen ihren Kopf gegen die Wand.

»Au! Pass doch auf!« Tränen schossen ihr in die Augen.

Endlich schaffte es Brin, sich auf den Boden zu ziehen.

»Hilf mir!«, stöhnte Liasanya.

Brin packte sie an den Waden und zog. Ihr Kleid rutschte hoch, die rauen Bohlen schürften ihre Haut an Schenkeln und Bauch auf. Dann rollte sie herum, zog die Tür zu und lehnte sich keuchend dagegen.

Sie lauschte.

Das Hundegebell wurde lauter. Stimmen! Die Meute verharrte kurz im Zugang zur Gasse ...

»Phex hilf ...«, murmelte das Mädchen tonlos.

... und eilte weiter.

Die Zeit kroch dahin.

Draußen herrschte Stille.

Kein Hundegebell.

Liasanya zog die Nase hoch und spuckte Blut aus. Ihr war übel, denn der kleine Trick mit dem Schloss kostete Kraft. Trotzdem konnte sie ein Kichern nicht unterdrücken: Mit dieser Nummer konnten sie auf jedem Jahrmarkt auftreten.

Sie schaute sich um: Bis auf ein wenig Gerümpel war der Boden leer, Dämmerlicht schien durch die Löcher im Schindeldach.Das ist gut,dachte sie,dort können wir hindurch und weiter.

Brin kauerte in einer Ecke, ein staubiger Lichtstrahl fiel auf sein fleckig gerötetes Gesicht. Er weinte lautlos.

Liasanya band den braunen Haarschopf mit einem bunten Stoffband zusammen und ging zu Brin hinüber. Doch ihr war nicht nach Trösten zumute. »Idiot!«, zischte sie.

Der Junge schluchzte.

»Brin! Brin! Womit hast du nur diesen Namen verdient?«, sagte sie und dachte an den heldenhaften – jetzt heldenhaft toten – Reichsbehüter.

»Curthan hat gesagt, kein Mensch sei im Laden. Er hat nichts von den Hunden erzählt«, sagte Brin.

»Curthan ist auch ein Idiot!« Sie ließ sich vor ihm auf die Knie fallen und trommelte mit den Fäusten gegen seine Brust. »Er sollte sich nicht mit Dingen befassen, von denen er nichts versteht. Und du solltest dich nicht auf ihn verlassen. Das nächste Mal kümmerst du dich besser selbst darum, wo du reingehst. Sonst ist es dein letztes Geschäft. Denk an Fiana! Denk daran, wie es deiner Schwester erging!«

Das hätte ich jetzt nicht sagen sollen,reute es sie sofort. Brins Unterlippe zitterte, mit traurigen Augen starrte er sie an. »Li, es tut mir leid«, wiederholte er. »Und Fiana ... Ich muss Fiana doch helfen.«

Liasanyas Zorn verschwand so schnell, wie er gekommen war. Sie setzte sich neben den Jungen und legte ihren Kopf an seine Schulter.

Er wird nie ein guter Dieb werden,dachte sie.Zu tapsig und ungeschickt. Und zu vertrauensselig! Er ist hübsch. Groß und schlank, lange, blonde Haare, keck leuchtende blaue Augen. Die nächsten Jahre hätte er vielleicht noch eine Chance als ... nun, es gibt genügend Leute in Gareth, die für hübsche Jungen gutes Geld bezahlten ... doch später? Was wird aus ihm?

Sie sprang auf, nahm seine Hand und versuchte vergeblich, ihn hoch zu ziehen. Obwohl Brin mit seinen vierzehn Götterläufen gut fünf Jahre jünger als Liasanya war, überragte er sie schon um mehr als einen Kopf. Doch das war eigentlich keine Kunst, denn die Diebin maß keine acht Spann; auch sonst war sie schmal, fast dürr: Gardemaß für kleine Fenster, dichte Menschenmengen und enge Gassen. Zusammen mit ihren anderen Talenten war da die Berufswahl für ein Kind Meilersgrunds nicht schwer gewesen.

»Komm, wir müssen weiter«, sagte sie und kroch durch eines der Löcher im Schindeldach. Hier kannte sie sich aus. Die Dächer Meilersgrunds und des Südquartiers waren ihr Zuhause. Vielleicht sogar mehr als das, was sie an ihrem Ziel erwartete.

Brin folgte ihr von Dach zu Dach. Die Praiosscheibe blinzelte gerade über die Giebel der Stadt, da erreichen sie ihr Ziel. Als hätte der himmlische Richter erstaunlich gnädig gewartet, bis die Phexenkinder in ihren Löchern verschwanden. Vor ihnen führte eine Dachluke in die Eingeweide eines dreistöckigen Hauses. Liasanya öffnete sie, wandte sich noch einmal gen Rahja, ihre dunklen Augen blinzelten in die Röte des Sonnenaufgangs. Dann schubste sie Brin durch die Luke und folgte ihm.

In einer Ecke des Dachbodens, hinter einem an die Dachbalken geknotet, fadenscheinigen Vorhang, lagen ein paar mit Stroh gefüllte Säcke. Liasanya kniete darauf und zog den Vorhang zu. Brin wartete in gemessenem Abstand, wie Liasanya zufrieden feststellte. So schlicht, gar armselig das Lager war, es war ihres und sie verteidigte es eifersüchtig. Sie schob die wurmstichige Kiste, in der sie ihre Habseligkeiten verstaute, beiseite und löste eine lockere Diele. Darunter verschwanden die wertvollen Dietriche. Dann ging sie zurück zu Brin.

Sie stiegen die knarrende Treppe hinab und durchquerten einen schmalen Flur. Ausgetretene Holzstufen führten weiter in den ersten Stock. Es roch nach Schweiß und Schnaps. Der Flur vollgestopft mit Gerümpel und ausrangierten Möbeln, links und rechts Türen, am Ende ein Fenster, das kurzsichtig das Nebenhaus anstarrte. An der vorletzten Tür lauschte Liasanya: Männerschnarchen. Sie schüttelte den Kopf und wies Brin zu einer Ecke unter dem Fenster.

»Fiana hat einen Gast?« Brin sprach das letzte Wort aus, wie andere Leute Ratte oder Abschaum.

Liasanya nickte.

Es war kalt und zugig. Sie kauerten sich auf den Boden, die Arme umeinander gelegt, und schlossen die Augen.

***

Die beiden konnten nicht lange geschlafen haben, da weckte sie Türenschlagen und Geschrei.

»Nichts da. Du hast mehr bekommen, als du wert bist!«, rief eine raue Männerstimme.

Liasanya fuhr auf.

Die Tür, an der sie gelauscht hatte, stand offen. Ein Mann in speckiger Soldatenuniform schwankte in den Flur.

»Es war mehr ausgemacht!«, antwortete eine Frauenstimme aus dem Zimmer.

»Du hast mir aber nicht mehr geboten!«, lachte der Soldat auf.

Er wandte sich zum Gehen. »Sei froh, dass du überhaupt etwas bekommst. Du Krüppel!«

Die Frau schrie auf und trat ebenfalls in den Flur. Ihr blondes Haar leuchtete. Ein schlanker, wohl geformter Leib war unter dem dünnen weißen Kleid zu sehen. Doch ihre Haut war bleich, fast durchsichtig, und um die großen blauen Augen lagen dunkle Ringe. Sie stützte sich müde mit der linken Hand am Türrahmen ab. Dort wo die Rechte hätte sein sollen, endete der Arm in einem bläulichen, narbigen Stumpf.

»Du mieser Schlappschwanz. Du bringst doch selbst nichts zustande«, rief die junge Frau ihrem Freier nach.

Der Soldat drehte sich um und zog ein Messer.

Liasanya stand auf, wich zurück in den Schatten und gebot Brin, der sich ebenfalls erheben wollte, ruhig zu bleiben.

»Du billige Metze«, rief der Soldat. »Jetzt schlitz’ ich dich auf. Von da unten – bis zu deinem vorlauten Maul!«

Er kam näher.

»Das würde ich mir zweimal überlegen. Sonst kaust du an deinem besten Stück.« Liasanya war ungesehen hinter ihn getreten, ihr schlanker Dolch glitt langsam von seiner Kehle über Brustkorb und Bauch, verharrte dann zwischen seinen Beinen.

Der Soldat fuhr zusammen, wollte sich zu Liasanya umdrehen, doch der Druck des kalten Stahls ließ ihn erstarren.

»Fiana! Was war ausgemacht?«, fragte Liasanya.

»Äh ...« Ein Glucksen kam aus der Kehle des Soldaten.

Liasanya legte den freien Arm um ihn, glitt – fast zärtlich – über seine Brust zur Hüfte. Plötzlich hatte sie einen Beutel in der Hand.

»Äh, mein ...«

»Hier!«, rief Liasanya und warf Fiana den Beutel zu.

Diese fing ihn geschickt mit der linken Hand.

»He!«, rief der Soldat, schielte dann besorgt nach unten und schwieg.

»Hab keine Angst«, spottete Liasanya. »Wir werden niemanden bestehlen! Fiana nimmt nur, was ihr zusteht – und noch einen kleinen Obolus für meine Mühen. Wir sind ein ehrliches Haus.«

Fiana presste den Beutel mit dem Armstumpf an die Brust, öffnete ihn und nahm ein paar Münzen heraus. Dann warf sie ihn Liasanya zurück.

Diese stopfte den zurückerhaltenen Beutel dem Soldaten in die Tasche, stieße ihn Richtung Treppe und rief: »Beehren Sie uns recht bald wieder!«

»Na warte! Wenn ... wenn ich ... na warte!«, brüllte der Soldat. Befreit von der Gefahr um sein bestes Stück, wurde er mutiger und ging auf die Mädchen zu.

In diesen Augenblick wurde eine weitere Tür aufgerissen, und ein knochiger kleiner Mann trat in den Flur, in der Hand einen Prügel. Sein Kopf ruckte umher, die Adlernase durchpflügte die Luft. »Was ist hier los?«, schimpfte er.

Hinter ihm erschienen zwei Mädchen, die vom Alter her seine Töchter, gar Enkelinnen sein konnten.

»Auch schon wach?«, grinste Liasanya und steckte das Messer weg.

»Hallo Li«, murmelte der Mann. Seine Miene erhellte sich. »Auch mal wieder im Lande?«

Er zupfte vergeblich seine von einem schmalen Haarkranz auf die Schultern hinabhängenden grauen Strähnen zurecht.

»Ja, Curthan«, sagte sie schlicht.

»In dieser Bruchbude wird man bestohlen!«, mischte sich der Soldat ein.

Curthan betrachtete ihn, dann Fiana und Liasanya. »Hat er bezahlt?«

Fiana nickte.

»Dann hau ab!«, rief er dem Soldaten zu.

Der starrte ungläubig zurück.

»Na, mach schon«, wiederholte Curthan und hob den Prügel.

Der Soldat stolperte rückwärts die Treppe hinunter.

»Was machst du mit meinen Kunden?«, knurrte Curthan Fiana an, als der Soldat verschwunden war.

»Deine Kunden? Hastduihm den Hintern hingehalten?«, erwiderte stattdessen Liasanya.

Mit einem Schnauben gab sich der Alte zufrieden, denn er hatte Brin entdeckt, der immer noch in der Ecke kauerte. »Was macht der Nichtsnutz schon wieder hier? Hast du wenigstens, was ich wollte?«

Brin schluckte, dann öffnete er den Mund, doch kein Ton kam heraus.

Wieder ergriff Liasanya das Wort: »Sag mal, bist du wahnsinnig? Wir sind fast gefressen worden.«

»Ihr? Du hilfst diesem kleinen Schisser auch noch? Er lungert hier herum und vertreibt mir die Gäste. Wenn du nicht wärst, hätte ich ihn längst auf die Straße gesetzt. Und die da gleich mit.« Er ruckte mit dem Kopf zu Fiana, dann zurück zu Brin: »Also, was ist?«

Liasanya blieb hartnäckig: »Keiner im Laden? Ha! Außer zwei riesigen Kötern! Wenn Brin für dieses Rattenloch bezahlen soll, dann gib ihm wenigstens eine Arbeit, bei der er nicht in Fetzen gerissen wird.«

»Bei mir arbeiten keine Burschen, das weißt du«, erwiderte Curthan. Dann trat er näher an Liasanya heran, strich ihr über Haar und Wange. »Aber du. Du weißt, ich habe immer ein Zimmer frei für dich. Deine Mutter hatte es gut bei mir.«

Liasanya blieb stocksteif stehen, duldete aber die Berührung. »Nein danke«, sagte sie. »Außerdem bin ich dir doch zu alt, oder?« Sie wies mit einem Nicken auf beide Mädchen in seinem Zimmer.

Er lachte. »Bei dir mach ich eine Ausnahme. Hast dich gut gehalten.« Er fasste sie an den Hüften und zog sie an sich.

»Nein, danke«, sagte sie und entwand sich ihm.

»Nein danke! Nein danke! Das sagst du immer.«

»Du könntest mein Vater sein.«

»Das können andere auch. Deine Mutter war tüchtig. Die Chance steht eins zu tausend. – Und wenn schon!« Kurz schien er zu überlegen. »Wenn ich dein Vater sein könnte, dann behandle mich mit mehr Respekt!«, fügte er hinzu und brach in Gelächter aus.

Liasanya wartete, die Hände in die Hüften gestützt, und schaute ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an.

Curthan räusperte sich und sagte: »Gut! Jetzt ist aber Ruhe, die Nacht war kurz.« Er ging zurück in das Zimmer und schloss die Tür hinter sich.

Liasanya starrte ihm nach. »Ja, die Nacht war kurz«, murmelte sie. »Besonders für uns, du hast gut reden.«

Sie folgte Brin und Fiana in deren Kammer. Die Morgensonne fiel durch einen Fensterschlitz. Mangels anderer Sitzgelegenheiten setzten sich alle drei aufs Bett.

»Fiana, wie geht es dir?«, fragte Liasanya.

Die Angesprochene schaute Liasanya kurz an, zuckte mir den Schultern und senkte den Kopf.

Liasanya kramte in ihren Taschen und brachte ein paar Kupfermünzen zum Vorschein. »Brin, geh und hol uns was zu Essen.« Sie warf ihm die Münzen zu.

Er schaute sie fragend an.

»Frauengespräche«, sagte Liasanya.

Der Junge erhob sich müde.

»Und lass dich nicht fressen«, rief sie ihm nach.

Nachdem die Tür zugefallen war, wandte sich Liasanya wieder ihrer Freundin zu. »Was ist?«

Wieder hob Fiana die Schultern, dann seufzte sie: »Er sagt, er schmeißt mich raus, wenn ich mein Geld nicht einbringe. Es läuft nicht gut, und ich habe die Sache satt. Wenn wir nur zusammen losziehen könnten, wie früher!« Sie hob den vernarbten Armstumpf. »Aber so bin ich nutzlos. Ich fühle mich – ach, ich weiß auch nicht.«

Liasanya ließ sich auf dem Bett zurückfallen und starrte an die Decke.

Fiana fuhr fort: »Ich hab Fieber, und mir ist schlecht. Wenn ich krank werde, schmeißt er mich ganz sicher raus.«

»Wir werden das Geld bekommen, wir beide haben es immer geschafft«, versprach die Diebin. »Und wenn ich dafür mit Curthan ...«

»Li! Bitte sag das nicht. Es reicht, dass er mich hat. Und du hast es selbst gesagt: Er könnte dein Vater sein, nicht nur vom Alter her.«

Liasanya schwieg und lächelte traurig. Fiana hatte recht: Ihre Mutter hatte für Curthan gearbeitet, und sie war hier geboren. Als die Mutter starb, war Liasanya gerade vier Jahre alt. Doch sie hatte bleiben können, bei Curthan und seinen Mädchen, bis sie alt genug war, um auf der Straße für sich selbst zu sorgen. Ob aus Mitgefühl – eine Regung, die sie Curthan eigentlich nicht zutraute – oder weil er tatsächlich vermutete, ihr Vater zu sein, wusste Liasanya nicht. Zumindest hinderte es ihn nicht daran, ihr nachzustellen.

Sie nahm Fiana fest in den Arm. Bald darauf schliefen die Mädchen tief und fest.

Liasanya träumte:

Das weiß getünchte Haus stand auf einer grasbewachsenen Anhöhe. Mutter winkte, ihr besticktes Kleid bauschte sich in der Brise. Li wandte sich ab. Am schmiedeeisernen Tor warteten Fiana und Brin, auch sie winkten, dann rannten sie davon. Li zögerte, schaute noch einmal nach ihrer Mutter, dann eilte sie den beiden nach. Sie rannte durch das Tor, die von hohen Bäumen gesäumte Straße entlang.

Ein Gewitter zog auf. Es wurde dunkel, die Alleebäume verloren ihre Blätter und Äste. Die Stämme verwandelten sich in kahle Stehlen. Blitze zuckten am Himmel, der Wind peitschte den Regen durch die Nacht und wühlte die schlammige Straße auf.

Plötzlich saß Li in einer schäbigen Hütte. Der Regen tropfte durchs Dach. Sie starrte in die Finsternis.

Sie wartete.

Sie wartete seit Tagen.

Ein gewaltiger Blitz zerriss die Dunkelheit, draußen im Regen stand eine schmale, gebeugte Gestalt, blonde Strähnen klebten an ihrem Kopf. Li eilte zur Tür hinaus, schlagartig war sie bis auf die Haut durchnässt. Sie nahm die Gestalt in die Arme, zerrte sie in die Hütte, setzte sie auf einen Stuhl.

Zitternd saß sie da, das Kleid ein schmutziger Fetzen, die Hände, mit fleckigen Lappen umwickelt, hielt sie verkrampft im Schoß.

Li strich dem Mädchen die Strähnen aus der Stirn und schaute ihr ins Gesicht.

Leblose Augen starrten zurück.

»Fiana«, flüsterte Li.

Kein Erkennen, keine Regung.

»Fiana! Kleines!«, wiederholte Li.

Eine einzelne Träne quoll aus den toten Augen.

Li wollte ihrer Freundin die Hand halten, tastete ins Leere, der Lappen fiel zu Boden und enthüllte einen blutigen Armstumpf.

Liasanya erwachte mit einem kurzen Aufschrei. Einen Augenblick lang wusste sie nicht, wo sie war, so nah war noch der Traum. Sie schaute sich um. Die Schatten, die durch das schmale Fenster hereinfielen, waren kurz. Brin war inzwischen zurückgekehrt und schlief ebenfalls.

Sie strich Fiana – wie sie es im Traum getan hatte – die Haare aus dem Gesicht.

Liasanya und Fiana waren die besten Freundinnen. Sie waren zusammen in den Gassen Meilersgrunds aufgewachsen und, seit sie alt genug dazu waren, gemeinsam auf Diebestour gewesen. Doch an jenem Tag, es war kaum drei Jahre her, war Fiana alleine losgezogen. Und es geschah, was nicht geschehen sollte: Man durfte sich einfach nicht erwischen lassen! Vielleicht kam man noch einmal davon, wenn man zum Herrn Kommandanten oder zur Frau Gardistin nett war. Und wenn nicht? Die Strafe war einfach und wirkungsvoll: Ein ergriffener Dieb sollte nie wieder die Möglichkeit haben, seine Hand in fremde Taschen zu stecken.

Fiana war gerade mal fünfzehn Jahre alt gewesen. Seit dieser Zeit war ihre Laufbahn als Diebin beendet. Das durch das Erlebnis apathische Mädchen hätte auf der Straße keine zwei Tage überlebt. So hatte Liasanya sie schweren Herzens bei Curthan, der ihr selten einen Wunsch ausschlug, untergebracht.

Fiana hatte sich erholt, viel von ihrem alten Wesen war zurückgekehrt, sie konnte lachen und Spaß haben. Doch ein Teil des Mädchens blieb verloren, und ein Teil, tief in ihr, würde den Freunden auf immer eine Fremde bleiben. Sie ertrug die Freier mit einer Gleichgültigkeit, die Liasanya und Brin mehr besorgte, als würde das Mädchen lauthals mit dem Schicksal hadern. Und wenn sie darüber sprach, dann sagte sie Dinge wie: »Soll ich betteln gehen? Soll ich mir noch ein Bein abhacken und ein Auge ausstechen, damit man mir einen Heller mehr in die Schale wirft?«

Liasanya betrachtete ihre schlafende Freundin: Das Gesicht war bleich, fast grau, die Wangen eingesunken. Sie fürchtete, dass sie Fiana – viel zu früh – zu Grabe tragen würde, doch das wollte sie hinauszögern, solange sie konnte.

Vorsichtig, um die anderen nicht zu wecken, stand sie auf und schlich zur Tür hinaus. Sie hatte zu tun.

***

»Rhon, ich brauche deine Hilfe«, sagte Liasanya. Sie saß mit dem alten Freund zusammen im Schankraum von Curthans Absteige. »Ich brauche dringend einen lohnenden Auftrag.«

Der schüttelte die von grauen Strähnen durchzogenen dunklen Locken. »Du weißt, das mach ich nicht gerne.«

»Du musst! Fiana braucht meine Hilfe. Und sie ist auch deine Freundin. Sie braucht Geld ... und einen Heiler. Sonst schmeißt ...« Sie schaute sich um. Außer ihnen war nur das Schankmädchen im Raum. Trotzdem senkte sie die Stimme. »Sonst wirft Curthan sie wirklich auf die Straße. Das können wir nicht zulassen.«

Liasanya schaute Rhon fest in die Augen. Sie kannte den alten Gauner, solange sie zurückdenken konnte. Er hatte ihr viel über das Diebesgewerbe beigebracht, und nicht nur das: Ihm verdankte sie, dass sie lesen und schreiben konnte, eine Ausnahme im Viertel. Rhon konnte viele ungewöhnliche Dinge. Und er kannte gewisse Gepflogenheiten: In einem früheren Leben musste er zur ›besseren Gesellschaft‹ gehört haben, doch er sprach nie darüber. Darin waren sie wieder alle gleich: Wer hatte hier keine Geheimnisse?

»Auch ich bin gewissen Leuten verpflichtet«, sagte Rhon endlich. »Und die sehen es nicht gerne, wenn ich bestimmte Informationen an jemanden wie dich weitergebe.«

»Rhon! Sprich nicht in Rätseln!«

»Du weißt genau, wovon ich spreche. Nenn sie einfach die Gilde ...«

»Welche? Die Alte Gilde? Die Almadaner? Die Tobrier? Oder, für wen, bei Phex, arbeitest du?«

»Das spielt keine Rolle! Es ist besser für dich, wenn du es nicht weißt. Und es ist besser für dich, wenn sie dich nicht kennen. Deine speziellen Talente wären für sie von großem Interesse. Aber du hast selbst gesagt, dass du das nicht ... dass deine Gabe möglichst geheim bleiben soll.«

Liasanya schwieg. Rhon hatte recht. Schon früh hatte sie gelernt, dass es ratsam war, Madas Gabe nicht jedem zu offenbaren. Magisch Talentierte wurden misstrauisch beäugt, wenn sie keine Robe trugen. Und seit der Dämonenmeister wiedergekehrt – und, den Göttern Dank, wieder verbannt war –, seit die Heptarchen im östlichen Aventurien Schrecken verbreiteten, war es lebensgefährlich. Nicht nur den Praiosdienern, Bannstrahlern und der Inquisition war jemand wie sie ein willkommener Sündenbock. Liasanya hatte die Hinrichtungen gesehen, und manchmal glaubte sie, noch immer verbranntes Fleisch zu riechen.

In manchen Träumen war sie es, die brannte.

In einer der zahllosen Banden und Diebesgilden Gareths wäre das Leben für Liasanya sicher leichter. Doch auf die Dauer würde sie kaum verheimlichen können, dass es nicht nur schmale Hüften und geschickte Finger waren, die ihr Zugang zu verbotenen Orten verschafften. Weder Diebesehre noch Gildeschwur würde sie schützen, wenn persönliche Interessen und Vorteile dagegen standen.

»Aber ich brauche ...«, sagte sie trotzig.

Rhon hob die Hand. »Wenn du eine Heilerin brauchst, warum gehst du nicht zu Mirya? Deine alte Freundin wird dir mit Sicherheit helfen.«

»Nein!«, sagte Liasanya scharf.

»Warum nicht? Ist es ihr Junge? Wie hieß er noch mal? Setharan? Nicht wahr?«

»Sei still!«

»Ist es, weil er eine Robe trägt und du nicht?«

»Nein! Halt den Mund!«, rief sie und sprang auf.

»Warte!«

Liasanya blieb stehen und drehte sich zu Rhon um.

»Na gut«, seufzte dieser. »Wenn es dir so wichtig ist, dann hab ich vielleicht etwas für dich!«

Dankbar und zugleich noch immer wütend auf Rhon, machte sich Liasanya auf den Weg nach Alt-Gareth. Sie musste vor Einbruch der Dunkelheit durchs Stadttor kommen. Da sie weder Dietriche noch anderes Einbruchswerkzeug mit sich führte – sogar den schlanken Dolch, den sie sonst immer bei sich trug, hatte sie vorsorglich zurückgelassen – machte sie sich über eine Kontrolle am Stadttor keine Gedanken.

Schnell war das richtige Haus gefunden, und dann hieß es warten, bis alles still wurde. Der Einbruch verlief reibungslos. Ihr kaum geschultes magisches Talent öffnete Fenster und Türen, Truhen und Schatullen und ließ sie einmal sogar im Schatten verschwinden, als ein unruhiger Hausbewohner durch die Räume schlich. Liasanya hatte es eilig. Sie ließ die astralen Kräfte fließen, achtete nicht auf die Warnzeichen, die Körper und Geist ihr gaben. Bald hatte sie gefunden, wonach sie suchte. Aber als sie das Haus verließ, fiel sie polternd aus dem Fenster. Mit letzter Kraft fand sie ein Versteck für die Nacht.

Als sie am nächsten Morgen zurückkam, verkroch sie sich in ihrem Lager auf dem Dachboden von Curthans Schänke. Sie fühlte sich ausgezehrt, körperlich wie geistig, hatte sich übergeben und war eine Zeit lang kaum bei Bewusstsein. Niemand sollte sie so sehen. Doch in Fianas Zimmer lag ein kleiner Beutel, prall gefüllt mit glänzenden Münzen. Das war die Schmerzen wert. Allezeit!

Es dauerte zwei Tage, bis sich Liasanya wieder besser fühlte und unter die Leute wagte. Zwar hatte sie vorsorglich einen Schlauch mit Wasser in ihrem Lager deponiert, doch jetzt quälte sie der Hunger.

Sie wurde von Fiana überschwänglich begrüßt. Die Freundin hatte noch immer dunkle Ringe um die Augen, aber ihr Gesicht hatte eine rosige Farbe und sah nicht mehr fieberig aus.

»Danke«, sagte Fiana und drückte Liasanya einen Kuss auf die Wange. »Aber du ...?« Fiana verstummte und trat einen Schritt zurück, um die Diebin besser betrachten zu können.

Diese grinste, wenn auch etwas gezwungen.

Fiana war eine der wenigen, die sowohl Liasanyas Talent kannte, als auch die Konsequenzen, die diese dadurch tragen musste. Und sie wusste genau, dass die Diebin ungern darüber sprach.

»Ich sterbe vor Hunger«, sagte Liasanya.

Fiana griff nach ihrem Umhang, doch Liasanya schüttelte den Kopf. »Lass mir noch etwas Zeit.« Dann ging sie, schwerfällig wie eine alte Frau, den Flur und die Treppe hinab.

Sie betrat den leeren Schankraum im Erdgeschoss. Um Kälte und Wind abzuhalten waren die Fensterlöcher notdürftig mit Tüchern verhangen. Dadurch herrschte am hellen Nachmittag eine bedrückende Düsternis, nur wenig gemildert durch flackernde Fackeln, die wiederum beißenden Rauch verströmten, der Liasan­ya Tränen in die Augen trieb. Ihre müden Schritte hinterließen Spuren in dem von Stroh und Sägespänen bedeckten Boden, als sie in die hintersten Ecke der Gaststube schlurfte und sich auf einen Stuhl fallen ließ.

Bald darauf erschien eine junge Frau hinter dem Tresen. Liasan­ya nickte dem Mädchen freundlich zu und gab ihm zu verstehen, dass sie Hunger und Durst hatte. Kurz darauf standen ein Becher mit verdünntem, saurem Wein und ein Napf mit undefinierbarer grauer Pampe vor ihr. Das Essen schmeckte, als wäre das Sägemehl vom Boden in ranzigem Fett aufgekocht worden, aber Liasanya aß gierig.

Als die Schale leer war, lehnte sie sich seufzend zurück und schloss die Augen.

Jetzt ging es ihr wieder besser. Doch in den nächsten Tagen musste sie vorsichtig sein. Wollte sie ihre Gabe – oder war es ein Fluch? – einsetzen, konnte es böse Folgen haben. Wie so oft dachte sie – traurig und zornig zugleich –, dass sie nie eine Chance gehabt hatte, ihr Talent zu schulen; alles, was sie machte, geschah einfach.

Wie stolz war sie als Kind gewesen, arkanes Talent in sich zu haben! Aber die Meister der Akademien waren nie gekommen, hatten sie nicht abgeholt, nicht aus der Gosse gehoben und zur großen Maga Liasanya gemacht. Nein, diese Herrschaften verirrten sich nicht in die Gassen und Hinterhöfe von Meilers­grund.

Aber war das wirklich alles? Belog sie sich nicht selbst? Hatte sie wirklich nie eine Chance gehabt?

Liasanya wurde aus ihren Gedanken gerissen. Fiana setzte sich zu ihr, schaute sie neugierig an, als erwarte sie, Liasanya würde mit dem Reden beginnen.

Irgendwann schien es ihr zu viel: »Warum gehst du nicht zu Mirya! Sie kann dir helfen«, sagte Fiana.

Liasanya zuckte bei dem Namen zusammen. Sie schwieg weiterhin, in ihrem Inneren begann es zu brodeln.

»Wirklich!«, ließ Fiana nicht locker. »Sie hat dir doch schon öfter geholfen.«

Liasanya sagte noch immer nichts. Ihre Augen funkelten. Gleich würde es kommen ...

»Es ist der Junge, nicht? Setharan. Seit er weg ist, bist du unausstehlich ...«

»Er kann mir gestohlen bleiben!«, rief Liasanya. »Der Hornochse kann bleiben, wo der Pfeffer wächst! Wenn ich so unausstehlich bin, warum nimmst du dann meine Hilfe an? Wenn ich schon den Hals für dich riskiere, dann halt wenigstens das Maul!«

Fiana starrte die Freundin an, ihre Augen füllten sich mit Tränen, dann stieß sie den Stuhl zurück und rannte zur Tür.

Liasanya schaute ihr nach. Der Zorn fiel so schnell in sich zusammen wie Strohfeuer. Erst jetzt drangen die eigenen Worte in ihren Verstand. Sie sprang auf und eilte Fiana nach. Von hinten umarmte sie ihre Freundin und drückte sie an sich. »Tut mir leid!«, rief sie. »Ich wollte nicht ... Du weißt, wenn ich ...«

Fiana riss sich los. »Geh zu Mirya«, sagte sie nur.

***

Am nördlichen Ende des Südviertels, nahe des Puniner Tors und dicht an der Stadtmauer zu Alt-Gareth, in einer Gegend, die hauptsächlich von kleinen Handwerkern und deren Familien bewohnt wurde, stand am Ende einer schmalen Gasse ein unscheinbares Haus. Nur Eingeweihten war bekannt, dass die alte Frau, die dort lebte und sich als Kräuterkundige und Heilerin verdingte, eine Hexe war.

Liasanya klopfte, öffnete die Tür einen Spalt und spähte hinein. Betörender Kräuterduft schlug ihr entgegen.

»Hallo!«, rief sie.

»Einen Moment«, kam es aus dem Dunkeln. Kurz darauf erschien eine ältere Frau, kaum größer als Liasanya, in der Stube. Sie trug ein schlichtes schwarzes Kleid, wie viele alte Leute, darüber einen bunten Schal. Das Gesicht war rund und doch fein geschnitten.

Als sie die Gestalt in der Tür erkannte, wandelte sich ihre Miene zu einem Lächeln. Und trotz der unzähligen Falten, die das Gesicht in einen schrumpeligen Apfel zu verwandeln schienen, war es das Lächeln eines jungen Mädchens. »Komm herein, du brauchst dich nicht zu zieren. Warst doch wie zu Hause in meiner Hütte.« Das Lächeln wich nicht, und doch glaubte Liasanya einen feinen Tadel in der Stimme zu hören.

Sie trat zaghaft ein.

Mirya kam ihr entgegen und umarmte sie, nahm Liasanyas Hand und fasste mit der anderen an deren Kopf. Dann fuhr sie sich durch das weiße schulterlange Haar. Sorgenfalten bildeten sich auf der Stirn der Alten.

»Ach, Kindchen! Kommst immer erst über diese Schwelle, wenn du dich verausgabt hast. Mit Madas Gabe ist nicht zu spaßen; wenn du nicht aufpasst, bist du bald tot, und es werden nicht die Praiospfaffen sein, die dich in Borons Arme schicken.«

Liasanya schwieg betreten.

»Aber setz dich erst mal, hast dich seit etlichen Götternamen nicht mehr blicken lassen.«

»Drei«, präzisierte Liasanya.

Mirya ging voran in die kleine Wohnküche und setzte Wasser auf. Schon bald erfüllte der Duft eines kräftigen Kräutertees die Stube. »Es freut mich trotzdem, dass du da bist. Seit mein Junge weg ist, bin ich einsam. Seth hat ...«

Mirya verstummte, als sie Liasanyas Gesichtsausdruck sah.

Setharan,dachte Liasanya. Er kam gleich zur Sprache. Setharan Laikis, Sohn einer bornländischen Hexe, die der Liebe wegen nach Gareth gezogen war. Er hatte das Glück gehabt, das ihr versagt blieb, und hatte als Schüler eines bekannten Magiers sogar an der Akademie ›Zu Schwert und Stab‹ Einlass gefunden.

Vor gut einem halben Götterlauf hatten sie sich kennengelernt. Der Magieradept – er war kaum älter als sie – hatte ihr geholfen und sie zu seiner Mutter gebracht, die sie als Gehilfin aufnahm. Liasan­ya hatte viel gelernt. Sie spürte den Fluss der Magie deutlicher als zuvor in sich, ahnte, wenn die Quelle dieser Kraft erschöpfte, und schaffte es inzwischen sogar, gewisse Zauber kontrolliert zu wirken. Doch sie wusste, dass es noch viel zu lernen gab. Mehrmals hatte sie einen Zauber gewirkt, Setharan hatte ihn einen »Blendzauber, ähnlich denen elfischen Ursprungs« genannt, doch es war immer geschehen, wenn sie in Gefahr war, und dann unbewusst, einfach so. Mirya hatte sie gewarnt: »Eines Tages setzt du dein Bett in Brand, wenn du schlecht träumst.« Die Hexe hatte dabei gelacht, doch Liasanya ahnte, wie ernst es ihr war. Sie war eine Gefahr für sich und ihre Freunde.

In Gesellschaft von Setharan und Mirya hatte sich Liasanya wohlgefühlt, wohl wie selten in ihrem Leben. Sie war hier nichts Besonderes, nicht aussätzig und ausgegrenzt. Sie und der Magieradept waren ein wenig ineinander verliebt gewesen, doch es war nie etwas zwischen ihnen passiert. Der Junge war in Liebesdingen schrecklich unbeholfen und schüchtern.

Und sie war eine Diebin, die unter einem Dach mit Huren und Freiern hauste. Jemand, der wusste, dass es nicht immer Travia oder Rahja zu Ehren war, wenn Menschen zueinander fanden. Dass oft eine Suppe oder ein warmes Bett genügte, um jemandem zu Willen zu sein. Sie wollte ihm nicht die Genugtuung geben, seine Vorurteile zu bestätigen, und hatte es sich versagt, den ersten Schritt zu tun.

Dann, im Firun, eröffnete Setharan, dass er für längere Zeit nach Fasar reisen würde, um seine Studien fortzusetzen. Um die näheren Umstände machte er ein großes Geheimnis, nur dass er vor Ungeduld fast platzte, war ihm deutlich anzusehen.

Liasanya platzte dagegen fast vor Wut, packte ihre Sachen und kehrte nach Meilersgrund, in ihr altes Leben, zurück. Sie wusste bis heute nicht genau, warum. Weil er seine Studien einem Leben mit ihr vorzog? Oder weil er ein Leben lebte, dass sie für sich selbst wünschte? Aber warum hatte sie dann seine Mutter mit abgestraft und allein gelassen?

Mirya schien ihre Gedanken zu lesen: »Du hättest hierbleiben können. Oder auch mit ihm gehen.«

Mit einer Mischung aus Widerwillen und dem Wunsch, sich endlich auszusprechen, bewegten sich ihre Lippen. »Ich musste an Fiana und Brin denken«, stieß sie hervor. Das war weniger als die halbe Wahrheit.

Mirya wusste es. »Deine Fürsorge für deine Freunde ehrt dich, aber du hättest dich von hier aus genau so gut um sie kümmern können, wenn nicht besser. Ich weiß, dass Setharan dich sehr gern hat, aber wie steht es mit dir?«

»Manchmal glaube ich, ich weiß nicht, was Liebe ist.«

»Aber deine Sorge um Fiana und Brin, wenn das kein Zeichen von Liebe ist ...«

Oder das schlechte Gewissen, weil ich mich für Fianas Schicksal schuldig fühle,dachte Li, sprach es aber nicht aus. Sie war nicht gerade nah am Wasser gebaut, aber jetzt stiegen ihr Tränen in die Augen. Ein Gemisch der unterschiedlichsten Gefühle durchströmte ihre Brust: Trauer, Zorn, Enttäuschung, Verzweiflung, Wut. Es wollte sie schier zerreißen. Zugleich wollte sie aufspringen, irgendetwas zerschlagen und in Miryas Arme flüchten, sich von ihr trösten lassen wie von der Mutter, die sie kaum gekannt hatte.

Mirya nahm ihre Hand und sagte: »Das geht vorbei. Aber du musst etwas tun. Wenn du schwach bist, wie jetzt, lässt die Kraft, die du hast, deine Gefühle treiben wie ein Blatt im Wind. Du musst lernen, diese Kraft zu beherrschen, sonst beherrscht sie dich. Du verlierst den Verstand oder schlimmeres! Die Noioniten haben schon genug zu tun in diesen Zeiten.«

Liasanya lächelte schwach.

»Ich hab noch einen Rat für dich: Vergiss Setharan für eine Weile. Er wird frühestens im Praios zurückkommen. Such dir solange einen netten Jungen und genieße Rahjas Freuden. Das hilft immer.«

»Und das von jemandem, der mich schon als Schwiegertochter sah!«, rief Liasanya. Gegen ihren Willen musste sie lachen.

»Die Götter haben uns nicht ohne Grund als Mann und Frau geschaffen«, fuhr Mirya fort. »Du bist noch jung. Möge Travia zu Zeiten zu ihrem Recht kommen. Dann, wenn du jemanden brauchst, auf den du dich stützen kannst.«

Jetzt lachte Liasanya aus vollem Herzen. Sie nahm die Hexe in den Arm und drückte sie an sich.

Später begleitete Mirya Liasanya zur Tür. »Ich weiß, dass dich Satuarias Ruf nicht ereilt hat, aber du kannst trotzdem noch viel lernen«, sagte die Stadthexe zum Abschied. »Es gibt einen Platz für jeden, der mit Madas Gabe gesegnet ist. Da können die Praiospfaffen sagen, was sie wollen. Und du hast dich gar nicht so ungeschickt angestellt. Bitte komm zurück und lerne!«

Liasanya nahm sich fest vor, das zu tun.

Es dämmerte bereits, als Liasanya in Curthans Schänke zurückkehrte. Sie setzte sich zu Fiana und einigen Gästen an den Tisch. Der Raum füllte sich stetig, und ein Spielmann begann sein Instrument zu quälen. Bald hüpften einige Gäste im Kreis, Bier und Schnaps flossen in Strömen, und der Tanz wurde wild und ausgelassen.

Auch Fiana wurde von einem jungen Mann mit blonden kurzen Haaren zum Tanz aufgefordert. Liasanya beobachtete die beiden eine Weile: Der etwa Zwanzigjährige – sie kannte ihn nicht, er war auch zu gut gekleidet für diese Gegend – benahm sich ausgesprochen nett, als mache er Fiana den Hof.Welch Unterschied zu dem Kerl vor drei Tagen,dachte Liasanya. So, wie sich die beiden aneinanderschmiegten, während sie tanzten, würden sie wohl bald nach oben verschwinden.

Liasanya stand auf, um etwas zu trinken zu holen. Während sie am Tresen wartete, drängte sich plötzlich jemand von hinten an sie und legte die Arme um ihre Taille.

»He! Bist ’n hübsches Ding. Wie wär’s mit uns beiden?«

Liasanya stieß dem Zudringlichen den Ellbogen in den Bauch, schnappte ihr Glas und ging zurück zum Tisch.

»Au! Ein Nein hätte genügt!«, rief er ihr nach.

Liasanya erinnerte sich an Miryas Bemerkung: Sie solle sich einen netten Jungen suchen und etwas Spaß haben. Jetzt hätte sie durchaus nichts gegen Gesellschaft. Die Stammgäste wussten, dass sie für Geld nicht zu haben war. Und neben den knapp bekleideten, üppigen Mädchen, die hier arbeiteten, war sie sowieso eine graue Maus.

Ihr Blick schweifte durch den Raum. Fiana und der junge Mann verschwanden gerade nach oben. Von dem Kerl am Tresen war nichts zu sehen.So nötig hab ich es nun auch nicht,dachte Liasanya und musste grinsen.

Dann sah sie Rhon in der Menge. Sie stand auf und ging zu ihm. »Hallo Rhon!«

»Hallo Li.« Er beugte sich zu ihr hinunter und flüsterte in ihr Ohr: »Und? Alles gut gelaufen?«

Liasanya nickte und nahm ihren väterlichen Freund in den Arm. »Danke. Und bei Mirya war ich auch.«

»Woher plötzlich dieser Sinneswandel?«

»Nachdem Fiana mir auch dazu geraten hat ... nun ja, man muss mich wohl gelegentlich zweimal schupsen, bis ich zur Tür hinausgeh.«

Rhon lachte. »Und was hat sie gesagt?«

»Mirya? Ich soll mir einen netten Jungen suchen.«

»Na, das ist mal ein guter Rat. Schau dich um, die Auswahl ist groß ...«

»... aber nicht unbedingt appetitlich. Komm! Der Spielmann hat garantiert sein Handwerk bei den Orks gelernt, aber lass uns tanzen.«

Rhon führte, und Liasanya schmiegte sich eng an ihn. Seine Hände glitten über ihren Rücken bis zum Po. Sie ließ es geschehen, fragte sich, welch ein Liebhaber Rhon wohl wäre. Er war doppelt so alt wie sie, aber was spielte das für eine Rolle?

Plötzlich kam ein ganz anderer Gedanke in ihr auf. Er hatte schon ihre Mutter gekannt! Vielleicht hatten sie ... vielleicht war er ... Sie drückte ihn noch fester an sich. Verzweifelt wünschte sie, Rhon sei ihr Vater.

Sie fühlte sich schrecklich allein.

***

Peraine neigte sich dem Ende zu. Und mit der Frühlingssonne drang Zuversicht und Lebenslust sogar in die vergessenen Hinterhöfe Meilersgrunds.

Auch Fiana blühte geradezu auf. Der junge Mann, mit dem sie getanzt hatte, besuchte das Mädchen mehrmals in der Woche, einen Kunden konnte man ihn kaum noch nennen. Er hinterließ bei seinen Besuchen in der Schänke immer ein großzügiges Trinkgeld, was Curthans Lob für den neuen Stammgast ins Alveranische steigerte. Curthan behandelte sogar Fiana ausgesprochen freundlich. Plötzlich war sie, wie er es ausdrückte, sein ›bestes Pferd im Stall‹ und brachte ›die bessere Gesellschaft‹ in sein ›Etablissement‹.

Liasanya hingegen beobachtete die Angelegenheit ausgesprochen misstrauisch. Was wollte der Junge? Fiana war zwar trotz der fehlenden Hand eine ausgesprochen hübsche Frau. Aber sie war – und blieb – ein Straßenmädchen aus Meilersgrund, während der junge Mann – er hieß Yann, wie Liasanya inzwischen erfahren hatte – offenbar ein Kaufmannssohn aus Alt-Gareth war. Er hatte Geld, protzte aber nicht damit. Er war höflich, charmant und recht ansehnlich, seine galanten Avancen galten jedoch ausschließlich Fiana, wie die anderen Mädchen in Curthans Schänke mit Bedauern feststellen. Wollte sich der Junge nur die Hörner abstoßen, und war Fiana ein vorübergehendes Objekt der Begierde? Warum holte er sie dann oft schon vormittags ab, nur um mit ihr durch die Straßen zu schlendern? Meilersgrunds Gassen waren auch am Vormittag keine Pfade fürs Lustwandeln. Kaum zu glauben, dass er es nötig hatte, hier Gesellschaft zu suchen. Es war Liasanya ein Rätsel. Mehrmals wollte sie Yann schon zur Rede stellen, doch sie zögerte. Sie wollte Fianas Glück nicht stören und sagte sich, sie sei wohl nur eifersüchtig, da Rahjas Gunst dem verstümmelten Freudenmädchen zufiel und nicht der unscheinbaren Diebin.

Es war später Nachmittag. Liasanya betrat schlecht gelaunt Curthans Schänke. Während ihres Streifzugs durch Meilersgrunds Straßen war eine Handvoll Münzen aus den Taschen anderer in die ihren gewandert. Eine Arbeit, die sie nicht gerade liebte. Bei Festen und auf großen Märkten waren die Geldbeutel gefüllt und für geschickte Finger leicht zu erreichen. Auch waren die Leute oft fröhlich und großzügig, so manche Münze, ein Stück Brot, ein Becher Wein wechselte für ein Lächeln oder nur wenig mehr den Besitzer. Aber an gewöhnlichen Tagen war es mühselig und lohnte sich kaum. Zu wenig hatten die Leute in Meilersgrund selbst in den Taschen, zu sehr waren sie darauf bedacht, das wenige auch dort zu behalten. Außerdem waren Liasanyas spezielle Talente in den vollen Straßen nutzlos. Schlösser hatte sie bislang an keiner Börse oder Geldkatze gefunden. Die Kunst, unauffällig mit den Schatten zu verschmelzen, half nichts, wenn man gerade seine Finger in den Taschen desjenigen hatte, vor dem man verschwinden wollte. Und ihr Blendzauber – fraglich, wozu ihn eine Taschendiebin überhaupt brauchen könnte – funktionierte nur, wenn sie in Panik geriet, und tat sonst, was er wollte. Sie brauchte einen lohnenden Auftrag. Doch die Hehler und Informanten, die für keine Gilde oder Bande arbeiteten, verlangten meist klingende Münze für einen Tipp, manchmal mehr, als die Arbeit dann einbrachte. Und bei Rhon wollte sie nicht schon wieder betteln.

Missmutig spähte sie in die Schankstube, um nach Fiana zu sehen. Doch nur Yann saß allein an einem Tisch. Da sie kein Interesse daran hatte, sich mit dem Jungen zu unterhalten, ging sie zurück ins Treppenhaus.

»Liasanya!«

Sie drehte sich um. Die Wenigsten machten sich die Mühe, ihren Namen vollständig auszusprechen.

Yann war aufgesprungen und kam zielstrebig auf sie zu.

»Hallo Yann.« Sie schaute ihn neugierig an. »Ist etwas mit Fiana? Sie müsste doch längst auf sein. Und seit du sie besuchst, braucht sie sich kaum noch um andere kümmern.«

Yann errötete, lächelte verlegen und schüttelte den Kopf: »Nein, es wird wohl alles in Ordnung sein. Hab sie noch nicht gesehen. Diesmal möchte ich zu dir.«

»Zu mir? Solche Dienste biete ich normalerweise nicht an.« Sie hätte es nicht geglaubt, aber Yann schaffte es, noch röter zu werden. Der Junge fuhr sich durch die kurzen blonden Haare und suchte nach Worten.

»Nun ... nein. Ich meine ...« Plötzlich brachte er trotz aller Verlegenheit ein Grinsen zustande. »Fiana sagt – Sie sagt, du bietest gewisse andere Dienste.«

Liasanya durchbohrte ihn mit ihrem Blick.

Das Grinsen schwand, die Röte blieb. »Sie sagte, dass du – Sachen besorgen kannst«, versuchte er es noch einmal und verstummte, als er Liasanyas Augen blitzen sah.

»Was willst du?«, fragte sie.

»Eigentlich soll ich jemanden finden. Und sie sagt – Fiana sagt – ich glaube – du bist die Richtige.«

»Ich verstehe kein Wort.«

Er ging zurück zu seinem Tisch. »Komm. Setz dich doch. Bitte.«

Liasanya setzte sich dem Jungen gegenüber.

Dieser senkte die Stimme. »Ich habe Fiana gefragt, ob sie jemanden kennt, der an einem Auftrag interessiert ist. Der in ein Haus einsteigen und etwas mitnehmen kann. Und es sollte jemand sein der nicht zu einer – der zu keiner Bande gehört. Da hat Fiana gesagt, du seist diejenige, die ... es gibt gutes Geld!«

»Was hast du im Sinn, Herr Kaufmannssohn? Ein paar Wochen in unserer Gesellschaft, und schon steigen dir die Reize vonPhexens