DSA 132: Der blinde Schrat - Dietmar Preuß - E-Book

DSA 132: Der blinde Schrat E-Book

Dietmar Preuß

3,0

Beschreibung

Wieder einmal droht Krieg zwischen den Streitenden Königreichen auszubrechen, denn am Ornib, der Grenze zwischen Andergast und Nostria, ereignen sich unerklärliche Dinge. Steuereintreiber werden überfallen, Patrouillen entwaffnet, Schatzsucher werfen Gold und Geschmeide weg. Eine unheimliche Macht sorgt für Verwüstungen. Doch es gibt auch Hoffnung, denn die jungen Regenten Efferdan in Andergast und Yolande II Kasmyrin in Nostria haben beschlossen, eine Truppe aus Kriegern beider Reiche auszusenden. Ritter Michal Jakubek von Olesko soll sie anführen und dem unrühmlichen Treiben ein Ende bereiten ...

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Biografie

Dietmar Preuß, Jahrgang 1969, veröffentlichte zum ersten Mal im Alter von 13 Jahren ein Gedicht in der örtlichen Tageszeitung für ein Honorar von unwahrscheinlichen DM 5,–. Als er nach Studium, Heirat und Umzug ins schöne Münsterland wieder Zeit zum Schreiben fand, gelangten die ersten Geschichten zur Einsendungsreife.

Er veröffentlichte seit 2003 zahlreiche Fantasy- und Science Fiction-Geschichten in einschlägigen Anthologien und Fanzines (Story­olympiade, Windgeflüster u.a.), außerdem den Kurzroman Die Hexe im Stein über den Rollenspieler Roland Junker.

Bei Fantasy Productions erschienen zuvor von ihm die Romane Hohenhag, Die rote Bache und Die Paktiererin.

Der blinde Schrat ist sein vierter Roman in der Welt von Das Schwarze Auge.

Titel

Dietmar Preuß

Der blinde Schrat

Ein Roman in der Welt von Das Schwarze Auge©

Originalausgabe

Impressum

Ulisses SpieleBand 11068EPUB

Titelbild: Jon HodgsonAventurienkarte: Ralph HlawatschBuchgestaltung: Ralf BerszuckE-Book-Gestaltung: Michael Mingers

Copyright ©2013 by Ulisses Spiele GmbH, Waldems.DAS SCHWARZE AUGE, AVENTURIEN, DERE, MYRANOR, RIESLAND, THARUN und UTHURIA sind eingetragene Marken der Signifikant GbR. Alle Rechte von Ulisses Spiele GmbH vorbehalten.

Titel und Inhalte dieses Werkes sind urheberrechtlich geschützt.

Der Nachdruck, auch auszugsweise, die Bearbeitung, Verarbeitung, Verbreitung und Vervielfältigung des Werkes in jedweder Form, insbesondere die Vervielfältigung auf photomechanischem, elektronischem oder ähnlichem Weg, sind nur mit schriftlicher Genehmigung der Ulisses Spiele GmbH, Waldems, gestattet.

Print-ISBN 978-3-89064-124-9E-Book-ISBN 978-3-86889-648-0

Karte der Region

Prolog

»Nein!«, brüllte Michal. »Nicht schießen!« Tief über den Hals des Pferdes geduckt jagte er durch Äcker und Gärten auf die Bognerinnen zu. »Nein!«

Aber er war noch zu weit entfernt, als dass sie ihn hören konnten, und so handelten sie nach den Befehlen, die er erteilt hatte. Schon brannten die Pfeile, während der riesige Schrat brüllend und grollend auf sie zukam. Mit einem Blick über die Schulter sah Michal, dass zahlreiche Dörfler auf der Landwehr standen und das Herannahen des Faulwüters beobachteten.

»Haltet ein!«, schrie Michal und trieb sein Pferd weiter an. Doch schon hoben die Bognerinnen die Waffen und legten auf den faulwütigen Schrat an, der nur noch hundert Schritt von ihnen entfernt war. »Bei den Göttern, nein!«, rief Michal atemlos von dem schnellen Ritt. Aber Pipa und Koscha waren so konzentriert auf den furchterregenden Schrat, dass sie sich nicht ablenken ließen. »Nicht schießen, er hat …«

Im gleichen Augenblick verließen die Pfeile die Sehnen und flogen in weitem Bogen auf das noch etwa siebzig Schritt entfernte Ziel zu. Der Schrat hörte auf zu brüllen, und in der plötzlichen Stille glaubte Michal, ein Klirren zu hören. Die Pfeile waren wohlgezielt und verschwanden in dem dichten Wust von rutendicken Haaren. Ein Feuerball, zu groß, um allein von trockenem Stroh herzurühren, entstand um das Haupt des Schrats, und die Erde bebte, als er auf die Knie fiel. Lodernde Flammen fraßen sich in Windeseile an seinen Armen und am Leib nach unten. Die Leute auf der Landwehr jubelten noch lauter, die Bognerinnen sahen Michal betroffen an. »Ihr könnt nichts dafür«, sagte er leise.

Noch einmal richtete sich der Schrat auf und stieß ein furchterregendes Brüllen aus. Michal wollte glauben, dass er mit diesem letzten Atemzug über das Ur, das nun niemals Herz oder Hirn erreichen würde, triumphierte. In einem Inferno aus lodernden Flammen hob der Riese die brennenden Arme und teilte die verkohlten, Haare auf seinem Haupt. Das Feuer prasselte dabei so laut, als hielten Dämonen in der Niederhölle abgehackte Zwiesprache. Es stank nach brennendem Fleisch, und der fette, blaue Qualm rief Übelkeit bei Michal hervor.

Aus dem dichten, geschwärzten Wust von Haaren erhob sich ein Schemen, der Michal vorkam wie ein geflügeltes Flirren. Es stieg in die Höhe und verweilte einen Augenblick über dem brennenden und sich krümmenden Leib. Michal hob die Hand zum Lebewohl, dann strebte das Flirren dem Wald zu und war kurz darauf verschwunden.

Der mächtige Schrat schloss die matten, bernsteinfarbenen Augen und kippte mit einem erleichterten Ächzen – tot, aber noch brennend – zur Seite. Die Arme brachen ab, ein schwarzes Bein knickte weg, die verkohlte Brust platzte auf und offenbarte Rippen und Wirbel, so weiß wie Schnee.

Langsam ging Michal hinüber zu dem schwelenden Körper, der nach Asche und verschmortem Fleisch roch, und glaubte, einen Ausdruck freudiger Überraschung in dem knorrigen Gesicht zu erkennen.

Kapitel 1

Wie die Götter ihn geschaffen hatten, stand Michal Jakubek von Olesko auf dem Wehrgang des Bergfrieds. Durch die schulterlangen, braunen Haare, die ihm ins Gesicht hingen, starrte er über das Meer von Bäumen um seine Burg. In den ersten goldenen Sonnenstrahlen dieses Praiosmorgens im Jahr 1028 BF dachte er wieder einmal voller Wehmut an die Monate mit Marysa auf Olesko zurück. Die Burg und die Herrschaft über vier Dörfer im Grenzgebiet zu Andergast hatte er ein Jahr zuvor, zwei Tage nach seinem dreißigsten Geburtstag geerbt. Olesko war eine bescheidene Festung: ein kreisrunder Wall, der gerade hundert Schritt durchmaß, aber immerhin aus festem Stein gemauert war. Ein Bergfried von vier Stockwerken, ein paar Ställe und Wirtschaftsgebäude im Hof, der meist nicht anders wirkt als der Platz im Geviert eines großen Bauernhofs. Unterkünfte für ein Dutzend Mägde und Knechte und vier Wachsoldaten. Olesko war die einzige Festung im Umkreis von etwa vierzig Meilen, ob man nun der Straße nach Mirdin oder nach Joborn folgte, von der Waldwildnis mit den zahlreichen Goblins ganz zu schweigen. Aber Michal war es zufrieden, denn er strebte nicht nach Höherem. Und wenn Marysa noch bei mir wäre, würde ich mein Leben sogar lieben.

Der Vater war gestorben, kurz nachdem sie sich wegen Marysa zerstritten und – Praios sie Dank! – wieder versöhnt hatten.

Wie immer, wenn er an Marysa dachte, summte Michal diese Melodie: Tih-da-tah Tih-da-tah …Was hat sie nur dazu getrieben, von einem Tag auf den anderen spurlos zu verschwinden?

Als er mit den Gedanken ins Hier und Jetzt zurückkehrte, bogen zwei Reiter an der mannshohen Goblinstele Richtung Burg ab. Die Pferde waren mit aufgerollten Reiseumhängen und Provianttaschen beladen und sichtlich erschöpft, dem ersten fehlten zwei Hufeisen. Diese Männer sind in offiziellem Auftrag unterwegs, ahnte Michal, als der Anführer der Wache hinter dem Guckloch im Tor das markante Kinn entgegen reckte. Seine Tunika war dunkelblau gefärbt und am Kragen mit einer im Morgenlicht glänzenden Borte eingefasst. Will man mich schon wieder überreden, gegen Andergast ins Feld zu ziehen? Michal rieb sich den Bauch, der sich unter der muskulösen Brust wölbte, und trat durch eine massive Holztür in das Schlafgemach. »Wir bekommen Besuch, meine Schönen«, dröhnte er, und die beiden Gestalten unter den dünnen Laken zuckten. »Ronaya, Islavia, ab in die Küche!«

Eine zierliche junge Frau glitt aus dem Bett, lächelte ihn scheu an und ordnete die langen, weißblonden Haare. Der einzige Makel in ihrem feinen, blassen Gesicht war die ehemals gebrochene und schief zusammengewachsene Nase. Mit der Hand fuhr sie sich über die kaum erhabenen Brüste. »Ronaya, steh auf!«, murmelte sie und zog der rothaarigen Freundin, die wesentlich mehr Rundungen und eine Vielzahl von Narben auf dem Rücken aufwies, die Decke weg, was von einem unwilligen Brummen quittiert wurde.

Michal Jakubek hatte sich abgewandt und stand in der Tür, die auf den Wehrgang führte. Während er die braunen Haare mit dem gepunzten Lederband, das Marysa ihm geschenkt hatte, zum Zopf band, beobachtete er, dass die Besucher von der Wache eingelassen wurden und unter dem Torbogen hindurchritten. Der hintere der beiden hob den Kopf, und Michal spürte, dass der junge Mann im grauen Schnürhemd eines dienstbaren Geistes ihn sah. Trotz seiner Blöße blieb Michal stehen, wölbte die muskulöse Brust und zog den mächtigen Bauch ein, der vom guten Leben in den drei Jahren seit den Schlachten gegen die Thorwaler zeugte. Auch wenn Kendrar den Nostriern wieder verloren gegangen war, so hatte sich Michal Jakubek einen Namen als hervorragender Kämpfer zu Pferde gemacht.

Der junge Diener senkte den Blick, Michal grinste und summte die Melodie, die ihm seit Marysas Verschwinden nicht aus dem Sinn ging. Sechsmal wiederholte er einen Akkord aus drei verhalten jubelnden Tönen, die in einem traurigen Finale verklangen.

»Herr …«, hörte er und drehte sich um.

Ronaya und Islavia standen dort, angetan mit etwas zu kurzen, dafür umso tiefer ausgeschnittenen Schürzenkleidern, die die Blicke der Männer unwiderstehlich auf schlanke Fesseln und – bei Ronaya – auf die üppigen Brüste zogen. Die milchhäutige Islavia sah ihn mit brennenden, grünen Augen an, das Gesicht ihrer rothaarigen Freundin war eine einzige Frage.

»Wahrscheinlich wieder ein Abgesandter vom Hofe, der mich zum Krieg gegen Andergast überreden will«, erklärte Michal. »Geben wir ihm etwas zu berichten.« Er wickelte sich ein Bettlaken um Hüfte und Schulter, sodass er aussah wie ein Druide beim Dienst an Sumus Leib. Dabei hatte er noch nie einen leibhaftigen Druiden gesehen. Er umfasste die Taillen der jungen Frauen und schob sie aus dem Schlafgemach.

In der Halle im untersten Geschoss des Donjons war es kühl, denn die dicken Mauern hielten auch die Wärme der heißesten Praiostage draußen. Die Schießscharten ließen dicke Bündel goldenen Lichts in den Raum, vor dem kalten Kamin hockte die alte Nargila und hielt die überraschend feingliedrigen Hände den Flammen entgegen. »Ha! Unser weiser Herr, der das Böse nicht sehen will!«, krächzte sie, fuhr sich durch das strähnige graue Haar und spuckte auf den Boden. »Ähähä!«

Michal ließ sie unbeachtet und genoss die Kühle der steinernen Platten an den bloßen Füßen. Ob die Besucher wegen der Tageshitze die Nacht durchgeritten sind? Wie dringend ist ihr Auftrag, dass sie die wertvollen Pferde erschöpfen?

»Ähähä!« Die buckelige Alte starrte Islavia und Ronaya mit trüben, grauen Augen an.

Ein breit gebauter Mann von knapp zwei Schritt Größe kam aus der Rauchküche und brachte einen dampfenden Krug, aus dem es nach honiggesüßtem Zichorienaufguss roch. Ein drohender Blick von ihm reichte, und die Alte verstummte. Als sich der Hüne Michal zuwandte, schnitt sie ihm eine Grimasse und entblößte eine lückenhafte Reihe schwarzer Zahnstummel.

»Josip, wir bekommen Gäste«, sagte Michal.

Der Hüne nickte. In der Hand, die die Größe eines Schaufelblatts hatte, trug er fünf tönerne Becher. In Krug und Becher war eine Raute eingeprägt, das Zeichen der berühmten Töpferei Caru aus Joborn. Islavia und Ronaya setzten sich derweil links und rechts neben den reich geschnitzten Lehnstuhl am Kopfende der Tafel. Michal griff in die langen roten und weißen Haare und zerwühlte sie sanft, während Ronaya wie eine Katze die Augen schloss und Islavia schnurrte. »Ich kenne den Auftrag der Männer nicht, aber sie werden frische Pferde verlangen, Josip. Und du solltest den Schmied wecken, einem Pferd fehlen …«

Wieder nickte Josip stumm, und Michal konnte sicher sein, dass der Haushofmeister schon einen Jungen zum alten Franio geschickt hatte. Noch immer grübelte er über die Besucher nach. An der Straße, wenn man den holprigen Karrenweg so nennen wollte, lag auf dreißig Meilen nach Westen kein Gasthaus. Wenn sie also nicht in der Waldwildnis ein Lager aufgeschlagen hatten, waren sie in der Nacht in den Sätteln geblieben. Hinter dem Besuch steckt mehr als der erneute Versuch, mich zum Krieg gegen Andergast zu überreden.

Da trat auch schon ein Wachsoldat durch die eisenbeschlagene Tür der Halle herein: »Der Kurier Iffan Rogoff mit Diener!« Er gab den schmalen Durchgang frei, und die Besucher traten ein. Aber schon nach zwei Schritten blieb der Mann mit dem maskenhaft reglosen Gesicht und den kurzgeschorenen grauen Haaren stehen. Auffällig waren seine Ohren, deren Muscheln verkrüppelt waren. Er betrachtete Michal, dessen Blöße nur von dem Laken bedeckt wurde, und der immer noch Ronaya und Islavia durch die Haare fuhr. Michal verkniff sich ein Grinsen, als der junge Diener den Kurier anrempelte, der so abrupt stehen geblieben war. Gerade fasste sich der Besucher, da tauchte die alte Nargila neben ihm auf. »Das Böse kennt der hier aber wohl, hähähä! Das Böse!« Sie machte einen Schritt auf den Diener zu, einen jungen Mann, der die Satteltaschen trug. Wortlos starrte sie in dessen dunkle Augen und schüttelte den Kopf. »Er nicht, o nein, auch er nicht! Bah!«, fügte sie nach einem Blick auf den Kurier zu.

»Es reicht, Nargila, hinaus mit dir, wenn du den nächsten Winter nicht im Wald verbringen willst!«, rief Michal, und die Alte verschwand durch die Tür zum Hof.

Das Gesicht des Kuriers blieb ausdruckslos. »Den Zwölfen zum Gruße, Ritter Michal Jakubek von Olesko! Möge Travia Euer Haus segnen – und Rahja ebenfalls!«, fügte er nach einem Blick auf die Frauen hinzu.

Der Humor des Mannes gefiel Michal. »Den Zwölfen zum Gruße, Kurier Rogoff! Seid Gast in meinem Hause und ruht Euch aus. Mein Haushofmeister hat bereits den Schmied angewiesen, die Esse zu schüren, um Eure Pferde neu beschlagen zu lassen. Er wird Eurem Diener die Kammern zeigen, in denen Ihr ausruhen mögt. Mein Name wird übrigens mit kehligem Ch ausgesprochen. Und nun setzt Euch, Frühstück wird gleich aufgetragen!«

Iffan Rogoff nickte Josip zu, der keine Miene verzog. Kurz bevor sich der Hüne abwandte und in der Rauchküche verschwand, spiegelte sich Erkennen in den Zügen des Kuriers. »In der Tat sind wir die Nacht durchgeritten, Ritter Michal. Habt Dank für Eure Umsicht!«

Michal fuhr Islavia und Ronaya noch einmal durch die Haare und zog sie bei den Achseln hoch. »Ich habe Hunger, meine Schönen, die Nacht war anstrengend! Bereitet ein kräftiges Frühstück, aber lasst die Buchweizengrütze nicht wieder anbrennen, sonst dürft ihr heute Abend nicht auf den Traviatanz.« Michal milderte die strengen Worte, indem er den Frauen einen sanften Klaps auf die Allerwertesten gab. Ronaya stieß einen kleinen Schrei aus, die milchhäutige Islavia wandte sich um und sah ihn voller, ja, Liebe an.

Der Blick war auch Iffan Rogoff nicht entgangen. »Können wir hier ungestört reden?«

»Natürlich! Josip hat seit drei Jahren kein einziges Wort gesprochen, und die Frauen verstehen nichts von Krieg und Ränken.« Michal und setzte sich in den Lehnstuhl.

Iffan Rogoff wandte sich zu seinem Diener um, und Michal betrachtete die verkrüppelten Ohrmuscheln. Sie sind abgeschnitten worden, das Narbengewebe glänzt noch frisch und rot. »Cam, führe die Pferde zum Schmied und bring die Satteltasche in die Kammer, die der Haushofmeister dir anweist«, befahl der Kurier dem schmächtigen jungen Mann, der einen dunklen Flaum auf der Oberlippe trug und in dienstbarer Haltung dastand. Sein schwarzes Haar war so exakt über den Ohren rundgeschnitten, dass es aussah, als trage er ein Käppi. Er hatte seinen Herrn nicht aus den Augen gelassen, und Michal war aufgefallen, dass er sogar die Gesten des Kuriers nachahmte. Wenn der sich mit Daumen und Zeigefinger über das markante Kinn strich, zuckte die Hand des Dieners nach oben und imitierte die Bewegung.

In den Händen ein Tablett mit dampfenden Schalen, kam Ronaya aus der Rauchküche. Als Michal sah, dass sie dicke Scheiben luftgetrockneter Knoblauchwurst in die Grütze geschnitten hatte, begann er zufrieden die Melodie zu brummen, die ihn seit Jahr und Tag begleitete. Bei der vierten von sechs Wiederholungen des Tih-da-tah drehte sich Cam, der auf dem Weg zur Tür war, um und betrachtete Michal mit weit aufgerissenen braunen Augen. Sofort wandte er sich wieder ab und trat auf den Hof, um seine Pflichten zu erfüllen.

Als Ronaya auch dem Kurier die Schale mit Grütze vorsetzte und sich abwandte, verrutschte ihr nicht ganz zugeknöpftes Mieder. Der Kurier fuhr sich wieder über sein breites Kinn und betrachtete die Narben auf ihrem Rücken. »Ist das eine der Vagantinnen, die Ihr den Wegelagerern entrissen habt?«, fragte er, als sie in der Küche verschwunden war. »Man erzählt sich einiges bei Hofe über den Helden von Kendrar, der sich weigert, gegen die verhassten Andergaster ins Feld zu ziehen.«

Die Worte und die Blicke auf das Laken über seine Schulter nahm Michal ihm nicht übel. Er wusste, was man über ihn redete, und es war ihm egal. »Ich hasse Andergast ebenfalls. Für all die Grausamkeiten, in denen sie Nostria nicht nachstehen. Am meisten dafür, dass sie unsere Schwäche ausnutzten, als die Blaue Keuche im Lande tobte. Aber ich hasse sie nicht wie einen Feind, den ich vernichten möchte, sondern wie einen Bruder, dem ich vergeben möchte, wenn er nur Reue zeigte.« Nun brauste Michal doch auf. »Auch Ihr werdet mich niemals in diesen Bruderkrieg …«

Mit erhobener Hand unterbrach ihn Rogoff. »Keine Sorge, es ist nicht so, wie Ihr denkt, Ritter!«

Sofort beruhigte sich Michal wieder. »Was die beiden Mädchen betrifft: Habt Ihr von der Schuldnerbande und ihrem Anführer, Jasper dem Grausamen, gehört, der noch immer auf freiem Fuß ist?«

Iffan Rogoff nickte. »Er soll Schutzbriefe an Handelstrecks verkauft habe, um gegen Überfälle seiner vielköpfigen Bande gefeit zu sein. Auch Frauen sollen sich ihm angeschlossen haben, so reich sei er gewesen.«

»Angeschlossen!«, höhnte Michal, senkte seine Stimme aber sofort, denn der Kurier gab nur wieder, was er gehört hatte. »Die Frauen, die nicht freiwillig mit ihm und seinen rohen Leuten gekommen sind, hat er angekettet. Und wenn sie den Männern nicht gefügig waren … Ihr habt die vernarbten Striemen auf Ronayas Rücken gesehen, und sicher ist Euch nicht entgangen, dass Islavia die Nase gebrochen wurde. Dieses Vieh von einem Mann!« Michals Wut steigerte sich. »Als ich die Bande vor einem Jahr in einen Hinterhalt locken konnte, tötete ich vier der Männer und zwei der Frauen, die freiwillig bei ihnen waren. Jasper verfehlte mein Speer nur knapp. Zwei Packpferde mit Beute konnte ich ihnen entreißen, und die beiden Mädchen. Sie waren dankbar, dem grausamen Jasper nicht mehr willfährig sein zu müssen, und blieben auf Olesko. Die Weiße braut das beste Bier der Waldwildnis, die Rote hat Haushalt und Küchengarten übernommen und pflegt die alte Magd, die noch meinem Vater gedient hat.«

»Und die Beute auf den Packpferden?«, fragte Iffan Rogoff.

»Wertloser Tand, den niemand mehr beanspruchte«, sagte Michal und grinste, denn er hatte mehr als fünfhundert Silbertaler und die gleiche Summe in Hellern und Kreuzern erbeutet. Die kleinen Münzen hatte er an die Bauern und Handwerker verteilt, von denen er wusste, dass sie an die Schuldnerbande Schutzgeld gezahlt hatten. Aber die Pfeffersäcke würden schon nicht an Hunger sterben, hatte er damals beschlossen. Mit dem Silber hatte er Olesko instandsetzen lassen und mit ein paar Annehmlichkeiten ausgestattet. Immerhin kam es auch den Fernhändlern zugute, wenn die Burg eine sichere Zuflucht bot.

Rogoff fragte nicht weiter nach der Beute. »Ist Euer Haushofmeister der gleiche Josip der Schweigsame, der einst als Waffenknecht in der Garde von Nostria gedient hat?«

»Ihr kennt ihn?«, fragte Michal erstaunt. »Er ist der Sohn einer der Bauern von Olesko. Im Rahjamonat des Jahres 1015 war ich als junger Mann in Salza, das noch von den Thorwalern besetzt war, um das Gelöbnis einer Wallfahrt zum dortigen Tempel der Travia zu erfüllen, als ich ihn wieder traf. Er war mit dem Auftrag, wertvolle Seekarten zu holen und nach Nostria an den Königshof zu bringen, in der Stadt. Wir saßen in einer Schänke am Marktplatz, als die Schrecken der Geisternacht begannen, die dieser Schwarzmagier vom fernen Osten aus verursacht haben soll. Kugelblitze gingen vom Himmel nieder und setzten das Dach in Brand. Josip wurde von einem der Blitze getroffen und sank wie tot zu Boden. Praios sei Dank erhob er sich wieder, aber seitdem hat er kein Wort mehr gesprochen. Ich brachte ihn zu Zanya Rikvard, der einäugigen Heilerin der Kompanie königlicher Schwertschwinger und Bogner, die dort kaserniert sind.«

»Zanya Rikvard ist die Medica der gräflichen Fußsoldaten und Stadtwachen«, unterbrach Iffan Rogoff. »Und als ich sie im Peraine getroffen habe, hatte sie noch beide Augen.«

Michal Jakubek lächelte den Kurier an. »Ich musste sichergehen, dass Ihr seid, für was Ihr Euch ausgebt.«

»Ich hätte an Eurer Stelle nicht anders gehandelt.«

»Darauf sollten wir trinken, Rogoff. Dieses Zichoriengebräu weckt zwar die Lebensgeister, aber es löscht nicht den Durst eines Mannes. Josip! Bring Met!«, dröhnte Michal Richtung Rauchküche, zog das Laken zurecht und legte die Hände auf den prächtigen Bauch.

Wieder musste der Haushofmeister geahnt haben, was Michal verlangen würde, denn sofort erschien er mit einem Krug und zwei Hörnern in schmiedeeisernen Gestellen. Er schenkte Michal und dem Kurier ein halbes Maß ein und verschwand ebenso stumm, wie er gekommen war. Für einen Mann seiner Größe bewegte er sich erstaunlich anmutig und geräuschlos.

»Auf die Frauen, den Met und alles, was unser Herz weit macht!«, rief Michal und hob das Horn in die Höhe.

»Und auf die junge Königin!«, erwiderte Iffan Rogoff.

Michal trank das Horn zur Hälfte leer. »Ja, auf die auch. Soll ich Eurem Diener ebenfalls einen Krug Met zukommen lassen? Ihr seid doch die Nacht durchgeritten, oder nicht?«

»Danke, das ist sehr gastfreundlich, aber Cam trinkt nichts Vergorenes. Musste er angeblich seinem Vater am Sterbebett schwören«, erwiderte Rogoff. »Ja, wir sind die Nacht durchgeritten. Mein Auftrag erfordert, dass wir von möglichst wenigen … Menschen … gesehen werden.«

»Erzählt von Eurem Auftrag, Rogoff!«

»Seit Yolande Königin ist, steht Marschallin von Sappenstiel wieder in der Gunst des Hofs, zumindest Teilen des Hofs …«

Iffan Rogoff griff nach dem Methorn.

»Und das ist gut so!« Auch Michal hob das Horn. »Auf die Fürstedle Rondriane, die Siegerin von Harmlyn!«

»Vor allem hält sie Graf Albio von Salza in Schach, dem ich jederzeit zutraue, das Königreich zu spalten.« Rogoff stieß mit Michal an, und die Männer tranken bedächtig.

Michal gefiel der Mann immer besser. Nicht nur, dass er dem Königshaus treu ergeben war, er teilte auch seine Bewunderung für die die Marschallin, die der unerfahrenen Königin unter die Arme griff. Wie viele Getreue der Familie Kasmyrin hatte Michal den Grafen von Salza in Verdacht, die Königsfamilie gedrängt zu haben, trotz der Blauen Keuche die Hauptstadt nicht zu verlassen. Hätte die junge Prinzessin nicht überlebt, er wäre einer der Thronanwärter gewesen.

»So ist es«, fuhr Iffan Rogoff fort. »Die Marschallin hat vertrauenswürdige Männer und Frauen durch das Königreich gesandt, denn sie sorgt sich wegen der immer häufiger auftretenden unerklärlichen Erscheinungen. Ich soll einen Mann in Joborn treffen, der beunruhigende Geschichten aus dem Quellgebiet von Ornib und Rotklar zu berichten hat. Rondriane von Sappenstiel schenkt solchen Gerüchten seit der Geisternacht von Salza mehr Gehör als früher.«

»Was sind das für Erscheinungen und Gerüchte?« Immerhin war Joborn kaum fünfzig Meilen entfernt, und auch das Quellgebiet in der Waldwildnis war in wenigen Tagen zu erreichen.

»Offenbar glaubt sie, dass dieser verfluchte Borbarad dahintersteckt und seine dämonischen Hände nach Nostria ausstreckt«, fuhr Rogoff fort, und Michal ließ ihn reden. Met und Bier beim Traviatanz würden ihm schon die Zunge lockern. »Hinter jedem Baum vermutet sie Schergen des Schwarzmagiers. Jede Hexe, jeder Magier, der keiner Akademie angehört, ist ihr verdächtig. Kein Spion Borbarads soll uns daher auf den Straßen sehen. Sie glaubt sogar an … Wenn ich die Fürstedle nicht kennen würde, müsste ich sie für hysterisch halten.«

Die Bohlentür zum Hof öffnete sich, und der junge Diener des Kuriers trat ein. Als er sah, dass sein Herr und Michal dem Met zusprachen, blieb er stehen. Nur mit Mühe, so schien es Michal, konnte er verhindern, dass sich der Widerwille allzu deutlich in seinem Gesicht zeigte. Mit stockenden Schritten kam er näher.

»Junge, koste diesen Met! Einen besseren wirst du im ganzen Königreich nicht finden«, rief Michal, denn der Unwillen des Dieners reizte ihn. »Die Goblins, die sich in Scharen in den Wäldern herumtreiben, verkaufen ihn an meinen Haushofmeister. Verfluchte Plattnasen, hast du schon einmal gerochen, wie es in der Nähe ihrer Höhlen stinkt?«

»Nein, Herr«, sagte der Diener mit tonloser Stimme. »Cam trinkt nichts Vergorenes. Habt Dank!«, fiel es ihm im letzten Moment ein hinzuzufügen.

»Und wenn ich dir ein glänzendes Silberstück verspreche?« Michal wusste nicht, was ihn ritt, den Jungen zu quälen. »Josip, bring noch ein Horn und mehr Met!«, rief er.

Diesmal dauerte es ein wenig länger, bis der Haushofmeister erschien. Zuerst goss er Michal ein, der das Horn schon geleert hatte. Als der Honigwein gurgelnd in das Horn floss und am Ende auf die Tischplatte tropfte, wich Cam zurück, während seine Züge entgleisten. »Und nun füll dem jungen Mann das Horn, Josip! Er wird doch wohl nicht meine Gastfreundschaft ablehnen!«, rief Michal, der merkte, wie der Met seine Sinne zu vernebeln begann. Dennoch trieb ihn etwas, diese üble Posse weiterzutreiben. »Notfalls halte ich ihn fest, während du ihm den Met einflößt, Josip!«

Als der Hüne schweigend auf ihn zutrat, zeigte sich Panik im Gesicht Cams. Er schnappte nach Luft, als Josip ihm seine Pranken auf die Schultern legte.

»Ritter Michal, bitte lasst es gut sein«, sagte Iffan Rogoff. »Der Junge hat es seinem toten Vater gelobt!«

Michal konnte den Blick von den brennenden, fast schwarzen Augen Cams nicht abwenden. Mit dem Jungen stimmte etwas nicht, das spürte er ganz deutlich. Aber er wusste auch, dass er zu weit ging. »In dieser Halle werden manchmal raue Späße getrieben, Junge! Komm heute zum Traviatanz, vielleicht gefällt dir eine der Mägde oder Bauerntöchter, und du lässt dich hier nieder. Es gibt genug Land zum Roden, du musst nur die Goblins vertreiben. Jede dritte Seele in der Waldwildnis soll einem Rotpelz gehören, wusstet ihr das, Rogoff? Wenn diese Plattnasen überhaupt so etwas wie eine Seele haben.«

»Cam dankt Euch, Herr!«, erwiderte der Junge tonlos.

»Na gut!«, sagte Michal und wandte sich von den glänzend schwarzen Augen ab. »Dann schütte dem Kurier nach, Josip!«

»Habt Dank, Ritter!« Iffan Rogoff hielt die flache Hand über das Horn. »Mit Eurer Erlaubnis würden wir uns gern zur Ruhe begeben. Wie Ihr wisst, werden wir am späten Abend aufbrechen. Davor werden wir gern Eurer Einladung folgen.«

Was ist da gerade nur in mich gefahren?, fragte sich Michal, als der Gast die Halle verlassen hatte. Der Junge hat mir doch nichts getan, und Iffan Rogoff scheint ein tüchtiger und unerschrockener Mann zu sein.

Sein Magen knurrte, denn mittlerweile war es fast Mittag geworden. »Ronaya, Islavia!«, rief er, und kurz darauf erschienen die beiden jungen Frauen. »Ist das Bier gelungen, das du für den Traviatanz gebraut hast? Vortrefflich!«, rief er, denn die zarte Islavia lächelte und nickte. »Bringt mir Met, Brot und etwas von dem Kapaun, den ihr gestern gebraten habt. Danach tut, was Frauen vor einem Tanz so tun!«

Als er das frühe Mittagsmahl beendet hatte, blieb er tief in Gedanken in der kühlen Halle sitzen. Der Traviatanz war nur etwas für die Gemeinen, aber am Abend eines solchen Fests hatte sich Marysa ihm zum ersten Mal hingegeben. Werde ich sie je wiederfinden? Wieder summte er die kleine Melodie, die mit dem Gedanken an Marysa verbunden war: Tih-da-tah tih-da-tah … Warum nur hatte sie sich nicht mehr an ihre Herkunft erinnern können? Selbst den Namen hatte sie von dem alten Fallensteller, der sie gefunden und den sie an seine Tochter erinnert hatte.

Ein paar Knechte hatten im Hof von Burg Olesko Tafeln und Bänke in Form eines Hufeisens aufgestellt, dessen Öffnung dem Burgtor zugewandt war. In der lauen Abendluft nahmen bereits die Besucher Platz, die nicht tanzen würden: Bauern und Handwerker von den Flecken und Weilern Oleskos, das Gesinde und die beiden Soldaten, die keinen Wachdienst hatten, und natürlich die Eltern der Männer und Frauen, die mit fünfundzwanzig Jahren noch keinen Ehepartner gefunden hatten.

Michal, der auf dem verzierten Lehnstuhl gegenüber der Öffnung im Kreis der Tafeln Platz nahm, hatte das dunkelrote Wams angezogen, dessen Kragen und Borten mit Silberfäden bestickt waren. Auch das Wappen, das zwei gegenüberliegende Felder mit gekreuzten Äxten und zwei weitere Felder mit Harfen zeigte, bestand aus zarten silbernen Fäden. Michal war der erste Jakubek seit sieben Generationen, der kein Musikinstrument beherrschte. Dafür hatte er eine schöne Singstimme, die drei Oktaven umfasste. Es brauchte nur wenige Hörner Met, bis er in die Lieder seiner Leute einstimmte.

Weitere Gäste kamen, und auch der Kurier trat mit seinem Diener aus dem Donjon. Vielleicht würde er Rogoff noch ein paar Einzelheiten über die angeblichen Erscheinungen herauslocken. »Setzt Euch an meine rechte Seite, Iffan Rogoff!«

Eine junge Witwe namens Firunet, die nicht am Traviatanz teilnahm, rückte für den Diener beiseite. Sie arbeitet auf den Feldern, die zu Olesko gehörten, und auch wenn sie nicht mehr heiraten wollte, so war sie den Rahjafreuden nicht abgeneigt. Sie zwinkerte dem schmächtigen Cam zu, der im Angesicht der üppigen Frau unsicher seinen Herrn ansah.

Rogoff nickte ihm zu und nahm an der rechten Seite Michals Platz. Sofort war Josip mit einem Krug Met hinter ihm. »Wasser«, bat er zu Michals Enttäuschung, der ihm doch die Zunge lockern wollte, »es wird eine lange Nacht.«

»Das wird es!«, rief Michal. »Seht dort auf der kleinen Bühne hinter den Gesindetafeln. Das Instrument, das einem kleinen Tisch ähnelt, ist ein Santouri. Nur wenige in Nostria können es spielen, und die kommen aus dieser Gegend.«

Interessiert betrachtete der Kurier das Instrument und den Spielmann dahinter. »Es wird mit Löffeln gespielt?«

»Mit Klöppeln, die zwischen den hundertelf Saiten schwingen. Zusammen mit der Trommel und den zwei Fiedeln spielen die Spielleute aus Joborn zum Serviko auf. Der wird bei uns als geschlossener Reigen getanzt.«

»Den Serviko kenne ich, aber warum wird er hier im Kreis getanzt?«, fragte Rogoff, der sich ein Stück triefendes Fleisch auf den Dolch gespießt hatte. Das Gesinde und die meisten der Bauern kauten ebenfalls schon, obwohl der Ritter seinen Dolch noch nicht gezogen hatte. Das Fleisch hatte eine würzige Kruste, und Rogoff verzog genüsslich den Mund.

»Lasst Euch überraschen«, gab Michal zurück. Er hob sein Horn, Josip schüttete es voll, das Volk an den Tafeln wurde ruhig. »Dann führt die armen Tröpfe und Trinen mal herein!«, rief er und erntete tosendes Gelächter.

Lächelnd lehnte sich Rogoff zurück, Cam dagegen schrak zusammen, als die Leute rhythmisch zu klatschen begannen. Das war das Zeichen für die Männer und Frauen, die vor dem Burgtor gewartet hatten. Das Dutzend Männer wurde von Josip angeführt, die Frauen von Islavia, die eine prächtig bestickte Schürze über dem Schürzenkleid trug. Die Männer, die ihre nackten Oberkörper zur Schau trugen, hielten einander bei den Händen, denn ihre Augen waren mit den Tüchern verbunden, die sie üblicherweise um den Hals trugen. Genauso hielten es die Frauen, die die Blusen unter den Miedern der Schürzenkleider abgelegt hatten.

Als die Leute, die bisher keinen Partner für den Traviabund gefunden hatten, einander gegenüber im Kreis der Tafeln standen, trat Ronaya in ihre Mitte. Sie hatte einen Stapel Tücher in den Händen und sah zu Michal hinüber.

»Wie es Brauch ist, erhaltet ihr zu diesem Fest neue Tücher für euren Feiertagsstaat.« Michal stand auf. »Für die unter euch, die meinen, niemand sei hübsch genug für sie: In der Unterkunft der Mägde von Olesko hängt ein Spiegel.« Die Leute an den Tafeln lachten, als ein paar Männer und Frauen in der Mitte den Kopf senkten. »Euch allen sei gesagt: In der Waldwildnis braucht es Kinder, damit sich der Wald nicht zurückholt, was wir ihm abgerungen haben.« Jetzt nickten die Älteren und sahen in ihre schwieligen Hände, aber Michal war noch nicht fertig. »Alle solltet ihr eins bedenken …« Dabei sah er zu den Vätern und Müttern herüber, die voller Hoffnung waren, dass ihre Kinder endlich unter die Haube kamen, und hob mahnend den Zeigefinger. »Der Traviabund bietet euch Schutz vor zeternden Müttern und Vätern, die allzu schnell nach der Mistgabel langen.«

Ein paar der Matronen und Mannsbilder mit den wettergegerbten Gesichtern sahen einander betreten an. Als Islavia begann, die bunten, zu handlichen Rechtecken gefalteten Tücher zu verteilen, setzte sich Michal und befeuchtete seine trockene Kehle mit Met. Zur Verwunderung des Kuriers klemmten sich die Männer und Frauen die neuen Tücher unter die rechten Achseln. »Ihr werdet gleich sehen!«, sagte Michal.

Die blinden Tänzer wandten sich zu ihrem Ritter zu und verbeugten sich zum Dank für das Geschenk. Im gleichen Moment begann der Spielmann an der Santouri eine auf- und abschwellende Melodie zu spielen, und das Volk an den Tafeln wiegte sich im langsamen Rhythmus. Cam aber saß stocksteif mittendrin, schaute immer wieder über die Schulter zur Musik und wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn. Vielleicht liegt das an Firunet, mutmaßte Michal und grinste, denn die lustige Witwe hatte ihm eine Hand auf den Schenkel gelegt und stieß ihn mit der Schulter an.

In der Mitte des Tafelrunds ließ Islavia nun die Frauen sich unterhaken und einen Kreis bilden, die Gesichter nach außen gewandt. Josip führte die Männer an, bis sie einen Kreis um die Frauen bildeten.

»Lasst den Tanz zur Ehre Travias beginnen!«, rief Michal, hob das Horn und leerte das vierte halbe Maß Met. Als die Spielleute begannen, den Serviko zu spielen, schloss er die Augen. Die blinden Tänzer führten mit über den Schultern verschränkten Armen eine einfache Folge von Wechselschritten nach links aus, die Frauen nach rechts, wobei sie abwechselnd die Füße schwenkten und erst dann einen weiteren Schritt zur Seite machten. Die Melodie, die das Santouri und die Fiedeln vorgaben, war zunächst getragen und wiederholte das immer gleiche Thema. Die Trommel schlug einen langsamen Rhythmus, die Tänzer bewegten sich wie im Traum.

Beim Traviatanz vor zwei Jahren war Marysa noch bei mir. Um die plötzliche Erinnerung zu betäuben, ließ sich Michal das Horn wieder füllen und nahm einen tiefen Zug. Dabei sah er, dass der Diener Cam die Hände vor dem Bauch verschränkt hatte und sich in Krämpfen wandte. Firunet neben ihm sah erst ihn und dann das Fleisch auf dem Tisch misstrauisch an. »Was ist mit Eurem Diener?«, fragte er den Kurier.

»Manchmal hat er solche Anwandlungen, wenn wir in Gesellschaft sind.« Rogoff zuckte mit den Schultern.

»Nun passt auf!« Michal hob die Hand, die Spielleute beendeten die Musik, und ein vielfacher Seufzer erklang an den Gesindetischen. Auch Cam ging es besser, denn er hatte sich wieder aufgerichtet. Die Tänzer im Rund waren auf der Stelle stehen geblieben, zogen die Tücher, die vom schweißtreibenden Tanz in der Wärme des Sommerabends feucht waren, unter den Achseln hervor, hielten sie ihrem Gegenüber hin und rochen selbst an dem dargebotenen Stoff. Gespannte Stille machte sich bereit, insbesondere unter den Matronen, deren Söhne und Töchter teilnahmen. »Rahja!«, riefen drei Männer, und auch zwei Frauen nannten laut den Namen der Göttin der Wollust. Andere riefen laut »Travia!«

Bedauernde Rufe wurden laut, denn keiner der Männer stimmte mit dem Ruf einer der Frauen überein, die vor ihnen standen. Sofort begann die Musik wieder, diesmal eine Nuance schneller. Die Tänzer mit den verbundenen Augen schoben die Tücher wieder unter die Achseln und nahmen den nun schnelleren Reigen wieder auf. Ihre Schritte waren schon sicherer, und wenn sich die Männer und Frauen berührten, war das nicht ohne Absicht. Das Volk an den Tischen klatschte den immer schneller werdenden Takt, nur Cam sah wieder schlechter aus. Als eine der Mägde Bier auf sein Hemd verschüttete, sprang er auf. Es war mittlerweile dunkel geworden, daher konnte Michal das Gesicht des jungen Mannes nicht genau sehen. Aber er glaubte, Todesangst darin zu erkennen, was ihm angesichts eines verdorbenen Magens seltsam erschien.

»Der Traviatanz sorgt dafür, dass keine Frau kinderlos und kein Mann ohne Erben bleibt«, erklärte Michal dem Kurier und hob abrupt die Hand.

Schlagartig wurde es still, verschwitzte Tücher wurden dargeboten, und diesmal waren die Travia-Rufe der Männer und Frauen schon zahlreicher. Doch Ronaya und Islavia nahmen einem Paar die Augenbinden ab, das zugleich »Rahja« gerufen hatte. Zwei Männer und eine Matrone unter den Zuschauern verzogen missmutig die Gesichter, während die anderen anzügliche Bemerkungen machten. Der Tänzer grinste mit schlechten Zähnen, seine Partnerin, die mit einer überaus großen Nase gesegnet war, wurde rot.

»Ab ins Heu mit euch!«, riefen ein paar Männer des Gesindes.

»Nehmt euch Zeit!«, mahnte eine ältere Frau, während der Tänzer seine Partnerin unterhakte und diese eilig in die Dunkelheit Richtung Heuschober führte.

»Zeit, Zeit!«, krächzte die alte Nargila, die aus den Schatten der Burgmauer trat. »Zu lange haben sie schon gewartet! Ähähä!«

Das Pärchen machte einen Bogen um sie.

»Warum duldet ihr diese alte Vettel auf Eurer Burg?«, fragte Rogoff, der dem Paar mit den Augen gefolgt war.

»Sie tauchte vor etwa eineinhalb Jahren auf«, erklärte Michal. Kurz bevor Marysa verschwand. »Mitten im Winter konnte ich sie nicht hinausschicken. Eine der älteren Mägde glaubte sie als das Kräuterweib zu erkennen, das früher die Frauen auf den Einsiedelhöfen entbunden hatte. Weiß der Namenlose, was die Einsamkeit der Waldwildnis in Jahrzehnten aus ihr gemacht hat. Also blieb sie hier.«

»Das ist sehr großzügig von Euch«, sagte der Kurier.

Michal zuckte mit den Schultern, sah hinüber zum Heuschober und leerte das Methorn in einem Zug. Auch er hatte sich mit Marysa im Heu vergnügen müssen, denn sein Vater hatte ihm den Umgang mit der Frau, die mit zerrissenen Kleidern und ohne Gedächtnis in der Waldwildnis gefunden worden war, verboten. Erst als sie Kenntnisse vom Hofe in Nostria, von den Ränkespielen der Adligen und sogar von den Mätressen des alten Königs offenbarte, gab Michals kranker Vater seinen Widerstand auf. Damit war der Reiz des Verbotenen verloren, auch wenn sie die Nächte im bequemen Bett nicht weniger genossen hatten.

»Solltet Ihr den Reigen nicht wieder einmal anhalten, Ritter Michal?« Rogoff hatte sich vorgebeugt. »Ich glaube, ein paar der beleibteren Weiber halten nicht mehr lange durch.«

Sofort hob Michal die Hand, und die Musik verstummte. »Verzeiht, Kinder, verzeiht, aber es war zu schön, euren geschmeidigen Bewegungen zuzusehen«, rief er, während wieder die Tücher dargeboten wurden. Er zwinkerte dem Kurier zu, denn besonders die fülligeren Frauen hatten rote Gesichter bekommen und nur noch plump und schwerfällig die Beine geworfen. Auch einer der Männer, der fast so breit wie hoch war, schnaufte wie ein alter Stier. Ausgerechnet der zu kurz geratene Dicke und die dürre, hochgewachsene Frau, die vor ihm stand, riefen zugleich »Travia!«. Ungläubig starrten sie einander an, als Ronaya und Islavia ihnen die Augenbinden abnahmen, und rochen nochmals am Tuch des Gegenübers. Doch als sie zu ihren Müttern sahen, von denen die eine die Hände vor dem Mund zusammengeschlagen und die andere den Tränen freien Lauf ließ, lächelten sie einander an. Beifall brandete auf, Michal ließ sich von Josip, der wieder einmal unaufgefordert zur Stelle war, eine kleine Geldkatze reichen, und stand auf. »Möge Travia Euch segnen! Hier ist mein Geschenk, dass Euch einen guten Beginn in Euer neues Leben erleichtern soll!« Er reichte die Geldkatze, die Josip mit fünfzig Hellern gefüllt hatte, dem Mann. Aber die hagere Frau war schneller und griff zu, bevor der Dicke auch nur den Arm hob. Das Gelächter der Zuschauer ging in ein allgemeines »Hoch! Hoch! Hoch!« über.

Als die Spielleute den Serviko – abermals etwas schneller – wieder aufnahmen und der Doppelreigen begann, platzte der Kurier heraus. »Was bedeutet das alles, Ritter Michal?«

»Habt Ihr schon einmal eine Frau getroffen, deren Duft Euch so sehr betört hat, dass Ihr an keine andere mehr denken konntet?«, fragte Michal. Kaum hatte er sich damals über das Lager der ohnmächtigen Marysa in den zerfetzten Kleidern einer Waldläuferin gebeugt, hatte er durch Schweiß, Dreck und einer Mischung aus Wild und ranzigem Fett den reinen, betörenden Duft ihres Körpers wahrgenommen. Im gleichen Moment hatte er die vielen Gespielinnen vergessen, die dem wohlgestalteten Sohn eines Barons anstanden.

»Ja«, sagte Iffan Rogoff lächelnd nach einer Weile. »Sie war nicht einmal besonders hübsch, eine Marketenderin im Tross der gepanzerten Reiter, als wir gegen die Thorwaler kämpften. Sie zog mich hinter die Reihen der Bogenschützen am Rande des Schlachtfelds, nachdem die stumpfe Seite einer Wurfaxt mich getroffen hatte. Als ich aufwachte, war alles, was ich wahrnahm, der Duft ihrer schmutzigen, verschwitzten Haut. Wir hatten zwei … außergewöhnliche … Wochen.«

»Und danach habt ihr sie sitzen lassen, was?« Michal hieb dem Kurier auf die Schulter.

»Nein, der Tross wurde von Orks überfallen. Niemand hat überlebt.«

Das Grinsen verging Michal. »Tut mir leid. Aber so wisst Ihr denn wohl, was ich meine. Die Traviageweihte Belenoleth, die auf beiden Seiten des Ornib verehrt wird, hat vor Generationen erkannt, dass Mann und Frau sich nur dann auf Dauer ertragen können, wenn die Nase mitspielt. Kennt Ihr das geflügelte Wort, nachdem zwei Menschen einander riechen können?«

Der Kurier nickte langsam. »Und diese Art, die ledigen Männer und Frauen zu verheiraten, hat sich bewährt?«

»Tatsächlich hat sich gezeigt, dass die Kinder dieser Leute gesünder und kräftiger sind als die derer, die sich auf Wunsch ihrer Eltern verheiratet haben oder weil sie einem Hirngespinst namens Liebe hinterhergelaufen sind.« Die Worte kamen ihm wie ein Verrat an Marysa vor. »Ich habe auch in der Schlacht um Kendrar gekämpft«, lenkte Michal ab. »Habt Ihr dort die Ohren eingebüßt, wenn Ihr die Frage erlaubt?«

»Nein, denn den größten Teil der Schlacht gegen die Thorwaler habe ich vom Krankenlager aus begleitet.« Er deutet auf die Delle in seiner Stirn, die an den Treffer der Wurfaxt erinnerte. »Vor fünf Monaten wurde ich auf einem Botenritt in den Süden von Anhängern Borbarads, verführten Magiern, abgefangen, die Zwischenfälle an der Grenze zu Gareth provoziert hatten. Die Messer, mit denen sie die Botschaft der Marschallin an die Kaiserlichen aus mir herauspressen wollten, waren scharf. Ich konnte entkommen und auch Cam befreien, der einen Tag vor meiner Flucht in die Mühle gebracht worden war, die als Magierturm diente.«

Josip beugte sich zu Michal herunter und deutete mit einem Kopfnicken auf die Tänzer. Sofort hob Michal den Arm und sah, dass sich diesmal gleich drei Paare fanden, die den Freuden Rahjas frönen wollten. »Es wird eng in der Scheune, aber das gibt sich!«, rief er, und das Volk an den Tischen, das schon reichlich Bier genossen hatte, grölte.

»Was macht es für einen Unterschied, ob sich die Paare im Namen Rahjas oder Travias finden?«, fragte der Kurier, der sich von der anzüglichen Heiterkeit anstecken ließ und lachte.

»Das verrate ich Euch, wenn Ihr mir von den ungewöhnlichen Geschehnissen im Quellgebiet von Ornib und Rotklar erzählt. Bedenkt, dass die Grenzen meiner Herrschaft nicht weit von diesen Gewässern entfernt sind!« Michal hieb dem Mann heftig auf die Schulter, denn der Alkohol tat seine Wirkung.

»Wenn Ihr absolutes Stillschweigen …«, begann Iffan Rogoff.

»Verzeiht, die Pflicht!« Abermals unterbrach Michal den Reigen und freute sich, als sich zwei Paare im Namen Travias fanden. »Lasst sie hochleben, Leute!«, rief er, setzte das leere Methorn an und tat, als trinke er es in einem Zug aus. Das Volk sollte feiern, er aber wollte halbwegs nüchtern sein, wenn der Kurier der Marschallin mit den Gerüchten herausrückte. Er gab nichts auf die Geschichten von einem mächtigen Schwarzmagier, der in ganz Nordaventurien seine Schergen und Spione ausgeschickt hatte und Unheil stiftete. Aber vielleicht fand er im Bericht des Kuriers einen Hinweis auf die verlorene Geliebte.

Als Cam plötzlich hinter seinem Herrn auftauchte und ihm etwas ins Ohr flüsterte, hob Michal das immer noch leere Horn den Eltern der zwei Paare entgegen. Die Matronen in den bauschigen, graubraunen Röcken umarmten einander, die grauhaarigen Männer schüttelten sich die schrundigen Pranken. Vielleicht hatten sich auch die Alten beim Traviatanz kennengelernt.

»Ritter Michal, das Madamal ist bereits aufgegangen, und Cam hat die Satteltaschen gepackt«, sagte Iffan Rogoff.

Michal nickte und wandte sich den Gästen zu. »Noch eine Runde! Wer jetzt noch unentschlossen ist, dem helfen selbst die Göttinnen nicht!«, rief er den wenigen Tänzern zu, die mit immer noch verbundenen Augen warteten. »Ronaya, meine Schöne, gib du das Zeichen! Und ihr guten Leute lasst es euch noch schmecken. Trinkt auf mich!«, rief er und stand auf.

Die Bauern und das Gesinde erhoben sich, als sie das sahen. Ein würdige alter Mann mit weißem Bart, vielleicht der Schulte eines der Dörfer, rief mit zittriger Stimme: »Ein Hoch auf Ritter Michal Jakubek!«

Kapitel 2

»Kommt, Rogoff, in der Halle sind wir ungestört. Überlassen wir das Volk seinen Vergnügungen und wenden uns den okkulten Plänen dieses Schwarzmagiers im fernen Osten zu.« Auf halbem Weg zog Michal das Wams aus und tauchte mit Kopf und Oberkörper in ein Steinbecken, das über ein Röhrensystem mit frischem Wasser versorgt wurde. Prustend und die langen Haare schüttelnd kam er wieder hoch. »Das macht den Kopf klar, auch nach sechs Hörnern Goblinmet!«

Vor der eisenbeschlagenen Tür hockte die alte Nargila. »Böse Geschöpfe schleichen herum. Und er erkennt sie nicht! Ähähä! Bah!« Sie spuckte auf den Boden und humpelte davon.

Die Halle wurde vom Kaminfeuer und ein paar Fackeln erhellt, von denen zwei neben einem Ölbild hingen. Das Bild zeigte eine junge Frau mit langen, braunen Locken, ausgeprägten Wangenknochen und einem spitzen Kinn. Der Künstler war kein Meister seines Fachs gewesen, denn er hatte die Leinwand nicht grundiert. Das feine Gesicht wirkte grobporig, aber Michal wusste, wie rein und zart die Haut Marysas gewesen war, was so gar nicht zu einer Waldläuferin gepasst hatte. Mit glattem Haar hätte sie nichts von der unergründlichen Hoheit des schönen Volks unterschieden.

Vor dem Bild stand Cam, der es weiter anstarrte, als sie eintraten. Michal begann wie so oft, wenn er an Marysa dachte, zu summen: Tih-da-tah Tih-da-tah … Sofort wandte sich der junge Diener um und starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an, die im Halbdunkel der Halle schwarz wirkten. Seine Züge entspannten sich erst, als Michal aufhörte zu summen.

»Eure Mutter? Eine Schwester? Wie ich hörte, steht Ihr nicht im Traviabund«, fragte Rogoff.

»Da habt Ihr richtig gehört. Das Bild zeigt meine Verlobte, die vor fast zwei Jahren spurlos verschwunden ist. Ein Fallensteller hatte sie mir sieben Monate zuvor als völlig verwirrte Frau übergeben, als ich auf einem Jagdausflug war. Sie konnte sich nicht an ihren Namen oder ihre Herkunft erinnern und trug die Kleidung einer Waldläuferin. Aber sie sprach sehr gewählt und besaß erstaunliche Kenntnisse vom Hofe zu Nostria. Wir verliebten uns, und für sie hätte ich von allen anderen Weibern gelassen. Aber von einem Tag auf den anderen war sie verschwunden, und ich verbrachte Wochen und Monate damit, sie in der Waldwildnis zu suchen. Seitdem tröste ich mich mit Met und Geschöpfen wie Ronaya und Islavia.« Iffan Rogoff gefiel Michal, und so machte er aus seinem Herzen keine Mördergrube.

Der Kurier betrachtete das Bild noch einmal eingehend. »Sie wäre es wert gewesen«, sagte er. »Wie die Marketenderin.« Er griff sich an die Kehle, als nehme ihm die Erinnerung den Atem. Zu Michals Verwunderung ahmte Cam die Geste nach und senkte bei Michals Blick den Arm, als fühlte er sich ertappt.

»Ich werde meinen Haushofmeister anweisen, Wein, Brot und Hartwurst einzupacken, damit Ihr ohne Verzögerung an euer Ziel gelangt. Josip!«, dröhnte Michal. »Nie ist dieser Kerl da, wenn man ihn …«

Wortlos trat der Hüne aus der Rauchküche, zwei Schläuche mit Wein über den Schultern, in den Pranken zwei Leinenbeutel. Ohne Michal anzusehen, trat er durch die Tür auf den Hof.

»Bis er den Proviant verstaut hat, erzählt ihr mir von den Erscheinungen, die die Marschallin beunruhigen«, sagte Michal in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete, und setzte sich in den Lehnstuhl vor Kopf der Tafel.

Iffan Rogoff setzte sich ebenfalls. »Ihr habt recht, Ritter Michal, das bin ich Euch schuldig.«

»Ronaya! Islavia!«, brüllte Michal, denn er hatte plötzlich wieder Durst. Kurz darauf hatten sich die beiden Frauen neben ihn gesetzt, ein volles Methorn stand vor ihm. Erwartungsvoll sah er den Kurier an.

»Vor drei Monaten kamen Holzfäller aus dem Grenzgebiet in die Dörfer Nibquell und Beilstatt und erzählten, ein baumgroßes Wesen mit Armen wie Ästen und einer Baumkrone auf dem Haupt habe sie aus ihrem Tal gejagt. Es habe gestöhnt und gekreischt wie eine Harpyie und sich so schnell bewegt wie ein Vierspänner. Die schlimmsten Martern hat es ihnen angedroht, sollten sie sein Revier nicht verlassen. Einer der Männer hat sich auf der Flucht die Beine gebrochen.«

»Das hört sich nach einem Waldschrat an.« Michal glaubte nicht an die Geschichten von einem Magier, der Aventurien unter seine Macht bringen wollte.

»Das ist richtig, aber von Schraten ist nicht überliefert, dass sie mit hoher, nörgelnder Stimme sprechen und ihren Opfern Rätselfragen stellen«, gab Rogoff zu bedenken.

»In der Tat, davon habe ich noch nie gehört«, sagte Michal.

»Aber hört weiter«, sagte der Kurier. »Ein Zug leichter Kavallerie, der entlang des Ornib patrouillieren sollte, ließ sich von einer unsichtbaren Erscheinung in ein Seitental locken. Die Bäume hätten sich gebogen wie die Halme eines Roggenfelds, durch das eine Bö fährt. Als sie zwei Tage später nach Nibquell zurückkehrten, waren die Männer waffenlos, zu Fuß und wussten nicht, wo sie waren, nicht einmal, wie ihre Namen lauteten.«

»Vielleicht haben sie die falschen Pilze gekaut!« Michal grinste.

»Zwei Wochen später«, fuhr der Kurier fort, »nächtigte eine Gruppe von gut gerüsteten Abenteurern in Nibquell. Sie wollten die Kulthöhlen der Goblins südlich der Ornibquellen suchen, wo sie ungeheure Schätze vermuteten. Die Hälfte der Leute seien kampferprobte Korsjünger gewesen. Zwei Zwerge waren dabei, die die Höhlen der Rotpelze erkunden sollten.«

»Und, haben sie die Höhlen der Plattnasen gefunden?« Michal nahm einen Schluck aus dem Horn und beugte sich vor, denn die Geschichten von ungeheuren Reichtümern der Rotpelze faszinierten ihn immer wieder. Den Göttern sei Dank war kein Schatzsucher je von seiner Suche zurückgekehrt, denn es würde Monate dauern, die aufgebrachten Goblinstämme in ihre Höhlen und Krale zurückzutreiben. Schwer vorstellbar, wie sich die Menschen der einsamen Weiler gegen eine Übermacht aus Rotpelzen hinter einer mächtigen Kunga behaupten sollten. Das Niederschlagen eines solchen Aufstands hätte verbrannte Erde zurückgelassen und den Leib Sumus gequält.

»Als sie wieder in Nibquell ankamen«, fuhr Rogoff fort, »schworen sie, sie hätten die Höhlen gefunden. Aber als sie mit Schätzen beladen auf dem Rückweg gewesen seien, habe eine unwiderstehliche Macht sie gezwungen, alles Gold und alle Edelsteine in einen Blautopf zu werfen.«

»In einen Blautopf?«, fragte Michal.

»Keine Ahnung, was das ist. Die Abenteurer konnten es selbst nicht erklären. Sie redeten wirr von einem riesigen Baum, der sich bewegte wie ein Mensch, dass Windhosen sie verfolgten, schwarzer Nebel den Boden bedeckte und die Wege verbarg. Fische seien vom Himmel gefallen, Sumu selbst habe zu ihnen geflüstert. Einer der Zwerge konnte seine Augenlider nicht mehr öffnen, der andere weinte unablässig, weil sie die schönsten Gemmen und Kristalle weggeworfen hatten, und zeichnete immer wieder ein Zeichen in den Staub.«

»Fische hat es auch in der Nacht geregnet, als die Stürme den Thuransee aufgewühlt haben«, erwiderte Michal. »Das haben fahrende Händler berichtet. Es war dieselbe Nacht, in der Josip von den Kugelblitzen in Salza getroffen wurde. Was war das für ein Zeichen?«

»Niemand konnte es deuten.« Iffan Rogoff zog ein Stück Pergament von der Größe eines Handtellers aus der Tasche.

Michal betrachtete den oben gespaltenen Kreis, mit einem simplen Strich darüber. »Nie gesehen.«

»Aber das ist noch nicht alles«, sagte Iffan Rogoff. »Einer unserer Leute aus Andergast hat eine noch unwahrscheinlichere Geschichte erzählt.«

Einer unserer Leute, wiederholte Michal in Gedanken, das hört sich nach mehr als einem bloßen Kurierdienst an. Offenbar hat die Marschallin einen Ring von Kundschaftern ähnlich dem der Kaiserlichen aufgebaut, die sogar auf unserer Seite der Grenzen tätig sind.

»Auf der anderen Seite des Ornib zog ein Steuereintreiber aus Andergast über das Land, um die Talschaften der Holzfäller abzukassieren. Nur einen Tag später kam er auf der Odra, die in der Nähe von Beilstatt in den Ornib fließt, zurück – nackt und an ein Floß gefesselt, sinnloses Zeug stammelnd.«

»Die Holzfäller werden ihm ihre Meinung über Steuern auf ihre Weise beigebracht haben. Vielleicht haben sie ihn mit diesem schrecklichen Bärenfänger abgefüllt, den sie drüben saufen. Aus Honig macht man Met, aber keinen Schnaps!«

»Nein, die Büttel haben den Alderman der Talschaft befragt, und er hat geschworen, dass der Steuereintreiber nicht bis zu ihnen gekommen ist«, erwiderte Iffan Rogoff. »Diesen anderen … Kurier … treffe ich in Joborn, denn er will mir berichten, was das kreisförmige Symbol zu bedeuten hat. Und ob Borbarad hinter all diesen Vorkommnissen steckt.«

Michal konnte sich selbst keinen Reim auf all das machen. »Vielleicht haben die Andergaster einen Plan entwickelt, unsere Truppen zu verwirren, um diesseits des Ornib Land zu annektieren«, sagte er mehr zu sich selbst.

»Dann wäre der Steuereintreiber nicht ebenfalls Opfer der unbekannten Macht gewesen«, hielt der Kurier dagegen.

»Ihr habt recht, alles Spekulieren hilft nichts. Aber ich danke Euch, dass Ihr mir anvertraut habt, was an den Grenzen geschieht! Und seid versichert, dass ich darüber Stillschweigen bewahren werde.« Michal stand auf, denn Josip war in die Halle gekommen und nickte ihm zu. »Ich will Euch nicht länger aufhalten, Iffan Rogoff, aber ich würde mich freuen, wenn Ihr auf dem Rückweg wieder mein Gast seid.«

»Und ich danke Euch für die Gastfreundschaft, die in diesen Zeiten nicht immer selbstverständlich ist.« Auch der Kurier stand auf. »Aber Ihr seid mir noch eine Antwort schuldig?«

Michal sah ihn verständnislos an.

»Welchen Unterschied es macht, ob die Leute sich im Namen Rahjas oder Travias gut riechen können!«

Aus Michals Grinsen wurde ein lautes Lachen. »Keiner!«, dröhnte er. »Hauptsache, sie liegen beieinander. Wenn erst ein Kind unterwegs ist, werden die Eltern schon dafür sorgen, dass sie den Traviabund schließen!«

Der Kurier grinste noch, als er im Hof auf sein Pferd stieg.

»Reist auf Aves Schwingen, Rogoff! Und du, Cam, pass auf deinen Herrn auf und sei ihm treu!«, rief Michal und stellte erneut fest, dass die schwarzen Augen und das ausdruckslose Gesicht des Dieners Unbehagen, ja, sogar Abscheu in ihm hervorriefen. Er sah den beiden nach, als sie, begleitet vom Klang des Serviko, in die Dunkelheit hinter dem Burgtor ritten. Eine Weile starrte er in die Finsternis. Irgendwo dort draußen ist auch Marysa.

»Josip, mein Horn!«, rief Michal endlich und ging sicheren Schrittes auf die Festgesellschaft zu. Es würde noch einige Hörner brauchen, bis er endlich Vergessen fand. »Wie viele Tröpfe und Trinen sind noch übrig? Islavia, komm her, setz dich auf meinen Schoß! Weiter mit der Musik, trinkt!«

***

Als der Traviatanz vergangen und die Gäste, deren Heimweg zu lang war, in der Scheune und den Kammern des Gesindes zur Ruhe gekommen waren, öffnete sich die kleine Pforte im Tor des Heuschobers. Die krumme alte Nargila trat heraus und strebte leise brabbelnd auf das Tor mit dem kleinen Wachhaus zu, an dem eine Fackel brannte. Es hatte zu nieseln begonnen, und ihre vielfach geflickten Röcke sogen sich voll.

Der Soldat, der in der Wachstube auf einem Hocker vor sich hin döste, schrak zusammen, als Nargila ihm mit krummen Fingern die Haare aus der Stirn strich. »Ich hatte einmal einen Sohn wie dich«, sagte sie krächzend zu dem jungen Mann.

»Lass ab von mir, alte Vettel!« Er sprang auf und wich zurück, denn die verrückte Nargila war ihm unheimlich. »Was willst du von mir?«

»Hinaus, hinaus!«, kreischte sie. »Öffne das Tor! Ähähä!«

Der Soldat ließ sie nicht aus den Augen. »Was willst du mitten in der Nacht vor dem Tor, verrücktes Weib?«

»Verrücktes Weib? Bah! Nicht verrückt, das Böse zu übersehen. Wie alle anderen!« Sie trat auf den jungen Soldaten zu und öffnete den Mund mit den schwarzen Zahnstummeln, als er bis zur Wand der Wachstube zurückwich. »Ich muss etwas suchen, das ich verloren habe«, sagte sie mit überraschend sanfter Stimme, um dann wieder ihr hässliches Lachen hören zu lassen. »Und jetzt öffne das Tor! Bah!«

»Zum Namenlosen mit dir!« Der Soldat schob sie beiseite, trat in den Regen und schlug den Sperrbalken des rechten Torflügels heraus. »Und jetzt verschwinde!«

»Danke, mein Süßer!« Nargila machte einen faltigen Kussmund und wackelte mit dem ausladenden Hinterteil. »Wenn du des Nachts einmal einsam bist … Ähähä!«

Angewidert verzog der junge Soldat das Gesicht und schloss das Tor, als die Finsternis die Alte verschluckt hatte.

Sobald sie die Felsenstele mit dem Goblinidol am Abzweig erreichte, reckte sie den krummen Rücken. Ein wohliger Seufzer entwich ihr, und sie ging mit beschwingten Schritten weiter. Als sie die Straße kreuzen wollte, trat eine schmale Gestalt in einen Kapuzenumhang hinter der Stele hervor.

»Du bist zurückgekommen«, flüsterte sie. Die Gesichtszüge unter der Kapuze lösten sich auf und verwandelten sich in eine flimmernde Masse, aus der sich zahllose raupengroße Fortsätze lösten. Es sah aus wie das Gewimmel von Mehlwürmern in der Köderschale eines Anglers.

Eine halbe Ewigkeit lang starrte Nargila stumm in die Masse aus eklem Gewürm, gebannt von den Augen, die das einzig Menschliche dieser Erscheinung waren. »Bei Levthan und Satuaria!«, krächzte sie, als die Gestalt ein Messer hob.

***

»Ritter, Ritter! Das solltet Ihr Euch ansehen.« Der Wachsoldat riss die Augen auf, als sich zusammen mit Michal die barbusigen Mägde Ronaya und Islavia im Bett aufrichteten.

»Kannst du nicht anklopfen?«, knurrte Michal, der einen schweren Kopf vom Met hatte. Als er im Dämmerlicht erkannte, dass der Soldat vor Aufregung zitterte, sprang er aus dem Bett und zog die Tunika über das Unterzeug. »Was ist denn?«

»Die alte Nargila, man kann sie gar nicht mehr erkennen, sie ist gefunden worden, an der Goblinstele, tot.«

»Wenn man sie nicht erkennen kann, warum weißt du dann, dass sie es ist? Bleibt liegen, meine Schönen!«, sagte er, als Ronaya und Islavia aufstehen wollten. Mit einem Blick durch die Schießscharte hatte er gesehen, dass sich die Praiosscheibe noch nicht auf die Reise gemacht hatte. Am Horizont zeigte sich aber schon ein prächtiges Farbenspiel.

»Ich hatte Wache und habe mitten in der Nacht das Tor für sie geöffnet … Verzeiht!« Der junge Soldat machte ein schuldbewusstes Gesicht, denn es war streng verboten, das Tor des Nachts ohne triftigen Grund zu öffnen.

»Mach dir keine Sorgen, Petr, ich weiß, wie sie … war!«

An der Felsenstele warteten Josip und Enno Niklas, der Anführer der kleinen Schar Wachsoldaten. Michal summte, wie immer, wenn er seine Erregung lindern wollte, sein Tih-da-tah.

»Den Zwölfen zum Gruße, Ritter!«, sagte Niklas griesgrämig wie immer. »Seht Euch diese Sauerei an!«

Das Gesicht der alten Nargila war eine einzige Wunde. Von Nase, Mund und Ohren war nichts mehr übrig geblieben. Ströme von Blut hatten sich über die Hautfetzen ergossen, sodass der Kopf eine einzige rote Masse war.

»Goblins?«, fragte Michal. »Verdammte Rotpelze!«

»Die erstechen einen Wanderer hinterrücks, rauben ihn aus und verschwinden, nicht wahr, Josip?«, sagte Niklas.

Der Haushofmeister nickte zu diesen Worten.

»Sie würden sich nicht die Zeit nehmen, ihr Opfer unkenntlich zu machen«, schloss der Anführer der Wachsoldaten.

»Ein Dämon muss durch den Limbus gekommen sein, um sie so zuzurichten. Nur ein Wesen aus den Niederhöllen könnte einer alten Frau so etwas antun«, sagte Michal leise. Dort, wo der Mund Nargilas gewesen war, klaffte ein Schlitz von Ohr zu Ohr, der aussah wie der Mund einer Gauklerin, die eine zu stark geschminkte Hafenhure spielte. Er wandte den Blick ab. Auch wenn er die Alte nicht hatte leiden können, so ein Ende hatte niemand verdient. »Scharführer Niklas, Ihr werdet die Soldaten und das Gesinde befragen, ob jemandem etwas aufgefallen ist. War jemand heute Nacht draußen, Josip?«

Der Haushofmeister schüttelte den Kopf, plötzlich wurden seine Augen größer. Enno Niklas legte die Hand ans Schwert, und Michal drehte sich um.

Angeführt von einem muskulösen Glatzkopf näherten sich sechs Reiter aus Richtung Mirdin. Die schwarzen Waffenröcke über den Kettenhemden und das Wappen mit dem silbernen Hirschen unter goldenem Geweih wiesen den Rottenführer, die zwei Schwertschwinger und die beiden Bognerinnen als Krieger des Königshauses Kasmyrin von Nostria aus. Der sechste im Bund, wegen dem Enno Niklas nach dem Schwert gegriffen hatte, war ein schmal gebauter Mann, der wie eine gespannte Feder im Sattel saß. Über dem Kettenhemd trug er einen dunkelgrünen Waffenrock mit der Steineiche auf silbernem Grund: das Wappen von Andergast – dem Erbfeind seit hundert Jahren!

»Den Zwölfen zum Gruße, Michal!«, sagte der Rottenführer, auf dessen kahlen Schädel ein Löwe mit aufgerissenem Maul tätowiert war. »Wie ich sehe, haben die Ereignisse euch schon eingeholt, bei Hranngar!« Der Anblick der toten Vettel schien ihn nicht im Mindesten zu verwundern.

»Jan Pac!«, gab Michal erfreut zurück, als er den Freund aus Jugendtagen sah. »Haben sie dich endlich degradiert? Du befehligst nur noch eine Hand statt einer Rotte, du Nichtsnutz. Und du fluchst immer noch wie ein Thorwaler.« Der tätowierte Glatzkopf mit den blauen Augen war der Sohn des Burgmanns von Steinloch, das zwei Meilen östlich lag. Sie waren wie Brüder aufgewachsen, hatten gemeinsam den Kampf mit Schwert und Axt gelernt und den Schreiber von Jans Vater, der ihnen Lesen und Rechnen beibringen sollte, in den Wahnsinn getrieben. Später waren sie Seite an Seite gegen die Thorwaler geritten. Seit diesen Schlachten hatte Jan eine Vorliebe für die Flüche der Nordmänner.

Jan Pac sprang von seinem prächtigen Elenviler Vollblut, eilte auf Michal zu, und die die beiden Männer umarmten einander herzlich. Als sie sich lösten, klatschte Jan auf Michals Bauch. »Die Ruhe tut dir nicht gut. Aber das werden wir bald ändern.«

»Wie lang ist es her?«, fragte Michal und hieb dem alten Freund auf die Schulter. Die Krieger lächelten, nur der Andergaster machte ein ausdrucksloses Gesicht.

»Bald ein Jahr«, erwiderte Jan Pac, »im Feldlager von Gnitzen, als Andergast Truppen in Joborn zusammenzog.«

»Praios sei Dank kam es nicht zur Schlacht!«, sagte Michal.

»Ich sagte doch, die Ruhe bekommt dir nicht!« Jan Pac drückte Michals Oberarm, der kaum weniger muskulös als der seine war. »Muskeln wie ein Spatzenellbogen, bei Swafnir!«

»Haben wir Frieden mit Andergast?«, fragte Michal leise und sah den beiden Knechten hinterher, die die alte Nargila mit zum Boronsanger östlich der Burg trugen.