Du bist der Unterschied! - Juliane Rosier - E-Book

Du bist der Unterschied! E-Book

Juliane Rosier

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Beschreibung

Viele von uns kennen es: Zeit in einem Job zu verschwenden, der uns einfach nicht erfüllt und der nicht einmal Sinn ergibt. Wir gehen schon mit Bauchschmerzen zur Arbeit und wenn wir da sind, blicken wir ständig auf die Uhr, in der Hoffnung bald Feierabend zu haben. Wir leben nur für die Wochenenden und zählen die Tage bis zum nächsten Urlaub. Anstatt die Reißleine zu ziehen und beruflich etwas Sinnvolleres zu machen, treiben wir uns mit überholten Glaubenssätzen wie »Arbeit ist halt kein Vergnügen« immer weiter an. Das führt auf Dauer zu Frust, innerer Leere und im schlimmsten Fall zum Burnout. Doch das muss nicht sein! Egal ob bei der Klimakrise, in der Demokratie oder beim Kampf gegen Hunger und Not: Es kommt auf jede:n von uns an – auch auf dich! Also, bist du bereit, einen Unterschied zu machen? Juliane Rosier begleitet dich auf deinem Weg von einem bloßen Brotjob zu einer erfüllenden sinnstiftenden Arbeit. Sie zeigt dir, wie du endlich wieder Klarheit in dein Gedankenchaos bringst und einen Job findest, der nicht nur zu dir und deinem Leben passt, sondern auch einen Beitrag zu den Herausforderungen unserer Zeit leistet: Denn der Shift zu einer nachhaltigeren, sinnvolleren und menschlicheren Arbeitswelt ist dringend notwendig und möglich! Vergeude deshalb nicht dein Potenzial in einem Job, den niemand braucht, sondern pack mit an, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

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Seitenzahl: 306

Veröffentlichungsjahr: 2022

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JULIANE ROSIER

DU BIST DER UNTERSCHIED!

Wie du mit deiner Arbeit die Welt verbesserst

Mit 9 Abbildungen

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar.

© 2022 Vandenhoeck & Ruprecht, Theaterstraße 13, D-37073 Göttingen, ein Imprint der Brill-Gruppe

(Koninklijke Brill NV, Leiden, Niederlande; Brill USA Inc., Boston MA, USA; Brill Asia Pte Ltd, Singapore; Brill Deutschland GmbH, Paderborn, Deutschland; Brill Österreich GmbH, Wien, Österreich)

Koninklijke Brill NV umfasst die Imprints Brill, Brill Nijhoff, Brill Hotei, Brill Schöningh, Brill Fink, Brill mentis, Vandenhoeck & Ruprecht, Böhlau, V&R unipress.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.

Innengestaltung nach einem Entwurf von Hagen Verleger, Berlin Umschlaggestaltung: Buchgut, Berlin, nach einem Entwurf von Hagen Verleger

Grafiken: Tanja Oldach

Satz: SchwabScantechnik, GöttingenEPUB-Produktion: Lumina Datamatics, Griesheim

Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com

ISSN 2750-6568

ISBN 978-3-647-99383-6

Inhalt

Einleitung

KAPITEL EINS

Hilfe, mein Job ist ohne Sinn!

KAPITEL ZWEI

Unsere Arbeitswelt heute

Eine Innenschau: Krisen, Megatrends und aktuelle Herausforderungen

Krisen

Die zwölf Megatrends

Herausforderungen

Die Unzufriedenheit wächst

Die Bedeutung von Sinn für einen Job

Fazit: Wir brauchen dringend einen Wandel!

KAPITEL DREI

Die Arbeitswelt 2030

Warum wir eine Utopie brauchen

Wie die Arbeitswelt 2030 aussehen kann

Was sich konkret verändern muss

Fazit: Wir brauchen möglichst viele Menschen mit einem sinnvollen Job

KAPITEL VIER

Die Zukunft der Arbeit fängt bei dir an

Wie du zu einer besseren Welt beiträgst

Die Skills der Zukunft

Selbstverantwortung und Eigeninitiative

Veränderungsbereitschaft

Lebenslanges Lernen

Digitalkompetenz

Empathie und emotionale Intelligenz

Vorwärtsgewandtheit und Zukunftsorientierung

Achtsamkeit und Resilienz

Das richtige Mindset ist entscheidend

Fazit: So stellst du dich zukunftsfähig auf!

KAPITEL FÜNF

Wie du einen Job findest, der für dich sinnvoll ist

Berufswahl in einer multioptionalen Welt

In sieben Schritten zu einem Job mit Sinn

Schritt 1: Reflect!

Schritt 2: Who?

Schritt 3: Why?

Schritt 4: How?

Schritt 5: What?

Schritt 6: Test!

Schritt 7: Act!

Fazit: Los geht’s!

KAPITEL SECHS

Sei mutig und zuversichtlich – ein Plädoyer

Dank

Quellen

Literaturempfehlungen

Anmerkungen

Für Papi

Einleitung

Die Generation Y, also die Generation der in den frühen 1980er bis späten 1990er Jahren Geborenen, ist krisenerprobt: Terroranschläge wie der 11. September, die globale Finanzkrise, die europäische Flüchtlingskrise, die Afghanistan-Krise, die Coronapandemie, der Krieg in der Ukraine sowie die Klimakrise, mit ihren vielschichtigen Folgen wie dem Artensterben und regionalen Auswirkungen wie neuen Hitzerekorden und Hochwasserkatastrophen, gehören – um nur einige zu nennen – für die Millennials zu ihrer Lebenswirklichkeit. Wir stellen zunehmend fest: Sicher ist eigentlich gar nichts mehr! Und das erleben wir auch in der Arbeitswelt: Neben der Verlagerung von Produktionsstätten ins Ausland kommt es immer wieder zu Stellen abbau und Massenentlassungen. Zusätzlich beeinflussen technische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen unsere Arbeitswelt, z. B. die Globalisierung, die Digitalisierung und mit ihr der Einsatz von künstlicher Intelligenz sowie der durch den demografischen Wandel bedingte Fachkräftemangel.

Dass im Grunde nichts mehr sicher ist, wissen wir also. Krisen gehören zu unserem Alltag, und das macht was mit uns. Das Paradoxe ist: Auf der anderen Seite waren wir in Deutschland und den westlichen Ländern noch nie so sicher wie heute. Doch die Krisen haben eine neue Qualität bekommen. Während die Menschen sich früher hauptsächlich von Kriegen, Krankheiten und Hunger bedroht fühlten, sind die Krisen heute subtiler. Nur die wenigsten von uns bangen glücklicherweise um ihr nacktes Überleben, aber viele von uns kennen Zukunftsängste. Der russische Angriff auf die Ukraine, ein Krieg mitten in Europa, hat uns dies sehr deutlich vor Augen geführt. Fassungslos blicken wir auf solche Geschehnisse und spüren unsere Machtlosigkeit. Auch wenn wir in Deutschland nicht akut einem Angriff ausgesetzt sind, fühlen wir uns angesichts der größten Veränderung der geopolitischen Lage in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg in unseren gesellschaftlichen Grundwerten bedroht und fragen uns erschüttert, was da weltpolitisch wohl noch auf uns zukommen mag. Und genau hier liegt das Problem: Die akute Angst aktiviert ungeahnte Kräfte in uns Menschen und fordert uns zum sofortigen Handeln auf (Flucht oder Kampf) – das können wir an der ukrainischen Bevölkerung beobachten. Der eine Teil, überwiegend Frauen und Kinder, brachte sich in Sicherheit, während ein anderer Teil sich todesmutig den russischen Angreifern entgegenstellt und das eigene Land verteidigt. Hier in Deutschland waren die jüngeren Generationen zum Glück noch nie einer solchen Situation ausgesetzt, und doch kennen auch wir das Gefühl der Angst. Dann ist es in der Regel aber weniger akut, sondern vielmehr latent mitschwingend und äußert sich eher in einer Art Schockstarre: Wir hadern zwar mit dem, was da wohl noch kommen mag, und machen indessen erst einmal nichts. Wir hassen z. B. unseren Job, und doch kündigen wir nicht. Denn im Hier und Jetzt geht es uns dafür immer noch zu gut. Unser Kühlschrank ist voll, wir haben ein Dach über dem Kopf und immerhin eine Arbeit, die uns ermöglicht, dieses zu bezahlen, und vielen erlaubt, noch dazu ein- bis zweimal im Jahr in den Urlaub zu fahren.

Und dennoch drängt sich die Frage auf: Warum agieren wir in unserer latenten Unzufriedenheit nicht freier? Warum halten wir bei unserer Berufswahl an der vermeintlichen Sicherheit fest? Schließlich ist Sicherheit durchweg der primäre Grund, warum Menschen nicht ihrer Berufung nachgehen. Das bekomme ich in meiner Arbeit, in der ich seit vielen Jahren Menschen in ihrer beruflichen Entwicklung begleite, regelmäßig gespiegelt. Die Antwort auf die Frage, warum uns Sicherheit im Job so wichtig ist, liegt in unserem Mindset verborgen. Zu lange wurde uns eingebläut, dass nur das Beamten- und Angestelltendasein sicher ist. Als ich mich nach der Schule um eine Berufsausbildung in einem DAX-Konzern bewarb, hieß es: »Wenn du es da rein schaffst, hast du ausgesorgt!« Heute sehen wir anhand von vielen Beispielen, dass ein Arbeitsvertrag bei einem großen Unternehmen mitnichten ein Garant für ein Beschäftigungsverhältnis bis zur Rente ist. Ganz davon abgesehen, dass das für die meisten von uns ohnehin nicht mehr attraktiv ist. Und unsere Rente? Na ja, damit sieht es sowieso nicht so rosig aus, sofern wir uns nicht selbst um eine hinreichende Altersvorsorge kümmern und privat die zwangsläufige Rentenlücke stopfen.

Instinktiv spüren wir Millennials, dass einiges nicht richtig läuft. Schon längst lebt ein nicht unbedeutender Teil von uns eher minimalistisch, Tendenz steigend. Zu viel Besitz empfinden wir als Ballast, und warum etwas kaufen, wenn man es dank der Share-Economy auch mit anderen teilen kann? Das ist ja auch viel nachhaltiger, denn zu unseren brennendsten Zukunftsfragen gehört, was wir gegen den Klimawandel unternehmen können. Manche von uns haben deshalb schon vor Jahren ihren Fleischkonsum eingeschränkt und ernähren sich vegan, vegetarisch oder zumindest flexitarisch. Schauen wir in die Zukunft, fragen wir uns, ob wir in ein paar Jahren noch in einer lebenswerten Welt leben und welche Folgen des Klimawandels wir konkret zu spüren bekommen werden. Solche Überlegungen beginnen meist im Privaten, schwappen dann aber irgendwann auf den Job über. Das ist der Moment, in dem wir möglicherweise feststellen, dass das Unternehmen, für das wir arbeiten, nur auf Gewinnmaximierung auf Kosten anderer aus ist, dass das, was wir selbst im Job tun, nicht sinnvoll ist und in keiner Weise dazu beiträgt, die Welt zu einem besseren Ort zu machen; dass die drängendsten Fragen unserer Zeit nicht angegangen werden: von uns nicht und nicht von denen, die (gesellschafts-)politisch und wirtschaftlich an den entscheidenden Positionen sitzen. Im Gegenteil: Oft werden sie sogar verharmlost oder gar geleugnet. Problem? Welches Problem? Und schwupps ist sie da: die Sinnkrise.

Lange Zeit haben wir die Augen verschlossen vor dem, was passiert und was nicht passiert. Zu bequem war es in unserer Komfortzone. Doch steter Tropfen höhlt den Stein. Mit jeder neuen Krise werden wir wacher. Unsere Verletzlichkeit und die Fragilität der bestehenden Systeme werden uns bewusster – sei es im internationalen Warenverkehr, der weltweiten Finanzpolitik oder Ernährungslage, um nur einige Beispiele zu nennen. Unsere Intuition lässt uns hier nicht im Stich. Wir spüren, dass vieles von dem, was wir und andere tun, keinen Sinn ergibt. Plötzlich ist die Zeit da, unser Handeln zu hinterfragen. Wir werden skeptisch, stellen Fragen, unsere innere Stimme wird lauter, sie sagt: So geht es nicht weiter. Wir müssen etwas ändern! Jetzt. Auf einmal erwacht der Wunsch, dem Lauf der Welt eine sinnvollere, nachhaltigere und menschlichere Richtung zu geben. Ist diese innere Erkenntnis erst einmal da, können wir nicht so weitermachen wie bisher. Wir müssen uns auf die Suche nach Antworten begeben: Wie können wir unsere Welt zu einem besseren Ort machen?

Die Herausforderungen sind groß, bestehen auf nahezu allen Gebieten und sind für Einzelne nicht zu bewältigen: Von gesellschaftlicher Teilhabe, Chancengleichheit bis zu einer nachhaltigen Klimapolitik reichen die zahlreichen Aufgaben, derer wir uns annehmen müssen. Das bedeutet aber nicht, dass der oder die Einzelne keinen Unterschied machen kann. Im Gegenteil, oft braucht es eine*n Impulsgeber*in, der oder die den Anfang macht und andere motiviert mitzumachen. Wenn wir wirklich etwas verändern möchten, müssen wir uns jedoch zusammenschließen. Das Streben nach purer Selbstverwirklichung und nach Individualität muss Platz machen für eine Wir-Kultur und ein Denken aus dem Kollektiv für das Gemeinwohl. Doch ein Kollektiv braucht Diversität und so sind wir schnell beim nächsten Thema, bei dem in den wirklich wichtigen Debatten noch viele Fragen ungelöst sind: Fragen rund um das Thema Diversity und wie wir die Vielfalt in unserer Gesellschaft fördern, eine gesetzliche Frauenquote etablieren und den Abbau des Gender-Pay-Gaps, also das Lohngefälle zwischen Mann und Frau, hinbekommen. Zu einer zufriedenstellenden Lösung ist es in diesen Fragen noch nicht gekommen. Das frustriert. Die Möglichkeiten sind da und doch geht es nur mühsam voran, wenn es denn vorangeht.

Hat die Generation Y mit ihren Forderungen nach mehr Freiheiten und flexiblen Arbeitszeitmodellen die New-Work-Bewegung anfangs angetrieben, geht die Generation Z der Post-Millennials der zwischen 1997 und 2012 auf die Welt Gekommenen einen entscheidenden Schritt weiter. Sie fordert Klimagerechtigkeit und ein höheres Umweltbewusstsein. Das tut sie nicht leise, sondern lautstark mit Fridays for Future auf den Straßen dieser Welt. Millionen von jungen Menschen gehen regelmäßig demonstrieren und setzen ein Zeichen im Kampf für eine bessere Zukunft. So findet auch in anderen Generationen immer mehr ein Umdenken und ein Bewusstseinswandel Richtung Nachhaltigkeit statt, der sich auf die Wirtschaft auswirkt. Unternehmen, die sich nicht um Klimaneutralität bemühen oder denen nachhaltiges Handeln nicht wichtig ist, werden es in Zukunft schwer haben, ihre Produkte zu verkaufen, und im Wettbewerb um die Nachwuchs- und Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt häufig den Kürzeren ziehen. Mit steigendem Bewusstsein für die Verantwortung, die man für sein eigenes Handeln trägt, wird für solche Unternehmen in Zukunft niemand mehr arbeiten wollen.

Doch damit steht auch schnell die Frage im Raum, worin eigentlich die eigenen Stärken bestehen und wo man sich beruflich am besten einbringen kann – ohne dabei gegen die eigenen Werte zu verstoßen. Das ist der Moment, in dem die Menschen zu mir kommen und ein Job- und Karrierecoaching buchen, um Klarheit in das eigene Gedankenwirrwarr zu bringen. Sie können nämlich zwar in der Regel sagen, was sie nicht möchten, aber eben nicht, was sie möchten. Das erforschen wir dann Schritt für Schritt im Coaching, was ein sehr wertvoller und augenöffnender Prozess ist, wie meine Klient*innen immer wieder beschreiben, und den ich auch selbst vor einigen Jahren durchlaufen habe. Denn, wie ich im späteren Verlauf des Buches noch erzählen werde, gab es auch in meinem Leben eine Zeit, in der ich unentschlossen war, was ich beruflich machen soll, überfordert von den vielen Möglichkeiten und frustriert, dass ich mich scheinbar verrannt hatte. Ich weiß, wie viel Kraft es kostet, sich Tag für Tag im wahrsten Sinn des Wortes zu einer Arbeit zu schleppen, die einen nicht erfüllt, und sich nichts sehnlicher zu wünschen, als dort nicht länger hinzumüssen. Zum Glück kenne ich aber auch die andere Seite und weiß, wie viel Energie einem der richtige Job geben kann und wie schön es ist, etwas zu tun, das man gern tut und noch dazu gut kann und das einem sinnvoll erscheint. Wie ich dort hingekommen und welche Schritte ich gegangen bin, werde ich in diesem Buch ausführlich beschreiben. Vorher werde ich aber noch einen Blick darauf werfen, warum so viele von uns inzwischen mit ihren Jobs hadern, wie unsere heutige Arbeitswelt aussieht und wie sie in Zukunft aussehen könnte und welchen Teil du selbst dazu beitragen kannst, unsere Welt zu verbessern. Dabei werde ich immer wieder Beispiele aus meiner Praxis oder meinem eigenen Leben mit dir teilen und dir Vorbilder vorstellen.

Häufig sind es übrigens Frauen, die die Zukunft verantwortungsbewusst gestalten und dabei auf dem Vormarsch sind, Frauen wie Janina Kugel, die in ihrem Buch »It’s now« beschreibt1, warum es jetzt wichtig ist zu handeln; Frauen wie Tijen Onaran, die sich für Diversity einsetzt; Frauen wie Luisa Neubauer oder Greta Thunberg, die für eine bessere Klimapolitik kämpfen. Diese Frauen kommen aus allen Altersklassen, und das ist gut so, weil wir sie jetzt mehr denn je für einen generationsübergreifenden Konsens für Veränderung brauchen. Wir brauchen eine kritische Masse und wir brauchen starke Vorbilder. Deshalb möchte ich dir, liebe Leserin und lieber Leser, Mut machen. Mut machen, deinen eigenen Weg einzuschlagen und dich für das einzusetzen, was dir wichtig ist. Dir Mut machen, Vorbild zu sein und mit deinem Weg schließlich viele weitere Menschen zu einem Wandel zu inspirieren. Dir Mut machen, dich auf die Suche nach einem Job zu begeben, der dich mit Sinn erfüllt, in dem du dich mit ganzem Herzen engagierst und mit dem du dazu beitragen kannst, die Welt für uns alle nicht nur ein kleines Stückchen besser zu machen, sondern ein großes Stück. Für alles andere bleibt keine Zeit. Zum Mindset des 21. Jahrhunderts gehört es, groß zu denken und sich mit nichts anderem zufriedenzugeben, als durch eine völlig neue Lebensqualität unsere Welt zu einem nachhaltigen und menschlichen Ort zu machen. Die Möglichkeiten dafür sind da. Nie war es so einfach, sich dank sozialer Medien eine Stimme zu verschaffen, Verbündete zu suchen und die Ziele gemeinsam mit vereinter Kraft anzugehen. Die Zeit, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen, ist jetzt. Packen wir es an.

KAPITEL EINS

HILFE, MEIN JOB IST OHNE SINN!

EXKURS

Da saß ich nun im Einzelbüro eines mittelständischen Marktführers in einer gewöhnlichen deutschen Kleinstadt und war für das Recruiting und die Personalentwicklung dreier Länder verantwortlich: ein gut bezahlter und vermeintlich sicherer Job, zumindest, was man in der gängigen Vorstellung darunter versteht, ein Job, dem ich in all den Jahren meines Studiums immer entgegengefiebert hatte. Von außen betrachtet hatte ich es geschafft. Jedenfalls bekam ich jedes Mal ein beeindrucktes Nicken, wenn ich gefragt wurde, was ich beruflich machte. In meinem Inneren fühlte es sich jedoch nach vielem an, nur nicht nach dem Gefühl, endlich angekommen zu sein.

Ich sah auf die Uhr. Noch drei Stunden, bis ich Feierabend machen konnte. Nicht etwa, weil ich zu diesem Zeitpunkt alle Aufgaben erledigt hätte – das geschah eigentlich nie –, sondern weil es dann eine adäquate Zeit war, um Feierabend machen zu können: ohne das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen, ohne dass die Kolleg*innen einen aufzogen und fragten, ob man einen Teilzeitjob hätte. »In welcher Zeit leben wir eigentlich?«, fragte ich mich. Ich habe den Unsinn der Präsenzkultur noch nie verstanden. Drei weitere Stunden, in denen ich mich eingesperrt fühlen und mein Blick an den beiden Bildschirmen vor mir haften würde.

Pling. Das firmeninterne Chatprogramm holte mich für einen kurzen Moment in die Gegenwart zurück. Ein Kollege wollte wissen, ob ich die Auswertung schon fertig hätte. Hatte ich nicht. Ohnehin hinkte ich in letzter Zeit meiner Arbeit hinterher. Allen im Team ging es so. Zu viele Aufgaben für zu wenig Köpfe. Trotzdem wurden in den letzten Monaten offene Stellen nicht nachbesetzt. Man müsse sparen, hieß es.

Ernüchtert sah ich mich in meinem Büro um. Rechts von mir war eine Schrankwand aus Buche mit verschiedenfarbigen Aktenordnern meiner Vorgängerin, daneben ein brauner Kunststoffpapierkorb und darüber ein Werbekalender. Einer dieser Wandkalender, die immer drei Monate des Jahres anzeigen und dessen roten Datumsschieber ich jeden Morgen einen Tag weiterschiebe, ein bisschen so, als ob man die Tage bis zum nächsten Urlaub zählt. Nur dass am Ende des Kalenders nicht Bali wartet, sondern das nächste Kalenderblatt, das man abreißen kann. Mein Blick fiel wieder auf die Schrankwand. Ich fragte mich, wann solche Möbel eigentlich mal modern waren, und kam zum Ergebnis, dass das schon ziemlich lange her sein musste. Mein Vorschlag, die Inneneinrichtung der Büros zu modernisieren, wurde abgeschmettert. Und zwar nicht mal mit dem standardmäßigen »Wir müssen sparen«-Argument, sondern mit dem Hinweis, wir seien nun mal keine hippe Werbeagentur. Nee, das waren wir definitiv nicht. Links von mir war die Durchgangstür zum Nachbarbüro, durch die ich direkt auf den Schreibtisch meiner Lieblingskollegin sah, die gerade irgendwelche Papiere sortierte. Unsere Blicke trafen sich und ihr Gesichtsausdruck verriet mir, dass auch sie froh war, dass bald Feierabend sein würde. Sie drehte sich wieder zu ihrem PC um und fing an zu tippen. Kurze Zeit später ploppte ein neuer Chat auf meinem Bildschirm auf. »Wir müssen hier raus!«, schrieb sie und verdrehte die Augen, als ich noch mal zu ihr rüberblickte. Auch wenn ich wusste, dass ihre Aussage sich darauf bezog, beruflich etwas anderes zu machen, drehte ich mich instinktiv auf meinem Drehstuhl um. Hinter mir war eine Fensterfront, die den Blick freigab auf ein paar Büsche und ein dahinterliegendes Feld. Wie ich feststellte, schien die Sonne. Augenblicklich machte sich ein noch stärkeres Sehnsuchtsgefühl in mir breit. Wie gern wäre ich jetzt spazieren gegangen und hätte mir die Sonnenstrahlen ins Gesicht scheinen lassen. Es hätte mir gutgetan, nach den vielen Meetings heute ein paar Schritte zu gehen, um den Kopf freizubekommen. Aber den Arbeitsplatz außerhalb der Mittagspause zu verlassen war nicht vorgesehen. Pling, eine neue Nachricht von dem Kollegen: »Juliane, können wir dazu kurz telefonieren?« Resigniert machte ich mich wieder an die Arbeit – drei Stunden noch, dann würde der vermeintlich schöne Teil des Tages beginnen.

So wie mir damals mit Anfang dreißig geht es heute vielen. Neben dem Wunsch nach mehr Unabhängigkeit und Selbstbestimmung fehlte mir in jener Zeit vor allem eines: Sinn! Hört man sich im eigenen Freundes- und Bekanntenkreis um, stellen die meisten von uns wohl fest, dass ziemlich viele Menschen mit ihren Jobs hadern und ahnen, dass ihre Arbeit eigentlich nicht der Mühe wert ist. Für diejenigen unter uns, die selbst unzufrieden sind, mag das beruhigend wirken. Denn die Message dahinter ist: Du bist nicht allein! Und es stimmt, mit dem Wunsch, zu kündigen und beruflich etwas anderes zu machen, steht man wahrlich nicht allein da. Die meisten von uns hängen auch gar kein Mäntelchen drum, gehört das Stöhnen über die Arbeit doch fast schon zum guten Ton. Im Jammern sind wir Deutschen ohnehin Weltmeister. Auf die Frage, wie es uns geht, antworten wir: Muss ja. Und wenn wir über unseren Job sprechen, sagen wir im besten Fall: Der ist ganz okay. Oder wir erzählen, dass der Chef doof ist, die Kolleginnen nerven, die Aufgaben langweilig sind und das Gehalt sowieso zu niedrig. Falls uns jemand anstrahlt und berichtet, wie toll sein oder ihr Job ist, werden wir direkt skeptisch, ziehen die Augenbrauen hoch oder runzeln ungläubig die Stirn. Die Person wird auch noch in der harten Realität des Arbeitsalltags ankommen, denken wir. Begeisterung weckt Misstrauen, für uns ist Desillusion im Arbeitsleben die Norm. Die Sache muss doch einen Haken haben.

Unzufriedenheit ist also der Standard. Das belegt auch die jährliche Gallup-Studie, die den Engagement-Index der Mitarbeitenden in Deutschland misst. Das Ergebnis aus dem Jahr 2021 besagt, dass 69 % aller Arbeitnehmer*innen nur eine geringe emotionale Bindung an ihren Arbeitgeber haben, weitere 14 % sogar keine, was einer inneren Kündigung gleichkommt. Die dadurch für die Unternehmen entstehenden Kosten durch den Produktivitätsverlust der Mitarbeiter*innen und die erhöhte Fluktuation sind immens und belaufen sich laut Gallup-Institut auf etwa 92,9 bis 115,1 Milliarden Euro pro Jahr.2 Aber noch viel wichtiger: Was bedeutet das eigentlich für jede*n Einzelne*n dieser immerhin insgesamt über 5,2 Millionen arbeitenden Menschen? Morgens aufzustehen und einer Arbeit nachgehen zu müssen, die einem keine Freude bereitet? Und wo liegen die Ursachen? Können wir uns das als Wirtschaftsnation eigentlich leisten? Und warum landen so viele von uns überhaupt erst in einem Job, der sie nicht erfüllt?

Kurze Antwort: Weil wir Menschen Meister im Schönreden und Verdrängen sind. Meist spüren wir schon im Vorstellungsgespräch, dass der Job nicht zu uns passt, oder uns beschleicht ein ungutes Gefühl bei der Vertragsunterzeichnung. Aber was nicht passt, wird eben passend gemacht. Wir rationalisieren unsere Bedenken so lange, bis sie verstummen. Für fast alles im Leben kann man ja irgendwelche Gründe finden. Das Gehalt ist ganz okay, das Team ist nett, die Stadt schön, man muss nicht umziehen und sowieso: Das Leben ist schließlich kein Ponyhof! Was anfangs vielleicht noch einigermaßen gut klappt, funktioniert auf lange Sicht nicht. Die Bedenken mögen zwar verstummen, weg sind sie damit aber nicht. Es ist schwer und erfordert große Anstrengungen, sich auf Dauer selbst zu belügen. Viele meiner Klient*innen sagen, sie hätten ihr Bauchgefühl verloren. Der Kopf mit all seinen sich im Kreis drehenden Gedanken sei einfach zu laut. Und doch setzt sich unsere Intuition langfristig durch – hoffentlich, bevor wir im Burn-out sind oder psychosomatische Störungen entwickelt haben. Wird unsere Intuition immer stärker und mit ihr das Gefühl, dass das doch nicht alles gewesen sein kann, lässt sich diese Stimme irgendwann nicht mehr ignorieren. Eines Tages trifft uns mit voller Wucht die Einsicht: Ich will hier einfach nur noch weg! Und das in der Regel lieber heute als morgen. Es gibt dann zwei Wege, mit diesem Impuls umzugehen: entweder die Flucht nach vorn anzutreten oder sich bis auf Weiteres mit der Unzufriedenheit zu arrangieren.

Letzteres kam für mich persönlich nie infrage. Ich fand und finde die Vorstellung grauenvoll, die Zeit in einem Job abzusitzen und auf den nächsten Urlaub zu warten. Als Ypsilonerin waren meine Jobs von mir ohnehin meist von Anfang an allein als Zwischenstationen gedacht. Gedanklich stets schon einen Schritt weiter, hatte ich jederzeit ein innerliches Exit-Datum für die aktuelle Stelle im Kopf und einen Plan, wie es danach weitergehen sollte. Ich habe meine Karriere nie langfristig bei einem einzigen Arbeitgeber geplant, sondern nur bis zu dem Zeitpunkt, an dem eines meiner Ziele erreicht war: der Abschluss der Berufsausbildung oder das Bestehen des Bachelor- oder des Masterstudiums oder um die Zeit zwischen zwei beruflichen Stationen zu überbrücken. Das Ende meiner Jobs war also stets absehbar. Aus dem gleichen Grund war ich persönlich befristeten Arbeitsverträgen gegenüber auch nie abgeneigt. Mein Freiheitsdrang fand es gut, dass die Entscheidung für den Job nichts Endgültiges hatte. Eines Tages, als ich mit einem älteren Arbeitskollegen gemeinsam in der Mittagspause war, ließ er sich über meine sich hinziehende Entfristung aus. Das sei doch nicht fair, ich müsse ja schließlich auch planen können und Sicherheit haben, sagte er. Ich fand den Gedanken absurd, seine eigene Lebensplanung von der Entfristung eines Jobs abhängig zu machen. Innerlich fragte ich mich, was ein unbefristeter Arbeitsvertrag schon ändert. Schließlich waren wir gerade dabei, zwei Standorte zu schließen. Wenn Stellen abgebaut werden sollen, ist man so oder so nicht vor einer Kündigung gefeit. Und die Sorge, keinen Job zu finden, hatte ich nie: ein Hoch auf den Fachkräftemangel! Sobald ich spürte, dass mein Job nicht mehr zu mir passte oder meine Pläne sich geändert hatten, fackelte ich also nie lange. Aber diesmal war es anders. Nach meinem Masterstudium und mit dem Jobangebot hatte ich alles erreicht, was ich mir zunächst vorgenommen hatte. Mein ursprüngliches Vorhaben, mich in einer Firma als Personalleiterin hochzuarbeiten, fühlte sich für mich irgendwie nicht mehr stimmig an. Mich beschlich das Gefühl, dass dieser Weg mich nur noch mehr einengen würde. Das erste Mal nach mehreren Jahren hatte ich nicht schon den nächsten Schritt im Auge, aber dafür umso mehr Optionen. Was nach purem Luxus klingt, strengte mich wahnsinnig an. Das Gedankenkarussell in meinem Kopf schien nie zu stoppen, und umso länger ich grübelte, umso schneller schien es sich zu drehen.

EXKURS

Als ich endlich Feierabend hatte, ging ich schnurstracks zum Auto. Endlich raus hier. Aus den drei Stunden waren schließlich doch noch vier geworden. Mein Chef wollte mal wieder irgendeinen Report für die Geschäftsführung. Der vierte innerhalb weniger Tage. Dass die Daten wenig aussagekräftig waren, interessierte scheinbar keinen. Hauptsache, man konnte dem eigenen Chef ein paar Zahlen vorlegen. Überhaupt hatte ich den Eindruck, dass es einzig und allein um Zahlen, Daten und Fakten ging und der Mensch darüber in Vergessenheit geriet. Dabei hatte ich diese Tätigkeit ursprünglich genau deshalb angetreten: um einen positiven Unterschied in der Arbeitswelt zu machen, um Unternehmen mit den passenden Leuten zusammenzubringen, um gemeinsam etwas zu bewegen, um das Potenzial dieser Personen bestmöglich zu entfalten und ihre Arbeitszufriedenheit zu steigern, um einen Ort in der Arbeitswelt zu schaffen, an dem die Menschen gern arbeiteten – Menschen wohlgemerkt, nicht Ressourcen. Über meine ursprünglichen Gedanken konnte ich inzwischen nur noch müde lächeln. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich mit meiner Arbeit irgendeinen wichtigen Beitrag leistete.

Als ich mit dem Wagen vom Firmenparkplatz fuhr, sah ich schon nach wenigen Metern die vielen roten Rücklichter der Wagen, die wie ich auf die Autobahn wollten. Stau. Wie sollte es auch anders sein um diese Zeit. Ich stellte mich auf einen langen Heimweg ein und rief meinen Freund an. Wie mein Tag war, wollte er wissen. »Ach«, erzählte ich, »wie immer«. Und schon befand ich mich im Jammer modus und berichtete ihm von den banalen Vorkommnissen, die mich heute wieder einmal so genervt hatten. »Immer die gleiche Leier. Eigentlich könntest du das auch aufnehmen und den Mitschnitt abends abspielen«, sagte er. Und er hatte recht. Ich erkannte mich ja selbst kaum wieder: Ich, die stets gern arbeiten gegangen bin, die sich fortlaufend weiterentwickelt hat und für die Stillstand ein No-Go war, war nahezu in Unzufriedenheit erstarrt. Und jetzt? Von Abwechslung keine Spur, täglich grüßt das Murmeltier. Es musste sich wirklich etwas ändern, sagte ich mehr zu mir selbst als in das Telefon und nahm mir vor, heute Abend direkt damit loszulegen. Doch als ich nach eineinhalb Stunden Fahrt zu Hause ankam, fuhr ich frustriert Runde um Runde um den Block. Zu dieser Uhrzeit war die Parkplatzsuche in der Kölner Innenstadt kein leichtes Unterfangen. Bis ich in meiner Wohnung sein würde und mir was zu essen gekocht hätte, wäre 21 Uhr schon locker durch. Den Gang ins Fitnessstudio konnte ich mir heute also getrost sparen. Nachdem ich schnell gegessen hatte, fuhr ich meinen Laptop hoch in der Hoffnung, im Netz zu finden, was ich in mir aktuell nicht fand: eine zündende Idee, die es mir erlaubte, meinen Job zu kündigen, um aus dem Hamsterrad rauszukommen.

Wahllos öffnete ich eine Stellenbörse nach der anderen und suchte nach passenden Stellenanzeigen – im Unklaren darüber, was für mich überhaupt »passend« war. Kein Wunder, dass mich kein Stellenprofil so richtig ansprach. Irgendwann weitete sich mein Radius und ich googelte nach anderen Möglichkeiten als einer bloß besseren Stelle und kam vom Hölzchen aufs Stöckchen. Ein Trainee-Programm bei einem Global Player? Freiwilligenarbeit im Ausland? Work and Travel? In einer Unternehmensberatung projektbasiert arbeiten? Ein Auslandspraktikum? Den MBA machen? Oder gar promovieren? Das klang alles irgendwie spannend und gleichzeitig wurde mir schwindelig bei der schieren Auswahl an Möglichkeiten. Anstatt bei der Recherche also die erhoffte Klarheit zu bekommen, wurde mein Geist immer unruhiger und das Chaos in meinem Kopf nur noch größer. Alle, die schon mal gegoogelt haben, wissen, wie schnell man sich verlieren und in den Suchergebnissen verfranzen kann. Und zack, war der Abend rum, ohne ein bisschen schlauer geworden zu sein. Logisch, denn da ich selbst nicht wusste, wonach ich eigentlich suchte, war selbst eine Suchmaschine überfragt. Ich lehnte mich erschöpft zurück. Erst jetzt merkte ich, wie müde ich war und wie steif sich mein Körper vom vielen Sitzen anfühlte. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass es schon halb zwölf war, also höchste Zeit, ins Bett zu gehen – wieder mal mit dem unbefriedigenden Gefühl, heute nichts geschafft zu haben.

Tage wie diese bekomme ich von meinen Coachees zuhauf beschrieben. Diese Unentschlossenheit ist deshalb so unbefriedigend, da sie nicht bloß Zeit kostet und anstrengend ist, sondern uns vor allem daran hindert, wirklich ins Tun zu kommen. Wir sind gefangen in unseren Gedankenkreisen und finden einfach nicht heraus. Das frustriert und rückt die Frage in den Mittelpunkt: Und so soll mein Leben aussehen? Der Frust kommt dabei keineswegs zwangsläufig von den Überstunden oder dem Arbeitspensum. Allein die empfundene Sinnlosigkeit reicht dafür aus. Wenn man den Sinn in etwas sieht, dann ist man gern bereit, auch mal mehr zu arbeiten. Erachtet man seine eigenen Aufgaben jedoch als sinnlos, fragt man sich schnell, wozu man das eigentlich alles macht. Und hat darauf häufig eben keine Antwort.

Das macht vielen von uns zu schaffen. Logisch. Man möchte den überwiegenden Teil seiner Lebenszeit schließlich nicht mit belanglosen Tätigkeiten vergeuden. Man möchte vielmehr einen Beitrag leisten und etwas Sinnvolles tun. Dieser Wunsch tritt umso mehr zutage, je mehr unserer Grundbedürfnisse erfüllt sind. Auch logisch. Wenn ich am Ende des Monats nicht weiß, wovon ich den Kühlschrank füllen soll, habe ich andere Probleme, als mich darum zu kümmern, die Welt zu verbessern. Der Psychologe Abraham Maslow hat dies auf eine sehr einfache Art und Weise in der nach ihm benannten Maslow’schen Bedürfnispyramide veranschaulicht, die in Abbildung 1 zu sehen ist.3

Abbildung 1: Maslow’sche Bedürfnispyramide

Bevor unsere Grundbedürfnisse nicht erfüllt sind und wir uns nicht sicher fühlen, haben wir keine geistigen Kapazitäten, um nach der Erfüllung von weiteren Bedürfnissen zu streben. Diese sind dann erst einmal zweitrangig. Glücklicherweise haben wir dieses Stadium in Deutschland seit einigen Jahrzehnten verlassen. Es geht uns als Gesellschaft so gut wie nie zuvor. Niemand muss hungern, sich ernsthaft um seine Grund- und Existenzbedürfnisse sowie Sicherheit sorgen. Das weckt in uns zwangsläufig den Wunsch, in der Bedürfnispyramide nach oben zu klettern. Sich selbst zu verwirklichen steht dabei ganz oben auf der Wunschliste. Zu Recht: Das eigene Potenzial auszuschöpfen ist nicht nur eine schöne Vorstellung, sondern auch notwendig. Ich bin davon überzeugt, dass die Welt umso besser wird, desto mehr Menschen ihr Potenzial entfalten.

Doch ist die Welt in den letzten Jahren wirklich besser geworden, wo es so viele Menschen unter uns gibt, die nach Selbstverwirklichung streben? Oder empfinden wir das Leben nicht eher als anstrengender und energieraubender? Ich denke letzteres, und das aus einem guten Grund: Wir verwechseln Selbstverwirklichung mit Selbstoptimierung. Statt uns auf unsere Stärken und Talente zu besinnen und diese kontinuierlich auszubauen, wollen wir in allen Bereichen gut sein und das Beste aus uns herausholen, egal ob es um unser Aussehen geht, unser Zuhause, unsere Freizeit oder eben um unseren Job. Mit Mittelmaß möchten wir uns in keinem Lebensbereich zufriedengeben und setzen uns deshalb fortlaufend weiter unter Druck. Dabei rennen wir verbissen einem perfekten Bild hinterher, das wir in unserem Kopf von uns selbst entworfen haben und dessen Erreichung ohnehin eine Illusion ist. Dieser überzogene Perfektionismus kostet jede Menge Energie in Form von Nerven, Zeit und auch Geld. Denn, um unseren permanent steigenden Ansprüchen gerecht zu werden, müssen wir immer mehr Geld verdienen, das heißt arbeiten, um uns den Lifestyle auch leisten zu können. Puh, anstrengend.

Es liegt auf der Hand, dass das nicht ewig gut geht und uns im Hamsterrad irgendwann die Puste ausgeht. Dann stehen wir da mit zittrigen Beinen, erschöpft gehetzt und hinterfragen die Sinnhaftigkeit unseres Tuns: Und jetzt? Kann es das etwa schon gewesen sein? Gibt es nicht vielleicht noch mehr im Leben, was auf mich wartet? Schon sind sie da: die ganz großen Fragen im Leben – leider ohne Antworten. Vermutlich gab es diesen Moment im Leben von Menschen schon immer. Der Moment, in dem man plötzlich registriert, dass das halbe Leben schon hinter einem liegt und man sich fragt, ob man die zweite Lebenshälfte genauso verbringen möchte wie die erste. Früher hörte man häufig den Begriff der Midlife Crisis – also einer Sinnkrise in der Lebensmitte. Das Bild galt oft Männern, die sich mit Mitte vierzig ein Motorrad kauften, plötzlich eine Affäre hatten oder sich in irgendein anderes Abenteuer stürzten. Diese persönliche Krise kommt inzwischen früher und wird als Quarterlife Crisis beschrieben: die Sinnkrise der Millennials. Man hat das Studium in der Tasche, arbeitet seit ein paar Jahren im Job und fragt sich, ob es in den nächsten vierzig Jahren jetzt so weitergehen soll. Aber neben dem früheren Zeitpunkt gibt es noch einen weiteren Unterschied zur Midlife Crisis: Die Fragen, die wir Millennials uns heute stellen, gelten nicht länger nur dem eigenen Leben, sondern mit steigendem Bewusstsein für den Klimawandel etwas Größerem. Wird die Welt in Zukunft noch lebenswert sein? Ist es überhaupt noch verantwortbar, Kinder in diese Welt zu setzen? Ist die Erderwärmung noch zu stoppen? Beschäftigt man sich mit diesen Fragen, wird einem schnell klar, dass es keineswegs einzig und allein um die reine Selbstverwirklichung gehen kann, es steht viel mehr auf dem Spiel: die Lebensqualität aller Lebewesen auf unserem Planeten. Auch Abraham Maslow hat dies erkannt und seiner Bedürfnispyramide kurz vor seinem Tod noch eine weitere Stufe an der Spitze hinzugefügt: Transzendenz, also die Suche nach etwas Höherem.4

Von diesen Fragen geleitet landet man schnell beim Thema Umwelt- und Klimaschutz. Ich jedenfalls fing an, zu diesen Themen zu recherchieren, die eine oder andere Netflix-Dokumentation zu schauen, und diskutierte im Freundeskreis. Schon bald begann ich, mein Konsum- und Einkaufsverhalten zu hinterfragen und nach und nach umzustellen. Themen wie Nachhaltigkeit, Tierwohl und unsere Ernährung – um nur einige zu nennen – rückten in den Fokus. Ich merkte, dass ich gar nicht so viel brauche, wie ich konsumierte, und begriff, wie verschwenderisch wir seit Jahrzehnten in der westlichen Welt gelebt haben. Vor meiner inneren Wende war ich eine richtige Shopping-Queen. Viele Jahre liebte ich es, bummeln zu gehen. Ich kaufte, was das Zeug hielt, und fuhr regelmäßig zum Einkaufen in die Stadt, entweder zusammen mit einer Freundin oder allein. Es machte mich glücklich, wie ein neues Kleidungsstück in meinen Besitz wechselte. Aber um ehrlich zu sein, war es nicht bloß Kleidung. Ob Bücher, Schmuck oder Dekogegenstände für die Wohnung – etwas zu kaufen gab mir ein gutes Gefühl. Obwohl ich viele Kleidungsstücke davon nie angezogen habe und sie auch nach Monaten noch mit Preisschild ungetragen in meinem Schrank hingen. Ich wollte mit ihnen für möglichst jede Situation gewappnet sein und die passende Gelegenheit würde sich schon noch bieten. Was man hat, hat man. Und ein kleines Schwarzes braucht doch schließlich jede Frau, oder? Das Problem: Mein Platz in den Schränken wurde zusehends knapper. Die Lösung? Ein größerer Schrank muss her! Die Räume wirken jetzt vollgestellt? Die nächste Wohnung muss auf jeden Fall ein paar Quadratmeter größer sein!

Es entsteht ein Kreislauf, der einfach nur absurd ist: Wir gehen einer Arbeit nach, die die Welt nicht braucht, um uns eine immer größere Wohnung leisten zu können für Dinge, die wir im Grunde ebenfalls nicht brauchen. Wir versuchen, uns Glück zu erkaufen, doch wir fühlen uns innerlich oft einfach bloß leer. Und zeitaufwendig ist es auch. Wir müssen in die Stadt fahren oder Onlineshops durchforsten, wir müssen Tüten auspacken und manchmal wieder einpacken, um Sachen, die uns doch nicht gefallen, umzutauschen oder zurückzusenden. Umso mehr wir besitzen, umso mehr Zeit und Energie müssen wir für die Pflege aufbringen – schließlich möchten die Dinge gereinigt, gewartet, repariert und irgendwann wieder entsorgt werden. Der wöchentliche Hausputz wird kontinuierlich umständlicher und aufwendiger. Die Wohnung ist voll, überall steht was rum, die Schubladen platzen aus allen Nähten und die Entscheidungsfindungen dauern auch länger. Denn wenn wir vor unserem Kleiderschrank stehen, sehen wir den Wald vor lauter Bäumen nicht und kommen zu der falschen Erkenntnis: Wir haben einfach nichts zum Anziehen!

So bleibt uns immer weniger Zeit für das eigentlich Wichtige. Freunde und Freundinnen treffen, gemeinsam kochen oder bis tief in die Nacht über einem Glas Wein versacken? Oder endlich das Buch lesen, das schon so lange auf unserem Nachtisch liegt? Fehlanzeige! Dafür haben wir keine Zeit oder sind von unserem Alltag im Hamsterrad zu erschöpft und wollen nach Feierabend nur noch auf die Couch. Deshalb sieht der Tag bei vielen gefühlt so aus wie in Abbildung 2.

Aber warum kaufen wir dann nicht einfach weniger, um mehr Zeit zu haben für die wirklich wichtigen Dinge? Weil wir unsere innere Leere, die durch unsere Unzufriedenheit ausgelöst wird, versuchen zu füllen. Je rastloser wir im Inneren sind und umso weniger Sinnerleben wir spüren, umso mehr Ablenkung benötigen wir. Wir kompensieren mit Essen, Alkohol, Sport oder eben