Hallo, ich bin Maria Schneidmüller.
Ich bin psychologisch und pädagogisch ausgebildet und
Mitglied in mehreren psychologischen Fachverbänden
darunter (VFP).
In meiner Arbeit begegne ich immer wieder Menschen, die
sich selbst nicht genug fühlen – die das Gefühl kennen, erst
etwas leisten oder Erwartungen erfüllen zu müssen, um
wertvoll zu sein.
Dieses Buch richtet sich an Menschen, die gelernt haben zu
funktionieren, stark zu sein und Erwartungen zu erfüllen –
häufig auf Kosten der eigenen seelischen Gesundheit.
Viele erleben ein permanentes inneres „Müssen“, getrieben
von der Angst zu versagen, andere zu enttäuschen oder nicht
genug zu sein. Dieses Muster ist kein persönliches Versagen,
sondern eine erlernte Überlebensstrategie.
Das Ziel dieses Buches ist es, psychologische Hintergründe
zu erklären, innere Mechanismen sichtbar zu machen und
konkrete Werkzeuge bereitzustellen, die helfen, alte Muster
zu durchbrechen und einen neuen Umgang mit sich selbst zu
entwickeln.
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Ich weiß aus Erfahrung, wie schwer dieser innere Druck sein
kann – und ich weiß auch, dass es möglich ist, ihn
loszulassen.
Mit diesem Buch möchte ich dich auf eine Reise begleiten: zu
mehr Selbstliebe, innerer Stärke und Frieden mit dir selbst.
Mein Ziel ist es, dir zu zeigen, dass du schon jetzt genug bist –
mit all deinen Stärken, Schwächen und Unvollkommenheiten.
Die Ursprünge des inneren „Müssens“
Das Gefühl, ständig leisten zu müssen, entsteht selten im
Erwachsenenalter. Es hat seine Wurzeln in frühen Bindungs-
und Beziehungserfahrungen.
Kinder orientieren sich an den Reaktionen ihrer
Bezugspersonen und entwickeln daraus Glaubenssätze wie:
„Ich muss brav, ruhig und angepasst sein, um Liebe zu
bekommen.“
„Ich darf keine Bedürfnisse haben.“
„Ich muss stark sein, sonst belaste ich andere.“
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Diese tief verankerten Muster prägen die spätere
Selbstwahrnehmung und die Art, wie wir Beziehungen
gestalten.
Reflexionsfragen:
– Welche Erwartungen galten in meiner Herkunftsfamilie?
– Welche Rolle hatte ich in meinem Familiensystem?
– Was musste ich tun, um Zugehörigkeit zu erhalten?
Die meisten Menschen definieren ihren Wert nicht durch ihr
Sein, sondern durch ihr Funktionieren.
Wir haben gelernt: „Wenn du brav bist, wirst du geliebt.“
„Wenn du fleißig bist, bist du wertvoll.“
„Wenn du dich anpasst, bist du gut genug.“
Und genau hier beginnt die Selbstentfremdung.
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Warum wir glauben, nur genug zu sein, wenn wir Erwartungen
anderer erfüllen
Viele Menschen tragen tief in sich den Glauben, dass ihr Wert
davon abhängt, wie gut sie funktionieren, wie sehr sie sich
anpassen und wie reibungslos sie Erwartungen anderer
erfüllen.
Wir leben in einer Welt, in der Leistung oft mehr geschätzt
wird als Echtheit, Gehorsam mehr als Authentizität, und
Anpassung mehr als Selbsttreue.
Und so wachsen viele von uns mit dem Gefühl auf, dass wir
uns Liebe, Anerkennung und Zugehörigkeit verdienen müssen
– nicht durch unser bloßes Sein, sondern durch unser
Verhalten.
Schon in unserer Kindheit beginnt dieser Mechanismus. Wir
lernen früh, dass bestimmte Verhaltensweisen Belohnung
bringen und andere Kritik.
Ein Kind, das „lieb“ ist, wird gelobt. Ein Kind, das widerspricht
oder seine Bedürfnisse einfordert, gilt als anstrengend.
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Das führt dazu, dass wir unbewusst anfangen, Liebe mit
Anpassung zu verbinden. Wir lernen: „Je mehr ich mich nach
anderen richte, desto sicherer bin ich.“ Und dieser Glaube
begleitet uns oft bis ins Erwachsenenleben, ohne dass wir
merken, wie sehr er unser inneres Gefühl von Wert verzerrt.
Es ist kein Wunder, dass wir als Erwachsene manchmal
unruhig, leer oder unzufrieden sind, obwohl wir alles tun, was
andere erwarten. Wir arbeiten, helfen, unterstützen, leisten –
und trotzdem fühlt es sich nicht richtig an.
Viele Menschen beschreiben es so: „Ich mache so viel für
andere, aber ich fühle mich trotzdem nicht genug.“
Das liegt daran, dass wir uns im Laufe der Jahre immer weiter
von uns selbst entfernen.
Wenn wir uns immer wieder fragen: „Was brauchen die
anderen von mir?“, dann stellen wir automatisch eine andere,
wichtigere Frage nicht mehr:
„Was brauche ICH?“
Ein Beispiel:
Anna, 38, ist Mutter, Partnerin und Angestellte in einer großen
Firma. Sie liebt ihre Familie, macht ihren Job gut und ist für
alle da.
Wenn ihre Mutter Hilfe braucht, fährt sie sofort vorbei. Wenn
ihr Mann Stress hat, übernimmt sie noch mehr Aufgaben. Auf
der Arbeit macht sie regelmäßig Überstunden, weil sie
niemanden enttäuschen möchte. Andere sehen sie als stark,
zuverlässig, organisiert.
Doch innerlich fühlt Anna sich ausgelaugt, unsichtbar und
manchmal sogar wertlos.
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Warum?
Weil sie alles für andere tut, aber niemand – auch sie selbst
nicht – achtet auf ihre eigenen Bedürfnisse. Sie erfüllt
Erwartungen von außen, doch sie hat verlernt, nach innen zu
hören.
Viele Frauen und Männer leben genauso wie Anna. Sie
funktionieren. Sie helfen. Sie tragen Verantwortung.
Aber sie spüren sich selbst kaum noch. Das führt zu einem
emotionalen Zustand, der nicht sofort sichtbar, aber tief
zerstörerisch ist: Selbstverlust.
Selbstverlust entsteht nicht plötzlich. Er entsteht leise. In
kleinen Momenten, in denen wir uns selbst verraten, um
anderen gerecht zu werden.
In Situationen wie diesen:
– wenn du Ja sagst, obwohl dein ganzes Inneres Nein schreit
– wenn du schweigst, um niemanden zu verletzen, obwohl
deine Wahrheit gesprochen werden möchte
– wenn du deine Bedürfnisse klein machst, weil du Angst
hast, dass andere dich ablehnen könnten
– wenn du dich anpasst, obwohl du spürst, dass es dir
schadet
– wenn du dich verantwortlich fühlst für die Gefühle anderer,
aber niemand Verantwortung für deine übernimmt
Diese Momente scheinen klein zu sein, aber sie sammeln sich
an. Und irgendwann stehst du da, in deinem Leben, und
merkst, dass du gar nicht mehr weißt, wer du eigentlich bist
Du weißt nur, wer du für andere bist.
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Ein weiteres Beispiel:
Markus, 45, ist erfolgreich im Beruf und gilt als verlässlich,
fleißig und ruhig. Freunde sagen über ihn: „Auf Markus kann
man zählen.“ Was kaum jemand weiß: Markus lebt ständig in
der Angst, nicht genug zu sein.
Als Kind hatte er einen strengen Vater, der hohe Erwartungen
stellte und selten lobte. Markus lernte früh, dass
Anerkennung immer an Leistung gebunden ist.
Heute erfüllt er immer noch Erwartungen, die niemand mehr
ausspricht.
Er arbeitet bis zur Erschöpfung, übernimmt mehr
Verantwortung als nötig und fühlt sich trotzdem ständig
unsicher.
Wenn er etwas erreicht, spürt er nur für kurze Zeit
Erleichterung – nie Zufriedenheit.
Warum?
Weil fremde Erwartungen einen Durst erzeugen, den man
niemals stillen kann.
Das Problem ist nicht, dass wir anderen gefallen wollen – das
ist menschlich. Das Problem ist, dass wir glauben, nur dann
gut, wertvoll und liebenswert zu sein, wenn wir andere
zufriedenstellen.
Doch genau das ist der größte Irrtum.
Es gibt einen Satz, den viele Menschen erst sehr spät
begreifen:
Du kannst hundert Erwartungen erfüllen – aber wenn du deine
eigenen Bedürfnisse ignorierst, wirst du dich niemals genug
fühlen.
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Der Grund dafür ist einfach:
Fremde Erwartungen sind wie Löcher in einem Fass – egal wie
viel du hineingibst, es läuft immer wieder heraus. Eigene
Bedürfnisse jedoch füllen dich von innen.
Sie nähren, stärken und stabilisieren dich. Wenn du beginnst,
dich selbst ernst zu nehmen, verändert sich dein Selbstwert
automatisch.
Und genau hier beginnt der Wendepunkt: das Wiederfinden
des eigenen Ichs.
Es ist ein sanfter, manchmal schmerzhafter, aber heilsamer
Prozess.
Er beginnt mit Fragen wie:
– Was fühle ich wirklich?
– Was brauche ich heute?
– Welche Erwartungen sind wirklich meine – und welche habe
ich übernommen?
– Wo verrate ich mich selbst, um anderen zu gefallen?
– Was würde ich tun, wenn ich nicht Angst hätte, jemanden zu
enttäuschen?
Viele Menschen sind überrascht, wie schwer es ihnen fällt,
diese Fragen zu beantworten. Und genau das zeigt, wie lange
sie sich selbst ignoriert haben.
Der Weg zurück zu sich selbst bedeutet nicht,
egoistisch zu werden.
Es bedeutet nicht, andere zu verletzen oder nicht mehr für sie
da zu sein. Es bedeutet nur, dass du dich selbst nicht mehr
verlässt.
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Dass du Entscheidungen triffst, die dich nicht klein machen.
Dass du Grenzen setzt, bevor du brennst.
Dass du lernst, Nein zu sagen – nicht gegen andere, sondern
für dich.
Und irgendwann, Schritt für Schritt, wirst du etwas ganz
Neues spüren:
Das Gefühl, dass du genug bist.
Nicht weil du alles richtig machst.
Nicht weil du Erwartungen erfüllst.
Nicht weil du perfekt funktionierst.
Sondern weil du, du selbst bist.
Weil du deine Bedürfnisse ernst nimmst.
Weil du dich selbst nicht mehr verlässt.
Weil du beginnst, deinem inneren Wert zu vertrauen – und
nicht länger nur der Anerkennung anderer.
Denn wahre Selbstliebe entsteht nicht dort, wo du anderen
gefällst, sondern dort, wo du dir selbst endlich erlaubst, zu
existieren.
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Selbstfürsorge – Wenn du aufhörst, dich selbst zu vergessen
Viele Menschen glauben, Selbstfürsorge sei ein Luxus, den
man sich leistet, wenn alles andere erledigt ist. Ein heißes
Bad, ein Spaziergang, vielleicht ein ruhiger Abend.
Doch das ist nicht Selbstfürsorge, sondern eine kurze Pause
vom Überleben. Echte Selbstfürsorge beginnt nicht am Ende