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Mit einer Hand kann man nicht klatschen. Du bist mein Bruder. Du bist mein Herz. Du bist meine Seele. Du bist mein Leben. Eintauchen in eine andere Welt. Miniaturen geben Einblicke in das Leben von Asylwerbern aus Syrien. Sie heißen Marie herzlich willkommen und zeigen ihr eine fremde Kultur. Das gemeinsame Essen ist von großer Bedeutung und wird zelebriert. Sie wiederum begleitet diese jungen Männer 10 Jahre lang auf ihrem Weg. Geprägt ist diese Begegnung durch Gastfreundschaft und gegenseitige Unterstützung. Die Notizen dieser besonderen Begegnungen bilden die Grundlage für dieses Buch.
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Seitenzahl: 94
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Impressum
ISBN 978-3-7059-0579-5
E-Book 2025
© Copyright by Hedwig Marie Klebel
Cover-Idee: Hedwig Marie Klebel
Umschlag-Gestaltung: David Niederhammer
Herstellung / Verlag: Weishaupt Verlag, A-8342 Gnas
T +43 3151 8487, F +43 3151 84874
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feel global
weiß – legt stille aufs land
sogar vögel schweigen, staunen über flocken groß wie leintücher, zauberhaft segeln sie zu boden, ein flaum von helligkeit umrahmt die bäume, auf zweigen türmen sich flockenberge, treppen verschwinden unter der zudecke, friede hält einzug, der parkplatz bleibt fast leer, nur der postwagen kämpft sich den ganzen tag durchs schneegestöber
zu gleicher zeit durchzieht eine rote spur den nahen osten, leid bricht wieder einmal über diese menschen herein, und doch werden auch hier kinder geboren
im nahen osten wartet ein mann darauf, zu tode gequält zu werden, „ausgesetzt“ die strafe für heute, und wie geht es weiter, alle wissen davon, aber ein menschenleben hat keinen wert mehr, bloß geld und macht bestimmen dein überleben
beugen wir uns diesen gesetzen auf kosten von freiheit und menschenwürde, hilflos gebannt
und ich kaufe trotz allem vogelfutter, hänge es vors fenster, um meiner hilflosigkeit herr zu werden, denn ringsum ist alles weiß
und in einem monat treffen hier flüchtlinge ein, menschen, die alles aufgegeben haben und unendlich viel auf sich genommen haben, um in freiheit und würde zu leben und zu arbeiten, sie haben nur ihr nacktes leben im gepäck
doch es herrscht hier angst und neid, schatten bedrohen diese menschen noch bevor sie eingetroffen sind, auch hier bestimmt das geld das denken, viele vergessen, dass hier menschen kommen, menschen
keine menschen aus der zeitung, die morgen vergessen sind, keine menschen der filmleinwand, die übermorgen wieder in einem anderen film auferstehen, menschen mit sorgen, ängsten und hoffnungen, manche menschen, die unglaubliches an leid erfahren haben
hoffentlich gibt es hier genug menschenfreunde, diese fremden willkommen zu heißen
und es schneit weiter, schnee deckt zu, rote spuren aus dem nahen osten und fußspuren der katzen
und ich kaufe trotz allem vogelfutter, hänge es vors fenster, um meiner hilflosigkeit herr zu werden, denn ringsum ist alles weiß
Februar 2015
Prolog & Einleitung
Unglaubliches ist in Syrien passiert. Das Land ist nicht mehr das, was es vor 10 Jahren war. Assad wurde gestürzt und floh aus dem Land. Die nun hier in Österreich lebenden Syrer und Kurden warten nun gespannt, wie es dort in der alten Heimat weitergeht.
Einen kurzen aktuellen Einblick in das Denken der Syrer bietet diese Einführung. Gleichzeitig gibt es einen sehr kurzen allgemeinen Rückblick, was sich in all den 10 Jahren ereignet hat.
Es folgen 100 + 1 Prosa-Miniaturen, in denen erzählt wird, wie alles vor 10 Jahren begann. Es gibt immer noch Kontakt. In regelmäßigen Abständen wird telefoniert und über das Neueste berichtet.
Dezember 2024
Umsturz in Syrien – und nun?
„Der syrische Diktator Baschar al-Assad wurde gestürzt. Assad musste sein Land verlassen. Er flieht.“ Das war in den Zeitungen am 9. Dezember 2024 zu lesen.
Ich telefoniere mit den Syrern, die ich kenne. Sie sind nun fast seit 10 Jahren in Österreich.
Einerseits Erleichterung, aber andererseits stellt sich die Frage: was kommt danach. Niemand von ihnen möchte sofort nach Syrien gehen. Wenn alles geregelt und sicher ist mit einer guten Regierung, möchten einige schon zurück. Aber manche wollen auch in Österreich bleiben. Denn es gibt keine Verwandten und keinen Besitz mehr in Syrien. Die Kinder haben die arabische Schrift nicht gelernt und müssten bei null in der Schule wieder beginnen.
Einer fragt mich verzweifelt: „Hast du gesehen wie diese Männer ausschauen? Der lange Bart und die langen Haare? Die wollen, dass alles wieder zurückgeht wie vor 300 Jahren. Nein, die sind vom Jahre ,0ʼ!!!“ Er ist aufgeregt, als er das berichtet. „Die sind nicht gut! Da möchte ich nicht zurückgehen!“
Ein anderer ist sehr gestresst. „Ich spreche jeden Tag mit der Familie in Syrien. Es ist momentan nicht gut dort. Es ist Chaos. Niemand weiß, was passiert.“
16. Dezember 2024
Was ist in den letzten 10 Jahren geschehen?Ein Rückblick
Sie haben Deutsch gelernt.
Einer hat sein Studium beendet.
Sie haben Arbeit gefunden.
Sie haben Fortbildungen gemacht.
Manch einer hatte verschiedene Arbeitsplätze gehabt.
Sie haben den Führerschein gemacht.
Sie haben Autos gekauft.
Frauen aus Syrien sind nachgekommen.
Sie haben geheiratet.
Kinder sind auf die Welt gekommen.
Sie sind übersiedelt.
Es gab auch schwere Krankheiten.
Der Vater ist verstorben.
Die Schwester ist nach Deutschland gekommen.
Weitere Familienangehörige sind nach Österreich gekommen.
Zwei haben die Staatsbürgerschaft erhalten.
Einer hat eine Eigentumswohnung gekauft.
Einer sagt: „Ich liebe diesen Ort hier! Ich bin hier geboren.“
Es gibt einen Umsturz in Syrien, Assad flieht.
Alles ist offen, wie es nun in Syrien und für die Syrer weitergeht.
März 2015 – März 2025
Vorwort
„Willkommen“, das war das erste Wort, das sie von den Asylwerbern auf Deutsch hörte. Sie war neugierig auf dieses Willkommen und folgte ihm.
Türen öffneten sich, sie wurde erwartet. Sie brachte, was nötig war, und bekam ihre Gastfreundschaft geschenkt.
Manche sagten Marie, „Mami“ oder „Mum“ zu ihr. Wenn sie ein paar Tage nicht kam, sagten sie: „Ich habe dich vermisst.“
Es öffneten sich fast alle Türen und sie war neugierig auf Menschen mit ihren Geschichten. Diese erzählten aus ihrem Leben, soweit es möglich war. Manches Mal auch mit einem Übersetzer. Sie erzählten von ihren Nöten und dem langen Warten auf das Interview.
Sie trank literweise schwarzen Tee und begab sich kulinarisch auf eine Reise durch den Orient. An vielen Abenden wurde sie erwartet, konnte aber nicht alle besuchen. Als Danke für ihr „Dasein und Kommen“ wurde sie zum Essen eingeladen. Sie war auch dabei in der Zeit des Fastenmonats Ramadan. Nach einem Rundruf zum Nachbarn am Nebenbalkon, am Abend um 21 Uhr, begannen alle zur gleichen Zeit mit dem ersten Essen dieses Tages.
Hin und wieder, wenn sie in die Stadt fuhr, nahm sie auch einige Asylwerber mit, die einkaufen wollten. Sie feierte mit ihnen ihren Abschied aus dem Quartier. Sie war auch dabei, als manch ein Asylwerber das Quartier verließ, um als anerkannter Asylberechtigter in Österreich zu bleiben.
Sie war neugierig, wie es den Asylberechtigten in Wien erging, und darum nahm sie die Einladungen der Asylberechtigten an und besuchte sie auch in Wien und begleitet manche heute noch im Jahr 2025. Sie half und unterstützte, wie es notwendig war.
Sie war einfach „Marie“.
März 2015
Fliegerbomben
Flecken auf der Landkarte – Krater der Zerstörung
Häuser in Schutt und Asche – leer gefegte Städte
die Erde weint
Syrien weint
Bomben haben ihre Heimat zerstört
Bomben haben ihre Zukunft zerstört
Bomben haben ihr Dasein zerstört
Blutspuren
Syrien
2014–2015
Ich habe alles überlebt
Ich bin mit dem Boot von der Türkei nach Griechenland gekommen. Das Boot ist gekentert. Wir mussten schwimmen. Viele konnten nicht schwimmen, sie sind neben mir ertrunken. Es war schrecklich. Neben mir war ein achtjähriger Bub. Ich habe ihn gehalten, ich bin mit ihm geschwommen. Er ist nicht ertrunken, er hat überlebt. Aber seine Mutter und seine Geschwister sind neben mir ertrunken. Es war so schwer. So viele Leute sind ertrunken neben mir. Aber ich war im Gefängnis in Damaskus, da hat man dann keine Angst mehr vor dem Tod. War das ein Traum, war ich wirklich dort?
Diese kleinen Kästen, in denen wir zu fünft eingesperrt waren, auf einem Quadratmeter. Es konnten immer nur zwei sitzen, die anderen mussten stehen. Dann haben wir abgewechselt. Aber wir haben auch gekämpft. Man konnte nicht schlafen. Es gab zu essen, damit man nicht verhungerte. Eine Tasse Wasser am Tag und ein Stück Brot. Das war genug. Ich war so müde, aber ich konnte nicht schlafen. Nach 10 Tagen habe ich nichts mehr verspürt. Dann kamen die Verhöre. Ich habe nie jemand gesehen. Mir wurden die Augen verbunden, ich musste mich nackt ausziehen. Dann ging es los.
Das Schlimmste war der elektrische Strom, und du konntest dabei nicht schreien! Und da gab es noch vieles andere auch.
Habe ich das geträumt, war das wohl ein schlechter Traum, war das wirklich so?
Und als ich Griechenland schwimmend erreichte, haben sie mich wieder ins Gefängnis gesteckt. Kannst du mir sagen, warum?
Ich bin auf der Flucht. Ich habe nichts verbrochen. Ich habe einem Buben das Leben gerettet.
Und dafür sperrt man mich ins Gefängnis.
Kannst du mir sagen, warum?
2015
Es kommt: die weite Welt
Anfang März, ein Vorfrühlingstag mit Sonnenschein.
Ein Autobus bleibt stehen, lässt die Insassen aussteigen. Eher vorsichtig und bedächtig steigen sie aus. Zwei Frauen, zwei Kinder und 32 vorwiegend junge Männer. Die meisten kommen aus Syrien, viele davon sind Kurden. Ein Afrikaner und eine Familie aus Tschetschenien sind auch darunter. Alle sind dunkel gekleidet. Sie sind hager und wirken müde. Gepäckstücke gibt es wenige. Ein paar kleinere Taschen, kleine Rucksäcke und vor allem große schwarze Müllsäcke, gefüllt mit ihren Kleidungsstücken, werden aus dem Bus geholt. Ein jeder sucht sein Gepäckstück und geht dorthin, wo alle anderen hingehen, ins Asylquartier.
Wieder ein fremder Ort, wieder fremde Leute, und es ist so kalt. Ringsherum Berge. Die große Stadt ist weit weg. Wo gibt es ein Geschäft und eine Tabaktrafik? Wo bin ich hier?
Gibt es hier einen Schlafsaal oder bekommen wir Zimmer?
Kann ich endlich wieder Syrisches Brot essen?
Gibt es eine Möglichkeit, Deutsch zu lernen?
Warum hat man mich hierher gebracht, in diesen kleinen Ort?
Wie denken hier die Menschen über uns?
März 2015
Asylquartier
Willkommen
Seit Wochen wird in diesem Ort diskutiert und werden Ängste geschürt. Anfang März sind die Asylwerber hier. Heute sind sie zu einem Willkommensfest eingeladen, das von ein paar Freiwilligen organisiert und vorbereitet wird. Der Tisch ist einfach gedeckt. Es gibt Suppe und Brot. Ein einheimischer Musiker hat schon vorher mit den Syrern Kontakt geknüpft und erfragt, ob jemand ein Musikinstrument hier hat. Sie sollen es mitbringen zum Willkommensfest. Endlich öffnet sich die Türe und 34 Männer und eine Frau betreten den Saal. Fast alle kommen aus Syrien. Sie sind dunkel gekleidet, es scheint allen kalt zu sein. Langsam setzten sie sich zwischen die Einheimischen. Ein junger, sehr hagerer Bursche mit Englischkenntnissen sitzt neben mir. Somit gibt es einen Übersetzer für diese kleine Gruppe in meiner Nähe. Es wird viel gefragt und erklärt auf Englisch. Nach einigen Ansprachen begrüße ich jeden einzeln und schenke jedem ein Päckchen mit Süßigkeiten. Dann gibt es Suppe mit Brot und Zimtkuchen mit Tee. Die Musikanten haben sich inzwischen schon zusammengefunden. Sie sitzen im Kreis zusammen, unterhalten sich auf Englisch. Es gibt eine Tambura* , eine Gitarre und Rhythmus-Instrumente. Ich warte gespannt. Ich bin dann verzaubert von der orientalischen Musik, die erklingt, und es juckt in den Beinen. Ich schaue die neben mir sitzenden jungen Männer an und lade sie zum Tanzen ein. Weil mir bekannt ist, dass Männer dieser Kultur sehr gerne miteinander tanzen. Tatsächlich ergibt sich eine Tanzgruppe. Wir gehen hinauf auf die Bühne, und wir werden in einen traditionellen kurdischen Kreistanz eingeführt. Die müden, angestrengten Gesichter werden weicher und die Stimmung im Raum ändert sich durch diese Musik. Lebensfreude wird spürbar und überträgt sich auf die Sitzenden. Mit diesem Abend beginnt das Dasein dieser Asylwerber im neuen Asylquartier.
* Tambura ist eine Langhalslaute
5. März 2015
Asylquartier – neue Unterkunft
