Du bist, was du sagst - Joachim Schaffer-Suchomel - E-Book

Du bist, was du sagst E-Book

Joachim Schaffer-Suchomel

4,6

Beschreibung

Jeder Mensch spricht am Tag durchschnittlich 16.000 Worte – auch Sie! Doch haben Sie sich einmal gefragt, was Sie mit dem, was Sie sagen, eigentlich ausdrücken – bewusst oder unbewusst? Was steckt hinter den Wörtern, die Sie benutzen, und wie beeinflusst Ihre Wortwahl Ihre eigene Mentalität? Der Diplompädagoge Joachim Schaffer-Suchomel analysiert gemeinsam mit Managementtrainer Klaus Krebs unseren Wortschatz und zeigt, wie Sie durch den bewussten Einsatz von Sprache zu einer positiven Lebenseinstellung gelangen und Ihren Alltag selbstbestimmt gestalten können.

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Joachim Schaffer-Suchomel, Klaus Krebs

Du bist, was du sagst

Was unsere Sprache über unsere Lebenseinstellung verrät

Mit einem Vorwort von Ruediger Dahlke

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Für Fragen und Anregungen: [email protected]

9. Auflage 2015

© 2006 by mvgVerlag, ein Imprint der FinanzBuch Verlag GmbH Nymphenburger Straße 86 D-80636 München Tel.: 089 651285-0 Fax: 089 652096

Teile aus Kapitel 4 entstammen dem Titel: Joachim Schaffer-Suchomel, Wir sind Wort, Brainfresh-Verlag 2006.

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Umschlaggestaltung: Atelier Seidel, Teising

Redaktion: Annette Gillich-Beltz

ISBN Print: 978-3-636-06264-2 ISBN E-Book (PDF): 978-3-86415-121-7 ISBN E-Book (EPUB, Mobi): 978-3-86415-241-2

Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter:www.mvg-verlag.de

Beachten Sie auch unsere anderen Verlage unter:

www.muenchner-verlagsgruppe.de

„Am Anfang war das Wort“ – dieser Spruch aus dem Neuen Testament ist aktueller denn je.

Mit Worten können wir uns orten und mit klaren, guten Sätzen schaffen wir die Voraussetzung für kräftige Sprünge in unserer Entwicklung.

Sprache schöpft Wirklichkeit! „Du bist, was du sagst“ ist ein Sprachbuch, das Bilder und Gefühlsräume sichtbar macht, die hinter gedachten und gesprochenen Worten wirken. Es weckt auf, Wirklichkeit selbst und verantwortungsvoll zu gestalten, statt über „fremde“ Realitäten zu stolpern. Es stößt an, die eigenen Worte zu überdenken und seinen Sprach-Schatz mit wahren Reichtümern und guten Begriffen zu füllen. Sprache macht mächtig oder schmächtig – uns selbst und andere!

Fassungslosigkeit geht oft mit Sprachlosigkeit einher. Und der Versager versagt es sich, über seine Probleme zu sprechen. Doch Menschen, die das Sagen haben und führen, bedienen sich einer klaren Sprache. Positive Worte verleihen Kraft und ziehen positive Menschen und Situationen an. Negative Worte bannen unsere Kraft, verketten und verzehren uns.

Herzlichen Dank an Michaela Suchomel

für die inhaltliche Auseinandersetzung

mit dem Thema und die vielen Impulse. Unser besonderer Dank geht zudem an die Klienten von Joachim Schaffer-Suchomel

für die vertrauensvollen und intensiven

Coaching-Gespräche.

Unseren Kindern

Viviane, Catalina, Joanina,

Inhalt

Vorwort

Teil 1

1. Make-up!

Unser Aufmacher

Unsere Sprache zeigt unsere persönlichen Hintergründe

Sprache ergibt Sinn

Die Sprach-Mechaniker

Aufbau und Nutzen dieses Buches

2. Nomen est omen – Auf die Kulissen blicken

Worte als Kulisse

Das Wesen(-tliche) beim Namen nennen

Jeder lebt in seinen Kulissen

Wenn wir Kulissen auf den Leim gehen

Arbeit an den eigenen Kulissen

Die Kulissen hinter den Worten

Ach, wie gut, dass niemand weiß

Lohnende Kurzausflüge in die Sprachen anderer Länder

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte

Komplexe Bilder und Intuition

3. Sprache, Schöpfung und Wirklichkeit – Die eigene Gestaltungskraft hinter den Kulissen erkennen

Die Welt des Versagens als Hintergrundkulisse

Wo gehobelt wird, fallen Späne

Tischlein-deck-dich oder: Fülle und Selektion

Der Mensch als Sammler

Die Sichtweise macht es

Die Welt der Nörgler und Zweifler

Der Mensch als Schöpfer seiner Welt

Fazit: Teufelskreise und Engelskreise

4. Von Möglichkeiten und Unmöglichkeiten – Sich selbst auf die Schliche kommen

Lassen Sie sich überraschen!

Die Macht der Gewohnheit

Das ist ja unmöglich!

Liebe oder Angst

Pech gehabt

Negativ eingestellt?

Pechvögel können nicht fliegen

Ein unmöglich schweres Leben

Das Beschwerdespiel

Das Energiemanagement in Beschwerde und Mangel

Den Mangel verdecken

Die Illusion der Angst

Die Illusion, dass die Außenwelt sich ändern muss

Die Illusion von Wenn und Dann

Die Illusion der Zeit

Siechen, Sucht und Suchen – die Illusionswelt der Süchte

Die Welt der Drogen

Krankheiten

Das Kreuz mit dem Rücken

Die Nase vorne

Entzündungen oder: Das Feuer ist aus

Wenn sich die Haut ausdrückt

Zähne, mit denen wir uns durchbeißen

Unten ’rum

Die Kausalität von Symbolen

Die Ehrlichkeit der Sprache im Krankheitsfall

Vom unmöglichen Umgang mit der Unmöglichkeit

Ein „Rezept“ gibt es nicht!!

Zur Philosophie der Vorbeugung und Vorsorge

Spieglein, Spieglein an der Wand …

5. Der Schatz im Silbersee – Im Dasein ist alles da

Wachstum erfolgt von innen nach außen

Der Schuster hat die schlechtesten Schuhe

Der Mensch ist phänomenal

Ach, wie gut, dass niemand weiß …

Es ist alles da

Wenn wir nicht bekommen, was wir wollen

Wegsein im Dasein?

Anerkennen, was ist: das Leben als Geschenk

Der Mensch in seiner Einzigartigkeit

Zurück zur Quelle

Wie originell!

Moment mal!

Aufgabe, Auftrag – Mission und Vision sind kein Kaugummi

6. Apocalypse Now: It’s Showtime! – Sich selbst kraftvoll präsentieren

Tiefe und Höhe

Bitte nicht füttern!

Sich zeigen

Die Hüllen fallen lassen

Erst in, dann out

Die Urheber

Stellung beziehen

Vom Make-up zum Wake-up

Im Selbst geht es wie von selbst

7. Re-Invention – Die eigene Mitte finden

Der Prozess

Wir machen Inventur

Das Abenteuer

Erfolgsmaschen fallen lassen

Klares Commitment

Der Weg ist das Ziel

Es ist Ihr Leben

Teil 2

Glossar

Epilog

Adressen und Informationen

Über die Autoren

Vorwort

von Ruediger Dahlke

Das Erforschen der Sprache ist für die Seele ein Selbstfindungsprozess, der mich immer fasziniert und inspiriert und bei der Deutung von Krankheitsbildern wie bei der Therapie vorangebracht hat. In den schillernden und oft mehrdeutigen Bildern der Sprache enthüllt sich ein Stück seelischer Wirklichkeit, die oft mehr weiß als die naturwissenschaftliche Medizin, die wir oft so fälschlich „die Medizin“ nennen. Die Indianer trugen ihre Medizin noch in einem Wildlederbeutel um den Hals, wir Modernen schlucken sie. Aber werden wir ihrem ursprünglichen Anspruch damit noch gerecht? Die Medizin wollte einmal zur Mitte führen, wie heute noch immer die Meditation. Das Remedium war das Heilmittel, das Mittel zur Mitte. Die modernen Mittel bringen überallhin, aber bestimmt nicht in die Mitte, vielmehr tragen sie oft noch dazu bei, dass so viele Menschen so außer sich geraten.

In nicht so lange vergangenen Zeiten verstand man alle Krankheitsbilder als Süchte, wie noch heute der Ausdruck „Gelbsucht“ für Hepatitis deutlich macht. In alten Zeiten hieß die TBC Schwindsucht, die Ödemneigung Wassersucht, die Blutarmut Bleichsucht, die Epilepsie Fallsucht, die agitierte Psychose Tobsucht, und die Menschen wussten noch, dass Eifersucht und Habsucht schwere Krankheitsbilder sind. Heute haben wir das alles vergessen, aber noch immer zerstört Eifersucht mehr Beziehungen und ruiniert Habsucht mehr Menschen und Gesellschaften als alles andere. Wir übersehen den tieferen Sinn der Suchtproblematik und haben die Suche in unserer modernen Welt fast gänzlich aus den Augen verloren. Im Mittelhochdeutschen hieß das Wort für Krankheit „Suht“, was schon Sucht gesprochen wurde, und man ging davon aus, dass Sucht eintrat, sobald das Lebensschiff vom Weg zur Mitte abgekommen war. Die gesprochene Sprache könnte uns solch tiefe Zusammenhänge entschlüsseln helfen und so Zugang zu äußerst modernen Problemen schaffen. In meinem Buch „Krankheit als Symbol“, das Tausende von Symptomen in alphabetischer Reihenfolge deutet, habe ich neben der Körper- und Symptomsprache vor allem die gesprochene Sprache genutzt, um Zusammenhänge zwischen Körper und Seele zu verdeutlichen.

Wer sich heute mit solchen Zusammenhängen beschäftigt und in den Tiefen der eigenen Muttersprache nach dem mütterlichen Wissen der Frühzeit forscht, macht sich verdächtig und beschwört die Bedenken aller chronischen Bedenkenträger herauf, wie vor allem die der Etymologen, die – fast wie Naturwissenschaftler – peinlich darauf bedacht sind, nur ja keine Deutungen zuzulassen und jeden tieferen Sinn zu vermeiden. Unabsichtlich und unwissentlich haben sie so ihr Fachgebiet weitgehend in die Bedeutungslosigkeit und Sinnlosigkeit manövriert.

Angesichts dieser Situation ist es für mich beglückend, im Autor des vorliegenden Buches einen Verbündeten zu finden, der auf seiner radikalen, das heißt an die Wurzeln gehenden Sinnsuche aus den gut ergründlichen Tiefen der Sprache viele kostbare Schätze hebt. Als Pädagoge geht sein Interesse weit über die Medizin hinaus in alle Bereiche, die mit Sprache zu tun haben, also in alle Bereiche. Seine Wortspiele führen in die Tiefe unserer Sprache, die oft mehr über uns weiß als wir selbst, und all das so bereitwillig enthüllt, wenn einer nur hinhören kann und will. Joachim Schaffer-Suchomel macht es vor, und er macht es brillant und uns damit leicht, ihm zu folgen in die Welt der Sprache und der Sprachspiele, ja der Sprachmysterien.

Meine Worte freuen sich, den Gedanken einer in diesem Anliegen so verwandten Seele vorausgehen zu dürfen, ihnen sozusagen den roten Teppich auszulegen. Wer Sprache neu entdeckt, wird Teile von sich und letztlich sich selbst neu entdecken und in den unzähligen Zusammenhängen herausfinden, wie er selbst mit der Welt zusammenhängt.

Ruediger Dahlke       Armentarola, Juni 2005

Fühl mit den Sinnen,

Erkenn mit dem Herzen.

Lasse nicht sinnlos die Stunden zerrinnen.

Lausche und horche,

Was sie dir sagen.

Willst du Antworten,

So stelle Fragen.

Willst du zum Ziel,

So lasse dich lenken.

Doch vergiss nicht, dabei zu denken.

Zu denken an Freude, Freiheit und Licht.

Denk auch an die Liebe,

Vergiss diese nicht.

Denn wenn du erkennst mit dem Herzen

Und fühlst mit den Sinnen,

So musst du nicht rennen

Und kannst trotzdem gewinnen.

Teil 1

Gute Theorien und Konzepte sind fiktive Brücken,

die zu praktischen Ergebnissen führen.

Paul Watzlawick

1. Make-up!

Wussten Sie schon, dass Make-up wörtlich übersetzt aufmachen bedeutet? Cremes und Püderchen sollen demnach andere Menschen, zum Beispiel bei der Suche nach Partnern oder MSPs1, für die eigene Person öffnen. Vorsicht: Ganz Verschlossene werden aufgerissen! Allerdings hat diese Maskerade ihren Preis: Das Make-up, der „Aufmacher“, verschließt die Poren der Haut. Er macht sie zu statt auf!

1 MSP ist ein liebevolles Modewort von Jugendlichen und steht für: Möglicher Sexualpartner.

Unser Aufmacher

Dieses Buch handelt von Sprache, genauer gesagt, von Sprachanalyse. Was die Autoren hier vorstellen, kondensiert die Erfahrung aus über 3 000 Coaching-Gesprächen. Coaching hat sich in den letzten Jahren als erfolgreiche Methode zur beruflichen und persönlichen Weiterentwicklung vielschichtig etabliert. Ein Coach ist ein Begleiter in Veränderungsprozessen. In Vier-Augen-Gesprächen unterstützt er seine Klienten, eigene Lösungen für Probleme und verklebte Situationen zu finden, Visionen zu entwickeln und Ziele zu verwirklichen.

Sprache zu analysieren hat einen praktischen Nutzen

Das englische Wort Coach bedeutet Kutsche und Kutscher zugleich. Ziel eines Coachings ist es, sein eigener Kutscher zu werden, statt sich vor fremde Kutschen spannen zu lassen oder ein Mitfahrer in Kutschen anderer Menschen – respektive fremder

Interessen – zu sein.

Unsere Sprache zeigt unsere persönlichen Hintergründe

Die Coaching-Methode, die Joachim Schaffer-Suchomel anwendet, konzentriert sich auf die Hintergründe menschlichen Tuns. Der Ton macht die Musik. Der Hintergrund bestimmt den Vordergrund, die Ursache bestimmt die Wirkung. Im Coaching untersuchen wir mit dem Klienten zusammen, wie seine Wirklichkeit entsteht. Das Prinzip von Ursache und Wirkung ist denkbar einfach, wie beispielsweise die Mechanik einer Drehorgel demonstriert: Das Muster auf der Walze verursacht die Musik, die Wirkung. So können auch wir nur „spielen“, was auf der „Walze“ ist. Gefällt mir mein Walzer nicht, so muss ich meine Muster verändern. Ich muss ausmustern, was mir nicht gefällt, und neue (Glücks)Muster schaffen.

Der Ton macht die Musik

Die mehr oder minder unbewussten Hintergründe unseres Verhaltens lassen sich an der Sprache, die wir gebrauchen, erkennen oder erahnen. Über weite Strecken werden wir uns in diesem Buch mit den Gefühlswelten und Denkstrukturen beschäftigen, die bestimmten Worten und Ausdrucksweisen zugrunde liegen können. Nehmen Sie den Begriff sich beschweren. Er bedeutet im Grunde sich schwer machen. So wie ein Briefbeschwerer die Post nicht wegfliegen lässt. Beschweren Sie sich also, wenn Sie wollen, dass die Post nicht abgeht! Im Coaching fragen wir an dieser Stelle: Warum und mit was machen Sie sich schwer, wenn Sie sich beschweren? Was haben Sie davon, wenn Sie sich schwer machen? Oder: Wo erlauben Sie sich keine Leichtigkeit?

Ein weiteres Beispiel ist der Ausdruck Enttäuschung. Die Vorsilbe ent- bedeutet weg von. So wie bei der Entbindung die Bindung durch die Nabelschnur aufhört. Wir fragen: Womit haben Sie sich jahrelang getäuscht, wenn Sie jetzt enttäuscht sind? Welcher Täuschung sind Sie erlegen?

Worte sind aufschlussreich

Ein Kunde erinnerte sich in einem Coaching-Gespräch an seinen trinkenden Vater und wehrte das Thema mit den Worten ab: „Mit meinem Vater habe ich abgeschlossen.“ Der Coach griff das Bild auf und fragte: „Und wo haben Sie den Schlüssel hingetan?“ Der Klient reagierte verblüfft. Im weiteren Gespräch merkte er, dass er einen wesentlichen Part versäumt hatte: die positiven Elemente seines Vaters anzunehmen.

Es lohnt sich nachzusehen, was in der verschlossenen Schatztruhe verborgen ist. Auch hinter einer Nichtschätzung befindet sich ein Schatz, eben ein nicht geschätzter Schatz. Der Wert dieses Schatzes ist nur noch nicht bewusst. Interessant ist hier auch die Sprachwahl: „Mit meinem Vater habe ich abgeschlossen.“ Also nicht alleine, sondern mit seinem Vater zusammen hat er abgeschlossen. In den Coaching-Gesprächen stellte sich tatsächlich heraus, wie sehr der Sohn mit seinem Vater identifiziert, sprich verklebt war.

Auch unser Körper spricht

In diesem Buch stellen wir die gesprochene Sprache als Ausdruck innerer Hintergründe in den Mittelpunkt. Ein ebenso wichtiges Medium ist die Körpersprache. Häufig sieht man einem Menschen an, wie er sich innerlich fühlt. Der Körper drückt den Gefühlshintergrund aus. Er zeigt ein breites Grinsen, runzelt die Stirn, kneift den Mund zusammen oder zieht einen Flunsch. Folge ist ein lang gezogenes Gesicht. Wenn jemand geknickt ist, drückt das seine Gefühlswelt aus. Abgeknickt kann keine Energie fließen. Das kennen wir vom Gartenschlauch mit Knick. Am anderen Ende warten wir vergeblich auf das Wasser. Der Geknickte müsste eine andere Haltung einnehmen und sich fragen: Warum bin ich so geschlaucht? Wo ist der Knick?

Wenn jemand verschlossen dasitzt, indem er zum Beispiel die Arme verschränkt, dann kann das heißen, dass er nicht auf Empfang ist. Die Schranken sind möglicherweise nicht offen. Verschränkte Arme können aber auch eine Pose der Ruhe sein. In der Kommunikation werden bestimmte Gesten zu „empfängnisverhütenden Mitteln“. Mit ausgebreiteten Armen ist der Mensch meist aufnahmebereit und mit offener Beinstellung dokumentiert er grundsätzliches Vertrauen. Er signalisiert: Ich habe keine Angst vor Tiefschlägen. Körpersprache lässt sich allerdings nicht nach dem Schema „Geste A bedeutet B“ interpretieren, sondern hängt immer vom Menschen selbst und vom aktuellen Kontext ab.2

2 Vgl. Vera F. Birkenbihl: Signale des Körpers. mvgVerlag 2005, S. 37.

Sprache ergibt Sinn

Die gesprochene Sprache besitzt in einer weiteren Hinsicht einen hohen Wert: Bestimmte Begriffe verweisen auf den Sinn der Phänomene, die sie bezeichnen, ohne dass dies offenkundig oder bewusst wird.

Was ist ein Beruf ohne Berufung?

Martin Luther leitete als Erster den Begriff Beruf aus der Berufung ab. Er stellte sich vor, dass wir von Gott zu unserem Beruf berufen sind. In einigen gesellschaftlichen Bereichen hat sich das Sprachbild des Gerufenwerdens gehalten. Ein Universitätsprofessor erhält einen Ruf. Auch zum Botschafter wird man berufen. Was ist der tiefere Sinn menschlicher Berufung? Gerufen werden kann nur das, was da ist. Das sind die eigenen Gaben. Wir müssen unsere Gaben kennen und uns entsprechende Aufgaben suchen. So gesehen ist die wahre Berufung die Basis jeder erfolgreichen Karriere.

Worte sagen mehr, als wir denken

Ein weiteres Beispiel ist das Wort Problem. Unser Lebensweg ist gepflastert mit Problemen, einige wiederholen sich über Jahrzehnte hinweg. Problem bedeutet Vorgelegtes.3 Das, was wir in der Vergangenheit nicht gelöst haben, wird uns wieder vorgelegt. Wir dürfen es in der Gegenwart nochmals bearbeiten. Ein Problem zu wiederholen beinhaltet die Chance zur echten Weiterentwicklung. In der Wiederholung ist es uns möglich, Vergessenes aus der Vergangenheit wieder in die Gegenwart zu holen. Es soll allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele Menschen sich wie Hamster in ihren Rädern drehen. Anstatt wirklich zu lernen und zu erkennen, was funktioniert und was nicht, wiederholen sie ihre Fehler und Probleme in der Hoffnung, dass es diesmal klappt. Das gilt für Liebesbeziehungen genauso wie für Kommunikation im Beruf. Zuweilen bedarf es einiger Runden, bis wir einen neuen Dreh heraus haben. Ein anderes Wort für wiederholen ist der Begriff wiederkehren. Das, was wir unter Umständen jahrelang unter den Teppich gefegt haben, wird zum rechten Zeitpunkt zur Reinigung als Problem wieder hervorgekehrt.

Begriffe machen greifbar

Begriffe sind Griffe zum Leben. Sie machen greifbar, was vorher unfassbar war. So wie sie Phänomene entschlüsseln und an Möglichkeiten im Dasein erinnern, können sie mit illusionären Gedanken über das Menschsein aufräumen.

Der Ausdruck „verletzt sein“ von Menschen taucht im Coaching immer wieder auf. Das letzt von verletzt weist darauf hin, dass wir uns aus der Geborgenheit der Gemeinschaft an den Rand begeben haben und so Gefahr laufen, verletzt zu werden. Der Volksmund sagt: „Den Letzten beißen die Hunde!“ Auch das Schaf, das die Herde verlässt, läuft Gefahr, als Erstes gerissen zu werden. Eine Verletzung können wir heilen, indem wir uns wieder mit dem Ganzen verbinden. Beispielsweise mit Menschen, die uns gut tun und zu unserem Beziehungsnetz gehören. Ein Netz gibt Halt. Selbst wenn wir uns vom Ganzen abhängen wie ein Eisenbahnwaggon vom übrigen Zug, so bleiben wir dennoch über das Schienennetz mit allem verbunden. Manchmal hält nur ein dünner unsichtbarer Faden die Verbindung der Abgehängten, auch der Abhängigen, zum Ganzen. Auch der Individualist, der glaubt mit dem Ganzen nichts mehr zu tun zu haben, vergisst, dass individuell unteilbar bedeutet. So wie im Alleinsein das im All-Eins-Sein verborgen ist.

Wir müssen uns selbst nochmals hervorbringen

Sprache erinnert an den Sinn von Phänomenen im menschlichen Leben. Bei der Erinnerung gehen wir nach innen. Sich erinnern heißt im Englischen to remember, also wörtlich wieder Mitglied werden. Wir sollen uns erinnern, wieder Glied, also Teil eines Ganzen zu sein. Genauso wie wir, wenn wir unsere eigene Position einnehmen, Teil einer gesamten Komposition sind. Sprache wird auf diese Weise zu einem Werkzeug, die eigenen Talente und Ressourcen – und letztlich sich selbst – hervorzubringen. Der Leitspruch eines Bildungszentrums in Hessen lautet: „Es genügt nicht, dass wir geboren werden. Wir müssen uns selbst nochmals hervorbringen.“ Und das dauert wohl das ganze Leben. Das ist der längste Geburtsprozess. Therapien und Coaching können diesen Prozess begleiten. Mit professioneller Unterstützung erkennen die Klienten, was das eigene Selbst überhaupt bedeutet und wie es schrittweise zu entwickeln ist.

3 Diese wie alle folgenden Ableitungen entstammen, wenn nicht anders gekennzeichnet, dem Duden-Herkunftswörterbuch, Mannheim 1989/2001.

Die Sprach-Mechaniker

Therapeuten und Coachs arbeiten wie Mechaniker: Wenn draußen etwas nicht funktioniert, schaut man im Inneren, was lose ist. Klopft der Motor unseres Autos, hat es keinen Sinn zu beschleunigen. Das Auto muss in die Werkstatt. Wenn es klopft, öffnet der Mechaniker den Motor. Er zerlegt ihn. Bekloppte Menschen sind extrem verschlossen. Sie machen dicht.

Es ist sinnvoll, Sprache zu zerlegen

Sprachanalytisch trainierte Coachs haben ein feines Gehör und Gespür für Sprache und ihre Wirkkraft. Ist ein Kunde mit seiner Wirklichkeit unzufrieden, so untersuchen sie dessen Wortwahl und damit das zugrunde liegende Denken, welches sich in den Äußerungen widerspiegelt, dem tatsächlich Gesagten wie in der Körpersprache. Neben der etymologischen Herangehensweise arbeitet ein solcher Coach stark assoziativ. Er achtet ebenso auf die Bilder, die sich im Hintergrund des Gesagten verbergen oder mit den verwendeten Worten entstehen. Wie bei abgeschlossen oder verletzt sein.

In diesem Buch beleuchten wir die Hintergründe des Denkens und Verhaltens. Wir machen Sprachmuster und Bilder, die hinter der Sprache wirken, bewusst. Positive Bilder verleihen Kraft. Negative Bilder verzehren uns. Mit negativen Gedankenbildern können wir uns sozusagen selbst verspeisen und energetisch aushöhlen. Negative Bilder sind ein Produkt der Angst. Ein sprachlich sensibler und bewusster Mensch weiß um die Kraft und Klarheit seiner Bilder. Vielleicht ist das der ursprüngliche Sinn von Bildung. Erst mit dem Bewusstwerden eines Bildes kann der Mensch positive und negative Bilder voneinander unterscheiden und positive Bilder von negativen Schatten befreien. Man wird sozusagen helle.

Aufbau und Nutzen dieses Buches

Dieses Buch besteht aus zwei Teilen. Im ersten Teil dient die Coaching-Philosophie des Hauptautors als roter Faden. Mithilfe der Hintergrundkulissen von Worten und Redewendungen werden Probleme und Illusionen des Lebens in ein neues Licht gestellt. In dieser Beleuchtung und mit bereits in der Sprache liegenden Hinweisen auf Lösungswege werden neue Möglichkeiten beschrieben, Leben kraftvoll zu gestalten.

Wo immer es sinnvoll erschien, haben wir Inhalte zu Kernsätzen verdichtet und geben Ihnen, liebe Leserin und lieber Leser, Fragen für Ihre ganz eigene Situation mit auf den Weg. Es bleibt Ihnen überlassen, inwieweit Sie diese Ideen für Ihre Veränderung praktisch nutzen.

Entdecken Sie Wortschätze!

Im Glossar, dem zweiten Teil des Buchs, sind wesentliche Begriffe in alphabetischer Reihenfolge zusammengefasst. Es eignet sich zum schnellen Nachsehen oder einfach zum Querbeetlesen.

Wenn Sie am Ende dieses Buches angekommen sind, wird sich Ihre Sichtweise und Ihr Gespür für Sprache verändert haben. Auf dem Weg dorthin warten Wortschätze darauf, entdeckt zu werden. Vielleicht haben Sie Aha-Erlebnisse, vielleicht sogar Haha-Erlebnisse, die Sie zum Lachen und damit Ihr Leben wieder in Fluss bringen. Das lateinische humor bedeutet Feuchtigkeit. Humor schützt vor Vertrocknung und Verkrustung. Humor bringt Ihre humores – das sind nach einer mittelalterlichen Naturlehre die im Körper wirksamen Säfte – wieder in Fluss. Damit Ihr Leben saftig ist!

COACHEN SIE SICH SELBST

Begriffe lassen Gefühle greifbar werden.

An den sprachlichen Formulierungen können wir unseren Gefühlshintergrund ablesen.

Achten Sie auf sprachliche Wendungen, die Sie immer wieder benutzen und schreiben Sie diese auf. Reden Sie mit einem Menschen, den Sie schätzen, und fragen Sie ihn nach markanten Äußerungen, die Sie häufig verwenden. Untersuchen Sie nun, welche Gefühle und Gefühlswelten hinter diesen Worten versteckt sind.

Sie können schon jetzt mit dem Glossar arbeiten und den Gefühlshintergrund so mancher Worte erschließen, beispielsweise wenn Sie auf etwas erpicht sind, häufig Beschwerden äußern oder gerne lästern. Unter diesen Begriffen finden Sie im Glossar Impulse und Schlüsselfragen, mit denen Sie Ihre Hintergründe leichter in Sprache fassen können.

2. Nomen est omenAuf die Kulissen blicken

Die Dinge sind nicht, wie sie sind.

Sie sind, wie wir sind.

Aus dem Talmud

Der seit längerem nicht mehr florierende mittelständische Familienbetrieb eines Coaching-Klienten stand zum Verkauf. Kurz vor der entscheidenden Verhandlung mit dem französischen Interessenten war der Anbieter hochgradig nervös. Im deshalb anberaumten Coaching-Gespräch äußerte er mit angespannter Stimme: „Ich stehe mit dem Rücken an der Wand. Dies ist meine letzte Chance, die drohende Insolvenz abzuwenden und wenigstens einen Teil des Familienvermögens zu retten.“

Mit dem Rücken an der Wand

Im weiteren Gespräch wurde die Gefangenschaft des Mannes in diesem inneren Bild mehr als deutlich: Er fühlte sich stark überlastet und berichtete von Rückenschmerzen. Negative Bilder rauben Energie, sie machen schwach und belasten. Rückenprobleme sind also das Mindeste, was man erwarten kann. Mit dem Bild Rücken an der Wand wird üblicherweise Negatives assoziiert. Im negativen Denken sind wir gut trainiert und ketten uns schnell an ein Gefühl von Hilflosigkeit, als hätte uns tatsächlich jemand angeprangert, an die Wand gestellt und mit standrechtlicher Erschießung gedroht.

Die Aufforderung, aus dem negativen Bild ein positives zu entwickeln, machte den Klienten zunächst stutzig. Doch er konnte ihr bald folgen, das Training der eigenen Vorstellungskraft war ihm aus früheren Coaching-Gesprächen vertraut. Nach einigen Minuten des In-sich-Gehens und der Ruhe entdeckte er folgende Möglichkeiten: „Okay, ich stehe mit dem Rücken an der Wand. Im Grunde genommen kann mir von hinten nichts mehr passieren. Ich bin geschützt und habe Halt. Und nach vorne steht mir alles offen. Ich brauche nur vorwärts zu gehen. Meine Zukunft ist offen! Ich stehe am Anfang von etwas ganz Neuem.“ Mit diesem von Selbstbewusstsein geprägten Bild ging er in die Abschlussverhandlung und verkaufte am Ende sein Unternehmen zu einem guten Preis.

Worte als Kulisse

Hintergründe und Gefühlsbilder ähneln Kulissen

Sprache verweist auf persönliche Hintergründe und Gefühlsbilder, die unser Handeln leiten. Sie lassen sich mit den Kulissen eines Theaterstücks vergleichen. Die Kulisse gibt den Schauspielern einen Bezugsrahmen. Es macht einen Unterschied, ob der Regisseur einen romantischen Dialog zwischen zwei Liebenden vor einer Revolutionsszene mit Pariser Stadthäusern oder auf einer idyllischen Waldlichtung spielen lässt. Einige mögen einwenden: „Ja, aber das ist doch meist durch den Autor, dem Urheber des Stückes, vorbestimmt.“ Genau! Wir Menschen können „unsere Kulissen“ verändern. Das zeigt das Beispiel des Bildes Mit dem Rücken an der Wand. Kompliziert sind stets nur die Geschichten, die über das eigentlich Einfache gedeckt werden. Komplexes schafft Komplexe, die das Einfache kompliziert erscheinen lassen. So einfach ist das mit den Erscheinungen, die wir tagtäglich haben!

Worte entspringen unseren Kulissen

In diesem Buch sehen wir, wie wir den Worten auf den Grund gehen können, um Hintergrundbilder und Kulissen zu erschließen. Wir benennen Menschen und Situationen, geben den Dingen einen Namen. Dieser Prozess entspringt unserem Denken und Fühlen. Etwas oder jemanden zu benennen beinhaltet oft eine erste Wertung. Wir stellen es vor eine Kulisse. Je nachdem, wie wir zu einer ausländischen Regierung stehen, nennen wir bewaffnete Widerständler entweder Freiheitskämpfer oder Terroristen.4 Das Benennen folgt der Kulisse des jeweiligen Sprechers und damit seiner Sichtweise. Gleichzeitig verbindet der Gesprächspartner das Gehörte mit seinen eigenen Erfahrungen durch Assoziationen, entsprechend seinem Repertoire an Kulissen. Das Wort bewirkt eine Reaktion. Es wurde zum Vorboten. Nomen est omen.

4 Dieses Beispiel geht auf Vera F. Birkenbihl zurück: Alpha Video, Denken Spezial, TR Verlag.

Das Wesen(tliche) beim Namen nennen

Der uns am meisten vertraute Klang ist der unseres eigenen Namens. Ihr Name ist Ihr ganz persönliches Merkmal. Bereits bei der Geburt wurden Sie „nominiert“, Sie sind demgemäß von Anfang an ein Gewinner. Oder haben Sie schon einmal gehört, dass bei der Olympiade Verlierer nominiert wurden? Sie sind mit Ihrem Namen Träger einer ganz bestimmten Idee von sich und Ihren Möglichkeiten. Meist ist dies unbewusst. Nominiert bedeutet namentlich vorgeschlagen. Renommiert – wieder benannt und bekannt – sind Sie, wenn Sie Ihrem Namen alle Ehre gemacht haben und wenn Sie Ihre Idee von sich verwirklicht, also Ihre Möglichkeiten gelebt haben. Auch bei Namen gilt: Nomen est omen. Ein Name ist gleichzeitig ein Omen, ein Zeichen also, und gemäß dem lateinischen ominosus „voll von Vorbedeutungen“. Ist das nicht ominös? Namenszeichen sind wie unsere Verkehrszeichen richtungsweisend. Sie können markante Wesenszüge kennzeichnen und auf Potenziale hinweisen.

Vor- und Nachnamen können auf Charakterzüge deuten

Betrachten wir die Vornamen, so können wir zuweilen bestimmte Charaktereigenschaften erkennen. Durchforsten Sie einmal Ihren Verwandtenund Bekanntenkreis nach Menschen mit dem Vornamen Peter. Ähneln sich die Peters nicht in ihrer Führungsqualität? Einen Peter wirft so schnell nichts um. Es wundert nicht, dass Peter, griechisch petros, Felsblock bedeutet. Auf ihm wollte Gott bekanntlich seine Kirche errichten: „Denn du bist Petrus, der Fels …“ Ebenfalls nicht zu unterschätzen ist Petra, das weibliche Pendant zu Peter.

Trotz aller gebotenen Vorsicht bei derartigen Typisierungen: Betrachten Sie einmal Menschen mit dem Vornamen Klara. Oft können Sie feststellen, wie sehr diese Charaktere mit dem Thema Klarheit befasst sind oder bereits in ihrer Art und Weise Klarheit verkörpern. Alles Klärchen?

Und was ist mit dem Namen Hans? Schnell wird eine Wurst daran gehängt und der Hanswurst ist geschaffen. Auch das Märchen vom „Hans im Glück“ lässt einen unklugen Menschen vermuten, insofern die Philosophie des Märchens nicht verstanden wird. Denn Hans im Glück ist glücklich! Der innere Wert der momentanen Freude über das eingetauschte Gut zählt, zumindest im Märchen, mehr als der kollektive „objektive“ äußere Wert. Also schwingt in diesem Namen auch gute Ethik mit und verleiht ihm eine gewisse Beständigkeit. So ist es nicht verwunderlich, wie häufig besonders in vergangenen Generationen der Name Hans vergeben wurde.

Jeder lebt in seinen Kulissen

Menschen nehmen selektiv wahr

Gedachte und gefühlte Kulissen gehen auf die Wahrnehmung eines Menschen zurück. Wir können nur die Dinge, Situationen und Menschen benennen, die wir wahrnehmen. Gleichzeitig ist es unmöglich, alles, was ist, wahrzunehmen. In seinem Buch „Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten“ schreibt der amerikanische Philosoph Robert M. Pirsig: „Wir nehmen eine Handvoll Sand aus der endlos weiten Landschaft, die uns umgibt, und nennen diese Handvoll Sand ‚Welt‘.“5 Die Welt ist das, was wir von ihr denken.

Standardisierte Szenen werden reinszeniert

Wahrnehmung und Interpretation orientieren wir an Stücken, die wir kennen und die auf unserer Festplatte im Kopf gespeichert sind. Wie bei einem Theaterstück fahren wir Kulissen auf, die wir in der Vergangenheit konstruiert haben. Diese symbolisieren einen bestimmten Schauplatz aus Gedanken und Gefühlen. So schaffen wir den Bezugsrahmen für unsere gegenwärtige Lebenssituation. Vor dieser Hintergrundkulisse spielen sich vorprogrammierte Szenen ab. Fritz Perls, der Begründer der Gestalttherapie, spricht von Reinszenierungen. Altes wird wieder und wieder in Szene gesetzt. Entweder weil wir es als gut und Gewinn bringend identifiziert haben und das „gute Stück“ wieder holen wollen oder weil es so schlecht und unverdaulich war, dass wir getrieben sind es wiederzukäuen. Der Täter kehrt an den Tatort zurück. Erinnern Sie sich an das Phänomen der Wiederholung von Problemen im ersten Kapitel. Wir konstruieren unsere Welt kulissenartig und richten uns so im Leben ein, wie wir glauben, dass es gut für uns ist. Oder wir konstruieren unbewusst und automatisiert.

5 Robert M. Pirsig: Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten. Fischer 1986, S. 84.

Wenn wir Kulissen auf den Leim gehen

Problematisch wird es, wenn wir mit unseren Kulissen verkleben. Gerade problembehaftete Hintergründe werden gerne als feststehende Kulisse genommen: Ein Programmablauf automatisiert sich, die Wiederholungstaste ist eingerastet. Wir schaufeln immer und immer wieder Negatives aus der Vergangenheit in die Zukunft. Wer nur eine Kulisse hat, wird immer wieder dasselbe Stück spielen. Doch auch mit mehreren Stücken bleibt das Leben gestückelt, und das Gefühl der Zerrissenheit dominiert. Der Hintergrund ist nicht im Fluss.

Beispiele für solche Negativkulissen sind:

„Immer bin ich das Opfer“ oder: „Warum immer ich?“

„Niemand sieht mich“ oder: „Ich werde nicht gehört“

„Ist es richtig, was ich tue, und werde ich gemocht?“ oder: „Habe ich etwas falsch gemacht und werde nicht mehr geliebt?“

„Gehöre ich dazu?“

„Seht mich an, bin ich nicht toll?“ – Ja, auch das ist eine Negativkulisse, mit der Sie sogar Topmanager werden können. Im Grunde genommen gehört jedoch dieser Typus als Anerkennungsjunkie in die Drogenberatung. Das Karriereschauspiel endet meist im Drama: Herzinfarkt, Schlaganfall, Punkt.

COACHEN SIE SICH SELBST

Gerade in kritischen Situationen tauchen von Ihnen vorprogrammierte Negativkulissen wie automatisch auf.

Können Sie sich in einem der obigen Beispiele wiederentdecken?

Beobachten Sie sich, wenn es brenzlig wird. Lassen Sie beispielsweise Situationen, in denen Sie kritisiert wurden, Revue passieren. Beschreiben Sie, wie Sie sich innerlich fühlten. Was hat Sie emotional stark getroffen? Wo haben Sie zum Beispiel weiche Knie oder einen Kloß im Hals bekommen? Wie haben Sie im Außen reagiert? Was haben Sie gesagt? Wie haben Sie gekontert oder klein beigegeben und vor allem: Wie heißt die dazu gehörige Gefühlskulisse?

Deuten Sie die entsprechende Sprachkulisse positiv um – analog zum Beispiel „mit dem Rücken an der Wand stehen“.

Kulissen werden zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung

Oft wissen wir nicht, dass es nur Kulissen sind, und schon gar nicht, dass wir mit diesen lediglich eine Wirklichkeit vortäuschen. Es ist ein bisschen wie an der Börse: Spekulanten setzen auf die vermutete künftige Entwicklung von Aktienkursen und lösen mit ihren Käufen und Verkäufen genau diese Kursentwicklungen aus.

Angenommen, Ihre Nachbarin grüßt plötzlich nicht mehr, und Sie fragen sich: „Was habe ich nur falsch gemacht?“ In Wirklichkeit wurde bei ihr ein Tumor festgestellt und sie ist tief in Gedanken versunken. Es hat also nichts mit Ihnen zu tun. Oder nehmen Sie den umgekehrten Fall: Ihre sonst stoffelige Nachbarin grüßt auf einmal sehr zuvorkommend und Sie überlegen: „Was führt sie nur im Schilde?“ Dabei hat sie sich frisch verliebt und möchte am liebsten die ganze Welt umarmen.

Problemraum ist nie Lösungsraum

Ein ernsthaftes Problem entsteht meist nicht durch die Situation an sich, sondern durch ihren Bezugsrahmen: die individuelle Kulisse. Erst vor der entsprechenden Kulisse wird die Situation zum Problem. Albert Einstein formulierte einmal treffend: „Problem space is not solution space.“ – „Im Raum des Problems finden wir keine Lösungen.“ Erst wenn wir den Raum und die Kulisse des Problems verlassen und eine neue Sichtweise einnehmen, kommen wir einen wirklichen Schritt weiter und können uns von der problematischen Kulisse lösen.

Wir kleben am Leben

Lösen statt verkleben, loslassen statt festhalten. Lösungsdenken ist heute gerade in der Wirtschaft zu einem Schlagwort geworden. Und wie viele Verklebte warten in den unterschiedlichsten Religionen auf Lösung, auf die Erlösung? Lösung ist das Hauptthema des Menschseins. Der Begriff Leben lässt sich sprachlich auf Leim zurückführen, und leben ist laut Duden mit dem Begriff kleben verwandt. Gott formte Adam aus Lehm. Wer schon einmal damit gearbeitet hat, weiß, wie klebrig diese Masse ist. Gott hat es sich nicht leicht gemacht. Lösung ist das Los des Menschen. Der Begriff Los wird synonym für Schicksal verwendet. Also, los geht’s!

Kulissen sind veränderbar

Kulissen gibt es immer. Hinter jedem Wort steht ein Bild, ein Gefühl oder eine Vorstellung. Worte werden zum Transportesel geistig-seelischer Kulissen. Es stellt sich also nicht die Frage, ob wir eine Kulisse wollen oder nicht. Entweder werden wir von installierten Kulissen gelebt oder wir kreieren neue Kulissen, die der Welt, die wir für uns erschaffen wollen, entsprechen. Es gibt keine guten oder schlechten Kulissen. Es gibt nur welche, die für unsere persönlichen Ziele nützlich oder weniger nützlich sind. Deshalb: Kulissen sind zum Schieben da, denn Kulissen sind, auch wenn wir mit dem Rücken an der Wand stehen, veränderbar. Spätestens wenn sich unser Hamsterrad immer schneller dreht oder es im Käfig zu müffeln beginnt, sollten wir mit der Demontage unserer festgeschraubten Kulissen beginnen. Wie Sie das tun? Misten Sie Ihren Stall aus und stellen Sie sich eine neue Kulisse vor, die Ihre Welt und Ihr Leben wieder fließen lässt! Anstelle von Kulisse können wir von Vorstellung sprechen. Das Theater vorne entspricht in der Tat einer Vorstellung. Was wir uns im Hinterkopf – dem Hintergrund – vorstellen, taucht im Vordergrund als Realität auf. Analog unserer Vorstellung stellen wir etwas vor uns hin. Also nicht wundern und schimpfen, wenn da Hindernisse auftauchen!

Arbeit an den eigenen Kulissen

Mit seiner eigenen Kulisse zu verkleben ist menschlich. Das kann einen Kurzschluss auslösen und das System lahmlegen. Der Kunde mit der Rücken-ander-Wand-Kulisse fühlte sich stark überlastet und damit blockiert. Ein anderer Mensch fühlt und handelt anders. Ein Kurzschlusstyp würde vielleicht mit blindem Aktionismus reagieren. Wir sprechen hier nicht von einem Ausnahmephänomen, solche Beispiele sind alltäglich. Wie oft sind wir getrieben Dinge zu tun? Wir essen, obwohl wir keinen Hunger haben. Gedanken kreisen ungestoppt in unserem Kopf und treiben uns zu absurden Handlungen. Es ist, als würde sich der Hammer, den wir als Werkzeug benutzen, verselbstständigen und jetzt auf uns einhämmern. Kulissen, die wir erschaffen haben, sind unter Umständen so groß und mächtig, dass wir uns von Ihnen erschlagen fühlen. Filme, die wir gedreht haben, lassen uns jetzt durchdrehen.

Haushalten oder Haus halten?

Wie schnell wir mit einer Kulisse verkleben, können wir an folgendem Beispiel sehen: Kürzlich sagte ein Klient, er könne sich ein Coaching nicht mehr leisten, er müsse jetzt haushalten. Der Coach fragte ihn, ob sein Haus schon so alt und baufällig sei, dass er es halten müsse. Er fügte hinzu, dass er in der Zeit, in welcher er sein Haus halte, keine Hand mehr fürs Geldverdienen frei habe. Im Hintergrundgespräch stellte sich heraus, dass es für den Klienten tatsächlich keinen Sinn hatte, die große Villa, die er seit seiner Scheidung allein bewohnte, weiterhin zu halten. Seine Gedanken kreisten um Halten und Loslassen des Hauses. Er entdeckte im Gespräch, dass die Kosten des Coachings überhaupt nicht ins Gewicht fielen und zur Debatte standen. Vielmehr knechteten ihn seine an das Haus geketteten Emotionen und Gedanken so sehr, dass er fast sein Coaching aus Haushaltungsgründen losgelassen hätte. Hauptsache, irgendetwas loslassen und entscheiden.

In dem Maße, wie Ihr Leben schwer erscheint, ist Ihre Kulisse inhaltlich mit dramatischen Elementen überlastet. Was Sie brauchen, ist eine Gepäckkontrolle. Wollen Sie Leichtigkeit, so gilt es, Ballast über Bord zu werfen. Denn mit einer dramatischen Kulisse können Sie kein Lustspiel erwarten und mit einer lustigen Kulisse machen Sie jedes Drama automatisch lächerlich. Das ist nur sinnvoll, wenn Sie als Kabarettist Ihr Geld verdienen. Dramatische Kulissen ziehen wie Magneten schicksalsträchtige Menschen auf Ihre Bühne und beschwören verhängnisvolle Situationen herauf. Große und überfrachtete Kulissen können Sie nur schwer alleine auseinander nehmen und bewegen. Das ist der Einsatz für Menschen, die gelernt haben, genau hinzuhören.

Werden Sie zum Kulissenschieber und Maskenbildner

Einen hohen Anspruch an Ihr Leben können Sie mit professionellen Begleitern und Unterstützern leichter erfüllen. Wenn der Motor Ihres Autos klopft, holen Sie den Pannendienst. Wenn Sie selbst eine Panne haben, gehen Sie zum Therapeuten. Wenn nun Ihr Herz ohne organischen Befund klopft und fast zerspringt, weil sich Ihre Lebensvision zurückmeldet, dann fragen Sie nicht Ihren Arzt und nicht Ihren Apotheker, sondern lernen sich selbst zu fragen und in Frage zu stellen. Und vor allem: Er-innern Sie sich, welches Stück Sie überhaupt spielen wollen! Dann erst können Sie die passende Kulisse kreieren. Setzen Sie als Hauptdarsteller das entsprechende Gesicht dazu auf, denn mit bestimmten Masken können Sie einfach keinen Blumentopf gewinnen! Ein Kommunikationstrainer sagte einmal zu einem Workshopteilnehmer, als dieser von seiner Lebensfreude berichtete: „Ich kann Ihre Freude nicht sehen. Bitte informieren Sie Ihr Gesicht!“ Werden Sie zum Maskenbildner in eigener Sache! Lassen Sie die Ideen dieses Buches wirken und synchronisieren Sie Hintergrund und Vordergrund, Theaterstück und Maske, sodass ein authentisches Gesamtkunstwerk entsteht.

Die Kulissen hinter den Worten

Die Worte, die jemand verwendet, geben vielfältige Hinweise, wie der persönliche Hintergrund aussieht und welche Gefühlsbilder damit verbunden sind. Dass sich unser Denken und Fühlen in unserer Sprache widerspiegelt, scheint allzu logisch. Doch die direkte Verbindung ist den meisten nicht bewusst. So gesehen sagt Sprache in jedem Fall sehr viel mehr als das, was wir im Allgemeinen hören und verstehen. Es drängt sich die Frage auf: Wie können wir der Sprache auf den Grund gehen? Wie können wir erkennen, was Sprache wirklich meint? Und wie können wir den Weg rückwärts gehen und aus der Sprache eines Menschen eine erste Vorstellung über seine Kulissen gewinnen?

Wenn Sie sich einen tieferen Zugang zur Sprache im Allgemeinen und zu Ihrer eigenen Ausdrucksweise im Speziellen schaffen wollen, dann gehen Sie sowohl analytisch als auch intuitiv vor:

Sprache spiegelt das Denken und Fühlen

Sehen Sie sich das Wort genau an: Was steckt alles im Wort? Was sagen die einzelnen Bestandteile des Wortes? Zum Beispiel das Wort

Geschichte:

Aus welchen

Schichten

besteht die

Ge-Schichte?

Was wird

zugeschichtet?

Gehen Sie der Etymologie nach: Woher kommt das Wort? Welchen Wandel hat es erfahren? Zum Beispiel das Wort

leiden:

Es stammt von

leiten

(=

fahren, reisen

) ab. Der heutiger Gebrauch von

leiden

geht auf die christliche Lehre zurück: „Der Mensch ist auf einer Reise durch das irdische Jammertal.“

Erschließen Sie sich Hinweise aus anderen Sprachen: Wie heißt das Wort im Englischen oder Französischen? Welche Verbindungen sind dort erkennbar? Zum Beispiel das englische Wort für

Gott

ist

God.

Dies ist offensichtlich verwandt mit dem Begriff

good

, der

gut

bedeutet. Gott bezeichnet also das Gute, auch das Gütige.

Achten Sie auf Bilder, die sich im Gesagten verbergen oder spontan entstehen: Wie stelle ich es mir vor? Was assoziiere ich damit? Zum Beispiel das Wort

Erwarten

und das Bild des wartenden Menschen.

Betrachten Sie das Gemisch aus den zuvor genannten Möglichkeiten: Wie wirkt es insgesamt? Was ist Ihre grundsätzliche Art und Weise des Sprechens?

COACHEN SIE SICH SELBST

Hinter jedem Wort, das Sie wählen, befindet sich eine Gefühlskulisse.

Wählen Sie drei extreme Situationen aus Ihrem Leben und beschreiben Sie diese in prägnanten Worten. Ihre ersten Gedanken sind jeweils die richtigen. Bei welcher Gelegenheit …

schäumten sie nahezu vor Glück über,platzten Sie fast vor Wut oderwären Sie vor Peinlichkeit am liebsten im Erdboden versunken?

Welche Worte fallen Ihnen zur Beschreibung dieser Situationen ein?

Untersuchen Sie nun die Worte, die Sie verwendet haben, nach obigem Schema!

Just look!

Manchmal genügt es, sich die Worte genau anzuschauen. Die Kulisse ist oft direkt im Wort enthalten. Just look! Wenn jemand etwas von einem anderen Menschen erwartet, sehen wir, wie dieser Mensch wartet und wartet und wartet. Godot lässt grüßen. Langsam wird er ungeduldig und dann sauer, bis er schließlich enttäuscht in sich zusammenfällt. Jetzt ist er geknickt. Im direkten Hintergrundbild des Begriffes, in der Enttäuschung, erkennen wir die Täuschung, also wie ein Mensch täuscht, sich täuscht oder getäuscht wird.

Zuweilen sehen wir den Hintergrund eines Wortes nicht, weil wir einen völlig gegenteiligen Sinn darüber geschoben haben. So erinnert uns das Wortvielleicht daran, dass vieles leicht ist, sonst hieße es vielschwer. Das Wort be-deutet, also deutet praktisch mit dem Finger darauf, dass vieles ganz einfach ist. Aber statt ein Fach reißen wir tausend Schubladen auf, und dann ist es tatsächlich vielschwer. Spätestens wenn sich der Inhalt der Schubladen vermengt, haben wir eine Verwicklung. Jeder weiß, wie schwer es ist, ein Wollknäuel zu entwirren.

Ach, wie gut, dass niemand weiß …

Oft liegt aber auch dichter Nebel über der Hintergrundkulisse eines Wortes. Er lichtet sich, wenn wir die Bedeutung des Wortes untersuchen, so wie beim Wort Enttäuschung: Entfernen wir uns bei der Ent-Täuschung von der Täuschung? Vielleicht befinden wir uns bereits auf dem Weg der Besserung, auch wenn wir uns im Tal der Tränen fühlen. Doch mit Tränen kommt so manches wieder in Fluss …

Enttäuscht, weil der Tausch aufgeflogen ist?

Des Weiteren ist in dem Wort Enttäuschung auch der Begriff Tausch enthalten. Vielleicht wollte ein Mann wirtschaftliche Sicherheit und materielle Geschenke gegen die Liebe einer Frau tauschen? Ein Tauschgeschäft, das häufig in Enttäuschung endet.

Eine Kulisse ist eine Dekorations- und Schiebewand und steht für eine vorgetäuschte Wirklichkeit. Der Begriff geht zurück auf das französische couler, das bedeutet fließen. Wenn wir in Fluss sind, können wir die Kulissen fließen lassen und brauchen sie nicht fest zu installieren. Kulissen sind zum Schieben da!

Das Heroische im Heroin

Die Wortherkunft kann Begriffe entlarven. So entstand die Droge Heroin vor einer heldenhaften Hintergrundkulisse. Heroin wurde im ausgehenden 19. Jahrhundert erstmals von deutschen Chemikern der Bayer AG hergestellt. Diese waren so begeistert von dem Stoff, dass sie ihm den Namen gaben, der sich vom griechischen heros, also Held im Sinne von stark und kräftig, ableitet. So wie Kaffee das Koffein enthält, damit wir uns aufgeweckt fühlen, steckt im Heroin der Held. Tatsächlich gaukelt Heroin dem Süchtigen Heldenhaftigkeit und Erhabenheit vor. Das englische hero bedeutet auch der Erhabene, der Abgott. Wundert es nun, dass die Droge Heroin zu Anfang des 20. Jahrhunderts von der aufkeimenden deutschen Pharmaindustrie vermarktet wurde? Zunächst als Hustensaft, später als motivationsfördernde Droge für Soldaten im Krieg. Heroin sollte Helden produzieren!

Lohnende Kurzausflüge in die Sprachen anderer Länder

Wie sehr es sich lohnt, beim Aufschließen der Worte andere Sprachen zurate zu ziehen, zeigt sich bei den Begriffen Enttäuschung und Panne. Enttäuschung heißt im Englischen disappointment. Die englische Vorsilbe dis- entspricht der deutschen Vorsilbe ent-. Appointment steht unter anderem für eine Verabredung treffen, einen Termin ausmachen.

Das point in appointment verweist darauf, dass etwas auf den Punkt gebracht wurde. Im möglichen assoziativen Bild sind wir in der Enttäuschung nicht auf dem Punkt, also weg vom Wesentlichen. Auch in der Unpünktlichkeit sind wir nicht auf dem Punkt, sondern in Gedanken versunken.

Keine Angst vor Pannen

Den Begriff Panne setzen wir umgangssprachlich für heftige Fehler oder Missgeschicke im Leben ein. Das französische panne ist ein Fachwort aus der Segelsprache. „Mettre les voiles en panne“ bedeutet „die Segel so stellen, dass sie keinen Fahrtwind bekommen“. Panne bezeichnet also einen Zustand des Innehaltens, um sich anschließend neu auszurichten. Eine Panne kann als ein Stopp oder Nothalt gesehen werden, damit wir eine neue Haltung für unser Tun einnehmen können.

Ähnlich erfährt der Mensch in der Krankheit einen Stopp. Erst jetzt kann er sich überdenken oder neu orientieren. So gesehen ergibt es einen Sinn, dass das deutsche Wort Patient sich vom lateinischen patiens (= dulden) ableitet. Auch im Englischen heißt patient