Du kannst etwas verändern! - Amika George - E-Book

Du kannst etwas verändern! E-Book

Amika George

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Beschreibung

Das Handbuch für erfolgreichen Aktivismus

Zu jung, um Dinge wirklich zu verändern? Die Britin Amika George zeigt, dass das nicht stimmen muss. Entsetzt darüber, wie viele Mädchen oft mehrere Tage nicht zur Schule gehen, weil sie sich keine Menstruationsprodukte leisten können, startete sie die Kampagne »#FreePeriods« und sagte der Periodenarmut den Kampf an. In ihrem Aktivismus-Handbuch beschreibt die Studentin wie erfolgreicher, gewaltfreier Protest gelingt und gibt praktische Tipps, unter anderem für die passende Social-Media-Nutzung oder das Organisieren von Demonstrationen. Inspirierend und mitreißend beweist Amika George, dass es immer möglich ist, sich für eine gerechtere Gesellschaft einzusetzen – egal in welchem Alter.

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MOBI

Seitenzahl: 399

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Buch

Zu jung, um Dinge wirklich zu verändern? Die Britin Amika George zeigt, dass das nicht stimmen muss. Entsetzt darüber, wie viele Mädchen oft mehrere Tage nicht zur Schule gehen, weil sie sich keine Menstruationsprodukte leisten können, startete sie die Kampagne »#FreePeriods« und sagte der Periodenarmut den Kampf an. In ihrem Aktivismus-Handbuch beschreibt die Studentin, wie erfolgreicher, gewaltfreier Protest gelingt, und gibt praktische Tipps, unter anderem für die passende Social-Media-Nutzung oder das Organisieren von Demonstrationen. Inspirierend und mitreißend beweist Amika George, dass es immer möglich ist, sich für eine gerechtere Gesellschaft einzusetzen – egal in welchem Alter.

Autorin

Amika George startete mit 17 Jahren von ihrem Kinderzimmer aus die Kampagne »#FreePeriods«, nachdem sie gehört hatte, wie oft Mädchen der Schule fernbleiben, weil sie keinen Zugang zu Periodenartikeln haben. Im Jahr 2019 überzeugte ihre Kampagne die britische Regierung erfolgreich, ab Januar 2020 an allen englischen Schulen und Hochschulen kostenlose Menstruationsprodukte anzubieten. Die Aktivistin studiert Geschichte an der Universität Cambridge.

Amika George

Du kannstetwas verändern!

Wie erfolgreicher,gewaltfreier Protest funktioniert

Aus dem Englischenvon Bettina Spangler

Die englische Originalausgabe erschien 2021 unter dem Titel »Make it happen! How to be an activist« bei HQ, London.

Alle Ratschläge in diesem Buch wurden von der Autorin und vom Verlag sorgfältig erwogen und geprüft. Eine Garantie kann dennoch nicht übernommen werden. Eine Haftung der Autorin beziehungsweise des Verlags und seiner Beauftragten für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ist daher ausgeschlossen.

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Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Deutsche Erstausgabe November 2021

Copyright © 2021 der Originalausgabe: Amika George

Copyright © 2021 der deutschsprachigen Ausgabe: Wilhelm Goldmann Verlag, München,in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlag: Uno Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: ©FinePic®, München

Redaktion: Carla Felgentreff

Satz und E-Book Produktion: Satzwerk Huber, Germering

LG ∙ IH

ISBN 978-3-641-27993-6V001

Besuchen Sie den Goldmann Verlag im Netz

Für Appachan

Inhalt

Einleitung

1. KAPITEL: DEFINIERE DEIN ZIEL

Jede:r fängt klein an

Finde die Kraft, die in dir steckt

Bring deine Kampagne ins Rollen

Die Global Goals

Sei immer topinformiert

Wer hat die Macht?

Tabuthemen erfolgreich angehen

Die Lösung

Hör gut zu

Nutze deine Wut

2. KAPITEL: FINDE MITSTREITER:INNEN

Die Suche nach Verbündeten

Bau dir eine Online-Community auf

Schau über den Tellerrand

Antirassismus und Inklusion

3. KAPITEL: VERSCHAFF DIR GEHÖR

Branding: Eine eigene Marke aufbauen

Finde Unterstützer:innen

Sorg dafür, dass man dich hört

Die sozialen Medien

Öffentlichkeitswirksame Reden

Interviews

4. KAPITEL: DEMONSTRATIONEN

Das Datum festlegen

Organisatorisches

Hilfe für den großen Tag

Redner:innen

Schilder und Transparente

Musik

Werbung

Soziale Medien nutzen

Nach dem Protest

5. KAPITEL: DU STEHST AN ERSTER STELLE

Nur keine Hektik

Kleine Etappensiege feiern

Sei gut zu dir selbst

Ent-followen

Wähle deine Worte weise

Setze bewusst Grenzen

Umgang mit Trollen

Besetze deine Kampagne positiv

Schlussbemerkung

Zeitlicher Ablauf meiner Free-Periods-Kampagne

Weiterführende Literatur

Danksagung

Interviewbeiträge im Buch

Register

Einleitung

Frühjahr 2017

Es war morgens vor der Schule, ich saß am Küchentisch, aß mein Frühstück und scrollte auf meinem Handy durch den Newsfeed. Mädchen aus ärmeren Verhältnissen können sich keine Periodenprodukte leisten und schwänzen deshalb die Schule, lautete die Topmeldung auf BBC News.1

Ich war neugierig geworden; im Einleitungstext war die Rede von einer Hilfsorganisation namens Freedom4Girls, die junge Mädchen in Afrika mit Binden versorgte. Man war an die Verantwortlichen herangetreten und hatte sie gebeten, ihre Bestände stattdessen vor Ort, hier im Vereinigten Königreich, zu verteilen. Interessiert klickte ich auf den Link und las den Artikel. Lehrer:innen einer Schule in Leeds war aufgefallen, dass einige Schülerinnen regelmäßig dem Unterricht fernblieben. Diese Mädchen, britische Staatsbürgerinnen wohlgemerkt und Mädchen wie ich, taten dies, weil sie sich keine Binden oder Tampons leisten konnten. Viele von ihnen kamen aus Familien, die noch nicht mal genügend Geld für Lebensmittel hatten. Die Verfasserin des Textes hatte junge Frauen im Teenageralter interviewt, die angaben, manchmal den Slip mit Toilettenpapier zu umwickeln, in der Hoffnung, damit möglichst sauber und trocken durch den Schultag zu kommen. Aber viele verpassten auch Monat für Monat mehrere Unterrichtstage, weil sie nicht riskieren wollten, ihre Schuluniform vollzubluten. Eine von ihnen sagte, sie habe sich zu sehr geschämt, um sich irgendjemandem anzuvertrauen, und es lieber verheimlicht. Erst nach vielen Monaten habe sie all ihren Mut zusammengenommen und sich Hilfe geholt. Eine andere gestand, sie sei völlig überfordert gewesen, als sie ihre Menstruation das erste Mal bekam. Sie hatte nicht die geringste Vorstellung, was da mit ihrem Körper geschah, und fing an, Monat für Monat die Schule zu schwänzen. Sie fühlte sich völlig alleingelassen.

Ich lehnte mich auf meinem Stuhl zurück und dachte über das eben Gelesene nach. Ich kochte innerlich vor Wut. Natürlich war mir nicht neu, dass sich Mädchen in vielen Ländern der Erde keine Hygieneprodukte leisten können. Tatsächlich hatte ich erst vor wenigen Wochen einen Artikel darüber im Time-Magazin gelesen. Darin ging es um Period Poverty (Periodenarmut) in Indien und was es für das Leben eines jungen Mädchens bedeutet, wenn es wegen einer so natürlichen Sache wie der monatlichen Blutung nicht die Schule besuchen kann. Ich weiß noch, wie traurig es mich stimmte zu lesen, dass in dem Land, in dem meine Großeltern geboren und aufgewachsen waren, 113 Millionen Mädchen zwischen 12 und 14 Jahren auf eine ordentliche Bildung verzichten, nur weil sie sich aus reiner Scham nicht mit den nötigen Hygieneartikeln versorgen können. Das Thema Menstruation ist dort ein absolutes Tabu. Manche Schulen, vor allem in ländlichen Regionen, sind noch nicht einmal mit absperrbaren und ausreichend hygienischen Toiletten ausgestattet. Oft gibt es kein fließendes Wasser und keine Mülleimer, um Binden sauber zu entsorgen. Ich weiß noch, wie es mich schüttelte, als ich las, dass diese Mädchen Blätter benutzen, um das Blut aufzufangen. Blätter! Ich war fassungslos. Für ein menstruierendes Mädchen, das sich keine Hygieneartikel leisten kann, ist so eine Schule nicht der richtige Ort.

Als meine Grandma an diesem Abend vorbeikam, sprach ich sie auf dieses Thema an. Ich wollte wissen, wie es für sie damals in Indien als Jugendliche gewesen war. Meine schockierte Miene, als sie mir erzählte, dass sie sich selbst Binden nähen musste, aus einem ordentlich gefalteten Stück Stoff, das sie sich mit einem Gürtel um die Hüften schnallte, brachte sie zum Lachen. Damals hatte es noch keine Wegwerfbinden gegeben. Wir sprachen auch über die Scham, die in ihrem Heimatland kulturell tief verwurzelt war und noch immer ist: Die monatliche Blutung wird als schmutzig und unrein betrachtet.

Hier aber ging es um etwas anderes. In dem Artikel war von Mädchen in England die Rede. Einem der reichsten Länder der Erde. Auch hierzulande führt lähmende Armut dazu, dass junge Mädchen nicht die Bildung erhalten, die ihnen von Rechts wegen zusteht. Die britische Regierung wird regelmäßig mit Lob überhäuft, weil Menschenrechte verteidigt werden und Bedürftige auf Unterstützung zählen können. Dass aber junge Menschen im Vereinigten Königreich wegen ihrer Monatsblutung nicht am Unterricht teilnehmen können, empfand ich als himmelschreiende Ungerechtigkeit. Mir fehlten die Worte. Ganz gleich, wie ich es drehte und wendete, es war nicht fair. Warum sollte eine so natürliche Sache auch nur ein Mädchen in diesem Land daran hindern, die Schule zu besuchen, sein gesamtes Potenzial zu entfalten und die eigenen Träume zu verwirklichen?

Ich fand es nicht in Ordnung, irgendjemanden wegen einer natürlichen biologischen Gegebenheit zu benachteiligen. Wie wollten wir jemals so etwas wie Gendergerechtigkeit erreichen, wenn eins unserer Grundbedürfnisse nicht anerkannt wird, geschweige denn uns nicht die entsprechenden Hygieneartikel zur Verfügung gestellt werden? Und wie konnte es sein, dass diejenigen, die nicht das nötige Geld dafür hatten, keine staatliche Unterstützung bekamen? In meinen Augen kam das beinahe einem Ausschluss aus der Gemeinschaft gleich; als würden diese Mädchen nicht zählen.

Bis zu diesem Moment hatte ich nie auch nur einen Gedanken daran verschwendet, wie es wäre, im Bedarfsfall keine Binden oder Tampons zur Verfügung zu haben. Ich war nicht auf den Gedanken gekommen, weil ich zu meinem großen Glück, immer einen Vorrat von mehreren Packungen in meiner Kommode habe. Ich weiß natürlich genau, wie stressig und peinlich es ist, wenn man in der Schule seine Tage bekommt und keinen Tampon dabeihat. Aber im Notfall kann man jederzeit eine Freundin fragen, ob sie zufällig Tampons oder Binden im Spind oder im Rucksack hat. Für Mädchen wie mich gibt es immer eine schnelle Lösung, und wenn ich dann von der Schule nach Hause komme, bin ich mit allem Nötigen versorgt. Wie oft aber können diese Schüler:innen ihre Freund:innen um Binden bitten, ehe sie zugeben müssen, dass sie sich selbst keine kaufen können? Kurz entschlossen suchte ich im Internet nach »Periodenarmut in UK« und war erschüttert über die große Anzahl an Treffern. Da wurde von Mädchen berichtet, die Zeitungspapier, zerschnittene alte T-Shirts oder mit Toilettenpapier ausgestopfte Socken als behelfsmäßige Binden benutzen, damit sie zur Schule gehen können. Sie wissen sich in ihrer Not nicht anders zu helfen.

Ich war in der Schule, als ich das erste Mal menstruierte. Da war ich zehn. Einige Monate zuvor hatte mir meine Mum bei einem Stück Kuchen im Café erklärt, dass ich nun wohl bald meine Periode bekommen würde. Wir sprachen darüber, dass sie ungefähr in meinem Alter war, als es bei ihr losging. Es war während eines Familienurlaubs in Frankreich, beim Toben am Strand. Sie meinte, ich solle mich darauf einstellen, dass es bei mir in absehbarer Zukunft so weit wäre. Und dann ging es sogar schneller als gedacht.

Nach einer Musikstunde tippte mir ein Junge aus meiner Klasse auf die Schulter und meinte, da würde Blut an meinem Bein hinunterlaufen. Mir wurde kotzübel, so unsagbar peinlich war mir das. Ich senkte den Blick und sah tatsächlich ein rotes Rinnsal an meiner Wade. Panik überkam mich: Meine Periode war gekommen, und ich hatte keinen Schimmer, was jetzt zu tun war!

Als ich den Kopf hob, sah ich ihn lachen, und eine Horde Jungs hinter ihm spähte neugierig über seine Schulter, um zu sehen, was los war. Plötzlich waren die Augen aller Mitschüler:innen auf mich gerichtet. »Ich hab mich geschnitten«, schwindelte ich wenig überzeugend. Das Beben in meiner Stimme war nicht zu überhören. Langsam verließ ich den Klassenraum und ging zum Krankenzimmer, weil ich Angst hatte, es könnte noch schlimmer werden, wenn ich mich zu viel bewegte. Am liebsten wäre ich vor Scham im Boden versunken, und kaum kam die Schulschwester durch die Tür, fing ich an zu weinen. Sie war total lieb und nahm mich in den Arm. Allerdings merkte ich schnell, dass sie das Thema Menstruation nicht ansprechen wollte. Stattdessen rief sie meine Mutter an und schickte mich ausnahmsweise früher nach Hause, als würde ich etwas ausbrüten, eine Erkältung oder irgendein fieses Virus vielleicht. Ich war total durcheinander. Immerhin war ich die Erste von meinen Grundschulfreundinnen, die ihre Periode bekam. Und weil mich dieses Ereignis derart schockierte, behielt ich es für mich. Viele Menstruationen später stelle ich fest, dass dieses Thema in unserer Gesellschaft aus Scham immer noch gescheut wird. Je älter ich wurde, desto deutlicher manifestierte sich diese Erkenntnis.

An besagtem Morgen las ich diesen Artikel wieder und wieder, bis ich begriff, weshalb zu Hause bleiben für diese Mädchen die einzige Option war. Warum sollte sich irgendjemand einer solchen Tortur aussetzen – dem Gelächter, dem Spott, der Blamage? Ist es da nicht einfacher, gar nicht zur Schule zu gehen, damit man wenigstens eine Toilette in der Nähe hat?

Für mich war die Sache sonnenklar: Dass diese Mädchen wegen ihrer Menstruation mehrere Tage im Monat beeinträchtigt waren, dass sie regelmäßig Wissenslücken in Kauf nehmen mussten, würde sich auf ihren gesamten Lebensweg auswirken. Die Konsequenzen waren weitreichend. Es gefährdete nicht nur ihre Teilnahme am Unterricht und somit ihre Bildung (womit sie insbesondere den Jungs gegenüber benachteiligt waren), sie würden sich darüber hinaus auch schwerer tun, später einen Job zu finden und so der Armut zu entkommen. Periodenarmut setzt einen Teufelskreis in Gang, der diese Mädchen, vielleicht über Generationen hinweg, ihrer Chancen beraubt.

Mit fünfzehn, kurz vor meiner GCSE-Prüfung, musste ich wegen einer schweren Grippe das Bett hüten und konnte eine Zeit lang nicht am Unterricht teilnehmen. Als ich so tagaus, tagein zu Hause lag und mich nur schleppend von der Krankheit erholte, merkte ich, wie ich immer panischer wurde, wenn ich an den vielen versäumten Unterrichtsstoff dachte. Ich würde Unmengen lesen und lernen müssen, um das wieder aufzuholen. Bei meiner Rückkehr in die Schule erwartete mich eine ellenlange Liste mit Material, das ich nacharbeiten musste, Essays, die ich einreichen sollte, und anstehende Prüfungen, auf die es sich vorzubereiten galt. Ich hinkte den anderen deutlich hinterher und kam im Unterricht kaum mehr mit, weil ich einfach zu viel verpasst hatte.

Jetzt fragte ich mich, wie es wäre, sich Monat für Monat so zu fühlen, jahraus, jahrein, und zu wissen, dass man den anderen gegenüber erheblich im Nachteil ist. Ich stellte mir vor, eines dieser Mädchen zu sein, von denen ich gelesen hatte und die während ihrer Periode zum Teil mit einer Binde pro Tag auskommen mussten. Wie soll man sich im Unterricht konzentrieren, wenn man Angst haben muss, den Rock vollzubluten? Wenn ich in dieser Situation wäre, so dachte ich, würde ich die Schule vielleicht sogar komplett schmeißen, weil es ja ohnehin keinen Sinn hätte, schließlich würde ich immer wieder Unterrichtsstunden verpassen.

Es war nicht fair, und es machte mich von Tag zu Tag wütender.

Wenn man sich die Medienberichterstattung ansah, verurteilte alle Welt Periodenarmut aufs Schärfste. Es gab in den darauffolgenden Tagen reihenweise investigative Berichte und Nachrichtenartikel zur wachsenden Perioden- und auch Kinderarmut im Vereinigten Königreich. Lehrer:innen gestanden, täglich Binden für die Schüler:innen in ihre Aktentaschen zu packen, die ihre »vergessen«. Eltern gestanden, in Drogerien Binden und Tampons für ihre Töchter zu stehlen.

Wenige Wochen nach diesem öffentlichen Aufschrei wurde es in den Medien wieder still, man hörte kein Wort mehr darüber. Dieses Thema war genauso schnell von der Bildfläche verschwunden, wie es aufgeploppt war, und es wurde deutlich, dass die britische Regierung nichts unternehmen würde, um diesen Mädchen zu helfen.

In diesem Moment rief ich meine Free-Periods-Bewegung ins Leben. Ich kämpfte ganze drei Jahre darum, dass Hygieneartikel an englischen Schulen für alle kostenlos verfügbar sind. Heute ist es endlich Realität. Kein Kind in unserem Land muss schwänzen, nur weil es zu arm ist, um sich Binden oder Tampons zu kaufen.

Mein Weg war mitunter steinig – manchmal passierten unvorhergesehene Dinge, manchmal lief alles nach Plan, manchmal regierte das Chaos. Es gab Höhen und Tiefen, weshalb ich in einem Moment überglücklich und im nächsten zu Tode betrübt war, ein Häuflein Elend, das tränenüberströmt in seinem Kinderzimmer saß und sich fragte, was um Himmels willen das alles bringen sollte. Ich führte Tagebuch, machte mir Notizen und schrieb alles auf, was gut gelaufen war und welche Fehler ich auf keinen Fall noch einmal begehen durfte. Free Periods startete anfangs als reine Online-Petition, entwickelte sich dann aber in rasendem Tempo zu einer unaufhaltsamen globalen Bewegung. Es macht mich unheimlich stolz und glücklich, dass mich tagtäglich junge Menschen anschreiben, die etwas verändern möchten, die nicht länger untätig zusehen wollen, die ihre kollektive Wut nutzen, um die bestehende Ordnung zu hinterfragen und notfalls ins Wanken zu bringen, um sich furchtlos stark zu machen für Belange, die ihnen am Herzen liegen. Wann immer sich Leute an mich wenden und mich um Unterstützung bei ihrem eigenen Aktivismus bitten, teile ich meine Erfahrungen mit ihnen und schließe meist mit den Worten: »Es ist kein Spaziergang, aber du musst es versuchen!«

Aktivist:innen weltweit sind gegenwärtig dabei, die politische Agenda für sich zu erobern, denn schließlich haben wir alle ein Mitspracherecht. Wir sind der lebende Beweis, dass ganz gewöhnliche Bürger:innen, Leute wie du und ich also, bemerkenswerte Veränderungen bewirken können. Die traditionellen Volksvertreter:innen, die bisweilen jeglichen Bezug zu unserer alltäglichen Realität verloren zu haben scheinen, Politiker:innen, die längst nicht mehr aussehen, sprechen oder leben wie wir Normalbürger:innen, treiben uns dazu, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Die Politik an sich verändert zunehmend ihr Gesicht, und damit verändert sich auch die Zukunft des Aktivismus, des Protests und des Umbruchs.

Eines habe ich in diesen drei Jahren gelernt: Jede:r, und ich meine wirklich jede:r, kann aktiv werden. Dieses Buch wird dir dabei helfen, deine innere Stimme zu finden. Vielleicht warst du bisher nur zu scheu, um dich bemerkbar zu machen, weil du dir nicht sicher warst, ob du das darfst. Oder du hattest keine Ahnung, dass du überhaupt eine eigene Stimme hast.

Was auch immer dich zurückgehalten hat, eines steht fest: Gerade jetzt brauchen wir Leute wie dich, die aufstehen und die Ärmel hochkrempeln, um einen Wandel auf den Weg zu bringen. Es sind seltsame und beunruhigende Zeiten, in denen wir leben. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich je zuvor mit solcher Sorge in die Zukunft geblickt hätte. Man wird das Gefühl nicht los, dass nur bestimmten Personenkreisen Gehör geschenkt wird. Vielleicht empfindest du das genauso. Die Welt der Politik scheint ein geschlossener Kosmos zu sein, in dem eine kleine Gruppe von privilegierten weißen Männern den Ton angibt. Diese mächtige, homogene Elite, die die Autorität hat, Entscheidungen zu treffen, die für unsere Gesellschaft und unsere natürlichen Lebensgrundlagen weitreichende Konsequenzen haben. Wir werden bombardiert mit Berichten über die Mächtigen, die stur die falschen, folgenschweren Beschlüsse fassen. In kollektivem Entsetzen sehen wir fassungslos dabei zu. Kaum ist eine Woche vergangen, ist alles Schnee von gestern, und es scheint keine Möglichkeit zu geben, diese Leute zur Verantwortung zu ziehen. Du und ich, wir alle dürfen nicht zulassen, dass ihre Taten ungeahndet bleiben. Gab es angesichts dieses irrwitzigen, turbulenten und beinahe apokalyptischen politischen und sozialen Klimas je einen besseren Zeitpunkt, um sich zu erheben und ein Umdenken einzufordern? Ist jetzt nicht der perfekte Moment, um die vermeintliche Sicherheit hinter uns zu lassen und für eine neue, bessere Weltordnung zu kämpfen? Oder es zumindest zu versuchen?

In der Satzung der Vereinten Nationen steht gleiches Recht für alle festgeschrieben. Warum sind dann von 191 Staatsoberhäuptern nach jetzigem Stand gerade mal 13 weiblich? Das Problem der Ungleichheit verschärft sich zusehends und gerät außer Kontrolle, die menschlichen Kosten, gerade beim weiblichen Geschlecht, sind verheerend. Überall auf der Welt wird von Frauen verrichtete Arbeit beharrlich unterbezahlt. Die globalen Statistiken belegen, dass Frauen 75 Prozent der Arbeit leisten, dafür aber nur ein Zehntel des Lohns erhalten. Außerdem besitzen sie nur 1 Prozent des gesamten Grundeigentums. Fast die Hälfte der Menschheit muss von weniger als 6 Euro am Tag leben, während Macht und Vermögen von denjenigen, die es sich an der Spitze der ökonomischen Pyramide bequem gemacht haben (vorwiegend Männer), noch zusätzlich wachsen, weil diese Leute bis zu 30 Prozent ihrer Steuerschulden trickreich umgehen. Tatsächlich besitzen Männer 50 Prozent mehr vom weltweiten Vermögen als Frauen, und die 22 reichsten Männer der Erde verfügen über mehr Geld als alle Frauen Afrikas zusammen.

Wofür auch immer du dich einzusetzen gedenkst, warte nicht länger auf ein einschneidendes Ereignis, darauf, dass jemand anderes daherkommt und die perfekte Lösung präsentiert. Ich selbst habe viel zu lange gezögert, ohne dass etwas passiert wäre. Du darfst nicht einen Augenblick dem Irrglauben verfallen, dass irgendeiner Person da draußen deine Sache noch mehr am Herzen liegt als dir und sie besser dafür geeignet wäre, etwas gegen die Missstände zu unternehmen. Sei selbst dieser eine Mensch, der klare Kante gegen gewisse Ungerechtigkeiten zeigt. Und dem es nicht nur gelingt, sein eigenes Leben umzukrempeln, sondern auch noch das vieler anderer. Horche in dich hinein und entdecke die unglaubliche, ungenutzte Kraft, die in dir steckt, die Macht deiner Stimme. Und achte nicht auf die, die dir einreden wollen, das alles müsse so sein, dürfe nicht infrage gestellt werden. Sei alternativlos. Dein Handeln wird ihre Worte Lügen strafen. Und wenn du erst den Mut aufbringst, aus deiner passiven Rolle auszubrechen und die Initiative zu ergreifen, wirst du mit deiner Tatkraft anderen ein Vorbild sein und sie ermutigen, deinem Beispiel zu folgen. Eine Community von leidenschaftlichen Changemakern wird sich um dich herum formieren, inspiriert von deiner Überzeugung, und diese Leute werden selbst dann nicht ruhen, wenn sie auf Widerstände stoßen oder zurückgewiesen oder gar verurteilt werden. Du musst nur anfangen. Jede Bewegung, jede Revolte beginnt mit einem Menschen, der genau wie du spürt, dass der Zeitpunkt für längst überfällige Veränderungen gekommen ist, der Zweifel hat, wie ihm das gelingen soll, und der dann einfach loslegt und trotz aller Hürden unbeirrt weitermacht, bis das Ziel erreicht ist.

Aus diesem Grund habe ich dieses Buch geschrieben. Darin steht alles, was ich aus meiner Free-Periods-Kampagne gelernt habe. Es ist genau das Buch, das ich mir damals gewünscht hätte. Du wirst sehen, dass jede:r, auch du, etwas bewegen kann. Verwende es, wie es dir gefällt: Benutze es als Nachschlagewerk, in dem du dir bei Bedarf Rat holst, oder betrachte es als deinen treuen Begleiter in deinem persönlichen Kampf.

Legen wir los. Worauf wartest du? Gehen wir auf die Straßen und sorgen dafür, dass sich etwas tut. Erheben wir unsere Stimmen und erobern wir uns die Macht zurück. Und vor allen Dingen: Lasst uns niemals aufgeben.

1 Eine wichtige Anmerkung: Auch Transmänner und -jungen, nichtbinäre Personen und nicht genderkonforme Menschen menstruieren, und viele Frauen und Mädchen hingegen tun es nicht. Zu Beginn meiner Kampagne für kostenlose Hygieneartikel war ich mir dessen gar nicht bewusst. Deshalb unterschätzte ich auch, wie wichtig der Gebrauch einer inklusiven Sprache im Aktivismus ist. Heute achte ich gut darauf, dass meine Kampagne möglichst inklusiv und übergreifend ist, indem ich von »jungen Leuten« und »Kindern« spreche, um diejenigen zu benennen, die Zugang zu Periodenprodukten benötigen. Der Artikel, von dem oben die Rede ist und der mich ursprünglich dazu angespornt hat, meine Free-Periods-Kampagne zu starten, beschreibt dagegen lediglich die Misere von cisgender Mädchen, und deshalb spreche ich hier und in vergleichbaren Kontexten ebenfalls von Mädchen.

1. KAPITEL

DEFINIERE DEIN ZIEL

Zum Aktivismus wird niemand geboren, aber ich bin überzeugt, dass jeder das Zeug dazu hat. Auch du. Aus meiner Sicht kann Aktivismus viele Formen annehmen. Du brauchst dich deshalb nicht als Gutmensch oder Ökofreak abstempeln zu lassen. Mach dir bewusst, dass jede Menge Leute, die unterschiedlicher nicht sein könnten, unglaubliche Veränderungen in Gang gesetzt haben. Ich denke nicht, dass man dafür ein besonders extrovertierter Charakter sein oder besonders gute Reden halten muss, genauso wenig musst du außerordentlich belastbar oder einfallsreich sein, um aktiv zu werden. Jede:r kann es schaffen.

Ich selbst würde mich als eher zurückhaltenden Menschen bezeichnen. Und ich gebe zu, ich strotze nicht gerade vor Selbstbewusstsein. Wenn man mir vor vier Jahren erzählt hätte, dass ich einmal vor laufenden Kameras sprechen oder allein auf einer Bühne vor einem Meer von Zuschauern stehen würde, und das auch noch am anderen Ende der Welt, hätte ich nur den Kopf geschüttelt und die Person für verrückt erklärt. Doch irgendwann wird der innere Drang, etwas zu tun, übermächtig, und dann kann man nicht mehr anders, man muss einfach aktiv werden. Dieses Gefühl entsteht, wenn einem eine Sache wirklich, wirklich am Herzen liegt. Was auch immer es ist, das du verändern möchtest, welchem Missstand auch immer du Gehör verschaffen willst, du kannst diese eine Person sein, die den Stein ins Rollen bringt.

Die geopolitische Lage entwickelt sich aktuell in eine beängstigende Richtung. Während ich diese Zeilen schreibe, lese ich von drohenden Kriegen in Ländern, wo die Diplomatie zusehends an ihre Grenzen stößt und per Tweet mit Vernichtung und Vergeltungsmaßnahmen gedroht wird, statt faire Lösungen anzubieten. Ich lese davon, dass die derzeit wütende Pandemie viele Tausende tötet und die Welt ins kollektive Chaos stürzt. Ich lese davon, dass uns ein globaler wirtschaftlicher Abschwung droht und dass Massenarbeitslosigkeit, Verarmung und Hungersnöte noch viele weitere Menschen zu einem Leben in Leid und Entbehrung verdammen werden.

Ich lese von einer Klimakrise, die so weit fortgeschritten ist, dass verheerende Buschbrände Tausende dazu zwingen, aus ihren Häusern zu fliehen, und dass schwere Stürme und Überflutungen ausgerechnet in den Ländern, die ohnehin schon von bitterer Armut geplagt sind, weitere Todesopfer fordern werden. Zu wissen, dass unser aller Schicksal ausgerechnet in den Händen von Politiker:innen liegt, die sich beharrlich damit herausreden, dass wir es uns angeblich finanziell nicht leisten können, den Klimanotstand anzugehen, bringt mich zum Verzweifeln. Diesen Politiker:innen ist unsere Zukunft gleichgültig, weil sie die Spätfolgen wahrscheinlich gar nicht mehr selbst miterleben werden.

Ich lese von frauenfeindlichen, rassistischen und hetzerischen Kommentaren von den Mächtigen dieser Erde, die längst keinen flächendeckenden Aufschrei und keine Gegenwehr mehr auslösen, einfach nur weil wir uns inzwischen so sehr daran gewöhnt haben und abgestumpft sind gegen den Hass. Wenn ohnehin jede Hoffnung verloren scheint, verfallen wir Menschen allzu leicht in Lethargie, und dann nehmen wir die Gegebenheiten klaglos hin, statt vor lauter Empörung auf die Barrikaden zu gehen.

Trotzdem gibt es immer noch genügend Mutige da draußen, die sich weigern, den Kopf in den Sand zu stecken, und unverzagt das Samenkorn der Hoffnung auf Veränderung hegen und pflegen. Wir werden von Tag zu Tag mutiger und lauter. Wir nutzen das Internet und die sozialen Netzwerke, um unsere Reichweite auszubauen und uns mit anderen zusammenzutun, die unsere Sorgen teilen und ebenso entschlossen sind wie wir, den Status quo zu ändern.

Vielleicht fühlst du dich zum Handeln getrieben, weil du in irgendeiner Form direkt betroffen bist, oder es gibt da diese himmelschreiende Ungerechtigkeit, die sich hartnäckig hält und dich schon lange wurmt. Was auch immer deine Beweggründe sind, mach dir bitte eines bewusst: Du hast die Macht – nutze sie.

Es wird Zeit, dass du diesem Gefühl nachgibst, das pausenlos an deinem Gewissen nagt und dich anfleht, etwas zu unternehmen, ganz gleich, was. Leider ist es aber ausgerechnet dieser erste Schritt, der für die meisten die größte Hemmschwelle darstellt. Die innere Stimme lässt sich einfach zu leicht ignorieren. Aber bitte, schenke ihr Gehör und lass dich von ihr leiten! Gib dem Drängen endlich nach!

Ich selbst habe lange Zeit vor allem auf die negative innere Stimme geachtet, die mir einredete, ich sei nicht einflussreich genug, und nichts, was ich versuchte, würde einen Unterschied machen. »Warum glaubst ausgerechnet du, dich dieser Mammutaufgabe annehmen zu können?«, hören wir sie spotten, oder: »Du machst dich doch lächerlich, das klappt niemals.« Ich habe erlebt, wie mir diese Stimme einflüsterte, ich sei nicht gut genug, nicht mutig genug, nicht alt genug, nicht weiß genug, kurz: nicht die Richtige, um irgendetwas zu bewirken.

Heute bin ich froh, dass ich irgendwann beschloss, nicht mehr auf diese Stimme zu hören, denn erst als ich aktiv wurde, begann sie nachzulassen, bis sie nicht mehr viel lauter als ein Flüstern war – das ich getrost ausblenden konnte.

Wenn du dich selbst mit irgendwelchen Missständen, sei es einer Ungerechtigkeit, Täuschung oder unverfrorenen Doppelmoral, konfrontiert siehst, nimm es nicht als gegeben hin. Nichts ist unveränderlich, man muss sich nicht mit etwas abfinden, nur weil es immer so war. So fest verankert die Dinge manchmal auch erscheinen mögen, bin ich der festen Überzeugung, dass alles sich in einem ständig fließenden Zustand befindet, alles ist in Bewegung, und es liegt allein an uns, ob wir das Ruder in die Hand nehmen, den öffentlichen Diskurs anstoßen und das Gespräch in die richtige Richtung lenken. Lass dich nicht in eine bestimmte Form zwängen, von der die Gesellschaft behauptet, du müsstest da reinpassen, um dir die Anerkennung deiner Mitmenschen zu verdienen. Für einige mag so eine vorgegebene Norm ja passen, aber nicht für jede:n. Bewahre dir deine Unabhängigkeit und gestalte dein Dasein nach deinen eigenen Vorstellungen.

Warum lassen wir uns von den Mächtigen immer noch diktieren, wie wir zu leben haben? Sie sehen nicht aus wie wir, sprechen nicht wie wir und wissen nicht, was uns bewegt. Was wissen sie von den Beschwernissen, mit denen wir tagtäglich zu kämpfen haben? Sie wollen nicht, dass wir irgendetwas hinterfragen oder die bestehende Ordnung durcheinanderbringen. Warum auch? Ich habe es satt, dass sie die jungen Menschen von heute als »Generation Snowflake« bezeichnen, ein respektloser, abwertender Begriff, bewusst gewählt, um uns schlechtzumachen und als Horde Weicheier abzutun. Wenn es nach diesen Ignorant:innen geht, sind wir viel zu sehr damit beschäftigt, Schnuten zu ziehen und Selfies zu bearbeiten, um uns um die katastrophalen Zustände der Welt um uns herum zu kümmern.

Es ist viel einfacher für die Machthabenden, wenn alle sich in die Verhältnisse fügen, die Augen niedergeschlagen, die Lippen fest aufeinandergepresst, die Hände artig hinter dem Rücken verschränkt. Alles – Bücher, Werbung, Filme und Fernsehen – führt uns vor Augen, wie Macht auszusehen hat, wie sie sich anhört und anfühlt. Seit Generationen übernehmen wir dieses Bild von den Medien, ohne es anzuzweifeln. Doch wie Wael Ghonim, jener Aktivist, der im Jahr 2011 den Aufstand in Ägypten mit initiiert hat, in seinem Buch Revolution 2.0 bestätigt, ist »das einfache Volk um so vieles mächtiger als diejenigen, die tatsächlich an der Macht sind«. Wir Normalsterblichen haben demnach viel mehr Einfluss, als uns bewusst ist.

Überleg dir gut, in welcher Art von Gesellschaft du in Zukunft leben möchtest. Ist es eine, in der alles festgelegt und durch Vorschriften geregelt ist, wo wir uns geduldig in die Schlange einreihen, um unser klägliches Stück vom Kuchen abzubekommen, nur um dann festzustellen, dass es überhaupt nicht schmeckt? Und dann stellen wir uns wieder an, um noch eins zu bekommen? Nein, sicher nicht. Also nimm die aktuellen Zustände genau unter die Lupe und überleg dir, wie viele Menschen von einem einzelnen Problem derzeit betroffen sind. Und dann stell dir die Frage, ob sich daran in absehbarer Zeit etwas ändern wird, wenn du beschließt, es weiter zu ignorieren.

Caroline Criado Perez ist für mich eine echte Heldin – ein unerschütterliches feministisches Kraftpaket, eine richtige Macherin. Sie hat eine absolut geniale und inspirierende Kampagne ins Leben gerufen, mit der sie die Bank of England dazu brachte, mehr Frauen auf britischen Banknoten zu verewigen. Außerdem hat sie sich erfolgreich dafür eingesetzt, dass auf dem Parliament Square in London eine Statue der Frauenrechtlerin Millicent Fawcett errichtet wurde. Nichts kann sie aufhalten, sie schreckt vor nichts zurück. Ich habe sie gefragt, welchen Ratschlag sie für junge Menschen hat, die voller Tatendrang sind, die dafür sorgen wollen, dass sich etwas bewegt, aber nicht wissen, wo sie anfangen sollen:

Entscheide dich für etwas, das dir so wichtig ist, dass du gar nicht anders kannst, als es zum Gegenstand deiner Kampagne zu machen. Es ist ein Knochenjob, der dir alles abverlangt und den dir niemand dankt, und er bestimmt über dein gesamtes Leben. Ein Ende ist meist nicht abzusehen. Und trotzdem macht man weiter, bis der Kampf gewonnen ist. Das kann Wochen dauern, Monate, manchmal sogar Jahre: Viele Suffragetten haben im frühen 20. Jahrhundert ihr gesamtes Leben dem Kampf für das Frauenwahlrecht geopfert. Viele von ihnen starben noch vor Erreichen dieses Ziels. Was du also dringend brauchst, ist Durchhaltevermögen. Deshalb such dir ein Thema, bei dem du einfach weitermachen musst. Nur wenn du das Gefühl hast, keine Wahl zu haben, weißt du, dass du deine Mission gefunden hast.

Caroline hatte früher mit Feminismus nichts am Hut. Sie hat mir gegenüber sogar zugegeben, dass sie als Teenager kein besonders gutes Bild vom weiblichen Geschlecht hatte. Sie war überzeugt, dass Männer die besseren Menschen sind:

Mit ungefähr Mitte zwanzig setzte bei mir nach und nach ein Umdenken ein. Damals las ich ein Buch über Feminismus und linguistische Theorie (Feminism and Linguistic Theory). Insbesondere das Kapitel über den Gebrauch des generischen Maskulinums in unserer Grammatik brachte mich ins Grübeln. Dass viele Wörter in ihrer maskulinen Form für beide Geschlechter stehen und mit »he« und »man« – in der Bedeutung »Mensch« – ebenfalls die gesamte Menschheit gemeint ist (wie ja im Deutschen auch die Indefinitpronomen »man« und »einer« in der Regel für beide Geschlechter stehen), ist allgemeiner Konsens. Man muss kein:e Expert:in sein, um zu wissen, dass Feminist:innen dies kritisieren – und wie so viele andere Menschen auch, die von Feminismus keine Ahnung haben, hatte ich nie viel mehr als ein genervtes Augenrollen für diese Kritiker:innen übrig, wenn ich damit konfrontiert war. Aus meiner Sicht war dies das perfekte Beispiel dafür, wie lächerlich dieser ganze feministische Schwachsinn war, und die optimale Gelegenheit zu beweisen, dass ich mit einem viel logischeren Denken gesegnet war als so manch andere Frauen. Denn im Gegensatz zu diesen hysterischen Geschöpfen glaubte ich genau zu wissen, was gemeint war, wenn die männliche Form verwendet wurde, das kapierte doch wohl jedes Kind. Also tat ich diese Einwände jedes Mal mit einem abfälligen Schulterzucken ab, und damit war der Fall für mich erledigt. Mit solchen Kinkerlitzchen gab ich mich doch nicht ab.

Doch dann las ich den nächsten Satz. Die Autorin führte Studien an, die bewiesen, dass der generische Gebrauch des Personalpronomens »he« beim Lesen oder Hören automatisch das Bild von einem Mann heraufbeschwört, selten denkt man an eine Frau. Das machte mich dann doch stutzig. Wenn ich ehrlich bin, traf es mich wie ein Schlag. Denn zum ersten Mal wurde mir so richtig bewusst, dass auch ich unwillkürlich einen Mann vor Augen habe, wenn ich es höre. Ich war fassungslos. Warum war mir das noch nie aufgefallen? Ich meine, sollte ich als Frau bei diesen angeblich geschlechtsneutral gemeinten Formulierungen nicht eine Frau vor Augen haben? Oder wenigstens in der Hälfte der Fälle? Warum musste mich erst jemand mit der Nase darauf stoßen, damit ich das bemerkte?

Caroline fiel es wie Schuppen von den Augen, und sie begriff, wie stark auch ihr Unterbewusstsein vom Männlichen bestimmt war. Denn es war nicht nur der generische Gebrauch des Personalpronomens »he«, der in ihrer Vorstellung beharrlich männliche Wesen heraufbeschwor. Das Gleiche passierte ihr bei Wörtern, die für sich noch viel eindeutiger beanspruchten, genderneutral zu sein: Berufsbezeichnungen wie lawyer, doctor, professor, writer, journalist, scientist – Anwalt, Arzt, Professor, Autor, Journalist und Wissenschaftler. Jeder einzelne Begriff ließ sie reflexartig an einen Mann denken.

Ich konnte mir dieses Phänomen, dass ich automatisch Männer vor Augen hatte, nur folgendermaßen erklären: Offenbar hatte ich keine besonders hohe Meinung von Frauen. Denn was wusste ich schon groß über mein eigenes Geschlecht? Was spielten wir Frauen für eine Rolle? Mittlerweile ist mir natürlich klar, woran das liegt. Immerhin wurden Frauen von der Geschichtsschreibung lange Zeit weitestgehend ignoriert, sie wurden quasi unsichtbar gemacht. Heute weiß ich, dass es in vergangenen Zeiten Usus war, dass große Errungenschaften auf den Gebieten der Kunst, der Literatur und der wissenschaftlichen Entdeckungen, deren Urheber Frauen waren, stattdessen ihren Ehemännern oder Lehrmeistern zugesprochen wurden. Und ich? Ich war all die Zeit blind dafür gewesen. Im Geschichtsunterricht in der Schule ging es fast nur um Männer. Die »große« Literatur, die man uns zu lesen auftrug, war beinahe ausschließlich von Männern verfasst und handelte von männlichen Protagonisten. Wissenschaftlicher Fortschritt war mir stets als das Werk von Männern präsentiert worden. Wen wundert es da, wenn ich mein eigenes Geschlecht als ein Hindernis betrachtete, als einen Klotz am Bein, den ich loswerden musste, wenn ich als vollwertiger Mensch gelten wollte?

In unserem Gespräch beschrieb Caroline weiter, was dieses Aha-Erlebnis bei ihr auslöste:

Mich packte eine jähe Wut. Ich war entsetzt von der Erkenntnis, dass man mir ein völlig falsches Bild von meinem eigenen Geschlecht vermittelt hatte. Immerhin hatte mich diese Vorstellung meine ganze Jugend hindurch geprägt. Dieser ständige Druck, den ich mir selbst auferlegt hatte, mich ja nicht zu geben wie »all die anderen Mädchen«, nur damit ich halbwegs eine Chance hatte, wie ein Mensch behandelt zu werden. Das alles hatte erheblichen Einfluss auf mein Selbstbewusstsein. Was für eine schreiende Ungerechtigkeit, dass junge Mädchen dem nach wie vor ausgesetzt waren. Während ich also auf immer mehr Beispiele für Situationen stieß, in denen die Welt uns als fast ausschließlich männlich präsentiert wird, und feststellte, dass die großen historischen Persönlichkeiten, die wir so sehr verehren, beinahe durchweg Männer sind, empfand ich es als meine moralische Pflicht, etwas gegen diese irreführende Geschichtsverzerrung zu unternehmen. Immerhin wusste ich aus persönlicher Erfahrung, welch erhebliche Auswirkungen dieser Umstand auf ein Menschenleben haben kann.

Das Gute war, dass für mich eines rasch feststand: Ich hatte es mit einem Problem zu tun, gegen das man auch als Einzelkämpferin gut vorgehen konnte. Da draußen gab es Ungerechtigkeiten, die waren noch viel empörender und tiefer verankert, sie an der Wurzel zu packen und zu beseitigen würde Jahre dauern, und dazu bräuchte es außerdem eine gut organisierte Gruppe von Enthusiast:innen, die beharrlich auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiteten. Aber eine Banknote? Ja, das war zu schaffen. Wenn es sein musste, auch allein.

Jede:r fängt klein an

Meine Petition lief gerade mal zwei Monate, da kontaktierte mich Catherine, die wie ich siebzehn war. Sie erzählte mir, wie sehr sie der aktuelle Zustand unserer Welt mit all ihren Ungerechtigkeiten deprimierte und welch heftige Schuldgefühle deshalb gelegentlich an ihr nagten. Sie hasste dieses Gefühl der Ohnmacht, fand sich selbst aber zu klein und unbedeutend, um etwas zu verändern. Aus diesem Grund wandte sie sich Hilfe suchend an mich. Sie wollte von mir wissen, ob ich mich besser fühlte, weil ich etwas unternommen hatte, ob ich tatsächlich den Eindruck hätte, etwas bewirken zu können, noch dazu in einer Welt, die aus ihrer Sicht völlig auf Abwege geraten war. Sie selbst habe zunehmend das Gefühl, den Halt zu verlieren.

Catherine und ich tauschten uns zunächst über E-Mails aus. Sie vertraute mir an, sie habe psychische Probleme gehabt und sei gerade erst von zu Hause ausgezogen. Und nun sei sie zu dem Schluss gekommen, dass sie irgendetwas brauchte, für das es sich zu kämpfen lohnte, etwas, das ihr neue Hoffnung gab, ein Ziel, das sie wieder auf Kurs bringen würde.

Ich weiß, dass Catherine das alles große Überwindung gekostet hat. Alles in ihr sperrte sich dagegen, warnte sie davor, es auch nur zu versuchen. Aber sie blieb standhaft. Sie wollte unbedingt etwas tun, wollte sich nicht länger passiv ihrem Schicksal ergeben. Also rief sie eine Kampagne ins Leben, mit der sie sich für eine bessere Ausbildung von Allgemeinärzt:innen im Hinblick auf psychische Probleme einsetzte. Darin fand sie ihre Berufung. Ihr Engagement weckte völlig neuen Tatendrang in ihr und beflügelte sie, was sie wiederum optimistisch stimmte und hoffnungsvoll in die Zukunft blicken ließ.

Diese mutige junge Frau war mir eine unglaubliche Stütze in meinem eigenen Kampf. Sie half mir, Periodenarmut auf die öffentliche Agenda zu bringen, und setzte sich mit Feuereifer für meine Ziele ein. Sie kam sogar extra nach London, um an unserem Protestmarsch teilzunehmen, dabei hatte sie eigentlich nicht mal das nötige Kleingeld für ein Zugticket. Unermüdlich tweetete und postete sie Beiträge zu der Demo und rief alle ihre Kontakte auf, die Info zu teilen und selbst dabei zu sein. Mit einem Schlag war Catherine Feuer und Flamme für den Aktivismus. Er hatte sie gepackt und lässt sie seither nicht mehr los.

Ich weiß genau, wie leicht man in die Falle tappt und denkt, gewisse Probleme seien zu gewaltig, um sie in Angriff zu nehmen. Man ist innerlich aufgewühlt, empört sich über Ungerechtigkeiten, versteht nicht, warum niemand etwas dagegen unternimmt, fühlt sich aber letzten Endes machtlos und unternimmt ebenfalls nichts. Wie leicht lässt man sich von dem Gedanken verführen, dass die Dinge nun mal so sind, wie sie sind. Was soll ich kleines Licht schon daran ändern, fragt man sich. Trotz aller Entrüstung fällt es den meisten Menschen schwer, sich aus diesem Gedankenkorsett zu befreien. Sie ergeben sich widerstandslos in ihre passive Rolle, weil sie nicht an sich glauben. Und überhaupt ist doch schon das ganze Leben eine einzige Mühsal. Warum dann auch noch den Kampf gegen Windmühlen auf sich nehmen?

Catherine hat wie so viele klein angefangen. Als Erstes wandte sie sich an ihre eigene psychotherapeutische Praxis und erkundigte sich, was sie tun könnte, um die Situation für Menschen mit psychischen Problemen zu verbessern. Sie selbst hatte nämlich anfangs ziemliche Schwierigkeiten gehabt, die Hilfe zu bekommen, die sie so dringend benötigte. In einem nächsten Schritt wagte sie sich daran, die bestehenden Prozesse infrage zu stellen. Folgendermaßen schilderte sie mir ihre ersten Erfahrungen:

Die größte Bereicherung, die ich dem Aktivismus zu verdanken habe, ist dieses starke Zusammengehörigkeitsgefühl und die tiefe Verbundenheit mit den Menschen und der Welt um mich herum, die ich seither fühle. Nachdem ich lange Zeit sehr einsam und isoliert gelebt hatte, war und ist es mir eine unglaubliche Hilfe, mit anderen reden zu können, mich mit Leuten auszutauschen, die ähnlich über gewisse Dinge denken und sich gemeinsam mit mir Lösungen überlegen. Das gibt mir definitiv viel Kraft. Denn wenn wir es nicht in die Hand nehmen, wer dann? Mir fällt es genau wie anderen jungen Menschen in meinem Alter auch nach wie vor höllisch schwer, mir eine eigene Stimme zuzugestehen. Schließlich schenkt uns ja ohnehin nie jemand Gehör. Umso wichtiger ist es, dass wir einander zuhören und uns gegenseitig Mut machen. Wir müssen das Ruder selbst in die Hand nehmen, denn da sind Leute an der Macht, die folgenschwere Entscheidungen über unsere Zukunft fällen, ohne uns nach unserer Meinung zu fragen. Letzten Endes aber werden wir die Leidtragenden sein, wir werden ihre Fehler ausbaden müssen.

Catherine beschloss, sich für etwas stark zu machen, wovon sie selbst unmittelbar betroffen war. Ihr Weg zum Aktivismus zeigt, dass wirklich jede:r gegen bestehende Prozesse aufbegehren kann, die aus seiner oder ihrer Sicht nicht richtig sind. Und ihre Geschichte verdeutlicht auch, dass der erste Schritt hin zur Veränderung darin besteht, dass man entschieden Einspruch erhebt und fordert, dass sich etwas verändert. Es gibt kein Patentrezept, das als Schlüssel für den Wandel herhalten kann. Für Catherine ging es in erster Linie darum, etwas gegen ihren eigenen Frust zu unternehmen, wobei ihr erst nach und nach bewusst wurde, dass sie mit ihrem Handeln auch positiven Einfluss auf das Leben anderer hat. Ein willkommener Nebeneffekt, der sie in ihrer Entschlossenheit gleich noch mehr bestärkte. Denn es kann ein wahnsinnig befreiendes Gefühl sein, sich den Problemen anderer anzunehmen und sich solidarisch mit ihnen zu zeigen.

Shiden Tekle lernte ich bei einem gemeinsamen Fotoshooting verschiedener Jugendaktivist:innen kennen. Er und seine Freund:innen hatten sich derart über das Fehlen schwarzer Schauspieler:innen in den meisten Kino- und TV-Produktionen geärgert, dass sie auf die Idee kamen, berühmte Filmplakate nachzustellen. Sie kopierten die Plakatszenen von Kassenschlagern wie Titanic, Harry Potter und Sykfall, nur dass bei ihnen schwarze Menschen die Hauptrollen besetzten.

Shiden ärgerte es maßlos, dass im überwiegend weißen Cast von Filmen nur ganz sporadisch und hauptsächlich in Nebenrollen Nicht-Weiße auftauchten, »Quotenschwarze« sozusagen. Er sagte mir:

Schon seit ich zwölf war, bin ich regelmäßig rassistischen Beleidigungen ausgesetzt. Das liegt nicht zuletzt auch an den Medien: Nur selten zeigen sie uns schwarze Menschen in einem positiven Licht. In den großen Filmproduktionen sind schwarze Charaktere auffallend häufig kriminell oder in Drogendeals verwickelt. Damit suggeriert man dem Publikum doch, dass alle schwarzen Menschen so sind. Deshalb beschlossen wir, die Werbeplakate für große Filmhits mit schwarzen Akteur:innen nachzustellen, um die Wahrnehmung der Menschen umzukrempeln und ihre Vorurteile zu entlarven.

Shiden und seine Mitstreiter:innen gestalteten diese Poster mithilfe von Freund:innen und Verwandten und hängten sie bei sich zu Hause auf. Und natürlich teilten sie Bilder davon auf den Social-Media-Kanälen mit allen ihren Kontakten. Was zunächst als Jux gedacht war, schaffte es bis in die landesweiten Nachrichten, und die Plakate waren schließlich sogar groß auf Anzeigentafeln an Bushaltestellen zu sehen. Damit war eine ernst zu nehmende politische Bewegung geboren, die sich Legally Black nennt. Mit ihrer gewitzten Aktion befeuerten diese jungen Leute den Diskurs rund um rassistische Fehldarstellungen in Film und Fernsehen und die Tatsache, dass schwarze Menschen in den Medien generell nicht angemessen repräsentiert werden. Sie hatten damit offenbar einen Nerv getroffen.

Ich hätte nie gedacht, dass unsere Aktion Schlagzeilen machen würde. Aber als das so große Wellen schlug, schien auf einmal in greifbare Nähe zu rücken, dass wir noch viel mehr erreichen konnten. Zum Beispiel die Debatte über Rassismus in den Medien anzukurbeln. Wir wollten mit Vertreter:innen der britischen Rundfunkanstalten ins Gespräch kommen und ihnen deutlich machen, welchen Einfluss eine solch negative, stereotype Darstellung von schwarzen Menschen vor allem auf junge Leute hat. Die Medienwelt ist ein recht starres System; da irgendein Umdenken bewirken zu wollen, ist nicht ganz einfach, aber auch nicht unmöglich. Inzwischen bin ich schlauer und habe einiges gelernt, zum Beispiel wer die Strippen zieht oder wie man die Schubkraft von Kampagnen nutzt, um Ziele erfolgreich durchzusetzen.

Wir als Gruppe haben immer wieder betont, dass es uns nicht darum geht, weiße Charaktere durch schwarze Schauspieler:innen zu ersetzen. Wir möchten lediglich erreichen, dass schwarze Menschen die Hoheit über ihre eigenen Narrative erhalten und nicht länger in eine passive Rolle gedrängt werden. In dieser Hinsicht tut sich aktuell schon sehr viel, aber stereotype Darstellungen von People of Color sind in den Medien immer noch allgegenwärtig, nicht nur im Film. Wir bemühen uns um einen möglichst sensiblen Umgang mit Sprache und sind sehr auf Inklusion bedacht, indem wir uns auch mit der medialen Darstellung weiterer Ethnien befassen. Trotzdem wollen wir nicht im Namen anderer Communitys sprechen, weil wir uns letztlich nur auf unsere eigenen Erfahrungen berufen können.

Ich bat Shiden, mir zu verraten, wie seiner Meinung nach der erste Schritt aussehen müsste, um eine Mission zum Erfolg zu führen:

Man braucht keinen penibel ausgearbeiteten, bis ins Detail durchdachten Plan, um strukturelle Ungerechtigkeiten zu bezwingen. Jeder kann sich engagieren und etwas bewegen. Es ist schon ein guter Anfang, wenn man sich einfach nur im Freundeskreis zusammensetzt und sich eine gemeinsame Aktion ausdenkt. Zum Beispiel, indem man mit Kunst auf einen sozialen Missstand aufmerksam macht. So werden Schritt für Schritt ungleiche Machtgefüge aufgedeckt und ihre Pfeiler nacheinander zum Einsturz gebracht. Als ich das erste Mal mit der Welt des Aktivismus in Berührung kam, hatte ich das Glück, zahlreiche Unterstützer:innen an meiner Seite zu haben. Ein Beispiel ist die Advocacy Academy, eine Organisation, die jungen Aktivist:innen im Londoner Süden unter die Arme greift. Aber auch andere Leute, mit denen wir über Legally Black in Kontakt gekommen waren, erklärten sich bereit, uns zu helfen. Das alles war für mich der Beweis, dass es wesentlich zum Erfolg einer Kampagne beiträgt, wenn man in der eigenen Community gut vernetzt ist.

Shiden gestand mir gegenüber aber auch, dass es nicht leicht war, seine Motivation durchgehend aufrechtzuerhalten. Immer wieder verfiel er in kleine Zwischentiefs, weil ihm die Puste ausging.

Manchmal wuchs mir das alles total über den Kopf. Schließlich musste ich neben Legally Black auch noch mein Leben auf die Reihe kriegen. Wenn mir eine Sache allerdings so wichtig ist, bleibe ich dran. Ein anderes Problem ist, dass man als junger Mensch von möglichen Kooperationspartner:innen nicht immer hundertprozentig ernst genommen wird. Erst im Lauf der Zeit ist es uns gelungen, einen sicheren Raum für unsere Ideen zu schaffen und darauf zu achten, dass wir uns selbst nicht zu viel abverlangen.

Du hast also beschlossen, etwas gegen die Missstände dieser Welt zu unternehmen. Deshalb liest du dieses Buch. Dein nächster Schritt besteht nun darin, dir zu überlegen, welche konkreten Maßnahmen du ergreifen kannst. Ganz gleich, ob du gegen Ärgernisse in deinem unmittelbaren Umfeld angehen oder Umwälzungen auf globaler Ebene bewirken willst, beginnt jede Form des Aktivismus mit einer Entscheidung und einer ersten Aktion. Erst in der nächsten Instanz wägst du ab, wie groß du das Ganze aufziehen willst. Dieses Buch soll dir vor Augen führen, dass die grundlegenden Prinzipien im Aktivismus stets die gleichen sind.

Sehen wir uns zunächst Kleinkampagnen auf kommunaler Ebene an: Überall um uns herum werden wir mit Ungerechtigkeiten und Ungleichheit konfrontiert. Angesichts ihrer Fülle fühlen wir uns wie gelähmt. Viel zu viele von diesen Problemen werden beharrlich ignoriert; und je länger sie da sind, desto tiefer wurzeln sie. Nicht selten gewöhnt man sich daran, sie werden zur Normalität, bis wir sie irgendwann gar nicht mehr als Ungerechtigkeiten wahrnehmen. Wir blenden sie einfach aus.