Du nimmst besser einen Ofen mit - Jan Putzas - E-Book

Du nimmst besser einen Ofen mit E-Book

Jan Putzas

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Beschreibung

Neugierig auf Länder, in denen der Tourismus bisher nur spärlich Einzug gehalten hat, macht sich Jan Putzas zusammen mit seinen Freunden Carsten, Ivo und Dirk auf den Weg nach Duschanbe, in die Hauptstadt Tadschikistans. Die vier Männer entdecken Land und Leute und werden dabei von der Schwester des Autors, die dort lebt, begleitet. Aus dem Inhalt: Die Freunde erkunden zunächst Duschanbe, wo sie im Haus der Schwester ihr Basislager haben. Dann geht es mit dem Auto nach Usbekistan. Allein der Grenzübertritt gleicht einem Abenteuer – nicht zuletzt, weil die Männer zu viel „illegales Zeug“ einführen wollen. In der heiligen Stadt Buchara fällt der Autor einem rachsüchtigen Toilettenmann zum Opfer, dessen Vergeltungsschlag ihn für einige Tage vollkommen außer Gefecht setzt. Später in Taschkent, Hauptstadt von Usbekistan, behauptet sich die Gruppe gegenüber betrügerischen Restaurantbesitzern und überlebt nur knapp den Rückweg nach Duschanbe. Im „Blindflug“ geht es sechs Kilometer durch einen rabenschwarzen, dunklen, schlecht konstruierten Tunnel mit miserabler Fahrbahn. Als plötzlich das Heck eines unbeleuchteten Transporters vor ihnen auftaucht, halten sie mit weit aufgerissenen Augen die Luft an und wünschen sich einen fliegenden Teppich ... Auf provokant witzige Weise schildert der Autor einen irren Trip. Die Protagonisten ziehen sich unentwegt gegenseitig auf. Lachtränen garantiert!

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Seitenzahl: 250

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Für meinen Sohn.

Bildnachweis: Die Bilder des Textteils: Jan Putzas Coverfoto: Jan PutzasKarte: © Jens Mattausch Kartenicon: © Stepmap GmbH, Berlin

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek: Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufdbar.

© 2017 traveldiary Verlagwww.reiseliteratur-verlag.dewww.traveldiary.de

Der Inhalt wurde sorgfältig recherchiert, ist jedoch teilweise der Subjektivität unterworfen und bleibt ohne Gewähr für Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlages. Bei Interesse an Zusatzinformationen, Lesungen o.ä. nehmen Sie gerne Kontakt zu uns auf.

traveldiary Verlag, Mady Host und Cornelia Reinhold GbR Brauereistraße 4, 39104 Magdeburg

Umschlagentwurf und Layout: Jürgen Bold, Jens Freyler Hintergrundfoto: © Carola Vahldiek / FotoliaSatz: traveldiary Verlag, Mady Host und Cornelia Reinhold GbRDruck: „Standartu Spaustuve“ www.standart.lt, Tel. 37052167527

ISBN 978-3-942617-29-1eISBN 978-3-942617-39-0

Jan Putzas

Du nimmst besser einen Ofen mit

Inhalt

Geplänkel zum Entrée

Die Sache mit der Spedition

Columbia, Challenger und Ikarus

Operation Vollbart

Otjésd wie Abreise

Prichod oder Ankunft

Vom Morgenstern zum Siegespark

Bis an die Grenze

Der hellblaue Rambo oder Shame on you

Salem aleikum Buchara

Die Heilige Stadt

Sufis, Klappspaten und islamische Wissenschaftsschulen, die fast genauso klingen wie prostitutionsnahe Dauerverhältnisse von mächtigen Männern: Medressen

Gisela und die sechs Bleichgesichter in der grünen Stadt

Wenigstens den Registan gesehen

Cordulas Part zum Ersten oder Timur und sein Trupp

Cordulas Part zum Zweiten oder Schahi Sinda

Cordulas Part zum Dritten oder Betrüger und Fliegen

Taschkent oder was du getrost vergessen kannst

Das Licht am Ende des Tunnels

Khorog-Flight und Ziegenziehen, aber ohne uns

Teehaus Kokhi Navruz und Buchlesung

Dritte Eventualitäten, Pressearbeit und das Bordell in den Twin Towers

Judge Siggi, Gerdilein, Sohn Amtskanzler und dessen Bruder

Do swidanja

Karte

Über den Reisenden ... Jan Putzas

Vorwort

Wer in diesem Buch eine wissenschaftliche Abhandlung über Gebiet, Land und Leute erwartet, den muss ich leider enttäuschen.

Wer allerdings gute Unterhaltung sucht, der ist hier bestens aufgehoben.

Geplänkel zum Entrée

Februar, Korrespondenz Deutschland-USA

„Duschan…was?“, rufe ich in den Skype-Bildschirm, als ich erfahre, dass meine Schwester Cordula nach ihrem vierjährigen Boston-Einsatz, der bald vorbei sein wird, als Nächstes in die Botschaft eines Landes versetzt wird, von dem ich noch nie etwas gehört habe.

„Duschanbe“, sagt das LCD-Konterfei meiner Schwester. „Bedeutet Montagsmarkt und ist eine Stadt mit über siebenhunderttausend Einwohnern, gelegen in der ehemaligen Sowjetunion.“

„Eine Stadt die Montagsmarkt heißt?“, sage ich. „Willst du mich verarschen? Das hast du dir doch gerade ausgedacht. Die gibt es nie im Leben.“

„Gibt es doch“, sagt Cordula.

„Das wüsste ich aber.“

„Als ob du irgendetwas weißt.“

„Auch wieder wahr.“ Wir lachen und geben uns die „hohen Fünf “ durch den Bildschirm.

„Das ist die Hauptstadt von Tadschikistan“, erklärt Cordula.

Die Spiegelkugel kennt den Weg

„Was?“, rufe ich erneut. „Tadschikistan? Ist das nicht dieses Zeug, was ich mir auf das Gyros schmiere?“

Meine Frau Trudi fängt an zu lachen. „Nein, das ist Tsatsiki, Liebling.“

„Ja, hab ich doch gesagt“, erwidere ich. „Aber danke, dass du mich verbesserst, Darling. Wo liegt das überhaupt?“

„In Zentralasien“, sagt Cordula. „Usbekistan, Kirgistan, Afghanistan und China drum herum.“

„Oh, das reinste Shangri-La“, sage ich und wedele mit den Händen herum. Danach stehe ich vom Sofa auf, gehe in die Küche und hole mir ein Bier aus dem Kühlschrank. Als ich zurückkehre, höre ich, wie Cordula Trudi erzählt: „Ich muss nur drei Jahre hin, weil es ein C-Posten in einem Schwellenland ist.“

„Und wie haben die alten Herrschaften reagiert, als sie es erfahren haben?“, frage ich dazwischen.

„Wie sollen sie schon reagiert haben?“, sagt Cordula. „Vater hat ein bisschen komisch geguckt und dann gesagt, das war doch mal Teil der Sowjetunion und Mutter hat versucht, mit aller Macht ihre Fassung zu wahren.“

„Und?“, hake ich nach und muss grinsen.

„Was, und?“

„Na, was ist dann passiert?“

„Na ja“, sagt Cordula, „Als ich dann noch eins draufsetzte und erzählt habe, man hätte mir empfohlen, ich solle unbedingt einen Ofen mitnehmen, weil da im Winter des Öfteren die Heizung ausfällt, da ist die Mutter kreidebleich aufgestanden, durchs Bild gelaufen und rausgegangen.“

Cordula denkt kurz nach, dann grinst sie und fügt noch hinzu: „Wahrscheinlich um zu weinen …“

Ich muss wieder lachen und gebe dem Monitor erneut High five.

„Du und dein Bruder, ihr seid unmöglich“, sagt Trudi. Dann fragt sie: „Was hat der Vater dann gemacht?“

„Tja“, sagt Cordula. „Der hat ihr eine Weile lang schweigend und mit höchst eigenartigem Gesichtsausdruck hinterher gesehen.“

„Ich meine, wie hat er auf das mit dem Ofen reagiert?“

„Ach so“, sagt Cordula. „Eigentlich hat er überhaupt nicht reagiert. Ich glaube, das muss erstmal richtig verarbeitet werden.“

„Ist es da wirklich so schlimm?“, fragt Trudi weiter.

„Ich denke nicht“, sagt das Gesicht auf dem iPad. „Die Kollegin, mit der ich gesprochen habe und die bis jetzt dort war, hat freiwillig ein Jahr verlängert, weil es ihr so gut gefallen hat. Landschaftlich sehr schön und das Arbeitsumfeld sehr familiär, wie sie sagt. Sicher, man muss schon Abstriche machen und einiges mitnehmen, weil es viele Dinge dort gar nicht oder nur sehr schwer gibt. Aber Grundnahrungsmittel sind vorhanden.“

„Wie sieht es aus mit Wasser?“, frage ich jetzt mal wieder zur Abwechslung. „Das ist doch bestimmt verseucht. Haben die Russen früher nicht von dort ihr Uran hergeholt?“

„Haben sie und das Wasser ist schlecht“, bestätigt Cordula. „Deswegen bekommt es die Botschaft auch von außerhalb geliefert.“

„Na dann ist doch alles geritzt.“ Entspannt lehne ich mich zurück. „Nächste Woche bin ich drüben. Wie sieht es mit Waffen aus?“

„Brauchst du nicht“, Cordula winkt ab.

„Ich meine, ob ich dort Waffen billig kaufen kann?“

„Scherzkeks“, erwidert meine Schwester.

„Wie kommst du da eigentlich am besten hin?“, fragt Trudi in die Skype Maschine.

„Nur mit dem Flugzeug“, sagt diese. „Alles andere wäre zu umständlich und würde zu lange dauern.“

„Eisenbahn?“, frage ich.

„Negativ. Haben die Russen gesprengt.“

„Mit Absicht?“

„Nee aus Versehen. Na klar mit Absicht.“

„Warum das denn?“

„Das weiß ich doch nicht. Sie werden schon ihre Gründe gehabt haben“

„Jaja schon gut“, sage ich, „Ist eigentlich auch egal.“

„Eine Sache war noch witzig“, sagt meine Schwester nach einer Weile. „Als meine Kollegin den Tipp gab, ich solle unbedingt darauf achten, dass die Spedition, die meine Möbel transportiert, luftgefederte Lkw besitzt, hat Vater ganz erschrocken zu mir gesagt: „Du willst da wohl in einem Lkw hinfahren?“

„Herrlich“, sage ich und muss wiehern. „So ist er, unser alter Herr.“

„Hast du ihn denn wenigstens aufgeklärt?“, fragt Trudi, „Ihm gesagt, dass es bei der Luftfederung lediglich um den komfortablen Transport der Möbel geht und nicht um den der Mitfahrer? Ich meine, nur damit er beruhigt ist.“

„Habe ich“, sagt Cordula. „Hat aber nichts genützt. Ich musste ihm mehr mals gesondert garantieren, dass ich wirklich nicht in einem Lkw nach Duschanbe reise, sondern in einem Linienflugzeug.“

Da schüttelt selbst der Esel den Kopf

„Ich habe auch einen Tipp für dich“, sage ich in den Bildschirm und habe Mühe mich zu beherrschen.

„Na, jetzt bin ich aber mal gespannt“, Cordula grinst.

„Also“, sage ich. „Wenn du bei deiner ersten Sightseeing-Tour in Tadschikistan alles rückwärts siehst …“ Ich unterbreche den Satz, weil ich schon wieder lachen muss.

„Ja, was ist denn dann?“

„Dann sitzt du verkehrt herum auf dem Esel!“ Ich bekomme den Satz kaum heraus und habe Pipi in den Augen, weil ich so feiern muss.

„Hör nicht auf deinen Bruder“, sagt Trudi, die aber selber lacht. „Der ist heute wieder ein Vollidiot.“

Aber ich glaube, Cordula findet es auch komisch. Sie zeigt mir zum ungefähr tausendsten Mal, seit wir unter dieser Sonne wandeln, ihren erhobenen Mittelfinger und fügt an: „Ich hab dich auch lieb, Bruderherz!“

Die Sache mit der Spedition

Juli in Deutschland

Fünf Monate später, kurz vor Dienstantritt meiner Schwester in Zentralasien, ruft mein Kumpel Daniel aus dem Autohaus in Leipzig an und sagt: „Du hör mal, mit dem Auto, das du für deine Schwester bei uns gekauft hast, gibt es Probleme.“

Erschrocken sage ich in den Hörer: „Wieso, was ist denn damit? Das ist doch tipptopp!“

„Mit der Schleuder selbst ist auch nichts“, erklärt Daniel. „Die ist ja gerade mal zwei Jahre alt und hat kaum Kilometer runter. Ich formuliere den Satz um, McFly. Die Spedition, die das Auto nach Tadschikistan bringen soll, ist gerade hier und …“

Daniel unterbricht seine Rede und ich kann das Flüstern einer weiteren Person am anderen Ende der Leitung vernehmen, die ihm offenkundig etwas mitteilt.

„Und was?“, frage ich genervt in den Hörer, um die Aufmerksamkeit meines Kumpels zurück zu erlangen.

„Sorry Mann, musste schnell etwas klären. Also die Spedition will das Auto jedenfalls nicht mitnehmen.“

„Und wieso nicht?“

„Weil in den Frachtpapieren steht, sie sollen einen Ford abholen und keinen Hyundai.“

„Schlimm genug, dass die das Auto heute erst abholen“, sage ich, „Und nicht schon vor vier Wochen, wie es zugesichert wurde und jetzt auch noch so was. Können die nicht lesen?“

„Die Spedition kann da wahrscheinlich am aller wenigsten etwas dafür“, sagt Daniel. „Die kriegen auch nur ihre Befehle.“

Langsam entspanne ich mich. „Daniel, es ist mir egal, wie du es anstellst. Sorg dafür, dass die das Auto aufladen und in einem Stück nach Tadschikistan bringen. Und ruf mich an, wenn es erledigt ist.“

Ich will meine Ansprache schon beenden, doch dann werfe ich noch hinterher: „Ach und Daniel?“

„Was ist denn noch?“

„Tolles Gespräch, Bruder. Jederzeit wieder.“

„Du mich auch“, sagt er und legt auf.

Tschüss Bandscheiben, es war schön mit euch ...

Mit vollem Einsatz schafft es Daniel, wie ich später erfahre, dass die Spedition den Pkw nach endlosem Hin und Her, doch noch auflädt und mitnimmt.

Vielen Dank, Kumpel. Supermitarbeit.

Cordula wird von ihren Vorgesetzten aus der deutschen Botschaft in Duschanbe beruhigt. Man werde ihre komplette Fracht, inklusive Möbel, Auto, Lebensmittel und so weiter, irgendwie schon aus dem Zoll bekommen, weil dies alles schon lange vor ihrer eigenen Ankunft in Tadschikistan eintreffen wird. Darum brauche sie sich keine Sorgen machen.

Muss sie auch nicht, wie sich herausstellt. Denn als Cordula im August in Tadschikistan ihr Haus bezieht, ist was bereits da? Ihr ahnt es: Gar nichts.

Weder ein Container, noch ihr Auto oder sonst irgendetwas.

Und das ändert sich auch für die nächsten Wochen nicht. Dank Russlands Handelsembargo, hängt die Ladung meiner Schwester auf verschiedenen Flughäfen oder Zollstationen zwischen Brüssel und Kirgistan felsenfest. Gott sei Dank, hat sie genügend Klamotten in ihrem Reisekoffer. Notwendiges Geschirr und ähnliches wird für diese Zeit kurzerhand ausgeborgt. Geht schon.

Nachdem Cordulas Container nach gefühlten hundert Jahren dann doch endlich eintrifft, fungiert ihr neues Auto vermutlich immer noch in einem Bergkischlak (Dorf), als heiliger Schrein. Oder ein zum Unmut unseres Erzeugers, nicht luftgefederter uralter Lkw, kämpft sich, eine riesige Staubwolke hinterlassend, Kilometer um Kilometer kreuz und quer durch die asiatische Taiga.

Wo er sich gerade befindet, weiß man allerdings nicht so genau, der Fahrer meldet sich dann schon rechtzeitig, bekommt Cordula vom Spediteur zu hören. Rechtzeitig ist gut. Sie solle aber vorsichtshalber nochmal mit vier Wochen rechnen. Umso erstaunter ist Cordula, als der Lkw, samt ihres völlig intakten und unbeschädigten Pkws auf der Ladefläche, achtundvierzig Stunden nach dieser Aussage, vor ihrem Haus zum Stehen kommt.

Später sagt sie zu mir: „So etwas passiert hier andauernd, da gewöhnst du dich mit der Zeit dran.“

Der Gipfel ist allerdings der Bock, den das, ich betone deutsche Möbelhaus, dessen Name ich mir spare, geschossen hat, und bei dem meine Schwester während eines Deutschlandaufenthalts für mehrere tausend Euro, Schränke für ihr Haus in Duschanbe erworben hat. Nicht nur, dass die Ware im Lager bei denen komplett falsch zusammengestellt wird und dementsprechend nur haufenweise Möbelteile in Tadschikistan ankommen, die keiner aufbauen kann, weil hinten und vorne nichts zusammen passt. (Es sei denn, ihr steht auf kunterbunte Schränke, die windschief dastehen und aussehen, als kämen sie aus einer Hippie-WG, oder ihr steht auf moderne abstrakte Kunst. Aber welcher Mensch mit einem Funken Geschmack tut das schon?) Nein, die Verantwortlichen des Möbelhauses besitzen auch noch die Frechheit und versuchen ihren Fehler der Spedition in die Schuhe zu schieben.

„Die Fahrer müssen doch wissen, was sie aufladen“, sagen die ernsthaft und stehen kurz vor einer Tracht Prügel. Der Konflikt wird jedenfalls dadurch gelöst, dass die komplette Lkw-Flotte der Spedition, in einer Nachtund Nebelaktion, in das Möbelhaus hineindonnert. Schadenersatz hat Cordula daraufhin zwar nicht erhalten, aber dafür ein paar hübsche Satellitenfotos von der ganzen Aktion. Nein, das ist natürlich Blödsinn. Ich veralbere euch bloß.

Eines schönen Tages sind dann alle Probleme gelöst, Cordula lebt sich ein, Trudi und ich freuen uns schon auf einen Trip zum Arsch der Welt. Aber es kommt alles etwas anders …

Columbia, Challenger und Ikarus

September im Folgejahr, Deutschland

Wir schreiben ungefähr einen Monat nachdem Trudis und mein Söhnchen „Baby Paul“ zur Welt gekommen ist, als mein Kumpel Carsten anruft. „Du hör mal. Hast du schon geplant, wann du deine Schwester Cordula bei den Mongolen besuchen willst?“

„Die ist nicht in der Mongolei“, sage ich. „Das Land heißt Tadschikistan.“

„Gut okay“, sagt Carsten. „Ich versuche es mir zu merken. Also hast du nun schon was geplant oder nicht?“

„Wir wollten ursprünglich nächstes Jahr hin, aber mit Baby wird das schwierig. Keine Ahnung, ich habe ehrlich gesagt noch nicht weiter darüber nachgedacht. Warum fragst du?“

„Ich habe dir doch mal erzählt“, sagt Carsten, „Dass ich mit meinem Cousin Ivo und ein paar Kumpels jedes Jahr eine Männertour mache.“

„Da klingelt was bei mir. Kann sein. Wieso?“

„Dieses Jahr waren wir in Portugal und da habe ich den Jungs von deiner Schwester bei den Mongolen, Ähm ich meine Tadschiken, erzählt und sie waren total begeistert. Jetzt haben wir überlegt, ob wir unsere nächste Männertour vielleicht zu ihr machen? Also wenn du nichts dagegen hast, meine ich. Wenn ihr plant da hinzufahren, könnten wir euch ja vielleicht begleiten?“

„Von mir aus. Aber ich glaube nicht, dass es nächstes Jahr schon was wird. Ich spreche mal mit Trudi und halte dich auf dem Laufenden.“

Nachdem ich mit meiner Frau geredet und wir alles abgewogen haben, kommen wir zu dem Schluss, dass die Strapazen für Baby Paul einfach zu groß sind und wir die Reise zu Cordula auf unbestimmte Zeit verschieben.

Aber da haben wir die Rechnung … Ihr kennt den Spruch.

Der Teufel will es, dass Cordula mich drei Monate später im Dezember darüber informiert, dass der Botschafer den Vorschlag gemacht hat, im Frühjahr des folgenden Jahres einen Kulturabend in Duschanbe zu veranstalten. Für mich. Bedeutet, ich soll vor Publikum aus meinen Büchern vorlesen.

„Oh, der Botschafter findet meine Bücher wohl gut?“, frage ich Cordula am Telefon und mir schwillt der Kamm.

„Nö“, sagt sie. „Aber seine Frau.“

„Das reicht doch“, sage ich und füge an: „Womit mal wieder die Weisheit bestätigt wird, dass hinter jedem starken Mann eine noch stärkere Frau steht.“

„Die dir jeder Zeit in den Hintern treten kann“, ruft Trudi aus dem Off. Es folgt Gelächter von den Rängen.

Ich blicke Trudi an und eine Braue wandert meine Stirn hinauf. Danach drehe ich langsam den Kopf ins Publikum und grinse.

„Schade, wäre schön gewesen, eine Lesung im Ausland abzuhalten“, sage ich, „Wird aber leider nichts.“ Ich verabschiede mich von Cordula und lege auf.

Eine Woche später beim Abendbrot fordert Trudi mich auf: „Denk doch mal über den Vorschlag nach, den Carsten gemacht hat.“

„Was meinst du, Süße?“

„Mit ihm und seinen Freunden nach Tadschikistan zu fahren.“

„Ach so. Das habe ich schon wieder vergessen.“ Dann sehe ich sie an, gebe ihr einen Kuss und sage: „Eine Reise ohne dich und Junior kommt für mich nicht in Frage.“

Trudi wirkt nachdenklich. „Na ja, also wenn das Ganze nicht länger als zwei Wochen dauert, die würden wir auch ohne dich klarkommen. Außerdem wolltest du doch nächstes Jahr ein neues Buch schreiben.“

Ich fahre mir mit den Handinnenflächen über das Gesicht und lasse mir Trudis Worte durch den Kopf gehen. Schließlich sage ich: „Stimmt schon irgendwie, aber ich weiß trotzdem nicht.“

„Was weißt du nicht?“

„Ob es eine gute Idee ist, dass du dich zwei Wochen ganz allein um Baby Paul kümmern musst. Ich meine, dass wird bestimmt ganz schön stressig.“

„Stressig? Was redest du da? Na klar wird das stressig.“

„Ist doch mein Reden“, sage ich. „Also wenn ich dann schon mal dort bin, dann will ich natürlich auch nach Usbekistan, mir die alten Metropolen der Seidenstraße angucken. Und das wird wie gesagt ganz schön stressig in nur zwei Wochen.“

Trudi sieht mich einen Moment durchdringend an und versucht wohl meine Gedanken zu lesen. Ich kann nicht anders und fange an zu grinsen. Sie grinst ebenfalls.

Dann nimmt sie ihre Gabel, nennt mich einen Stinker, und haut mir anschließend die flache Seite des Dinges blitzschnell gegen die Stirn. Ich habe Mühe ihren Angriff abzuwehren, weil ich so lachen muss. Schließlich gelingt es mir das Handgelenk meiner Frau zu packen. Ich ziehe sie an mich heran und küsse sie innig. „Das war doch nur blödes Gequatsche von mir. Ich weiß doch, was du gemeint hast. Ich liebe dich.“

Tschüss Bandscheiben, es war schön mit euch ...

„Ich liebe dich du Spinner.“

Ich greife Trudi an den Hüften und werfe sie mir über die Schulter. Ich trage sie ins Schlafzimmer und mache Liebe mit ihr. Aber nur ganz leise, damit Baby Paul nebenan im Kinderzimmer nicht aus seinem Schlaf gerissen wird.

Einige Tage später schreibe ich meiner Schwester Cordula eine Mail. In dieser teile ich ihr mit, dass ich nun doch Interesse an einer Buchlesung habe und ihr eventuell im Mai nächsten Jahres einen Besuch in Duschanbe abstatten werde. Dann frage ich sie noch, ob sie etwas dagegen hat, wenn ich drei Begleiter mitbringe. Ich schreibe ihr, wer das sein wird: Carsten, Ivo und Dirk. Alle Anfang vierzig, genau wie ich. Mit Carsten bin ich schon länger befreundet. Seinen Cousin Ivo kenne ich ebenfalls. Er ist Kommissar bei der Drogenfahndung und passionierter Hobbypilot. Den dritten im Bunde, Dirk, kenne ich zwar noch nicht persönlich, aber er ist ebenfalls Polizist, kann sich bestimmt benehmen und wird sicherlich nicht negativ auffallen. Außerdem hat er den schwarzen Gürtel im Ju-Jutsu, was uns gut zu Pass kommt, falls wildgewordene Schafböcke oder Taliban abgewehrt werden müssen. Ich habe gehört, seine amerikanischen Sportfreunde können das Wort „Dirk“ nicht aussprechen, deswegen nennen sie ihn im Dojo alle nur: „Sensei Dick“ („Meister Schwanz“). Das finde ich alles sehr lustig.

Dann fällt mir noch eine andere witzige Story ein, die ich aber meiner Schwester nicht mitteile. Also wie erwähnt, Ivo ist Pilot in seiner Freizeit. Er besitzt ein eigenes Flugzeug, eine einmotorige, zweisitzige Ikarus. Wir sind zu einer Geburtstagsfeier vor ein paar Jahren, in angeheitertem Zustand mit dem Teil herumgeflogen. Das war echt abgefahren.

Ich weiß noch, dass Ivo mir damals Folgendes erzählt hat: „Der Ikarus hat ein patentiertes Rettungssystem in Form eines Fallschirmes im Rumpf. Im Notfall wird der betätigt. Wenn das Ding aufgeht, reißt es die Tragflächen und das Heck des Fliegers ab und die Pilotenkanzel fungiert als Rettungskapsel. Also wie bei der Challenger und der Columbia. Das Flugzeug wird zwar geschrottet, aber die Insassen überleben höchstwahrscheinlich.“ Meinen Einwand, bei der Challenger und der Columbia seien alle draufgegangen, kommentiert Ivo wie folgt: „Ähm … dann waren die nicht angeschnallt.“

Operation Vollbart

Januar des Reisejahres, Deutschland

Nachdem Cordula ihre Zustimmung gegeben hat, dass ich mit Gefolge bei ihr aufschlagen darf, und zudem versprochen hat, dass sie mit Kulturattaché Armand alles Notwendige für meine Buchlesung in die Wege leiten wird, kontaktiere ich Carsten per Telefon: „Gib den Jungs Bescheid. Wir fliegen rüber!“

Als Nächstes gründe ich am neunten Januar die WhatsApp-Gruppe: Operation Vollbart. Das tue ich, damit Carsten, Ivo, Dirk und meine Wenigkeit, sich besser darüber verständigen können, was Reisevorbereitungen betrifft und so weiter, und natürlich, damit wir uns politisch nicht korrekte Witze und Penthouse-Pornos austauschen können. Ein Hoch auf die Technik. Jedenfalls merken wir schnell, dass unsere WhatsApp-Gruppe ein guter Einfall war, weil in unseren Vorbereitungen einige Sachen schief laufen oder irgendjemandem Dinge einfallen, die wichtig sind, oder, oder, oder …

Es geht damit los, dass eine Urlaubskoordination für vier Personen in Verbindung mit einer geplanten Rundreise, mit weiteren drei Personen, durch Tadschikistan und Usbekistan, und der Organisation und Terminierung einer kulturellen Veranstaltung für den feinen Herren (also mich), Dinge sind, die sich nicht so einfach bewerkstelligen lassen.

Irgendwann nach einigem Hickhack und viel Schriftverkehr, bekommen wir alles gebacken. Wir einigen uns auf den Zeitraum 20. Mai bis 4. Juni für unseren Trip. Cordula und Armand planen meine Buchlesung für den 1. Juni, 18.00 Uhr im Aiwan der deutschen Botschaft. Passt.

Carsten ordert mit seiner Kreditkarte vier Flugtickets bei Turkish Airlines. Route: Hannover-Duschanbe mit Zwischenlandung in Istanbul und wieder zurück. Preis pro Person: fünfhundertsechsundvierzig Euro. „Geht doch!“, denke ich und freue mich: „Naja, jetzt ist doch alles geritzt.“ Aber von wegen … Am Hintern …

Als Nächstes beschließt der Imperator (also ich), sich am Sonntag, dem 28. Februar, mit seinen Senatoren und Zenturios (also Carsten, Ivo und Dirk) samt Gattinnen, zum Kaffeeklatsch zu treffen, um gemeinsam die Visaanträge für Tadschikistan und Usbekistan auszufüllen. Carsten erklärt sich bereit, das Ganze in seinem Haus stattfinden zu lassen, weil dieses am zentralsten liegt und so die Anfahrtswege für alle nicht so weit sind. Außerdem sagt er: „Die Visaanträge können wir online erledigen. Sollte kein Problem sein. “ Es folgt der Auszug einer Korrespondenz am Vormittag des besagten Sonntages, ein paar Stunden vor dem Treffen:

Ivo: „Guten Morgen. Nochmal für alle: Heute 15.00 Uhr bei Carsten.“

Ich: „Was??? Wer hat das ausgemacht???“ (Grinsender Smiley) „Bis nachher Freunde!“

Dirk schickt Bild von einer nackten Dame, die ihre Vagina in die Kamera hält.

Carsten: „Vergesst eure Pässe nicht!“

Ich: „Hier noch ein paar Infos von Cordula, die wir heute besprechen müssen: Visum Tadschikistan, Mehrfacheinreise. Visum Usbekistan vorsichtshalber ebenfalls Mehrfacheinreise. Wir müssen außerdem bedenken, dass wir nicht gleichzeitig beide Visa beantragen können, weil wir warten müssen bis die Pässe zurück sind. Also zuerst Tadschikistan.“

Zehn Minuten später wieder ich: „Ähm … ich habe furchtbare Neuig keiten.“

Carsten: „Was ist denn, Dude? Hat sich Mister Lebowski in den Westflügel zurückgezogen oder was?“

Ich: „Ihr könnt mich nachher verprügeln, wenn ihr wollt, aber ich muss Dienstag aufs Einwohnermeldeamt einen Expressreisepass beantragen.“ (kotzender Smiley)

Ivo: „Das mit dem Verprügeln übernimmt Sensei Dick. Der hat den schwarzen Gürtel. Aber lass mich raten: Dein Pass läuft ab?“

Ich: „Ist abgelaufen, mein Freund, ist. Vor einem halben Jahr schon, um genau zu sein. Meine Frau hat sich schon kaputtgelacht. Da freut sich Sensei Dick doch bestimmt ein Loch in den Hintern.“

Dirk: „Tut er.“

Ivo: „Ich würde vorschlagen, ihn zu degradieren und den Löwen zum Fraß vorzuwerfen.“

Ich: „Wen jetzt? Sensei Dick oder mich?“

Ivo: „Warte, lass mich überlegen. Wessen Pass ist gleich nochmal abgelaufen?“

Ich: „Schuldig. Da muss ich definitiv einen ausgeben.“

Dirk: „Sehr richtig.“

Der Nachmittag verläuft dann so, dass unsere Ehefrauen mit unseren Kindern bei Carsten im Wohnzimmer sitzen und sich unterhalten und wir Kerle währenddessen im Arbeitszimmer hocken. Wir trinken das von mir spendierte Bier, erzählen dummes Zeug und lernen uns besser kennen. Der Computer läuft zwar die ganze Zeit im Hintergrund, aber ein Visum haben wir nicht beantragt. Dafür aber fast einstimmig beschlossen, dass Carsten das in den nächsten zwei Tagen ganz allein und in Ruhe erledigen wird. Wir sind uns weiterhin darüber einig, dass es absolut richtig ist, dieses Meeting hier und heute abzuhalten, sonst hätten wir den genialen Einfall: „Carsten macht das schon“, wahrscheinlich nie gehabt.

Nach drei Stunden lassen wir Männer uns von den Frauen wieder nach Hause fahren, weil wir etwas zu betrunken sind, um selber hinter dem Lenkrad zu sitzen.

„Was sollte das heute eigentlich sein?“, fragt Trudi und sieht dabei kurz in den Innenspiegel unseres Kombis. Ich hocke hinten auf der Rücksitzbank neben Baby Paul, der friedlich in seiner Kinderschale schnarcht und halte sein Händchen. Ich glaube, meine Süße ist etwas verstimmt, also sage ich: „Ein netter Nachmittag war das, Darling. Ein netter Nachmittag.“ Dann grinse ich dämlich.

„Und was habt ihr den ganzen netten Nachmittag über so getrieben?“, fragt Trudi weiter.

„Wichtige Dinge besprochen“, sage ich.

„Was für Dinge?“

„Wichtige.“

„Habt ihr irgendetwas Konstruktives auf die Reihe gebracht?“

„Haben wir.“

Ich ahne, Trudi glaubt mir kein Wort, lässt das Ganze aber Gott sei Dank auf sich beruhen. Sie ist eben ein holdes Weib und weiß genau, wann sie schweigen muss. Also sage ich ihr: „Du bist ein holdes Weib und weißt genau, wann du schweigen musst.“

Daraufhin beschließt Trudi für den Rest des Tages zu schweigen. Verstehe einer die Frauen …

Otjésd wie Abreise

Es ist Freitag, der 20. Mai, wir sind auf dem Weg zum Flughafen nach Hannover, und wisst ihr was? Ich habe absolut keine Lust. Am liebsten würde ich den Flug und den Trip nach Zentralasien komplett canceln. Der Grund dafür ist nicht, dass ich die ganze Woche Stress hatte, oder irgendetwas nicht geklappt hat oder die ganze Sache nicht gut vorbereitet und organisiert ist. Im Gegenteil, dass ist sie. Meine Jungs hier sowie Cordula und Armand in Tadschikistan haben einen Super Job gemacht. Die Tour durch Usbekistan nach Buchara, Samarkand und Taschkent steht, und meine Buchlesung am 1. Juni in Duschanbe ebenfalls. Es ist auch nicht so, dass ich mich nicht darauf freuen würde. Nein, der Grund, warum ich keine Lust habe ist der, dass Trudi seit vier Tagen mit Baby Paul im Krankenhaus liegt und ich nicht weiß, ob die beiden, wie ich hoffe, heute wieder nach Hause dürfen. Junior hatte hohes Fieber, als wir ihn Montag in die Klinik gebracht haben. Er wurde eingewiesen und Trudi ist natürlich bei ihm geblieben. Das Fieber ist zum Glück von Tag zu Tag weniger geworden, aber entlassen wird der kleine Prinz erst, wenn es ganz verschwunden ist. Das ist ja auch richtig so, trotzdem mache ich mir Sorgen. Als ich die beiden gestern Abend besucht habe, um mich zu verabschieden, stand ich kurz davor, Cordula in Duschanbe anzurufen und die ganze Reise abzublasen. Trudi hat mich davon abgehalten und gesagt: „Ihr habt das Ganze fünf Monate vorbereitet. Jede Menge Zeit und Geld investiert. Ihr fliegt dahin und Schluss jetzt. Paul und ich werden morgen mit Sicherheit entlassen. Also, alles ist gut. Ich erfahre es morgen Vormittag und kontaktiere dich danach sofort. Und wenn wir morgen nicht nach Hause dürfen, dann spätestens Montag. Du kannst es eh nicht ändern, also hopphopp ins Flugzeug!“

Und so lasse ich mich an diesem sonnigen Freitagmorgen von meinem Vater zu Carsten fahren, weil ich zu allem Überfluss gestern Abend auch noch meinen Führerschein wegschicken musste. Natürlich auf den letzten Drücker versteht sich. Ich bekomme das Ding erst in vier Wochen zurück und kann deshalb nicht selbst fahren. War vor ein paar Monaten etwas zu schnell unterwegs. Habe immer wenig Zeit. Egal. Jedenfalls steigen Ivo, Carsten und ich, nachdem sämtliches Gepäck verstaut ist, kurz nach acht Uhr, in Ivos SUV und machen uns auf den Weg, um „Sensei Dick“ abzuholen.

Nachdem das erledigt ist, geht’s Richtung Hannover zum Airport. Unser Flug geht 13.00 Uhr. Nur keinen Stress. Den größten Teil der Autofahrt versucht mich Dirk mit unterhaltsamen Geschichten über den Harzer Udo M. aufzuheitern. Kurze Erklärung: Udo M. kommt nicht aus dem Harz, sondern ist Hartz IV-Empfänger. Udo ist zu DDR-Zeiten Gartenbau-Ingenieur, sein Leben hat Struktur und er fängt an, in den achtziger Jahren ein Haus zu bauen. Zu DDR-Zeiten ist es, aus Mangel an Material, nicht möglich den Termin der Fertigstellung eines Bauwerkes auch nur ungefähr zu benennen. Das ist also so ähnlich wie heutzutage. Nur liegt es aktuell meistens nicht an Materialengpässen. Es liegt vermutlich eher daran, dass manche Leute nicht richtig rechnen können oder sich bereichern wollen oder weiß der Geier. Zum Glück fliegen wir von Hannover aus, denn dort ist der Flughafen schon lange fertig. Wie auch immer, jedenfalls wird es ‚89, die Wende kommt und Udo M. geht in den Westen. Er verdient eine Million D-Mark in den ersten zwei Jahren und gründet seine eigene erfolgreiche Baumschulkette. Reingelegt, ich verarsch euch wieder. Eigentlich ist es so, dass Udo bleibt wo er ist, überhaupt nichts mehr macht und dem Alkohol verfällt. Sein Haus bleibt unfertig und er baut sich stattdessen eine Holzhütte im Garten, in der er vor sich hin vegetiert. Der Teufel will es, irgendwann zur Jahrtausendwende latscht der junge Schutzmann Dirk durchs Dorf. Er ist auf der Suche nach einem Grundstück mit Eigenheim. Lange Rede kurzer Sinn. Dirk erwirbt den viele Jahre unberührten Rohbau samt Garten von Udo M. und gestattet diesem, dass er weiter in seiner Holzhütte im Garten leben darf. Natürlich muss Udo sich bereiterklären, seinen Teil der Strom-, Wasser-, und Heizkosten selbst zu berappen, weil diese ja jetzt vom neuen Besitzer des Haupthauses samt Grundstück, also Dirk, bereitgestellt werden. Aus Mangel an Finanzen bezahlt Udo M. natürlich nie. Weil Dirk eigentlich ein weiches Herz hat, macht er mit Udo aus, dass dieser seine Schulden tilgen könne, indem er Dirk hin und wieder beim Hausbau oder der Pflege des Grundstückes hilft.

Dirk und sein Udo, haben es zumindest geschafft, mich die letzten knapp zwei Stunden etwas zu erheitern. Aber nur ein wenig, weil ich in Gedanken nach wie vor bei Baby Paul und Trudi im Krankenhaus bin. Ich sehe auf meine Uhr und denke: „Wann ruft sie endlich an?“

Punkt zehn Uhr dreißig fahren wir in Hannover auf unseren Parkplatz und ich wecke Carsten, der neben mir auf dem Rücksitz pennt. Dirk ruft derweil den Fahrer des Shuttleservice an, der uns zum Flughafen bringen soll. Zehn Minuten später ist dieser mit einem Mercedes Kleinbus da, verstaut unser Gepäck, wir steigen ein und los geht‘s.

Das Einchecken auf dem Airport geht ziemlich schnell, weil noch genug Zeit bis zum Abflug ist und außer uns nur wenige Passagiere am Schalter stehen. Nachdem alles erledigt ist, lasse ich mich auf einer Bank in der Abflughalle nieder, starre aus dem Fenster und grüble vor mich hin. Dirk nimmt mir gegenüber Platz und Carsten und Ivo gehen erst zum Duty-Free-Shop und danach durch die Sicherheitskontrolle wieder hinaus, weil sie Hunger haben und zu McDonalds wollen.

„Hast du dich eigentlich etwas belesen über Tadschikistan und Usbekistan?“, fragt Dirk.

„Nö“, sage ich. „Ich halte es wie immer und lasse alles auf mich zukommen. So ist die Überraschung größer.“