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Im Sommer 2009 bricht Ulf Claussen mit einem Kleinkraftrad zu einer Reise auf, die ihn von Hamburg bis Shanghai quer durch die eurasische Landmasse führen soll. Er hat erst seit zwei Jahren einen Motorradführerschein, seine Ausrüstung besteht nur aus einem Rucksack und einem Topcase aus Plastik. Erfahrung mit derartigen Unternehmungen hat er nicht. Die Zeit von zwei Monaten ist knapp kalkuliert. Kein Wunder, dass wohlmeinende Berater urteilen „Du schaffst es nicht mal bis Moskau…“. Als er dann nach 5 Tagen und 1.500 Kilometern an der Grenze zur Ukraine wegen falscher Papiere wieder zurück nach Deutschland geschickt wird, scheint das Scheitern schon besiegelt zu sein. Lesen Sie in seinem sehr persönlichen Reisetagebuch, wie er es trotzdem bis nach Shanghai geschafft hat.
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Seitenzahl: 142
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Widmung
meiner Frau Maria
(„Keine Grenze, die uns trennt, und komm gesund zurück.“, Ich + Ich)
meiner ersten Enkelin Elisabeth Shirin,
die geboren wurde, als ich in Schymkent war und gerade mein Motorrad verloren hatte.
(„Opa Mo’ad.“)
meinem Fitnesstrainer Markus
(„Weiter, weiter, das ziehen wir jetzt durch!“)
meiner treuen Meckerzicke Yamaha DT125X,
gestorben an falschem Futter in der kasachischen Steppe
(„Pötter, pötter.“)
Danksagung
Mein besonderer Dank gilt meiner Frau Maria, die mir während meiner Reisevorbereitungen immer eine geduldige Gesprächspartnerin war und mich bei meinem Vorhaben tatkräftig unterstützt hat. Außerdem danke ich den Personen, die ich auf der Reise getroffen habe und die teilweise ein Stück des Wegs mit mir zusammen zurückgelegt haben. Hier insbesondere Matthias, Martin, Igor, Takayama und Wladimir, sowie allen anderen, ohne deren Gastfreundschaft und Unterstützung ich wahrscheinlich gescheitert wäre. Schließlich danke ich meiner Nichte Kerstin für viele Anregungen und das aufmerksame Korrekturlesen.
Eine Idee wird konkret
Vorbereitungen
Optimistischer Auftakt
Grenzprobleme ohne Ende
Ein schwerer Entschluss
Neue Papiere, neues Glück
So einfach kann Grenze sein
Schwarzes Meer und Krim
Auf den Spuren des Zweiten Weltkriegs
Wiedersehen mit Matthias
Durch die Hungersteppe
Sturz in der glühend heißen Steppe
Mit Martin zum Schiffsfriedhof
Motorschaden bei Baikonur
Im Nachtbus nach Schymkent
Mit dem Zug nach Almaty
Durchatmen bei Igor
Überraschender Aufbruch nach Bischkek
Auf zum Issyk Kul
Mit dem Mountainbike auf die Alm
Marschrutka-Express zurück nach Bischkek
Mit Wladimir und Takayama durch die kirgisischen Berge
Kaschgar – Oasenstadt im Belagerungszustand
28 Stunden im Bus durch die Wüste Taklamakan
Turpan, Chinas heißeste Stadt
Singende Sanddünen und Mondsichelsee
Wiedersehen in Xi‘an
Das Ende einer Reise
„Da unten gibt es aber gar keine Straßen, Ulf“, lästert mein Chef aus der Sitzreihe hinter mir. Wir befinden uns in zehn Kilometer Höhe in einem Flugzeug der Lufthansa auf dem Weg von Shanghai nach Hamburg irgendwo über dem asiatischen Kontinent. Es ist April 2009, und mittlerweile hat es sich herumgesprochen, dass ich meine nächste Dienstreise nach Shanghai im August über Land und hauptsächlich mit dem Motorrad machen will.
Die Reaktionen meiner Umgebung auf dieses Vorhaben sind vielfältig. Alles ist dabei. Von flammender Begeisterung über besorgte Anteilnahme bis zu völligem Unverständnis für ein derartiges Unternehmen. Gut ein Jahr zuvor ist dieser Plan in mir geboren worden und lässt mich nun einfach nicht mehr los. Gerade Prophezeiungen, dass ich scheitern werde, machen mich nur noch entschlossener.
Viel Zuversicht und praktische Tipps hat mir das Buch „Cologne-Shanghai“ von Erik Peters gegeben, das Ende 2008 gerade zum rechten Zeitpunkt für mich auf den Markt kam. Genau so wie die beiden jungen Männer in dem Buch will ich die Reise auch angehen; nicht zu viel Planung und Festlegung im Voraus und so wenig Ausrüstung und Gepäck wie möglich, ohne dabei jedoch leichtsinnig zu sein. Nur bin ich allein, dafür aber doppelt so alt und habe viel weniger Zeit für die Reise. Meine bisherige Reiseerfahrung hat mich gelehrt, dass sich viele Probleme auch gut durch Flexibilität und Improvisation vor Ort lösen lassen und man im Zweifel, trotz aller Vorsorge, doch nicht die richtigen Ersatzteile oder Werkzeuge bei sich hat.
Sicher kann man mit dem Flugzeug bequemer und schneller von Hamburg nach Shanghai kommen als mit dem Motorrad, obwohl die vierzehn Stunden in der engen Touristenklasse eines Großraumjets auch nicht gerade ein Spaziergang sind. Aber im Laufe meiner inzwischen neun vorangegangenen Aufenthalte als Professor an unserer Partneruniversität in Shanghai kam es mir zunehmend surrealer vor, dass einen so ein Flugzeug fast wie eine Playmobilfigur aus einem geografischen und kulturellen Zusammenhang völlig willkürlich und in kürzester Zeit in einen ganz anderen überführt. Mit dieser Reise über Land möchte ich einmal erleben, welche Menschen und Landschaften dort unten zu finden sind, wo sich aus dem Flugzeugfenster sonst nur endlose braune gewellte Landschaft auftut.
Leider habe ich nach einjährigen intensiven Recherchen einsehen müssen, dass ich nicht die ganze Strecke mit dem Motorrad fahren kann. Die kontrollsüchtige chinesische Regierung in Peking ist, besonders in den westlichen und südlichen Grenzprovinzen, einfach nicht an Individualtouristen auf eigenem Motorrad interessiert. Binnen eines Jahres ist es mir nicht gelungen, eine Einreisegenehmigung mit Motorrad für China zu bekommen, auf wie vielen Kanälen ich es in Deutschland und China auch versucht habe. Mein letztes Angebot, bevor ich aufgab, stammte von einem chinesischen Bekannten, der seine Verbindungen nach Nordchina hatte spielen lassen. Es lautete: Einreise in die Mongolei und von dort Import des Motorrads als nicht deklarierte Fracht in einem Teppichlastwagen. Mir wurde klar, dass ich spätestens an der Grenze von Kasachstan zu China auf andere Verkehrsmittel würde umsteigen müssen.
Mein Terminkalender sagte mir, dass ich in den Sommersemesterferien bis zum Dienstantritt in Shanghai acht Wochen Zeit für die Reise hätte. Abschätzungen auf der Basis meines Westermann Schulatlas ergaben von Hamburg nach Shanghai eine Distanz von gut 10.000 Kilometer Luftlinie bei einer Fahrt über Polen, die Ukraine, Russland und Kasachstan. Das entspricht rein rechnerisch einer täglichen Entfernung von etwa 200 Kilometer. Realistisch müsste ich aber auf realen Straßen eine Tagesleistung von mindestens 300 Kilometer ansetzen, um auch einmal Zeit für einen Besichtigungs- oder Ruhetag, einen Umweg oder eine Reparatur zu haben. Unter westeuropäischen Verhältnissen wäre das zwar anstrengend aber gut zu bewältigen. Doch wie sehen die Verhältnisse in Zentralasien aus? – Ich weiß es nicht. Aber zumindest theoretisch könnte ich die Reise schaffen.
Zwei Motorräder habe ich zur Auswahl: eine Suzuki VStrom Reiseenduro mit 650 Kubikzentimetern und einer soliden Leistung von 67 PS; und ein Kleinkraftrad Yamaha DT125X mit 125 Kubik, Zweitaktmotor und nur 15 PS. Mit der kleinen 125er habe ich schon mehrere Reisen unter anderem nach Tschechien durch das Riesengebirge gemacht. Wegen ihres speziellen Motorengeräuschs habe ich sie ‚Meckerzicke‘ getauft. Mit 90 km/h Höchstgeschwindigkeit dauert es mit ihr zwar etwas länger, aber ich habe bisher trotzdem jeden Pass problemlos geschafft. Mit der VStrom reist es sich natürlich deutlich schneller und bequemer.
Nach längerem Überlegen entscheide ich mich schließlich für die 125er. Mein Hauptargument ist, dass ich in weniger entwickelten Ländern mit einem Fahrzeug, das dem dortigen Standard entspricht, weniger auffalle und deshalb auch für Kriminelle weniger zum Ziel werde. Leider musste ich nämlich auf den Internetseiten des Auswärtigen Amts lesen, dass in den zu durchfahrenden Ländern zum Teil mit erheblicher Kriminalität und Korruption zu rechnen ist. Die Bemerkung „Bei Überfällen wird von Widerstand abgeraten, da die Gewaltschwelle niedrig liegt.“ macht nicht wirklich Mut. Und falls ich das Motorrad in Kasachstan nicht verkaufen kann, ist der Verlust um einiges leichter zu verschmerzen.
Bei meinem Aufenthalt in Shanghai, vier Monate vor meiner geplanten Abfahrt, nutze ich die Gelegenheit und verabrede mich mit Peter dort, von dem ich gehört habe, dass er etliche Reisen mit dem Motorrad in entlegene Gegenden gemacht hat. Aber statt der erhofften Tipps und Ratschläge lässt er mich höflich aber bestimmt wissen, was er von meiner Reiseplanung hält: nicht viel. Wenig später wird Jörg in Hamburg noch deutlicher. Seine Prophezeiung habe ich noch heute im Ohr: “Du schaffst es nicht mal bis Moskau!“
Die beiden bringen mich bei meinen Planungen also nicht weiter. Sie waren zwar einige Male in unwegsamen Gegenden in Afrika und anderswo unterwegs. Aber immer in Gruppen mit Führer, und alles war wohlorganisiert. Nun sind sie überzeugt, dass man nur genau so reisen könne, wie sie es erlebt haben. Aber ich werde nun einmal allein unterwegs sein und will mit einem kleinen Serienmotorrad ohne große Expeditionsausrüstung fahren. Ob sie mit ihren Zweifeln Recht behalten sollen, werde ich erst am Ende meiner Reise wissen.
Mehr denn je bin ich also bei meinen Vorbereitungen auf mich und meinen gesunden Menschenverstand angewiesen. Zur Erweiterung meiner Technikkenntnisse besuche ich einen Werkstattkurs meines Motorradhändlers. Außerdem nutze ich jede Gelegenheit, meine körperliche und geistige Widerstandskraft zu steigern. Im Winter beim Spinning im Fitnessstudio unter Anleitung des unerbittlichen Trainers Markus („Weiter, weiter, das ziehen wir jetzt durch!“), im Sommer mit Mountainbiketouren und Schwimmen in Seen der Umgebung. Ein Fahrsicherheitstraining beim ADAC soll mir mehr Routine auf dem Bike bringen, habe ich doch erst seit zwei Jahren einen Motorradführerschein. Beim Hausarzt lasse ich meinen Impfschutz auf den aktuellen Stand bringen.
Schließlich bringt meine über 80-jährige Patentante Elfriede mir noch einige Grundkenntnisse in Russisch bei. Ihr Gespür für die wirklich wichtigen Dinge wird sich später auf der Fahrtbewähren. Dank Хдеб und Пѝво (Brot und Bier) geht es mir von der Ukraine bis Kirgisistan nie richtig schlecht.
Auch an meiner Hochschule hat sich mein Vorhaben inzwischen herumgesprochen. So kann ich mir von ausländischen Studierenden für jedes Land, durch das ich fahre, eine örtliche Kontaktperson vermitteln lassen, die ich im Falle von Problemen anrufen kann, um Rat und Übersetzungshilfe anzufordern. Für Kasachstan ist das zum Beispiel Igor, ein mir bis dahin völlig unbekannter Motorradfahrer in Almaty, bei dem ich unerwartet sogar drei Tage zu Gast sein werde.
Ein ganz wichtiges Thema sind die Visa. Ich weiß, dass ich hier auf keinen Fall einen Fehler machen darf, wenn ich nicht in große Schwierigkeiten geraten will. Um auch wirklich alles richtig zu machen, beauftrage ich eine Agentur in Frankfurt damit, die Visa für Russland, Kasachstan und Kirgisistan für mich gegen Gebühr zu besorgen. Drei Wochen, nachdem ich meinen Pass per Einschreiben an die Agentur abgesandt habe, erreicht mich der Anruf des Agenturchefs, dass er die Visa für mich als Privatperson nicht besorgen kann. Das hätte er mir auch wirklich früher sagen können…
Nun wird die Zeit leider verdammt knapp. Es sind nur noch vier Wochen bis zu meiner Abfahrt und ich habe immer noch kein einziges Visum. Da erzählt mir eine meiner Studentinnen, die aus Russland stammt: „Wir lassen uns unsere Visa immer von einer Bekannten besorgen.“ Ich nehme sofort telefonisch Kontakt zu dieser Frau auf. Und tatsächlich sagt sie mir zu, dass sie mir die Visa noch rechtzeitig besorgen könne, wenn ich ihr meinen Pass noch heute in ihrem Reihenhaus in Norderstedt vorbeibringe. Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch fahre ich an diesem herrlichen Juniabend zu ihr. Es spricht für sie, dass sie alle benötigten Formulare meiner Zielländer vorrätig hat und, da sie Russin ist, deren Inhalt in kyrillischer Schrift ohne Probleme lesen kann und mir alles geduldig erklärt. Also entschließe ich mich, ihr zu vertrauen. Etwas anderes bleibt mir ohnehin nicht mehr übrig.
Nur fünf Tage vor Abfahrt mache ich mich erneut nach Norderstedt auf. Und tatsächlich, es ist ihr gelungen meinen Pass mit den begehrten Dokumenten versehen zu lassen. Ich bin unendlich erleichtert. Außer für Russland und Kasachstan habe ich sogar noch das Visum für Kirgisistan bekommen, auf das ich schon gar nicht mehr gehofft hatte. Die vereinbarte Provision hat sie sich für ihre Leistung redlich verdient. Eine Flasche Sekt gebe ich ihr noch obendrauf. Zu guter Letzt hole ich mir am Tag darauf noch schnell das Visum für China beim chinesischen Generalkonsulat in Hamburg. Für ein paar Euro extra geht das inzwischen innerhalb weniger Stunden im Expressverfahren. Drei Tage vor meiner geplanten Abfahrt habe ich tatsächlich meine Reisedokumente komplett!
Unglaublich, dass doch noch alles geklappt hat.
Sonntag, 5. Juli
Hamburg → Berlin
322 km, Motorrad
Nach einem stimmungsvollen Abschied von meiner lieben Frau Maria geht es um 11 Uhr endlich los. Ein schwüler hochsommerlicher Tag macht das Fahren zur Freude. Alles ist im Lot. Das kleine Motorrad zwischen meinen Schenkeln schnurrt vertrauensvoll und legt sich willig mit mir in die Kurven. Ich bin sicher, dass ich gut mit meiner ‚Meckerzicke’ auskommen werde. Und sie wird mich hintragen, wo immer ich will.
Ganz großartig wirkt das neue Design, mit dem mein Sohn Malte mich noch am Abschiedsabend überrascht hat – ich bin stolz und begeistert. An beiden Seiten des Tanks befinden sich jetzt leuchtend grüne Aufkleber mit dem Schriftzug ‚Silk Road Project 2009‘ an Stelle der hässlichen Sticker von Yamaha im Plastiklook. Nichts aber auch gar nichts unterscheidet mich ansonsten äußerlich von den Freizeitfahrern, die das gute Wetter zu einer kurzen Runde durch den Sachsenwald nutzen.
Hoffentlich habe ich auch wirklich an alles gedacht. Wie gut, geht es mir durch den Kopf, dass ich noch in der letzten Woche vor der Abfahrt ein spezielles Exportkennzeichen habe montieren lassen, nachdem mir eingefallen war, dass ich mein Motorrad in Kasachstan verkaufen wollte, es somit ja exportiert werden würde. Trotz intensiver, ein ganzes Jahr dauernder Versuche auf verschiedenen deutschen und chinesischen Kanälen ist es mir ja nicht gelungen, eine Einreisegenehmigung nach China mit eigenem Motorrad zu bekommen. Noch ahne ich nicht, welchen verhängnisvollen Fehler ich mit diesem neuen Kennzeichen gemacht habe.
Bis Berlin habe ich als Route die B5 gewählt – die alte Interzonenstrecke von Hamburg durch die DDR nach West-Berlin. In Lauenburg an der Elbe mache ich in der Altstadt eine Mittagspause. Auf die Frage eines Rentners nach meinem Woher und Wohin antworte ich ausweichend. Es würde einfach zu absurd klingen, 25 Kilometer von zu Hause als Ziel Kasachstan anzugeben.
Leider bin ich von den Anspannungen der letzten Tage und insbesondere der Abschiedsfeier am Abend vorher ziemlich geschafft und müde, so dass es mir schwer fällt, die Augen offen zu halten. Blitze aus ortsfesten Geschwindigkeitsmessanlagen reißen mich ab und zu aus meinem Trancezustand. Bevor es wirklich gefährlich wird, lege ich mich erst einmal eine Dreiviertelstunde zum Schlafen auf eine Wiese. Danach geht es besser, und bei herrlichem Sommerwetter fahre ich über Nauen auf der majestätischen Heerstraße in Berlin ein, direkt auf die Siegessäule und das Brandenburger Tor zu.
Direkt vor dem Reichstagsgebäude treffe ich noch kurz meinen Bruder Dirk und seine Frau, die in Berlin wohnen, auf einen Kaffee und ein Abschiedsfoto. Dann werde ich in Charlottenburg bei unseren guten Freunden Melanie und Wolf übernachten. Zum Essen gehen wir zu ihrem Lieblingsitaliener. Das kann nichts schaden – wer weiß, wie mein Speiseplan in den nächsten Wochen aussehen wird. Den Rest des Abends nutze ich für meine weitere Tourenplanung unterstützt von dem reiseerfahrenen Wolf und Google Maps, sowie zum netten Klönen. Bis nach Odessa am Schwarzen Meer sind die Etappen danach ziemlich fest umrissen, und für die kommende Nacht in Krakau ist sogar schon ein Hotel gebucht. In vom Rotwein beflügelter Stimmung versuchen wir uns später an der Aussprache fremdländischer Orte auf meiner Route. Wolf gewinnt für ‚Dnjepropetrowsk‘ unangefochten die Goldmedaille.
Vor dem Reichstagsgebäude in Berlin
Montag, 6. Juli
Berlin (Deutschland) → Krakau (Polen)
651 km, Motorrad
Schon um halb sechs bin ich wach und kann es gar nicht abwarten, bis es weitergeht – es liegt doch noch so viel vor mir. Endlich um sieben regt sich etwas in der Wohnung. Ich springe schnell unter die Dusche und verabschiede mich bei einem Cappuccino von den letzten lieben Bekannten, die ich wohl für die nächsten Wochen sehen werde. Ab jetzt wird es wirklich ernst – und bleibt doch trotzdem immer noch seltsam unwirklich.
Dort, wo ich die Autobahn nach Dresden Richtung Cottbus verlasse, nehme ich an einer schönen Raststätte noch einmal ein ausführliches Truckerfrühstück mit Bratkartoffeln, Spiegelei und saurer Spreewaldgurke zu mir, schreibe etwas Tagebuch und telefoniere ein letztes Mal über das deutsche Netz mit meiner Liebsten. Ich genieße die vertraute Ordnung und Sauberkeit bei einem extra Becher deutschem Filterkaffee mit Kondensmilch aus winzigen zugeschweißten Plastikgefäßen. Anschließend sortiere ich die Reste gewissenhaft in diverse verschiedenfarbige Müllgefäße.
Mit Überquerung der Neiße bei Forst verlasse ich Deutschland und fahre durch die gespenstisch verlassen daliegenden Grenzanlagen ohne Halt in die Republik Polen ein. Das Land gehört ja ebenfalls zum Schengenraum. Hier werde ich sofort durchgeschüttelt von einer uralten Reichsautobahn Marke Adolf, auf der fast kein Verkehr herrscht. Sie führt mich in Richtung Oberschlesien durch endlos erscheinende Kiefernwälder ohne Ortschaften. An einer einsamen Tankstelle im Wald muss ich anhalten um aufzutanken. Ein paar zweifelhafte Gestalten beäugen mich dabei aus der Distanz. Einem Jungen kaufe ich einige im Wald gesammelte Blaubeeren gegen meine letzten Euromünzen ab, ohne dass bei ihm irgendeine Gefühlsregung über das gute Geschäft erkennbar würde. Lieber Gas geben und weg hier. Ich habe noch viel vor heute.
Um die kleine Meckerzicke besonders bei der Hitze nicht zu überlasten, fahre ich strikt Tacho 90 bis 100. Bei dieser Geschwindigkeit ist mein Tagesziel Krakau noch weit, sehr weit. Eine kurze Mittagsrast lege ich in Breslau ein. Der Abstecher kostet mich allerdings über eine Stunde und lohnt sich nicht, denn Breslau zeigt sich von seiner hässlichen Seite. Wenn es auch eine Schöne hat, habe ich sie jedenfalls nicht gesehen. Nach weiteren Stunden sturer aber effektiver Autobahn-Heizerei taucht, wie erwartet, das oberschlesische Industrierevier auf: Gleiwitz, Kattowitz, grottenhässlich, Ruhrgebiet auf sozialistisch. Aber, überall wird gewerkelt, neu gebaut und umgestaltet. Riesige neue Autobahnzubringer, wahrscheinlich aus EU-Geldern bezahlt, und gigantische Einkaufszentren sind entstanden. Auch die üblichen Verdächtigen sind schon vor Ort. Lidl, Media Markt und Konsorten locken mit monströsen Reklametafeln.
Als die hochsommerliche Hitze gegen Abend gerade etwas erträglicher wird, kommt endlich der Abzweig nach Krakau in Sicht. Richtig sitzen kann ich nach neun Stunden fast ununterbrochener Fahrt auf der knochenharten Sitzbank schon lange nicht mehr, und weil ich schon vormittags die Handschuhe im Topcase habe verschwinden lassen, sind mir die Handrücken ganz schön verbrannt.
